Beiträge für den Radiowecker

von Radio Darmstadt

– August 2003 –

 

Radiowecker–Redaktion von Radio Darmstadt
 
03.08.2003Charterflug ins Folterparadies
10.08.2003Archäologische Prognosen
17.08.2003Digital Audio Broadcasting
24.08.2003Ulrike Meinhof
31.08.2003Antikriegstag
 
 
Seit November 1998 liefere ich auch kleinere redaktionelle Beiträge für den Radiowecker von Radio Darmstadt. Diese Beiträge fasse ich monatsweise zusammen und stelle sie dann auf einer eigenen Seite ins Internet. Eine komplette Übersicht auf alle Beiträge seit 1998 gibt es auf meiner Radiowecker–Startseite. Zudem gibt es eine inhaltliche Übersicht auf alle Beiträge des Jahres 2003.
Meine Radiowecker–Startseite kann auch mit http://www.wkradiowecker.de.vu aufgerufen werden.
 
 
URL dieser Seite : http://www.waltpolitik.powerbone.de/rawe/rw_aug03.htm
 
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Charterflug ins Folterparadies
03.08.2003 *** Wdh. 04.08.2003 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Sommerzeit, Urlaubszeit, Reisezeit. Doch nicht für alle ist ein Charterflug eine angenehme Sache. Über ein lukratives Geschäft mit der Abschiebung berichtet Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte.

Beitrag Walter Kuhl

Wir verleihen Flügel – wirbt die Charterabteilung der Fluggesellschaft LTU um zahlende Kundschaft. Am vergangenen Dienstag startete wieder einmal ein ganz spezielles Charterflugzeug vom düsseldorfer Flughafen Richtung Istanbul. Fast jeden Monat werden so ungefähr einhundert türkische Staatsbürgerinnen und –bürger, und das heißt: hauptsächlich Kurdinnen und Kurden, regelmäßig in das Folterparadies am Rande und zum Nutzen der Europäischen Union abgeschoben.

Doch am vergangenen Dienstag lief das Geschäft nicht ganz so reibungslos ab wie in den vergangenen Monaten. Rund 50 Aktivistinnen und Aktivisten aus der Vorbereitung zum Antirassistischen Grenzcamp in Köln erschienen in den luftigen Hallen der Abflugschalter, um über das schmutzige Geschäft mit den Menschenrechten zu informieren und dagegen zu protestieren. Verhindern konnten sie diesen Abschiebeflug nicht.

Es ist eben nicht nur die Lufthansa, die für die deutschen Behörden die Drecksarbeit macht. Das spezielle Urlaubsengagement der LTU für Nordrhein–Westfalen hat jedoch womöglich ganz materielle Gründe. Als Ende 2001 die LTU vor dem Konkurs stand, wurde sie mit einer Landesbürgschaft und einer Rettungsbeihilfe von mehr als einhundert Millionen Euro durch die landeseigene Westdeutsche Landesbank gerettet.

Die logistische Abwicklung dieser Abschiebeflüge verläuft über die in Düsseldorf ansässige Firma Air Traffic Euro Charter. Diese bewirbt ihre Kundschaft ganz unverhohlen: Was immer Ihr Charterproblem ist – wir kennen die Komplettlösung. Und es ist ein gutes Geschäft. So ein Flug wird mit rund 50.000 Euro belohnt. Das rettet sicher so manchen Arbeitsplatz – auf Kosten der Abgeschobenen, die in der Türkei einer nicht ganz ungewissen Zukunft entgegensehen.

Betroffen vom ganz alltäglichen Rassismus der deutschen Abschiebemaschinerie sind Männer, Frauen und Kinder. Am Flughafen in Istanbul warten oftmals Polizei oder Geheimdienst, um die landessspezifischen Vernehmungsmethoden durchzuführen. Folter gehört eben mit zum Geschäft.

Offensichtlich sehen das die sonnenhungrigen Touristinnen und Touristen genauso, denen keine Pressemitteilung der Fluggesellschaft mitteilt, womit der Konzern sein Geld noch so verdient. Daher haben die Leserinnen und Leser der Zeitschrift Reader's Digest die LTU zur zweitvertrauenswürdigsten Fluggesellschaft Deutschlands gewählt, mehr Vertrauen erheischten nur die Abschiebeflüge der Lufthansa.

Die Aktion auf dem Düsseldorfer Flughafen führte zu einem Gespräch der Demonstrierenden mit Geschäftsführer Jürgen Marbach, dem Direktor für Unternehmenskommunikation Marco Dadomo und einem weiteren Mitglied des Unternehmensvorstandes. Ein Ausstieg aus dem Geschäft mit der Abschiebung, der deportation class, wurde hierbei ausdrücklich abgelehnt.

Wer also mit den Ferienfliegern der LTU zu den Urlaubsparadiesen an den Küsten der Türkei reist, sollte immer gewahr sein, daß der gut gepolsterte Sitz womöglich im Flug zuvor eine Reise in ein anderes, das Folterpardies Türkei, gewesen sein mag. Manche dieser Abschiebungen, das zeigt die Praxis aus Frankfurt, endet mitunter ziemlich tödlich.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Beatrice Kadel oder Dirk Beutel (Montag)
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Archäologische Prognosen
10.08.2003 *** Wdh. 11./12.08.2003 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Archäologische Forschung lebt oftmals vom Zufallsfund. Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte geht im folgenden Beitrag der Frage nach, ob sich derartige Funde nicht vorhersagen lassen, und stellt hierbei die neue Ausgabe von Archäologie in Deutschland vor.

Beitrag Walter Kuhl

Obwohl wir allenthalben erzählt bekommen, wie schlimm es unserer Wirtschaft geht und daß sich Neuinvestitionen nicht lohnen – es wird munter weiter gebaut. Für die archäologische Forschung kann dies ein günstiger oder auch ungünstiger Umstand sein, je nachdem wie frühzeitig geplante Vorhaben mit den Landesdenkmalämtern abgesprochen werden. Denn wo gebaut wird, wird vorher gegraben; und so wäre es doch praktisch, schon vorher zu wissen, ob mit archäologischen Funden gerechnet werden kann.

Vor etwa zehn Jahren wurde daher ein vollkommen neuer Forschungszweig ins Leben gerufen – die Archäoprognose. Sie ist zwar noch nicht so genau wie eine Wahlprognose oder Wettervorhersage, kann jedoch mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit Fundplätze für ein Forschungsgebiet voraussagen. Dies ist das Ergebnis eines Forschungsvorhabens in Brandenburg.

Die Archäoprognose geht zunächst von der Grundhypothese aus, dass sich der prähistorische Mensch bei der Wahl seines Siedlungsplatzes von rationalen Überlegungen leiten ließ. Somit ist es auch möglich, die entscheidenden Standortfaktoren zu rekonstruieren. [AiD 4/2003, Seite 8]

In Brandenburg wurden sieben Testgebiete von etwa 30 bis 50 Quadratkilometern ausgewählt. Wichtig war nun, nicht nur geographische und geologische Informationen zu sammeln, sondern auch Daten über bekannte Fundplätze und Bodendenkmäler einzubeziehen. Hinzu kommen Erkenntnisse über Umweltbedingungen; dabei ist zu berücksichtigen, daß sich diese natürlichen Bedingungen im Laufe der Jahrtausende gewandelt haben könnten, etwa durch Erosion oder die Verlegung oder Verlandung von Bach– und Flußläufen. Hierbei war es hilfreich, ältere Landkarten auswerten zu können.

Das Forschungsvorhaben in Brandenburg bestätigte die Vermutungen. Es ist möglich, Voraussagen über wahrscheinliche Fundplätze zu machen. Der vorhandene Datenbestand ist hierfür tatsächlich schon ausreichend. Im Rahmen des Archäoprognose–Projektes wurden zwei Verfahren gewählt, um die Prognosegenauigkeit zu testen.

Das erste ist statistischer Natur. Man arbeitet in einem Testgebiet zunächst mit einer Teilmenge der bekannten Fundplätze, etwa mit allen Objekten, die bis zum Jahr 1970 entdeckt wurden, und benutzt diese als Basis für Archäoprognosen. Nun wird verglichen, ob die späteren Neufunde [seit 1971] auch tatsächlich räumlich in den prognostizierten Flächen liegen. Als zweite Überprüfung werden klassische Feldbegehungen durchgeführt, die auch bewusst noch unberührte Areale einbeziehen. Beide Wege führten tatsächlich zu einem positiven Ergebnis und zeigen die Verlässlichkeit der Archäoprognose auf. [AiD 4/2003, Seite 12]

Wollen wir hoffen, daß die Raub– und Schatzgräber nicht ähnliche Computerprogramme benutzen, um den Landesdenkmalämtern ein Schnippchen zu schlagen!

Über dieses in der Tat beeindruckende Forschungsvorhaben in Brandenburg berichtet die Zeitschrift Archäologie in Deutschland in ihrer jüngst erschienenen Sommerausgabe Juli/August. Weitere Themen sind beispielsweise Erkenntnisse über Wege– und Kommunikationsnetze der Jungsteinzeit, der Bronze– und der Römerzeit, und damit zusammenhängend, ein geheimnisvoller Bogenschütze aus der Bronzezeit. Sein Grab wurde kürzlich in der Nähe von Stonehenge gefunden. Er besaß einen Dolch, dessen Metall aus Spanien stammte, und Goldohrringe vom europäischen Kontinent. Wenn es sich hierbei nicht um zufällige Austauschprodukte gehandelt hat, dann belegt dies gezielte Wirtschaftsaktivitäten der damals herrschenden Schicht oder Klasse – vor etwa vier– bis viereinhalbtausend Jahren!

Mehr dazu ist in Heft 4 der Zeitschrift Archäologie in Deutschland zu finden, die im gutsortierten Buch– und Zeitschriftenhandel oder direkt beim Theiss Verlag in Stuttgart erhältlich ist. Das Einzelheft kostet 9 Euro 95.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Beatrice Kadel oder Dirk Beutel (Montag), Holger Coutandin (Dienstag)
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Digital Audio Broadcasting
17.08.2003 *** Wdh. 18.08.2003 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Die Digitalisierung unserer Welt schreitet unaufhörlich voran. Auch das gute alte Dampfradio bleibt davon nicht verschont. Die neue Technik heißt Digital Audio Broadcasting – digitales Radio. Was es damit auf sich hat und warum wir uns unbedingt ein solches Gerät zulegen sollen, das verrät uns Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte im folgenden Beitrag.

Beitrag Walter Kuhl

Die Internationale Funkausstellung in Berlin, die Ende des Monats ihre Tore öffnen wird, wirft ihre Schatten schon weit voraus. Der Markt für Unterhaltungselektronik ist nicht endlos und die Konkurrenz daher groß. Allenfalls durch technologische Innovationen wie bei den CD– oder MP3–Playern, so hofft man, würden neue Käuferinnen– und Käuferschichten angelockt. Eine dieser immer wieder in die Diskussion geworfenen technologischen Innovationen nennt sich DAB – Digital Audio Broadcasting. Die Medienbranche verspricht sich von diesem Wunderwerk der Technik so einiges.

Wie immer geht es hauptsächlich ums Geld. Zwar werden regelmäßig Kundinnen und Kunden vorgeschoben, die angeblich nur darauf warten, etwas aufregend neues konsumieren zu können. Doch sowohl die Hersteller von Unterhaltungselektronik als auch die Produzenten kommerzieller Hörfunkprogramme interessieren sich für diese so umworbenen Nutzerinnen und Hörer nur insofern, als diese Geld in die Kassen bringen. Was Hörerinnen und Nutzer wirklich hören wollen, ist nämlich absolut unwichtig. Doch wie sagt man's denen, die ihr Glück noch nicht erkannt haben?

Schauen wir nach Berlin. Was Digital Audio Broadcasting für den Hörfunk, ist DVB–T für's Fernsehen. Digitales Fernsehen eben, mit angeblich noch mehr Programmen, allerdings weniger, als über Satellit oder Kabel empfangen werden können. Doch die teure neue Technologie soll sich ja rechnen; und wenn der Markt die Digitalisierung nicht vorantreibt, dann hilft wie immer nur … die nackte Gewalt. In Berlin wurde letztes Jahr mit großem Mediengetöse damit begonnen, eine ganze Region von Analog– auf Digitalempfang umzustellen.

Vor wenigen Tagen ist der analoge Empfang dann auch vollkommen abgeschaltet worden. Wer also einen alten Fernseher benutzte, schaute dann in die berühmte Röhre oder kaufte sich einen superneuen–todschicken–überflüssigen Farbfernseher oder eine Decoderbox für 200 Euro. Bei 170.000 verkauften Boxen ein prima Geschäft. Kosten für die genervten Verbraucherinnen und Verbraucher: rund 40 Millionen Euro allein für die Boxen. Technologischer Fortschritt zwangsverordnet.

Und ähnlich ist es bei Digital Audio Broadcasting. Die Technologie ist seit ihrer Einführung Ende der 80er Jahre immer noch nicht ausgereift. Die billigsten digitalen Radiogeräte kosten derzeit um die 300 Euro. Dieser Unsinn wurde bislang mit wahnhaften 380 Millionen Euro, also umgerechnet einer Dreiviertel Milliarde Mark, subventioniert. Das entspricht einer Förderung von 7600 Euro pro vorhandenem aber womöglich gar nicht genutzten Empfangsgerät. Studien zeigen nämlich, daß bei den vorhandenen teuren Geräten die DAB–Funktion meist ausgeschaltet bleibt. Und dieses Subventionsgrab wird munter weiter gefüllt, auch mit unseren Rundfunkgebühren.

Pläne, die derzeit vorhandenen 240 Millionen UKW–Geräte im Jahr 2010 per Dekret als Müll zu deklarieren und nur noch digitale Programme auszustrahlen, wurden aufgrund dieser mangelnden Akzeptanz vorerst begraben. Was hilft, ist wie immer: Akzeptanz durch Penetranz. Wir werden solange mit sinnlosen Botschaften gefüttert, bis wir sie glauben und das kaufen, was wir gar nicht benötigen. So auch bei DAB. Auch die diesjährige Internationale Funkausstellung soll dazu genutzt werden, den Hörerinnen und Hörern ein Produkt schmackhaft zu machen, auf das sie nun wirklich nicht gewartet haben. Die alte Technik tut's nämlich erstaunlicherweise auch.

Die Hessische Landesanstalt für privaten Rundfunk ist voll dabei. Die Einführung von DAB soll auch von ihr weiter vorangetrieben werden. Eigentlich erstaunlich, denn eine von derselben hessischen Landesmedienanstalt in Auftrag gegebene Studie zeigt, daß der Nutzen von DAB derart miminal ist, daß sich das Projekt kaum lohnt. Und damit kommen wir zu der Frage: wozu das alles? Und da hilft der Verweis auf das derzeit diskutierte Frequenzproblem. Immer mehr kommerzielle Hörfunkanbieter wollen sich per Antenne verbreiten, aber das derzeitige UKW–Frequenzband ist einfach zu schmal dafür.

Nun interessiert die Medienpolitik nicht, wieviele neue Programme wir eigentlich benötigen. Denn Dudelfunksender haben wir nun wirklich genug; doch genau diese Dudelfunksender sollen die neuen digitalen Frequenzen erhalten. Sie finanzieren sich über Werbung; doch Werbung erschallt ohnehin aus den öffentlich–rechtlichen und den privat–kommerziellen Kanälen, zum Verdruß leidgeplagter Hörerinnen und Hörer. Ist das die vielzitierte und heißgelobte Medienkompetenz? Die Akzeptanz von noch mehr lizenziertem Schwachsinn?

Da denke ich doch ausnahmsweise einmal ganz neoliberal. Wenn der vielzitierte heilige Markt nicht auf DAB anspricht, sollte man und frau diese unausgereifte und überflüssige Technologie doch einfach abschalten. Die einzigen, die trauern werden, sind die Dudelfunker und die Unterhaltungselektronikindustrie. Aber warum ausgerechnet wir selbige auch noch quersubventionieren sollen, ist mir ein absolutes medienpolitisches Rätsel. Dieses Rätsel kann uns die Unterhaltungslobby bei den Landesmedienanstalten und Medienpolitikerinnen ja einmal erklären.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Dirk Beutel (Montag)
  Stefan Rein vom Karlsruher Lokalradio Querfunk hat einen informativen kritischen Artikel zu DAB im Internet veröffentlicht: Das Ende von UKW? – DAB und die Folgen. Siehe hierzu auch die Position des Bundesverbandes Freier Radios zu DAB und zur geplanten Digitalisierung des Hörfunks.  
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Ulrike Meinhof
24.08.2003 *** Wdh. 26.08.2003 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Ulrike Meinhof ist nicht nur eine Person der Zeitgeschichte, sondern auch eine Frau, ohne die diese Republik nicht verstanden werden kann. Alois Prinz hat eine neue Biographie dieser Frau geschrieben; Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte hat sie gelesen.

Beitrag Walter Kuhl

Ulrike Meinhof dürfte für die meisten der heute Lebenden nur noch ein Name sein, eine Erinnerung an eine Zeit, in der die noch junge Bundesrepublik begann, mit ihrer Nazivergangenheit abzurechnen. Die Erinnerung an Ulrike Meinhof geht gerade noch soweit, an die glänzende Konkret–Kolumnistin und an die RAF–Terroristin zu denken. Mehr fällt wohl kaum einer oder einem zu ihr ein. Alois Prinz hat mit seiner Biographie Lieber wütend als traurig versucht, diese Lücke zu schließen.

Es ist die dritte Biographie einer sehr ungewöhnlichen, sehr moralischen und auf ihre Weise sehr konsequenten Frau. Peter Brückner schrieb 1976, kurz nach ihrem Tod in Stammheim, das Buch über Ulrike Meinhof und die deutschen Verhältnisse. Darin versuchte er, verstehbar zu machen, warum sich Ulrike Meinhof von der christlichen Pazifistin zur gewaltbefürwortenden Revolutionärin gewandelt hatte. 1988 schrieb Mario Krebs über Ein Leben im Widerspruch.

Wer 27 Jahre nach dem Tod dieser Frau eine erneute Biographie vorlegt, muß demnach entweder neues biographisches Material recherchiert haben oder neue Akzente in der Interpretation einer Lebensgeschichte setzen können. Die dieses Jahr bei Beltz erschienene Biographie von Alois Prinz löst zumindest die erste Anforderung ein. In der Tat kann der Autor gerade aus der Schülerin– und Jugendzeit von Ulrike Meinhof neues Material beisteuern. Es belegt einen schon früh entwickelten moralischen Rigorismus, eine Haltung, Unrecht nicht hinzunehmen und den Schwächeren zu helfen. Und immer ging es auch um die Frage, ob es richtig ist, Widerspruch nur zu äußern, oder auch dafür einzustehen, daß Unrecht nicht weiter geschehen kann. Denn Papier ist geduldig und, revolutionäre Reden zu schwingen, ist nicht weiter schwer. Das Schwierige besteht darin, zur richtigen Zeit das Richtige zu tun. Dem Weg in die RAF ging der Einsatz gegen die Wiederaufrüstung und das Atomprogramm von Konrad Adenauer und Franz Josef Strauß voran.

Die andere von mir genannte Anforderung als Existenzberechtigung einer neuen Biographie löst Alois Prinz jedoch nicht ein. Gerade der Weg in die RAF, das Leben im Untergrund, die strategischen Überlegungen, die dahinter standen, bleiben für Alois Prinz ein Buch mit sieben Siegeln. Sicherheitshalber vertraut er sich hier staatstragenden Quellen an, etwa Stefan Aust. Aust schrieb 1985 den Klassiker Der Baader–Meinhof–Komplex. Das Buch litt jedoch unter dem schwerwiegenden Nachteil, daß er seine Quellen zum großen Teil nicht offen legen konnte. Es handelte sich um Material des Bundeskriminalamts. Der Wahrheitsgehalt bleibt daher unklar.

Alois Prinz stützt sich jedoch hauptsächlich auf derartige Quellen. Zudem ist nicht erkennbar, nach welchem Prinzip er Literatur und persönliche Erinnerungen zusammenstellt oder ausblendet. Quellenkritik ist in dieser Biographie sicher nicht seine Stärke. Zumindest hätte er einige Aussagen danach abklopfen müssen, ob es sich um Kronzeugenaussagen handelt, deren Wahrheitsgehalt erfahrungsgemäß gegen Null tendiert. So bleibt ihm nicht nur der Weg von Ulrike Meinhof in die RAF, sondern auch die RAF selbst vollkommen unverständlich. Da er zudem keinen Begriff von Isolationshaft und staatlicher Aufstandsbekämpfungsstrategie besitzt, begreift er weder die Hungerstreiks der Gefangenen aus der Roten Armee Fraktion noch deren Notwendigkeit und Konsequenz. Ereignisse werden aneinandergereiht, ohne sie aufeinander zu beziehen und zu begründen. Seine Darstellung vom Selbstmord Ulrike Meinhofs folgt demnach der staatlichen Version. Und die ist nun einmal falsch.

Da war Mario Krebs deutlicher. Er legte immerhin noch ausführlich dar, warum die staatliche Version mit all ihren Widersprüchen nicht stimmen konnte und schrieb als Schlußsatz seiner Biographie: "Es gibt keinen Freitod hinter Gittern."

Nun ist von Alois Prinz nicht zu verlangen, daß er nach 27 Jahren das beharrliche staatliche Schweigen zu all diesen Widersprüchen aufklären kann. Dazu müßten die Archive geöffnet und frei zugänglich gemacht werden, in denen die Wahrheit zu finden ist. Aber er hätte wenigstens benennen müssen, daß es nicht nur eine Glaubensfrage ist, ob man und frau Mord oder Selbstmord annimmt, sondern daß hier Analyse und die Suche nach Indizien hilfreich sein können. Denn es gibt Gründe dafür, warum noch 1988 eine Studentin aus Tübingen zu sechs Monaten Haft verurteilt wurde, nur weil sei es gewagt hatte, der staatlichen Version zu widersprechen.

Die Lebensgeschichte der Ulrike Marie Meinhof von Alois Prinz mit dem Buchtitel Lieber wütend als traurig ist im Beltz Verlag erschienen und kostet 19 Euro.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

  Die im Beitrag erwähnten früheren Bücher über Ulrike Meinhof:
  • Peter Brückner : Ulrike Marie Meinhof und die deutschen Verhältnisse, Verlag Klaus Wagenbach, Westberlin 1976; die mir vorliegende Ausgabe ist von 1979 (WAT 29)
  • Mario Krebs : Ulrike Meinhof. Ein Leben im Widerspruch, Rowohlt Verlag, Reinbek 1988 (rororo aktuell 5642)
 
Moderation : Wafaa Harake (Sonntag), Holger Coutandin (Dienstag)
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Antikriegstag
31.08.2003 *** Wdh. 01.09.2003 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Am 1. September wird weltweit traditionell der Antikriegstag begangen. Vor 64 Jahren marschierten deutsche Soldaten in Polen ein. Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte zur Aktualität dieses Gedenktages.

Beitrag Walter Kuhl

Als 1939 deutsche Soldaten in Polen einmarschierten, lautete die offizielle Propaganda: Ab heute wird zurückgeschossen. Wenn heute deutsche Soldaten in Afghanistan und im Kongo eingreifen, dann heißt es im postmodernen Jargon: humanitäre Intervention. Doch was vor 64 Jahren noch eine Tragödie unermeßlichen Ausmaßes einleitete, gerinnt heute – noch – zur Farce.

Vor wenigen Tagen wurden Pläne bekannt, den Afghanistan–Einsatz der Bundeswehr auszuweiten. Angesichts dessen, daß die afghanischen Warlords außerhalb Kabuls das Land beherrschen und tyrannisieren und aus dem Süden Afghanistans schwere Kämpfe gemeldet werden, ein eigentlich naheligender humanitärer Gedanke. Doch Kriegsminister Peter Struck war vorsichtig genug, seine Jungs nicht ins Krisengebiet schicken zu wollen, sondern ins sichere Kundus im Norden des Landes.

Im Juni wurden wir mit einer anderen humanitären Katastrophe konfrontiert, die nach mehrjährigem Gemetzel ausgerechnet jetzt den Einsatz der Völkergemeinschaft erforderte. Frankreich und Deutschland schicken ein paar Soldaten hin, um ein Gebiet größer als Deutschland zu befrieden. Irrsinn oder Größenwahn? Vorsichtshalber verkündete auch hier Peter Struck, daß die Bundeswehr ins sichere Nachbarland Uganda geschickt werde.

Offensichtlich ist die deutsche Öffentlichkeit noch nicht soweit darauf vorbereitet, sich an massenhaft tote Bundeswehrsoldaten zu gewöhnen. Die ersten Toten aus Afghanistan wurden noch geradezu zelebriert, oder – wie es in einer Agenturmeldung hieß:

Unter dem Trommelwirbel eines Ehrenbataillons wurden die jeweils mit der deutschen Flagge und einem Helm geschmückten Särge durch ein Spalier von Fackelträgern geleitet und auf dem Flugfeld aufgereiht.

Stahlhelme als deutscher Nationalschmuck. Erschreckende Vorstellung.

Doch wir werden uns daran gewöhnen müssen, daß es zum Alltag deutscher Menschenrechtspolitik gehören wird, überall auf der Welt deutsche Interessen – und das sind nun einmal Kapitalinteressen und sonst gar nichts – mit Waffengewalt zu vertreten. Vielleicht ist es hilfreich, daran zu erinnern, daß es vor zehn Jahren noch undenkbar schien, daß deutsche Soldaten zum dritten Mal in einem Jahrhundert in Jugoslawien einfallen würden. Sechs Jahre später gelang dies ausgerechnet unter einer rot–grünen Friedensregierung. Erst Bomben auf Belgrad, dann auf kosovarische Flüchtlingstrecks und anschließend ließ man den Terroristen der UÇK freie Hand im Kosovo. Anlässe und Kriegslügen gibt es eben immer, einen neuen erweiteren Einsatz zu befehlen und zu legitimieren, wie jüngst noch einmal bei den Kriegslügen von Bush und Blair zu sehen war. Doch dazu gehören zwei: die Kriegstreiber und diejenigen, welche das Kriegstreiben zulassen und welche die Kriegstreiber wählen.

Es wird immer wieder die Verantwortung der Völkergemeinschaft angeführt, um diese immer wieder neuen Kriege zu begründen. Ich möchte die Politikerinnen und Politiker beim Wort nehmen und den Ernst ihrer Behauptungen überprüfen: Jeder Politiker und jede Politikerin, die im Bundestag einen Bundeswehreinsatz beschließen, werden dazu verdonnert, für drei Monate an vorderster Front zu kämpfen – also im Süden Afghanistans und mitten im Kongo. Diejenigen, die dann übrig bleiben, gelten als glaubwürdig. Für die anderen werden dann hoffentlich intelligentere Nachrückerinnen und Nachrücker gewählt. Ob unter solchen Voraussetzungen Walter Hoffmann und Andreas Storm auch für Krieg stimmen würden, wenn sie wüßten, daß sie für ihre Entscheidungen haftbar gemacht würden?

Die Bimbos in Afghanistan oder im Kongo haben diese Wahl nicht. Sie sind dem Gemetzel der Warlordbanden und den humanitären Eingreiftruppen hilflos ausgeliefert. Sie sind und bleiben die Schachfiguren im großen Spiel um Rohstoffe, Wirtschaftsmärkte und Einflußsphären. Sie werden massenhaft geopfert, ohne daß auch nur ein einziger deutscher Stahlhelm unter einem Spalier von Fackelträgern den dekorativen Sarg eines Kongolesen oder einer Afghanin schmücken würde.

Wie 1939 ist auch heute jeder Kriegsgrund eine Lüge und jeder damit begründete Krieg ein Verbrechen. Interessant ist hier nur, daß die deutsche Friedensbewegung im Falle des Kongo vollkommen abgetaucht ist. Ob dies damit zusammenhängt, daß hier keine antiamerikanischen Ressentiments geschürt werden können?

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Dirk Beutel (Montag)
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Diese Seite wurde zuletzt am 1. Juni 2006 aktualisiert.
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