Auseinandersetzung mit der Barbarei des NS–Regimes

Aber wie?

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
Sendung :
Kapital – Verbrechen
Auseinandersetzung mit der Barbarei des NS–Regimes
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Montag, 24. November 2003, 17.00–18.00 Uhr
 
wiederholt am :
Dienstag, 25. November 2003, 00.00–01.00 Uhr
Dienstag, 25. November 2003, 08.00–09.00 Uhr
Dienstag, 25. November 2003, 14.00–15.00 Uhr
 
 
Aufzeichung einer Veranstaltung mit Yitzchak Zieman am 10. November 2003 im Gewerkschaftshaus in Darmstadt.
 
 
URL dieser Seite : http://www.waltpolitik.powerbone.de/kv/kv_ziman.htm
 
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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung
Kapitel 2 : Erzählen ...
Kapitel 3 : ... und Zuhören
Kapitel 4 : Schluß

 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

Am 10. November [2003] war der in New York lebende Psychoanalytiker Yitzchak Ziemann zu Gast in Darmstadt. Auf Einladung des DGB Starkenburg und von ver.di Südhessen sprach er im Gewerkschaftshaus in der Rheinstraße zum Thema: Auseinandersetzung mit der Barbarei des NS-Regimes - aber wie?

Yitzchak Zieman ist der einzige Überlebende einer im Holocaust ermordeten jüdischen Familie aus Lettland. Er ist Psychologe und Psychoanalytiker und entwickelte als Mitarbeiter von Ruth Cohn mit ihr zusammen eine psychoanalytische Gesprächsmethode, die als Themenzentrierte Interaktion (TZI) bekannt geworden ist.

Der heute 83-jährige sprach vor etwa 50 Zuhörerinnen und Zuhörern über die Geschichte seiner eigenen Verfolgung und streifte hierbei die gesellschaftlichen, psychologischen und pädagogischen Wurzeln des Holocaust. Daraus ergaben sich als Fragestellung, welche Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich hilfreich und notwendig ist, und, welche politischen und persönlichen Handlungsmöglichkeiten es auch heute gibt.

In der folgenden Stunde werde ich den Vortrag von Yitzchak Zieman in voller Länge zu Gehör bringen. Ich finde es wichtig, wenn sich Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zu Wort melden und dadurch ihr Wissen, ihre Erfahrungen und ihre Erkenntnisse nicht verloren gehen.

Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt ist Walter Kuhl.

 

Erzählen ...

Yitzchak Zieman erzählte in seinem etwa 40-minütigen Referat über sein Leben, seine Erfahrungen und Erkenntnisse. Dabei verwies er darauf, daß er nicht gekommen war, um sich selbst reden zu hören, sondern um zuzuhören und zu lernen. [1]

 

... und Zuhören

Yitzchak Zieman legte in der nachfolgenden - von Gunter Growe moderierten - Diskussion großen Wert darauf ... zuzuhören. Das machte es Einzelnen aus dem Auditorium leichter, ihre ureigensten persönlichen Erinnerungen und zum Teil auch schmerzvollen Erfahrungen öffentlich zu thematisieren. Die Tatsache, daß einige der Anwesenden ihre eigenen persönlichen Erfahrungen aus der Zeit des Nationalsozialismus reflektiert in die Diskussion einbrachten, sollte dazu ermuntern, diese Erfahrungen zu sammeln, aufzuzeichnen und auszuwerten. Vielleicht ergibt sich aus dieser oral history die eine oder andere Facette, die vieles begreifbarer macht.

Bemerkenswert war jedoch auch die Zusammensetzung des Publikums, denn kaum eine oder jemand der rund 50 Gekommenen war jünger als 40, 45 Jahre alt. Auffallend war zudem, daß ein großer Teil der Anwesenden Lehrerinnen oder Lehrer waren oder noch sind. Insofern war es fast unvermeidlich, daß in der Diskussion auch die Art der Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit in deutschen Schulen thematisiert wurde. Zum Teil im Gegensatz, zum Teil als Ergänzung zu Yitzchak Zieman waren die Anwesenden eher der Meinung, daß es an deutschen Schulen hier immer noch an vielem mangele. Zwar gibt es seit einigen Jahrzehnten Lehrpläne, die den Nationalsozialismus als Pflichtbestandteil des Sekundarschulunterrichts vorschreiben. Doch genau diese Pflicht wird oftmals als solche, als Pflichtprogramm, umgesetzt. Dabei muß nicht einmal ein mangelndes Engagement von Lehrerinnen und Lehrern daran schuld sein.

Quantität ersetzt oft Qualität. Schülerinnen und Schüler werden mit einem Horror konfrontiert, ohne gefühlsmäßig darauf vorbereitet zu sein oder ihre Gefühle angemessen verarbeiten zu können. Was dabei herauskommt, sind Schuldgefühle, obwohl ganz offensichtlich die heutige Schülerinnen- und Schülergeneration keine Schuldgefühle haben müßte. Doch diese eingepflanzten Schuldgefühle machen auch handlungsunfähig. Diese Erziehung zur Handlungsunfähigkeit geht dann nicht zufällig einher mit einer nicht nur im Schulunterricht vermittelten Geschichtslosigkeit. Denn der Nationalsozialismus wird nicht auf seine gesellschaftlichen Wurzeln zurückgeführt, er bleibt individualisiert. Somit kann die Frage, warum so viele Deutsche begeistert mitgemacht haben, kaum beantwortet werden.

Eine Perspektive, die, statt Schuldgefühle zu vermitteln, zum Widerstand erzieht, fehlt.

Die Diskrepanz in der Wahrnehmung zwischen dem Publikum und Yitzchak Zieman war spannend. Während Zieman Deutschland für seine Aufarbeitung geradeezu beispielhaft herausstellen wollte, waren die Anwesenden alles andere als überzeugt von der Güte dessen, was in deutschen Schulen gelehrt oder von deutschen Medien vermittelt wird.

Als Psychoanalytiker hat Yitzchak Zieman sicher einen anderen Zugang zur Erklärung der gesellschaftlichen Wurzeln des Nationalsozialismus, als ich. Er blendete in seinem Vortrag die kapitalistischen und patriarchalen Wurzeln der auch heute noch vorhandenen Klassengesellschaft weitgehend aus. Hätte er darauf eingehen wollen, wären das die schon angekündigten drei Stunden eines Vortrags gewesen, den er jedoch nicht halten wollte. So muß das auch kein Nachteil sein, wenn es darum geht zu begreifen, warum Menschen in bestimmten Situationen individuell oder kollektiv so handeln und nicht anders. Warum sie zu Täterinnen und Tätern werden, die sich keiner Schuld bewußt sind. Und warum deshalb die Aufarbeitung der Vergangenheit auch unabhängig von politischen Vorgaben so schwierig ist.

Yitzchak Zieman benannte in seinem Schlußwort daher, was bei einer Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus nicht vernachlässigt werden darf:

Ich glaube, es ist wichtig, darauf zu achten, daß so wenig Armut und Arbeitslosigkeit da sein soll, denn viele Arme und Arbeitslose haben dann die Nazis unterstützt, und daß es außerordentlich wichtig ist, Menschen so zu beeinflussen, daß sie selbständig und kritisch denken, daß man nicht zu viel Gehorsam erwartet von Menschen. Ja, ich könnte viel sagen, auch natürlich muß man sehr wach sein gegen solche Ideen wie Antisemitismus und Rechtsradikalismus.

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte -

heute mit der Aufzeichung eines Vortrages des in New York lebenden Psychoanalytikers Yitzchak Zieman zur Frage einer sinnvollen Auseinandersetzung mit der Barbarei des NS-Regimes. Diese Sendung wird am Dienstag nach dem Radiowecker um 8 Uhr und noch einmal am Dienstagnachmittag gegen 14 Uhr wiederholt. Fragen zur Sendung erreichen uns unter der Telefonnummer (06151) 87 00 129 oder per Email an: kapitalverbrechen@alltagundgeschichte.de. Es folgt nun eine Sendung der Kulturredaktion von Radio Darmstadt. Am Mikrofon war Walter Kuhl.

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Siehe hierzu auch im Internet lesbare Berichte über ähnliche Veranstaltungen:

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 29. Dezember 2004 aktualisiert.
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