Tinderbox (38)

Underground – Subversion

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
Sendung :
Tinderbox (38)
Underground
Subversion
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Montag, 21. April 2003, 16.00–18.00 Uhr
 
wiederholt am :
Dienstag, 22. April 2003, 00.00–02.00 Uhr
Dienstag, 22. April 2003, 08.00–10.00 Uhr
Dienstag, 22. April 2003, 14.00–16.00 Uhr
Mittwoch, 31. März 2004, 19.00–21.00 Uhr
Donnerstag, 1. April 2004, 02.00–04.00 Uhr
Donnerstag, 1. April 2004, 10.00–12.00 Uhr
 
 
Besprochenes und benutztes Buch :
Subversive Aktion, Verlag Neue Kritik
 
 
Playlist :
  • Howie B : Prettiest Thing (Hormonal Mix)
  • The Creatures : Exterminating Angel
  • Siouxsie and the Banshees : Dazzle (Glamour Mix)
  • The Creatures : I Was Me
  • Black Dog : Guillotine
  • Siouxsie and the Banshees : Stargazer (Mambo Sun Remix)
  • Justice and Endemic void : All She Could Ask For (Dope Mix)
  • The Creatures : Prettiest Thing
  • The Creatures : Don't Go To Sleep Without Me
  • Siouxsie and the Banshees : Peek–A–Boo (Silver Dollar Mix)
 
 
URL dieser Seite : http://waltpolitik.powerbone.de/tinderbx/tinder38.htm
 
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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung
Kapitel 2 : Krieg ist Frieden – wessen Frieden?
Kapitel 3 : Richtiges Leben im falschen?
Kapitel 4 : Grenzen der avantgardistischen Kunst
Kapitel 5 : Mehrdeutigkeiten
Kapitel 6 : Unverbindliche Richtlinien
Kapitel 7 : Intermezzo
Kapitel 8 : Der Sinn einer Organisation – das Scheitern?
Kapitel 9 : Von Dr. Seltsam zur Realsatire der Jetztzeit
Kapitel 10 : Charts als Essenz des Lebens
Kapitel 11 : Psychoamok – ein Lebensentwurf dreht durch
Kapitel 12 : Schluß
Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte / Tinderbox

Tinderbox
Achtunddreißigster Teil
Underground
Subversion

Howie B : Prettiest Thing (Hormonal Mix)

Prettiest Thing aus dem Album Hybrids mit remixes von Songs der Gruppe The Creatures, präsentiert im sogenannten Hormonal Mix eines Howie B.

Und damit herzlich willkommen zu österlichen 2 Stunden Tinderbox, meiner musikalischen Revue durch die Untiefen der kapitalistischen Wirklichkeit. Zwei Stunden, denn an Feiertagen entfällt das Infomagazin mit Michael G. Geisser. Diese Sendung wird am Dienstag um Mitternacht, morgens nach dem Radiowecker mit Norbert Büchner ab 8.00 Uhr und noch einmal am Nachmittag ab 14.00 Uhr wiederholt.

Für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt begrüßt euch Walter Kuhl.

 

Krieg ist Frieden – wessen Frieden?

In den letzten Wochen habe ich mehrfach auf meinem Sendeplatz gegen die bundesdeutsche Friedensbewegung polemisiert. Nicht etwa, weil ich es falsch finden würde, gegen den US–amerikanischen Eroberungskrieg im Irak zu protestieren. Doch der demonstrativ zur Schau getragene Protest geht mir nicht weit genug. Er verharrt in den Dogmen systemimmanenten Denkens. Will heißen: um eine breitest mögliche Masse zusammenzubekommen, wird auf die Inhalte verzichtet. Kritik an den USA – ja, an der Bundesregierung – maßvoll und verhalten.

Dabei hätte es doch eigentlich umgekehrt sein müssen: Als die NATO unter der Führung von Bill Clinton und Joschka Fischer die Menschenrechte im Kosovo herbeibomben wollten, glaubte die jetzige Friedensbewegung gerne an die Märchen von den gegrillten Föten, die Rudolf Scharping aufgetischt hatte, und an den schlicht erfundenen Hufeisenplan, der eine geplante ethnische Säuberung im Kosovo belegen sollte. Slobodan Milošević und sein Regime waren sicher alles andere als demokratisch, aber war das ein Grund fürs Dauerbombardement?

Offensichtlich. Ganz anderes beim Irak und seinem ehemaliger Diktator Saddam Hussein. Mit deutscher Hilfe vergiftete er die kurdische Stadt Halabdscha 1988 und auch die Soldaten des Kriegsgegners Iran. Mit US–amerikanischer Billigung überfiel er Kuwait. Ethnische Säuberungen – kein Problem.

Also, wenn die heutige deutsche Friedensbewegung 1999 hätte Krieg führen wollen, dann nicht gegen Jugoslawien, sondern gegen den Irak. Allein, sie entschied sich genau umgekehrt. Ob das etwas damit zu tun hat, daß Fischer den Jugoslawien–Krieg wollte und dieses Jahr die unterschwelligen antiamerikanischen Ressentiments der Kulturlosigkeit und Barbarei zum Vorschein kamen?

Nun, ich erlaube mir die Bemerkung, daß ich meine Vermutung belegen kann, zumindest was Darmstadt betrifft. Am 15. Februar, einem kalten Samstagvormittag, versammelten sich laut Darmstädter Echo rund 500 Menschen auf dem Luisenplatz. Und die lokale Politprominenz raffte sich zur Kriegsgegnerschaft auf. Walter Hoffmann, Jochen Partsch und Peter Benz.

Walter Hoffmann, der bekanntlich schon im September 2001 dem russischen warlord Wladimir Putin im Deutschen Bundestag zugejubelt hat, war als Redner auf der Kundgebung dabei. Er – so zitiert ihn das Echo – war da, um "den Amerikanern zu zeigen, daß das deutsche Volk für die friedliche Lösung ist". Und friedlich, wie er ist, stimmte er 1999 im Bundestag für den Angriffskrieg gegen Jugoslawien und im November 2001 für den Angriff auf Afghanistan. [1]

Jochen Partsch, bei der jüngsten Magistratskabale leer ausgegangen, war an diesem 15. Februar mit den Worten zu vernehmen, es sei "höchste Feuerwehr, zu handeln." Zu nachdenklich zu sein, sei aufgrund der deutschen Geschichte kein Nachteil, sondern konsequent. Komisch nur, daß sein Kumpel Joschka dieselbe nachdenkliche deutsche Geschichte 1999 benutzt hat, um ein Auschwitz im Kosovo herbeizuphantasieren. "Was die Menschen irritiert", so Partsch, "ist die Doppelmoral und Heuchelei in der Politik der USA." Und wo es um Doppelmoral und Heuchelei geht, ist bekanntlich Partschs Parteifreundin Kerstin Müller nicht weit.

O–Ton Kerstin Müller, Debatte im Deutschen Bundestag um die Vertrauensfrage von Gerhard Schröder, 16. November 2001:

Macht wird in einer Demokratie auf Zeit verliehen; die Moral ist unveränderbar. Wir GRÜNE beteiligen uns an diesem Regierungsbündnis, um eine Politik zu verwirklichen, die auf festen, unveränderlichen moralischen Überzeugungen begründet ist. Und die Koalition hat eine eindrucksvolle Bilanz vorzuweisen. Wir haben diese Republik verändert, meine Damen und Herren.

Allerdings! Und wo wir gerade von Heuchelei und moralischer Integrität reden, wäre es doch interessant, was Jochen Partsch denn 1999 so alles nachdenklich gemacht hat. Wahrscheinlich hat er Fischer Auschwitz sagen hören und prompt fiel das Nachdenken aus. Wie auch immer, offensichtlich hatte er die Kreismitgliederversammlung der Darmstädter Grünen im April 1999 so nachdenklich gemacht, daß sie ihn, einen Befürworter des Bombenterrors, als Delegierten zum Kriegsparteitag der Grünen im Mai 1999 gewählt hat. Das war der Parteitag, auf dem Joschka eins auf die Ohren gekriegt hat.

Und wen wundert es da, wenn weder Walter Hoffmann noch Jochen Partsch 1999 auf einer Demonstration gegen den Angriffskrieg der NATO und der deutschen Menschenrechtsregierung gegen Jugoslawien gesehen wurde? Mich nicht, denn es hat alles seine bestechende Logik!

Jugoslawien stand schon in den 80er Jahren auf der Abschußliste unbotmäßiger Staaten. Klaus Kinkel, erst als Chef des Bundesnachrichtendienstes, dann als Außenminister und Nachfolger des ebenso verdienstvollen Hans–Dietrich Genscher, hat dazu beigetragen, ethnische Spannungen zu erzeugen, um sie dann für die Zerstückelung Jugoslawiens zu nutzen. Beiden ging es um den freien Zugang zu den jugoslawischen Rohstoffquellen und Märkten, von superbilligen Arbeitskräften mal ganz zu schweigen.

Also war Deutschland, waren Hoffmann und Partsch FÜR diesen Krieg.

Zweieinhalb Jahre später ging es gegen Afghanistan. Zwar hatte Deutschland keine eigenen strategischen Interessen an diesem verarmten Land am Hindukusch, doch ließ sich mit Bushs Anti–Terror–Koalition der letzte Widerstand gegen den weltweiten Einsatz der deutschen Kriegsarmee aus dem Weg räumen.

In einer historischen Bundestagsdebatte im November 2001 waren Sozialdemokraten und Olivgrüne daher ganz klar FÜR diesen Krieg.

Wieder anderthalb Jahre später der nächste Krieg. Und es ist ganz und gar nicht erstaunlich, daß auf einmal die Kriegsbefürworter und Menschenrechtlerinnen gegen den Krieg ihre zarte Stimme erheben. Denn Deutschland hat ganz klar wirtschaftliche Interessen im Irak, mit Saddam Hussein ließen sich prima Geschäfte machen. Logisch, daß Deutschland nicht begeistert ist, wenn die USA dort einmarschieren und den Laden übernehmen. Wohin soll man denn dann das Giftgas liefern?

Also sind Hoffmann und Partsch jetzt aus gutem Grund … GEGEN den Krieg.

So einfach ist das. Und was Hoffmann und Partsch auf parlamentarischer Ebene abliefern, äußert sich in eindrucksvollen und nichts bewirkenden Reden auf Demonstrationen und Kundgebungen der neu erwachten deutschen, um nicht zu sagen: deutschnationalen, Friedensbewegung. Natürlich machen sich die meisten der dort Versammelten keine wirklichen Gedanken um Imperialismus und Globalisierung. Es ist so manchen einfach nur ein moralisches Bedürfnis, sich zu entrüsten. Aber kein Zufall ist es, wenn diese Entrüstung den USA gilt.

Vielleicht ist es in diesem Zusammenhang sinnvoll, noch einmal vier Jahre zurückzudenken. Vielleicht ist es sinnvoll, die damaligen Lügen genauer zu prüfen, auf den sich die Kriegsbeschlüsse des Bundestags und die Kriegsbegeisterung von Walter Hoffmann und Jochen Partsch bezogen haben. Die Möglichkeit gibt es.

Der Österreicher Kurt Köpruner hat Jugoslawien in den 90er Jahren mehrfach bereist und hierüber ein Buch geschrieben: Reisen in das Land der Kriege. Als Kaufmann mußte er auf seinen zahllosen Privat– und Geschäftsreisen im Kriegsgebiet feststellen, daß unsere Medien und Politiker all die Jahre extrem manipulierten und selbst nicht unschuldig an dem Ausbruch des Hasses zwischen Menschen unterschiedlicher Ethnien waren, die jahrzehntelang zuvor friedlich zusammenlebten. Seine vielfältigen Kontakte ließen ihn den Zerfall Jugoslawiens intensiv miterleben. Insbesondere die große Diskrepanz zwischen dem, was er selbst an Ort und Stelle erlebte, und dem, wie in Deutschland und Österreich darüber berichtet und Politik gemacht wurde, veranlaßte ihn schließlich, seine Eindrücke niederzuschreiben.

Die frühe persönliche Erfahrung Köpruners, alles zu hinterfragen, was mir, von wem auch immer, an Interpretationen aufgedrängt wurde, sollte sich jede und jeder zu eigen machen, die sich ein wirklichkeitsgetreues Bild von diesem Konflikt verschaffen möchten. Kurt Köpruner kann daher die vielen voreingenommenen Berichte deutscher Medien widerlegen, nach denen nur die Serben die Täter waren. Damit zusammenhängend machten die Außenminister Genscher und Kinkel ihre politischen und wirtschaftlichen Geschäfte lieber mit den Nachfahren der kroatisch–faschistischen Ustascha–Bewegung, um Jugoslawien zu destabilisieren.

Was sagt Walter Hoffmann dazu? Nichts. Was sagt Jochen Partsch dazu? Nichts. Interessiert sie ja auch nicht. Aber derzeit ist es in – verhalten natürlich, nur verhalten –, die deutschen Interessen gegen die US–amerikanischen zu vertreten. Nachdenklich bei Partsch, uneingeschränkt solidarisch Walter Hoffmann.

Aber vielleicht, ganz vielleicht, sollte ich den beiden nachdenklich solidarischen Politikern den Besuch der Lesung mit anschließender Diskussion mit dem Autor Kurt Köpruner nahelegen. Dieser ist nämlich am Mittwoch, dem 7. Mai [2003], in Darmstadt; die Veranstaltung mit ihm findet ab 19.30 Uhr im Naturfreundehaus in der Darmstraße 4a statt. Veranstalter sind der Deutsche Freidenker Verband und der Arbeitskreis Jugoslawienkrieg aus Darmstadt. [2]

Und – wohin führt mich meine Polemik? Gibt es zu Doppelmoral, Heuchelei und Moralisieren denn Alternativen? Ich denke schon. Mehr dazu im Verlauf meiner heutigen 38. Folge von Tinderbox. Hören wir also nun Exterminating Angel aus dem Album Anima Animus der Creatures.

The Creatures : Exterminating Angel

 

Richtiges Leben im falschen?

Gibt es ein richtiges Leben im falschen? Nach der vorherrschenden Ansicht ist das völlig unmöglich. Aber warum eigentlich? Ist die Integrationsfähigkeit der spätkapitalistischen Gesellschaft so groß, daß jeder Aufbruch aus der Misere unweigerlich in einer neuen endet? Das Beispiel der Grünen spricht schon dafür, aber das war ja eigentlich vorauszusehen. Doch in den 60er Jahren gab es durchaus auch Ansätze, den verkrusteten Rahmen der Adenauer–Gesellschaft zu sprengen. Heutzutage wird es ja gerne so gesehen, als hätte die Studentenbewegung diese verkrustete Gesellschaft reformiert, als wäre das die Absicht der damals Aktiven gewesen.

Buchcover Subversive Aktion VorderseiteDoch war das so? Das ist eine Frage, die nur schwerlich beantwortet werden kann. Sicher ist, daß viele mitgerissen worden sind und für diese Mitgerissenen sich ganz neue Lebensperspektiven ergeben haben. Halten wir einfach fest: damals war die Gesellschaft so verkrustet und die soziale Kontrolle dermaßen perfekt, daß es geradezu ein Verbrechen war, einen wunderschön gepflegten Rasen zu betreten. Heute, in den Zeiten postmoderner Beliebigkeit, ist nahezu alles erlaubt.

Eine der Kleinstgruppen, die zu dem Phänomen beigetragen haben, das wir heute Studentenbewegung nennen, hieß Subversive Aktion. Es war ein kleiner Kreis von vielleicht einem Dutzend Aktiven in München und Berlin. Aber das, was sie theoretisch formuliert und auch provokativ praktiziert haben, lag sozusagen in der Luft. Allerdings hatte die Subversive Aktion durchaus den Anspruch, den Rahmen der herrschenden Verhältnisse zu sprengen.

Im vergangenen Jahr [2002] ist im Verlag Neue Kritik, der übrigens im traditionsreichen frankfurter Kettenhofweg residiert, der Band Subversive Aktion – Der Sinn der Organisation ist ihr Scheitern neu aufgelegt worden. Auf über 500 Seiten ist hier dokumentarisch die Geschichte einer kleinen Gruppe nachgezeichnet worden, die zwar von sich behauptet, nicht so sonderlich viel bewirkt zu haben, die jedoch ihre Wirkung gerade daraus gezogen hat, daß sie den damaligen Zeitgeist auf die Spitze getrieben hat.

Ich werde daher in den nächsten anderthalb Stunden einige ausgewählte Dokumente oder Gedanken vorstellen, die vielleicht sogar für heute nutzbar gemacht werden können. Denn wer gegen den Krieg ist – reicht es aus zu demonstrieren und dann wieder nach Hause zu gehen? Oder liegt es nicht an den Verhältnissen selbst, daß Kriege nicht einfach geschehen, sondern geplant und ausgeführt werden? Ist ein Krieg nur falsche Politik oder ist diese Politik nicht eher Ausdruck falscher Verhältnisse, also von Verhältnissen, die dringend abgeschafft und auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen gehören?

Gut – es wird gesagt: kein Krieg für Öl. Gut – es wird gesagt: kein Krieg ohne UNO–Mandat. Aber drückt sich darin nicht ein vollkommen verqueres Denken aus? Wird ein Krieg besser, wenn er um Kobalt, wie etwa im Kongo geführt wird, ohne daß die deutsche Menschenrechtsregierung der Ermordung von über 2 Millionen Menschen Einhalt geboten hätte? Oder liegt es daran, daß die Bayer–Tochter H.C. Starck [3] an diesem Krieg mitverdient? Und – wird ein Krieg humanitärer, wenn die UNO ihm zustimmt?

Und so komme ich zu meiner Eingangsfrage zurück: gibt es ein richtiges Leben im falschen? Sicher nicht absolut. Aber sich der Zustimmung zu den Grundlagen einer falschen Gesellschaft zu verweigern und daran mitzuwirken, eine neue bessere emanzipatorischen Zielen verpflichtete menschliche Welt aufzubauen, ist dies nicht das richtige Leben im (noch) falschen? So ähnlich mögen einige junge Menschen Anfang der 60er Jahre gedacht haben, als sie die Subversive Aktion ins Leben gerufen haben. André Breton hat das passende Leitmotiv mit auf den Weg gegeben: "Mit dieser Welt gibt es keine Verständigung; wir gehören ihr nur in dem Maße an, wie wir uns gegen sie auflehnen."

Siouxsie and the Banshees : Dazzle (Glamour Mix)

 

Grenzen der avantgardistischen Kunst

Wir gehören dieser Welt nur in dem Maße an, wie wir uns gegen sie auflehnen – damit war keine Halbstarkenrhetorik gemeint. Auch der anarchistische diffuse Drang, gegen alles zu sein, bevor die nackte Wirklichkeit einen oder eine wieder erfaßt hat, war dieser Einstellung der Subversiven Aktion fremd. Die wenigen Akteure dieser kleinen Gruppe hatten ein feines Gespür für die Integrationsfähigkeit der Nachkriegsgesellschaft. Und deshalb versuchten sie, der Integration ihres Denkens und Handelns – so weit es möglich war – zu entgehen.

Es stellt sich hier an dieser Stelle noch nicht die Frage, ob es ihnen gelungen ist. Daher nur vorwegnehmend: wohl eher nicht. Ich werde nachher aus dem Buch Subversive Aktion einen interessanten Insiderbericht vorlesen, der deutlich macht, wie sehr die manipulative Zerstörung des Bewußtseins selbst bei denen gewirkt hat, die sich dieser Zerstörung entgegenstellen wollten.

Doch woher kam die Subversive Aktion? Ursprünglich handelte es sich hierbei um Künstler (Männer), die bemerkt hatten, daß ihr Handeln nicht nur nichts bewirkt, sondern vielmehr der Gesellschaft hilft, ihre Probleme auf einer ideologischen Ebene zu verarbeiten. Sie waren über die Gruppe Spur Mitglied der Situationistischen Internationale, einer abgehobenen avantgardistischen Intellektuellen– und Künstlerorganisation der End–50er Jahre.

Die Situationistische Internationale steht in der Tradition des Dadaismus, des Surrealismus und der LETTRISTISCHEN INTERNATIONALE – einer avantgardistischen Gruppierung, die in der zweiten Hälfte der vierziger Jahre und der ersten Hälfte der fünfziger Jahre in Manifesten und Aktionen den trivialen, städtischen Alltag als das falsche Leben denunzierte, zugleich aber Elemente dieses Lebens durch den Eingriff der Phantasie zu verwandeln und zu erhöhen suchte: »Wir langweilen uns in der Stadt, man muß sich dreckig plagen, um noch Mysterien auf den Plakaten an der Straße zu entdecken …«

Die Situationisten versuchten nun, in Situationen des alltäglichen Umgangs Bruchstellen des Vertrauten zu finden bzw. zu erfinden. Eines ihrer wichtigsten Mittel ist die Collagierung situationärer Strukturen mit Elementen aus anderen Zusammenhängen […].

Auf diese Weise sollen die Erfahrung neuer Möglichkeiten und unterdrückte Phantasien provoziert, unbedachte, unabsehbare Handlungen eingeleitet und die Formen der Wahrnehmung gesellschaftlicher Realität verändert werden. Im Unterschied zur surrealistischen Komposition aufgefundener isolierter Realitätssplitter bemühen sich die Situationisten, revolutionäre Situationen herzustellen[4]

Um zu verhindern, daß ihre Arbeiten theoretisch–strategisch formuliert und kanonisiert werden, wurden auf den Treffen der Situationistischen Internationale alljährlich Mitglieder oder auch ganze Sektionen ausgeschlossen. Nach einer Orgie derartiger Ausschlüsse zerfiel die Organisation Ende der 60er Jahre. Bereits 1962 wurde die Gruppe Spur, Vorläuferin der Subversiven Aktion, ausgeschlossen. Typisch ist folgende Erklärung der Gruppe Spur von 1962:

Über die soziale Unterdrückung in der Kultur

Individuell gesehen sind die Künstler der modernen Epoche, die nicht einfach die geltenden Mystifikationen wiederholen, alle mehr oder weniger an den Rand des sozialen Lebens hinausgedrückt. Das deshalb, weil sie sich gezwungen sehen, inmitten von Illusionen und Fragmenten, die Frage der Bedeutung des Lebens zu stellen, die Frage seiner Anwendung; da es dann ohne Bedeutung bleibt, ist es bar aller zulässigen Anwendung außer eines passiven Konsums. Naturgemäß zeigen sie die schlechten Bedingungen einer unbewohnbaren Welt auf. Und ihr persönlicher Ausschluß von dieser Welt ergibt sich sozusagen von selbst durch die bequeme Trennung – oder besser durch die tragische Eliminierung.

Im Gegensatz dazu stoßen die avantgardistischen Gruppen, die mit aller Deutlichkeit ein Programm aufstellen, das all diese Gegebenheiten ändern will, auf eine bewußte und organisierte soziale Unterdrückung. Die Formen dieser Unterdrückung haben sich seit etwa 40 Jahren mit der Entwicklung der Gesellschaft selbst und ihrer Gegner grundlegend geändert.

Um 1920 erregte alles, was man in Europa gegen die geltenden Werte der Kultur und des gesellschaftlichen Lebens unternahm, Ärgernis. Damals war die Avantgarde verpönt. In der Gesellschaft, die sich seit dem letzten Weltkrieg entwickelt hat, gibt es keine Werte mehr und infolgedessen kann die Beschuldigung, irgendeine Ordnung nicht zu respektieren, nur mehr von Leuten aufgegriffen werden, die noch an völlig veralteten Gesellschaftsordnungen hängen (z. B. dem Christentum). Diejenigen, welche sich um neue Wertgebungen bemühen, werden von den Hütern der Kultur und der Informationen nicht mehr lauthals bekämpft: man bemüht sich, sie totzuschweigen.

Diese neuen Bedingungen verzögern zunächst die Arbeit einer neuen revolutionären Avantgarde, hemmen ihre Entwicklung und verlangsamen schließlich ihre Ausbreitung. Sie haben jedoch auch eine durchaus positive Bedeutung: Die moderne Kultur ist substanzlos, sie besitzt keinerlei Kraft, die sich den Beschlüssen dieser Avantgarde zu widersetzen vermöchte, von dem Augenblick an, wo es dieser gelungen sein wird, als solche anerkannt zu werden. Die Aufgabe dieser Avantgarde besteht einzig und allein darin, ihre Anerkennung zu erzwingen, ehe ihre Disziplin und ihr Programm verwässert worden sind. Das ist es, was die situationistische Internationale zu tun gedenkt.

Debord  Fischer  Kunzelmann  Prem  Sturm  Zimmer  Wyckaert  [5]

Hier stellt sich schon die Frage der Integration selbst avantgardistischster Strömungen. Wie kann man verhindern, vereinnahmt zu werden, bevor man selbst die Verhältnisse hat beeinflussen können? Dies ist eine Fragestellung, die sich der an die Gruppe Spur anschließende Subversive Aktion immer wieder gestellt hat. Ein Stück weit konnte die Gruppe sich in Sicherheit fühlen, weil paradoxerweise die Strafverfolgungsbehörden an dem einen anstößigen Text und der anderen provokativen Aktionsform Anstoß nahmen. Den Künstlern dieser Avantgarde wurde jedoch immer mehr bewußt, daß ihr künstlerischer Ausdruck den Verhältnissen nicht angemessen ist. So begründete Frank Böckelmann das Einstellen der von ihm herausgegebenen Literaturzeitschrift unter anderem damit, daß

es keinen Weg zurück zur engagierten oder gar realistischen Literatur [gibt], und auch nicht zu jener Mixtur von Spätexpressionismus, Surrealismus und Montage, die heute vorherrscht und noch weiter vorherrschen wird. Deren Widersprüche […] sind so offensichtlich, daß ihr gegenüber selbst die innersprachliche Poesie noch relativ am besten sich der Verdinglichung entzieht. Realistische Sprache ist unfähig, ein Phänomen wie die Welt der zu sich selbst gekommenen Entfremdung auch nur annähernd in sich zu fassen – sie ist schon besetzt, bevor sie anhebt.

Die Autoren dürfen nicht mehr für sich die Arglosigkeit beanspruchen, nicht zu ahnen, was die gesellschaftlich wahrscheinliche Rolle ihrer Texte sein wird. Der Schreiber muß selbst den Mißbrauch und die Wirkung seiner Publikationen abschätzen und ihnen bereits in seiner Arbeit vorbeugen – wenn das möglich ist. Dichtung, die nicht die Intention und die Wahrscheinlichkeit des Widerstandes in sich trägt, ist entweder blind oder apologetisch. [6]

Und was für Dichtung gilt, gilt selbstverständlich auch für politisch bewußtes Handeln. Das heißt, die Intention der Politik kann nicht willkürlich gesetzt sein, sondern muß auch das mögliche nicht beabsichtige Ergebnis mit reflektieren. Dieser Maxime sind die wenigsten der an ‘68 anschließenden politischen Gruppen und Initiativen nachgekommen. Meist sind es ja die anderen, die zu blöd sind zu kapieren, worum es geht. Dabei ist es ja wohl sinnvoller, die ganze Tragweite eines Gedankens oder einer Aktion … zu vermitteln.

Und das ist auch ein Grund, weshalb ich die ideologische Halbherzigkeit der derzeitigen Friedensinitiativen (und damit meine ich auch das darmstädter Friedensbündnis) kritisiere. Sie fallen meist hinter den Stand der eigenen Erkenntnis zurück, nur um massenwirksam zu sein. Und sie bemerken dabei nicht, daß sie diejenigen, die sie erreichen wollen, über die wahren Ziele nicht nur ihres Handelns, sondern auch über die wahren, weil notwenigen Ziele politischen Handelns, … belügen.

The Creatures : I Was Me

 

Mehrdeutigkeiten

Wolfgang Kraushaar beschrieb die Subversive Aktion 1976 bei der Erstausgabe des Bandes mit Texten dieser Gruppe so:

Subversive Aktion – das war gleichermaßen Name und Motto einer Gruppierung, die als Organisation zu beschreiben maßlos übertrieben wäre, die als bloße Addition mehr oder weniger bekannter Namen aus der Studentenbewegung aufzufassen entschieden zu kurz greifen würde. Sie bestand aus einem kleinen Kreis esoterischer Intellektueller, die in dezentralen Zirkeln, sogenannten »Mikrozellen«, miteinander über Psychoanalyse und Marxismus, Kritische Theorie und Surrealismus kommunizierten. Ihr Organisationsniveau stand dabei in keinem Verhältnis zu der geradezu, auch nicht von ihnen vorhergesehenen, eruptiven Spätwirkung, die sie einige Jahre darauf in einer ganzen Generation von Studenten, Schülern und Lehrlingen auslösen sollte.

Unter ihrem eigenen Namen existierte sie noch keine drei Jahre – vom Herbst 1963 bis zum April 1966 –, ihre Spuren jedoch lassen sich selbst ein Jahrzehnt später noch im Witz der Lorenzentführer, der (bloß) subjektiven Radikalität der Feministinnen, ja selbst dem Putschismus der kreuzorthodoxen KPD wiederfinden. Ihre eigentlichen Auswirkungen allerdings dürften sich kaum an solchen Phänomenen messen lassen. In Wohngemeinschaften, Gesten und Lebensformen einer zumeist studentisch verbliebenen Subkultur ist noch zu erahnen, was den einstmaligen Impetus ihrer Protagonisten ausmachte. […]

Von ihren Zirkularen, die wie Unverbindliche Richtlinien und Suchanzeigen alle in einem strikt antikategorischen, aktivistischen Duktus gehalten sind, drückt sich deren Mehrdeutigkeit noch am schärfsten im späten theoretischen Organ Anschlag aus.

Anschlag ist zunächst einmal eine Veröffentlichungsform (Plakat, Aushang), in der dem Publikum unbekannte, zumeist bewußt vorenthaltene Kenntnisse und Informationen vorgestellt und damit der öffentlichen Aneignung freigestellt werden; Anschlag ist auch eine Bewegungsform, die beispielsweise das Antippen oder Anzupfen von Musikinstrumenten beschreibt, um eine Melodienfolge einzuleiten; hier kann pianissimo anschlagen aber auch heißen, eine Kette von Assoziationen einzuleiten, um latente Inhalte freisetzen zu können;

Anschlag stellt aber auch – und das nicht zuletzt – eine Aktionsform dar, die sich keineswegs auf ihren symbolischen Gehalt reduzieren läßt. Insofern ist sie mitunter durchaus wörtlich zu nehmen, im Sinne von einfachem Zuschlagen, Putschen. […] Allerdings nicht, um selbstillusionär über das Ziel hinausschießend Umstürze vorzugaukeln, sondern um in putschistischer Provokation verdeckte, überlagerte Gewalt– und Verblendungszusammenhänge zu demaskieren und exemplarisch potentielle Handlungsfiguren zu entwerfen. Das, was später im Sprachgebrauch einiger SDS–Aktivisten Exemplarische oder direkte Aktion genannt wurde, hat hier durchaus seinen Ursprung.

Im AnschlagTitel treffen damit drei der wichtigsten Momente der Subversiven Aktion in exemplarischer Weise aufeinander:

Öffentlichkeit zur Durchbrechung der Anonymität, Freisetzung unterdrückter, zumeist unbewußt verbliebener Bedeutungsgehalte und die Aktion als Ausbruch aus dem Gedankengefängnis. [7]

Soweit Wolfgang Kraushaar zehn Jahre nach dem Ende dieses Experiments.

 

Unverbindliche Richtlinien

Schon der Titel der ersten Publikation der Subversiven Aktion arbeitet mit einer assoziativen Mehrdeutigkeit: Unverbindliche Richtlinien. Auf dem Weg zur Befreiung kann es sinnvoll sein, eine Richtschnur zur Hand zu haben; unverbindlich ist sie insofern, als sie keine Handlungsanleitung und auch keine zu erfüllende Rollenerwartung formuliert. Freiheit kann es nur als bewußten Akt der schöpferischen Ausnutzung aller sich bietenden Möglichkeiten geben.

aus: Unverbindliche Richtlinien, Heft 1, 1962

In früheren Zeiten kam es vor, daß die mächtigsten Banditen von der Gesellschaft gekauft und in die Hierarchie der Unterdespoten eingeordnet wurden; der selbe Prozeß geschieht heute subtiler mit Trägern neuer Ideen. Die ausgeklügelt – undurchsichtigen Steuerungselemente in der Hand des Staates sind auf dem wirtschaftlichen Sektor auch noch einem wenig minutiösem Denken greifbar; (Lebensstandard, Produktion und Konsum sind als Götter inthronisiert.) in allen anderen Lebensbereichen sind sie bereits unterschwellig geworden, m.a.W.: Die gültige Doktrin hat alle Positionen besetzt und die Konflikte, die ausgetragen werden, sind nichts anderes als spektakuläre Schauspiele. […]

Allen aufgezeigten Steuerungselementen ist die Funktion gemeinsam, den repressiven Übergriff der Gesellschaft auf alle Lebensvorgänge zu kaschieren, und den Verzicht auf die eigene Gestaltung des Lebens dem Einzelnen erträglich zu machen. Perfekt und präzise überspielt dieser Jahrmarkt die drohende Langeweile der Wohlstandsgesellschaft, entzieht dem Einzelnen die Gelegenheit, den Verdummungsmechanismus zu durchschauen, und hindert die echten Zusammenhänge offenbar zu werden und dadurch die Gesellschaft zu entblößen.

Dasselbe Ziel versuchten die vergangenen Systeme durch diktatorische Maßnahmen zu erreichen; sie scheiterten, weil man sie leicht durchschauen konnte. Aus ihrem Untergang hat die Gegenwart die Lehre gezogen: je vollkommener die Illusion der Freiheit in der Gesellschaft erscheint, desto eher ist die Sicherheit gegeben, daß diese Gesellschaft überlebt. Am Tor zur Freiheit versinkt die Menschheit in eine neue Art der Barbarei, die versucht, sich als Paradies zu geben. Die Einsicht des Einzelnen in den Reichtum des Lebens wird reduziert auf die Hinnahme der Schablone; die echten Bedürfnisse dürfen nicht bewußt werden. Daß es eine Vielzahl von menschlichen Bedürfnissen gibt, denen grundsätzlich keine Chance auf Erfüllung gegeben wird, liegt mindestens seit Freud, auch wenn es mit großer Beharrlichkeit geleugnet wird, auf der Hand. Die Methode dieser Leugnung gehört dem Typus der erwähnten Steuerungsmechanismen an […]. Die drängenden Bedürfnisse werden nicht einfach auf schlichte Weise geleugnet, sondern auf eine im Sinn der Gesellschaft sublime, d.h., auf eine brauchbare Ebene gehoben. Auf dieser Ebene wird die Erfüllung nicht nur erlaubt, sondern gefordert. […] Durch die Schaffung des organisierten Freizeitmenschen wird die Chance, die echte Bedürftigkeit auch nur zu ahnen, völlig abgetötet. [8]

Black Dog : Guillotine

 

Intermezzo

Alltag und Geschichte / Tinderbox

Radio Darmstadt mit der 38. Folge von Tinderbox, der musikalisch angehauchten Revue durch die Untiefen der kapitalistischen Wirklichkeit, mit freundlicher Unterstützung durch Siouxsie and the Banshees oder ihr Seiten– bzw. Nachfolgeprojekt The Creatures.

In der zweiten Stunde der heutigen Folge will ich fortfahren, euch die Subversive Aktion vorzustellen. Grundlage ist das letztes Jahr [2002] im Verlag Neue Kritik neu aufgelegte Buch Subversive Aktion – Der Sinn der Organisation ist ihr Scheitern.

Diese zweistündige Sendung wird am Dienstag nach Ostern von 0.00 bis 2.00 Uhr, nach dem Radiowecker von 8.00 bis 10.00 Uhr und noch einmal am Nachmittag von 14.00 bis 16.00 Uhr wiederholt. Wie immer zu empfangen auf den korrekten Grußfrequenzen: mit Antenne auf der 103,4 Megahertz, im Kabel Darmstadt auf der 102,7 [9] und in der Kabelinsel Groß Gerau–Weiterstadt auf der 97,00. Am Mikrofon Walter Kuhl.

 

Der Sinn einer Organisation – das Scheitern?

Der Sinn der Organisation ist ihr Scheitern – auch diesen Satz hat die Subversive Aktion provokativ geprägt. In den Unverbindlichen Richtlinien Nr. 2 vom Dezember 1963 ist hierzu zu lesen:

In der Welt der postulierten Freiheit werden dem Einzelnen legale Mittel angeboten, um seine Ziele durchzusetzen, – sofern sie das gesellschaftliche Gefüge nicht in Frage stellen werden.

Da in erster Linie Organisation, wie man zu wissen meint, einer Idee zum Durchbruch verhelfen kann, – da aber nur erlaubt ist, was der Gesellschaft nützt, wird die Zielsetzung der Organisation von vorneherein geschmälert:

In der Organisation ist der Umschlag ins gesellschaftlich Nützliche strukturell angelegt. Die Zielsetzung wird automatisch auf die der Gesellschaft gefälligen Ebene verlagert; indem sie dem Unzufriedenen dieses Medium zur sofortigen Realisierung anbietet, wird ihm die Erkenntnis seines Ziels als ein Moment der gesamtgesellschaftlichen Infragestellung versagt. Die gesellschaftliche Sanktionierung des durch die Organisation angestrebten Zieles gewährt ihm die Illusion, das Ziel schon verwirklicht zu haben; in Wahrheit dröhnt das optische Echo der Zufriedenheit der Gesellschaft, die einmal mehr ihre Bestätigung erfährt. Wenn die Gesellschaft eine gegängelte Organisation auf langwierigen Umwegen zu ihrem Ziel gelangen läßt, ist dieses dann entweder nicht mehr aktuell oder die Organisation wurde zur Gesellschaft. Demnach ist der nicht reibungslose Ablauf–auf–das–Ziel–hin der Versuch der Gesellschaft, ein neues Aufflackern bis in die Unendlichkeit aufzuschieben. Das anfängliche Verbot hingegen einer illegalen Organisation bereitet nur eine noch totalere Integration vor: Die Aufgabe ihres ursprünglich gestellten Zieles ist der dankbar geleistete Tribut für ihre Anerkennung.

Der Sinn der Organisation ist ihr Scheitern. [10]

Der Gedanke lag nahe. Die repressive Toleranz, wie es Herbert Marcuse formuliert hat, führt dazu, daß das gesellschaftliche System immer durch Zuckerbrot und Peitsche, durch Integration und Repression in der Lage sein würde, eine Systemopposition zu vereinnahmen. Die Mechanismen wissenschaftlicher Gehirnwäsche, etwa in der Werbung oder der politischen Ideologiebildung, bringen den Einzelnen (oder auch die Einzelne) gar nicht mehr dazu, die Zusammenhänge zu verstehen und daraus Widerspruchspotential zu entwickeln.

Buchcover Subversive Aktion RückseiteDie Entfremdung der Menschen zu sich selbst und den Produkten ihrer Arbeit führt zudem dazu, daß sie die warenförmige Gesellschaft so verinnerlichen, daß sie sich selbst und ihren kommunikativen und sozialen Beziehungen warenförmig entgegentreten. Ich gebe dir, damit du mir gibst. Was bin ich wert, was bist du wert? Ich kaufe, also bin ich.

Organisationen, die sich in einem solchen gesellschaftlichen Bezugssystem herausbilden, neigen auch ohne ihren Willen dazu, sich dieser Warenförmigkeit anzupassen und somit das Subversive ihres Anliegens aus den Augen zu verlieren. Eine Friedensbewegung, die darauf schielt, wieviel Protestpotential sie entwickeln kann, die also warenförmig denkt, indem sie auf Masse zielt, kann nur scheitern.

Die Subversive Aktion hatte das Negativbeispiel der Sozialdemokratie, der angepaßten illegalen Parteistrukturen der KPD und auch den SDS vor Augen. Der SDS war keine revolutionäre Organisation, sondern allenfalls ein theoretischer Debattierclub. Erst die Mitglieder der Subversiven Aktion in München und Berlin radikalisierten diesen Papiertiger, als sie begannen, den SDS für ihre Ziele zu instrumentalisieren. Aber es ist nicht zwangsläufig, daß Organisationen scheitern.

Der Sinn einer Organisation, die auf Überwindung vorherrschender Strukturen zielt, liegt darin, immer auf der Höhe der Bewegung zu sein, vorwärtszutreiben und keine Illusionen über die eigenen Ziele wie auch die Macht der vorherrschenden Gesellschaft, ihres Staates und Repressionsapparates zuzulassen. Eine Organisation, die sich ernst nimmt, kann (muß aber nicht) ihr Ziel erreichen, um danach sich aufzulösen, abzusterben, schlicht überflüssig zu werden. Der Sinn einer solchen Organisation ist es, Bewußtsein und Emanzipation zu vermitteln.

Letzteres war zumindest auch der Anspruch der Subversiven Aktion. Sie selbst radikalisierte sich mit dem Eintritt der beiden ehemaligen DDR–Bürger Rudi Dutschke und Bernd Rabehl vor allem in theoretischer Hinsicht. Zwischen Dieter Kunzelmann, München, und Dutsche und Rabehl, Berlin, kam es zu Spannungen. Kunzelmann wurde ausgeschlossen. Der Aktivismus ging ein wenig flöten. Die Subversive Aktion wandelte sich in eine Studiengruppe für Sozialtheorie, allerdings blieb nur die münchener Gruppe bestehen.

Ich erwähnte soeben Bernd Rabehl. Und in der Tat, eine der Merkwürdigkeiten der 68er Bewegung ist es, daß einige ihrer prominenten Mitglieder ins nationale, nationalrevolutionäre, neofaschistische Fahrwasser abgedriftet sind. Es wäre zuviel gesagt, daß dies schon in der Theorie und Praxis der 68er angelegt war. Es ist eine Zerfallserscheinung einer Bewegung, die sich ganz offensichtlich über ihre Ziele nicht klar war und womöglich tatsächlich den Rahmen der herrschenden Verhältnisse nicht wirklich verlassen wollte. Ein bißchen Kulturrevolution eben, mehr nicht. Ein bißchen Fun, ein bißchen Revolte gegen verkrustete Verhältnisse.

Nur – die 60er Jahre waren anders als der postmoderne Beginn des 21. Jahrhunderts. Heute wird alles vereinnahmt, so wie es damals vorhergesagt und theoretisiert wurde. Selbst mit der RAF läßt sich inzwischen Werbung machen und irgendwann sicher auch mit den Taliban, Saddam oder Dubya Bush. Ist doch alles nicht so gemeint, eine große Illusion eben. Dennoch werde ich gleich zwei typische ideologiekritische Texte der Subversiven Aktion vorstellen – sie sind immer noch spannend und hochaktuell.

Ein Grund, weshalb ich das Buch Subversive Aktion – Der Sinn der Organisation ist ihr Scheitern nicht nur vorstellen, sondern auch zur Lektüre empfehlen möchte. Es ist letztes Jahr [2002] im Verlag Neue Kritik neu aufgelegt worden und kostet 35 Euro.

Siouxsie and the Banshees : Stargazer (Mambo Sun Remix)

 

Von Dr. Seltsam zur Realsatire der Jetztzeit

aus: Anschlag, Heft 1, August 1964

Dr. Seltsam oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben

Vielleicht ist der Film doch mißlungen. Vielleicht ist sein Zynismus dem Thema nicht angemessen, und das ständige Lachen über das eigene Ende könnte zu dem Fatalismus verleiten, den der Film bekämpfen will. Die drohende Gefahr einer atomaren Katastrophe als Gruseleffekt auszuschlachten wirkt angesichts der sublimeren Methoden des gegenwärtigen kalten Krieges etwas antiquiert und macht es dem Zuschauer, der die eigene Hilflosigkeit und das unabwendbare Fatum der Technik genießen lernt, zu leicht. Besonders ist anzufechten, auf was die Groteske nicht verzichten konnte; nicht als Ergebnis einer beidseitigen verblendeten Politik erscheint die Katastrophe, sondern als Panne, als zufälliges technisches Versagen […].

Das individualistische Moment der List des irren Einzelnen, der alles auslöst, regrediert auf das bürgerliche Bewußtsein, das sich immer noch daran klammert, daß es ohne Hitler nicht zum Faschismus gekommen wäre. Alles wäre gut gegangen, so sagt man sich, hätte ein kleines Funkgerät noch soweit funktioniert, daß es den Rückholcode hätte empfangen können. Der Zufall ist das Korrelat der absoluten Notwendigkeit, als die die politische und wirtschaftliche Entwicklung erscheinen soll. Beide spekulieren auf die Ohnmacht.

Doch hier zeigt sich zugleich die Stärke des Films. Das, dem der Film letztlich verhaftet bleibt, übermittelt er der vernichtenden Lächerlichkeit. Er karikiert die fanatische Sucht nach immer neuen technischen Sicherungen, die eingebaut werden, um die leibhaftige Absurdität und den gewachsenen Widerspruch mit einem ausgetüftelten Kniff auszugleichen. Den Geist der Zeit, die versucht, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben, um sich davon zu entbinden, den Voraussetzungen des Übels nachzuspüren, hat der Film durchaus erfaßt. Er zeichnet Menschen, die der Situation nicht mehr gewachsen sind, weil ihr überholtes Bewußtsein von ihr in jeder Hinsicht zurückbleiben muß. […]

Hier zeigt sich, daß Kubricks Film doch nicht einen zufälligen Neurotiker als Aufhänger benutzt, sondern genau die latente faschistische Neurose der hochindustrialisierten Gesellschaft, in der die Macht anonym geworden ist, aufgreift. Verdrängung, die zu Aggression führt, und abergläubischer Kommunistenhaß, der den Glauben an die jüdische Weltverschwörung ablöst, indem er alles Bedrohliche und Unerklärliche einem Prügelknaben in die Schuhe schiebt, wird hier fast prophetisch zusammengebracht: wartet nicht die Gesellschaft auf den genialen Trick, einmal erklären zu können, die Bedrohung der Freiheit verlange die Versagung aller Bedürfnisse?!

Die eigentliche Erfahrung, die dieser Film mit nicht mehr zu überbietender Schonungslosigkeit vermittelt, liegt nicht im Film selbst, sondern ist die Einsicht, daß heute alles gesagt werden darf, ohne daß dies alles noch etwas änderte. Die gesellschaftlichen Mechanismen greifen so reibungslos ineinander, daß sie zulassen können, daß die Wahrheit über sie ausgesprochen wird. Bewußtsein greift nicht mehr ein. […] Es gibt eine Überfütterung mit Wahrheit, die zu der Illusion führt, sie herrsche schon im Lande […]. Bewußtsein, geistige Auseinandersetzung, freie Meinung und perfekte Analyse finden statt, um alles Widerstrebende in einem sich selbst befriedigenden Kreislauf zu absorbieren. So entartet Bewußtsein, das nicht schon Apologie ist, ungewollt zum Ventil und spiegelt eine Vielfalt der Meinungen und eine zentrale Auseinandersetzung vor, die in Wirklichkeit im leeren Raum verpufft. Freilich ist das kein wirkliches, d.h. wirkendes Bewußtsein, das weiter denkt, bis es weder von Ideologie noch von [beruhigender] Resignation eingefangen werden kann. Dieses Bewußtsein allein wäre der Todfeind der Repression und verfiele nicht seiner indirekten Ausbeutung. […]. [11]

Zu Beginn der Neuen Weltordnung mit seiner Ideologie der allgegenwärtigen neoliberalen Dummschwätzerei, die längst in Wiesbaden und Berlin Einzug gehalten hat, wird die Mannigfaltigkeit der Meinungen systematisch gefördert. In mehreren Bundesländern wurden in den 90er Jahren sogenannte Nichtkommerzielle Lokalradios lizenziert. Mag sein, daß zum einen hiermit der Versuch unternommen wurde, kritisches Potential, zumindest kritisch denkendes Potential in eine Nische abzudrängen. Zum anderen haben diese NKLs ihr Potential nicht einmal genutzt. Der Dummschwätz hat uns längst erreicht.

Doch bevor ich darauf zu sprechen komme, eine symptomatische Realsatire der Jetztzeit; die Aktiven der Subversiven Aktion hätten hieran garantiert ihre helle Freude gehabt. Anfang des Monats [April 2003] veröffentlichte die niedersächsische Landesmedienanstalt eine Studie mit dem euphemistischen Titel Hörfunklandschaft Niedersachsen 2001. Das Ergebnis ist wahrlich ernüchternd, war aber vorauszusehen.

Der Direktor der Anstalt Reinhold Albert sagte, daß die kommerziellen Sender Niedersachsens sich in ihren Programmen immer ähnlicher würden. Woraus die hessische Landesregierung, aber auch andere gnadenlos den neoliberalen Schluß ziehen: noch mehr Kommerzsender fördern den Medienpluralismus. Denn unsere Hörfunk–Einheitssoße fördert den Wettbewerb und das ist gut für unsere Wirtschaft. Ich sagte ja, Realsatire. [12]

Bewußtsein wird dafür nicht benötigt.

Justice and Endemic void : All She Could Ask For (Dope Mix)

 

Charts als Essenz des Lebens

Die wichtigsten Nachrichten der Woche sind garantiert auf diesem Sender zu hören. Radio Darmstadt hat nämlich ein heimliches Lieblings–MSendeformat. Es handelt sich um das Verlesen der Charts. Mir ist wahrscheinlich der kommunikative Sinn des Ganzen entgangen. Wahrscheinlich ist es so, daß sich jedem Morgen auf dem Schulhof die Hörerinnen und Hörer von Radio Darmstadt versammeln und einander vorschwärmen: Boah ey, Shakira ist auf Platz 3 der Single–Charts der Fiji–Inseln. Und Eminem erst, Platz 1 auf den Album–Charts Afghanistans. Das wäre aber unter den Taliban nicht möglich gewesen. Dazu brauchte es den Krieg.

Glaubt ihr nicht? Muß aber so sein. Denn so penetrant, wie auf Radio Darmstadt die Charts ihre geheiligte Wichtigkeit erhalten, stellt sich schon die Frage, ob manche Damen und Herren nichts wichtigeres in ihrem Leben vorfinden, um solch einen Müll zu verzapfen. Nicht alle machen es dabei so humorvoll selbstironisch wie Thomas Stein auf seinem Popsofa, meist ist es nicht einmal unterhaltend, sondern einfach nur quälend. Ob Radio Darmstadt die Lizenz zum Quälen erhalten hat? Es würde jedenfalls in den neoliberalen Lifestyle passen.

Quälen wir uns – und andere – nur, um uns zu vergewissern, daß wir noch leben? So wie wir uns kneifen, um zu erfahren, ob wir träumen?

aus: Anschlag, Heft 1, August 1964

Die Hits von Radio Luxemburg beschwörten demjenigen, der sie zum erstenmal hörte, in ihrer monotonen Nachdrücklichkeit etwas künstlich Heroisches und Schicksalhaftes. Alle klingen so wie das auftrumpfende Lied vom schwergeprüften Mann, der die Länder und das Leben kennt. Der brutale Marschtakt reflektiert das Unausweichliche und auch das Immergleiche der durchrationalisierten »pulsierenden« Städte, das jedermann bewußtlos versteht. Aber das Leben ist ohne Schicksal. Fast nichts tritt von außen an den einzelnen heran, dem er sein automatisches Einverständnis nicht schon längst erteilt hätte. Es gibt nichts Eigenes mehr, dessen Entfaltung die Welt verweigern könnte. Auch die vernebelnde Heroik wird jedem wieder und wieder durch die Massenmedien vermittelt, bis er an seine eigene glaubt und sie im Blut hat. Je einfältiger und banaler sein Leben, desto mörderischer die Tag für Tag ausgestrahlten Kriminalfilme, desto begeisterter das Lied vom hygienischen modernen Menschen und desto barbarischer die falschen Lieder von Baby und Boy, die angeblich so unwiderstehlich aneinander verfallen. Und dennoch spielt die geleierte Tragik auf etwas Richtiges an. Sie behandelt die geheime und tiefe Wunde der Zivilisation psychotherapeutisch. Im Aufjaulen der Beatles, das pausenlos von einer verstümmelten, angenehmen Harmonik untermalt ist, werden wir unterschwellig getröstet. Denn objektiv und längst vergessen ist das entfremdete Dasein Tragik. Sie offenbart sich allein noch in dem Bedürfnis, unablässig besänftigt zu werden. […] Die Beatles mit ihren elektrischen Klampfen [sind] so notwendig wie das tägliche Brot. Das Surrogat ungelebten Lebens und der verräterische Schmerz, der zugleich erinnert und gedämpft wird, bringt uns zum befreienden Kreischen. […]

Im gleichen Maß, in dem die Unnatur und die Vermitteltheit des Lebens sich vertiefen, wird der Schein der Spontaneität und Natürlichkeit zum obersten Gebot. Die Melodieführung […] erhält nachgerade klassische Schlichtheit. Sie wirken so unverfälscht und direkt, daß keiner sich auf der Straße schämen müßte, sie laut zu singen (was natürlich nie geschieht). Die langausgehaltenen, gedehnten Schluß– und Zwischenakkorde sind der überkommene Abklatsch bombastischer Opern, die gleichfalls in den getragenen Tönen den gewonnenen Eindruck nachwirken lassen, und stellen bei den Beatles als gigantische Höhepunkte gleichsam Einsatzzeichen für das frenetische Gebrüll der Entrückten dar. Der [wiederholende] Aufbau – das alles beherrschende Charakteristikum – sorgt für den Genuß, immer schon zu wissen, was gleich kommen wird. Die Bestätigung schafft Befriedigung und damit Einverständnis. Das Bewußtsein, nicht allein und kein Außenseiter zu sein, wird so durch die gelungene Anpassung an den Schlager hervorgerufen und verstärkt sich zur Begeisterung, wenn der Einzelne sich erinnert, daß alle um ihn herum das Gleiche fühlen. […] Die bei allen Gruppen bevorzugte Gitarre war schon in der Spätzeit des Bürgertums das Instrument der falschen Sehnsucht und der falschen Abenteuer in einer bereits organisierten Welt und ist nun als elektrische endgültig zur rhythmischen Verherrlichung von leicht und überall greifbaren Versprechungen heruntergekommen, deren schillernde Vision sich nirgends erfüllt. In ihrem peitschenden Stampfen, das von sich beansprucht, die Vitalität exotischer Völker aufgenommen zu haben, manifestiert sich die Gewalt, deren besinnungslose Anbetung sich in der Selbsterniedrigung aller vor dem heiligen Jaulen niederschlägt.

Und es ist sicher immer gut zu wissen, auf welcher Chartposition die Selbsterniedrigung angekommen ist. Doch weiter im Text:

Die hämmernde Gleichgültigkeit der Hits und ihr gewichtiger Marsch ins Einerlei liefert vor allem den Jugendlichen das eigene Selbstverständnis als Ware frei Haus. Fünfzehnjährige Teenager sehen sich nach dem Besuch des Beatle–Films in der Lage, ihr Lebensgefühl zu formulieren. Zu den Liedern der Freiheit in den Kellern mit den Gliedern zu zucken ist alles, was vom vielbeschwörten Protest gegen die ältere Generation noch übrig bleibt […].

Heute gibt es nicht einmal mehr den Protest, sondern nur noch das rhythmische Mitmachen in Discos und auf Parties. Das ist so selbstverständlich, daß neben dem Wort Charts das wichtigste Wort auf diesem Sender das Wort Party ist. Jedoch meist so sinnentleert, daß nicht einmal mehr klar wird, was uns der Moderator denn hat sagen wollen. Party als Selbstzweck, als Worthülse. Wo eine stattfindet und was man, weniger frau, dort so alles Tolles erleben kann, das bleibt im Dunkeln. Wahrscheinlich wissen unsere klugen Moderatoren das selbst nicht so genau.

Da waren die Moderatoren der 60er Jahre offensichtlich cleverer, smarter. Sie quälten nicht, sondern schafften Vertrautheit. So sieht es auch der Text Im Rhythmus unserer Zeit aus dem ersten AnschlagHeft.

Die Massenkommunikationsmittel, durch die wir allein noch an »Welt« teilhaben, vermitteln uns zugleich die gemanagte Intimsphäre, die allein gemeinsam ist. Der sich anbiedernde Plauderton der Plattenjockeys in den Schlagerparaden und die Interviews mit der sympathisch vertrottelten Prominenz der Stars, die als Verkörperungen unserer kanalisierten Sehnsucht nicht etwa mit der Gesellschaft etwas anstellen, wie sie gern möchten, sondern selbst nur angestellte Surrogate und Tauschobjekte sind, künsteln jene vertrauliche Atmosphäre zurecht, in der gleichzeitig der Fetisch angebetet und die demokratische Lust zugestanden wird, zu erfahren, daß auch das Idol so schwach wie du und ich sei. […] Die Beatles, auf die niemand hereinfallen kann, weil jeder nur auf sich selbst hereinfällt, können auch nicht gestürzt (sondern nur ausgetauscht) werden, da ihr Erfolg auf bestimmten objektiven Bedingungen basiert. So können sie sich rücksichtslos selbst bewitzeln und karikieren, als ahnten sie etwas von den Gesetzen ihres infantilen Daseins. Ihre unschädliche Narrenfreiheit wird von denen, die vergessen haben, was Freiheit meint, geradezu gefordert: der masochistische Dadaismus, den sie in die Beatles projizieren und der jene so sympathisch macht, ist alles, was sie noch vom Leben erhoffen. Wenn jeder jedem lachend auf die Schulter haut, dann hat sich die Entfremdung eingerichtet.

Die Einsicht in all das ist sinnlos, ja als Resignation reaktionär, wenn sie nicht zu Konsequenzen führt, die über den Genuß, Bescheid zu wissen, und die naive Reformierung des eigenen Lebens hinausgehen. [13]

The Creatures : Prettiest Thing

 

Psychoamok – ein Lebensentwurf dreht durch

Einen Aspekt habe ich bislang ausgeblendet. Wie subversiv waren die Subversiven denn selbst? Besaßen sie einen Lebensentwurf, der emanzipatorisch den herrschenden Verhältnissen etwas entgegensetzen konnte? Natürlich ist es witzig, den verehrten Professor Adorno öffentlich vorzuführen und ihn dazu zu bringen, die bürgerliche Justiz gegen sich aufzuhetzen. Aber was nach außen witzig und provokativ war – hatte es auch Auswirkungen auf diejenigen selbst, die ja vorgaben, eine andere Gesellschaft aufbauen zu wollen?

Der Band Subversive Aktion – Der Sinn der Organisation ist ihr Scheitern hat zumindest in der Ausgabe von 1976 Platz für ein wenig Selbstreflektion gelassen. Diese kam, und das ist kein Zufall, von den Frauen der Gruppe. Die Männer politisierten auch 1976 munter vor sich hin. Birgit Daiber über ihre Erfahrungen:

Ich kämpfte um Anerkennung, konkurrieren konnte ich nicht. Dafür hockte ich mich willig hinter die Schreibmaschine und tippte nächtelang den Kram der Männer, dafür machte ich Dreckarbeit für sie. Ich versuchte, so gut wie möglich zu funktionieren. Wenn damals jemand, womöglich noch eine Frau, mir gesagt hätte: hör auf, dich zu prostituieren, laß sie ihren Dreck alleine machen, nimm deine Zeit, denk nach, greif sie an, behaupte dich, mach selber Politik – ich wäre vermutlich vollends durchgedreht. [14]

Sabine Goede zu dem ungeheuerlichen Druck, der in der Gruppe geherrscht hat:

Unsere Gruppe […] versuchte über einige Jahre hinweg, ihren sozialen Lebenskontext in der Weise zu strukturieren, daß darin die Weigerung, sich im repressiven Bestehenden zu integrieren, voll zum Zuge kommen sollte und unser Leben selbst als eine Art Vermittlung von Theorie und Praxis sich rechtfertigte. Da wir zur Zeit unserer ersten Begegnung alle angeschlagene bürgerliche Individuen waren (vielleicht noch sind), die sich mit großem Energieaufwand dem familiären Zwangszusammenhang entwanden, standen wir in einem doppelten Angriffsfeld. Da war ein jammerndes geschichtliches Kontinuum – Vater, Mutter etc. – und hier eine bis aufs Messer sich zerfleischende Gruppe. Jeder kontrollierte jeden mit Argusaugen, ob er offen genug war und radikal und rückhaltlos der Gruppe sich auslieferte, um mit ihr die Denk– und Verhaltensweisen des »homo subversivus« zu internalisieren und langfristig auf die Veränderung des falschen Ganzen hinzuwirken. Freundlich, lieb, zärtlich sind wir nicht miteinander umgegangen. Wir waren argwöhnisch auf der Lauer, ob der Verzicht, zu dem man selbst bereit war, auch im anderen sich bestätigte.

[…] Wir wollten das Kaputte in uns kaputtmachen, neu anfangen, uns geschichtslos machen für eine neue Geschichte, die wir selbst bestimmen.

Die Gruppe ist vielleicht an ihrem Anspruch eingegangen, vielleicht auch daran, daß sich für den einen oder anderen befriedigendere Formen in Organisationen anboten. Eines jedoch meine ich, haben wir geschafft: die libidinösen Beziehungen, weil sie doch nur als Ausdruck von Heuchelei verstanden wurden, so gründlich aus unserer Kommunikation zu eliminieren, daß zumindest mir bei der einen oder anderen Sitzung das Gruseln kam. [15]

Anstatt das, was eine oder jemanden kaputt macht, solidarisch aufzuarbeiten und gegen die zerstörerische Gesellschaft zu wenden, gelang es der Subversiven Aktion ganz offensichtlich nur, den Seelenstriptease als gegenseitigen Konkurrenzmechanismus auszuagieren. Damit unterscheidet sie sich wenig von Sekten oder Psychogruppen. Dabei bot gerade der theoretische und praktische Ausgangspunkt der Subversiven Aktion genau dieses subversive Element, das dazu führt, sich nicht gegenseitig fertigzumachen, sondern zu sagen: macht kaputt, was euch kaputt macht. Was bedeutet, es ist durchaus möglich.

Wenn der Gradmesser der Emanzipation einer Gesellschaft ihr Verhältnis zu Frauen ist, dann sieht das Subversive bei der Subversiven Aktion ziemlich alt aus. Männer reden über Männer, die angestrebte freie Sexualität war die Befreiung der männlichen Sexualität. Frauen kamen allenfalls als Tippsen oder als psychische Mülleimer in Betracht, eine herausragende Rolle haben sie in diesem Männerclub nicht gespielt. Auch die Texte, wen wundert's, fetischisieren das Männliche. Frauen kommen darin nicht vor. Warum auch?

War's das?

Das kommt auf uns an.

Ich jedenfalls fand das Buch über die Subversive Aktion zuweilen erhellend, weil die Akteure damals noch mit einer gewissen Naivität und einem damit verbunden Erstaunen vor dem Gehirnwäschevollprogramm der von Schelsky so genannten Formierten Gesellschaft standen. Vieles hatte noch spielerische Momente – wer geht schon auf eine Tagung von Werbefritzen und wirft dort ein Flugblatt in die Menge, um sie aufzufordern, mit der Gehirnzukleisterei aufzuhören?

Hört auf mit der totalen Manipulation des Menschen!
Hört auf, den durch Euch verblödeten Menschen auszunützen durch das Einpeitschen immer neuer Parolen!
Hört auf, die Menschen als eine knetbare Masse zu betrachten, die dumpf Eueren eingehämmerten Befehlen gehorcht! [16]

Wer geht noch zur Wahl des Bundespräsidenten und deklamiert:

Es ist bezeichnend für die Struktur dieser Gesellschaft, daß ihre höchste Autorität zugleich das Überflüssigste ist: unentbehrlich allein ist die Autorität der Ware. [17]

Naiv? Unschuldig? Auf jeden Fall nicht so verbissen und ernst. Das kommt erst später und macht eher den zweiten Teil des Bandes aus. Das Herumtheoretisieren macht auf die Dauer ganz schön blöd. Aber es drückt auch eine Suche aus, die Suche danach, diese Gesellschaft auf den Begriff zu bekommen, um sie zu bekämpfen, um alle deformierenden Strukturen abzuschaffen.

Viel Hoffnung hatte man, noch weniger frau, damals nicht. Die Gesellschaft und die darin lebenden Menschen galten als so entfremdet, daß Befreiung eigentlich nicht mehr möglich erschien. Naja, selbst der befreiende Impuls der Studentenbewegung sitzt heute fett mitten in der Bundesregierung. Na – das war's dann wohl doch nicht.

Aber es ist schon spannend, wie das geht, daß ehemalige Linke bei Neonazis oder in der Bundesregierung landen. Die Integrationsfähigkeit ist immer noch vorhanden. Obwohl sich ein Trend abzeichnet, der weniger auf Integration, als vielmehr auf Ausgrenzung und Repression setzt. Neoliberalismus und Integration gehen nicht zusammen. Wer Reformen will, wie unsere Bundesregierung und die mit ihr verbandelten Gesundbeter, will nicht integrieren, sondern das Wolfsgesetz des Marktes.

Und dagegen müßten sich doch eigentlich eine Menge subversiver Gedanken zusammentragen lassen: "Mit dieser Welt gibt es keine Verständigung; wir gehören ihr nur in dem Maße an, wie wir uns gegen sie auflehnen."

Es kann jedoch nicht bei einer oder mehreren kleinen Gruppen stehen bleiben. Das Aufbegehren muß kollektiv werden und den beschränkten Horizont der neoliberal atomisierten kleingeistigen Gesellschaft überschreiten.

The Creatures : Don't Go To Sleep Without Me

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte –

heute mit der Vorstellung des letztes Jahr [2002] im Verlag Neue Kritik neu aufgelegten Bandes über die Subversive Aktion mit dem Untertitel Der Sinn der Organisation ist ihr Scheitern. Auch wenn die darin versammelten Texte aus den Jahren 1962 bis 1967 stammen, sind sie alles andere als verstaubt. So manches läßt sich sicher auch für die heutige politische Praxis nutzbar machen.

Eine Fundgrube also für alle, die sich nicht integrieren lassen wollen. Doch selbst die Nichtintegration in die schöne bunte Warenwelt hat ihren Preis: in diesem Fall 35 Euro. Der Band ist übrigens sehr liebevoll aufbereitet und enthält einige interessante Fotos aus dem Innenleben der Subversiven Aktion.

Zum Schluß noch einmal der Hinweis auf die Veranstaltung zu Jugoslawien mit Kurt Köpruner am Mittwoch, dem 7. Mai [2003], um 19.30 Uhr im Naturfreundehaus in der Darmstraße 4a. Vielleicht möchten Walter Hoffmann und Jochen Partsch ja mitdiskutieren und begründen, warum sie 1999 begeistert den Lügen von Fischer und Scharping aufgesessen sind und deshalb als Kriegsbefürworter in die Annalen eingegangen sind.

Die Musik zu dieser Sendung entstammte den Alben

Diese achtunddreißigste Folge von Tinderbox wird am Dienstag um Mitternacht, sowie nach dem Radiowecker um 8.00 Uhr und noch einmal ab 14.00 Uhr wiederholt, und zwar in voller Länge, also die gesamten zwei Stunden. Das Sendemanuskript zu dieser Sendung gibt es in den nächsten Tagen im Internet unter www.tinderbox.de.vu. Es folgt nun eine Sendung der Kulturredaktion. Am Mikrofon verabschiedet sich Walter Kuhl.

Siouxsie and the Banshees : Peek–A–Boo (Silver Dollar Mix)

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Walter Hoffmann ist ein kriegserprobter sozialdemokratischer Bundestagsabgeordneter. Im Darmstädter Echo vom 15. November 2002 gab er seiner Wichtigkeit ein Profil: "Wir verdienen gut, ich habe keinen Grund zur Klage. Kritikern ist zu sagen: Wir haben eine Sieben–Tage–Woche, oft einen 16–Stunden–Tag, entscheiden über Krieg und Frieden, über Ausgaben von 255 Milliarden Euro." Woraus ich schließen kann, daß Walter Hoffmann sehr genau weiß, warum er dafür war, Jugoslawien zu bombardieren und Saddam zu schonen. Mehr zum Darmstädter SPD–Bundestagsabgeordneten Walter Hoffmann findet sich in einer Sendung, die seine Arbeit vorstellt, in einem Schriftwechsel, in dem er begründet, warum er Putin zugejubelt hat, und natürlich auf seiner eigenen Homepage. Nachtrag: Hoffmann wurde im März 2005 zum Oberbürgermeister von Darmstadt gewählt.
[2]   Siehe hierzu die Besprechung des Buches von Karl Köpruner durch Sonja Vogel.
[3]   Zu den Kongo–Geschäften von H.C. Starck siehe die informativen Seiten der Coordination gegen BAYER–Gefahren. Hierbei beispielsweise die Presse–Information vom 20.12.2001: "Bericht der UNO bekräftigt Vorwurf: Bayer–Tochter H.C. Starck bezieht Rohstoffe aus Bürgerkriegsgebiet"; oder die Presse–Information vom 06.06.2002: "UN–Bericht: Krimineller Rohstoff–Handel aus dem Kongo. Eine Zusammenfassung des UN–Dokuments S/2002/1146 gibt einen Einblick. Darin wird die Ausplünderung des Kongo mitsamt der beteiligten Firmen thematisiert. Leider ist es mir nicht möglich gewesen, einen direkten Link auf das Dokument zu setzen; aus mir nicht bekannten Gründen haben die Bastler der UN–Website hier ein paar Fallstricke eingebaut. Daher der Tip: auf die UN–Website gehen und sich über die Suchfunktion zum Dokument S/2002/1146 ("Final report of the Panel of Experts on the Illegal Exploitation of Natural Resources and Other Forms of Wealth of the Democratic Republic of the Congo") duchklicken. – Und was Fischers Menschenrechtspolitik betrifft: kongolesische Bimbos zählen halt weniger als albanische UÇK–Terroristen.
[4]   Subversive Aktion, Seite 35. Ich habe mir gelegentlich die Freiheit genommen, die Schriftfassung meiner eigenen eigentümlichen Rechtschreibung anzupassen; inhaltliche Auslassungen oder Umformulierungen sind gekennzeichnet.
[5]   Subversive Aktion, Seite 41
[6]   Subversive Aktion, Seite 66
[7]   Subversive Aktion, Seite 10–11
[8]   Subversive Aktion, Seite 74–76
[9]   Der Kabelnetzbetreiber iesy hat zwischenzeitlich die Kabelfrequenzen neu zusammengewürfelt. Radio Darmstadt ist im Kabel auf 99,85 Megahertz zu empfangen. [Stand: März 2006]
[10]  Subversive Aktion, Seite 103–104
[11]  Subversive Aktion, Seite 178–180
[12]  Siehe hierzu auch meine Besprechung des Bandes "Hörfunklandschaft Niedersachsen 2001" in meiner Sendung (Vergleichsweise) Leichte Kost vom 25. August 2003.
[13]  Subversive Aktion, Seite 181–184
[14]   Subversive Aktion, Seite 463
[15]  Subversive Aktion, Seite 468–469
[16]  Subversive Aktion, Seite 147
[17]  Subversive Aktion, Seite 151

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 21. September 2009 aktualisiert.
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