Tinderbox (37)

Vocal Drums – Blicke in den Abgrund

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
Sendung :
Tinderbox (37)
Vocal Drums
Blicke in den Abgrund
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Montag, 17. März 2003, 17.00–18.00 Uhr
 
wiederholt am :
Dienstag, 18. März 2003, 00.00–01.00 Uhr
Dienstag, 18. März 2003, 08.00–09.00 Uhr
Dienstag, 18. März 2003, 14.00–15.00 Uhr
 
 
Besprochenes und benutztes Buch :
Erwin Eckert und Emil Fuchs : Blick in den Abgrund, Pahl-Rugenstein Verlag
 
 
Playlist :
  • The Creatures : Disconnected
  • The Creatures : Turn It On
  • The Creatures : Take Mine
  • The Creatures : Say
  • The Creatures : Another Planet
 
 
Siehe auch die Rezension von Ulrich Peter (Online-Fassung zum Abdruck in CuS 1/2003).
 
 
URL dieser Seite : http://waltpoltik.powerbone.de/tinderbx/tinder37.htm
 
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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung
Kapitel 2 : Regierungsdeklamation
Kapitel 3 : Religiöses Klassenbewußtsein
Kapitel 4 : Die Wochenberichte
Kapitel 5 : Der Abgrund der Weimarer Republik
Kapitel 6 : Eine ausgefallene Veranstaltung
Kapitel 7 : Schluß

Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte / Tinderbox

Tinderbox
Siebenunddreißigster Teil
Vocal Drums
Blicke in den Angrund

The Creatures : Disconnected

Findest du das nicht seltsam oder traurig
daß ich an dich dachte wie an ein vereistes Land?
Mach, daß dein Herz zärtlicher wird,
trenne es nicht von meinem.
Nur als eine kleine Erinnerung, als Andenken.
Wenn du dich traurig fühlst, ohne Glück zu verspüren,
Und wenn du dich gut dabei fühlst,
dann kommt Alaska mit seiner habgierigen Hand.
Und du beginnst nach Sibirien zu verschwinden
und nichts bleibt von dir in arktischer Kälte in der Antarktis.

Eine Variation zum Thema Frühlingsgefühle, gesungen von Siouxsie Sioux auf dem Album Anima Animus ihrer Zweitband The Creatures aus dem Jahr 1999. Siouxsie Sioux, nicht immer Texterin, aber meisterliche Interpretin ihrer Songs, hat ein besonderes Talent, die Abgründe der Seele zu besingen. Ihre Blicke in diese Abgründe sind bestimmt nicht hitparadenverdächtig und meist einfach nur melancholisch dahingeworfen. Dennoch steckt viel Wahres darin, ohne daß sich Siouxsie Sioux dessen auch immer bewußt wäre. Aber sie ist ehrlich genug, diese Abgründe auch zuzulassen und sie nicht zu leugnen.

Mit diesen einleitenden Bemerkungen, die begründen sollen, warum ich für die Vorstellung eines thematisch völlig anderen Buches ausgerechnet die Begleitmusik von Siouxsie Sioux und Budgie alias The Creatures gewählt habe, möchte ich genau zu diesem Buch überleiten und dennoch einen weiteren Schwenker dazwischenlegen.

 

Regierungsdeklamation

Blick in den Abgrund ist der Titel eines Buches, dessen Inhalt in den letzten drei Jahren der Weimarer Republik geschrieben worden ist. Erwin Eckert und Emil Fuchs, die beiden Autoren, haben zwischen 1930 und 1933 in ihren Wochenberichten für das Sonntagsblatt des arbeitenden Volkes wirtschaftliche und politische Gegebenheiten zusammengetragen und damit ein einzigartiges Zeitdokument geschaffen. Dieses Sonntagsblatt des arbeitenden Volkes war die Zeitung des Bundes der religiösen Sozialisten Deutschlands, einer der Sozialdemokratie nahestanden Organisation. Eckert war deren langjähriger Vorsitzender, Fuchs Vorstandsmitglied.

Der Titel für die nach 70 Jahren wieder nachlesbaren Wochenberichte ist wohlgewählt. Sowohl Erwin Eckert, der 1931 von der Sozialdemokratie zur KPD wechselte und dessen Wochenberichte deshalb abgesetzt wurden, als auch Emil Fuchs, der noch bis 1933 auf die Einsicht der Sozialdemokratie hoffte, nicht den kapitalistischen Klassenstaat zu verteidigen, sahen das Ende kommen. Ihre Wochenberichte sind ein Blick in den Abgrund – und was für einer. Sie liefern den Beweis dafür, daß alle hätten wissen können, was auf sie zukommt, wenn sie es denn gewollt hätten.

Doch bevor ich näher auf diese Wochenberichte eingehe, möchte ich einen Zeitsprung zur Regierungserklärung unseres netten freundlichen Bundeskanzlers vom vergangenen Freitag unternehmen. Warum – das wird hoffentlich im Verlauf dieser Stunde klarer.

Gerhard Schröder erklärte im Nebel der neoliberalen Wirtschaftsdoktrin selbstverständlich die Lohnnebenkosten zum zentralen Problem. Genauso selbstverständlich fragt ihn auch Walter Hoffmann [1] nicht, ob es denn mit weniger Lohnnebenkosten mehr Jobs und vor allem Ausbildungsplätze geben würde. Als ehemaliger Gewerkschafter kennt er die Antwort ja auch nur zu gut.

Also, wenn ich mir das mal so überlege: da will ich Existenzgründer werden und schrecke vor diesem Schritt zurück, weil mich die horrenden Lohnnebenkosten belasten werden. Doch freundlich, wie unsere Menschenrechtsregierung nun mal ist, will sie den Existenzgründer entlasten. Ob ernsthaft jemand wegen 200 Euro mehr oder weniger eine oder jemanden nicht einstellt?

Natürlich werden solche Fragen weder in der Fachpresse noch in den einschlägigen Wirtschaftsmagazinen der Öffentlich–Rechtlichen gestellt. Wäre ja auch zu peinlich, wenn herauskäme, wozu der ganze Aufwand gemacht wird. Dabei ist das ganz klar: Konkurrenz belebt das Geschäft. Es wird zwar keine neuen Jobs geben, zumindest nicht in der Summe, aber die alten sollen gefälligst so umverteilt werden, daß die Arbeitenden zwar nicht wissen, wie sie davon leben sollen, aber das muß ja die Besserverdienenden nicht kümmern.

Der Hohn, aber auch in der Logik des Ganzen: während Schröder drastische Einschnitte ins soziale Flicknetz verspricht, ist er unter seinesgleichen moderat. Für Minister ist nur eine Nullrunde geplant. Also – die Besserverdienenden werden nicht mal kurz auf 70% oder noch weniger gestutzt. Wie sollte Schröder denn auch sonst sein Eigenheim abstottern?

Einen tiefen Einschnitt ins soziale Netz müssen jedoch auch unsere leidgeprüften Kapitalisten hinnehmen. Der Firma Merck, kurz vor dem Bankrott, weil sie nicht weiß, wohin mit dem vielen Geld, das sie verdient, werden mal kurz 80 Millionen in den Rachen geworfen. Geld, das natürlich an anderer Stelle wieder abkassiert werden muß, und ganz gewiß nicht an der Eigenheimzulage des Bundeskanzlers.

Und Stoiber – unser Möchtegernkanzler? Nun, viele Sympathien sind der CDU in den letzten Wahlen entgegengeflogen, obwohl es eher eine Abstrafung der SPD war. Aber vielleicht hat Stoiber so richtig auf Volkes Stimme gehört. Er möchte den Kündigungsschutz für 80% aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gleich ganz abschaffen. Naja, nur eine Diskussionsgrundlage, rudert er nach parteiinterner Kritik zurück. Komisch nur, daß alle diese Diskussionsgrundlagen im Laufe der Zeit auch umgesetzt worden sind.

Der neoliberale Durchmarsch ist allerdings noch lange nicht vorbei. Freund Westerwelle hat die Richtung ja auch schon einmal vorgegeben: Zerschlagt die Gewerkschaften! Aber das wird einer anderen Regierung vorbehalten sein, spätestens im Jahr 2006, wenn die Sozialdemokraten zum einen das Feld bereitet und zum anderen ihre Schuldigkeit getan haben. Daß diese Partei nichts lernt, liegt nicht etwa an mangelnder Bildung, sondern daran, daß sie viel zu tief selbst im Sumpf mit drinsteckt. Das Sein bestimmt das Bewußtsein.

The Creatures : Turn It On

 

Religiöses Klassenbewußtsein

Die insgesamt 91 Wochenberichte von Erwin Eckert und Emil Fuchs lassen sich in zwei Zeiträume unterteilen. Dies liegt vor allem daran, daß Erwin Eckert, der radikalere der beiden, den Anfang machte. Eckert schrieb seine Wochenberichte zwischen Oktober 1930 und August 1931. Seine Aussagen waren prononcierter als die von Emil Fuchs, der ihm nachfolgte. Er kannte die Antworten auf viele seiner Fragen und Kommentare schon. Eckerts Schritt, der KPD beizutreten, war folgerichtig. Der SPD traute er es nicht mehr zu, gegen den aufkommenden Faschismus zu mobilisieren, nicht zuletzt deshalb, weil die SPD gerade am Ende der Weimarer Republik jeden Versuch der Krisenbewältigung des deutschen Kapitals auf Kosten der arbeitenden Bevölkerung unterstützt hatte.

Buchcover Blick in den AbgrundDas macht aus seinen Berichten jedoch keine Propagandaschrift. Im Gegenteil. Mitunter reichte es ihm völlig aus, Lohnraub und Dividende nebeneinanderzustellen. Die nackten Tatsachen sprachen für sich und zu denen, die gewillt waren, sie zur Kenntnis zu nehmen. Darin lag vielleicht sein Problem. Seine Organisation, der Bund der religiösen Sozialisten, war nie so radikal und klassenbewußt, wie er es war. Bevor er wegen seines Übertritts zur KPD ausgeschlossen wurde, ging er lieber.

Vergessen wir nicht: sowohl Erwin Eckert wie auch Emil Fuchs waren Pfarrer – Fuchs kam übrigens aus Beerfelden im Odenwald und machte sein Abitur in Darmstadt. Doch sie verstanden beide ihre religiöse Überzeugung nicht so, daß das Paradies im Jenseits wartete, sondern daß es hier und heute zu erkämpfen sei. Vor allem Erwin Eckert war eine durchaus bekannte Persönlichkeit der Weimarer Republik. Zu seinen Vorträgen kamen Tausende, denn er hatte etwas zu sagen, er hatte eine Vision davon, wie der kapitalistische Klassenstaat überwunden werden kann, der im Begriff stand, die Nazis die Henkersarbeit erledigen zu lassen.

Beide, Eckert wie Fuchs, waren als religiöse Sozialisten von der Richtigkeit der Marx'schen Theorie vollkommen überzeugt. Der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit sprang ja auch direkt ins Auge. Und mit diesem Werkzeug schrieben sie auch das, was sie lasen und hörten, nieder. Ideologische Plattheiten sind auch dabei. Aber es sind wenige und sie stören nicht.

Die Wochenberichte von Emil Fuchs sind in ihrer Diktion vielleicht weniger radikal. Aber sie gehen der Konsequenz ihrer Darstellung nicht aus dem Weg. Fuchs sah genau, wohin die Weimarer Republik driftete und sein Appell an die beiden großen Arbeiterparteien, doch endlich gemeinsam zu handeln, war wohlbegründet. Seine naive Hoffnung, die SPD könne wider ihr eigenes Interesse am Kapitalismus handeln, war jedoch vergeblich. Und die KPD war aus gutem Grund der Weimarer Republik radikal entgegengesetzt. Jedoch zu radikal gefangen in ihren Worthülsen und ihrer Abhängigkeit von Stalin.

Ich werde nachher aus den Wochenberichten von Emil Fuchs einige Passagen vortragen, besser gesagt: vortragen lassen. Diese mögen verdeutlichen, was das besondere an den Wochenberichten gewesen ist und warum es auch heute sinnvoll ist, sich damit näher zu beschäftigen.

Daher noch einmal zurück zu Erwin Eckerts Wochenberichten. Frappierend sind die Parallelen im Angriff auf die Errungenschaften der Arbeiterbewegung. Natürlich gibt es klare Unterschiede – heute steht nicht der Faschismus vor der Tür. Lohnraub geschieht heute weniger durch das nackte Diktat einer 10% oder 20%–igen Lohnsenkung, sondern durch die Kürzung der Sozialleistungen und den sogenannten Eigenanteil.

Doch die Dreistigkeit, mit der sich das Kapital bedient, findet sich auch heute. Während damals neue Panzerkreuzer gebaut wurden und gleichzeitig die Beamtengehälter gekürzt wurden, wurden die Arbeitslosen genauso wie heute hin- und hergeschubst. Selbstverständlich dachte man an sie als erste, wenn es darum ging, Sozialleistungen zu kürzen. Heute heißt das Zusammenlegen der Sozial– und der Arbeitslosenhilfe auf das niedrigst mögliche Niveau, damals wurde per Notverordnung einfach die Krisenfürsorge eingestellt. Was die Panzerkreuzer damals, ist die deutsche Interventionsarmee heute. Wer stellt schon den Sinn einer Armee in Frage, die noch gebraucht wird? Sowohl Eckert als auch Fuchs waren ohne Illusion über die Zukunft dieser Aufrüstung. Beide kommentierten das allgemeine Wettrüsten und beide wußten, wo das enden würde. Beide ahnten nicht, wie schlimm es wirklich enden würde.

Erwin Eckert notierte daneben die Entlassungen wie auch die Dividendenzahlungen der einzelnen Betriebe und Konzerne. Daß der Aktienkurs stieg, wenn Entlassungen anstanden, ist kein heutiges Phänomen.

Noch ein weiteres läßt sich aus den Wochenberichten herauslesen, wenn auch nur selten so klar benannt: die Zerstörung sozialer Netze und Zusammenhänge, die Perspektivlosigkeit jugendlicher Arbeitsloser, Entlassungen und Lohndiktate, aber auch der dies unterstützende Kurs der SPD führten zu einem ungemeinen Trend zur Entsolidarisierung. Und vereinzelte perspektivlose Massen waren das beste Futter, was sich die Nazis wünschen konnten. Anstatt das Klassenbewußtsein durch aktives Handeln zu fördern, wurde gemaßregelt und sich weggeduckt. Duckmäuser sind jedoch bekanntlich die besten Radfahrer und Gesinnungstäter.

Dies mag als erstes genügen. Ich denke, es lohnt sich, selbst in den Wochenberichten zu stöbern. Es sind weniger die Fakten, die neu sind, es ist die Zusammenfassung, der Standpunkt, der so manches in ein anderes Licht rückt – anders zumindest, als unser Schul– und Fernsehwissen uns den Untergang der Weimarer Republik schildern.

Ergänzt werden die Wochenberichte durch eine fundierte Einführung, welche auch die Bedeutung des Bundes der religiösen Sozialisten im Spannungsfeld der beiden großen Arbeiterparteien beleuchtet, sowie durch ein Personenregister. Letzteres ist insofern von Bedeutung, weil die Wochenberichte auf tagesaktuelle Ereignisse eingehen, die für heutige Leserinnen und Leser erst noch wiederzuentdecken sind. Hinzu kommt eine informative Biographie beider Autoren.

Die Wochenberichte von Erwin Eckert und Emil Fuchs sind unter dem Titel Blick in den Abgrund im Pahl–Rugenstein Verlag erschienen; Preis: 32 Euro. Nachfolgend liest aus den Wochenberichten von Emil Fuchs der Marburger Liedermacher Johannes M. Becker.

The Creatures : Take Mine

 

Die Wochenberichte

Im weiteren Verlauf der Sendung wurde aus den Wochenberichten vom 8.–14. August 1932 bis zum 13.–20. November 1932 auszugsweise vorgelesen.

The Creatures : Say

Die Weltkatastrophe, deren Mittelpunkt Deutschland heißt, geht weiter. Von unserem klaren Mut hängt mehr ab als nur Deutschlands Existenz. Zumindest für Europa geht es um die Frage: Rettung der Kultur oder Zurücksinken in hoffnungslose Verelendung und Barbarei? [2]

 

Der Abgrund der Weimarer Republik

Blick in den Abgrund – die Wochenberichte von Erwin Eckert und Emil Fuchs aus den Jahren 1930 bis 1933 sind im Pahl–Rugenstein Verlag erschienen. Der Sprecher war Johannes M. Becker, Liedermacher aus Marburg.

Eckerts und Fuchs' begleitende, kommentierende und interpretierende Darstellung ist gerade deshalb eine besondere, weil sie nicht vom Standpunkt der Verteidigung der Weimarer Republik ausgeht.

Der klar formulierte Klassenstandpunkt beider Autoren ermöglichte es ihnen, nicht nur solidarisch zu sein mit allen Ausgebeuteten und Unterdrückten – übrigens weltweit. Ihre Berichte sind nicht auf Deutschland beschränkt. Sie begreifen den Kolonialismus als Spiegelbild derselben Medaille. Lohnraub und koloniale Unterdrückung gehen Hand in Hand und – erfordern Widerstand. Das ist eigentlich selbstverständlich, wurde jedoch innerhalb des Bürgertums selten so und schon gar nicht so entschieden formuliert.

Nein das besondere dieser Berichte liegt darin, daß Eckert und Fuchs in all ihrer Unterschiedlichkeit zum selben Ergebnis kommen mußten: nur der gemeinsame solidarische Klassenwiderstand, die Einheitsfront von Sozialdemokraten und Kommunistinnen, kann den Faschismus verhindern.

Das Bürgertum (also die berühmte Mitte der Gesellschaft), so zerstritten, so naserümpfend, so angewidert es auch zuweilen von Hitlers Nazis gewesen sein mag – das Bürgertum hat letzten Endes kein Interesse an proletarischer Klassensolidarität, sehr wohl aber eins an einem prächtig florierenden Kapitalismus. Die Nazis und ihre Methoden wurden daher für den hierzu notwendigen Krieg billigend in Kauf genommen.

Worin die Parallelen zu heute liegen könnten, auch ohne Nazis, überlasse ich eurer Phantasie – oder vielleicht genauer: eurer Wahrnehmung, eurer Einschätzung und eurer Bereitschaft, das Unmögliche, den Abgrund, zu denken. Das 20. Jahrhundert mag als das Jahrhundert der Barbarei in die Geschichte eingehen. Das 21. wird jedoch kein Deut besser werden.

Und vielleicht noch eine Anmerkung, weil dies auch in den Wochenberichten so hervorkommt: Der Antisemitismus der Weimarer Republik ist fast überhaupt nicht präsent. Das mag an der Form der Wahrnehmung der Klassenwidersprüche in der Weimarer Republik gelegen haben, das mag auch daran gelegen haben, daß beide sich als religiöse Sozialisten, aber eben vor allen Dingen als dem Proletariat gegenüber solidarische religiöse Sozialisten begriffen haben und das Völkische, das Antisemitische dabei oftmals übersehen haben. Das ist vielleicht auch der einzig nennenswerte Schwachpunkt ihrer Analysen.

Die Wochenberichte von Erwin Eckert und Emil Fuchs geben selbst heute und sogar für heute genügend Stoff zum Nachdenken. Ein spannendes, erhellendes und überhaupt nicht langweiliges Geschichtsbuch also. Der rund 650 Seiten starke Band hat jedoch seinen Preis: 32 Euro.

 

Eine ausgefallene Veranstaltung

Jingle Alltag und Geschichte

Zum Schluß ein Veranstaltungshinweis auf eine Veranstaltung, die es in Darmstadt nicht geben wird. – Eine Tradition, die in der Weimarer Republik aus gutem Grund gepflegt wurde und erst Mitte der 90er Jahre wieder aufgenommen wurde, ist der Kampftag zur Freilassung der politischen Gefangenen am 18. März eines jeden Jahres. Bezugspunkt für dieses Datum ist die Pariser Commune von 1871.

Just an diesem Tag wurde ein Putschversuch des Bürgertums vereitelt und die am Putsch nicht interessierten Einwohnerinnen und Einwohner von Paris gaben sich eine eigene Regierung. Das Unerhörte liegt nicht nur darin, daß die ausgebeuteten und unterdrückten Klassen von Paris gemeinsame Sache machten und ihre Ausbeuter davonjagten. Das Unerhörte liegt erst recht darin, daß sie der nationalen Solidarität mit ihren Ausbeutern abschworen und gar nicht daran dachten, mit diesen zusammen die preußischen Truppen vor der Stadt zu bekämpfen.

Und so wie das Bürgertum 1933 auf die Nazis setzte, um bei Eroberungskrieg, Ausplünderung und Lohnraub freie Hand zu haben, so setzte das französische Bürgertum von 1871 ausgerechnet auf den Feind vor den eigenen Toren. Ein Stillhalteabkommen mit Preußen ermöglichte es der französischen Armee, im Frühjahr 1871 ein Blutbad anzurichten. Soviel zum Thema Patriotismus des Bürgertums, der sich für Kriegsminister Struck sowieso am Hindukusch zu bewähren hat. Dank Nachrichtensperre erfahren wir von den Opfern dieses Patriotismus nichts.

Freiheit für alle politischen GefangenenDie Weimarer Republik war auf jeden Fall eine permanente Kampfansage an die klassenbewußten Arbeiterinnen und Arbeiter. Verhaftungen, Gefängnisstrafen und das Verbot mißliebiger Publikationen und Organisationen waren an der Tagesordnung. Der Kampftag zur Freilassung der politischen Gefangenen hatte also einen tiefen und berechtigten Grund.

Nun leben wir in der Ära der Menschenrechte und müssen uns fragen – politische Gefangene, gibt's die denn überhaupt noch? Ja, natürlich, es gibt sie. Im Menschenrechtseuropa eines Fischer und Schröder wird natürlich auch gefoltert, eingeknastet und verboten – etwa im Baskenland. Politische Gefangene, also Menschen, die sich Ausbeutung, Unterdrückung und Verfolgung widersetzt haben, sitzen in so ziemlich jedem Land der europäischen Menschenrechtsunion ein. Von den USA oder dem Menschenrechtskandidaten Türkei einmal ganz zu schweigen.

Mehr zum Thema Knast, politische Gefangene und dem Kampf um ihre Freiheit gibt es am Montag, dem 31. März, ab 17.00 Uhr hier auf Radio Darmstadt zu hören. Anlaß ist der 10. Jahrestag des wohl lautesten Knalls im Darmstadt der Nachkriegszeit. Am Morgen des 27. März 1993 lag der nicht ganz fertig gestellte Bau des Hochsicherheitsknastes Weiterstadt in Trümmern. Eine, die deswegen auch verurteilt wurde, sitzt immer noch im Knast: Birgit Hogefeld.

 

Schluß

Diese Sendung wird am Dienstag um Mitternacht, sowie nach dem Radiowecker um 8.00 Uhr und noch einmal ab 14.00 Uhr wiederholt. Das Sendemanuskript zu dieser Sendung gibt es in den nächsten Tagen im Internet unter www.waltpolitik.de und unter www.tinderbox.de.vu. Es folgt nun eine Sendung der Kulturredaktion.

Doch zuvor noch einmal die Creatures mit dem Stück Another Planet. Am Mikrofon verabschiedet sich Walter Kuhl.

The Creatures : Another Planet

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Walter Hoffmann war zum Zeitpunkt der Sendung Schröder- und Clement-treuer SPD-Bundestagsabgeordneter und wurde 2005 zum Oberbürgermeister von Darmstadt gewählt.
[2]   Erwin Eckert / Emil Fuchs : Blick in den Abgrund, Seite 497

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 21. September 2009 aktualisiert.
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