Tinderbox, 32. Folge

The Rapture

Unerfreuliche Jubiläen

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
In der Sendung vom 21. Oktober 2002 ließ ich unterschiedliche Stimmen anläßlich des 25. Jahrestages des Deutschen Herbstes 1977 zu Gehör kommen..
 
Sendung :
Tinderbox, 32. Folge
The Rapture
Unerfreuliche Jubiläen
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Montag, 21. Oktober 2002, 17.00–18.00 Uhr
 
wiederholt am :
Dienstag, 22. Oktober 2002, 00.00–01.00 Uhr
Dienstag, 22. Oktober 2002, 08.00–09.00 Uhr
Dienstag, 22. Oktober 2002, 14.00–15.00 Uhr
 
 
Besprochene und benutzte Bücher :
  • Ein Deutscher Herbst, Verlag Neue Kritik
  • Oliver Tolmein : Stammheim vergessen, Konkret Literatur Verlag
  • Karl-Heinz Weidenhammer : Selbstmord oder Mord, Neuer Malik Verlag
  • Pieter Bakker–Schut : Stammheim, Neuer Malik Verlag
  • Oliver Tolmein und Irmgard Möller : RAF – Das war für uns Befreiung, Konkret Literatur Verlag
  • Odranoel, Verlag Libertäre Assoziation
 
 
Playlist :
  • Siouxsie and the Banshees : Dazzle (Glamour Mix)
  • Siouxsie and the Banshees : Sick Child
  • Siouxsie and the Banshees : The Lonely One
  • Siouxsie and the Banshees : The Rapture
 
 
URL dieser Seite : http://www.waltpolitik.powerbone.de/tinderbx/tinder32.htm
 
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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung
Kapitel 2 : Verglimpfung als Staatsraison
Kapitel 3 : Unterschlagene Beweismittel
Kapitel 4 : Ein zurecht gefeierter Repräsentant
Kapitel 5 : Gedanken gegen die Mauern
Kapitel 6 : Schluß
Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte / Tinderbox

Tinderbox
Zweiunddreißigster Teil
The Rapture
Unerfreuliche Jubiläen

 
Siouxsie and the Banshees : Dazzle (Glamour Mix)
 

Manche Jubiläen sind nicht so erfreulich wie andere. Siouxsie and the Banshees beendeten ihre Bandkarriere (zumindest vorläufig) nach 20 Jahren 1996 nach dem Erscheinen ihres letzten gemeinsamen Albums The Rapture. Dennoch gaben die drei wichtigsten Bandmitglieder Susan Dallion, Steven Severin und Budgie alias Peter Clarke dieses Jahr mehrere Konzerte, was die Gerüchteküche so allerhand vermuten ließ. Doch lassen wir die Gerüchte beiseite und widmen uns den harten Fakten.

Ein Fakt ist, daß Siouxsie and the Banshees 1996 zu einem Zeitpunkt aufhörten, als die Plattenindustrie bemerkte, daß mit den Punk– und Wave–Gruppen der Endsiebziger noch einmal Geld zu verdienen war. Verwursten lassen wollten sie sich jedoch nicht. Also zogen sie nach 20 Jahren den Schlußstrich unter eine Entwicklung, die 1976 niemand und keine auch nur im Entferntesten hätte erahnen können. Damals – 1976 – stiegen einige untalentierte Punkfans auf die Bühne, um so lange Krach zu machen und herumzukreischen, bis sie von der Bühne geworfen würden. Das Vorhaben ging schief; dieser Kurzauftritt erlangte Kultstatus. Eine geradezu geniale Version des Vaterunser wurde zur Geburtsstunde von Siouxsie and the Banshees. Zu hören übrigens in einer Studiofassung auf dem Album Join Hands aus dem Jahr 1979.

Dazzle, das wir gerade in einer Fassung aus dem Jahr 1984 gehört haben, entstammt der Bonus CD zum soeben erschienenen Album The Best of Siouxsie and the Banshees. Wie so meist, bin ich auch hier völlig anderer Meinung. Dieses Album werde ich jedoch zu einem späteren Zeitpunkt vorstellen. Denn in meiner Chronologie der Band bin ich im Jahr 1995 gelandet, bei ihrem letzten Album The Rapture, von dem die übrigen Stücke meiner heutigen Sendung stammen werden.

Für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt begrüßt euch Walter Kuhl.

 

Verglimpfung als Staatsraison

Doch ich werde in den 70ern verbleiben. Am vergangenen Freitag jährte sich zum 25. Mal das Datum der Befreiung der Geiseln in der entführten Lufthansa–Maschine Landshut und der Todesnacht von Stammheim. Die Chronistinnen und Reporter unserer Tage wissen hierzu nur zu vermelden, daß sich die Gefangenen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan Carl Raspe das Leben genommen hatten.

Manchmal frage ich mich, ob Journalismus etwas mit Hellseherei zu tun hat. Denn das Problem dieser höchstoffiziellen Staatsversion ist, daß sie nie bewiesen worden ist. Im Gegenteil – unabhängige Nachforschungen haben ergeben, daß es mehr offene Fragen als plausible Antworten gibt. Darüber mehr im Verlauf dieser Sendung.

Ich kann es mir hier sehr einfach machen. Die staatlichen Behörden müßten nur die verschlossenen Tonbänder der abgehörten Gespräche der Gefangenen in Stammheim der Öffentlichkeit zugänglich machen; und schon wären alle Zweifel ausgeräumt. Die Tatasche, daß dies nicht geschehen ist, läßt nur zwei Schlüsse zu: entweder gibt es solche Bänder nicht oder sie enthalten Dinge, die aus Gründen der Staatsraison besser nicht veröffentlicht werden. Es gibt jedoch gute Gründe, davon auszugehen, daß zumindest im Oktober 1977 diese Bänder existiert haben.

Doch bevor ich hier weitermache, noch eine Vorbemerkung zur speziellen Problematik von Äußerungen zur sogenannten Todesnacht von Stammheim. Noch bis Ende der 80er Jahre wurde es als Werbung für eine terroristische Vereinigung gewertet, wenn behauptet wurde, Ulrike Meinhof oder die drei toten Gefangenen im Stammheimer Hochsicherheitsgefängnis hätten sich nicht selbst umgebracht. Noch im Herbst 1988 wurde eine Tübinger Studentin deswegen in Stammheim zu sechs Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt.

Das Recht der freien Meinungsäußerung endet bekanntlich dort, wo die Staatsraison (oder – wie das in den USA heißt – die nationale Sicherheit) berührt wird. Deswegen gibt es in Deutschland auch einen ganz speziellen Paragraphen, der dafür sorgt, daß Zweifel an der Integrität des Staates und seiner Organe tunlichst nicht geäußert werden: Es handelt sich hierbei um den Paragraphen 90a des Strafgesetzbuches mit dem seltsamen Titel Verunglimpfung des Staates und seiner Symbole. Vielleicht erinnert sich die eine oder der andere an die Zeiten des Widerstandes gegen den Bau der Startbahn West des Frankfurter Flughafens. Damals erregte ein mit Polizeiknüppel versehener Hessenlöwe die Aufmerksamkeit der Verfolgungsbehörden. Allerdings frage ich mich: was, bitte sehr, ist dann das Gegenteil von Verunglimpfung – Verglimpfung etwa? Was ist Verglimpfung des Staates? Manchmal ist die Staatsschutzjustiz von einer unfreiwilligen Komik.

Wenn ich also an dieser Stelle behaupten würde, die Gefangenen in Stammheim seien ermordet worden, würde ich mich demnach strafbar machen. Gut, Werbung für eine terroristische Vereinigung würde wohl flachfallen, weil es die Rote Armee Fraktion nicht mehr gibt. Aber Verunglimpfung ist auch kein schlechtes Delikt, um Hausdurchsuchungen, erkennungsdienstliche Mißhandlungen oder ähnliche Scherze zu rechtfertigen. Allerdings ist es ja auch irgendwie richtig – denn den Beweis könnte ich nie antreten. Mir fehlen ja die Bänder, auf die ich gleich zu sprechen kommen werde. Also werde ich das tun, was brave Staatsbürger tun: ich werde den Staat verglimpfen. Allerdings macht er es mir nicht ganz leicht. Denn, wie gesagt, die Staatsversion ist ebenso unbewiesen. Reine Behauptung. Etwa so wie der Hufeisenplan von Rudolf Scharping, mit dem er den Angriffskrieg der NATO gegen Jugoslawien begründete.

Ich werde am Ende der Sendung auf einige wichtige Bücher zum Thema verweisen, denn es ist in einem freien Land wie diesem durchaus möglich, mehr als die staatsoffizielle Version zu erfahren. Allerdings würden mir die Tonbänder vom Oktober 1977 durchaus weiterhelfen.

 
Siouxsie and the Banshees : Sick Child

 

Unterschlagene Beweismittel

In der in Berlin erscheinenden linken Wochenzeitschrift Jungle World wird in der Ausgabe vom vergangenen Mittwoch zur Aufklärung der tatsächlichen Geschehnisse des Deutschen Herbstes 1977 die Öffnung der Archive aller beteiligten Behörden und Ministerien gefordert.

Wir denken, dass es Zeit ist zu klären, wie die Gefangenen zu Tode kamen. Die Beantwortung dieser und anderer Fragen aus dem Herbst 1977 erscheint uns historisch wichtig. Wir denken aber auch, dass ihre Beantwortung politisch relevant ist. Vor dem Hintergrund der aktuellen Maßnahmen gegen den internationalen Terrorismus könnten daraus Schlüsse gezogen werden, was in einem demokratisch verfassten Staatswesen wie der Bundesrepublik in einer Krisensituation möglich ist oder inwieweit die politischen Kontrollmechanismen auch in einer solchen Lage noch wirken. [1]

Allerdings geht dieser Aufruf davon aus, daß ein kapitalistischer Staat derartiger Kontrollen bedarf. Das halte ich für fragwürdig. Wesentlich für die Erreichung strategischer Ziele ist doch der Ausnahmezustand nicht als Ausnahme, sondern als Methode. Dennoch verweist die letzte Ausgabe der Jungle World noch einmal eindringlich auf die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit der staatlichen Politik Mitte und Ende der 70er Jahre. Nachzulesen im übrigen auch in der Internetausgabe der Jungle World.

Woher das Mißtrauen? Nun – im März 1977 mußten die beiden baden–württembergischen Minister Karl Schieß und Traugott Bender zugeben, daß im Stammheimer Knast illegal Wanzen angebracht worden waren, um die Gefangenen zu belauschen. Anlaß war angeblich die Entführung des CDU–Spitzenpolitikers Peter Lorenz im Februar 1975. Aus Anlaß der Festnahme zweier RAF–Mitglieder Ende 1976 sei der Lauschangriff noch einmal für anderthalb Monate durchgeführt worden.

Nach der Entführung des Ex–Nazis und späteren Arbeitgeberpräsidenten Hanns–Martin Schleyer Anfang September 1977 wurde ohne irgendeine rechtliche Grundlage die sogenannte Kontaktsperre durchgeführt. Mit einem Riesen–Polizeiaufgebot, mit Rasterfahndung, Observationen und präventiven Festnahmen wurde versucht, das Versteck herauszufinden. Ausgerechnet während des angeblich allerhöchsten Staatsnotstandes sollen die Wanzen deaktiviert geblieben sein? Kann ich mir nicht vorstellen.

Bundeskanzler Helmut Schmidt hat ja auch nachher zugegeben, daß er froh sei, daß kein Verfassungsrechtler die Maßnahmen seiner Regierung nachträglich überprüft habe. Im September 1977 fand der offene Verfassungsbruch statt. Ohne Wanzen? Wer's glaubt … – Traugott …

Doch was meinte die linke Presse nach den angeblich unbelauschten Toden von Stammheim? Dazu gleich ein Beitrag von Radio Dreyeckland. Zuvor noch einige Hinweise, ohne die dieser Beitrag noch schwererer verständlich wird. Der darin erwähnte Hans Filbinger war damals Ministerpräsident des Abhörlandes Baden–Württemberg. Die Courage war damals neben der Emma die zweite wichtige feministische Zeitschrift. Den Arbeiterkampf gibt es noch heute, nur heißt er zeitgeistgemäß Analyse und Kritik. Und der Pflasterstrand war die Zeitschrift der Frankfurter Spontis unter Daniel Cohn–Bendit und einem heute unbekannten Politiker namens Joschka Fischer, vertrat also schon damals die Fleischtopffraktion.

Doch nun der Beitrag vom freien Radio Dreyeckland aus Freiburg, der beleuchtet, wie damals die staatliche Hysterie auch gesehen wurde. [2]

 
Siouxsie and the Banshees : The Lonely One

 

Ein zurecht gefeierter Repräsentant

Der Journalist Otto Köhler hat vor fünf Jahren in der Zeitschrift konkret Hanns–Martin Schleyers Nazizeit in einem sehr lesenswerten Aufsatz nachgestellt. 1931 trat Schleyer demnach schon als 16–jähriger der Hitlerjugend bei. 1933 wechselte er in schwarzer SS–Uniform mit goldenem Ehrenzeichen auf die Universität Heidelberg. 1935 sagte er: Ich muß es allerdings ablehnen, daß man den Begriff der Treue, der uns Deutschen heilig ist, in irgendeiner Weise mit Juden in Verbindung bringt …

1941 begann er seine Unternehmerkarriere. Sicherheitsdienst–Chef Reinhard Heydrich übergibt ihm die Leitung des Präsidialbüros des Zentralverbands der Industrie für Böhmen und Mähren. Er sagte später gegenüber Bernt Engelmann, der 1976 ein Buch über die Schleyer–Kohl–Strauß–Connection unter dem Titel Großes Bundesverdienstkreuz geschrieben hatte, er sei tatsächlich ein SS–Haudegen, ein toller Hecht, auch der letzte Kampfkommandant von Prag gewesen. Und habe schmunzelnd hinzugefügt, Engelmann habe das Schlimmste nicht herausgekriegt. Das läßt Engelmann keine Ruhe. Er recherchiert in Prag. Er stellt fest, daß der letzte Kampfkommandant Prag als mutmaßlicher Massenmörder an Frauen und Kindern verlassen hatte. Dazu Otto Köhler in der konkret:

Am 5. Mai 1945, zwei Tage vor der deutschen Kapitulation, umzingelten tschechische Aufständische ein Schulgebäude, in dem sich eine SS–Abteilung verschanzt hatte, die 20 Geiseln in ihrer Gewalt hatte. Ein Parlamentär handelte freien Abzug für die Geiseln aus gegen Garantien für die SS–Leute. Der SS–Kampfkommandant verlangte, daß man seine Frau und sein Kind aus der Wohnung herbeibringe. Sie wurden gegen die Geiseln ausgetauscht, und die tschechischen Aufständischen zogen sich vereinbarungsgemäß zurück. Am nächsten Morgen richtete die SS in unmittelbarer Nähe des Schulgebäudes ein Massaker an: 41 Menschen, unbewaffnete ältere Männer, Kinder unter drei Jahren und Frauen, darunter zwei Hochschwangere, waren die Opfer.

Schleyer war nach Engelmanns Ermittlungen der einzige SS–Führer in Prag, auf den die Beschreibungen der Tschechen paßten. In Heinrich Breloers Fernsehdokumentation Todesspiel darf Schleyers Witwe unwidersprochen verkünden, daß Schleyer von nichts gewußt und nie eine Uniform getragen habe. Breloers Fernsehspiel wurde ja auch deshalb allenthalben gerühmt. Ein Kommentar erübrigt sich. Und entsprechend selbstverständlich wurde vergangene Woche mit einem Staatsakt Schleyer geehrt. Die Toten von Prag fallen unter das übliche Vergessen.

Man und frau kann mir vorwerfen, die Toten nicht ruhen zu lassen, nicht ausgewogen zu sein und vor allem, mich nicht ausreichend vom Terrorismus distanziert zu haben. Die ausgewogene Kost jedoch besteht aus Lügen, unbewiesenen Behauptungen, Geschichtsfälschungen. Wie bei Hanns–Martin Schleyer. Meine Ausgewogenheit läßt die andere Seite zu Wort kommen.

 

Gedanken gegen die Mauern

Vor zehn Jahren schrieb der ehemalige Gefangene aus der Roten Armee Fraktion Lutz Taufer einen der bemerkenswertesten und nachdenklichsten Aufsätze, die je über die deutsche Stadtguerilla geschrieben worden sind. Im folgenden möchte ich aus diesem Aufsatz – er heißt Gedanken gegen die Mauern – einige Passagen vorlesen. [3]

Soweit Lutz Taufer in seinen Gedanken gegen die Mauern. – Im Sommer dieses Jahres war in Stuttgart eine Ausstellung der immer noch inhaftierten Eva Haule zu sehen. Dorothea Mann vom freien Radio Wüste Welle aus Tübingen hat versucht, diese Ausstellung mit Haftbedingungen und gesellschaftlichen Verhältnissen in Zusammenhang zu bringen. Hier ihr Beitrag:

Wie soll man das beschreiben, wenn man tagein–tagaus über die Jahre nur das Gleiche sieht, die gleichen Wege geht? Das reduziert den Blick, das stumpft ihn ab. Das Fotografieren macht den Blick wieder auf.

Eva Haule, geboren 1954, ist Gefangene im Frauengefängnis Frankfurt–Preungesheim. Sie wurde 1986 verhaftet und als Mitglied der RAF zu lebenslänglich verurteilt. Seit 1992 hat sie die Möglichkeit, im Gefängnis angebotene Fotokurse zu besuchen. Sie erlernte das fotografische Handwerk unter Gefängnisbedingungen: alle zwei Wochen vier Stunden Fotokurs plus zwei Stunden Dunkelkammer, einfache technische Ausrüstung, wenig Material.

Zur Zeit ist in Stuttgart eine Ausstellung mit Fotoarbeiten von Eva Haule zu sehen. Die Fotos sind im Gefängnis entstanden: 12 Blumenbilder in Farbe und 28 Schwarzweiß–Porträts von Frauen. Frauen, mit denen Eva Haule sich verbunden fühlt.

Was mich angezogen hat an ihnen: Sie tragen ihr hartes Leben mit Würde und Schönheit. Sind trotz allem, was sie durchgemacht haben – Leben auf der Straße als Drogenabhängige, Gewalterfahrungen, Krankheiten, Armut – nicht zerstört, nicht abgebrüht,

schreibt sie. Und über sich selbst als Fotografin:

Von mir wissen die Frauen, dass ich sie mit Achtung und Respekt anschaue und so fotografiere. Nur so konnten diese Bilder entstehen.

Die Frauen zeigen sich, wie sie sind. Keine präsentiert sich für ein imaginäres Publikum. Denn die Fotos waren ursprünglich nicht für die Öffentlichkeit, sondern für Freunde und Freundinnen gedacht. Drei Jahre hat es gedauert, bis die Bilder entstanden sind. Jede Fotosession musste vom Sicherheitsdienst und der Anstaltsleitung genehmigt werden, die Frauen hatten Einverständniserklärungen zu unterschreiben – eine langwierige Prozedur.

Eine kleine Lupe, die einem Versandhauskatalog beilag, brachte Eva Haule auf die Idee, Nahaufnahmen von Blumen damit zu machen. Durch die Lupe betrachtet gab es nur noch die Blume und sonst nichts – sinnlich, erotisch, kraftvoll. Die Lupe, vor die Kamera gehalten, wurde ihr Makro–Objektiv, durch das sie die Blüten fotografiert hat.

Eva Haule ist seit mehr als 15 Jahren im Gefängnis, ebenso wie Christian Klar, Brigitte Mohnhaupt und Rolf–Clemens Wagner. Die Fotoarbeiten der Öffentlichkeit zu zeigen, ist ein Weg, auf diese Situation aufmerksam zu machen. Von normalen Haftbedingungen kann bis heute keine Rede sein. So wurde es Eva Haule nicht erlaubt, bei der Ausstellungseröffnung dabei zu sein. Die Ausstellung wurde in Abwesenheit der Künstlerin eröffnet. [4]

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte –

heute mit einigen Reflektionen zum staatsoffiziellen Jubiläum der 25. Wiederkehr der Todesnacht von Stammheim.

Wer mehr zu dieser Zeit und vor allem zur Politik der Inneren Sicherheit wissen will, sei auf folgende Bücher verwiesen, die manchmal sogar noch über den Buchhandel oder über gut sortierte Antiquariate zu finden sind. Als da wären:

*  das 1997 im Verlag Neue Kritik erschienene Buch Ein deutscher Herbst über die Zustände 1977

*  das 1997 im Konkret Literatur Verlag in aktualisierter Fassung erschienene Buch von Oliver Tolmein mit dem Titel Stammheim vergessen. Ihm geht es hierin um den Zusammenhang des Aufbruchs der 68er, der Bedeutung der Roten Armee Fraktion und der Reaktion der staatlichen Behörden. Insbesondere untersucht Oliver Tolmein darin,

wieso die Bundesanwaltschaft und ihre freien Mitarbeiter in den bundesdeutschen Medien sich so dafür engagierten, die angeblich längst zweifelsfrei aufgeklärten Selbstmorde von Stammheim nochmals zweifelsfrei aufzuklären – und warum dadurch erwartungsgemäß keine der offenen Fragen beantwortet und keiner der wesentlichen Widersprüche aufgelöst wurde.

*  Der Rechtsanwalt Karl Heinz Weidenhammer hat in seinem 1988 im Neuen Malik Verlag erschienen Buch Selbstmord oder Mord? alle Fakten zusammengetragen. Seine Vermutung, daß der israelische Geheimdienst Mossad im Oktober 1977 Zugang zum Hochsicherheitstrakt in Stammheim hatte, halte ich jedoch für rein spekulativ. Das Ergebnis seiner präzisen Recherche ist jedoch eindeutig: die Staatsversion kann nicht stimmen.

*  Doch warum sollten deutsche Behörden ein Interesse an Vertuschung (oder gar mehr) haben? Einiges wird vielleicht für diejenigen klarer, die das brillante, wenn auch schwer zu verdauende Buch des holländischen Rechtsanwalts Pieter Bakker–Schut zum Stammheim–Prozeß Mitte der 70er Jahre gelesen haben. Dieses Buch ist 1986 im Neuen Malik Verlag erschienen und gibt besser als jede staatliche Dokumentation wider, welcher auch justizielle Kampf in den 70er Jahren zwischen der Roten Armee Fraktion und den Staatsverfolgungsbehörden abgelaufen ist.

*  Als vorletztes Buch möchte ich das Interviewbuch RAF – Das war für uns Befreiung erwähnen. Oliver Tolmein hat mit der einzigen Überlebenden der Todesnacht von Stammheim ein langes und eindringliches Interview über bewaffneten Kampf, Knast und die Linke geführt. Dieses Interview ist 1997 im Konkret Literatur Verlag erschienen. [5]

*  Und zum Schluß das Buch Odranoel, 1992 im Verlag Libertäre Assoziation erschienen. Hieraus habe ich Auszüge aus dem Text von Lutz Taufer mit dem Titel Gedanken gegen die Mauern vorgelesen. Ich kann die Lektüre des vollständigen Textes allen an den 70er Jahren und vor allem allen am emanzipatorischen Gehalt dieser Zeit Interessierten nur ans Herz legen.

Das war die 32. Folge von Tinderbox, musikalisch begleitet vom Album The Rapture von Siouxsie and the Banshees. Die Redaktion Alltag und Geschichte ist wieder auf Sendung am Dienstag um 18 Uhr 05 mit der Sendung Jadran in serbischer Sprache und am Mittwoch ab 19 Uhr mit Esoterik zwischen Magie und Aberglauben mit Günter Mergel und daran anschließend mit Blickfeld Wirtschaft mit Yebrach Negussie. Am Mikrofon war Walter Kuhl. [6]

 
Siouxsie and the Banshees : The Rapture

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Zu finden über die Suchfunktion auf der Homepage der Jungle World.
[2]   Dieser Beitrag ist als Audiofile auf der Website der freien und nichtkommerziellen Lokalradios im deutschsprachigen Raum (Bundesverband Freier Radios – BFR) aufrfbar und auch anzuhören.
[3]   Es folgen einige Passagen aus dem Aufsatz von Lutz Taufer, erschienen 1992 in dem Band Odranoel im Verlag Libertäre Assoziation. Zu dokumentarischen Zwecken sei hier auf die vorgelesenen Stellen hingewiesen:
  • Auf Seite 95 von In ihrer Rede bis Emanzipation entwickelt werden.
  • Auf den Seiten 96/97 von Die Gesellschaft war bis 70er Jahre verfolgt wird.
  • Auf Seite 98 von In diesem Spannungsverhältnis bis Kontrolle und Korrektur.
  • Auf Seite 100 von Wie man inzwischen bis des Krieges verweigert hatte.
  • Auf den Seiten 100/101 von Ohne Zweifel bis antreten müssen, ist vorbei.
  • Auf den Seiten 104/105 von Aus Berichten weiß ich bis Ziel und Sinn gegeben hatte.
[4]   Moderationstext von Dorothea Mann mit – hier kursiv gekennzeichneten – Zitaten aus einem Text von Eva Haule. Siehe hierzu auch das Sendemanuskript zu meiner Vorstellung des im Staatstheater Darmstadt aufgeführten Tanztheaters Wenn der Körper eine Stummheit ist vom 31. März 2003. Der Bildband Porträts gefangener Frauen von Eva Haule ist 2005 im Verlag der AG SPAK erschienen.
[5]   Das Buch von Oliver Tolmein und Irmgard Möller habe ich in meiner ersten Sendung auf Radio Darmstadt am 15. Juli 1997 vorgestellt. Zum Sendemanuskript.
[6]   Aus dokumentarischen Gründen sei darauf hingewiesen, daß Günter Mergel zwei Stunden über das Verhältnis von Buddhismus und Nationalsozialismus gesendet hat; Blickfeld Wirtschaft fiel daher aus.

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 20. Januar 2006 aktualisiert.
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©  Walter Kuhl 2001, 2002, 2006
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