Tinderbox, 30. Folge

Life Is Just A Show

Medien – Kapitalismus

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
Sendung :
Tinderbox, 30. Folge
Life Is Just A Show
Medien–Kapitalismus
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Montag, 19. August 2002, 17.00–18.00 Uhr
 
wiederholt am :
Dienstag, 20. August 2002, 00.00–01.00 Uhr
Dienstag, 20. August 2002, 08.00–09.00 Uhr
Dienstag, 20. August 2002, 14.00–15.00 Uhr
Sonntag, 5. Oktober 2003, 19.00–20.00 Uhr
Montag, 6. Oktober 2003, 02.00–03.00 Uhr
Montag, 6. Oktober 2003, 10.00–11.00 Uhr
 
 
Besprochenes und benutztes Buch :
Dieter Prokop : Der Medien–Kapitalismus, VSA–Verlag
 
 
Playlist :
  • Stella : Bad News Entertainment
  • Marc Almond / Siouxsie Sioux : Threat of Love
  • Soft Cell : Tainted Love
  • Siouxsie and the Banshees : All Tomorrow's Parties
 
 
URL dieser Seite : http://waltpolitik.powerbone.de/tinderbx/tinder30.htm
 
NAVIGATION
 Startseite Waltpolitik 
 Neues auf meiner Homepage 
 Stichwortsuche 
 Orientierung verloren? 
 Abstract in English 
 
SENDUNGEN
 Geschichte 
 Kapital – Verbrechen 
 Radiowecker – Beiträge 
 Specials 
 Tinderbox Startseite 
 Nächste Sendung 
 Vorherige Sendung 
 Nachfolgende Sendung 
 
SERVICE
 Besprochene Bücher 
 Sendemanuskripte 
 Veröffentlichungen 
 Bisheriges Feedback 
 Email an Walter Kuhl 
 Rechtlicher Hinweis 
 
LINKS
 Radio Darmstadt (RadaR) 
 Alltag und Geschichte 
 Radiowecker – Redaktion 
 Siouxsie and the Banshees 
 VSA Verlag 
 

 

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung
Kapitel 2 : Unsinnsproduktion
Kapitel 3 : Medienforschung
Kapitel 4 : Lückenbüßer NKL
Kapitel 5 : Die Wirkung der Werbung
Kapitel 6 : Gewalt in Medien und Gesellschaft
Kapitel 7 : Feindbild political correctness
Kapitel 8 : Schluß

 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte / Tinderbox

Tinderbox
Dreißigster Teil
Life Is Just A Show
Medien-Kapitalismus

Stella : Bad News Entertainment

Es gibt eine Sorte schlechter Nachrichten, die auf Betroffenheit und Spendenbereitschaft zielt. Sicher ist es richtig, die Menschen in den überfluteten Gebieten zu unterstützen und ganz sicher werden die finanziellen Zusagen der Bundesregierung nur ein Tropfen auf den nassen Stein sein. Die Hochwasseropfer der vergangenen Jahre, mit unschöner Regelmäßigkeit an Rhein und Mosel zu finden, kennen den Wahrheitsgehalt dieser Versprechungen.

Und selbstverständlich wird weder der Etat der Bundeswehr für den Krieg gegen die Zivilbevölkerung in Afghanistan noch werden die Subventionen für die notleidenden Megakonzerne dieser Republik hierfür umgeschichtet werden. Logisch, daß Edmund Stoiber eine Solidaritätsabgabe aus den Reihen der ohnehin schon durch seine und Schröders neoliberale Politik gebeutelten Bevölkerung dieser Republik einfällt.

Über die Rolle der Medien, der Massenmedien, ist eine Menge Literatur geschrieben und noch mehr gesagt worden. Vieles davon ist blanker Unsinn, manches reine Apologetik (also Verteidigung) oder auch nur ungenügende Reflektion. Es gibt jedoch auch Bücher, die uns die Rolle der Medien, wie sie auf uns wirken und wie wir diese Medienproduktion verarbeiten, verständlicher machen können. Die so oft beschworene Medienkompetenz ist eben nicht nur das Wissen darum, wie wir einen Fernseher mit der Fernbedienung oder einen Computer mit der Maus bedienen können, sondern vor allem der bewußte gesellschaftskritische Umgang damit.

Ein solchen Vorstellungen verpflichtetes Buch mit entsprechend geistigem Tiefgang, unkonventionellen Fragestellungen und überraschenden Ergebnissen stammt von dem in Frankfurt lehrenden Medienforscher Dieter Prokop. Es heißt Der Medien–Kapitalismus und begreift sich als Lexikon der neuen kritischen Medienforschung. Dieses spannende Buch möchte ich im Verlauf dieser Sendung näher vorstellen und daran auch einige weitergehende Fragen anschließen.

Mein Interesse an Medien und ihrer Wirkungsweise hat natürlich viel damit zu tun, daß ich selbst ein Medium – nämlich dieses Radio – benutze, um gesellschaftskritische Fragestellungen und Inhalte auf eine nachvollziehbare Weise unter die Menschen zu bringen. Gerade in einer Zeit, in der neoliberales Denken alle gesellschaftlichen Zusammenhänge zerstückelt, ist es notwendiger denn je, sich über das, was diese Welt zusammenhält, zu verständigen. Denn allein machen sie dich ein. Für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt begrüßt euch Walter Kuhl. In meiner heutigen dreißigsten Folge von Tinderbox, meiner kapitalismuskritischen Sendung mit musikalischer Unterstützung durch Siouxsie and the Banshees, werde ich einige ausgewählte Stücke aus den 90er Jahren spielen. Auch Siouxsie and the Banshees haben ihre ganz eigenen Erfahrungen mit dem Medienbetrieb gemacht. Nicht nur mit Plattenfirmen, die ganz eigene und vor allem andere Interessen hatten als die Band.

Sondern vor allem auch mit dem Bild, das vor allem die britischen Massenmedien von der Band gezeichnet hatte. Obwohl der Ursprung der Band, die Punkjahre, in die 70er Jahre zurückreichen und längst Vergangenheit sind, werden sie immer wieder mit diesem Klischee in Verbindung gebracht. Offensichtlich reicht der geistige Horizont so manchen Redakteurs nicht weiter, als er ein Klavier werfen kann.

Reicht der geistige Horizont in Medien, die sich ausdrücklich als bürgerinnen– und bürgernah verstehen, die von ganz normalen Menschen gestaltet und moderiert werden, weiter? Manchmal habe ich da meine Zweifel. Meine fünf Jahre bei Radio Darmstadt lassen mich auch daran zweifeln, ob Dieter Prokops Medientheorie der Wirklichkeit tatsächlich gerecht wird. Doch dazu später mehr.

Zunächst möchte ich die wesentlichen Thesen seines Buches vorstellen. Ich werde mich dabei auf drei Gebiete konzentrieren. Zum einen – und das legt auch der Titel des Buches nahe – geht es um die Rolle der Medien im Kapitalismus, um wirtschaftliche Medienmacht, um Kapitalkonzentration und Monopolbildung. Monopolisierte Medienmacht ist undemokratisch und in einer ganz bestimmten Weise auch gesellschaftspolitisch meinungsbildend. Ein zweiter Schwerpunkt beleuchtet die Frage, ob Medien Gewalt erzeugen, also ob Medien für die Gewalt in der Gesellschaft verantwortlich gemacht werden können. Letztlich geht es darum, ob und wie Medien Wirklichkeit erzeugen können. Damit hängt eine dritte Fragestellung zusammen, die vereinfacht auf den Nenner gebracht werden kann: wirkt Werbung und was bewirkt sie?

Zwar ist es so, daß gerade die Formatradios, aber auch zumindest die kommerziellen TV–Sender ihr Programm auf die zu vermittelnde Werbung zuschneiden. Doch ist der kommerzielle Erfolg zweifelhaft; dafür das Programm umso ärgerlicher. Allen Ernstes wird behauptet, es sei das Programm, was die Hörer (von den Hörerinnen wird meist nicht geredet) hören wollen, aber das stimmt nicht. Gerade die Moderatorinnen und Moderatoren genau dieser Sendungen tun sich ein solches Programm in ihrer eigenen Freizeit ganz gewiß nicht an. Ihr zynisches Verhältnis zur bunten warenförmigen Medienwelt lassen sie lieber an anderen aus. Interessanterweise werden beispielsweise beim Hessischen Rundfunk Workshops angeboten, die dazu verhelfen sollen, daß den öffentlich–rechtlich entfremdet Radio Machenden das Senden wieder Spaß macht.

Dummerweise meinen jedoch so manche unserer Sendenden hier bei Radio Darmstadt, diese unsinnigen, an der Werbung ausgerichteten Formatvorgaben nachäffen zu müssen, natürlich ohne darüber nachzudenken, was sie damit tun. Ist es das, was alternative Medien auszeichnen sollte? Das sehe ich nicht so. Doch ohne Einmischung von außen, ohne entsprechendes Feedback von euch Hörerinnen und Hörern wird sich daran wenig ändern. Gesellschaftliche Konventionen, vor allem solche, die nicht reflektiert werden, sind eben zäh.

 

Unsinnsproduktion

Marc Almond / Siouxsie Sioux : Threat of Love

Threat of Love, gesungen im Duett von Marc Almond und Siouxsie Sioux aus dem Jahr 1999. Zum schon angesprochenen Medienbild von Siouxsie and the Banshees gehört ein gewisses Maß an Selbstinszenierung. Nicht immer ist diese Inszenierung so ausgefeilt wie bei den heutzutage durch RTL 2 gehypten Retortensternchen, bei der von der Farbe der Hose bis zum Bewegungsablauf alles durchgestylt ist. Dieses absolut entfremdete künstliche Styling ist offensichtlich das, was das Teenybopperpublikum sehen und hören will. Verarschung hoch drei.

Auch Siouxsie and the Banshees haben sich ihr Fanpublikum aufgebaut, auch wenn die Band zuweilen erschrocken war über die Uniformität derer, die ihrem Idol durch Nachahmung nahezukommen suchten. Doch der folgende Auszug aus einem Interview mit Siouxsie Sioux mag verdeutlichen, daß auch die Diva selbst in ihrer eigenen Scheinwelt gefangen war und ist:

Eines Tages hatte ich mich in einem Ledershop für Männer auf der King's Road umgesehen. Ich suchte nach einigen preislich herabgesetzten männlichen Sexutensilien, und dann stand Marc Almond vor mir. Ich fand, das war eine prima Umgebung, um ihn kennenzulernen. Ich ging damals mit Budgie und wir sprachen ihn an und beglückwünschten ihn zu seiner Musik. Das war 1981, und damals war sein Tainted Love in den Charts. Er war so süß und verblüfft, daß ich ihn kannte. Ich sagte, komm schon, du hast doch gerade eine Nummer 1 in den Charts. Ich war eher überrascht, daß er mich kannte. Er sah exotisch aus, so daß ich dachte, er sei teilweise Ägypter. Es war ganz natürlich, daß ich mich zu ihm hingezogen fühlte, ich bemerkte einen verwandten Geist in ihm.

Und dabei dachte ich, sie hätte damals ihr Backfischgetue schon hinter sich gelassen. Doch sie verkehrten in derselben Szene – und Siouxsie dazu weiter:

Unsere Beziehung entwickelte sich natürlich weiter, wir gingen in Tanzclubs und trafen uns, um uns zu betrinken. Damals war das Leben eine einzige Party. Punk war das Ding, voller Drogen und Alk. Unsere Clique litt an enormer nervöser Energie. Irgendwie gingen wir auf die Parties, um uns selbst fertigzumachen; du wolltest einfach nicht schlafen, weil du befürchtetest, etwas zu verpassen. [1]

In den 90ern war der Kontakt dann nicht mehr so eng, aber wenn sich Siouxsie und Marc Almond trafen, dann gewiß auf einer Party in den angesagten Clubs von Paris oder so. Und 1999 nahmen sie dann gemeinsam das soeben gehörte Threat of Love, also die Drohung der Liebe, auf. Und Liebe ist sicherlich dann bedrohlich, wenn sie auffrißt oder sich zu einer perfekten Warenbeziehung entwickelt. Wie muß ich mich verkaufen, verstellen oder verkleiden, also lügen und betrügen, damit er oder sie mich liebt?

Von den Irrwegen zur Beantwortung dieser Frage lebt eine ganze Medienindustrie sehr profitabel.

Nun fragt ihr euch sicher, warum ich euch das erzähle. Das ist doch völlig uninteressant, wer mit wem was unternimmt, nur weil er oder sie angeblich ein Sternchen oder eine Schnuppe ist. Aber unsere Medienwelt ist voll solchen Unsinns; und in diesem Fall ist so ein Einblick in das Leben der Bandmitglieder von Siouxsie and the Banshees so unsinnig wiederum nicht. Denn meine Sendereihe heißt Tinderbox, und es geht darin eben auch um die Musik dieser Band. Und Musik läßt sich einfach nicht ohne den zugehörigen gesellschaftlichen Hintergrund begreifen.

 

Medienforschung

Gesellschaftliche Hintergründe der Medienwelt sind auch das Thema des Lexikons der neuen kritischen Medienforschung von Dieter Prokop. Das Buch heißt Der Medien–Kapitalismus und ist im VSA Verlag erschienen. Was versteht Prokop unter neuer kritischer Medienforschung? Lassen wir ihn selbst zu Wort kommen:

Buchcover Dieter Prokop Der Medien-KapitalismusUnter Medien verstehe ich Massenmedien, und das sind populäre Inszenierungen aller Art – informierend wie unterhaltend –, die beim Publikum beliebt sind, sich gut verkaufen, hohe Einschaltquoten, Auflagen, Chartpositionen bringen. Es geht um den Mainstream. Er umfaßt die eigentlichen Massenmedien.

Diese Definition ist nicht selbstverständlich. Oft wird in Medien–Büchern das Unvergleichbare vermengt:

[1.] Oft wird im Begriff Informationsgesellschaft den Medien eine bedeutende wirtschaftliche Rolle zugeschrieben, aber es werden Computer–Daten–Informationssysteme nicht von Massenmedien unterschieden. Das ist falsch, denn Datentransfer ist etwas anderes als die Distribution einer Fernsehsendung oder eines Films. Die Computerprogramme der globalen Finanzmärkte sind kein Massenmedium.

[2.] Oft wird das Massenerfolgreiche mit dem Avantgardewerk verglichen. Das ist falsch. Erfolgreiche Filme wie Vom Winde verweht (1939) oder Titanic (1997) sind mehr ein Massenmedium als die Filme von Godard. Ein erfolgreiches Musical ist ein Massenmedium, eine moderne Oper nicht […].

Das heutige Mediensystem besteht aus supranationalen Konzernen. Man muß es kapitalistisch nennen, weil der Zweck der Konzerne die Erzielung von Profit ist. […] Das Interesse, Bildung, gute Unterhaltung und Kultur zu fördern, steht nicht im Vordergrund. In den Medienkonzernen herrschen die Kaufleute, und sie wandeln Redaktionen und Lektorate zunehmend in Profit–Center um.

Manche sprechen vom Mediensystem oder von Medienmärkten. Sie halten die Medien–Märkte für demokratische Bereiche der Allokation von Wirtschaftsgütern. Der Markt sei durch Medienkonzentration vielleicht ein wenig verzerrt, man nennt das Marktversagen, hält das aber nicht für dramatisch, denn auch ein mächtiger Konzern könne keine Güter absetzen, die vom Publikum nicht erwünscht sind.Es sei immer ein Gebrauchswert vorhanden, sagte ein Medienökonom und behauptete allen Ernstes: Es wird genau das produziert, was die Rezipienten wünschen.

Wenn wir die Welt realistisch betrachten wollen, kann das nicht alles sein. Märkte sind nicht demokratisch, in ihnen setzen sich die Starken durch, die Kapitalstarken, diejenigen, denen ihr Kapital den längeren Atem ermöglicht, die geschickten Rationalisierer, die guten Strategen des Ordinären und Sensationellen – aber nicht das Publikum. Es darf Vorgegebenes kaufen, und es wehrt sich dagegen, so gut es kann. Es ist immer ein Gebrauchswert vorhanden – aber ob das Publikum sich dabei langweilt oder verzweifelt herumzappt, interessiert die Medienökonomen nicht. Was nicht gekauft wird, wird natürlich nicht produziert – aber einen demokratischen Prozeß der Entscheidung– und Kompromißbildung darüber, was produziert und konsumiert werden soll, gibt es nicht.

Deshalb ist Medien–Kapitalismus der realistische Begriff. […]

Wozu braucht man eine kritische Medienforschung? Man braucht sie, weil Wissenschaft nicht im Aufstellen von ein paar formalen Kategorien besteht, die man mit dem Overhead–Projektor an die Wand wirft, um damit Tagungs–Vorträge über die Runden zu bringen. Es geht darum, inhaltliche Kategorien zu entwickeln, mit denen man die heutigen populären Massenmedien durchschauen kann. Das Wichtigste ist, daß die Kategorien reale Spannungen und Widersprüche erkennbar machen.

Kritische Medienforschung hat ein anderes Erkenntnisinteresse als die unkritische, und sie hat dabei keine geringeren Verbündeten als diejenigen, die das Grundgesetz für richtig halten. Heute stellen sich viele unter Medienforschung nur Marketing, PR und Zielgruppenforschung für die Werbung vor. Sie wollen eine Wissenschaft, in der man lernt, wie man Images prägen und Konsumenten manipulieren kann. […] Kritische Medienforschung […] muß den souveränen Staatsbürgern dazu verhelfen, ihre Bürgerrechte möglichst rational wahrzunehmen. […]

Neu ist an der hier präsentierten Medienforschung die Anerkennung der Tatsache, daß es populäre Kreativität und populäre Aufklärung gibt. Es gibt im Populären und Erfolgreichen Qualitätsunterschiede, aber das heißt auch: Es gibt Qualitäten. Für sie ergreift die neue kritische Medienforschung Partei.

Populäre Kreativität und populäre Aufklärung erfaßt man nicht, wenn man den Massenmedien die Kunst als Ideal entgegensetzt. Viel zu sehr hat die klassische Kritik der Kulturindustrie das getan. Heute noch setzen kritische Soziologen, wenn sie das Interesse der Medienkonzerne am schnellen Höchstprofit kritisieren, dagegen die künstlerisch und journalistisch autonomen, sorgfältigen Werke, zu Recht – aber sie sehen jene immer nur in der Elitekultur. Dabei ist die Kulturindustrie heute zu einem Schimpfwort verkommen […]. Meistens grenzen sich die kulturvollen Menschen demonstrativ vom Mainstream ab: Sie bevorzugen Alban Berg, Beckett, Picasso, Godard und Forsythe – alles, was langweilt und den Massen nicht gefällt, woran jene selbst Schuld sind, weil sie verblendet, irregeleitet, verbohrt, in kindlicher Regression befangen sind etc.

Das ist falsch. […] Dann landet man bei der Idealisierung jener Dürre, die sich Avantgarde nennt. Es gibt neben dem vielen Schrott viel Wunderbares, Fantastisches, Utopisches an den populären, erfolgreichen Massenmedien, und selbst der Schrott wird oft kreativ neu kombiniert – und darin ist der hier präsentierte Ansatz neu, daß er eine andere Perspektive auf den Mainstream sucht: Schlechter populärer Unterhaltung muß die Forderung nach besserer populärer Unterhaltung entgegengesetzt werden, schlechtem populärem Journalismus die Forderung nach besserem populärem Journalismus.

Und die neue kritische Medienforschung verurteilt das Mainstream–Publikum nicht […], sondern sie unterstellt immer zuerst, daß auch das Mainstream–Publikum rational, wenn nicht sogar vernünftig handelt, auch dann, wenn es sich Gefühle leistet. [2]

Soweit Dieter Prokop über das Verständnis und die Aufgaben einer neuen kritischen Medienforschung. Diese hebt sich somit wohltuend ab von elitären Vorstellungen über Medien und deren Konsumentinnen und Konsumenten.

 

Lückenbüßer NKL

Wichtig daran festzuhalten wäre zum Beispiel für Radio Darmstadt, Kriterien zu entwickeln, wie die Qualität der Beiträge und des zugrunde liegenden Verständnisses von journalistischer Arbeit verbessert werden kann. Gerade weil ein nicht kommerziellen Interessen unterworfenes Radio wie dieses ganz andere Freiräume besitzt, sollten sie auch genutzt werden.

Und zwar nicht dafür, den Unsinn anderer Sender zu imitieren. Das Imitat ist immer schlechter als das Original. Und das liegt nicht an den strukturellen Voraussetzungen dieses Senders. Man und frau darf sich hier ja auch nichts vormachen. Die Lizenz für die sieben hessischen nichtkommerziellen Lokalradios wurde 1996 nicht zuletzt deshalb erteilt, weil es ein verfassungsrechtliches und medienpolitisches Problem gab.

Es gibt zwar einen Grundversorgungsauftrag des öffentlich–rechtlichen Rundfunks, aber in einzelnen Bereichen zeigt sich, daß dieser Auftrag, beispielsweise durch den Hessischen Rundfunk, nicht mehr erfüllt wird. Migrantische Sendungen fallen unter den Tisch mit der Begründung, die migrantischen Communities in Deutschland könnten sich ja per Satellit ihr muttersprachliches Programm aus der Heimat besorgen. Daß diese Communities ein interesse daran haben könnten, Informationen in ihrer Muttersprache aus Deutschland zu erhalten, fällt dann unter den Tisch. Weiterhin ist der Lokalbezug den öffentlich–rechtlichen (und erst recht den privaten kommerziellen) Rundfunkstationen viel zu teuer, weshalb allenfalls eine Art Pseudo–Lokalbezug hergestellt wird. Spartenmusik im Hauptprogramm gibt es ohnehin nicht, ebensowenig Musiktrends, die nicht ein Massenpublikum anziehen. Diese Lücken müssen jedoch gefüllt werden.

Gerade weil die Kommerzialisierung auch vor dem Hessischen Rundfunk nicht Halt gemacht hat, werden bestimmte Inhalte nicht oder zu absolut indiskutablen Zeiten gesendet – und zwar ohne danach zu fragen, ob das Publikum etwas damit anfangen kann. Radio Darmstadt ist so gesehen einer der sieben Lückenbüßer – und soll dabei so wenig wie möglich kosten. Ein Etat von 100.000 Euro pro Jahr für ein Radiovollprogramm ist eigentlich ein Witz. Ein schlechter zudem. [3]

Das Gerede von der ehrenamtlichen Arbeit zeigt so auch hier ihr wahres Gesicht: es geht darum, gesellschaftlich notwendige Arbeit möglichst kostenfrei auf die Gesellschaft abzuwälzen. Muttersprachliche oder kapitalismuskritische Sendungen verkaufen sich nicht, verprellen Werbekunden und bringen daher auch keinen Profit.

Und nachdem derartige Sender dann am dürren Ast, auf dem sie senden, verhungern müssen, wird ihnen auch noch vorgeworfen, die Leistungen, die sie erbringen sollen und schon allein aus strukturellen Gründen gar nicht bringen können, dann auch tatsächlich nicht zu bringen. Weltmeister in dieser Sorte double–bind sind neben Medienpolitikerinnen und –politikern vor allem – und das ist gewiß kein Zufall – die anfangs den Lokalradios durchaus wohlgesonnenen Grünen.

Soft Cell : Tainted Love

 

Die Wirkung der Werbung

Auch wenn das Publikum rational oder gar vernünftig handelt, ist damit noch lange nicht gesagt, ob es ein positives oder negatives Handeln ist. Dieter Prokop verweist in seinem Buch Der Medien–Kapitalismus jedoch darauf, daß das Publikum nicht so dumm ist, wie es die Medienforscherinnen und –forscher aus ganz bestimmten Interessen gerne hätten. Ein irrationales Publikum ist sozusagen das Wunschpublikum der Medienforschung. Denn ein solches Publikum läßt sich manipulieren. Und damit wären wir bei der Werbung angelangt.

Natürlich hat Werbung Wirkungen. [Doch die] meisten Thesen über Werbewirkung sind Ideologen–Lyrik. Meistens treffen die Bilder der Werbung ins Leere. Der Schritt von den Bildern im Kopf zum Kaufverhalten wird nicht von der Werbung bewirkt. Das wissen auch die Werbeforscher. Sie sind deshalb vorsichtig, sie messen lediglich Kontakte mit Anzeigen oder Werbespots. Es geht ihnen meist nur darum, die Zahl der Kontakte, der von Werbung erreichten Personen zu erfassen. Beim Fernsehen zum Beispiel gilt es schon als Kontakt, wenn jemand während einer halben Stunde Fernsehen, in der Werbung vorkommt, mindestens eine Minute fernsah. […] Kontakt und Erinnerung – das sind die einzigen Erfolge von Werbung, die sich nachweisen lassen. [4]

Sollte das stimmen, dann müssen wir uns schon fragen, warum jedes Jahr allein in Deutschland um die 30 Milliarden Euro in die Werbung gepumpt werden. Mal abgesehen davon, daß die Werbebranche ihren mangelnden Erfolg in hübsche statements verpackt und so manche Werbeabteilung an den Erfolg gerne glauben möchte, kann der einzige Sinn der Werbung – und das zeigt nur, wie absurd dieses System ist – nur darin liegen, auf sich aufmerksam zu machen. Eine Kaufgarantie ist damit nicht verbunden.

Schlimmer noch für die Werbebranche: es läßt sich bei einer kritischen Interpretation der Zahlen der angeblichen Werbekontakte zeigen, daß gerade bei Fernsehsendungen mindestens die Hälfte der Zuschauerinnen und Zuschauer Werbung gezielt vermeidet. Durch Zappen, durch das Abdrehen des Tons, kleinere Erledigungen im Haushalt oder einen Blick in den Kühlschrank. Und wer kennt nicht das Kinopublikum, das sich über den Werbeblock am Anfang köstlich amüsiert oder munter drauflos quatscht?

Dennoch wird die Akzeptanz von Werbung allen Ernstes behauptet, denn schließlich geht es um viel Geld. Und das geht so:

Die Forscher von ARD Sales & Services und der ZDF Medienforschung unternahmen eine repräsentative Befragung – in der sie lauter suggestive, doppeldeutige Statements vorgaben, denen die Leute nur zustimmen können. Zum Beispiel: Werbung ist nützlich für unsere Wirtschaft. Dem stimmen die meisten Befragten zu […], denn die Leute wissen, daß Werbung der Wirtschaft nützlich ist. Dabei haben die Befragten nur eine Tatsachenaussage bestätigt, nicht aber Werbung für sich selbst akzeptiert, was aber der Begriff Akzeptanz bedeutet. [5]

Die Frage, ob die Befragten die Werbespots vermissen würden, sollten sie nicht gesendet werden, wurde vorsichtshalber nicht gestellt.

Handelt es sich bei Werbespots dann um eine virtuelle Welt ohne Kontakt zur Wirklichkeit? Nun, nicht ganz. Sicher wird die eine oder andere Kaufentscheidung hierdurch beeinflußt. Doch der Aufwand steht in keinem Verhältnis zum Ergebnis; und es ist daher kein Zufall, daß eine schlechtere wirtschaftliche Lage zu drastischen Anzeigenrückgängen führt. Dennoch ist es sicher so, daß die angeblich positiven Wirkungen der Werbung sich eine eigene Wirklichkeit geschaffen haben. Man und fragt glaubt daran, daß sie funktioniert; und deshalb werden Fragestellungen und Forschungsziele auch so formuliert, damit dieser Glauben vorgeblich wissenschaftlich untermauert wird. Zu dieser Forschung gehört notwendigerweise, daß Publikum für irrational und damit für beeinflußbar und manipulierbar zu halten. Denn sonst macht das Ganze keinen Sinn. Ein rationales Publikum weiß nämlich, daß Werbung Lug und Trug ist.

Offensichtlich hat dies auch die Werbewirtschaft erkannt. Deswegen gibt es dann Sendungen, die der Akzeptanz förderlich sein sollen, wie etwa die witzigsten Werbespots der Welt. Doch

das Publikum schaltet das Fernsehen nicht ein, um Werbung, sondern um Programme zu sehen. Trotzdem ordnet das kommerzielle Fernsehen alle Programmentscheidungen den Interessen der Geldquelle unter: der Werbung betreibenden Wirtschaft. Die wichtigsten Leute beim kommerziellen Fernsehen […] verstehen sich als Sozialtechniker, sie haben nichts im Kopf außer Kontakte, Reichweiten, Einschaltquoten.

[…O]b das Fernsehen politisch oder unpolitisch ist, gut oder schlecht, interessiert sie grundsätzlich nicht. Hauptsache, das richtige Publikum sitzt vor dem Fernseher. Das richtige Publikum ist eines, das die Werbung–Auftraggeber dort sitzen haben wollen. [6]

Und genau da liegt zuweilen das Problem. Junge Männer bis 25 Jahre mit einem Monatseinkommen über 10.000 Euro sind leider ein unerfüllbarer Traum. Doch wer sitzt hauptsächlich vor dem Fernseher? Menschen, die entweder nicht übermäßig mobil sind und/oder wenig Geld haben und/oder aus anderen Gründen zu Hause gebunden sind – Kinder, Hausfrauen, Arbeitslose oder ältere Menschen etwa. Also genau nicht das kaufkräftige Zielpublikum. [7]

Zynisch, wie die an den Bedürfnissen des Publikums so interessierten Programm–Macher sind, werfen sie prompt Sendungen für diese Zielgruppen aus dem Programm. Es ist das falsche Publikum. Wenn man Volksmusik sende, so der ehemalige RTL–Geschäftsführer Helmut Thoma, habe man sofort fünf, sechs Millionen Alte am Hals, aber kein Kunde buche Werbespots.

Das Ganze funktioniert natürlich nur in einer monopolartigen Medienlandschaft. Sie ist darin ein getreues Abbild der Gesellschaft. Und genauso wie Markt und Freiheit gleichgesetzt werden, ist das auch bei Einschaltquoten und Demokratie. Je mehr Einschaltquote, desto demokratischer die Medienlandschaft.

Das Problem mit der kommerziellen Einschaltquoten–Demokratie besteht darin, daß gegessen wird, was auf den Tisch kommt. Natürlich muß man den Leuten Eßbares vorsetzen. Oft bekommen die Zuschauer uralte Konserven vorgesetzt, doch manchmal gibt es wunderbare Festmenüs. Das Publikum sucht sich aus dem Vorgegebenen eine Beute. Oft findet es nur Knochen. Das ist alles.

Und wie die Saurierforscher aus ein paar Knochen lebensechte Modelle konstruieren, so wird aus den Medien–Knochen gern das Panorama einer Idealgesellschaft konstruiert, in der die Anbieter anbieten, was die Zuschauer wollen und die Zuschauer schauen, was ihren Bedürfnissen entspricht. Und wenn, wie bei Sauriern und Medienkonzernen üblich, ein Stärkerer einen Schwächeren umbringt, das ist eben so in der Natur! [8]

 

Gewalt in Medien und Gesellschaft

Wenn das Publikum ein rational handelndes ist, wobei nochmals zu betonen ist, daß rational verfolgte Interessen weder den Handelnden noch den Betroffenen gut tun müssen, dann hat die übliche Medienforschung noch ein weiteres Problem. Einem irrational handelnden Publikum kann man und frau unterstellen, die im Fernsehen dargestellte Gewalt auch umzusetzen. Wie aber sieht das aus, wenn das Publikum durchaus fähig ist, Bilder zu verarbeiten und damit rational umzugehen?

Zunächst einmal gibt es rund 5000 Untersuchungen zum Thema Gewalt in den Medien, doch welche Wirkung diese auf das Publikum hat, ist völlig unklar. Das liegt auch an der Versuchsanordnung.

Wird Kindern ein Film vorgeführt, in dem eine Frau auf dem Bildschirm mit einer Schere einer Puppe die Augen aussticht, wird das Testkind, sobald man ihm eine Puppe mit einer Schere gibt, der Puppe ebenfalls die Augen ausstechen. Solche Ergebnisse werden gern verallgemeinert.

Wir sind eben alle Kinder.

Würde man das gleiche Experiment mit Psychologiestudenten durchführen – wie viele von ihnen würden einer Puppe mit einer Schere die Augen ausstechen, weil es ihnen vorher in einem Filmchen gezeigt wurde? Wahrscheinlich keiner. [9]

Medien sind ein Spiegelbild der Gesellschaft, nicht umgekehrt. Die Wirkung der Medien fruchtet nur, wenn die Bedingungen dafür da sind. Und hier wird es spannend. Welches Interesse hat diese Gesellschaft, und das heißt konkreter: die Entscheidungsträger in dieser Gesellschaft, daran, daß Gewalt im Fernsehen, auf Videos und in Computerspielen ausgiebig zelebriert wird? Einmal abgesehen vom kommerziellen Interesse muß noch etwas anderes dahinterstecken. Leider äußert sich Dieter Prokop hierzu nicht.

Doch ich denke, es lohnt sich, diesen Gedanken zu verfolgen. Welches Interesse hat eine gewaltförmige Gesellschaft wie der globale Kapitalismus an der Darstellung von Gewalt? Gehört die Akzeptanz von Gewalt nicht etwa zum sozialen Konditionierungsprogramm? Und damit ist nicht nur die Bundeswehr in Afghanistan gemeint. Gewalt findet im Alltag statt und ist notwendig, um soziale Verhältnisse durchzusetzen und zu reproduzieren. Jede und jeder muß wissen, wo sein oder ihr Platz ist. Da sich die meisten Menschen nicht freiwillig unterordnen und sich zu entfremdeter Arbeit dressieren lassen, ist neben Gehirnwäsche auch die direkte materielle Gewalt vonnöten. Schläge auf den Hinterkopf erhöhen das Denkvermögen; aber Gewalt ist auch Liebesentzug, Hausarrest, Strafarbeiten, Sitzenbleiben oder soziale Ächtung. Die Funktion der Gewaltdarstellung in den Medien könnte also darin bestehen, Gewalt als etwas Normales hinzustellen, selbst wenn die konkret gezeigte Form absurd erscheint.

Und unsere Ordnungsfanatiker, ob sie nun Stoiber und Beckstein, Frau Schröder und Schily, oder einfach nur Knechtel [10] heißen, finden das einem bekannten berliner Slogan zufolge gut so.

Doch das rationale Publikum ist durchaus fähig, Medien in ihrer Verschiedenheit, Fremdheit und Ernsthaftigkeit zu begreifen und damit auch angemessen umzugehen. Es geht nicht nach einem Fußballspiel auf die Straße und holzt den nächsten Passanten um. Es schaut keinen Krimi, um anschließend die Tante um die Ecke zu bringen. Und es schaut keine Fürstenhochzeit und kauft anschließend ein Luftschloß. Massenmedien, das sagt Dieter Prokop richtig, sind auch ein Mittel des Räsonierens, des Ausprobierens, der virtuellen Grenzüberschreitung, der Phantasie.

Populäre Universen bieten eine Mischung von unvertrauten Elementen, auf die die Zuschauer ihre Wünsche projizieren können, und von gleichartigen Elementen, mit denen sie sich identifizieren können. [11]

Das muß keine intellektuelle Glanzleistung sein, es muß nicht einmal zu sinnvollem Verhalten führen. Aber auch die mediale Wirklichkeit ist eine Möglichkeit, den eigenen Standort zu überprüfen und darüber nachzudenken. Und um auf den behaupteten Zusammenhang von Medien und Gewalt zurückzukommen, noch ein weiterer Gedanke:

Bei der starken Labilität der Vielseher handelt es sich um die Auswirkungen von Lebenszusammenhängen, nicht um die Auswirkungen von erhöhtem Fernsehkonsum. Die Angst vor Konkurrenz und Leistungsunfähigkeit, das Gefühl von Apathie, die Gefahr von individueller Depression, mangelnder Empathie und mangelndem Selbstwertgefühl – all diese Zustände haben ihre Ursachen im sozialen Umfeld der Verängstigten. […] Je geringer das Interaktionspotential ist, desto mehr wird ferngesehen. Es ist also der soziale Druck, der die Vielseher in die populären Universen eintauchen läßt. [12]

Damit möchte ich die Darstellung einiger Kernthesen des Buchs von Dieter Prokop Der Medien–Kapitalismus abschließen und zu einigen problematischen Argumenten übergehen.

 

Feindbild political correctness

Dieter Prokop hat auch seine Feindbilder. Offensichtlich gehören Nichtraucherinnen, politisch korrekte Menschen und natürlich Medienforscher hierzu. Und Feministinnen.

Doch bei der political correctness hat er offensichtlich etwas falsch verstanden. Dieser Begriff ist ein politischer Kampfbegriff, der auf zweierlei Art verwendet wird. Zum einen gibt es durchaus Menschen, die sich für politisch korrekt halten und auch die übrige Welt an ihrem Wesen genesen lassen möchten. Doch häufiger anzutreffen sind diejenigen, die diesen Kampfbegriff dazu benutzen, demokratische Rechte, Gleichheitsgrundsätze und moralische Standards ganz im Sinne der neoliberalen Offensive aus dem Weg zu räumen.

Das sind diejenigen, die sich ganz bewußt politisch unkorrekt geben, die sich als Tabubrecher feiern und die uns erzählen wollen, es sei völlig in Ordnung, wenn die Leistungsstarken auch die Früchte ihrer Arbeit ernten dürfen. Auf wessen Kosten sie das tun, verschweigen die neoliberalen Trendsetter vorsichtshalber.

Worauf ich mich beziehe? Dieter Prokop polemisiert gegen die political correctness und vergißt vor lauter Polemik, worum es eigentlich geht. Er schreibt nämlich:

Die erfolgreichste Strategie im multikulturellen Machtkampf ist es, sich als Opfer darzustellen, als Opfer der Verhältnisse, als Opfer der herrschenden Mehrheit. Wer als Opfer andere effektiv tyrannisieren will, braucht Opfer-Mythen. Besonders blühen sie in den USA, im Land der therapeutischen Kultur und der political correctness, wo der Schutz von Minderheiten wichtiger geworden ist als der Schutz von Mehrheiten. [13]

Damit ist er ganz auf Seiten von George W. Bush und all den anderen, denen die sogenannte affirmative action ein Dorn im Auge ist. Affirmative action war der Versuch, gezielt aus dem öffentlichen Leben ausgegrenzte Minderheiten eine Chance auf dem Arbeitsmarkt, in der Politik und auch in der Medienpräsenz zu geben. Was soll daran falsch sein? Natürlich findet es auch ein Raucher absolut unfair, wenn er seine Mitmenschen nicht mehr belästigen darf. Und genauso haben Männer ein Problem damit, daß Frauen qualifizierter sind und den Job bekommen.

Buchcover Dieter Prokop Der Medien-KapitalismusPolitical correctness, oder auch kurz: PC, ist zum Schimpfwort des weißen Mittelstandsamerikaners geworden, der seine Überlegenheit in Gefahr sah. Daß der Schutz von Minderheiten durchaus sinnvoll ist, zeigt sich ja wohl insbesondere in einem durch und durch rassistischen Land wie dem hiesigen. Ein Land, das die Asylgesetzgebung des Schwarzgeldkofferträgers Kanther und die menschenverachtende Asylpraxis eines Otto Schily einfach so durchgehen läßt. Vom ganz und gar alltäglichen Rassismus einmal ganz zu schweigen.

Natürlich hat Prokop Recht, wenn er meint, daß Opfer sein nicht bedeutet, zu den Guten zu gehören. Aber diese Kampagne, daß die Opfer den Rest der Gesellschaft tyrannisieren, in einem Buch über Medienwirklichkeit ungeschminkt nachzuplappern, ist schon ein starkes Stück und ein wichtiger Kritikpunkt bei der Lektüre des Buchs von Dieter Prokop Der Medien–Kapitalismus. Dieses ansonsten sehr anregende Lexikon der neuen kritischen Medienforschung ist im VSA Verlag erschienen und kostet etwa 20 Euro.

Gleichfalls lesenswert, weil durch viele historische Beispiele ergänzt, ist das zugehörige Geschichtsbuch der neuen kritischen Medienforschung. Dieses ebenfalls von Dieter Prokop geschriebene Buch heißt Der Kampf um die Medien, ist ebenfalls bei VSA erschienen und kostet 34 Euro 80. [14]

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte –

heute mit der Vorstellung eines Buchs über die Macht der Medien im Kapitalismus. Doch wo Macht ist, existiert zumindest potentiell auch Gegenmacht. Eine Möglichkeit, Gegenmacht herzustellen, bietet natürlich dieser Sender. Eine Möglichkeit, nicht mehr. Aber wer Möglichkeiten nicht nutzt, darf sich auch nicht darüber beschweren, daß andere diese Dienstleistung nicht bringen. Radio Darmstadt ist kein Dienstleistungsunternehmen, sondern lebt vom Einsatz derer, die etwas zu sagen haben.

Bevor ich Siouxsie and the Banshees das Schlußwort erteile, noch einige Anmerkungen zu All Tomorrow's Parties, das wir anschließend hören werden. Es handelt sich hierbei um eine Coverversion eines Titels aus dem Jahr 1967 von The Velvet Underground. Und da wir es schon im Verlauf der Sendung von der Vorliebe von Frau Banshee hatten, auf Parties zu gehen, um sich abzufüllen, ist ihre Vorliebe für dieses Klagelied durchaus verständlich.

Diese dreißigste Folge von Tinderbox wird in der Nacht zum Dienstag um 0.00 Uhr, am Dienstagmorgen nach dem Radiowecker ab 8.00 Uhr und noch einmal am Nachmittag um 14.00 Uhr wiederholt. Fragen, Anregungen oder Kritik könnt ihr wie immer auf meiner Voice–Mailbox bei Radio Darmstadt hinterlassen; die Telefonnummer lautet (06151) 8700–192. Oder ihr schickt mir eine Email an tinderbox <at> alltagundgeschichte.de.

Die nächste Sendung unserer Redaktion könnt ihr am Dienstag um 18 Uhr 05 hören. Die Muhme Rähle – Katharina Mann – und Niko Martin werden dort auch zum Thema Rassismus in Deutschland zu hören sein. Gleich folgt Heinerkult, eine Sendung der Kulturredaktion. Für die Redaktion Alltag und Geschichte war am Mikrofon Walter Kuhl.

Siouxsie and the Banshees : All Tomorrow's Parties

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Anthi Charalambous : How we met: Siouxsie Sioux & Marc Almond, in: The Independent, 14. März 1999; gefunden am 15. Januar 2001 in http://siouxsie.simplenet.com/ind99.html.
[2]   Dieter Prokop : Der Medien–Kapitalismus, Auszug aus den Seiten 11–16
[3]   Im Frühjahr 2003 zog das Regionalstudio Südhessen des HR von Bensheim in Darmstadts City mit einem Kostenaufwand von 1,7 Millionen Euro um. Mit diesem Geld könnte Radio Darmstadt 17 Jahre senden – und der HR hat nach dem Umzug mit demselben Geld nicht einmal eine einzige Sekunde Programm produziert. Nur, um mal die Relationen klarzumachen. Siehe hierzu auch: Stefan Benz : Von Darmstadt in den Äther, im Darmstädter Echo vom 8. März 2003.
[4]   Prokop Seite 240–241
[5]   Prokop Seite 244
[6]   Prokop Seite 134
[7]   Vgl. Prokop Seite 222
[8]   Prokop Seite 145
[9]   Prokop Seite 236–237
[10]  Horst Knechtel (SPD) war zum Zeitpunkt der Sendung Ordnungsdezernent in Darmstadt und spielte sich entsprechend populistisch auf.
[11]  Prokop Seite 217
[12]  Prokop Seite 224
[13]  Prokop Seite 115
[14]  Besprochen in der Sendung Massenmedien zwischen Aufklärung und Verdummung am 30. Juli 2001. Das Sendemanuskript wird (hoffentlich!) eines Tages auch online verfügbar sein.

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 4. Januar 2006 aktualisiert.
Links auf andere Websites bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur.
©  Walter Kuhl 2001, 2002, 2006
Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.
 Startseite Waltpolitik 
 Zum Seitenanfang 
 Email an Walter Kuhl 

 

 Vorherige Sendung     Nachfolgende Sendung