Tinderbox, 29. Folge

Interlude

Zwischenspiel

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
Sendung :
Tinderbox, 29. Folge
29. Folge
Interlude – Zwischenspiel
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Montag, 15. Juli 2002, 17.00–18.00 Uhr
 
wiederholt am :
Dienstag, 16. Juli 2002, 00.00–01.00 Uhr
Dienstag, 16. Juli 2002, 08.00–09.00 Uhr
Dienstag, 16. Juli 2002, 14.00–15.00 Uhr
 
 
Besprochene und benutzte Bücher :
  • Das Rätsel der Kelten vom Glauberg, Theiss Verlag
  • Sabine Rieckhoff und Jörg Biel : Die Kelten in Deutschland, Theiss Verlag
  • Tonio Hölscher : Klassische Archäologie, Theiss Verlag
  • Jay Winter, Geoffrey Parker und Mary R. Habeck (Hg.) : Der Erste Weltkrieg und das 20. Jahrhundert, Hamburger Edition
  • Dirk Schumann : Politische Gewalt in der Weimarer Republik 1918–1933, Klartext Verlag
 
 
Playlist :
  • Siouxsie and the Banshees : Softly
  • Siouxsie and the Banshees : The Ghost In You
  • Siouxsie and the Banshees : Face To Face
  • Siouxsie and the Banshees : Fireworks
  • Morrissey / Siouxsie Sioux : Interlude
 
 
URL dieser Seite : http://www.waltpolitik.powerbone.de/tinderbx/tinder29.htm
 
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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung
Kapitel 2 : The Ghost In You
Kapitel 3 : Keltische Träume
Kapitel 4 : Klassik als kulturelle Norm
Kapitel 5 : Der Erste Weltkrieg
Kapitel 6 : Politische Gewalt in der Weimarer Republik
Kapitel 7 : Schluß
Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte / Tinderbox

Tinderbox
Neunundzwanzigster Teil
Interlude
Zwischenspiel

Siouxsie and the Banshees : Softly

Softly aus dem Album Superstition von Siouxsie and the Banshees. Das Album Superstition erschien 1991 und läutete ein Zwischenspiel ein, das 1996 mit der Auflösung der Band endete. Zwar gab es 1992 noch die Compilation Twice Upon A Time und 1995 das Album The Rapture, aber es war absehbar, daß der Band sowohl die Ideen als auch der Zusammenhalt fehlte.

Dennoch erfuhr eine überraschte Öffentlichkeit dieses Jahr, daß die drei Kernmitglieder der Band – die Sängerin Siouxsie Sioux, der Bassist Steve Severin und der Schlagzeuger Budgie – wieder zusammen auftreten; aber ohne die Absicht, die Band zu reaktivieren.

Ich werde im Verlauf dieser Sendung das Album Superstition ausklingen lassen und das eine oder andere Stück, das die Band oder Siouxsie alleine bis zu ihrem letzten Album The Rapture aufgenommen hat, spielen.

Doch der Schwerpunkt dieses Zwischenspiels soll ein anderer sein. Während Siouxsie and the Banshees mehr verspielt oder metaphorisch die Ungeheuerlichkeiten und die Kälte eines paranoiden Wahnsystems namens Kapitalismus besingen, beschreiben oder anklagen, will ich heute einige Bücher über die Vergangenheit vorstellen. Geschichte wird nicht nur gemacht; Geschichte wirkt auch nach oder wird – gerade im Zeitalter multimedialer Spektakel – neu zelebriert. Grund genug, sich damit zu befassen. Grund genug auch, sich mit der eigenen Vergangenheit zu beschäftigen. Der Sinn bei dieser Beschäftigung kann nur darin bestehen, zu begreifen, warum bestimmte Ereignisse so und nicht anders stattgefunden haben, um daraus zu lernen, wie unsere Geschichte vielleicht anders, vielleicht besser, gestaltet und verändert werden kann.

Geschichte ist nicht einfach da. Geschichte ist keine Ansammlung von Daten und Fakten. Geschichte ist nicht zuletzt ein komplexes soziales, politisches und wirtschaftliches Gewebe, deren Fäden uns heute so umspinnen sollen, daß wir den Kapitalismus als deren Ende, Wahrheit und Weisheit zu begreifen haben. Jeder Schritt darüber hinaus, auch Sozialismus oder Kommunismus genannt, führe in den Abgrund, ins Chaos und in weitere Ungerechtigkeiten, wird uns zumindest gesagt.

Also bleiben wir doch lieber bei dem, was wir hier sicher haben. Millionen Hungertote im Süden und sichere Arbeitsplätze im Norden. Krieg in Afghanistan und offene Grenzen in Europa. Folter in der Türkei und florierende Waffengeschäfte mit rotgrüner Unterstützung. Da wir ja alles haben, ist eine ernsthafte Beschäftigung mit den Entstehungsbedingungen unserer Gesellschaft offensichtlich sinnlos und unnötig. Oder? Also – ich glaube den verlogenen Mythen und Geschichtserzählungen nicht. Und deshalb werfe ich einen anderen Blick auf Vergangenheit und Gegenwart. Für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt begrüßt euch Walter Kuhl.

Doch zu Beginn einer kleiner Überblick auf das, worüber ich in der nächsten Stunde reden werde. Sommerzeit heißt Lesezeit, und trotz Regens bin ich dazu auch gekommen: Das Rätsel der Kelten vom Glauberg handelt von einigen unserer Vorfahren, die vor zweieinhalb bis drei Jahrtausenden wahrscheinlich den süddeutschen Raum bevölkert haben. Als Begleitband zur Kelten–Ausstellung in der Frankfurter Schirn konzipiert, soll dieser Band uns zu einem besseren Verständnis der keltischen Kultur verhelfen. Ein zweites Buch mit dem Titel Die Kelten in Deutschland werde ich daran anschließend vorstellen.

Wer sich mit Klassischer Archäologie beschäftigt, wünscht sich zuweilen ein griffiges Handbuch, um die eine oder andere Grundlage noch einmal nachschlagen zu können. Diese Lücke hat Tonio Hölscher mit seinem Buch über die Klassische Archäologie geschlossen. Mir geht es nun darum festzustellen, auf welchen ideologischen Grundlagen dieses im Buch verbreitete Grundwissen beruht.

Die beiden letzten Bücher, die ich heute vorstellen möchte, behandeln die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Zum einen geht es um eine mögliche Neubewertung des 1. Weltkriegs und um die Frage, inwieweit dieser Krieg die Geschichte des 20. Jahrhunderts beeinflußt hat. Das andere Buch behandelt die Politische Gewalt in der Weimarer Republik und zeigt, daß die übliche Behauptung, die Weimarer Republik sei an seinen rechten und linken Extremen zugrunde gegangen, daß diese Behauptung nicht länger aufrecht zu erhalten ist.

 

The Ghost In You

Und damit komme ich zu Susanne und ihren Todesfeen (also Siouxsie and the Banshees) und dem letzten Stück ihres Albums Superstition – The Ghost In You. Auch dieses Stück ist nicht frei von historischen Einsprengseln, jedoch auf eine Weise, die das Geschehen nicht begreifbar macht, sondern nur als Metapher benutzt.

Du erwachtest in einem brennenden Haus aus Papier
von den unendlichen Feldern eines traumlosen Schlafes
Du kehrst zurück zum Platz des Himmlischen Friedens
als Augenzeuge in einem Totenhemd
Du siehst sie fallen, fühlst, wie sie ihren Geist aufgeben
erlebst noch einmal den Terror der Massen.

Halte den Wirbelsturm fest, laß ihn nicht blasen
nur für einen Moment schien ich ihn zu kennen
den Geist in dir.

You awoke in a burning paperhouse
from the infinite fields
of dreamless sleep
You return to Tiananmen
an eyewitness in a shroud
to see them fall, feel them yield
reliving the terror of the crowd.

Hold the whirlwind, don't let it blow
just for a moment I seemed to know
Hold the whirlwind, dont't let it blow
I seemed to know the ghost in you.

The whisper of your scream
sighed through the air
and faith - the flag is torn and frayed
inferno heat, glory in flame
love was beaten and betrayed.

In every step I hear your sobbing
dare I break the shade with one caress?
dare I trespass to loft the veil
to touch the lips so soft and frail?

Hold the whirlwind, don't let it blow
I seemed to know the ghost in you.

Your captive heart, the belief you share
with a kiss eternal, the spirits of the square.

Hold the whirlwind, don't let it blow
hope remains with the ghost in you
Hold the whirlwind, don't let it blow
I seemed to know the ghost in you.

don't let it blow
the ghost in you
the ghost in you. [1]

Selbstverständlich machen Gerhard Schröder und sein Betroffenheits–Außenminister Joseph Fischer und allen voran die deutsche Wirtschaft die allerbesten Geschäfte mit den Mördern des Platzes des Himmlischen Friedens. Es gibt eben nur ein Menschenrecht – die Freiheit des Marktes – und nur einen Gott – den Profit. Und Mord schafft eben auch … Arbeitsplätze. Vielleicht gehört zu einem solchen Arbeitsplatzargument dann auch eine süßliche Sirenenstimme.

Siouxsie and the Banshees : The Ghost In You

 

Keltische Träume

Besprechung von : Das Rätsel der Kelten vom Glauberg, Theiss Verlag 2002, 344 Seiten, [Preis ab 2003:] € 39,90
und von : Sabine Rieckhoff und Jörg Biel – Die Kelten in Deutschland, Theiss Verlag 2001, 542 Seiten, € 64,00

Buchcover Das Rätsel der Kelten vom GlaubergNoch bis zum 1. September ist in der Frankfurter Kunsthalle Schirn die Ausstellung Das Rätsel der Kelten. Glaube – Mythos – Wirklichkeit zu sehen. Hierbei werden erstmals die Funde vom Glauberg im Original gezeigt. Der Begleitband zur Ausstellung stellt nicht nur die Ausstellungsstücke vor, sondern auch die keltischen Statuen vom Glauberg in der Wetterau, die Mitte der 90er Jahre ausgegraben worden sind. Hierbei werden die Verbindungslinien zu ähnlichen Funden in Frankreich, Süddeutschland und Portugal gezogen, aber auch nach kulturellen Einflüssen aus Griechenland und dem etruskischen Italien gefragt.

Das große Problem, zumindest für Archäologen und andere Forscherinnen, besteht in der Schriftlosigkeit der keltischen Kultur. Wir sind, so gesehen, bei vielen Funden auf eine Interpretation angewiesen, die wir nur unzureichend verifizieren können. Konsequent stellen die Herausgeberinnen und Herausgeber des Begleitbandes zur Ausstellung auch fest, daß hier nur der Forschungsstand des Jahres 2002 wiedergegeben werden kann.

[…] weitere Forschungen werden – wie in der Vergangenheit – neue Ergebnisse und neue Kenntnisse nach sich ziehen und zu einem neuen, anderen Blick auf das gesamte historische Umfeld führen. Die Ausstellung kann auf viele drängende und spannende Fragen keine abschließenden, befriedigenden Antworten geben, sie ist eine Art aktueller erster Zwischenstand der Erkenntnisse […]. Sicher auch Anlaß, nochmals neu nachzudenken, und sicher kein Grund, sich auf dem gedanklich Erreichten auszuruhen. [2]

Ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich wichtig ist, das alles zu wissen; ob es wirklich weiterhilft, den kulturellen Spuren der Vergangenheit nachzugehen. Ich gehe jedoch davon aus, daß das Wissen um die Vergangenheit hilft, die Gegenwart besser zu verstehen, selbst wenn es sich um Kelten, Hethiter oder die Menschen der Eiszeit handelt.

Allerdings frage ich mich auch, aus welchem Motiv heraus die mehr oder weniger aufwendige staatliche Förderung der Archäologie geschieht. Ein wirkliches Interesse daran, mit der Vergangenheit die Gegenwart besser verstehen zu können, um sie für alle Menschen dieser Erde auch menschlicher und lebenswerter zu gestalten, das kann es ja nicht sein. Denn sonst würden dieselben Staaten und Regierungen ja nicht jährlich eiskalt zehn Millionen Kinder verhungern lassen, während sie sich beispielsweise in ihrem neuen Stadtschloß in Berlin feiern lassen.

Ich denke, der mediale Aufwand, mit der sowohl die Keltenausstellung in der Schirn wie auch die hessische Keltenstraße ausgiebig vorgestellt wurde, zielt in eine andere Richtung. Die Kelten, ursprünglich wohl im Süden Deutschlands beheimatet, waren womöglich die ersten Europäer, zumindest in dem Sinn, daß ihre Krieger und Bäuerinnen nach Britannien, Portugal, Italien und in die Türkei gezogen sind, um das Land an sich zu reißen und um sich dort niederzulassen. Und außerdem macht es sich immer gut, sich ein bißchen philanthropisch zu geben. Zudem bieten sich die Kelten geradezu als idealer postmoderner Balladenstoff an. Nichts genaues weiß man und frau nicht, aber viele Mythen ranken sich darum. Und die Schriftlosigkeit der keltischen Kultur hilft bei der Identifikation. Denn was sich nicht überprüfen läßt, kann zunächst einmal hineingeheimnißt werden. Nicht, daß dies die Motivation der Archäologinnen oder Forscher ist. Nein, es ist die Projektionsfläche für all diejenigen, die an Fundorten oder in Ausstellungshallen sich selbst eine eigene Welt imaginieren können. Der Stoff also, aus dem unsere Träume sind. Wir erträumen uns eine Vergangenheit, nicht um die Gegenwart zu verstehen, schon gar nicht, um die Zukunft zu verändern, sondern um der Gegenwart zu entfliehen und uns gleichzeitig eine andere Interpretation derselben Gegenwart zu illusionieren. Wir schaffen uns also keine neue, bessere, Welt, sondern nutzen – zum Teil unverstandenes – Material als Bruchstücke und Bausteine, um diese heutige Welt besser ertragen und um uns darin auch irgendwie zurechtfinden zu können.

Die neue Keltomanie,

Buchcover Die Kelten in Deutschlandso schreibt Sabine Rieckhoff im Buch "Die Kelten in Deutschland",

treibt seltsame Blüten. Über einen »keltischen Garten« berichtete vor kurzem eine seriöse Tageszeitung, eine stille Wiese mit Steinen, die Schwangerschaft symbolisiere, einen Ort zum »Ausschwingen« … Auch in Irland mit seinen Großsteingräbern, den »starken Plätzen« am »Ursprung der Kelten« könnte man [oder] frau Inspiration und Spiritualität finden … Weniger besinnlich ging es […] in Stonehenge […] zu. An dem berühmten megalithischen Kultplatz, den wahrscheinlich nie eines Kelten Fuß betreten hat, feierten erstmals wieder Zigtausende von Druiden–Fans lautstark die Sommersonnenwende. Frauen–Power, »Neu–Heidentum«, Naturheilverfahren – vor keiner esoterischen Mode scheinen die Kelten verschont zu bleiben. Stöbert man in den Regalen der Buchläden, findet sich Literatur über Kelten nicht unter Geschichte, sondern zwischen Feng Shui und Fußsohlen–Massage. Statt sachlicher Informationen wird das Bild einer heilen Druiden–Welt geboren – »ganzheitlich«, »authentisch«, »naturnah«. Es lebt von der Sehnsucht nach dem einfachen, friedlichen, gesunden Leben (als ob es das je gegeben hätte!). All das hat viel mit den Ängsten des modernen Konsumenten in unserer hochtechnisierten Welt zu tun, aber nichts mit den historischen Kelten. [3]

Hier wäre zu ergänzen, daß in den einschlägigen esoterischen Buchhandlungen nicht nur Feng Shui, Keltenmystizismus und Naturheilverfahren, sondern auch rechtsradikales Gedankengut verbreitet wird. Gewisse Gedankengänge scheinen offensichtlich kompatibel zu sein.

Wer aber waren nun diese Kelten, die uns außer einigen Burgen, Wallanlagen und dem Reichtum ihrer herrschenden Klasse so wenig hinterlassen haben? Dazu nochmals Sabine Rieckhoff:

Die Kelten waren nie ein Reich und hatten nie einen eigenen Staat. Es gab wohl größere Stämme und monarchisch regierte Stammesverbände (von denen wir nicht einmal wissen, ob sie sich als »Kelten« fühlten), aber der Mangel an politischem Bewußtsein verhinderte die Bildung einer größeren, zentral gelenkten territorialen Einheit. […] Auch das häufig zitierte »große Volk Alteuropas« gab es nicht im Sinne gemeinsamer Abstammung, Sprache, Kultur oder […] mit einem gesamtkeltischen Identitätsbegriff. Zu unterschiedlich entwickelten sich die Gebiete links und rechts des Rheins während der Eisenzeit […] Trotz vieler Gemeinsamkeiten über große Entfernungen hinweg bestanden in den keltischen Kulturen zu allen Zeiten tief gehende regionale Unterschiede, selbst bei unmittelbaren Nachbarn, wie Caesar berichtet. »Die Kelten« – das waren immer vielfältige ethnische Identitäten, die im Laufe einer langen Geschichte entstanden, untergingen und sich wieder neu formierten. So betrachtet, haben sie mit einem »Europa der Nationen« doch gewisse Ähnlichkeit. [4]

Womit wir dann doch wieder beim Europagedanken wären. Nein – die Kelten waren keine Wegbereiter Europas, wie dies 1991 in der großen Keltenausstellung in Venedig behauptet wurde. Sie zogen halt umher und kümmerten sich nicht darum, ob zweieinhalbtausend Jahre später irgendwelche Spinner noch mythischer und mystischer waren als die Kelten selbst.

Passend zur Keltenausstellung in der Schirn haben wir also zwei Bücher, die auf sehr unterschiedliche Weise sich dem Phänomen Kelten nähern. Der Begleitband zur Ausstellung, mit dem Titel Das Rätsel der Kelten vom Glauberg setzt seinen Schwerpunkt mehr auf die Fundsituation vor Ort, also am Glauberg, auf Grabungstechniken und Werkstattberichte. Hier wird deutlich, mit welchen objektiven – und das heißt eben: wissenschaftlichen – Methoden versucht wird, der keltischen Nichtschriftkultur auf die Schliche zu kommen. Der Katalog der ausgestellten Funde bildet dann den zweiten Teil dieses für historisch Interessierte durchaus empfehlenswerten Begleitbandes. Erschienen im Konrad Theiss Verlag, kostet Das Rätsel der Kelten vom Glauberg 34 Euro 90. [5]

Ganz anders aufgebaut ist das ebenfalls im Konrad Theiss Verlag erschienene Buch von Sabine Rieckhoff und Jörg Biel mit dem Titel Die Kelten in Deutschland. Während Sabine Rieckhoff nüchtern und ideologiekritisch jedem Mystizismus aus dem Weg geht und so tatsächlich unser Bild von den Kelten zu bereichern versteht, liefert Jörg Biel im zweiten Teil des Buches eine Topographie der Geländedenkmäler von Allenbach bei Zwiefalten. Will sagen: auf über 200 Seiten erhalten wir einen Überblick über die Fundstätten in Deutschland. Dieses hervorragende Buch hat nur einen wirklichen Nachteil, nämlich seinen Preis, denn es kostet 64 €.

 

Klassik als kulturelle Norm

Siouxsie and the Banshees : Face To Face

Besprechung von : Tonio Hölscher – Klassische Archäologie, Theiss Verlag 2002, 360 Seiten, € 39,90

Buchcover Hölscher Klassische ArchäologieFace To Face aus dem Soundtrack des Films Batman Returns aus dem Jahr 1992. Dieser Song fand Eingang in die zweite Single–Compilation von Siouxsie and the Banshees, sinnigerweise Twice Upon A Time genannt. Hier finden sich die Single–Auskopplungen der Alben seit Erscheinen von Once Upon A Time aus dem Jahr 1982 wieder; und auch so manche Single, die auf keinem Album der Band zu finden war, etwa Fireworks, das wir nachher hören werden. Mag sein, daß das Album auch deshalb zusammengestellt wurde, weil die Band langsam auseinanderfiel und kein Material für ein eigenes Album zur Verfügung stand. Da Plattenfirmen jedoch andere Bedürfnisse verspüren als die bei ihnen unter Vertrag stehenden Künstlerinnen und Künstler, nämlich am Weihnachtsgeschäft teilzuhaben und Profit zu erwirtschaften, gibt es dann entweder angebliche Best OfAlben oder LiveAlben. Twice Upon A Time ist jedoch eine Compilation, die zehn Jahre Siouxsie and the Banshees auf hohem Niveau präsentiert.

Auch wenn ich die Compilation sicher anders zusammengestellt hätte.

Das Interesse an den Kelten ist eigentlich erstaunlich. Daß die Deutschtümler sich ein Germanenbild entwarfen, das ihren ideologischen und politischen Bedürfnissen entsprach, ist bekannt. Aber warum die Kelten? Mag sein, daß es auch damit zusammenhängt, daß der Ursprung der keltischen Kultur in Süddeutschland vermutet wird. Dennoch ist ein gewisser Bruch mit der kulturellen Tradition von Teilen der deutschen Eliten festzustellen. Diese hatten sich eher am klassischen Griechenland und an den römischen Eroberern orientiert.

Erklärungsbedürftig,

so schreibt Tonio Hölscher, der Autor des Buches "Klassische Archäologie",

ist […] die Bezeichnung klassisch, die durch eine lange geistesgeschichtliche Tradition belastet ist. Schon in der römischen Antike, programmatisch aber im neuzeitlichen Humanismus, enthielt das Wort ein Werturteil im Sinne des Vorbildlichen und Normativen: Die griechische und römische Kultur galten als klassische Norm von überzeitlichen, allgemein menschlichen Werten, an denen alle anderen geschichtlichen Kulturen gemessen wurden und auf die die Gegenwart sich wieder orientieren konnte und sollte. Diese humanistischen Ideale sind in den Erfahrungen der europäischen Moderne und der Diktaturen des 20. Jh. zerbrochen. Sie haben zudem, wenn wir außereuropäische Kulturen ernst zu nehmen bereit sind, ihren Anspruch auf Allgemeingültigkeit verloren. Zweifellos ist unsere Bildung mehr oder minder bewußt, noch stark europazentriert und insofern auf die griechisch–römische Antike bezogen; aber diese Traditionen wird man zum kritischen Gegenstand der Wissenschaft machen, nicht als Norm in die Definition hineinnehmen. Wenn dennoch an dem Begriff des klassischen Altertums festgehalten wird, so kann das heute nur noch als zeitliche Benennung einer Epoche gemeint werden. [6]

Daraus lassen sich wichtige Erkenntnisse, aber auch neue Fragestellungen entwickeln. Dadurch, daß die klassische Antike nicht länger monopolartig zum ideologischen Normengerüst unserer Gesellschaft gehört, können wir in ihr auch Aspekte und Facetten wahrnehmen, die von einer ewiggestrigen ideologischen Norm ausgeblendet werden mußten. Griechen und Römer stehen zwar unserer Kulturgeschichte nahe, aber sind uns auch gleichzeitig fremder geworden. Vielleicht sind sie auch gar nicht mehr als so zivilisiert anzusehen. Oder eben so zivilisiert, wie unsere Menschenrechts–Zivilisation mit den zehn Millionen Kindern auch. Die Werte der westlichen Zivilisation halt, wie sie Edmund Stoiber und seine geistigen Verwandten uns nach der Bundestagswahl nahebringen wollen.

Aber vielleicht steht die Abkehr vom klassischen Bildungsideal auch im Zusammenhang mit einer multikulturelleren, multimedial aufbereiteten Welt. Ein bißchen postmoderne Beliebigekeit halt. Wo es früher nur Troja, Rom oder Athen gab, kommen nun Kelten, Hethiter, Maya oder Yoruba hinzu.

Tonio Hölscher hat versucht, in seinem Buch über die Klassische Archäologie das Grundwissen über die von ihm kritisch reflektierte Klassik zusammenzutragen, mit Verweisen, wo dieses Wissen vertieft werden kann. Gerade in einer Zeit, in der viele Forschungsgebiete sich weiter spezialisieren, ist es umso notwendiger, nicht nur den Überblick zu behalten, sondern auch Verbindungslinien ziehen zu können. Deshalb behandelt das Buch nicht nur den Grundkanon der klassischen Antike, wie wir ihn auf jedem Bildungsurlaub vermittelt bekommen. Vielmehr wird beispielsweise auch auf die Vorgeschichte des klassischen Griechenlands verwiesen, auf die Kulturen der Minoer und Mykener, oder wir erfahren mehr über Malerei, Mythen und Mosaiken. Weil eben auch diese Details wichtig sind, um die ideologischen Grundlagen der antiken Gesellschaften besser verstehen zu können; und dies gilt umso mehr für die Grundlagen unserer Gesellschaft.

Daß ein solches Buch Grenzen hat, ist dem Autor und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern durchaus bewußt. Wenn man und frau bedenkt, daß das enzyklopädisch erfaßte Wissen der klassischen Antike weit über hundert dicke Wälzer umfaßt, dann kann ein Buch, das uns das Grundwissen zur Verfügung stellen will, nur Ausschnitte der gesamten bekannten Realität vermitteln. Und dafür eignet sich das Buch allemal und ist somit für die an der klassischen Antike Interessierten nutzbringend. Das Buch Klassische Archäologie von Tonio Hölscher ist ebenfalls im Konrad Theiss Verlag erschienen und kostet 34 Euro 90 [7].

Siouxsie and the Banshees : Fireworks

 

Der Erste Weltkrieg

Besprechung von : Jay Winter, Geoffrey Parker, Mary R. Habeck (Hg.) – Der Erste Weltkrieg und das 20. Jahrhundert, Hamburger Edition 2002, 352 Seiten, € 30,00

Ein problematisches und doch teilweise nicht uninteressantes Buch über den Ersten Weltkrieg und das 20. Jahrhundert hat die Hamburger Edition, der Verlag des Hamburger Instituts für Sozialforschung, herausgebracht. Basierend auf einer Vorlesungsreihe an der Universität Yale 1994, werden hier neuere Forschungsergebnisse zur Entstehung, zum Verlauf und zum Ende des 1. Weltkriegs vorgestellt.

Buchcover Der Erste Weltkrieg und das 20. JahrhundertEinerseits zeichnet das Buch aus, daß es sich von so manchen ideologischen Fesseln nach dem Ende des Kalten Krieges befreien konnte, und somit auch nüchtern auf die imperialistischen Pläne und Interessen der Kriegsteilnehmer eingehen kann. Andererseits ärgert es mich beim Lesen immer wieder, mit welchem Brett vor dem Kopf so manche Autorin oder so mancher Autor argumentiert, etwa wenn Gerald Feldman ziemlich begriffslos oder sogar begriffsstutzig davon ausgeht, daß selbst in Zeiten großer Not der Markt das bessere Instrument zur Verteilung von Ressourcen ist als wirtschaftlicher Dirigismus. Hier scheint dann deutlich die neoliberale Vorherrschaft in den Köpfen US–amerikanischer Professoren durch.

Festzuhalten ist jedenfalls: auch die neuere historische Forschung geht davon aus, daß der 1. Weltkrieg kein Versehen, sondern Absicht war, und daß Deutschland mitsamt seines Satelliten Österreich–Ungarn als die Hauptschuldigen zu betrachten sind. Ein Schwerpunkt der in dem Band Der Erste Weltkrieg und das 20. Jahrhundert versammelten Aufsätze ist das Geschehen an der Ostfront, weil hier mit dem militärischen Zusammenbruch des Zarenreichs eine Entstehungsbedingung der Oktoberrevolution zu suchen ist. So sehr dem Autor William C. Fuller jr. zuzustimmen ist, daß letztlich die technologische und damit auch wirtschaftliche Rückständigkeit Rußlands einen russischen Sieg an der Ostfront unmöglich machte, und nicht, wie teilweise behauptet, die Unfähigkeit der zaristischen Generalität, so ist es einfach Unsinn, wenn er spekuliert:

Die Soldaten der Alliierten und die sie unterstützende Zivilbevölkerung hätten sich keine düsterere Zukunft vorstellen können als ein vom deutschen Kaiserreich beherrschtes Europa. Wir haben jedoch den Vorteil nachträglicher Erkenntnisse und wissen es besser. War der Sieg der Alliierten ohne Rußland tatsächlich der optimale Ausgang des Ersten Weltkrieges? Wäre unter den gegebenen Umständen ein deutscher Sieg für die Zivilisation und die Menschheit nicht besser gewesen? Wenn das Deutsche Reich in diesem Krieg gesiegt hätte, hätte es mit dem bolschewistischen Regime kurzen Prozeß gemacht, und wir hätten ein 20. Jahrhundert ohne einen Stalin oder Hitler gehabt. Unser hypothetisches 20. Jahrhundert hätte sicherlich viele andere Schrecken hervorgebracht, aber keiner davon wäre mit den tatsächlich folgenden vergleichbar gewesen oder hätte sie gar überstiegen. [8]

Vielleicht. Aber vielleicht auch nicht. Weil Mr Fuller etwas vergißt - nämlich den tatsächlichen Grund für den 1. und letztlich auch für den 2. Weltkrieg; nämlich die imperialistische Konkurrenz zwischen den damaligen Großmächten. Und dieser Imperialismus war keine Frage der Herrschaftssystems, von Demokratie oder Freiheit, oder militärischen Eroberungsgelüsten, sondern letztlich eine wirtschaftliche Frage. Nur dadurch, daß unsere neoliberal gewendeten Professoren nach dem Fall der Mauer meinen, die ökonomischen Ursachen des 1. Weltkriegs ignorieren zu können, kommen sie zu derart seltsamen Gedankengängen. Wer meint, die durchaus hellsichtigen Schriften von Rosa Luxemburg und Wladimir Iljitsch Uljanow alias Lenin zum Altpapier geben zu können, verpaßt die Chance, die Geschichte, die zum 1. Weltkrieg führte, auch in ihrer Gesamtheit zu begreifen.

Denn interessanterweise kommt dieser Imperialismus sozusagen als Nebenbemerkung im Buch sogar vor. A.S. Kanya–Forstner, und angesichts des fehlenden Autorinnen– und Autorenregisters weiß ich schlicht nicht, ob es sich um einen Mann oder um eine Frau handelt, schreibt im Aufsatz Krieg, Imperialismus und Entkolonialisierung nämlich tatsächlich etwas zu den imperialistischen Hintergründen des 1. Weltkrieges. Sogar der Name Lenin fällt.

Und interessant ist hierbei vor allem, daß selbst die Alliierten unter– und gegeneinander unvereinbare Eroberungspläne besaßen. Offensichtlich wurden sie vor allem durch den Kampf gegen die Achse Deutschland–Österreich–Ungarn–Türkei zusammengehalten. Hätte es die nicht gegeben, dann wäre der 1. Weltkrieg zwar anders verlaufen, aber sicher nicht vermieden worden. Das ändert nichts an der deutschen Kriegsschuld, zeigt aber, daß alternative Szenarien auch nur andere Mordszenarien wären.

Das Spannendste an dem Buch über den Ersten Weltkrieg und das 20. Jahrhundert ist jedoch der Beitrag von Holger Herwig über die Mythen, die bis heute über die Geschichte oder einzelne Ereignisse erzählt werden. Er belegt die systematische Unterschlagung von Akten, die Säuberung der Archive und die Ausgrenzung von Wissenschaftlern bis weit in die Nachkriegszeit der Bundesrepublik Deutschland und Österreichs hinein. Belastendes Material wurde entfernt und statt dessen die Geschichtsschreibung manipuliert.

Leider verspricht ansonsten der Titel des Buches mehr als er hält. Gerade von der Fragestellung, welche Auswirkungen der 1. Weltkrieg für das 20. Jahrhundert gehabt hat, habe ich mir wesentlich mehr versprochen. Vor allem die These von Zara Steiner,

daß der Erste Weltkrieg und die Friedensregelungen einen tiefgreifenden Einfluß auf das internationale Staatensystem [9]

gehabt haben sollen, kann ich nicht nachvollziehen. Denn letztlich hängt die Staatenordnung nach dem Zweiten Weltkrieg von mehreren Faktoren ab: sowohl vom umfassenden Sieg der Alliierten als auch vom durch die USA diktierten Währungs– und Wirtschaftssystem von Bretton Woods. Leider erzählen uns die Autorinnen und Autoren des Buches hier viel vom Einfluß und politischen Handeln diverser Staatsmänner, so als hätte es an ihrem Willen, ihrer guten Laune und ihren Fähigkeiten abgehangen, wie die Geschichte des 20. Jahrhunderts verlaufen ist. Doch genau das ist einfach grober Unfug. Ich dachte, das Geschichtsverständnis der großen Männer sei längst in den Archiven verstaubt. Wer keine ökonomische, und das heißt auch: kapitalismuskritische, Analyse betreibt, versteht nur die Hälfte, und auch die nur unvollkommen. Insofern hat das Buch mehr Schwachstellen als erhellende Momente. Ich kann es daher nur sehr eingeschränkt empfehlen. Der erste Weltkrieg und das 20. Jahrhundert ist in der Hamburger Edition erschienen und kostet 30 €.

 

Politische Gewalt in der Weimarer Republik

Besprechung von : Dirk Schumann – Politische Gewalt in der Weimarer Republik 1918–1933, Klartext Verlag 2001, 400 Seiten, € 45,00

Mein letztes Buch für heute ist dafür wesentlich interessanter und auch spannender. Dirk Schumann hat seine Habilitationsschrift über Politische Gewalt in der Weimarer Republik 1918–1933 überarbeitet und in eine für Interessierte lesbare Form gegossen. Zwar ist der Begriff der politischen Gewalt schillernd und, wie ich finde, hier auch nur unzureichend geklärt worden, aber das tut der Aussage des Buches keinen Abbruch. Dirk Schumann belegt anhand seiner Fallstudie über politische Gewalt in der preußischen Provinz Sachsen, weitgehend mit dem heutigen Bundesland Sachsen–Anhalt identisch, daß

  1. es einen Unterschied zwischen der politischen Gewalt seitens der Rechten und der Linken gegeben hat, bei dem die Gewalt von Seiten der Linken eher reaktiv und schon gar nicht staatsgefährdend gewesen ist
  2. spätestens Mitte der 20er Jahre die bürgerliche und die extreme Rechte, die oft nicht unterscheidbar waren, sich darauf verständigt haben, die Weimarer Republik nicht akzeptieren zu wollen, weil sie der Restaurierung deutscher Macht im Wege stand, und
  3. somit nicht die Weltwirtschaftskrise an der Radikalisierung der Massen schuld war.

Buchcover D. Schumann Politische Gewalt in der Weimarer RepublikDie rechte Gewalt, der Antisemitismus und die Ablehnung der Weimarer Republik – all dies ging aus dem hervor, was wir heute die Mitte der Gesellschaft nennen. Ganz normale Bürger, ganz normale Männer, ganz normale Honoratioren, ganz normale Deutsche eben.

Dirk Schumann widerlegt mit seiner Studie, die vielleicht noch durch ähnliche Studien in anderen deutschen Regionen zu verifizieren wäre, die Legende, daß die Gewaltspirale von Rechts und Links zum Untergang der Republik geführt hat. Nein, sein Fazit ist zumindest an einem Punkt eindeutig: die Linke war viel zu schwach und handelte politisch viel zu kontraproduktiv, um eine wirkliche, eine revolutionäre Gefahr für die Weimarer Demokratie zu sein. Das heißt nicht, daß es keine Revolten oder Aufstandsversuche seitens der KPD gegeben hätte. Aber selbst in den Zeiten, in denen die Revolutionsgefahr am größten schien, also von 1918 bis 1923, selbst da ging die größere Gefahr und die gewalttätigere Politik von der mehr oder weniger extremen Rechten aus.

Und wenn wir so die politischen Auseinandersetzungen vielleicht neu bewerten müssen, die letztlich zur Machtübergabe an Hitler und seine NSDAP geführt haben, so lassen sich hier vielleicht auch Lehren für heute ziehen. Wehret den Anfängen, die schon längst keine mehr sind, kann nicht heißen, Faschisten zu tolerieren oder mit ihnen auch noch – wie es in den neuen Bundesländern augenzwinkernd geschieht – Sozialarbeit in staatsfinanzierten Jugendhäusern zu machen. Von der Verfassungsschutz NPD ganz zu schweigen. Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen. Das Verbrechen nicht verhindert zu haben, ist, auch dies belegt die Studie von Dirk Schumann, weniger der KPD anzulasten, als vielmehr denen, die die Auseinandersetzung mit dem Faschismus als Meinungsstreit begriffen haben, der sich durch parlamentarische Mehrheiten erledigen würde.

Insgesamt also eine interessante, wenn auch manchmal langatmige und sich in Details verlierende Studie. Auch hätte es der Studie gut getan, wenn der Autor mehr über Aufstandsbekämpfungsstrategien gewußt hätte, weil er dann auch die staatliche Politik noch einmal anders und genauer hätte betrachten müssen und auch hätte können. Aber insgesamt ist sein Buch ein Beispiel dafür, daß ein erhebliches Maß Unvoreingenommenheit der historischen Wahrheit zugute kommt. Politische Gewalt in der Weimarer Republik 1918–1933 ist im Essener Klartext Verlag erschienen und kostet 45 €.

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte –

heute mit einer Geschichtsexkursion und der musikalischen Begleitung von Siouxsie and the Banshees. Zum Schluß dieser Sendung daher noch einmal eine Übersicht über die in dieser Sendung besprochenen Bücher:

Fragen, Anregungen oder Kritik, oder was ihr sonst noch auf dem Herzen habt, könnt ihr wie immer meiner Voice–Mailbox bei Radio Darmstadt anvertrauen. Die Telefonnummer lautet (06151) für Darmstadt, und dann die 8700–192. Oder ihr schickt mir eine Email an tinderbox <at> alltagundgeschichte.de.

Doch bevor die Kulturredaktion mit ihrer Sendung Heinerkult on air geht, wird Siouxsie Sioux im Duett mit Morrissey zu hören sein. Die Plattenfirma promotete die daraus entstandene Single mit dem Hinweis, hier seien zwei der größten Pop–Ironistinnen und –Ironisten versammelt und zu hören.1994 nahmen die beiden das Duett Interlude, also Zwischenspiel, auf. Die englische Tageszeitung Guardian schrieb hierzu am 19. August 1994:

Ironisten vielleicht, Misanthropen auf jeden Fall. Man verbinde den leidenschaftlichen Pessimismus des einen Songschreibers, der Girlfriend in a Coma textete, mit der strengen Diva, die Liebe in der Leere sang (Love In A Void), und das Ergebnis wird eine doppelte Dosis Elend sein, die kaum zu übertreffen ist. Interlude ist eine finstere, beunruhigende und gelegentlich tonlose Ballade, die niemals die beneidenswerte Reputation auf einer Party erhalten sollte, nur um zu zeigen, wie erbärmlich eine Verletzung sein kann. [12]

Was immer uns der Autor damit sagen wollte, ein gewisser Jim Davies war es – hier hört ihr das so furchtbar düstere Duett von Siouxsie und Morrissey. Ob die Düsternis etwas mit den Verhältnissen zu tun hat, in denen wir leben? Wer weiß. Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt war Walter Kuhl.

Morrissey / Siouxsie Sioux : Interlude

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   © Polydor / Siouxsie and the Banshees; eigene Übersetzung.
[2]   Das Rätsel der Kelten vom Glauberg, Seite 14
[3]   Sabine Rieckhoff und Jörg Biel : Die Kelten in Deutschland, Seite 13
[4]   Rieckhoff / Biel, Seite 15–16
[5]   Einführungspreis, ab 1. Januar 2003 € 39,90.
[6]   Tonio Hölscjer : Klassische Archäologie, Seite 14
[7]   Siehe Anmerkung 5.
[8]   William C. Fuller jr. : Die Ostfront, in: Jay Winter, Geoffrey Parker, Mary R. Habeck (Hg.) : Der Erste Weltkrieg und das 20. Jahrhundert, Seite 34–70, Zitat auf Seite 70
[9]   Zara Steiner : Krieg, Frieden und das internationale Staatensystem, in: Der Erste Weltkrieg und das 20. Jahrhundert, Seite 263–297, Zitat auf Seite 263
[10]  Siehe Anmerkung 5.
[11]  Siehe Anmerkung 5.
[12]  Gefunden im März 2000 auf: http://www.vamp.org/Siouxsie/Text/rev-interlude.html.

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 21. September 2009 aktualisiert.
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