Tinderbox, 26. Folge

Rhapsody

Abgesang auf die Vergangenheit

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
Sendung :
Tinderbox, 26. Folge
Rhapsody
Abgesang auf die Vergangenheit
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Montag, 15.  2002, 17.00–18.00 Uhr
 
wiederholt am :
Dienstag, 16.  2002, 00.00–01.00 Uhr
Dienstag, 16.  2002, 08.00–09.00 Uhr
Dienstag, 16.  2002, 14.00–15.00 Uhr
 
 
Playlist :
  • Siouxsie and the Banshees : Rawhead and Bloodybones
  • Die Toten Hosen : Warum werde ich nicht satt?
  • Siouxsie and the Banshees : The Last Beat Of My Heart
  • Siouxsie and the Banshees : Rhapsody
 
 
URL dieser Seite : http://www.waltpolitik.powerbone.de/tinderbx/tinder26.htm
 
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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung
Kapitel 2 : Opernball – Lärmkeule
Kapitel 3 : Joschka goes Israel
Kapitel 4 : Jüdische Lobby in den USA?
Kapitel 5 : Der letzte Arbeitslose
Kapitel 6 : Frühlingsgefühle in der Stalinära
Kapitel 7 : Alexandra Kollontai
Kapitel 8 : Schluß
Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte / Tinderbox

Tinderbox
26. Teil
Rhapsody
Abgesang auf die Vergangenheit

Siouxsie and the Banshees : Rawhead and Bloodybones

Willkommen zu einer neuen Folge von Tinderbox auf Radio Darmstadt. Da die heutige Sendung eher ein wenig Magazincharakter besitzt, möchte ich euch kurz vorstellen, was ihr in der kommenden Stunde hören werdet. Selbstverständlich werden Siouxsie and the Banshees wieder den musikalischen Rahmen abgeben. Mit dem gerade gehörten Rawhead and Bloodybones und den zwei eher frühlingshaften Stücken The Last Beat of My Heart und Rhapsody endet das 1988 herausgebrachte Album Peep Show. Mit dem voyeuristischen Blick, den auch das Album durchzieht, werde ich mich gelegentlich noch befassen.

Letzte Woche habe ich versucht, meine Sichtweise zum Krieg Israels gegen die palästinensische Zivilbevölkerung darzulegen. Ich denke aber, daß es notwendig ist, einiges präziser herauszuarbeiten. Ab wann nämlich ist Kritik an Israel antisemitisch? Wer hat in diesem Land das Recht, Kritik an Israel zu üben, und wer sollte lieber schweigen? Und warum sollen deutsche Friedenstruppen ausgerechnet in den Nahen Osten geschickt werden dürfen? Fragen, die ich im Verlauf dieser Sendung beantworten werde.

Die Bundesanstalt für Arbeit wird durch ihren neuen Chef Florian Gerster zu einer modernen Arbeitslosenquälagentur umgebaut. Radio Darmstadt hat eine Zeitreise unternommen und war dabei, als der letzte Arbeitslose als Kuriosität längst vergangener Zeiten interviewt wurde.

Rhapsody, das letzte Stück von Siouxsie and the Banshees auf dem Album Peep Show, handelt von einem Liebespaar im Glanz der untergehenden Sonne in der Stalinära. Anlaß genug, einen Blick zurück auf die Entstehung der Sowjetunion und die Charakteristika des Stalinismus zu werfen. Vielleicht lohnt es sich bei diesem Blick auf die Vergangenheit auch, an Alexandra Kollontai zu denken, die in den 20er Jahren einige selbst heute noch aktuelle Positionen zum Verhältnis von Liebe, Sexualität und Ausbeutung entworfen hat.

Doch ganz zu Anfang möchte ich mich einem regionalen Thema widmen. Für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt begrüßt euch Walter Kuhl.

 

Opernball – Lärmkeule

Nachbarschaftshilfe der besonderen Art leistet die Agentur für Lärmkeulen und Hummerbuffets für die notleidende Standortschickeria. Die Fraport AG gibt in der jüngsten Ausgabe ihres hunderttausendfach verteilten Propagandablättchens START frei das Zitat schlechthin zum Standort Frankfurt zum Besten. Sie zitiert den Veranstalter des Frankfurter Opernballs, Manfred Pasenau, mit den Worten:

Der Frankfurter Opernball lebt von internationalen Gästen. Und die wünschen eine bequeme Anreise. Deshalb: Ja zum Flughafenausbau! [1]

Damit also diejenigen, die hauptsächlich mitverantwortlich sind für Arbeitslosigkeit, Standortpoker, Reallohnsenkung und den Abbau aller sozialen Netze, damit diese es also bequem haben – war da nicht einmal der Aufschrei von genau dieser Bande, wenn der eine oder die andere Arbeitslose das soziale Netz als Hängematte begreift? – damit es also diese Herumlungerer möglichst bequem haben, um unter ihresgleichen beim Opernball sehen und gesehen zu werden, sollen Hunderttausende Menschen in der Region zukünftig unter verschärftem gesundheitsschädlichen Lärm leiden müssen.

Danke Fraport, so gut hätte nicht einmal ich eure Ausbaupläne auf den Punkt bringen können. Und ich hoffe, ihr habt dieses unschlagbare Argument eurer Arroganz in die Unterlagen des Raumordnungsverfahrens aufgenommen, damit neben Roland Koch auch unser Regierungspräsident versteht, worauf es wirklich ankommt.

Die Toten Hosen : Warum werde ich nicht satt?

 

Joschka goes Israel

Die Vergangenheit holt Israel ein. Die Vergangenheit gibt Deutschland neue Optionen zu humanitär verbrämten Interventionen. Es war ein unbedeutender Bundestagsabgeordneter namens Joschka Fischer, der in einem Streitgespräch mit Daniel Cohn–Bendit Ende 1994 folgende historische Worte von sich gab:

Ich bin der festen Überzeugung, daß deutsche Soldaten dort, wo im Zweiten Weltkrieg die Hitler–Soldateska gewütet hat, den Konflikt anheizen und nicht deeskalieren würden. Wenn sich die Deutschen erst einmal militärisch einmischen, wird es völlig andere Reaktionen geben. All diese Einsätze und die Debatten darum werden von der Bundesregierung als Türöffner benutzt. Das vereinigte Deutschland soll in seinen außenpolitischen Optionen voll handlungsfähig gemacht werden. Ich wäre froh, wenn die, die das wollen, sich wenigstens nicht andauernd hinter der Humanität verstecken würden, um eben diese Position durchzusetzen. Deutschland hat eine historisch bedingte Sonderrolle, ob einem das gefällt oder nicht. Unter dem Deckmantel supranationaler Organisationen wie Nato, WEU, EU findet derzeit ein Rückfall in das 19. Jahrhundert statt. Was ich im Moment sehe, sind massive Bestrebungen in Deutschland für größeren militärischen Handlungsspielraum […]. [2]

Wie vergeßlich der gewendete und gewandte Staatsmann Fischer dann fünf Jahre später war. Nicht nur, daß er deutsche Kampfjets gen Belgrad dirigierte, nein, ohne sein aktives Eingreifen wäre es wahrscheinlich nicht einmal zum Krieg der NATO–Staaten gegen Jugoslawien gekommen. Leider findet sich kein Kriegsverbrechertribunal, das zumindest einmal bereit wäre, Ermittlungen aufzunehmen.

Olle Kamellen, gewiß. Und doch werfen sie ihre Schatten auch nach Israel und Palästina. Apostel Joschka möchte das Heilige Land mit folgendem Plan beglücken: Rückzug Israels, ein eigener palästinensischer Staat, Jerusalem als Hauptstadt beider Staaten. Die USA, die Europäische Union, Rußland und die UNO sollen mit eigenen Truppen ein entsprechendes Abkommen absichern. Selbstverständlich handelt es sich hierbei um einen genau kalkulierten Affront. Denn welche israelische Regierung wäre bereit, eventuell gar deutschen Truppen die Sicherung der Grenzen Israels anzuvertrauen? Gerhard Schröder jedenfalls brachte am vergangenen Dienstag auf der Kommandeurstagung der Bundeswehr so ganz nebenbei ein mögliches zukünftiges Einsatzgebiet im Nahen Osten zur Sprache.

Nur, um das noch einmal richtig zu begreifen. Fischer sagt 1994, deutsche Truppen dürften nicht dort eingesetzt werden, wo die Wehrmacht gewütet hatte. Fünf Jahre später waren seine Jungs vorne mit dabei. Der größere Tabubruch besteht darin, nach sechs Millionen ermordeter Jüdinnen und Juden heute so ganz nebenbei zur Sprache zu bringen, daß die Nachfahren der Mörder heute die Sicherheit der Überlebenden gewährleisten wollen. Gibt es eine Scham– oder Schmerzgrenze für rot–grüne Instinktlosigkeit? Wahrscheinlich nicht. Denn es handelt sich nicht um ein Versehen oder einfach nur um Arroganz. Daher noch einmal Joschka Fischers Credo aus den Zeiten, in denen er selbst noch nicht die Macht zum Handeln besaß:

Wenn sich die Deutschen erst einmal militärisch einmischen, wird es völlig andere Reaktionen geben. All diese Einsätze und die Debatten darum werden von der Bundesregierung als Türöffner benutzt. Das vereinigte Deutschland soll in seinen außenpolitischen Optionen voll handlungsfähig gemacht werden. Ich wäre froh, wenn die, die das wollen, sich wenigstens nicht andauernd hinter der Humanität verstecken würden, um eben diese Position durchzusetzen. [3]

Mit den Bildern zum israelischen Krieg gegen die Palästinenserinnen und Palästinenser, offiziell als Antiterrormaßnahmen deklariert, werden in diesem Land die zu dieser Humanitätsduselei passenden Dämme gebrochen. Jede seriöse Untersuchung der letzten fünfzig Jahre belegt, daß antisemitische Ressentiments in der Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland weiterhin weit verbreitet sind. Ganz perfide sind ja diejenigen schon im Jugoslawienkrieg gewesen, die Bomben und deutsche Schutztruppen damit begründet hatten, kein neues Auschwitz zulassen zu wollen. Gibt es jetzt die Steigerungsform, kein neues Auschwitz dadurch zulassen zu wollen, daß die Nachkommen der Täter den Nachkommen der Opfer nachfolgen? Oder wie habe ich Fischers Engagement und Schröders Worte sonst zu verstehen?

 

Jüdische Lobby in den USA?

Doch es bleibt auch so einiges anzumerken: Linke Positionen, die gefährlich nahe am Antisemitismus entlang argumentieren, sind einfach abzulehnen. So fragt Viktoria Waltz in der Aprilausgabe der in Köln erscheinenden Sozialistischen Zeitung:

Warum hören wir kaum eine fundierte Kritik und eine zweifelnde, Partei nehmende, Stellungnahme gegen das Unrecht, während in den europäischen und auch den amerikanischen Medien Hintergründe und Aufdeckungen jede Menge zu erhalten sind: Clintons Wahlkampf durch die israelische Arbeitspartei mitfinanziert, Bushs Wahlkampf durch den Likud–Block; fast die Hälfte der amerikanischen Regierungsmitglieder sind Doppelstaatler, Israelis und Amerikaner […]. [4]

Da ist mir doch fast die Spucke weggeblieben. Selbst wenn das stimmen sollte mit dem Doppelpaß – hier wird eine altbekannte primitive antisemitische Verschwörungstheorie präsentiert. Die Politik der USA ist doch nicht davon abhängig, daß wieder einmal die Juden dahinterstecken. US–amerikanische Interessen sind zunächst einmal Interessen des US–Kapitals, oder vielleicht genauer: verschiedener Kapitalfraktionen. Und die haben mit religiösen, ethnischen oder ähnlich schwachsinnigen Kategorien nicht das geringste zu tun.

Daß die Arbeitspartei und der Likud möglicherweise den Wahlkampf der US–Präsidentschaftskandidaten mitfinanziert haben mögen, trägt zur Erhellung der aktuellen US–Politik wenig bei. Solange Israel zur Durchsetzung US–amerikanischer geostrategischer und Erdölinteressen dienlich ist, lassen sich auch Kongreßabgeordnete und Präsidentschaftsbewerber schmieren.

Selbstverständlich gibt es eine jüdische Klientel in den USA, die Druck auf die US–Regierung ausübt, so wie dies auch von vielen anderen Seiten geschieht. Aber diese Lobbyarbeit auf die billigste Weise am Doppelpaß einiger Regierungsmitglieder festzumachen, ganz im Sinne schmierigster Verschwörungstheorien, wonach jüdische Kreise im Hintergrund die Fäden ziehen, ist nicht nur geschmacklos, sondern ... eben antisemitisch.

Kritik am Kriegskurs Israels, an den Verbrechen an der palästinensischen Zivilbevölkerung und an der Zerstörung der zivilen Infrastruktur läßt sich auch anders begründen. Da reichen simple Konzepte von Solidarität und Emanzipation. Da geht es nicht darum, ausgerechnet in Israel ein Betätigungsfeld für das eigene deutsch–leidgeplagte schlechte Gewissen zu finden. Reden wir doch zuerst über die deutschen Verbrechen und dann über die israelischen. Das, denke ich, ist ein guter Test, um die Motivation der Kritikerinnen und Kritiker Israels heute herauszufinden.

Doch bleibt noch immer einiges zu sagen: Warum, zum Beispiel, werden die ethnischen Identitäten – Israelis auf der einen, Palästinenserinnen auf der anderen Seite – widerspruchslos akzeptiert? Wobei vielleicht hinzuzufügen wäre, daß Ethnie der heute politisch korrekte Begriff für das ist, was wir früher Volk genannt haben. Der Begriff Ethnie hat ja keine neue Füllung erhalten. Er meint dasselbe wie Volk. Wobei im englischen oder lateinamerikanischen Sprachraum dieser Begriff noch einmal anders (und durchaus auch positiv) besetzt ist als in Deutschland.

Das heißt, weitergedacht, Israelis und Palästinenser argumentieren im Hinblick auf die eigene und die gegnerische Identität in völkischen Kategorien. Und in völkischen Kategorien zu denken, führt dazu, eine gemeinsame Basis für Solidarität und Emanzipation, eine Basis für Vertrauen und Gemeinsamkeit erst gar nicht finden zu wollen.

Allerdings ist es nun auch wieder nicht so einfach: denn wenn Jüdinnen und Juden aufgrund des selbst oder von außen zugeschriebenen ethnischen Merkmals verfolgt und ermordet wurden (und werden), dann kann man oder frau nicht einfach hergehen und sagen: gebt eure Identität auf. Das kann nur und muß ein Prozeß sein, der sich aus der Mitte der entsprechenden Ethnien selbst entwickelt.

Nur so ist auch zu verstehen, warum derzeit Synagogen zerstört und israelische Fahnen verbrannt werden. Für diejenigen, die sich im Kampf gegen Israel begreifen, ob Palästinenser oder Menschen aus anderen arabischen Ländern, besteht der Unterschied zwischen Jüdinnen und Israelis faktisch nicht. Das muß nicht einmal antisemitisch motiviert sein. Wenn israelische Siedler palästinensisches Land okkupieren, sich als Juden und Zionisten begreifen und dies mit der israelischen Flagge kundtun, dann wird dieser Zusammenhang faktisch hergestellt. Judentum, Zionismus und Israel sind dann dasselbe. Und wenn sich die israelische Gesellschaft als im Krieg befindlich begreift, wenn diese Gesellschaft sich einen bekannten Kriegsverbrecher zum Premierminister wählt, dann sind – nicht für mich, nur um das klarzustellen, aber – in den Augen mancher nicht übermäßig politisch bewußt handelnder Menschen Synagogen ein Kriegsziel. Daraus Antisemitismus abzuleiten, vereinfacht die Analyse auf unzulässige Weise.

Bewußtes politisches Handeln heißt: die Ursachen des Konflikts zu analysieren, die Schuldfrage grundsätzlich offen zu halten, bis eine gründliche Analyse Anhaltspunkte liefert. Weiterhin, die Geschichte dieses Konfliktes neu aufzurollen und genau zu betrachten, und zu begreifen, daß Israel und Palästina nicht im luftleeren Raum existieren, sondern in einer neokolonialen Welt, in der Israel seine Aufgabe genauso hat wie Palästina. Politisch bewußtes Handeln heißt auch, solidarisch mit denen zu sein, die sich gegen Ausbeutung und Unterdrückung zur Wehr setzen. Über die Methoden dieses "Sich–zur–Wehr–Setzen" kann und muß gestritten werden. Selbstverständlich gibt es keine Solidarität mit Selbstmordattentätern. Weil hier noch das Ziel eine Rolle spielt: welche Gesellschaft soll denn in Palästina entstehen? Eine von Arafats Schergen oder reaktionären islamistischen Machogruppen beherrschte oder eine, in der die Menschen demokratisch und selbstbestimmt ihr eigenes Schicksal in die Hände nehmen können?

Vor ein paar Jahrzehnten war die Vorstellung davon, in einem binationalen, aber vereinigten Land zu leben, durchaus noch lebendig. Nicht gegeneinander, sondern miteinander – gegen diejenigen, die Ressourcen ausbeuten, Land rauben und nichtjüdische Menschen als Staatsbürgerinnen und –bürger 2. Klasse behandeln. Denn Israel ist faktisch ein Apartheidsstaat. Israel ist zudem ein militarisierter Staat. Palästina ist sozusagen die Kolonie Israels – Abnehmer israelischer Waren, Lieferant von Rohstoffen und Arbeitskräften. Daraus folgt, daß die ethnische Kategorisierung ein wichtiger Bestandteil dieses fremdbestimmten Arrangements ist. Denn auch Israel und seine Wirtschaft ist Teil der weltweiten kapitalistischen Arbeitsteilung. Und die begründet sich nicht durch jüdische oder zionistische Interessen. Es handelt sich hierbei um ganz ordinären Kapitalismus.

Wie kann dieses solidarische Handeln aussehen? Eine Möglichkeit, die gesetzlich nicht vorgesehen ist, ist es, den Kriegsdienst zu verweigern. Eine Organisation, die dies in Israel vertritt, heißt New Profile; übrigens eine Organisation mit einem nicht unspannenden Programm:

New Profile ist eine junge, aber durchaus sichtbare Organisation, die es für notwendig hält, nach dem Einfluß der tiefen Wurzeln des Militarismus auf die israelische Gesellschaft zu fragen. Diese Bewegung umfaßt feministische Frauen, Männer und Jugendliche, arbeitet an der Basis und freiwillig. Der Name New Profile deutet auf das langfristig gesteckte Ziel der Organisation: das Profil der israelischen Gesellschaft von einer militarisierten Gesellschaft von Krieg und Macht zu verändern, hin zu einer friedensstiftenden Gemeinschaft, in der die Rechte aller Menschen gleichermaßen respektiert und vorangebracht werden, und in der die militärische Besetzung anderer Länder beendet wird. Dieser Militarismus beeinflußt nicht nur die Konstruktion von Geschlechtern, sondern auch die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse von Minderheiten, zum Beispiel von Moslems, Christinnen, den meisten Drusen, Beduininnen, religiösen jüdischen Frauen, die nicht dienen wollen, und die physisch Benachteiligten. [5]

Für den kommenden Donnerstag haben der AStA der Fachhochschule Darmstadt, der Nahost–AK und die Stadtverordnetenfraktion OS/3 zu einer Veranstaltung zum Thema Nahost–Konflikt ohne Ende die israelische Studentin Keren Assaf eingeladen, die auch bei New Profile mitarbeitet. Ihr Ziel ist die Anerkennung des Menschenrechts auf Kriegsdienstverweigerung, die Schaffung zweier Staaten und die Entmilitarisierung der israelischen Gesellschaft. Die Veranstaltung findet am Donnerstag um 19 Uhr 30 im Hörsaal 23 im alten TU–Hauptgebäude in der Hochschulstraße 1 statt.

Siouxsie and the Banshees : The Last Beat of My Heart

 

Der letzte Arbeitslose

Bevor ich auf die Frühlingsgefühle bei Siouxsie and the Banshees zu sprechen komme, die sich ja auch im gerade gehörten Stück The Last Beat of My Heart ausgetobt haben, schwirrt gerade der letzte Vertreter einer Spezies durch unsere Räumlichkeiten, die zu beseitigen sich der neue Chef der Bundesanstalt für Arbeit, Florian Gerster, zur Aufgabe gemacht hat. Interview mit dem letzten Arbeitslosen – ein kurzes Hörspiel von Anna Schneider und Holger Wilmesmeier.

Das Hörspiel wurde als Beitrag für den Bürgermedienpreis der LPR Hessen eingereicht und erhielt dort den 3. Preis.

Das Manuskript des Hörspiels ist auf der Homepage der Redaktion Alltag und Geschichte nachzulesen.

Die Audiofassung kann von der Homepage des Bundesverbandes Freier Radios heruntergeladen werden.

Interview mit dem letzten Arbeitslosen – ein zeitgeschichtliches Dokument aus der Zeit weit nach der jetzigen rot–grünen neoliberalen Regierung. Gesprochen und produziert von Anna Schneider und Holger Wilmesmeier. Na, dann weiß ich ja jetzt, daß ich mit 123 noch so richtig fit sein werde für das Joy Gliding, bevor ich mich dann selbst transzendieren werde.

 

Frühlingsgefühle in der Stalinära

Doch zurück zu den Frühlingsgefühlen. Siouxsie and the Banshees beendeten 1988 ihr Album Peep Show mit dem Stück Rhapsody. Steve Severin, der Bassist der Band, der auch den Text zu Rhapsody geschrieben hatte, dazu:

Ich habe viel von russischen Dichtern gelesen, die während der Stalin–Ära verbannt worden waren. Doch dieser Song handelt mehr vom menschlichen Geist als von irgendeiner politischen Begebenheit. [6]

Versetzen wir uns also voyeuristisch in die Stalinzeit. Naja, tun wir zumindest so. Schließlich gehört der Terror dieser Zeit nicht gerade zu unserer Lebensgeschichte. Terror findet ja gerade woanders statt.

In der Erde unserer Traurigkeit hören unsere Herzen eine Serenade erklingen
Ein zaghafter Chor nimmt zärtlich Gestalt an, eine Wehklage, eine hohle Zufluchtsstätte
Im Blut des funkelnden Himmels atmet er trocken getrunkene Luft ein
Einst gab es eine Zeit des Entzückens, doch alles ist verloren, es bleibt ein fahler Glanz
Durch dieses gekrümmte Land läuft ein buckliger Mann
Unser Lieben sterben unter dem Hammer der Sowjetsonne
Nichts kann diese Nacht auslöschen, denn es gibt noch ein Licht mit dir – Rhapsody
Und selbst, wenn wir die Sonne nicht mehr erblicken sollten,
dann gibt es noch das Licht mit dir – Rhapsody
Ich habe alles gesehen und gefühlt, was ich wollte
Aber wir können uns alles erträumen, was wir wollen – Rhapsody [7]

Rhapsody, vielleicht tatsächlich nur eine Schwärmerei. Warum gerade unter der Sowjetsonne? Warum zur Stalinzeit? 1988, als das Album herauskam, regierte Michail Gorbatschow die Sowjetunion, die in ihren letzten Zügen lag. Gorbatschow, der Hoffnungsträger vieler Linker, aber auch der Hoffnungsträger all derer, die das Ende der Sowjetunion herbeisehnten. Das kam ja dann auch. Seither herrschen dort erst recht Chaos, Krieg und Anarchie. So ist das halt im Kapitalismus.

Vieles wurde mit der Sowjetunion verbunden. Für die einen der Horror schlechthin, für die anderen zumindest zeitweise die Hoffnung auf ein besseres Leben. Absurd? Das hängt von der Sichtweise ab. 1917 nahmen sich die Bolschewiki in Petrograd und Moskau die Macht, die auf der Straße lag. Sie wähnten sich als Vollstrecker einer welthistorischen Mission, die darin bestand, eine Gesellschaft aufzubauen, in der Ausbeutung und Herrschaft der Vergangenheit angehören sollten. Rußland allerdings war kein ideales Pflaster für diesen Traum. Man und frau kann einfach keine sozialistische Gesellschaft in einem Land aufbauen, das völlig kriegszerstört ist und dessen Ressourcen nicht ausreichen, um Klassenunterschiede zu nivellieren, um allen Menschen mehr zu geben als ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen. Obwohl dieses wenige damals im Rußland des Jahres 1917 schon eine revolutionäre Leistung gewesen wäre. Rümpfen wir nicht die Nase. Selbst im Deutschland des Jahres 2002 werden Menschen auf die Straße gesetzt und ernähren sich von Alk und Katzenfutter.

Es gibt, grob gesagt, zwei Theorien, warum die Revolution von 1917 im Stalinismus endete. Die eine sagt, es handele sich um eine historische Fehlentwicklung. Nach drei Jahren Welt– und weiteren vier Jahren Bürgerkrieg war das Land ausgeblutet und die revolutionärsten und bewußtesten Kader waren an der Front gestorben. Stalin war so gesehen der Repräsentant derjenigen, die den Sozialismus in einem Land aufbauen mußten. Und um dies zu tun, war ein gigantisches Aufbauprogramm vonnöten, das nur durch Gewalt durchzusetzen war. Sozusagen die blutige kapitalistische ursprüngliche Akkumulation, die vom 16. bis ins 20. Jahrhundert dauerte und zig Millionen Menschen den Tod brachte, zusammengepreßt auf 10 Jahre.

Die andere Theorie besagt, daß schon der Marxschen und Leninschen Theorie die Gewalt innewohnte, die sich dann austobte, als die Macht erobert worden war. Wer die Diktatur des Proletariats plane, bereite den Massenmord vor. Zwei sehr plumpe und – wie ich finde – überholte Theorieansätze. Die Wirklichkeit ist vielschichtiger.

 

Alexandra Kollontai

Zu dieser Vielschichtigkeit gehört Alexandra Kollontai. Als Alexandra Michailowna wurde sie 1872 geboren und heiratete 1893 den Ingenieur Wladimir Kollontai, von dem sie später jedoch wieder geschieden wurde. Während der ersten russischen Revolution 1905 arbeitet sie als Agitatorin und Journalistin, muß vor der zaristischen Geheimpolizei ins Ausland fliehen und kehrt 1917 nach Rußland zurück. Sie wird nach der Machtübernahme Volkskommissarin für soziale Fürsorge. Ab 1922 ist sie im diplomatischen Dienst unterwegs und stirbt 1952 in Moskau. In den frühen 20er Jahren gehörte sie zur innerparteilichen linken Opposition, entging jedoch später den Stalinschen Säuberungen, vielleicht deshalb, weil – wenn auch aus unterschiedlichen Gründen – beider Gegner Stalins Erzfeind Leo Trotzki war. Was hat nun Alexandra Kollontai mit den Frühlingsgefühlen zu tun?

Teresa Ebert schreibt in derselben Aprilausgabe der Sozialistischen Zeitung, aus der ich vorhin einen antisemitischen Zungenschlag zitierte, unter dem Thema Alexandra Kollontai und die Rote Liebe:

Kollontais beharrliche materialistische Analyse von Liebe und Sexualität macht sie zu einer aktuellen Revolutionärin. Ihr Werk stellt eine ernsthafte Herausforderung für poststrukturalistische Theorien und deren Ignoranz des ökonomischen Tausches, der die sexuellen Beziehungen im Spätkapitalismus durchdringenden Waren– und Kapitalakkumulation, dar. Die ökonomische Abhängigkeit der Frauen von Ehemännern hat nachgelassen, insofern mehr Frauen selber zu Lohn– und Gehaltsempfängerinnen geworden sind. Aber die heutige Familie ist genauso eine Konsumeinheit – und, im Falle der "besitzenden Klasse", eine Einheit der Kapitalakkumulation. Was sich gewandelt hat, meint Teresa Ebert, ist die enorme Ausweitung der Warenförmigkeit und Ausbeutung der Sexualität und der Körper für den Profit. Das Kaufen und Verkaufen von Körpern und die Darstellungen von Körpern, sei es in der Prostitution, der Pornografie oder [in] den Massenmedien. Während die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern einige ihrer Formen geändert hat, setzt sie sich unvermindert fort, solange es noch immer bedeutsame ökonomische Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt. Diejenige [Ungleichheit], die wir am meisten vernachlässigen, ist die besondere Art, in der Beziehungen von Sexualität, Liebe und Begehren auf Eigentumsformen beruhen. Das Bürgertum, führt Alexandra Kollontai aus, "hat das Ideal absoluten Eigentums an dem emotionellen wie physischen ‘Ich' der ‘Vertragspartner' [einer Ehe] sorgfältig gehegt und gepflegt, womit der Anspruch auf ein Eigentumsrecht auf das Recht an der ganzen geistigen und seelischen Welt des Anderen ausgedehnt wurde." Die dauerhafte Aufrechterhaltung solcher Subjektivität ist eines der primären Projekte der bürgerlichen Ideologie; in all ihren Formen ist das Maß der Liebe und des sexuellen Begehrens der Wunsch, das Objekt des Begehrens zu besitzen. Infolgedessen, führt Alexandra Kollontai aus, "entarte der gesunde Geschlechtsinstinkt … unter dem Druck gewaltiger sozial–ökonomischer Beziehungen … zu einer ungesunden sinnlichen Begierde. Der Geschlechtsakt verkam zu einem Ziel an sich. […] Die Prostitution ist der organisierte Ausdruck dieser Deformation des Geschlechtstriebs." In einer Zeit zunehmender Akzeptanz von allem, was das sinnliche Vergnügen intensiviert, selbst Schmerz und Gewalt, mag dies recht puritanisch klingen. Aber Kollontai zeigte, daß die Jagd nach Lust als eines Ausdrucks von Freiheit eine historisch spezifische Praxis der herrschenden Klassen ist und nicht die Basis für egalitäre, gemeinschaftliche Beziehungen gegenseitigen sexuellen Vergnügens und persönlicher Achtung unter Menschen. Die Aufwertung exzessiver Stimulation der Sinne zum Ziel an sich zerstört menschliche Beziehungen und Fähigkeiten und ist ein direkter Reflex entfremdender Verdinglichung und Ausbeutung menschlicher Beziehungen. …
Im Gegensatz zu bürgerlichen Eigentumsverhältnissen und individueller Befriedigung in sexuellen Beziehungen, so Kollontai, schaffen sozialistische, nicht auf Gewinn und Ausbeutung anderer ausgerichtete Produktionsverhältnisse die Bedingungen für grundsätzlich andere zwischenmenschliche Beziehungen. Diese Bedingungen ermöglichen das, was sie eine neue kommunistische Moral nennt [– in den Worten Alexandra Kollontais]: "Was die sexuellen Beziehungen betrifft, fordert die kommunistische Moral als allererstes eine Beendigung aller Beziehungen, die auf finanziellen oder anderen ökonomischen Faktoren beruhen. Das Kaufen und Verkaufen von Zärtlichkeiten zerstört den Sinn für die Gleichheit zwischen den Geschlechtern und untergräbt somit die Basis der Solidarität, ohne die eine kommunistische Gesellschaft nicht bestehen kann. … Je stärker die Bindung zwischen den Mitgliedern des Kollektivs als ganzem sind, desto weniger bedarf es einer Stützung der ehelichen Beziehungen." [8]

Die Schriften Alexandra Kollontais sind nicht einfach zugänglich. In den 70er Jahren brachte der auch heute noch in Frankfurt ansässige Verlag Neue Kritik mehrere Bücher mit ihren Texten heraus. So zum Beispiel Die Situation der Frau in der gesellschaftlichen Entwicklung, den Sammelband Der weite Weg. Weitere Bücher sind damals in anderen kleinen Verlagen erschienen. Ein Blick in ein darauf spezialisiertes Antiquariat oder – naheliegender – in den Frauenbuchladen Artemis am Mathildenplatz kann durchaus lohnen. Selbst wenn Alexandra Kollontai mit Begrifflichkeiten arbeitet, die uns heute eher befremden oder die durch die Nazis negativ belegt sind, so sind ihre Ausführungen immer lesenswert.

 

Schluß

Am Dienstagabend um 18 Uhr 05 beschäftigen sich die Muhme Rähle Katharina Mann und Niko Martin in einer weiteren Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte mit Frühlingsgefühlen. Überraschende An– und Einsichten sind hier nicht ausgeschlossen. Fragen, Anregungen oder Kritik zu dieser Sendung könnt ihr wie immer auf meiner Voice–Mailbox bei Radio Darmstadt loswerden. Die Telefonnummer lautet: 8700–192. Oder ihr schickt mir eine Email an: tinderbox <at> alltagundgeschichte.de. Gleich folgt Heinerkult mit Michael "Chappi" Schardt, doch zuvor entführe ich euch unter den Hammer der sowjetischen Sonne mit Siouxsie and the Banshees. Am Mikrofon war Walter Kuhl.

Siouxsie and the Banshees : Rhapsody

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   START frei, Nr. 1, März 2002, Seite 3
[2]   Zitiert nach Jürgen Elsässer (Hg.) : Nie wieder Krieg ohne uns, Konkret Literatur Verlag, Seite 7
[3]   ebd.
[4]   Soz, April 2002, Seite 4
[5]   Diese Selbstdarstellung war auf der Homepage von New Profile zu finden gewesen.
[6]   Zitiert nach: http://siouxsie.simplenet.com/kit.html; die Seite war im Juni 2002 nicht mehr erreichbar.
[7]   Eigene Übersetzung
[8]   SoZ. April 2002

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 2. Januar 2006 aktualisiert.
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