Tinderbox, Folge 23

Time Is Money

Die Kreativität der Langsamkeit

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
Sendung :
Tinderbox, 23. Folge
Time Is Money
Die Kreativität der Langsamkeit
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Montag, 21. Januar 2002, 17.00–18.00 Uhr
 
wiederholt am :
Dienstag, 22. Januar 2002, 00.00–01.00 Uhr
Dienstag, 22. Januar 2002, 08.00–09.00 Uhr
Dienstag, 22. Januar 2002, 14.00–15.00 Uhr
 
 
Besprochenes und benutztes Buch :
Fritz Reheis, Die Kreativität der Langsamkeit, Primus Verlag
 
 
  • Siouxsie and the Banshees : Little Johnny Jewel
  • Kroke : Time
  • Deep Purple : Child In Time
  • Rolling Stones : Time Is On My Side
  • Chumbawamba : Time Bomb
  • Siouxsie and the Banshees : All Tomorrow's Parties
 
 
URL dieser Seite : http://waltpolitik.powerbone.de/tinderbx/tinder23.htm
 
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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung
Kapitel 2 : Waren haben ihren Wert
Kapitel 3 : Konsum als Gehirnwäschemethode
Kapitel 4 : Planvolle Entschleunigung
Kapitel 5 : Schluß
Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte / Tinderbox

Tinderbox
Dreiundzwanzigster Teil
Time Is Money
Die Kreativität der Langsamkeit

Siouxsie and the Banshees : Little Johnny Jewel

Little Johnny Jewel in der Coverversion von Siouxsie and the Banshees. Hiermit endet das 1987 erschienene Album Through The Looking Glass. Das Original von Little Johnny Jewel entstammt der Feder der New Yorker New Wave–Band Television und kam 1975 heraus. Television war eine der Gruppen, die Mitte der 70er Jahre der Szene um den Club CBGBs entstammte und nicht nur den britischen Punk, sondern auch den poppigeren New Wave beeinflußten – zusammen mit Patti Smith, Blondie, den Talking Heads und den Ramones.

Siouxsie and the Banshees waren eine britische Band. Aus den Vororten Londons katapultierten sie sich 1976 mit einem einzigen Song – einer genialen Fassung des Vaterunser – zur Punk–Legende; machten sich aber alsbald auf den Weg, düstere, der kapitalistischen Wirklichkeit angemessenere, Töne zu produzieren. Doch ganz offensichtlich gab es schon früh einen Hang zur Popmusik, den sie mit dem Album Through The Looking Glass voll auslebten. Dieses Album bestand vollständig aus Coverversionen.

Natürlich gibt es bessere Coverversionen und sicher auch bessere Alben als Through The Looking Glass. Und so fragten sich nicht nur die britischen Musikzeitschriften 1987, was Siouxsie and the Banshees denn noch motiviere weiterzumachen, wenn die Band ein Album mit so wenig eigener Inspiration hervorbringe. Doch das war voreilig geurteilt, denn das nächste Album Peep Show war eines der Extraklasse. Außerdem erging es diesem Album wie auch anderen: erst im Laufe der Jahre erkannte man und frau seine Qualitäten.

Doch heute will ich mich nicht weiter mit der Geschichte und der Musik von Siouxsie and the Banshees befassen. Normalerweise dient mir die Musik und die damit verbundenen Aussagen als Folie, um meine eigenen Gedanken zu dem nicht vorhandenen Gott und seiner kapitalistischen Welt zu Gehör zu bringen.

Time Is Money sagte ich zu Beginn dieser 23. Folge von Tinderbox. Zeit ist jedoch nicht nur Geld, sondern eine der Triebfedern des globalen Ausbeutungsverhältnisses, das seine Propheten gerne wohlklingend Marktwirtschaft nennen. Zeit ist nicht nur die abstrakte verinnerlichte Uhr, sondern Zeit ist auch ein Maßstab zur Ermittlung produzierter Werte. Je schneller sich das Rad der Geschichte dreht, je schneller produziert wird, je schneller die zerhackten Bildfolgen nicht nur der Videoclips an uns vorbeirauschen, desto sicherer ist Profit garantiert.

Über den Zusammenhang von Beschleunigung und mangelndem Wohlbefinden hat sich vor einigen Jahren der Studienrat Fritz Reheis so einige Gedanken gemacht, die er in seinem Buch Die Kreativität der Langsamkeit zusammengefaßt hat. Diese Gedanken werde ich in der folgenden Stunde vorstellen. Begleitet wird dieser Gedankengang von einigen Musikeinlagen, die das Thema Zeit auf sehr unterschiedliche Weise behandeln.

Doch zuvor möchte ich euch noch begrüßen. Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt ist Walter Kuhl.

Kroke : Time

 

Waren haben ihren Wert

So. Jetzt sind wir wieder aufgeweckt worden [1] und fit für die nächste Runde der Ausbeutung unserer körperlichen und geistigen Fähigkeiten im Dienste von Markt, Macht, Geld und Profit. Wozu auch sonst? Selbstbestimmung, Emanzipation gar?

Der Wert einer Ware, das erkannten schon die klassischen Ökonomen vor Marx, wird durch die Zeit bestimmt, die zu seiner Herstellung benötigt wird. Genauer gesagt: es handelt sich hierbei um die gesellschaftlich notwendige durchschnittliche Arbeitszeit. Diese wird jedoch nicht durch gegenseitige Information, gar Markttransparenz (wie das heute so schön heißt), oder durch allgemeine Übereinkunft ermittelt, sondern sie wird hinter dem Rücken der Produzentinnen und Produzenten durch die berühmte invisible hand des Marktes festgesetzt.

Wer also seine Ware loswerden will, muß entweder kostengünstiger produzieren als die anderen oder einen Teil der selbst benötigten Zeit zur Herstellung des Produkts ohne Gegenwert sein lassen. Marx hat das etwas genialer und ausgearbeiteter formuliert, aber das Grundprinzip ist klar. Wer seine Waren im Kapitalismus loswerden will, muß sehen, daß er oder sie keine unnötigen Kosten hat. Und die Konkurrenz sorgt bei Strafe des Untergangs dann auch dafür, daß sich nur die Werte realisieren, die gesellschaftlich notwendig waren.

Wenn nun alle Produkte auf diese Weise hergestellt werden und Kostenvorteile sich dadurch ergeben, günstiger als andere produzieren zu können, wodurch wiederum die gesellschaftlich notwendige durchschnittliche Arbeitszeit gesenkt wird, dann läuft dies darauf hinaus, entweder die Maschinen oder die Menschen oder besser gleich beide länger arbeiten zu lassen. In den Worten von Fritz Reheis in seinem Buch Die Kreativität der Langsamkeit:

In der kapitalistischen Marktwirtschaft, der Basisinstitution der modernen Kultur [bzw.] Gesellschaft, sind die Lernerfahrungen, die die Kultur [bzw.] Gesellschaft im Umgang einerseits mit der Natur, andererseits mit dem Individuum im Laufe der Jahrtausende gemacht hat, verkörpert. Aufgrund dieser Erfahrungen hat die Moderne die Produktion so organisiert, daß nicht mehr die Befriedigung des Bedarfs, sondern die Produktion von Geldüberschüssen der unmittelbare Zweck des Wirtschaftens ist. Dadurch wird die systematische Rückkopplung von Gewinn und Investition, das Markenzeichen des Kapitalismus, in Gang gesetzt. Die Spielregeln, die in Kapital und Ware einprogrammiert sind und deren Einhaltung von den Konkurrenten überwacht wird, treiben alle Akteure (Arbeitnehmer, Arbeitgeber, Geldgeber und auch politisch Verantwortliche) zur permanenten Beschleunigung des Produktionsprozesses bzw. zur Bereitstellung der Rahmenbedingungen für die Beschleunigung der Produktion.

Klammer auf – siehe Ausbau des Frankfurter Flughafens – Klammer zu. Und weiter bei Fritz Reheis:

Denn sie alle müssen ständig Angst haben, daß die Programmlogik ihre jeweiligen Anstrengungen im nachhinein wieder entwerten könnte. Schlimmer noch: Weil sich durch die Rückkoppelung von Gewinn und Investition mit jeder Niederlage die Startposition des Verlierers für die nächste Runde noch einmal verschlechtert, muß jeder Akteur, sobald er einmal aus dem Tritt gekommen ist, befürchten, von einem Mißerfolgsstrudel völlig in den Abgrund gezogen zu werden. Hier ist das Zentrum des Programmierungsfehlers. Wenn das Geld die Welt regiert und wenn Geld Zeit ist, dann ist das unerbittliche Zeitdiktat im Begriff, eine totalitäre Herrschaft über die Welt zu errichten. [2]

Hierin liegt konsequenterweise auch die Ursache unserer permanenten Überforderung. Wir sind durch die Evolution nicht darauf vorbereitet worden, immer schneller, immer hektischer und immer entfremdeter zu arbeiten, und dennoch immer unsicherer zu leben. Heutzutage wird viel vom lebenslangen Lernen gesprochen, auch davon, daß die Qualifikationen, die wir einmal erworben haben, sich immer schneller entwerten. Also wird von uns verlangt, uns diesen Sachzwängen zu unterwerfen und zu lernen, für den Profit Anderer immer wieder neue Anstrengungen zu verinnerlichen und neues Wissen uns eintrichtern zu lassen.

Wir werden nicht nur permanent gefordert, wir sind schlicht von dieser Situation überfordert. Dies hat nicht nur gesundheitliche Konsequenzen. Die sind ohnehin fatal genug; und wenn gleichzeitig die neoliberale Offensive auch an den Grundlagen des Gesundheitswesens rüttelt, dann wird dies doppelt fatal. Immer mehr Menschen werden in Zukunft aus den halbwegs gesicherten Standards der medizinischen Versorgung herausfallen; und ich rede hier von den Metropolen des Weltmarkts. Die übrigen 80% der Menschheit haben nicht einmal diesen Luxus. Aber nicht nur die körperliche Belastung nimmt zu.

Die psychisch–soziale Variante der systematischen Überforderung des Individuums läßt sich bereits im Zusammenhang mit jener Institution nachweisen, die auf die Arbeitswelt vorbereitet. Als gesundheitliche Konsequenzen der schulischen Hetze hat eine Arbeitsgruppe [schon 1992] ermittelt, daß 44% der 12– bis 16–jährigen Schülerinnen und Schüler innerhalb eines Jahres häufig Kopfweh, Schwindelgefühle, Schlaflosigkeit und Magenbeschwerden haben, daß diesen Symptomen meist eine Überforderung in Familie und Schule vorangegangen war und daß die Schülerinnen und Schüler ihre Überforderung meist mit verstärktem Konsum von Medikamenten, Nikotin, Alkohol und [anderen] Drogen begegnet sind. Das sind die Kosten jugendlicher Problembewältigung, resümieren die Forscher. Diese Probleme sind jedenfalls zum Teil durch eine Institution geschaffen worden, die primär als Ausleseeinrichtung für eine stark geschichtete Gesellschaft fungiert und deren Nebenwirkungen z.B. auch in der Geschwindigkeitsdressur als Vorbereitung auf das Erwerbsleben besteht. Bildung im eigentlichen Sinn, also die zeitaufwendige Heranbildung der individuellen Ressourcen, würde den ökonomischen Wachstumsautomatismus nur bremsen und die produktive Verwendung des Menschen herauszögern. [3]

Konsequent treffen sich hier die Ergebnisse der PISA–Studie mit dem neuen Anforderungskatalog, den unsere Kultusministerinnen und Wissenschaftsminister für Schülerinnen und Studenten bereit stellen wollen. Der Markt ist brutal. Wer nicht mithalten kann oder mitziehen will, für den oder die halten Gerhard Schröder, Rezzo Schlauch, Guido Westerwelle, Edmund Stoiber und Silke Lautenschläger den Knüppel des Niedriglohnsektors bereit. Sie und – sofern vorhanden – ihre Kinder wird es schon nicht treffen; dafür werden sie fürsorglich sorgen. Lassen wir daher den Kindern etwas Zeit – Child In Time von Deep Purple.

Deep Purple : Child In Time

 

Konsum als Gehirnwäschemethode

Wie sorgt nun eine Kultur [bzw.] Gesellschaft, die auf maximale Produktion hin programmiert ist, auch für den zuverlässigen Konsum des Produzierten? Wie gelingt es ihr, das Individuum so zu beeinflussen, daß es die beständige Vermehrung seines materiellen Konsums zu einem unverzichtbaren Lebensziel erhebt? Aus zeitökologischer Sicht braucht das System Individuum seine eigene Zeit, um die Vielfalt der Umgebungsreize kognitiv, emotional und praktisch zu verarbeiten. Mit der erfolgreichen Verarbeitung wachsen die Ressourcen, wodurch schließlich die Fähigkeit zur freien Willensbildung entsteht. Erst diese Autonomie macht den Menschen zu einer moralisch reifen Persönlichkeit im aufklärerischen Sinn. Die Programmierung des Menschen auf materiellen Konsum kann dann als systematische Zerstörung dieser für die Willensbildung notwendigen Eigenzeit verstanden werden. Das Raffinierte an dieser Überrumpelung des Willens ist, daß man sie nicht bemerkt. [4]

Diese fast schon Gehirnwäschemethoden, auf die hier Fritz Reheis in seinem Buch Die Kreativität der Langsamkeit verweist, werden natürlich nicht als solche erkannt. Gehirnwäsche ist jedoch nicht alleine Sekten oder Geheimdiensten vorbehalten, vielmehr ist es so, daß die dort erforschte oder praktizierte Gehirnwäsche die ansonsten vorhandene Normalität nur auf einen besonders zielgerichteten Punkt bringt.

Der Normalfall ist die kapitalistische Leistungs– und Konsumgesellschaft, ist Geld und Profit als Wert schlechthin. Die Asozialität einer solchen Gesellschaft (uns wir reden hier wiederum nur von den kapitalistischen Metropolen; die Mehrheit der Menschen dieses Planeten ist von solcherlei Konsum weitestgehend ausgeschlossen, wird aber dennoch ebenso in diesem Sinne indoktriniert) bringt logischerweise a–soziale, also ungesellschaftliche Individuen hervor. Konsum als Suchtverhalten führt zum Verschütten der Sinneswahrnehmungen und von dort zur Blockade des Denkens. So stellt Fritz Reheis zurecht die Frage,

ob diese Individuen am Ende noch wissen, wer sie sind, was sie wollen, und vor allem, welche Bedeutung die Gesellschaft als ganze für sie hat [5]

– wenn sie überhaupt noch in der Lage sind, sich solche Fragen zu stellen. Die Verengung des Lebens auf Konsum führt zu einem Suchtverhalten mit allen bekannten Folgen. Und ich denke, damit ist auch die Einstellung vieler Menschen zu verstehen, die nicht an die Folgen ihres Handelns denken und die schon gar nicht bereit sind, für ihr Handeln oder Nichthandeln Verantwortung zu übernehmen.

Der Süchtige ist ein Augenblicksmensch, er kann nicht warten, will alles sofort. Vergangenheit und Zukunft schwinden in seinem Bewußtsein zu bedeutungslosen Restgrößen, alles kreist um die Gegenwart. Die Zukunft schrumpft im Bewußtsein auf einen kleinen Zeitraum zusammen: für den Alkoholkranken bis zur nächsten Flasche, für den gesunden Normalbürger bis zum nächsten Urlaub. So muß befürchtet werden, daß mit dem Abbau des Verhaltensrepertoires und der Möglichkeiten, zu empfinden und zu fühlen, auch die Fähigkeit schwindet, über die gegenwärtige Realität hinauszudenken: die Phantasie. Die meisten Menschen können sich eine andere Art des Lebens und des Wohlstands als die, die sie kennen, nicht vorstellen. [6]

Wenn wir uns zurückerinnern an 1968 – damals hieß nicht zufällig die Parole des Pariser Mai: Die Phantasie an die Macht! Wie weit sind wir doch heute davon entfernt.

Doch was hat das alles mit unserem Zeitempfinden und dem allgemeinen Zeitdiktat zu tun?

Wir haben nicht mehr die Zeit zur Reflektion, die Zeit zur Besinnung, die Zeit, Alternativen zu erwägen, oder die Zeit, auch einmal etwas stehen zu lassen. Uns wird kaum Zeit gelassen, uns um unsere eigenen Interessen zu kümmern, immer müssen wir schnell auf der Matte stehen und funktionieren. Fließbänder sind eine gemeine Erfindung, aber Zeitdruck ist mehr als ein laufendes Band. Zeitdruck ist eine Form gesellschaftlicher Verantwortungslosigkeit; und das Rasen auf der Autobahn gehört zum Erlebnisurlaub genauso dazu wie zum Just In TimePrinzip. Oder in den Worten von Fritz Reheis:

[S]eine These von der Selbstüberforderung der marktwirtschaftlich–kapitalistisch organisierten Gesellschaft läßt sich nun folgendermaßen formulieren: Weil der gesellschaftliche Zwang zur Beschleunigung der Produktion auf die Vielgestaltigkeit der individuellen Bewertungen keine Rücksicht nimmt und Schnelligkeit zum totalitären Maßstab erhebt, erzeugt er permanent ungleiche Anerkennungschancen und zerstört damit die Basis von Solidarität, Gerechtigkeit und damit von Gesellschaftlichkeit. [7]

Wenn es richtig ist, daß der Mensch ein soziales Wesen ist, das Streicheleinheiten genauso braucht wie Zeit und Raum, um sich selbst zu entwickeln, dann ist eine Gesellschaft, die Menschen daran hindert zu wachsen, am besten auf dem Müllhaufen der Geschichte aufgehoben. Und dann ist die Zeit vielleicht wirklich auf unserer Seite.

Rolling Stones : Time Is On My Side

 

Planvolle Entschleunigung

Die spannende Frage bei radikalen Analysen unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit besteht immer darin, welche Lösung sie für das Problem anzubieten haben. Und so steht und fällt auch die Behauptung von Fritz Reheis in seinem Buch Die Kreativität der Langsamkeit, es könne einen neuen Wohlstand durch Entschleunigung geben, mit den Strategien, die er zur Umsetzung dieses gewiß nicht zu verachtenden Ziels verfolgt. Und genau darin liegt wirklich das Problem.

Buchcover Die Kreativität der LangsamkeitFritz Reheis geht zunächst davon aus, daß dieser fatale Zwang zum Immer–Schneller–Werden, demnächst übrigens mit oder ohne Doping in Salt Lake City zu bewundern [8], denn Leistungssport ist auf jeden Fall Doping für den Leistungswahn dieser Gesellschaft, daß dieser Zwang durchbrochen werden muß. Aber: der Aufruf zur Langsamkeit bedeutet für ihn keine konservative Zukunftsvision, keine Beschränkung auf angebliche natürliche Grundlagen. Das, was wir heute als Natur vorfinden, ist seit Jahrtausenden von Menschen gestaltet worden.

Nein – keine Naturmystik erwartet uns hier. Auch kein Plädoyer für Bescheidenheit und Fleiß. Provokativ formuliert Fritz Reheis, daß ein besseres Leben nur durch höhere Ansprüche und eine Art kreativer Faulheit erreicht werden könne. Eine emanzipatorische Zukunftsvision darf nicht asketisch sein, sondern muß für alle Menschen ähnliche Chancen bieten, sich frei entfalten zu können. Daß dies im Kapitalismus unmöglich ist, ist so banal, daß ich es eigentlich nicht zu erwähnen bräuchte.

Die Frage der theoretischen Machbarkeit ist längst entschieden. Selbstverständlich ist ein Gesellschaftsmodell, das allen Menschen dieser Erde ein menschenwürdiges gutes Leben zusichern kann, keine weltfremde Utopie. Die Ressourcen dieser Erde und die industriellen Kapazitäten reichen schon seit einigen Jahrzehnten hierfür aus. Wichtiger ist zu entscheiden, wieviel wovon für wen produziert werden soll oder gar muß. Daß dabei die Auswirkungen auf Mensch und Natur zu berücksichtigen sind, ist nicht nur notwendig, sondern Teil des Plans. Denn tatsächlich läßt sich eine gesamtgesellschaftliche Organisierung von emanzipatorischem Leben und globaler Produktion vorstellen. Anstatt dies dem anarchischen Markt mit seinen bekannt zerstörerischen Kräften zu überlassen, ist es sinnvoller, gemeinsam bewußt zu planen. Also reden wir von einer Planwirtschaft. Damit ist nicht das Modell des Realen Sozialismus gemeint, dessen Plan bekanntlich mehr die Organisierung des Mangels und des planmäßig verordneten Chaos war, sondern: ein demokratisch von allen Betroffenen gefaßter Plan.

Anstatt also es den Marktkräften zu überlassen, was wir erstens brauchen und zweitens überhaupt kaufen können, was sich also drittens verwertet oder auch nicht, ist es doch sinnvoller, schon vorher festzulegen, was gebraucht wird. Gebraucht wird dann weder krankmachende Chemie noch ein umweltzerstörendes Individualautomobil. Gebraucht werden weder Panzer noch Bürokraten. Was ganz erhebliche Auswirkungen auf unser Zeitbudget hat: wir würden erheblich weniger arbeiten müssen, um besser zu leben als derzeit. Materiell gesehen ist dies längst kein Problem mehr. Es ist halt nicht profitabel für diejenigen, die in mehreren Jahrhunderten den globalen Kapitalismus aufgebaut haben und die in diesem Zeitraum auch alle Machtressourcen an sich gerissen haben.

Es wird also nicht so gehen, daß wir bei uns selbst anfangen und dann andere überzeugen, und die wieder andere, bis bei einer Bundestagswahl die Entschleunigungspartei die absolute Mehrheit erhält. So etwas zu denken, ist absurd und weltfremd. Die Geschichte der kubanischen Revolution – um nur ein Beispiel unter Hunderten zu nennen – lehrt uns ja, daß die Marktkräfte und ihre politischen Organe nichts unversucht lassen, einen solchen Zustand zu verhindern oder rückgängig zu machen.

Die Geschichte des Kapitalismus ist bekanntlich eine lange Blutspur, deren Ende nicht abzusehen ist.

Zeitmanagement zum Individualproblem zu erklären, ist sicher kein erfolgversprechender Weg. Schon heute werden jede Menge Ratgeber im einschlägigen Buchhandel bereit gestellt, die uns helfen sollen, mit der wenigen uns vorhandenen Zeit effektiver umzugehen. Wir leben tatsächlich in einer Welt, in der wir möglichst mehrere Dinge gleichzeitig tun sollten, um noch mithalten zu können. Schnell das Essen vor dem Fernseher verschlingen und gleichzeitig noch einen Blick in die Tageszeitung werfen. Mobil Telefonieren im Auto auf dem Weg zur Arbeit oder zum Kunden. Manches läßt sich vielleicht tatsächlich effektiver organisieren, manchmal ist es sicher sinnvoll, Prioritäten setzen zu können. Soweit helfen uns die Ratgeber.

Aber das Grundproblem bleibt dabei ungelöst. Effektiver durch verbessertes Zeitmanagement arbeiten zu können, bedeutet eben auch, besser ausbeutbar zu sein. Die Poren der individuellen Zeit werden zwar geschlossen, aber es bleibt keine Luft zum Atmen, zur Reflektion, zum Abschalten. Auch hier bedeutet Zeit Geld.

All dies sind Sackgassen. Sie verlagern die Überforderung nur von einem Ort zum andern, beseitigen sie aber nicht. [9]

Die einzige Lösung, das sieht auch Fritz Reheis so, liegt im Einstieg in den Ausstieg aus dem Kapitalismus. Nur bleibt er uns die Antwort auf die Frage immer noch schuldig, wie denn das gehen soll. Die vorhandenen politischen Institutionen bleiben in seinen Überlegungen ausgespart, als seien es beliebig nutzbare Organe einer anderen Zeitpolitik. Sowenig wir uns Gerhard Schröder als Zeitpolitikkanzler vorstellen können, so wenig wird der Deutsche Bundestag etwas anderes beschließen, als den Interessen der deutschen Wirtschaft dienlich ist. Und Einstieg in den Ausstieg – das erinnert mich an Jürgen Trittin und die grüne Versöhnung mit dem Atom.

Ansonsten kommt auch hier – und nicht nur in irgendwelchen Bananenrepubliken – die Macht aus den Gewehrläufen. Dies, und nichts anderes, ist ja auch der Sinn der Notstandsgesetze in den 60er Jahren gewesen. Oder warum sonst hat seither die Bundeswehr den Einsatz gegen den inneren Feind, etwa bei Streiks, geübt?

Nicht, daß ich hier eine Lösung vorschlagen könnte. Zu absurd erscheint derzeit auch nur die Idee, eine andere Gesellschaft als diese erkämpfen zu können. Das haben die Menschen in Rußland zwanzig Jahre vor der Oktoberrevolution auch so gesehen. Sie hatten nur nicht die materiellen Voraussetzungen für ein Leben in Würde und Wohlstand. Doch seither ist ein Jahrhundert vergangen, und nicht zuletzt ein Jahrhundert Gehirnwäsche. Wir werden uns unsere Phantasie erst wieder zurückerobern müssen.

Denken wir also das Unmögliche. Und handeln danach.

Einige Anregungen dazu kann uns Fritz Reheis in seinem Buch Die Kreativität der Langsamkeit geben, das im Darmstädter Primus Verlag zum Preis von 16 Euro 50 erschienen ist. Eine andere geben uns Chumbawamba.

Chumbawamba : Time Bomb

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte

Und was fangen wir jetzt mit unserer Zeit an? Nun, wir hören zunächst einmal eine weitere Coverversion von Siouxsie and the Banshees. Das Original von All Tomorrow's Parties stammt vom Debütalbum von Velvet Underground aus dem Jahr 1967.

Fragen, Anregungen oder Kritik könnt ihr wie immer auf meine Voice–Mailbox bei Radio Darmstadt aufsprechen. Die Telefonnummer lautet (06151) für Darmstadt und dann die 8700–192. Oder ihr schickt mir ein Fax an die 8700–111 oder eine Email an tinderbox <at> alltagundgeschichte.de.

Gleich folgt Heinerkult mit JB Jürgen Bialk. Diese Sendung wird am Dienstag um Mitternacht, morgens um 8 Uhr und nachmittags um 14 Uhr wiederholt. Am Mikrofon war Walter Kuhl.

Siouxsie and the Banshees : All Tomorrow's Parties

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Time von Kroke endet mit einem schrillen Weckerrasseln.
[2]   Fritz Reheis : Die Kreativität der Langsamkeit, Seite 81–82
[3]   Reheis Seite 92–93
[4]   Reheis Seite 94
[5]   Reheis Seite 98
[6]   Reheis Seite 8
[7]   Reheis Seite 108
[8]   Vergleiche hierzu das Sendemanuskript zu meiner Sendung Nachhaltiges Doping vom 25. März 2002.
[9]   Reheis Seite 227

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 2. Januar 2006 aktualisiert.
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