Tinderbox

12. Folge

Blow The House Down – Programmauftrag: Pustekuchen

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
Sendung :
Tinderbox
12. Folge
Blow The House Down
Programmauftrag: Pustekuchen
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Montag, 19. Februar 2001, 17.00–18.00 Uhr
 
wiederholt am :
Dienstag, 20. Februar 2001, 00.00–01.00 Uhr
Dienstag, 20. Februar 2001, 08.00–09.00 Uhr
Dienstag, 20. Februar 2001, 14.00–15.00 Uhr
 
 
Playlist :
  • Siouxsie and the Banshees : Running Town
  • The Monkees : Daydream Believer
  • Siouxsie and the Banshees : Pointing Bone
  • Mickie Krause : Zehn nackte Friseusen
  • Siouxsie and the Banshees : Blow The House Down
 
 
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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Retortenbands
Kapitel 2 : Die Kids zu Affen machen
Kapitel 3 : Programmauftrag
Kapitel 4 : Radio von Dumpfbacken für Dumpfbacken?
Kapitel 5 : Träume erfüllen
Kapitel 6 : Schluß

 

Retortenbands

Jingle Alltag und Geschichte / Tinderbox

Tinderbox
Zwölfterter Teil
Blow The House Down
Programmauftrag: Pustekuchen

Siouxsie and the Banshees : Running Town

Running Town aus dem Album Hyaena aus dem Jahr 1984. Und damit willkommen zur zwölften Folge meiner Sendereihe Tinderbox, meiner kapitalismuskritischen Revue durch die Untiefen einer brutal–schaurigen Wirklichkeit, mit freundlicher Unterstützung von Siouxsie and the Banshees. Am Mikrofon begrüßt euch Walter Kuhl. In der heutigen Folge möchte ich mit den drei letzten Stücken Running Town, Pointing Bone und Blow The House Down das Album Hyaena aus dem Jahr 1984 abschließen. – In dem gerade gehörten Stück Running Town heißt es:

Siouxsie and the Banshees : Running Town

Just a step onto the street
an uncomfortable heat
rattlers at your feet
in Running Town

Helter skelter all a–swelter
the impetus is seething
in Running Town
  a thousand curses
  full speed ahead

Lockjaw aggression(s)
& buzzing imitations
deride a friendly martian
in Running Town

Helter skelter all a–swelter
the impetus is seething
in Running Town
  a thousand curses
  full speed ahead

If you gaze into her face
she'll glare back and drown
all refugees in the sea
of Running Town

  a thousand curses
  full speed ahead

Laughter rebounds and strangles
that sound in Running Town.

Und in der deutschen Übersetzung:

Gehst du nur einen Schritt auf die Straße,
ist es gleich unerträglich heiß
Schwätzer stehen dir im Weg in der laufenden Stadt.
Man und frau kommt vor Hitze um
Der Anstoß köchelt vor sich hin,
einige tausend Flüche und es geht voll drauf los.

Kaumuskelkampf–Aggressionen und summende Nachahmungen
verspotten den freundlichen Marsmenschen in der laufenden Stadt.
Wenn du sie anstarrst, wird sie dich böse anblicken und ersticken.
Sie sind alle Flüchtlinge im See der laufenden Stadt.
Einige tausend Flüche und es geht voll drauf los.
Gelächter prallt zurück
und erdrosselt diesen Klang in der laufenden Stadt.

Diese Sommeridylle mag uns derzeit etwas befremden, auch wenn sich der Winter nicht so recht einstellen mag. Aber vielleicht werden wir dieses Jahr den entsprechend heißen Sommer erleben, denn die Sonnenfleckenaktivitäten müßten dieses Jahr – wenn mich nicht alles täuscht – besonders heftig sein. Warten wir's ab.

Siouxsie and the Banshees haben nicht einfach songs geschrieben, sondern wollten mit Text und Musik eine Botschaft vermitteln. Deshalb finde ich es sinnvoll und notwendig, diese Texte auch in einer sich dem Original annähernden deutschen Übersetzung vorzutragen. Denn Siouxsie and the Banshees waren keine Retortenband wie der neue deutsche hype No Angels.

Allerdings wäre es falsch zu sagen, No Angels seien die Ausnahme in der Musikbranche. Heike Blümner schreibt in der berliner Wochenzeitschrift Jungle World in ihrer Ausgabe vom 14. Februar 2001 hierzu unter der Überschrift Gecastete Engel sehr treffend:

Ist das der wahre Girlgroup–Glamour? RTL II sagt »ja«, und Millionen verfolgen jeden Dienstag in der Sendung »Popstars«, wie es dazu kommen konnte, daß sich aus einer Gruppe von knapp zehntausend jungen Mädchen mit demselben Traum allmählich die Girlgroup No Angels herausschält. [...]
Der Weg dorthin führt auch über Promotiontermine auf Alpengipfeln und in Kneipen. Seit »Popstars« im Fernsehen läuft, ist auch das nicht mehr abschreckend. Im Gegenteil. Und genau darin liegt das Besondere und vielleicht sogar das Gewagte an dieser Reality–Dokumentation. Mit »Popstars« kommt es zum Paradigmenwechsel in der Teenie– und Hit–Industrie, indem Teile des PopbandProduktionsprozesses für die Konsumenten transparent gemacht werden.
Bisher galt eher das Motto, über die Hintergründe und Entstehungsgeschichte von Retortenbands Stillschweigen zu bewahren. Das Wichtigste im Popgeschäft ist schließlich der Erfolg im Hier und Jetzt. Nur dann lohnt es sich, über eine Zukunft nachzudenken. Die Vergangenheit der Stars wird entweder verschwiegen oder konstruiert, denn Teenies wollen sich mit einer Band vor allem identifizieren. Ein Effekt, der sich leichter einstellt, so dachte man wohl bisher, wenn man das Publikum in dem Glauben läßt, daß ihre Stars ausschließlich ihrem Herzen und nicht den Weisungen irgendeines ältlichen Plattenbosses oder Produzenten folgen.
Vielleicht wissen viele junge Konsumenten gar nicht, daß es so etwas wie einen Produzenten überhaupt gibt, daß ihre Lieblingssongs nicht am Schreibtisch nach einer durchweinten Nacht geschrieben werden und die Artikel und Fernsehbeiträge nicht gemacht werden, weil die Redakteure echte Fans der Band sind, sondern daß hinter allem ein bewährtes und ausgeklügeltes System und eine ganze Menge Geld stecken. Was früher möglichst verheimlicht wurde, ist bei RTL II heute ein Aspekt des Glamours. [...]
In einer Marketingstudie heißt es, daß der Traumberuf junger Frauen, also die Möglichkeit konventionellen, gesellschaftlichen Rollenzuweisungen auf tendenziell konventionelle Art und Weise zu entfliehen, sich über die Jahrzehnte gewandelt hat. Einst war es die Sekretärin, dann die Stewardess, heute ist es der Popstar. Allerdings muß es sicherlich mehr Sekretärinnen und Stewardessen geben als Popstars, was die Sache mit dem Traumberuf nicht einfacher macht.
Entsprechend begann die RTL II–Dokumentation auch mit rührenden bis peinlichen Castings, wo sich viele untalentierte Mädchen tummelten, die nicht richtig singen konnten oder nicht gut genug vorbereitet waren. Des einen Pein war in diesem Fall des anderen Unterhaltung, was sich bis zu der Folge hinzog, in der sich No Angels – bestehend aus Nadja, Jessica, Vanessa, Sandy und Lucy – gegen alle anderen durchsetzten. Zwischendurch flossen, wie sollte es anders sein, literweise Schweiß und Tränen, und man wünschte sich, daß zumindest gegen Ende des Auswahlverfahrens, wenn der Choreograph und die Jury, die streng, aber immer gut drauf war, die Kandidatinnen wieder an den Rand des Zusammenbruchs getrieben hatten – die Mädchen eine zehnköpfige Punkrockband gründeten und RTL&#nbsp;II die Zunge rausstreckten. [...]
Ein weiteres interessantes Merkmal dieser Band wie überhaupt des gesamten RTL II–Trash–Reality–Doku–Trallalas ist die Besetzung der No Angels, die Hautfarben und Elternhäuser aus allen Teilen der Welt auf sich vereinen. Beweist das, daß der durchschnittliche RTL II–Teutone auf »exotische Typen« zur Unterhaltung steht, oder zeigt es, daß junge Mädchen bzw. Popkonsumenten Multikulti super finden?

 

Die Kids zu Affen machen

Monkees : Daydream Believer

Die Idee mit der Retortenband ist in der Tat nicht neu. Und daß schwärmende Backfische und pubertierende Jungfrösche darauf abfahren, ebenso. Und es ist ein gutes Geschäft, das mit der Gutgläubigkeit, den Sehnsüchten und der Identitätssuche junger Menschen gemacht wird. Im Prinzip Teil des 24–stündigen Gehirnwäsche–Vollprogramms. 1966 wurden so die Monkees erfunden, deren Daydream Believer wie gerade gehört haben. Die das Musikbusinees mitunter zynisch auf die Schippe nehmende Lexikon Rock Dreams schrieb dazu 1973:

Was passiert, wenn man vier Jungs für eine wöchentliche Fernsehsendung über Freud und Leid musizierender Gassenjungen zusammenbringt? Sie werden Stars und selbst eine Popgruppe. So geschehen mit den Monkees, eine der größten Hypes aller Zeiten. Man hatte die vier per Annonce gefunden und nach dem Vorbild [der] Beatles sorgfältig ausgewählt. [...] Sie wurden als Schauspieler engagiert, aber ihre Lieder, von den besten Textern, Komponisten und Produzenten hergestellt (mit Studiomusikern) kletterten schnell in die US Charts. [...] Zwischen 1966 und 1968 waren die Monkees die absoluten Teenybopper–Idole Amerikas. Das gab Ärger. Eine Musikgruppe, die eigentlich keine war, die hatte in der Chart nichts verloren, meinten die, die vergeblich versucht hatten reinzukommen. Die Monkees reagierten prompt: Sie übten kräftig auf ihren Instrumenten, die sie gar nicht so schlecht beherrschten, und gingen auf Tournee. Damit wuchs ihre Beliebtheit bei den Teenies, die ohnehin zu ihnen gehalten hatten, ins Grenzenlose.

Soweit die Rock Dreams. Natürlich haben die Macher und vielleicht auch Macherinnen von Popstars daraus gelernt. Waren es in den 60ern vier schnuckelige Boys, so fahren die Girlies und die Jungs von heute auf die Multi–Kulti–Zur–Schau–Stellung von viel nackter Frauenhaut ab. Die fünf jungen Frauen haben natürlich keine eigene Subjektivität zu haben, sondern dem Fahrplan ihrer erfolgsgeilen Macher zu entsprechen. Peinlich ist nur, wie viele Menschen von ihrer eigenen offenen Verarschung mit einer Retortenband begeistert sind. Das subjektive Gefühl der heutigen Jugendlichen wäre sicherlich eine eigene psychologische Studie wert; eine Studie allerdings, die sich emanzipatorischen Zielen verpflichtet fühlt. Denn Ziel muß es sein, herauszufinden, wie das neoliberale Denken in unseren Köpfen bekämpft werden kann. Als das neoliberale Denken bezeichne ich das, was heutzutage von allen Menschen erwartet wird, nämlich daß sie sich bestmöglich verkaufen und damit auch verwerten lassen. Daß diese Menschen das so verinnerlicht haben, daß sie gar nicht mehr darüber nachdenken, was es außer der glitzernden bunten Warenwelt alles sonst noch so gibt. Daß sie nicht mehr darüber nachdenken, welche solidarische Alternativen es zu dieser kapitalistischen Leistungsgesellschaft gibt. Was eben auch bedeutet, ohne den Zwang, sich als etwas zu präsentieren, was frau und man nicht ist, zu leben. Denn was an der Schwelle zum 21. Jahrhundert mit diesen jungen Menschen gemacht wird, ist eine Schweinerei und ich nenne es ganz bewußt Gehirnwäsche.

Von dieser Gehirnwäsche handeln übrigens auch nicht wenige Texte von Siouxsie and the Banshees; und das ist ein Grund, weshalb ich gerade diese Band mitsamt ihren Texten ausführlich vorstelle. Hinzu kommt, daß diese Gruppe nicht künstlich zusammengestellt wurde, sondern ihr Entstehen dem genialen Einfall verdankte, auf einem Punkkonzert das Vater Unser solange zu singen, bis sie von der Bühne geworfen würden.

 

Programmauftrag

Nun könnte frau oder man eigentlich erwarten, daß ein alternativer nichtkommerzieller Radiosender wie Radio Darmstadt dem etwas entgegensetzen würde. Leider – und wir kennen ja alle unser Programm – ist das nicht oder nur sehr zaghaft der Fall.

Wenn es beispielsweise einen Radiowecker gibt, in dem eine einzige Big Brother–CD von vorn bis hinten heruntergedudelt wird und das auslöst, was in einer Studie über Radio Darmstadt Abschaltimpuls genannt wird, dann stellt sich natürlich die Frage, was für Menschen gestalten unser Programm und wer legt Kriterien fest, wer was senden kann und darf? Und dieser Radiowecker ist nur ein Beispiel für viele andere Sendungen auf dieser Frequenz.

Es ist ja auch nicht besonders glaubwürdig, wenn ernsthaftes Themenradio täglich zwischen 17 und 19 Uhr konterkariert wird mit Sendungen, wo nicht nur ich mich frage, ob damit dem Auftrag des Gesetzgebers und unserer Lizenz nachgekommen wird. Und auch meine eigene Glaubwürdigkeit leidet darunter – und das ist ein Grund, warum über die Inhalte des Programms von Radio Darmstadt offen und öffentlich diskutiert werden muß. Wir haben hier zusätzlich den Vorteil, daß dies nicht hinter geschlossenen Türen geschieht, da es bei uns keine oder niemanden gibt, die oder der bestimmt, welcher Moderator oder welche Moderatorin welche Inhalte senden muß – und damit interne Kritik ausschließt. Auch denke ich, daß es gerade für diejenigen unter unseren Hörerinnen und Hörern, die sich öfter über unser Programm geärgert haben, interessant ist zu erfahren, wie unsere Sendungen zustandekommen und wer dafür verantwortlich ist.

Wir haben nämlich im Prinzip drei Aufgaben zu erfüllen, von denen, so denke ich, jede Sendung zumindest eine dieser Aufgaben beinhalten sollte:

  • Erstens sollen wir den fehlenden Lokalbezug der öffentlich–rechtlichen und privat–kommerziellen Hörfunksender kompensieren. Daß uns die dafür benötigten Finanzmittel nicht bewilligt werden, wir also von vornherein ein Schmalspurradio betreiben müssen und vielleicht auch sollen, um für die Etablierten nicht gefährlich werden zu können, sei hier nur nebenbei bemerkt.
  • Zweitens sollen wir eine publizistische Ergänzung sein – nicht nur im lokalen Bereich, sondern auch durch vielfältige Themen und Menschen, die wir zu Wort kommen lassen, die in der Medienlandschaft sonst keine Chance haben, Gehör zu finden.
  • Und drittens wird von uns erwartet, daß wir Medienkompetenz vermitteln.
Das Abdudeln von Big Brother–CDs erfüllt keines dieser Kriterien, ist vielmehr möglicherweise sogar Werbung – nämlich für Endemol –, die uns jedoch per Gesetz untersagt ist.

Wie kommt es dazu? Nun, die sieben hessischen nichtkommerziellen Lokalradios sind von ihrer Struktur her gezwungen, einen Spagat zu vollführen.

  • Einerseits sollen sie Aufgaben erfüllen, die weder der Hessische Rundfunk noch das angebliche Hit Radio FFH leisten wollen. Lokale Berichterstattung im gesamthessischen Raum wäre nämlich für beide zu teuer. Und deshalb ist es beispielsweise für den Hessischen Rundfunk kostengünstiger, einen Anteil an den Rundfunkgebühren der Landesanstalt für privaten Rundfunk abzugeben, damit diese die Defizite des HR in Form nichtkommerzieller Lokalradios ausgleicht. Insofern gibt es eine berechtigte Erwartungshaltung der Hörerinnen und Hörer nichtkommerzieller Lokalradios (also von euch an den Radiogeräten) an die bei uns Radio Machenden, eine kompetente lokale Berichterstattung und vielfältige Informationen anzubieten. Nun bricht sich das aber an den strukturellen Bedingungen, unter den zum Beispiel ein Sender wie Radio Darmstadt arbeitet und auch arbeiten soll.
  • Andererseits nämlich sollen wir offen sein für alle diejenigen, die im etablierten Medienbetrieb keine Chance haben, Gehör zu finden oder gar eigenständig Sendungen zu gestalten. Denn es ist ja klar, daß selbst dann, wenn einzelne von uns in Zeitungen, im Radio oder im Fernsehen interviewt werden, das präsentierte Ergebnis in Form von Buchstaben, Stimmen oder Bildern immer gefiltert ist und oftmals nicht das wiedergibt, was wir eigentlich sagen wollten oder gesagt haben.
  • Deshalb haben prinzipiell all diejenigen, die von diesem etablierten Medienbetrieb vernachlässigt werden, bei uns ein Forum zur Selbstdarstellung. Das kann ein inhaltliches Forum sein, weil wir alle etwas zu dieser Welt zu sagen haben. Das können aber auch Musiksendungen sein mit Stilrichtungen, die im quotenorientierten Radio keine Chance haben gehört zu werden oder im Nischenprogramm zu den unmöglichsten Zeiten laufen. Diese Musiksendungen haben bei uns ihre Berechtigung und es entspricht auch unserem Sendeauftrag, diese vernachlässigten Musikrichtungen zu präsentieren. Das viele unserer Hörerinnen und Hörer dann vielleicht entnervt abschalten, kann ich verstehen, aber unser Auftrag besteht auch darin, Hörgewohnheiten zu verändern.

    Das geschieht garantiert nicht dadurch, daß die eingängigsten Dumpfbacken–Titel unseren Sender beherrschen, wie dies leider in vielen Abend– und Wochenendsendungen der Fall ist. Manchmal frage ich mich, warum wir dreimal die Woche die aktuellen Charts präsentiert bekommen, ohne daß auch nur einmal der Sinn und Zweck derartiger Veranstaltungen kritisch reflektiert wird. Was wird denn mit ChartNotierungen ausgesagt? Daß Titel gut sind oder daß sich Titel gut verkaufen, weil sie gut promotet wurden? Und dann frage ich mich, ob es unserem Auftrag entspricht, die Werbekampagnen der großen Plattenfirmen zu unterstützen.

    Warum in den kommerziellen, aber öffentlich–rechtlichen Sendern bevorzugt derartige Songs gedudelt werden, dazu möchte ich aus dem wirklich lesenswerten Buch Radio–Report von Stephan Brünjes und Ulrich Wenger zitieren, das leider bei der Bundeszentrale für politische Bildung nicht mehr vorrätig und 1998 in der TR–Verlagsunion erschienen ist:

    Einzelne Titel werden am häufigsten in Form von Telefoninterviews getestet. Die Marktforscher rufen mehrere hundert repräsentativ ausgewählte Personen an, spielen ihnen am Telefon zehn bis 15 Sekunden lange Ausschnitte der Musiktitel (sogenannte hooks) vor und lassen Noten zwischen 1 und 6 vergeben. Ins Programm kommen jedoch meist nicht die beliebtesten unter diesen Titeln, also die mit den meisten Einsen, sondern die mit vielen Dreien und einigen Zweien und Vieren. Denn bei solchen Bewertungen kristallisiert sich heraus, daß die mittelmäßig bewerteten Titel in der Regel nicht polarisieren, also einigen Testpersonen sehr gut und anderen gar nicht gefallen. Außerdem testen Marktforscher Musiktitel auch in vollbesetzten Sälen vor Publikum. Die Testpersonen müssen bis zu 400 hooks anhören und auf einem Fragebogen bewerten. [...] Medien– und Marktforscher liefern mit ihren Daten also entscheidende Informationen, damit Radiosender im harten Konkurrenzkampf mit anderen Programmen bestehen können. [Seite 35]

    Dies darzustellen und auch intern bei Radio Darmstadt zu diskutieren, wäre eigentlich Aufgabe unserer Musikredaktion; und daran etwas zu verändern, erst recht. Leider fristet unsere Musikredaktion – schon vom eigenen Anspruch her – ein Nischendasein und kümmert sich viel zu wenig um die Musikfarbe und vor allem die Inhalte der gespielten Musikstücke. Warum das aber wichtig wäre, dazu später mehr.

     

    Radio von Dumpfbacken für Dumpfbacken?

    Siouxsie and the Banshees : Pointing Bone

    Pointing Bone aus dem Album Hyaena von Siouxsie and the Banshees.

    Doch kommen wir zu den Paradoxien unseres Sendebetriebs zurück. – Wenn in öffentlich–rechtlichen und auch in privat–kommerziellen Radiostationen die üblichen Dumpfbackensongs abgedudelt werden und wenn das, was die dortigen Moderatorinnen und Moderatoren für Humor halten, gesendet wird, dann geschieht dies meist mit einem zynischen Unterton. Denn das, was dort präsentiert wird, ist nicht wirklich das, was diese Moderatorinnen und Moderatoren gut finden, sondern das, was die Hörerinnen und Hörer dieser Sender gut finden sollen, um dieses Programm nicht abzuschalten. So haben Musikauswahl und Comedy nur den Zweck, das Publikum bis zur nächsten Werbeeinblendung ans laufende Programm zu binden. Wie das geschieht, ist diesen Radio Machenden egal, Hauptsache, es funktioniert. Daher das zynische Verhältnis zu dem, was ich als Dumpfbackenradio bezeichne. Und daher gibt es – selbst beim Hessischen Rundfunk – interne Seminare, in denen wieder der Spaß am Radiomachen vermittelt werden soll. Denn es macht keinen Spaß, Einheitssoße mit gekünstelten Kommentaren und eventuell noch einem erzwungenen Lächeln in der Stimme abzuliefern.

    Es handelt sich ja – wie im Kapitalismus üblich – um einen entfremdeten Job und nicht etwa um Berufung. Würden die dort Beschäftigten das senden, was sie senden wollen, dann würde sich das Programm ganz anders anhören. Und wahrscheinlich auch – ohne Werbung, wie auf unserem Sender Radio Darmstadt. Es ist nämlich, nebenbei bemerkt, eine Ironie der Werbebranche, daß gerade diejenigen, die für public relations zuständig sind, in ihrem Privatleben davon verschont werden möchten.

    Doch bei Radio Darmstadt haben wir dann die Menschen, die sich berufen fühlen zu beweisen, daß sie das auch können. Nur berücksichtigen sie weder, daß das Dumpfbackenradio andernorts mit dieser zynischen Grundeinstellung gesendet wird, noch denken sie über die Struktur und den Programmauftrag öffentlich–rechtlicher und privat–kommerzieller Radioprogramme nach. Das heißt, auf gut Deutsch: sie imitieren Scheiße und bemerken es nicht einmal.

    Und schlimmer noch, im Bestreben, es allen zu zeigen, daß sie das auch können, lösen sie bei unseren Hörerinnen und Hörern den schon erwähnten Abschaltimpuls aus. Denn, wer Scheiße hören will, kann dies – in meist besserer Qualität, sowohl was Technik, als auch was Moderation angeht – im Orginal hören. Wer Radio Darmstadt hört, tut dies eben nicht, um denselben Müll wie andernorts noch einmal auf diesem Sender um die Ohren gehauen zu bekommen.

    Die uns inzwischen vorliegende Image– und Akzeptanzuntersuchung von drei hessischen nichtkommerziellen Lokalradios – unter anderem auch Radio Darmstadt – belegt dies eindrucksvoll. Ein befragter Hörer äußerte sich auch dementsprechend:

    Da kriege ich als Hörer die Krise, da werde ich richtig wütend, daß die mir das antun, mir als Hörer das aufs Ohr zu drücken.

    Würde unsere Unterhaltungsredaktion diese Studie entsprechend zur Kenntnis nehmen und die sich daraus ergebenden Schlüsse ziehen, müßte sie eigentlich den Sendebetrieb solange einstellen, bis sie sich endlich einmal ernsthafte Gedanken über ihr Programm und dessen Inhalte gemacht hat. Denn genau hier liegt ein Schwachpunkt – und das nicht nur in der Unterhaltungsredaktion. Ich denke, es liegt daran, daß sich in den sieben nichtkommerziellen Lokalradios ein Querschnitt durch die Bevölkerung abbildet. Das muß kein Problem sein, denn selbstverständlich hat jede und jeder das Recht, hier bei uns zu senden, unabhängig von Geschlecht, Nationalität, Hautfarbe, Behinderung, Alter oder Bildungsstand. Aber – genauso selbstverständlich sollte es sein, daß diejenigen, die bei uns senden, sich darüber Gedanken machen, was sie senden, für wen sie senden und warum sie senden. Diese Gedanken fehlen jedoch ganz offensichtlich in weiten Bereichen unseres Sendebetriebes; auch hier spricht die Studie eine eindeutige Sprache.

    Was fehlt, ist ein Filter. Es scheint so, als würden die meisten der bei uns Sendenden davon ausgehen, daß wir ein Offener Kanal sind. Dieses Mißverständnis ist selbst bei den Mitgliedern des Programmrats verbreitet, aber genau das sind wir nicht. Worin besteht der Unterschied?

    Das Hessische Privatrundfunkgesetz – wie auch die entsprechenden Mediengesetze der anderen Bundesländer – unterscheidet zwischen Nichtkommerziellen Lokalradios und Offenen Kanälen. Offene Kanäle können als Hörfunk– oder Fernsehkanäle eingerichtet werden, in Hessen sind nur Fernsehkanäle als Offene Kanäle vorgesehen, und zwar in Kassel, in Gießen, in Fulda und in Offenbach. Das Prinzip Offener Kanäle ist, daß jede und jeder senden darf, vorausgesetzt, sie oder er halten sich an die rechtlichen Bestimmungen. Der Inhalt des Programms ist freigestellt. Die Landesmedienanstalt, also in Hessen die Landesanstalt für privaten Rundfunk, stellt die Sendeeinrichtungen und das Personal zur Verfügung. Wer senden will, findet also das technische Equipment und die Betreuung vor; wer zuerst kommt, sendet zuerst. Es ist also das Prinzip der Warteschlange – und keine und niemand kümmert sich um die Qualität der Beiträge.

    Nichtkommerzielle Lokalradios werden im Gegensatz dazu von eingetragenen Vereinen betrieben. Diese Vereine gründen Redaktionen, die diejenigen auffangen und betreuen sollen, die ihre Anliegen über den Äther bringen wollen. Die Vereine haben – und das steht dann auch so in der Lizenz – selbstverständlich das Recht, Kriterien zu entwickeln, wer senden darf und wer nicht. Die Satzung und das Redaktionsstatut von RadaR e.V. bilden also bei Radio Darmstadt die inhaltliche Plattform. Wer sich nicht daran hält, fliegt raus.

    Im Offenen Kanal – wie gesagt – gibt es dieses inhaltliche Kriterium nicht.

    Dennoch stellten die befragten Hörerinnen und Hörer in der schon erwähnten Image– und Akzeptanzstudie fest, daß in unserem Sender die Maxime vertreten werde, "daß jeder Radio machen darf, der es möchte". Ganz offensichtlich ist daraus der Schluß zu ziehen, daß einzelne Redaktionen ihrer inhaltlichen Aufgabe, also ihrer Filterfunktion nicht nachkommen. In der Tat scheint es so zu sein, daß in einzelnen Redaktionen Leute einfach kommen können, sich die grundlegendsten Kenntnisse der Technik aneignen und dann einfach drauflosplappern. Diese – zumeist Vereinsmitglieder – haben, ganz objektiv betrachtet natürlich ein Problem: Der Verein, der ihren politischen (Nicht–)Vorstellungen entsprechen könnte, würde bei der LPR keine Lizenz erhalten. Daher vielleicht zur allgemeinen Bildung, was im Redaktionsstatut von RadaR unter dem Titel Rechte und Pflichten der Redaktionen steht. Es wird nämlich

    insbesondere angestrebt,
    • die demokratische Meinungsvielfalt zu gewährleisten;
    • den Bildungs–, Informations–, Unterhaltungs– und Beratungsauftrag öffentlicher Medien wahrzunehmen;
    • allen Schichten der Bevölkerung den Zugang zum Lokalradio zu ermöglichen;
    • die Förderung kultureller Aktivitäten zu fördern;
    • das Bewußtsein für die Umwelt zu fördern;
    • eine Darstellung der Anliegen von Einzelnen, Bürger/innen, Initiativen und anderen Personenvereinigungen zu ermöglichen;
    • unabhängigen Journalismus zu fördern und zu unterstützen;
    • zur Völkerverständigung beizutragen.
    In diesem Sinne sind die Redaktionen für Recherche, Moderation und Technik ihrer Sendezeit eigenständig verantwortlich.

    Und in unserer Satzung heißt es unter anderem:

    [Der Verein RadaR e.V.] organisiert Bildungsmaßnahmen für Jugendliche und Erwachsene, um sie für die Arbeit und den Umgang mit Hörfunk zu qualifizieren und zu befähigen, Beiträge zu gestalten, mit denen das Zusammenleben der Allgemeinheit gefördert wird, insbesondere auf den Gebieten der

    und jetzt kommt eine lange Liste, die endet mit

    Männer und Frauenemanzipation.

    Hören wir uns doch einmal an, wie der Bildungsauftrag, das Vermitteln von Medienkompetenz, unabhängiger Journalismus und die Förderung der Männer– und Frauenemanzipation sich bei uns in der Praxis anhört. Und hört bitte genau hin – offensichtlich gehören Sexismus und freie Verfügbarkeit von Frauen zu unserem Bildungsauftrag. Denn bis heute schreitet niemand und keine gegen derartige Sendungen ein. Und dies wäre eigentlich eine der wichtigsten Aufgaben des Programmrats von Radio Darmstadt. Da ich dieses Jahr als Redaktionssprecher von Alltag und Geschichte diesem Gremium angehöre, läßt sich da vielleicht etwas machen.

    Mickie Krause : Zehn nackte Friseusen

     

    Träme erfüllen

    Die beiden Moderatoren der Sendung, aus der ich diesen Zusammenschnitt entnommen habe, saßen im Studio und schlugen sich beim Abspielen vor Vergnügen die Hände auf die Schenkel. Wenn das die gute Laune bei RadaR ist, dann hat der schon erwähnte Abschaltimpuls allerdings seine Berechtigung. Wobei zu bemerken ist, daß dieser Beitrag nur die Spitze eines Eisberges darstellt. Nur weil etwas auf anderen Sendern läuft, heißt das noch lange nicht, daß es auch bei uns laufen muß.

    Ja, aber wo könnt ihr eure Beschwerden loswerden? Ich biete euch einfach einmal die Info–Mailbox der Redaktion Alltag und Geschichte an, auf der ihr eure Beschwerden, euer Lob, eure Informationen oder eure Wünsche aufsprechen könnt. Die Telefonnummer lautet: (06151) für Darmstadt und dann die 87 00 – 129.

    Wir können also feststellen: es ist bei uns nicht alles so, wie es sein sollte. Mit einem Etat von etwa 200.000 Mark im Jahr müssen wir versuchen, ein halbwegs professionelles Programm zu gestalten. Wir haben fast keine ausgebildeten Redakteurinnen oder Moderatoren, das heißt, wir sind Autodidaktinnen und Autodidakten. Das erklärt vieles Ungereimte, so manche Panne und die eine oder andere schlechte Sendung. Aber – wo liegt der Bewertungsmaßstab?

    Wenn ich unser Programm mit anderen Programmen vergleiche, dann muß ich feststellen, daß wir so schlecht gar nicht sind. Der Radiowecker ist garantiert besser als das entsprechende Programm von HR3, an den meisten Tagen der Woche jedenfalls. Dennoch habt ihr als unsere Hörerinnen und Hörer ganz andere Erwartungen an euer nichtkommerzielles Lokalradio. Auch hier gibt uns die Akzeptanzstudie genügend Stoff zum Nachdenken und Verbessern.

    Von Radio Darmstadt wird – so paradox das klingen mag – mehr erwartet, als von anderen Sendern, zumindest an lokaler Information. Unser Radiowecker und die Themenradios zwischen 17 und 19 Uhr sind die Sendungen, die gezielt eingeschaltet werden, allerdings auch mit einer bestimmten Erwartungshaltung. Eben genau der Erwartung, nicht das zu hören, was schon woanders läuft, sondern das, was andernorts verschwiegen oder nur oberflächlich behandelt wird.

    Wo ich mich schon frage, wie wir das überhaupt leisten sollen. Ich will mich gar nicht hinter dem vielzitierten Ehrenamt verstecken. Klar, wir machen das alles ehrenamtlich, in unserer Freizeit. Aber Ehrenamtlichkeit kann und darf keine Entschuldigung für schludrigen Journalismus oder schlecht vorbereitete oder gar schlecht moderierte Sendungen sein.

    Das heißt, einerseits sollten wir realistisch sein und an die Bedingungen unserer Arbeit denken: kleiner Etat, Laienradio, keine High–Tech–Technik. Andererseits werden an uns qualitative Ansprüche gestellt, die berechtigt sind, die aber nur dann auch eingefordert werden können, wenn diejenigen, die sie einfordern, uns dabei auch unterstützen. Es kann nicht so sein, daß – wie es in der Akzeptanzstudie zu den GRÜNEN lokalen Funktions– und Entscheidungsträgern heißt:

    Die Grünen sind sehr kenntnisreich und differenziert in ihrer Einstellung zu den nichtkommerziellen Lokalradios. Häufig waren die Befragten Mitinitiatoren in allen drei [untersuchten] Standorten mit einer hohen Erwartungshaltung. Sie sind geradezu unisono mehr oder weniger von den Radioprojekten enttäuscht und sprechen vorsichtig von einem Scheitern des Versuches, durch nichtkommerzielle Lokalradios eine Gegenöffentlichkeit herzustellen.

    Nur nebenbei, SPD–Leute sehen uns tendenziell eher positiv, CDU–Leute sind in ihrer Haltung ambivalent: die einen kenntnisreich zugewandt, die anderen kritisch ablehnend. Worin liegt nun das Problem der GRÜNEN? Es könnte mit dem gewandelten Selbstverständnis der Partei zusammenhängen. Die ökologische Partei führt Atommülltransporte durch und befürwortet neue Umgehungsstraßen. Die gewaltfreie Partei führt einen völkerrechtswidrigen Krieg gegen Jugoslawien. Die basisdemokratische Partei ordnet sich ihren Anführerinnen und Anführern, allen voran der Tränendrüse Joschka Fischer, unter. Das bleibt nicht ohne Folgen. Einerseits bei der Selbstwahrnehmung der GRÜNEN, andererseits bei denen, die die GRÜNEN an ihren eigenen Prinzipien messen.

    Das ist sicher eine Ebene. Eine andere ist schwerer zu fassen. Vielleicht ist der folgende Vergleich weit hergeholt. Aber ich denke, es lohnt sich, einmal darüber nachzudenken. Warum lassen sich junge Menschen von Retortengruppen wie die am Anfang der Sendung erwähnten No Angels verarschen; warum suchen sie ihre Idole in medial geformten Kunstprodukten wie Popstars oder Sportlerinnen und Sportlern? Worin besteht die Sehnsucht? Das andere – vorgeblich – geschafft haben, was einer oder einem verwehrt worden ist, wovon eine oder einer träumt? Die Medien suggerieren uns ja, daß es alle schaffen können – siehe das Casting bei den No Angels. Selbstverständlich informieren dieselben Medien nicht über die brutalen Auswahlkriterien und die von ihnen gestylte öffentliche Meinung.

    Und etwas ähnliches, denke ich, liegt auch dieser enttäuschten Erwartungshaltung grüner Gründungsmitglieder – auch bei uns – zugrunde. Wir sollten einen Traum für andere erfüllen. Den Traum von einem besseren Leben oder hier – von einem besseren Radio. Aber wir leben ja nicht im luftleeren, herrschaftsfreien Raum; wir leben in einer konkreten Gesellschaft mit konkreten Menschen. Und das heißt: wer sich nicht einmischt, wer sich nicht einbringt, dessen Stimme findet auch kein Gehör.

    Ich jedenfalls verweigere mich ganz klar einer Auftragsarbeit, die den Sehnsüchten Anderer entspringt. Wer will, daß unser Programm politischer, vor allem lokalpolitischer wird, muß uns dabei auch unterstützen, daß heißt sich selbst einbringen. Muß uns dabei unterstützen, eine eigene Lokalredaktion aufzubauen. Wir können bei uns keine und niemanden zwingen, eine bestimmte Sendung zu gestalten und zu produzieren. Dieses Element fremdbestimmter, entfremdeter Arbeit ist bei uns nicht zu finden. Aber wir können alle – gemeinsam – dafür sorgen, daß die inhaltliche Qualität unseres Programms besser wird. Und das nicht nur bei der Redaktion Alltag und Geschichte bei Radio Darmstadt.

     

    Schluß

    Jingle Alltag und Geschichte

    In der Akzeptanzstudie heißt es über die Sendungen unserer Redaktion:

    Weitere Aspekte der Gruppendiskussionen waren das wenig konturierte Selbstverständnis des Senders (Konzept, Anspruch), d. h. die teilweise auch mangelnde Unterscheidbarkeit zu traditionellen Hörfunkangeboten, die eingeschränkte publizistische Ergänzung sowie Defizite in der öffentlichen Präsenz und bei der sprachlichen Professionalität (Verbesserung u. a. des Journalismus durch Schulungen). Einen markanten Gegenpol zu diesem Bild von RADAR bilde jedoch u.a. die Redaktion "Alltag und Geschichte" mit Sendungen wie "Kapitalverbrechen", "Tinderbox" etc., die ausgesprochen anspruchsvolles Programm aufweise und mit politisch linksgerichteten kritischen Inhalten überzeuge.

    Ich hoffe, ich bin dieser Bewertung, für die ich mich ausdrücklich bedanken will, auch heute gerecht geworden, und ich hoffe, daß mit der heutigen Sendung das Verständis dafür, wie es zu unserem Programm kommt und wer dafür verantwortlich ist, gewachsen ist.

    Laßt mich daher mit dem letzten Stück Blow The House Down aus dem Album Hyaena von Siouxsie and the Banshees schließen. Vielleicht können wir dieses Lied auch als eine Aufforderung verstehen, den angesammelten Mief aus unserem Programm gemeinsamen – durch uns Sendende und euch uns Hörende – herauszublasen.

    Die nächste Folge von Tinderbox könnt ihr in genau vier Wochen am 16. März [2001] um 17 Uhr oder am Tag darauf in der Wiederholung nachts um 0 Uhr, nach dem Radiowecker um 8 Uhr oder nachmittags um 14 Uhr hören. Nächsten Montag werde ich um 17 Uhr voraussichtlich den Vortrag über die politische Situation in Israel und Palästina, den Felicia Langer am vergangenen Donnerstag im Schloß gehalten hat, leicht gekürzt senden. Und damit verabschiede ich mich – mein Name ist Walter Kuhl. Doch zunächst noch der Text von Blow The House Down.

    Siouxsie and the Banshees : Blow The House Down

    Weaving in his basket chair
    twist you round a lock of hair
    Made of straw – the wicker man
    made of straw – I'll blow your house down.

    Bishops falling from the windows
    the lightning makes your hair stand on end
    this dervish frenzy – will make you run around
    this dervish frenzy – will turn your head around.
    Blow the house down.
    Blow the house down.

    Stretching a rubber band
    miracles trip our feet where we stand
    shift the ground – caterpillar man
    crumbling castles in the sand.
    Blow the house down. Down.
    Blow the house down.

    Feebly we put our heads out of our foxy lairs
    We feel the chill from the night scare
    standing in the storm – waiting for the flash to crash
    counting seconds before we turn to ash.
    It's getting nearer ... So nearer. It's getting nearer.
    Blow the house down. Down.
    Blow the house down.

    This dervish frenzy – will turn your head around
    standing on the stairs that want to fall down
    it's getting nearer don't turn your head around
    Made of straw – a lighted match
    Burn the house down

    Weaving in his basket chair
    twist you round a lock of hair
    Made of straw – the wicker man
    made of straw – I'll blow your house down. Down.
    Blow your house down. Down.
    Down to the ground.

    This dervish frenzy – will turn your head around
    standing on the stairs that want to fall down
    down to the ground.

    Pillars of salt watch as it all burns down
    down to the ground
    down to the ground
    turn your head around.
    Blow the house down.

    Und in der deutschen Übersetzung:

    Er webt in seinem Korbstuhl und windet dich um eine Haarlocke
    Aus Stroh, der Weidenmann, er bläst dein Haus nieder.
    Bischöfe fallen von den Wänden herunter
    Ein Blitz läßt deine Haare zu Berge stehen.
    Der rasende Tanz läßt dich herumrennen und verdreht dir den Kopf.
    Er bläst das Haus nieder.

    Wenn du das Gummiband dehnst,
    Wunder stolpern über unsere Füße,
    Verschieben den Boden wie ein Baggerfahrer
    und zerbröckeln ein Schloß bis auf den Boden.
    Blas das Haus nieder.

    Schwach erheben wir unseren Kopf aus dem Fuchsfell-Lager.
    Wir spüren den Frost in nächtlicher Panik.
    Mitten im Sturm warten wir auf den Einschlag des Blitzes,
    zählen die Sekunden, bis wir zu Asche verbrennen.

    Er kommt näher und bläst das Haus nieder.

    Der rasende Tanz verdreht dir den Kopf,
    du stehst auf den Stufen, die gleich einstürzen.
    Dreh dich nicht um.
    Ein entzündetes Streichholz brennt das Haus nieder.
    Salzsäulen schauen zu, wie alles bis auf den Grund niederbrennt.
    Dreh dich um und blas das Haus nieder.

    Blow The House Down von Siouxsie and the Banshees.

    Siouxsie and the Banshees : Blow The House Down

     

    Diese Seite wurde zuletzt am 24. Dezember 2005 aktualisiert.
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