Wasserturm
Wasserturm des ehemaligen Bahnaus­besserungs­werks Darmstadt

Darmstadt

Fragmente eines Tagebuchs

Das ist etwas, was ich schon lange tun wollte. Ein eigener Darmstadt-Blog. Jetzt ist es doch kein Blog geworden, sondern eher eine Art fragmentarisches Tagebuch. Über Zustände und Mißstände, Aktionen und Reaktionen, Politik und Kultur einer südhessischen Provinzstadt. Unvollständig, dafür sarkastisch, unausgewogen, dafür kritisch. Ohne Kommentar­funktion und ohne RSS-Feed.


Inhaltsverzeichnis


Frieden tötet nicht 

Transparent.
Gesehen am 5. September 2010 vor dem Schloß.

Vermutlich ein Relikt der Demonstration am Abend zuvor ist das Transparent, das passend zur selbstmitleidigen Beschwörung der Brandnacht vom September 1944 über eine der zwischen Friedensplatz und Weißem Turm aufgestellten Tafeln gestülpt wurde. Sofern „Frieden“ nicht als eine humanitär-imperialistische Neusprech­vokabel benutzt ist, sondern mehr meint als nur Abwesenheit von Krieg, so wird das so stimmen: „Frieden tötet nicht.“ Solange dieser Frieden jedoch Teil einer kapitalistischen Ausbeutungs- und Leistungs­gesellschaft bleibt, geht das Töten auch ohne Waffen weiter. Rund zehn Millionen Kinder verhungern jedes Jahr oder sterben aufgrund fehlender Medikamente, obwohl genügend Lebensmittel und Arzneimittel verfügbar sind. Die herrschende Klasse weltweit benötigt jedoch keine Hungerleider. Sie sind erstens nicht profitabel, also muß auch nichts in sie investiert werden. Und sie könnten zweitens auf die dumme Idee kommen, die Verhältnisse zu stürzen, die aus ihnen Hungerleider gemacht haben. Da ist es schon besser, ganz still und heimlich auch ohne Waffen zu töten. Das ist der Zynismus des Marktes, seiner Nutznießer und Apologeten.

»»  Zur Darmstädter Brandnacht siehe das Manuskript zu meiner Sendung Von Brandnächten und Verantwortlichkeiten bei Radio Darmstadt am 13. September 2004. Anstrengend zu lesen, aber mit interessanten Gedankengängen versehen ist das Buch »Weh der Lüge! Sie befreiet nicht …“ von Fred Kautz, 2008 erschienen in der Edition AV. Kautz kommt an einigen Punkten zu anderen Schlüssen als ich und sieht in der alliierten Bombardierung Darmstadts durchaus ein kriegs­verkürzendes Moment.

Don't drink and drive, oder: Auto und Wein, das dröhnt voll rein! 

Eingangsbereich.
Eingangsbereich zur weinseligen Wilhelminenstraße.

Etwas verdutzt schaute ich mir am 3. Sepember 2010 auf dem Luisenplatz den Eingangs­bereich zum 29. Weinfest auf der Wilhelminen­straße an. Hatte doch dort der Sponsor des vergnüglichen Besaufens, ein lokales Autohaus, die Kreationen seiner Ausrüsterfirma aufgebaut. Passender läßt sich wohl kaum die ganze Verlogenheit einer Kampagne für einen vernünftigen Alkoholpegel im Straßen­verkehr auf den Punkt bringen. Einerseits sogenannte Aufklärung, andererseits das nackte Geschäft. Dicht und passend beieinander. Damit wir alle wissen, daß wir uns ruhig einmal einen hinter die Binde gießen dürfen. Machen ja alle so, nicht nur die Jugend, sondern erst recht das verantwortungs­bewußte gesetzte Bürgertum, ist gesellig und verdient zudem ein Grußwort des noch (bis 2011) amtierenden Oberbürger­meisters Walter Hoffmann. Und da auch noch das Wetter mitspielte, war die alkoholische Erlebniszone am Wochenende bis in die Nacht hinein sehr gut abgefüllt.

Die auf dem hier gezeigten Foto abgebildeten Personen, die ja nichts dafür können, meinem Blickwinkel auf Festbühne und Autoschau im Weg zu sitzen, haben selbst­verständlich keinen Bezug zum fröhlichen Treiben, sondern nutzten nur die Gunst der Stunde, sich hinzusetzen und sich eine nebenan angebotene Käse- oder Fisch­spezialität zu gönnen.

Am Samstagabend schauten kurz einige Jugendliche vorbei. Sie hatten kurz zuvor in der fast menschen­leeren Fußgänger­zone in Erinnerung an das Bombardement der Zivilbe­völkerung bei Kunduz vor einem Jahr demonstriert. Die Band am oberen Ende der Weinzone überließ einem der Jugendlichen das Mikrofon, um einen kurzen Redebeitrag hierzu durchzusagen – um hinzuzufügen: „Das muß auch einmal gesagt werden.“ Eine nette Geste, danke.

Lieber öko als sozial? 

Diese Frage stellte ich mir, nachdem ich zwei politische Initiativen miteinander verglich. Am 6. August 2010 blockierte ein fünfzig­köpfiger Flashmob der Initiative Ich kauf per Rad mitsamt Fahrrädern den Parkplatz des Rewe-Supermarktes in der Liebfrauen­straße, um für vernünftige Fahrrad­ständer zu demonstrieren. Zwölf Tage später mobilisierte die Gewerkschaft­liche Arbeitslosen­initiative Galida zu einer Kundgebung in der Ludwigstraße vor der Ökokette tegut gegen Lohndumping. Es erschien neben zwei Kamerateams ein Dutzend Männer und Frauen, die es überhaupt nicht witzig fanden, daß ein sich sozial gebender Kettenchef eine Zeitarbeits­firma mit dem Auffüllen der Ladenregale beauftragt hatte, um sich gleiche Löhne für alle Beschäftigten zu ersparen. Gerade einmal zwei, vielleicht drei Personen fanden sich zu beiden Aktionen ein.

Flashmob bei Rewe.
Flashmob auf dem Rewe-Kundenparkplatz.

In einem reichen Land wie der Bundes­republik Deutschland gibt es Luxusprobleme, die der Rest der Menschheit nicht hat. Fahrrad­ständer sind in weiten Teilen der Welt unbekannt. Hierzulande sind Exemplare, die eher als Felgenkiller zu bezeichnen sind, grauer Alltag an vielen Orten; und auch Rewe wollte hier nicht zurückstehen. Unterstützt wird die Initiative für ein fahrradfreund­licheres Einkaufen vom ADFC Darmstadt, vom BUND Darmstadt, den Grünen in Darmstadt und der IVDA, vermutlich Personen­gruppen, die eher bei tegut als bei Aldi einkaufen gehen können. Wenn nun eine andere Initiative wie die Galida das ökologische Mäntelchen als unsozial demaskiert, dann hat die alternativ angehauchte Ökofraktion ein Problem. Sie kann nicht mehr guten Gewissens im Laden der eigenen Wahl (und des zugehörigen Geldbeutels) einkaufen gehen. Um die Konsequenzen dieses Problems zu vermeiden, bietet es sich an, ganz einfach nicht zur Kundgebung zu erscheinen und der Solidarität mit den billig ausgebeuteten Beschäftigten aus dem Weg zu gehen. Nebenbei bemerkt: manchmal ist es ganz nützlich, einen fitten Betriebsrat zu haben. Beim real-Markt in der Escholl­brücker Straße beispiels­weise werden Leih­arbeiterinnen und Leiharbeiter derselben lohndumpigen Zeitarbeits­firma beschäftigt, aber zu einem Mindestlohn von siebenein­halb Euro (vgl. Artikel im Darmstädter Echo, online am 7. August 2010).

Gerade bei ökologisch angehauchten Betrieben, freien Berufen, Märkten und Initiativen ist es weit verbreitet, die Beschäftigten der guten Sache willen nicht ganz so gut zu bezahlen wie andernorts. Die hohe Identifikation der Beschäftigten mit dem eigenen ökologischen Produkt führt zu einer erhöhten Bereitschaft, die eine oder andere grüne Kröte zu schlucken. Auch Ökobetriebe arbeiten nach denselben kapitalistischen Prinzipien wie die ordinäre Konkurrenz. Auch und gerade hier wird jede Gelegenheit genutzt, die Arbeitskraft der Beschäftigten zum Wohle des eigenen Geldbeutels zu vernutzen. Das zuweilen anzutreffende Bonmot, Grüne und FDP unterschieden sich nur durch den Gelben Sack, kommt nicht von Ungefähr.

Allerdings ist zu berücksichtigen, daß bei einem Flashmob um 17.00 Uhr wohl mehr Menschen Zeit haben als bei einer Kundgebung um 11.00 Uhr. Deregulierte Arbeitszeiten erlauben spontane Aktionen eher abends als mittags. Zudem scheint die Galida nicht dieselbe offensive Öffentlichkeits­arbeit zu betreiben wie eine Initiative, der es weniger um die Beschäftigten, sondern um das unkomplizierte Einkaufen vor Ort geht. Festzu­halten ist auch, daß die Ökofraktion über ein weiter gefächertes Netzwerk verfügt als Erwerbslose, die sich aufgrund ihrer Lebens­bedingungen isoliert voneinander dem Streß von Argen, Zeitarbeits­firmen, Bewerbungs­trainings und sinnlosen Beschäftigungs­maßnahmen aussetzen müssen. Einem ökologischen Netzwerk mit immer stärkerer parlamen­tarischen Anbindung fällt es somit leichter, mit dem Strom zu schwimmen, als einer marginali­sierten Bewegung gegen denselben, weil sie sich gegen die unsozialen Folgen auch der grünen Politik wendet und wenden muß.

Heinerfest – Geselligkeit mit Spaßfaktor Alkohol 

Heinerfest.
Nachmittags, vor dem Ansturm der Massen.

Fünf Tage lang, vom 1. bis zum 5. Juli 2010, wird auf Darmstadts 60. Heinerfest zu allen möglichen Lustbarkeiten auch reichlich Brot in flüssiger Form verabreicht. Schon die alten Ägypter wußten den rauschfördernden Geselligkeits­faktor der Droge Bier zu schätzen. Das atomisierte Selbst, eingepreßt zwischen Kleinstfamilie, prekärer Arbeit oder Ellenbogen­studium, findet nur dann den Spaß am Leben zurück, wenn es mit Anderen (meist Männern) sinnloses Zeug herumgrölen kann. Dazu benötigt es eine sinnfrei befreite Zunge, was den Weg in die großen und kleinen Kneipen ebnet. Ein Heinerfest ist – neben den nachfolgenden unzähligen Stadtteil- oder Dorfkerben – der willkommene Anlaß, ohne Anstoß zu erregen die Sau herauslassen zu können. Das soll dann lustig sein. Kein Wunder, daß Alkohol als Droge hierzulande nicht verboten ist, denn ohne ein derartiges Ventil wäre der profitable Dauerarbeits­einsatz in einer Leistungsgesell­schaft ja auch nicht zu ertragen.

Am frühen Samstagnach­mittag des 3. Juli sieht das Hamelzelt samt vorgeschalteten Bänken, der inoffizielle Treffpunkt des mit Dumpfbacken­musik veredelten Geselligkeits­trinkens, noch reichlich leer aus. Das wird sich ändern, erst recht, nachdem Deutschlands Multi-Kulti-Nationalkicker ein uninspiriertes argentinisches Fußballteam einfach mal so aus dem Weltmeisterschafts­turnier geworfen haben. Wobei – es muß ja nicht das Hamelzelt sein, um einen Vorwand zu finden sich abzufüllen.

Um nicht mißverstanden zu werden: Ich predige nicht das Drogenverbot auch für alkoholische Getränke und will den Heinern ihr Fest auch nicht nehmen, selbst wenn diese Sorte fremdbe­stimmten Bespaßens alles andere als emanzipations­fördend wirkt. Ich weise hingegen auf die maßlose Bigotterie hin, wenn einerseits die sich auf dem Luisenplatz treffenden und zuweilen alkoholisiert herum­lungernden Punks als öffentliches, weil angeblich geschäfts­schädigendes Ärgernis hingestellt werden, aber andererseits das öffentliche Besäufnis dann Kultcharakter besitzt, wenn es die Kassen von Kleinkapita­listen zum Zweck der Hebung der öffentlichen Arbeitsmoral füllt. Zum Flair einer weltoffenen Stadt gehört eben das Spießertum der Massen und nicht das Nischen­spießertum einer alternativen Jugendkultur.

Zum Spaß des Spießertums gehört eine aufwendige Musikbe­schallung, möglichst mit abgedroschenen oder gar kindlichen Gemütsstücken, damit sich das Publikum so richtig regressiv in das auf Konsum getrimmte Vergnügen stürzen kann. Der Lärmteppich ist überwältigend, die kulinarischen Gerüche sollen zum Verweilen an den unzähligen Buden verführen. Hundert­tausende werden auch diesmal wieder dem Sog nicht widerstehen können. Unfreiwillig komisch wirkt es dann, wenn schon vor Beginn des Heinerfestes einzelne Beiwagen der Darmstädter Straßenbahn eine Fortsetzung der alkoholisiert geselligen Lustbarkeit auf dem Erbacher Wiesenmarkt zwei Wochen später versprechen.

»»  Siehe hierzu auch Jörg Dillmanns Gedanken zur Darmstädter Gefahrenabwehrverordnung.

Darmstadts Oberbürgermeister Walter Hoffmann sah schon im September 2006 dringenden Handlungsbedarf. Mehrere sogenannte „Sparkassen­parties“ erfreuten wenig später weder die Kundschaft noch die Stadtpolitik, obwohl hier nur einige gelangweilte Kids den traurigen Zustand einer neoliberal auf den Hund gekommenen Gesellschaft eindrucksvoll dokumentierten. Wenn die Kids dabei wenigstens ihren Spaß hatten, ist es ja gut.

Die Vuvuzela des deutschen Gemüts 

Public Viewing.
„Orgien! Wir wollen Orgien!“ – Darmstadt gegen Ghana.

Am 23. Juni 2010 fand es statt, das deutsche Schicksals­spiel gegen die Elitefußballer aus Ghana. Nachdem Miroslav Klose fünf Tage zuvor keine Lust mehr hatte mitzukicken, die deutsche Abwehr milchbuben­haft ein serbisches Tor ermöglicht und Lukas Podolski zu allem Überfluß auch noch seinen Elfmeter versemmelt hatte, also die deutsche Millionärself alles tat, um vorzeitig aus dem Weltmeisterschafts­turnier auszuscheiden, stand die Party am Rande des Abgrunds. Nicht auszudenken, womit sich das deutsche Kollektiv bespaßt, wenn ihr imaginiertes Selbst die Showbühne verläßt.

„Come Together“ – auf den Fanmeilen trifft sich das atomisierte Völkchen, das sich im Alltag mit Hilfe künstlicher virtueller Netzwerke sozial assoziiert, dafür jedoch mehr und mehr außerstande ist, im wirklichen Leben empathisch miteinander zu kommunizieren, sich auszutauschen, sich gegen die Zumutungen zu organisieren. Fünftausend Atome auf dem Marktplatz bilden eine kritische Masse – und gehen anschließend wieder auseinander, um auf das nächste kollektive Event zu warten: Schloßgraben­fest, Weltmeister­schaft, Heinerfest, die diversen Besäufnis­kerben. Musik ist ein tragender Bestandteil dieser Kultur, denn diese immer wieder gleiche künstliche Soße ist der klebrige Zusammen­halt fragmentierter Lebenslagen. Ohne Musik wäre nicht nur die Stille, sondern auch das eigene Leben unerträglich. Das Opium des Volkes in post­modernen Zeiten eben.

Deutschland – es gibt keine Klassen mehr, sondern nur noch ein Fankollektiv. Die Armen und Ausgebeuteten, die in Schulen und Universitäten mit absurden Leistungsan­forderungen Drangsalierten lechzen danach, den Schulter­schluß mit den Reichen und Erfolgreichen zu vollziehen. Der Narzißmus, der sich hier Bahn bricht, ist jedoch verwundbar. Und weil er verwundbar ist, muß das Spektakel „Sommermärchen“ wie ein Ritual zwanghaft immer wieder aufs Neue reinszeniert werden. Die Merkels und Westerwelles und erst recht deren Auftraggeber in Banken und Konzernen werden es diesen Fans danken. Während die soziale Demontage auf höherer Stufenleiter durchge­peitscht wird, gehen die jetzt oder zukünftig Betroffenen auf die Straße. Nicht um dagegen, sondern um dafür zu demonstrieren. Wo es den (zumindest den mittels Hartz IV Ausgegrenzten) am Brot fehlt, funktionieren wenigestens die Spiele.

Anschließend versteckt sich das deutschselige Kollektiv in der Tunnelröhre unter der Wilhelminen­straße, um seinen Frust über die deutschen Verhältnisse in lautstark gegrölten Versen kraftmeierisch loszulassen: „So sind Sieger lalalalala …“

Ja, Sieger über sich selbst. „Wir“ haben zwar nichts vollbracht, außer auf dem Marktplatz dumm herumzustehen und bei passender Gelegenheit gemeinsam orgiastisch zu stöhnen und zu schreien, aber nachher will jede und jeder ein Stück von dem ihnen vorenthaltenen Kuchen abbekommen. Also imaginiert sich der Wahn als Siegesgesang. Man und frau will teilhaben am Reichtum und Erfolg der Herrschenden und inszeniert ein virtuelles Schauspiel – kollektiver Dummheit.

Und gegen so viel Dummheit helfen keine Argumente. Doch vielleicht heißt es bald schon – frei nach den Fehlfarben – Deutschland, Deutschland, alles ist vorbei. Wie sagt der Franz so schön? „Schaun mer mal.“

Selbstbestimmter Wohnraum statt kommerzielle Mietskasernen 

Besetzes Haus.
Hausansicht Adelungstraße.

In der Nacht vom 2. zum 3. Juni 2010 drangen einige Jugendliche und nicht mehr ganz so Jugendliche in ein leerstehendes Gebäude an der Ecke Neckarstraße / Adelungstraße ein. Leerstehender Wohnraum ist in Darmstadt häufiger anzutreffen, denn nicht das Bedürfnis nach einer kostengünstigen Unterkunft steht im Kapitalismus im Vordergrund, sondern das Interesse an einer rendite­orientierten Vermarktung. Das Gebäude Neckarstraße 5 gehörte bis vor kurzem der Telekom und wurde an einen privaten Investor verkauft. Dieser hat vor, insgesamt 38 Eigentums­wohnungen in diesem herunterge­kommenen Gebäude und einem noch an der Front zur Neckarstraße zu errichtenden Anbau zu erstellen, von der Ein-Zimmer-Atomisierungs-Zelle bis hin zur Kleinfamilien­idylle. Eine Baugenehmi­gung ist noch nicht erteilt.

Nachdem es sich herausgestellt hatte, daß das Gebäude nicht mehr der Telekom, sondern diesem Investor gehört, verließen die Besetzerinnen und Besetzer am Donnerstagnach­mittag das Haus. Beim Verlassen führte die Darmstädter Polizei eine Datenerhebung zur Aktualisierung ihrer politischen Datenbank durch, obwohl der Hausbesitzer ausdrücklich keinen Strafantrag stellen wollte.

Weitere Informationen zur Hausbesetzung finden sich auf der Webseite der Besetzerinnen und Besetzer, auf der Zwitscherseite dieser Gruppe und in einem Artikel von Birgit Femppel im Darmstädter Echo am 4. Juni 2010.

Das auf der Besetzungs-Webseite vorgestellte sozialpoli­tische Programm klingt ambitioniert; und so dürfen wir gespannt sein, was dieser Gruppe als nächstes einfällt.

Feinstaub Aktionsplan Darmstadt 

Automobilausstellung.
Parkplatz Wilhelminenstraße.

Jahr für Jahr findet in Darmstadts Fußgängerzone eine Automobilausstellung statt. Früher – aber das ist schon lange her – gab es sogar einmal Proteste dagegen. Damals gab es eine kleine Anti-AKW-Aktionsgruppe, die Darmstädter StadtpiratInnen. Mal veranstaltete sie eine Beach-Party an der Ecke Elisabethen­straße / Wilhelminen­straße, um das klimafeindliche Standortmarke­ting der lokalen Autohändler vorzuführen, denn Darmstadt läge beim Anstieg der Meeresspiegel eines Tages am Rande der atlantischen Nordsee. Mal trillerten sie zur Eröffnungsan­sprache des damaligen Oberbürger­meisters Peter Benz. Und manchmal verteilten sie – so zur 20. Ausgabe der Automobil­ausstellung 1998 – auch einfach nur ein Flugblatt, das deutlich gegen den automobilen Wahn Stellung bezog. Aber das war früher. Heute sind Feinstäube in aller Munde.

Die Darmstädter Innenstadt zählt zu den von Feinstaub am meisten belasteten Städten Deutschlands. Hektischer Aktionismus wechselt sich hier ab mit Debatten darüber, ob die Meßgeräte nur am falschen Ort stehen. Das Ausmaß dieser Feinstauberei kann auf der Webseite des Vereins Innovative Verkehrssysteme Darmstadt nachgelesen werden. Eines ist jedoch gewiß: Jahr für Jahr fördert die lokale Wirtschaft im Einvernehmen mit der lokalen Politik das Emissions­geschäft. Heutzutage verpackt man, seltener frau, das unter Umweltgesichts­punkten, und bietet seine Dreckschleudern als moderne, trendige Vehikel an. Den Gedanken, Verkehr zu vermeiden, oder, so er denn nötig ist, als öffentlichen Verkehr mit Nulltarif zu gestalten, finden wir hier vergebens. Das wäre ja auch geschäftsschädigend.

So fungiert die Automobilausstellung als Venusfalle technik­begeisterter Männer.

Und so dürfen wir im Mai 2011 auch zur 33. Ausstellung mit einer weiteren Ausgabe feinstaub­produzierender Karossen rechnen. Wie dieses Jahr werden Fahrräder als, mitunter recht teure, Alternative auch nächste Jahr in irgendeine Ecke abgedrängt werden. Teuer sind auch die Lifestyle-Spielzeuge der Firma Segway, die dieses Jahr ganz am oberen Ende der Ausstellung Werbung in eigener Sache betrieben. Die Akkus, mit denen die Segways betrieben werden, beziehen ihren Strom aus der Steckdose, die im Zweifelsfall mit einem Kohlekraft­werk oder einem AKW verbunden ist. Für Normalsterbliche sind derartige Spielzeuge unbezahlbar. By the way: Wo bleibt eigentlich Markus Lang mit seiner Feinstaub-Aktionsgruppe? Und würde Jochen Partsch, so er denn 2011 gewählt wird, als Darmstadts grüner Oberbürger­meister diesen Feinstaub-Aktionsplan canceln?


Diese Seite wurde zuletzt am 7. September 2010 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2010. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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