Wasserturm
Wasserturm des ehemaligen Bahnaus­besserungs­werks Darmstadt

Darmstadt

Fragmente eines Tagebuchs

Das ist etwas, was ich schon lange tun wollte. Ein eigener Darmstadt-Blog. Jetzt ist es doch kein Blog geworden, sondern eher eine Art fragmentarisches Tagebuch. Über Zustände und Mißstände, Aktionen und Reaktionen, Politik und Kultur einer südhessischen Provinzstadt. Unvollständig, dafür sarkastisch, unausgewogen, dafür kritisch. Ohne Kommentar­funktion und ohne RSS-Feed.


Inhaltsverzeichnis


Virtuelle Dummheit 

Das schlechthinnige Netzwerk virtueller (Selbst-) Gefälligkeiten, virtuellen Exhibitionismus und virtueller Freundschaften, die so beliebig sind wie eine neoliberale Propaganda­parole, hat sich etwas Neues ausgedacht. Aus den x-beliebigen „Gefällt mir“-Klicks, den ebenso beliebigen Kommentaren und anderen Gimmicks wird künstlich ein Kondensat errechnet, das die Interaktions­rate der vergangenen zwei Wochen anzeigen soll. Das Zauberwort dieser Form virtueller Kommunikation lautet „Unterhaltung“, wobei es vermutlich weniger auf gefällige Berieselung als auf Interaktion ankommt. Deshalb heißt es bei stark frequentierten Seiten mit viel Laber-Content: „x unterhalten sich“. Nun besitzt diese neue Schöpfung virtueller Dummheit eine doppelte Pointe.

Screenshot Facebook Seite.
Screenshot einer Facebook-Seite.

Zufälligerweise bin ich auf einer Darmstädter Facebook-Seite hierauf gestoßen. Der hiesige Synergia-Verlag, dessen Verlagsprogramm zwischen okkulten Engeln und (pseudo)wissen­schaftlicher Gesellschafts­kritik changiert, hat dieses Jahr ein Buch mit dem Titel „Darmstadt im Zwielicht seiner Randkulturen“ herausgebracht. Hierzu gibt es eine eigene Webseite und – weil Vernetzung „in“ ist – auch eine eigene Facebook­seite. Das Buch kenne ich nicht; wer mag, kann sich die Anpreisung im „Darmstädter Echo“ durchlesen. Bemerkenswerter hingegen fand ich den durch Facebook aggregierten Unterhaltungs­wert dieses Buchs. Er liegt bei „1“. Genauer gesagt, am 26. Oktober 2011 „gefiel dies“ 134 Personen und „1 unterhalten sich darüber“. Und das finde ich nun ein starkes Stück.

Eine Unterhaltung, die von einer einzigen Person bestritten wird, läßt sich allenfalls als introvertiertes Zwiegespräch mit sich selbst bezeichnen. Den Borderline-Aspekt, mal in die eine, mal in die andere Rolle zu schlüpfen, verfolge ich hier nicht weiter, obwohl diese ganze Facebookerei womöglich auch darauf beruht. Wenn die Unterhaltungs­künstlerinnen und Propagandisten aus dem Zuckerberg-Imperium derlei Firlefanz als Kommunikations­surrogat verkaufen und dann auch noch neoliberal gestylte Kids finden, die darauf abfahren, dann ist dies bedenklich genug. Wenn die Program­miererinnen oder Programmierer aus der technischen Trickkiste selbigen Imperiums jedoch zu blöd sind, den als unwahr­scheinlich imaginierten Fall abzufangen, wenn keine und niemand oder gerade einmal eine einzige Person mit sich selbst schwadroniert, dann beweist dies die Banalität und Beliebigkeit der gepuschten Inhalte. Sollten sich null Personen über den Inhalt einer Webseite „unterhalten“, dann wäre jede kluge Öffentlichkeits­abteilung gut beraten, diese Null auch durch Nichts darzustellen. Bei einer Person lautet der korrekte deutsche Term: „1 unterhält sich darüber“, was genau betrachtet so offenkundiger Unfug ist, daß er besser aus dem Blickwinkel derjenigen verschwindet, die aus unerfindlichen Gründen ausgerechnet eine derartige Langweiler­seite aufsuchen. Vielleicht soll diese Peinlichkeit aber auch nur die Erstellerinnen und Ersteller selbiger Facebook-Seite dazu animieren, schleunigst virtuellen Content zu generieren, damit Facebook insgesamt weiter aufgeplustert wird. Peinlichkeit als virtuelles Druckmittel, sozusagen.

Hier hat es nun den Facebookauftritt eines kleinen Verlages erwischt. Da kann er nichts dafür. Aber es belegt die Dummheit, die in virtuellen Projekten angelegt ist, bei denen die Menschen nicht mehr direkt miteinander reden, weil sie es vermutlich nicht mehr aushalten, sich „face-to-face“ dem Blick des/der Anderen auszusetzen. Da ist anonyme Kommunikation viel einfacher, deren Anonymität gut aufbereitet in den alles­fressenden Datenspeichern des Zuckerberg-Imperiums gehortet wird, um der profitablen Verwertung zugeführt zu werden. Denn virtuelle Kommunikation ist kein Selbstzweck, sondern ein Geschäft. Folgerichtig „unterhalten“ sich bei Facebook dann auch keine Personen, sondern – vermutlich – Automaten.

Auf ewigwährender Wanderschaft 

Jobcenter Darmstadt.
Die Außenfassade des Jobcenters Darmstadt.

Am letzten und durch eine Laune der Wettergötter auch noch wolkenfreien Septembertag erreichte mich Post von meiner Fallmanagerin beim hiesigen Jobcenter. Aufgrund der Dicke des Briefumschlags war beim Öffnen des Briefkastens schon klar, daß es sich nicht um ein Jobangebot handeln konnte, obwohl doch die Statistik­abteilung der Arbeitsagenturen am 29. September 2011 für Südhessen einen geradezu rekordverdächtigen Niedrigstand offiziell zugegebener Erwerbsloser verkündet hat. Nun bedarf es allerhand statistischer Tricks und wohlfeiler Blödsinnigkeiten, um vermelden zu dürfen, daß zuletzt vor 19 Jahren weniger Arbeitslose gemeldet waren. Immerhin ist die Presseabteilung der Statistik­verschönerungs­agentur ehrlich genug, verschämt anzumerken, daß sich seither die Erhebungs­grundlagen geändert hätten. Wohl wahr. So sind mit mit der Hartz IV-Bedürftigkeits­neuveranlagung insbesondere Frauen aus dem Fokus des Arbeitsmarktes verschwunden, weil sie aus dem Leistungsbezug ausgegrenzt wurden.

„Die meisten Stellenangebote kamen aus den Branchen Zeitarbeit, Handel, Gesundheits- und Sozialwesen sowie Verarbeitendes Gewerbe“, heißt es. Soll heißen: Der Niedriglohn­sektor mit Armutsfolgen boomt. Dennoch, so fährt der Bericht fort, verfestige „sich die Arbeits­losigkeit: Ältere Arbeitnehmer und Ausländer sind nach wie vor überdurch­schnittlich häufig ohne Job.“ Logisch, denn die müssen ja in speziell angebotenen „Fortbildungskursen“ Muscheln sammeln, obskure Töne von sich geben, sportliche Aktivitäten simulieren oder unter Anleitung von zwangsver­spaßten Hampelmännern (Animateuren) im Wasser sprichwörtlich strampeln, wie die ARD am 24. August 2011 in einem bemerkenswert satirisch-süffisanten Filmbeitrag zeigen konnte. Auch das Darmstädter Jobcenter war hier mit von der Partie. Ganz nebenbei: die „Aktivierung“ als Chorsänger habe ich dankend abgelehnt, und der ARD-Film bestärkt mich darin, daran wohlgetan zu haben. Solch ein Mumpitz!

Nun, es war also kein Jobangebot, das mich erreichte. Vielmehr hielt ich einen „Fragebogen zur Datenerhebung des Migrations­hintergrundes“ in der Hand, den ich ganz freiwillig bitte auch unausgefüllt zurücksenden möge. Was die Statistik­verschönerungs­truppe mit meinem leeren Fragebogen anfangen will, erschließt sich mir allerdings nicht. Dann lese ich das Mantra des Datenschutzes: „Alle Angaben werden geheim gehalten und ausschließlich für statistische Zwecke genutzt. Ihre Angaben werden nicht für Zwecke der Arbeitsvermittlung, der Leistungsgewährung oder für andere Verwaltungszwecke verwendet. […] Ihre Zeit hilft uns, sehr wichtige Aussagen über den Arbeitsmarkt zu treffen, die wiederum Ihnen und anderen Menschen helfen sollen, beispielsweise eine adäquate Beschäftigung zu finden.“

Das sehe ich sofort ein: Die Antwort auf die Frage, ob meine Mutter „außerhalb des heutigen Gebietes der Bundesrepublik Deutschland geboren“ ist, verbessert meine Chancen auf einem Arbeitsmarkt, der mich gar nicht haben will. Genial! Auf so etwas muß man und frau erst einmal kommen. Das ist genauso gut wie das Angebot eines lokalen Kampfsport­instituts, das mir in den Räumen des Darmstädter Jobcenters das Angebot macht, zu lernen, wie ich mich mit Alltagsgegen­ständen verteidigen kann. Ein solch unsittliches Angebot muß ich schon deshalb ablehnen, weil dann zu befürchten steht, daß ich von einer übereifrigen Polizistin erschossen werde. Obwohl, ich bin ja nicht schwarz wie Christy Schwundeck, die sich mit einem Alltags­gegenstand gegen die Zumutungen einer Arbeitslosen­bürokratie zu verteidigen suchte. Christy Schwundeck wurde am 19. Mai 2011 im Frankfurter Jobcenter erschossen. Auch eine elegante Methode, die Statistik zu verschlanken.

Die Fragerei zum Migrationshinter­grund verkennt die grundsätzliche Einsicht, daß alle Menschen dieser Erde Menschen mit Migrations­hintergrund sind, nachdem ihre Vorfahren vor einigen Millionen beschlossen haben, die Bäume zu verlassen, um in den Savannen Afrikas den aufrechten Gang zu erlernen. Es mag ja für Bürokraten, Statistikerinnen, Jobcenter, Politikerinnen und Manager nützlich sein, Menschen nach Geschlecht, Herkunft, Hautfarbe, Alter, „Behinderung“, Bildungs­horizont oder sonstiger Nützlichkeit ein- und auszusortieren, um den größtmöglichen Nutzen für profitables Ausbeuten herauszuholen. Einem derart absurden Zweck verweigere ich meine Mitarbeit, und meine Zeit ist mir für derartigen Blödsinn viel zu schade. Insofern erhält mein Jobcenter auch nicht das leere Formular zurückgesandt. Und sollten an dieser absurden Datenerhebung Arbeitsplätze hängen, dann empfehle ich den dort Beschäftigten, sich gesellschaftlich sinnvollere Beschäftigungen zu suchen.

Zwischenruf: Wenn ein Blogger unliebsame Wahrheiten ausplaudert

Der Darmstädter Blogger Jörg Heléne hatte am 30. August 2011 einen polemischen, aber durchaus treffenden Text zu einer Darmstädter Internetzeitung verfaßt, der den Getroffenen wohl schwer auf den Magen geschlagen ist. Sie schickten ihren Anwalt vor, um den Blogger zur Raison zu bringen. Da derartige Abmahn­aktionen ins Geld gehen können, zog es der Blogger vor, den Text von seiner Webseite zu entfernen. Dies sorgte in Darmstadts Parteien­landschaft für einigen Unmut, weshalb der Text beispielsweise hier als Dokument gespiegelt wurde. Die haarsträubende Begründung der Chefredakteurin der Internetzeitung, Angela Barany, gipfelt in der Behauptung:

„Es geht vielmehr darum, dass Herr Hélene den Verlags-Kollegen jüdischer Herkunft de facto unterstellt hat, sie würden bei einer tendenziell faschistoiden beziehungsweise faschistischen Bericht­erstattung mitwirken. Eine krankere, zynischere und böswilligere Form der Beleidigung ist schwer vorstellbar. Ähnlich verhält es sich mit dem Boykott-Aufruf des Bloggers Hélene. Bei Lichte betrachtet hat Herr Hélene 66 Jahre nach dem Ende der national­sozialistischen Gewalt-Herrschaft einen alten braunen Satz mit einem rötlichen Anstrich versehen: ‚Kauft nicht bei Juden.““

Nun hat Jörg Heléne genau dies nicht getan. Er hat eben nicht aufgerufen, bei Jüdinnen und Juden nicht zu kaufen, sondern er hat vorgeschlagen, ein irrelvantes Medium nicht mit Inhalt zu füttern:

„Ich würde mir wünschen, dass die Großkopferten der Stadt geschlossen aufhören würden, mit Heinertown zu sprechen. Nur dann würde man dort vielleicht kapieren, dass man so keinen Journalismus betreibt.“

Ich erlaube mir, hier zu wiederholen, was ich schon als Kommentar auf der Uffbasse-Webseite zu Angela Baranys merkwürdiger Interpretation zu sagen hatte:

„Man muß ja schon schwer aufpassen, mit wem man sich so in einem Boot wiederfindet: FDP, SPD. Egal – als von einem anderen Darmstädter Medium Zensur­betroffener mißbillige ich die Unterdrückung eines Textes, der scharf, aber gewiß nicht antisemitisch ist (eine dämliche Unterstellung). Und HT hat ja nun nachgewiesen, daß der Text von Jörg in seiner Schärfe voll berechtigt war.

Im übrigen sollte Frau Barany den Unterschied zwischen einem Nazi-Boykottaufruf, der an die soziale Existenz einer ganzen Bevölkerungs­gruppe geht, und der argumentativ vorgetragenen und vorgeschlagenen Option, ein irrelevantes Medium zu ignorieren, dem dennoch volle persönliche, finanzielle und soziale Handlungs­freiheit bleibt, kennen. Oder sie hat in Geschichte nicht aufgepaßt.“

Ich ergänze: Wer Antisemitismus als Vorwurf nutzt, um einen lokalen Blogger fertigzumachen, verkennt die Dimensionen und verharmlost den Genozid an Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, Russinnen und Polen …

Winken als werbendes Anbaggern 

Szene auf dem Luisenplatz.
Szene auf dem Luisenplatz. Die winkende Baggerfrau steht mit orangener Schürze mitten im Bild.

Daß in Darmstadt – wie in jeder Großstadt auch – Dutzende Männer und Frauen Passantinnen und Passanten ansprechen, um den einen oder anderen Euro zu erbetteln, kann als normal angesehen werden. Kapitalistische Lebens­verhältnisse sind kein Zuckerschlecken; und häufig ist es nicht zu entscheiden, ob es sich um Dropouts handelt, die das Überleben finanzieren, oder um das bewußte Ausnutzen einer Marktnische. Persönlich habe ich kein Problem mit dieser Art Geldaquise, vielleicht abgesehen von der damit verbundenen Erniedrigung.

Unerträglich penetrant finde ich hingegen die kommerziellen Geldeintreiber diverser Organisationen, die vorgeben, das Wohl der Menschheit oder wahlweise das von Tieren, Ökosystemen oder Kindern im Sinn zu haben. Diese kommerziellen Unterschriften­sammler haben nur ihre Quote vor Augen, also die Anzahl von neuen Opfern, die sie an ihre Auftraggeber weiterzureichen haben. Entsprechend aufdringlich ist ihr Auftreten.

Zunächst ist sie mir am Weißen Turm begegnet. Eine junge Frau, die voll sprühender (und aufgesetzter) Freude auf mich zugestürmt kam und die, als ich nicht reagierte, ihre Hände ausstreckte und vor mir den winkenden Hampelmann (naja, wohl eher die Hampelfrau) machte. Auf mein unwirsches Kopfschütteln hin beklagte sie sich: „Aber ich habe doch noch gar nichts gesagt!“ Wer weiß, vielleicht hätte sie mich wie andernorts ein Standbeschicker im Brustton der einschmeichelnden Überredung gefragt: „Sind Sie Tierfreund?“ Was glaubt ihr, wie ihnen die Klappe vor Entsetzen herunterfällt, wenn diese Suggestivfrage eindeutig verneint wird? Nun – die junge Dame schien gar nicht glücklich über die verpaßte Chance gewesen zu sein, mich mit irgendeinem Sprüchlein vollabern zu können.

In Havanna reicht hingegen ein angedeutes Kopfschütteln vollkommen aus, um den allgegenwärtigen Zigarren­verkäufern und Geldwechslern zu entgehen. Aber in Deutschland hat die Unverschämtheit ohnehin Methode, denn sie ist politikleitend und wirtschaftsfördernd.

Tage später treffe ich die junge Winkefrau wieder – es kann auch eine Kollegin gewesen sein. Neben einem Stand orange bekleideter Animateurinnen und Animateure (leider habe ich mir nicht notiert, für welche „wohltätige“ Organisation sie diesmal zugange waren) hüpfte sie herum und spähte ihre potentiellen Opfer aus. Und siehe da! Das Winken gehört zum aufgeplustert fröhlichen Habitus dazu, um diejenigen, die den unwirtlichen Ort des Verkehrschaos vor dem Konsumtempel möglichst schnell wieder verlassen wollen (nicht wegen der Punks, sondern wegen des kapitalistisch organisierten Unbehagens), abzufangen und mit ihren Werbesprüchen vollzudröhnen.

Die Ordnungspolizei des neuen Ordnungs­dezernenten Rafael Reißer wird hier sicherlich nicht vorstellig werden. Das Darmstädter Echo vermerkt am 20. Mai 2011, Reißer wolle „den Luisenplatz wieder allen Bevölkerungs­gruppen zurück­gewinnen“. Nun, die allgegenwärtigen Punks und Herumlungerer wird er allenfalls negativ im Sinn gehabt haben, stören sie doch das Wohlfühl­klime derjenigen, die von den geschäfte­machenden Winkefrauen angebaggert werden sollen. Schließlich gehört eine solche weiblich-rollendressierte Anmache zu einem erfolgreichen Geschäfts­abschluß. Ob sich die junge Frau mit ihrer Hampelmethode nicht blöd vorkommt? Wie redet sie mit ihren Freundinnen darüber? Erzählt sie diesen, wie viele Dummies sie mit ihrem Herumgewinke eingefangen hat? Welcher Zynismus, welche Selbstverarschung gehört eigentlich dazu, um so sein (ihr) Geld zu verdienen?

Die geplante Radfahrfalle 

Verengung an der Fuchsstraße.
Neue Wege für Arheilgen.

Gar nicht so neue Wege ging die Verkehrsplanung beim Ausbau der Straßenbahnlinie nach Arheilgen. Nachdem der Durchgangs­verkehr zum Leidwesen der Arheilger Geschäftswelt 1999 auf eine Umgehungs­straße verbannt worden war, konnte einige Jahre später das ambitionierte Straßenbahn­projekt Neue Wege für Arheilgen umgesetzt werden. Der Spaß wurde trotz eingeworbener Fördermittel erheblich teurer als gedacht; die Gesamtkosten stiegen von geplanten 27 Millionen auf rund 38,5 Millionen Euro. Vermutlich wäre das Projekt aufgrund eines zu geringen Kosten-Nutzen-Faktors nicht förderfähig gewesen, hätten die später ermittelten Zahlen von vornherein auf dem Tisch gelegen. Allerdings scheint die Kosten­steigerung nicht vollständig hausgemacht zu sein; eine Mehrwertsteuer­erhöhung trug ebenso dazu bei.

Zunächst wurde der eingleisige Streckenabschnitt zwischen der Wendeschleife Merck und der Endschleife in der Arheilger Hofgasse zweigleisig ausgebaut, was einem flüssigeren und häufigeren Betrieb zweifellos zugute kam. Alsdann wurde mit der Verlängerung der Strecke um drei Stationen an den Arheilger Nordrand begonnen. Im August 2011 soll dieser Streckenab­schnitt eröffnet werden.

Wie das bei Ortsdurch­fahrten so ist: der Raum ist für alle Verkehrsteil­nehmerinnen und -teilnehmer einfach nicht ausreichend. Also müssen irgendwo Kompromisse eingegangen werden. Selbstver­ständlich soll der rollende Verkehr auf vier Rädern möglichst wenig eingeschränkt werden, auch an ausreichende Parkflächen zur dekorativen Verschönerung des Dorfbildes ist zu denken. Diejenigen jedoch, die sich umweltfreundlich auf zwei Rädern durchs Leben strampeln, sind die ungeliebtesten Objekte einer derartigen Verkehrsplanung. Sie stören den Verkehrsfluß auf dem Straßenplanum, halten gar die verspätungs­anfällige Straßenbahn auf, und sie können auch nicht einfach direkt an Haustüren und Hofeinfahrten vorbei auf den Gehweg verbannt werden.

Die halbherzige Lösung sieht dann so aus, daß man (und vielleicht sitzt in der Planungs­abteilung auch eine Frau ?) hastig eine gestrichelte Linie auf den Asphalt auftragen läßt, um den Verkehrsraum pro forma abzugrenzen. Doch an den zumindest niederflurig gedachten Haltestellen fangen die Probleme erst wirklich an, wie hier an der Haltestelle Fuchsstraße stadteinwärts. Radfahrerinnen und Radfahrer haben nun folgende Wahl: a) sie schauen zurück, was der ungebremste Drang des miefigen Verkehrs hinter ihnen macht und holpern sturzgefährdet über die Schienenrille; b) sie quetschen sich zwischen Schiene und Bordstein und verhaken sich dabei; c) sie weichen auf den Gehweg aus und gefährden wahlweise die hier noch sitzende Person im Wartehäuschen oder die im selben Moment das Haus verlassenden Kinder, die natürlich, eben weil es Kinder sind, alles mögliche im Kopf haben, nur eben keine gezwungener­maßen verkehrsgefährdenden Radfahrer(innen). Die an der Fuchsstraße gefundene Lösung zeichnet sich durch gewollte Schlangenlinien­fahrt ganz besonders aus. Die offizielle Sprach­regelung für diesen bürokratischen Unfug lautet dreist so:

„Während der Planungsphase hat sich gezeigt, dass ein Radweg in beiden Richtungen bei der vorhandenen Straßenbreite und mit den gewünschten beidseitigen Parkplätzen im Ortskern nicht möglich ist. Als Kompromiss wurden in einigen Streckenab­schnitten so genannte Schutzstreifen für Radfahrer eingerichtet. Diese bieten Radfahrern die Möglichkeit, hier abgetrennt zum motorisierten Verkehr zu fahren. In den noch schmaleren Streckenab­schnitten, in denen kein Schutzstreifen oder Radweg angeboten werden konnte, kann unter Beachtung der nötigen Vorsicht (Anpassen an Fußgänger erforderlich), der Gehweg genutzt werden. Radfahrer die schnell fahren möchten, müssen zur Sicherheit aller Verkehrsteil­nehmer die Fahrbahn benutzen.“

Die Wortwahl verdeutlicht, daß Radfahrerinnen und Radfahrer gerade einmal geduldet sind. Sie – und nicht etwa der bevorzugte und erwünschte Verkehr – haben Rücksicht zu nehmen. Wenn sie schneller fahren wollen – was anderen Verkehrsteil­nehmenden umstandslos zugestanden wird –, müssen sie zur Sicherheit Anderer ihre eigene Sicherheit aufgeben. Hätte es auch andere Lösungen geben können? Natürlich. Verkehrsplanung dient jedoch einem bestimmten Zweck und ist demgemäß eingebettet in eine kapital­freundliche Rationalität. Und doch: Wer denkt sich eigentlich solch einen Unfug aus? Auf der Webseite der Interessenge­meinschaft Arheilger Bürger fand ich einen Argumentationsstrang, welcher der hier gewählten Lösung Hohn spricht:

„Da für Radfahrer in der Frankfurter Landstraße die Benutzung des Gehwegs nicht vorgeschrieben ist (Fußgängergebots­schild mit Zusatztafel ‚Fahrradfahrer frei‘), können zügig und schnell fahrende Radler auch die Straße benutzen. Sie benötigen dazu aber am Rande der Fahrbahn einen Fahrbahn­bereich mit ausreichendem Abstand zu den äußeren Straßenbahn­gleisen. Die HEAG bestand im Planungsbeirat lange auf einem Abstand zwischen den Gleisachsen von 3,50 Meter, so dass seitlich zwischen äußerer Schiene und Fahrbahnrand nur ein Streifen von 1,00 Meter verblieben wäre. Dieser wäre aber zu schmal und damit verkehrsge­fährdend für Radfahrer, und der Abstand zu seitlich parkenden Autos wäre zu gering. IGAB und ADFC haben sich mit Erfolg dafür eingesetzt, dass der Achsabstand nun 3,0 Meter betragen soll …“

Woran wir sehen: das Problem wurde erkannt und bewußt zuungunsten der Fahrradnutzung gelöst. Bleiben dann noch die bombastischen Masten und Niederflurbord­steine zu erwähnen, die gerade einmal fünf Meter lang sind. Waren diese fünf Meter das Mindestmaß, um diesen Unfug aus Landesmitteln gefördert zu erhalten? – Ganz nebenbei: ich bin ein Befürworter des Ausbaus des öffentlichen Nahverkehrs durch Straßenbahnen anstelle von Bussen. Aber nicht so.

Ganz normale Radfahrfreuden 

Vor der Ampel.
Typische Situation im Autoland.

Die Baustelle für ein weiteres Spielkasino an der Frankfurter Straße sorgt für eine gewisse Unübersicht­lichkeit. Ausbaden dürfen es Fußgängerinnen und Radfahrer als schwächste Gruppe der an dieser Stelle am fließenden, parkenden und vor allem gasgebenden Verkehrsge­schehen Teilnehmenden. Hier staut sich der Verkehr vor der roten Ampel am Martin-Luther-King-Ring. Selbstver­ständlich könnte der von rechts kommende Lastwagen eine Phase fließenden Verkehrs abwarten, anstatt den Fahrradstreifen zu blockieren. Aber weshalb sollte er (bzw. sein Fahrer)? Hier gilt das Recht des Stärkeren, zumal jede Sekunde bares Geld zählt. So quetscht man sich hemmungslos in den sobald anfahrenden Strom der großen Gefährte, um den eigenen Standortvorteil zu nutzen. Wie im richtigen Leben eben.

Übrigens: ich fange hier keine neue Grundsatz­diskussion darüber ein, welche Verkehrsteil­nehmerinnen und -teilnehmer sich am unverschämtesten ihren Platz nehmen. Denn das, was wir hier sehen, ist unverschämt genug; da bedarf es keiner Diskussion darüber, wer sich weniger oder mehr im Straßenverkehr herausnimmt.

Atomkraft gehört ins Museum 

Transparent.
Transparent an der TU Darmstadt.

Das ist nicht euer Ernst, oder? Sicher, ihr meint das nur metaphorisch. Aber mal kurz nachgedacht: wollt ihr noch jahrhunderte­lang ein staunendes Publikum verstrahlen? Eines, das in der Zukunft einfach nicht begreifen kann, wie blöd die Menschen (genauer: profitgeile Energiekonzerne) im 20. Jahrhundert waren, als sie saubere Energie mit Uranmüll, Strahlemeilern und undichten Endlager­stätten herzustellen glaubten. Das Museum, das euch da vorschwebt, müßte in einen monströsen Sarkophag verpackt werden. Meinetwegen könnten dabei die für diesen Müll Verantwortlichen gleich miteinbetoniert werden. Die finden das ja alles richtig, also sollen sie ruhig die Konsequenzen am eigenen Leib ertragen.

Macht euch lieber Gedanken darüber, wie wir diese absurde Welt übernehmen, um a) dieser tödlichen Idiotie ein Ende zu bereiten und b) Ideen zu entwickeln, wie wir diese Hinterlassen­schaften kapitalistischen Wahns möglichst gefahrlos einsammeln.

Tacke, Tacke, Knoten 

Tacke-Knoten.
Ein Knotenmonster für die Automonster.

Draußen vor den Toren der großen Stadt, dort, wo die Einkaufszentren blühen und die Autobahn ruft, haben die Verkehrsplaner der Stadt Darmstadt ein kleines Verkehrs­monster etabliert. Knapp acht Millionen Euro durften sie hier verbuddeln, um in Reichweite des Nadelöhrs unter den Eisenbahn­brücken über der Gräfen­häuser Straße zu zeigen, was heutzutage state of the art ist. Unter den Augen der im Turm lächelnden Smarties kommen hier vier Verkehrsadern und die Zufahrt eines Gewerbege­bietes zusammen und erwarten selbstredend, eine grüne Welle vorzufinden. Nun soll an dieser Stelle nicht auf die Bevorzugung des automobilen Wahns verwiesen werden, obschon sie offensichtlich ist. Während die großen oder kleinen Miefies im schlimmsten Fall zwei Ampelphasen ertragen müssen, um über die Kreuzung zu kommen, stellt sich die Angelegen­heit für die weniger Leistungs­starken sozial­darwinistisch ganz anders dar.

Zunächst einmal dürfen sie vor jedem Versuch, eine der Schlagadern des motorisierten Wahns zu überqueren, aufs Knöpfchen drücken. Und damit sie auch bemerken, daß sie hier vollkommen unerwünscht sind und allenfalls aufgrund einer heuchlerischen ökologischen Verkehrs­politik geduldet werden, dürfen sie im schlimmsten Fall fünf Mal ein grünes Lichtzeichen für sich ordern, um das Monster vollständig zu erfahren. Fünf Mal – drücken, fünf Mal warten, dann schnell hinüberhuschen, wieder das Knöpfchen drücken, wieder warten, usw.

Gewiß – Radfahrerinnen und Fußgänger sind in den Randbezirken der großen Stadt reine Exoten, die den ungehemmten Verkehrsfluß ungebührlich hemmen. Aber derart diskrepant erlebe ich selten eine autofreundliche Stadt, und das will so einiges heißen. Immerhin haben auch die Liebhaberinnen und Freunde des Gaspedals etwas von dieser Kreuzung: Nirgends, so die polizeiliche Verkehrs­statistik für 2010 [quelle], krache es so oft wie am Tacke-Knoten. Bei 39 registrierten Unfällen wurden 13 Menschen verletzt. Zu dichtes Auffahren als Unfallursache verweist auf den systemisch erwünschten aggressiven Drang nach vorne, Crashs beim Abbiegen auf die Über­forderung angesichts komplexer Situationen.

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer, dessen Lieblingsbe­schäftigung in der Reinhaltung der deutschen Sprache in seinem Amtsbereich besteht, plusterte sich am 8. April 2011 angesichts einer Dekra-Umfrage über die „Kampfradler“ auf [quelle]. Rücksichtslos machten sie von ihren Pedalen Gebrauch und störten so den Verkehrsfrieden. In derselben Umfrage stellte die Hälfte der Befragten eine Rücksichts­losigkeit der Automobilen fest. Das hat Ramsauer nicht gestört. Jeder Crash – so lehrt es uns die Wirtschafts­theorie – belebt die Konjunktur. Insofern haben Darmstadts Millionenver­buddler alles richtig gemacht.

»»  Siehe auch den Artikel von Sebastian Weissgerber Die größte Kreuzung der Stadt in der Frankfurter Rundschau (online) am 16. Dezember 2008.

»»  Das Darmstädter Echo spendierte dem Monster ein Bild in seiner Bildergalerie zur Nordostumgehung.

Einkaufsfreuden 

Der Mensch benötigt Nahrung zum Leben. Vor Tausenden von Jahren wurden Tundren und Savannen abgegrast, um Beeren zu pflücken und Hirsche mit Speeren zu erlegen. Heutzutage betritt der mitteleuropäische Mensch einfach einen Erlebnispark, genannt Supermarkt, bei dem ihm die bunte Warenwelt freundlich anzwinkert und die Quengelware zum Standardpro­gramm gehört. Fein abgepackt in Dosen, Tüten, Kartons und Flaschen wartet das Sortiment darauf, aus Tiefkühl­truhen, Regalen oder Theken herausge­nommen zu werden. Der mehr oder minder hektische Spaziergang durch die fein vorsortierten Warenschluchten endet gewöhnlich an der Kassenschlange, in der wir grob geschätzt einen kompletten Monat (oder auch zwei oder drei) unseres Lebens damit verbringen, ungeduldig nach vorne zu tippeln. Dann kommt der große Moment der Abrechnung, und seltsamerweise werden wir gefragt, ob wir denn auch unseren Kassenbon haben möchten. Handelt es sich um eine ökologisch motivierte Frage oder um eine das grüne Moment ausnutzende Methode, die nachträgliche Reklamation zu verhindern?

Bildzitat aus dem Rewe-Flyer. Ausgepreiste Ware. Kassenbon.
Collage: Sponsoring und diskrepante Preisgestaltung.

Die Deregulierung gewohnter Standards macht auch vor dem Supermarkt nicht halt. Gebinde können neuerdings in allen möglichen seltsamen Verpackungs­größen angeboten werden, was ungeahnte Möglichkeiten eröffnet, Preisvergleiche zu erschweren und mehr Inhalt als vorhanden zu suggerieren. Ohnehin ist es altbekannt, daß die doppelte Menge eines Produktes nicht etwa billiger, sondern teurer angeboten werden kann, wofür es gewiß eine marktwirtschaft­liche Logik gibt, auch wenn sie sich mir nicht erschließt. Ob die Lebensmittel, die uns angeboten werden, auch wirklich gesund sind, steht auf einem ganz anderen Blatt, das uns durch bewußt unverständliche Inhaltsde­klarationen auch nicht transparent vorgelegt wird.

Lassen wir die Frage beiseite, ob das Dioxin in den Eiern (wahlweise aus Käfigen entnommen, von Betonböden aufgehoben oder freilaufend glücklich) den Cholesterinspiegel erhöht, ob lighte Produkte eine Gesundheit vortäuschen, die durch chemische Aromencluster verstärkt werden, oder ob Schweine und Rinder ihrer Schlachtung genauso erfreut entgegenge­schaut haben wie das Milchtier aus Milliways, dem Restaurant am Ende des Universums, seiner opulenten Sezierung. Mitunter sind es die banalen Dinge, die wir nicht überprüfen, mit denen aber findige Betreiber ihre Margen hochtreiben können. Selbst unterstellt, hier liege keine Absicht vor, ist es ein Geschäft.

Und so betrat ich eines Januarnach­mittags einen Supermarkt inmitten des Darmstädter Luisencenters und gewahrte als erstes eine Ansammlung von Schlangen. Da ich die Ungeduld der kauflustig Bespaßten erahnen kann, ist von vornherein klar, daß eine Reklamation an der Kasse nur Unmut schürt. Aber ich wußte ja noch nicht, was geschehen würde. Da ich mich nicht unbedingt auf dem Gesundheitstrip von Krankenkassen und anderen Ernährungs­experten befinde, lockte mich ein Glas deutschen Corned Beefs. Selbiges, so verriet das Schild, solle einen Euro und neunundvierzig Cent für schlappe 200 Gramm kosten. In Erwartung einer gewissen Zeitverschwen­dung tigerte ich nach Erledigung einiger anderer Einkäufe zur Kassenschlange, um fünf Minuten später einen Bon in der Hand zu halten, auf dem selbiges Corned Beef um stolze 50% teurer, nämlich mit zwei Euro fünfund­zwanzig abgerechnet wurde. (Ehe mich Rewe wegen falscher Angaben verklagt: es sind sogar etwas mehr als 50%.)

Jetzt hätte ich natürlich einen Riesenaufstand an der Kasse machen können, doch ich beschloß, den Marktleiter zu suchen. Eine freundliche Beschäftigte nahm sich, von mir angesprochen, des Problems an und führte ihren Elektronenscanner an die noch im Regal stehenden Gläser dieses deutschen Corned Beefs. Irgendwann einmal scheint selbiges zum günstigeren Preis angeboten worden zu sein, doch Wochen später war ein anderer festgelegt wurden, nur hatte dies keine und niemand der Kundschaft verraten, die seither mit einem Aufschlag von 50%+ abgezockt wurde.

Nehmen wir einfach einmal an, daß seit Anbringen des Preisschilds am 26. November 2010 nur einhundert Gläser zum höheren Preis verkauft wurden (vermutlich waren es mehr), dann hat diese Filiale allein aufgrund von eigener Unachtsamkeit und mangelnder Überprüfung häufig nicht ausgegebener Kassenbons in diesem Fall sechsund­siebzig Euro zusätzlich erwirtschaftet. Dann fällt es natürlich leichter, im Herbst 2010 den großen Wohltäter der Tafeln mit der Rewe-Tafel-Tüte zu spielen [Pressemitteilung], wobei mir der tiefere Sinn des in dieser Tüte enthaltenen Spaghetti-Fertiggerichts nicht so recht einleuchtet.

»»  Zur Problematik der Tafelbewegung siehe (und höre) den Vortrag von Stefan Selke am 28. Oktober 2010 in Darmstadt.

Schadenzauber 

Feuerwerk. Luisenstraße. Luisenplatz. Bankfiliale. Ernst Ludwig Platz. Schloß. Schloß mit Weihnachtsbaum und Scherben. Einsame Flasche im Schnee. Müll vor Darmstadts schöner Stube, dem Darmstadtium. Vor dem Kongreßhotel. Herrngarten. Johannesplatz.
The Day After. Graue Tristesse einer typischen südhessischen Provinzstadt.

Jedes Jahr hat ein Ende, und damit wir das auch bemerken, wird Krach geschlagen. Die bösen Geister des Jahres werden vertrieben in der Hoffnung, daß alles besser werden möge. Gemeinsam, so meint die Sachwalterin deutscher Kapitalinteressen in ihrer Neujahrsansprache, hätten wir enormes geleistet. Wer ist „wir“? Und wer profitiert hiervon? Das allgemeine Herumsalbadern über den Rückgang der Arbeitslosig­keit mag ja einen bösen Geist überzeugen, aber schön gestylte Statistiken sind das eine und die Realität das andere. Der neuerliche Aufschwung kommt auch weiterhin nicht unten an, und das ist kein Systemfehler. Wobei anzumerken ist, daß es durchaus eine breite Schicht im oberen Segment gibt, die von der allgemeinen Umverteilung des Reichtums von unten nach oben profitiert und die mittels ihrer Medien auch die Deutungshoheit in diesem Land besitzt. Anderthalb bis zwei Millionen Menschen in Millionärs­haushalten werden unterstützt von einer breiten Schicht gutsituierter Postachtundsechziger(innen).

Derweil wurden auch diesmal wieder mehr als 100 Millionen Euro verballert, verpulvert und verfeuert. Das ist gut für die Konjunktur und schlecht für die Ökobilanz. Ausgelassene Parties mit viel Dumpfbacken­musik verbreiteten nicht nur eine alkoholselige Stimmung, sondern auch Scherben, Gestank und Müll. Ich überlege mir schon einmal, ob ich mir für das nächste Silvestergeballer ein Konto einrichte, auf das alternativ zum verpulverten Geld eingezahlt werden kann. Also ehrlich – ich dachte, das Anzünden von Geldscheinen sei nur unter besonders snobistischen Neureichen verbreitet.

Wer den Müll dann wegräumen darf, ist klar. Dafür gibt es ja die Müllabfuhr. Die Frage ist nur, ob die bösen Geister durch den alljährlich geradezu zwangs­neurotisch ritualisiert durchgeführten Schadenzauber tatsächlich vertrieben werden. Natürlich wirkt Schadenzauber nicht. Aber er verschafft ein wenig Luft, gaukelt Optimismus und gute Wünsche vor, die ebenso ritualisiert abgenudelt werden wie beim liebevollen Verschenken hastig zusammenge­kaufter beliebiger Weihnachtspräsente.

Die Aktion 3. Welt Saar hat sich gegen den Aufruf Brot statt Böller gewandt: „Zum Wesen des Menschen gehört in allen Kulturen das Feiern, der Rausch, die Verausgabung – für manche eben auch die Freude am Sylvesterfeuer­werk. Dies sollte respektiert werden.“ Doch wer von Lustfeind­lichkeit redet, muß auch über Lust reden. Welche Lust bereitet ein Ritual, das alljährlich kommt und wieder geht? Kommt die Lust am Feiern, wenn mir Ereignis, Termin und Ausgestaltung sozusagen formular­gerecht diktiert werden? Eine emanzipatorische linke Weltsicht ohne Askese und mit Freude, Lust und Glück sieht anders aus.

Darmstadt am Morgen danach. Grau. Deprimierend. Eintönig. Mit dreckigen Schneematsch­resten und den Hinterlassen­schaften einer Balla Balla-Welt. Solange die Menschen in diesem Land nur einmal im Jahr nachts auf die Straße gehen, um böse Geister zu vertreiben, lenken sie sich von den wirklich bösen Geistern ab und sind auf im Jahr 2011 empfänglich für weitere Streichorgien, Entlassungen, Zumutungen, Schikanen und politische Scharaden. Und glauben tags darauf jeden Humbug, der ihnen vorgesetzt wird, und machen dabei auch noch freiwillig mit. Wetten, daß die Böllerfraktion die Mehrheit in der neuen Stadtverordnetenver­sammlung und zudem den Oberbürger­meister stellt?

P.S.: Ich will hier keineswegs einem deutschen Sauberkeits­fanatismus frönen, ebensowenig über eine Jugend herziehen, die ihren Dreck überall liegenläßt, weil: Mami EAD räumt ja schon auf. Denn erstens sind die Jugendlichen, die in der Silvesternacht dumm herumknallen, was das Zeug hält, oftmals gar nicht so jung. Manchmal sind es anständige Familienväter, die ihren Sprößlingen schon von früh auf zeigen, wie diese Erde mit noch mehr sinnlosem Krach zugemüllt werden kann. Insbesondere handelt es sich hierbei um diejenigen, die sich über jedes Graffito aufregen, das die Grauheit der Städte verpixelt. Und zweitens reproduzieren die Jungen nur das, was die verantwort­lichen älteren Damen und Herren (nun gut, meist Herren) tagtäglich in ihrer Sorge um die Profite von Banken, Industrie- und Handwerks­betrieben, sowie Infrastruktur­unternehmen in die Luft blasen, im Meer verklappen, ins Grundwasser versenken oder in Lebensmittel verpanschen. Und da die Jungen gut aufgepaßt haben und den meisten von ihnen durch die harte Schule der Elternhäuser, Schulen, Ausbildungs­betriebe und Universitäten jegliche Kritik an diesen Zuständen ausgebleut worden ist, machen sie nichts anderes als das, was gesellschaft­licher Normalzustand ist. Die Idiotie findet nicht (nur) auf den Bohrinseln von BP und anderen schmierigen Konzernen statt, sondern direkt vor unserer Haustüre.

P.P.S.: Die allseits als Prügelknaben beliebten Hartzies können es ja nicht gewesen sein, denn die Lohndumper dieser Republik haben derlei im Hartz IV-Regelsatz nicht berücksichtigt. Vielleicht sieht Leif Blum das anders, und er muß es als Experte für eingebildete Organisierte Hartz IV-Kriminalität ja wissen.

Nachtrag : Anstatt den mülligen Schadenzauber anzuprangern (das wäre aber wegen der vielen Werbebei­lagen zu Silvester geschäfts­schädigend), sucht sich das Darmstädter Echo lieber eine sozial anders auffällige Männergruppe heraus. Ob es nur die Obdachlosen dieser Stadt sein mögen, sei dahingestellt. Daß die Westseite des Kollegiengebäudes am Luisenplatz Geruch von chemisch umgewandelten Urin verströmt, ist hingegen ein jahrezehnte­altes Phänomen. Umso bemerkens­werter, daß Echo-Redakteur Klaus Honold zu Beginn des neuen Jahres eine randständige Gruppe als Symbol gesellschaft­licher Verlotterung herausgreift. Dabei ist die Lösung des Pinkelproblems ganz einfach nur ein architektonisches. Man nehme die ohnehin dort überflüssige Stolperfalle vor dem Darmstadtium und plaziere sie dorthin, wo sie benötigt wird, und schließe sie an Brauchwasser­zufuhr und Kanalisation an. Ganz abgesehen davon: Wild herumpinkelnde Männer sind kein Phänomen alkoholisierter Penner, Herr Honold! Wir finden sie in jedem brauchbaren Gebüsch, beim Schloßgraben­fest oder am Zaun jedes größeren Fußballstadions. Haufenweise.

Den Tunnelblick einüben 

Zugeparkt.
Tunnelblick zwischen Mauern, Pflaster und Autos.

Wie erleben Dreijährige ihre Welt? Was prägt sie? Gestern nachmittag sah ich wieder einmal eine Gruppe Kinder in Zweierreihen durch die Landwehr­straße tigern. Eingekeilt zwischen Autoblech, Grundstücks­mauern und mit Gittern versperrten Toreinfahrten erkundeten sie eine Welt, die einfach nur depressiv macht. Früh übt sich, wer sich später einmal brummend und hupend den öffentlichen Raum nimmt. Der Tunnelblick eines oder einer Dreijährigen wandelt sich zum gewollten Tunnelblick des homo oeconomicus, der seinen Vorteil darin sieht, nicht nach rechts und links zu schauen, sondern Gas zu geben.

Anstatt fröhlich lachender Kinder auf einer einladenden Nebenstraße sehen wir hier die Abweisung jeglicher Selbstbe­stimmung. Die Welt darf nur in Zweierreihen erkundet werden, weil für andere Lebensent­würfe schon rein optisch (und physikalisch) kein Platz ist. Die hier erzeugten Frustrationen wandeln sich zu einer späteren, gesellschaft­lich durchaus erwünschten, Identifikation mit dem Aggressor und zur Aggression gegen andere Dritte. Derlei mentale Disposition ist biegsam und formbar und führt zu Allesschluckern, die wiederum die nächste Generation mit ihrem eigenen Tunnelblick sozialisieren und schikanieren.

Mit geradezu feinsinniger Ironie nahm die Bundes­zentrale für gesundheitliche Aufklärung den notorischen Zwang zum permanenten Gas Geben auf die Schippe. Nun finde ich zwar, daß die Kids von heute nicht unbedingt mit dem Schreck­gespenst Aids kirre gemacht werden müßten, um zu lernen, daß Kondome auch zur Verhütung ganz tauglich sind. Aber vielleicht haben sich die Sozial­psychologen und Sozial­politikerinnen gedacht, daß Verhütungs­mittel auf dem Index der Katholischen Kirche stehen, denn: „Der Gebrauch von Kondomen verstößt gegen die Moral.“ Jaja, die Katholische Kirche und ihre Moral. Also, ich finde ja, wir sollten die Papst­fraktion nicht wegen ihrer Moral schelten, paßt sie doch prima zu einer Gesellschaft, in der Lug und Trug zu Hause sind. Wer auf die verklemmte Sexual­moral der Katholischen Kirche schimpft und die heimlichen Sexspiel­chen ihrer Priester­schaft geißelt, verkennt, daß derlei verklemmte Gestalten prima Mitmacher und Jasager abgeben.

Für nicht minder wahrschein­lich halte ich es, daß Sozialfuzzis und Katholische Kirche Angst für ein probates Mittel halten, Menschen ihre unbefangene Lust beim Ausprobieren zu nehmen. Nichtsdesto­trotz finde ich das Plakat witzig und gelungen, auch wenn mir die Utensilien etwas arg künstlich drapiert scheinen.

Frieden tötet nicht 

Transparent.
Gesehen am 5. September 2010 vor dem Schloß.

Vermutlich ein Relikt der Demonstration am Abend zuvor ist das Transparent, das passend zur selbstmitleidigen Beschwörung der Brandnacht vom September 1944 über eine der zwischen Friedensplatz und Weißem Turm aufgestellten Tafeln gestülpt wurde. Sofern „Frieden“ nicht als eine humanitär-imperialistische Neusprech­vokabel benutzt ist, sondern mehr meint als nur Abwesenheit von Krieg, so wird das so stimmen: „Frieden tötet nicht.“ Solange dieser Frieden jedoch Teil einer kapitalistischen Ausbeutungs- und Leistungs­gesellschaft bleibt, geht das Töten auch ohne Waffen weiter. Rund zehn Millionen Kinder verhungern jedes Jahr oder sterben aufgrund fehlender Medikamente, obwohl genügend Lebensmittel und Arzneimittel verfügbar sind. Die herrschende Klasse weltweit benötigt jedoch keine Hungerleider. Sie sind erstens nicht profitabel, also muß auch nichts in sie investiert werden. Und sie könnten zweitens auf die dumme Idee kommen, die Verhältnisse zu stürzen, die aus ihnen Hungerleider gemacht haben. Da ist es schon besser, ganz still und heimlich auch ohne Waffen zu töten. Das ist der Zynismus des Marktes, seiner Nutznießer und Apologeten.

Bei der Demonstration am Abend zuvor wurde der Opfer des von deutscher Seite aus veranlaßten Bombenangriffs bei Kunduz gedacht, bei dem – nach unterschiedlichen Zählungen – zwischen 90 und 150 Zivilistinnen und Zivilisten getötet wurden.

»»  Zur Darmstädter Brandnacht siehe das Manuskript zu meiner Sendung Von Brandnächten und Verantwortlichkeiten bei Radio Darmstadt am 13. September 2004. Anstrengend zu lesen, aber mit interessanten Gedankengängen versehen ist das Buch »Weh der Lüge! Sie befreiet nicht …« von Fred Kautz, 2008 erschienen in der Edition AV. Kautz kommt an einigen Punkten zu anderen Schlüssen als ich und sieht in der alliierten Bombardierung Darmstadts durchaus ein kriegs­verkürzendes Moment.

Don't drink and drive, oder: Auto und Wein, das dröhnt voll rein! 

Eingangsbereich.
Eingangsbereich zur weinseligen Wilhelminenstraße.

Etwas verdutzt schaute ich mir am 3. Sepember 2010 auf dem Luisenplatz den Eingangs­bereich zum 29. Weinfest auf der Wilhelminen­straße an. Hatte doch dort der Sponsor des vergnüglichen Besaufens, ein lokales Autohaus, die Kreationen seiner Ausrüsterfirma aufgebaut. Passender läßt sich wohl kaum die ganze Verlogenheit einer Kampagne für einen vernünftigen Alkoholpegel im Straßen­verkehr auf den Punkt bringen. Einerseits sogenannte Aufklärung, andererseits das nackte Geschäft. Dicht und passend beieinander. Damit wir alle wissen, daß wir uns ruhig einmal einen hinter die Binde gießen dürfen. Machen ja alle so, nicht nur die Jugend, sondern erst recht das verantwortungs­bewußte gesetzte Bürgertum, ist gesellig und verdient zudem ein Grußwort des noch (bis 2011) amtierenden Oberbürger­meisters Walter Hoffmann. Und da auch noch das Wetter mitspielte, war die alkoholische Erlebniszone am Wochenende bis in die Nacht hinein sehr gut abgefüllt.

Die auf dem hier gezeigten Foto abgebildeten Personen, die ja nichts dafür können, meinem Blickwinkel auf Festbühne und Autoschau im Weg zu sitzen, haben selbst­verständlich keinen Bezug zum fröhlichen Treiben, sondern nutzten nur die Gunst der Stunde, sich hinzusetzen und sich eine nebenan angebotene Käse- oder Fisch­spezialität zu gönnen.

Am Samstagabend schauten kurz einige Jugendliche vorbei. Sie hatten kurz zuvor in der fast menschen­leeren Fußgänger­zone in Erinnerung an das Bombardement der Zivilbe­völkerung bei Kunduz vor einem Jahr demonstriert. Die Band am oberen Ende der Weinzone überließ einem der Jugendlichen das Mikrofon, um einen kurzen Redebeitrag hierzu durchzusagen – um hinzuzufügen: „Das muß auch einmal gesagt werden.“ Eine nette Geste, danke.

Lieber öko als sozial? 

Diese Frage stellte ich mir, nachdem ich zwei politische Initiativen miteinander verglich. Am 6. August 2010 blockierte ein fünfzig­köpfiger Flashmob der Initiative Ich kauf per Rad mitsamt Fahrrädern den Parkplatz des Rewe-Supermarktes in der Liebfrauen­straße, um für vernünftige Fahrrad­ständer zu demonstrieren. Zwölf Tage später mobilisierte die Gewerkschaft­liche Arbeitslosen­initiative Galida zu einer Kundgebung in der Ludwigstraße vor der Ökokette tegut gegen Lohndumping. Es erschien neben zwei Kamerateams ein Dutzend Männer und Frauen, die es überhaupt nicht witzig fanden, daß ein sich sozial gebender Kettenchef eine Zeitarbeits­firma mit dem Auffüllen der Ladenregale beauftragt hatte, um sich gleiche Löhne für alle Beschäftigten zu ersparen. Gerade einmal zwei, vielleicht drei Personen fanden sich zu beiden Aktionen ein.

Flashmob bei Rewe.
Flashmob auf dem Rewe-Kundenparkplatz.

In einem reichen Land wie der Bundes­republik Deutschland gibt es Luxusprobleme, die der Rest der Menschheit nicht hat. Fahrrad­ständer sind in weiten Teilen der Welt unbekannt. Hierzulande sind Exemplare, die eher als Felgenkiller zu bezeichnen sind, grauer Alltag an vielen Orten; und auch Rewe wollte hier nicht zurückstehen. Unterstützt wird die Initiative für ein fahrradfreund­licheres Einkaufen vom ADFC Darmstadt, vom BUND Darmstadt, den Grünen in Darmstadt und der IVDA, vermutlich Personen­gruppen, die eher bei tegut als bei Aldi einkaufen gehen können. Wenn nun eine andere Initiative wie die Galida das ökologische Mäntelchen als unsozial demaskiert, dann hat die alternativ angehauchte Ökofraktion ein Problem. Sie kann nicht mehr guten Gewissens im Laden der eigenen Wahl (und des zugehörigen Geldbeutels) einkaufen gehen. Um die Konsequenzen dieses Problems zu vermeiden, bietet es sich an, ganz einfach nicht zur Kundgebung zu erscheinen und der Solidarität mit den billig ausgebeuteten Beschäftigten aus dem Weg zu gehen. Nebenbei bemerkt: manchmal ist es ganz nützlich, einen fitten Betriebsrat zu haben. Beim real-Markt in der Escholl­brücker Straße beispiels­weise werden Leih­arbeiterinnen und Leiharbeiter derselben lohndumpigen Zeitarbeits­firma beschäftigt, aber zu einem Mindestlohn von siebenein­halb Euro (vgl. Artikel im Darmstädter Echo, online am 7. August 2010).

Gerade bei ökologisch angehauchten Betrieben, freien Berufen, Märkten und Initiativen ist es weit verbreitet, die Beschäftigten der guten Sache willen nicht ganz so gut zu bezahlen wie andernorts. Die hohe Identifikation der Beschäftigten mit dem eigenen ökologischen Produkt führt zu einer erhöhten Bereitschaft, die eine oder andere grüne Kröte zu schlucken. Auch Ökobetriebe arbeiten nach denselben kapitalistischen Prinzipien wie die ordinäre Konkurrenz. Auch und gerade hier wird jede Gelegenheit genutzt, die Arbeitskraft der Beschäftigten zum Wohle des eigenen Geldbeutels zu vernutzen. Das zuweilen anzutreffende Bonmot, Grüne und FDP unterschieden sich nur durch den Gelben Sack, kommt nicht von Ungefähr.

Allerdings ist zu berücksichtigen, daß bei einem Flashmob um 17.00 Uhr wohl mehr Menschen Zeit haben als bei einer Kundgebung um 11.00 Uhr. Deregulierte Arbeitszeiten erlauben spontane Aktionen eher abends als mittags. Zudem scheint die Galida nicht dieselbe offensive Öffentlichkeits­arbeit zu betreiben wie eine Initiative, der es weniger um die Beschäftigten, sondern um das unkomplizierte Einkaufen vor Ort geht. Festzu­halten ist auch, daß die Ökofraktion über ein weiter gefächertes Netzwerk verfügt als Erwerbslose, die sich aufgrund ihrer Lebens­bedingungen isoliert voneinander dem Streß von Argen, Zeitarbeits­firmen, Bewerbungs­trainings und sinnlosen Beschäftigungs­maßnahmen aussetzen müssen. Einem ökologischen Netzwerk mit immer stärkerer parlamen­tarischen Anbindung fällt es somit leichter, mit dem Strom zu schwimmen, als einer marginali­sierten Bewegung gegen denselben, weil sie sich gegen die unsozialen Folgen auch der grünen Politik wendet und wenden muß.

Nachtrag, April 2011: Die Kommunalwahl am 27. März bestätigte mit erschreckender Offenheit diesen Trend. Während 32,9% der Wählenden bei der grünen Partei kumuliert und panaschiert bis zu 71 Kreuze hinterließen, war die einzige Partei, deren soziales Anliegen als soziales so halbwegs ernstzunehmen ist, nur zu 3,9% erfolgreich. In gewisser Weise spiegeln sich hier die Dimensionen der Anteilnahme bei Rewe und vor tegut wider.

Heinerfest – Geselligkeit mit Spaßfaktor Alkohol 

Heinerfest.
Nachmittags, vor dem Ansturm der Massen.

Fünf Tage lang, vom 1. bis zum 5. Juli 2010, wird auf Darmstadts 60. Heinerfest zu allen möglichen Lustbarkeiten auch reichlich Brot in flüssiger Form verabreicht. Schon die alten Ägypter wußten den rauschfördernden Geselligkeits­faktor der Droge Bier zu schätzen. Das atomisierte Selbst, eingepreßt zwischen Kleinstfamilie, prekärer Arbeit oder Ellenbogen­studium, findet nur dann den Spaß am Leben zurück, wenn es mit Anderen (meist Männern) sinnloses Zeug herumgrölen kann. Dazu benötigt es eine sinnfrei befreite Zunge, was den Weg in die großen und kleinen Kneipen ebnet. Ein Heinerfest ist – neben den nachfolgenden unzähligen Stadtteil- oder Dorfkerben – der willkommene Anlaß, ohne Anstoß zu erregen die Sau herauslassen zu können. Das soll dann lustig sein. Kein Wunder, daß Alkohol als Droge hierzulande nicht verboten ist, denn ohne ein derartiges Ventil wäre der profitable Dauerarbeits­einsatz in einer Leistungsgesell­schaft ja auch nicht zu ertragen.

Am frühen Samstagnach­mittag des 3. Juli sieht das Hamelzelt samt vorgeschalteten Bänken, der inoffizielle Treffpunkt des mit Dumpfbacken­musik veredelten Geselligkeits­trinkens, noch reichlich leer aus. Das wird sich ändern, erst recht, nachdem Deutschlands Multi-Kulti-Nationalkicker ein uninspiriertes argentinisches Fußballteam einfach mal so aus dem Weltmeisterschafts­turnier geworfen haben. Wobei – es muß ja nicht das Hamelzelt sein, um einen Vorwand zu finden sich abzufüllen.

Um nicht mißverstanden zu werden: Ich predige nicht das Drogenverbot auch für alkoholische Getränke und will den Heinern ihr Fest auch nicht nehmen, selbst wenn diese Sorte fremdbe­stimmten Bespaßens alles andere als emanzipations­fördend wirkt. Ich weise hingegen auf die maßlose Bigotterie hin, wenn einerseits die sich auf dem Luisenplatz treffenden und zuweilen alkoholisiert herum­lungernden Punks als öffentliches, weil angeblich geschäfts­schädigendes Ärgernis hingestellt werden, aber andererseits das öffentliche Besäufnis dann Kultcharakter besitzt, wenn es die Kassen von Kleinkapita­listen zum Zweck der Hebung der öffentlichen Arbeitsmoral füllt. Zum Flair einer weltoffenen Stadt gehört eben das Spießertum der Massen und nicht das Nischen­spießertum einer alternativen Jugendkultur.

Zum Spaß des Spießertums gehört eine aufwendige Musikbe­schallung, möglichst mit abgedroschenen oder gar kindlichen Gemütsstücken, damit sich das Publikum so richtig regressiv in das auf Konsum getrimmte Vergnügen stürzen kann. Der Lärmteppich ist überwältigend, die kulinarischen Gerüche sollen zum Verweilen an den unzähligen Buden verführen. Hundert­tausende werden auch diesmal wieder dem Sog nicht widerstehen können. Unfreiwillig komisch wirkt es dann, wenn schon vor Beginn des Heinerfestes einzelne Beiwagen der Darmstädter Straßenbahn eine Fortsetzung der alkoholisiert geselligen Lustbarkeit auf dem Erbacher Wiesenmarkt zwei Wochen später versprechen.

»»  Siehe hierzu auch Jörg Dillmanns Gedanken zur Darmstädter Gefahrenabwehrverordnung.

Darmstadts Oberbürgermeister Walter Hoffmann sah schon im September 2006 dringenden Handlungsbedarf. Mehrere sogenannte „Sparkassen­parties“ erfreuten wenig später weder die Kundschaft noch die Stadtpolitik, obwohl hier nur einige gelangweilte Kids den traurigen Zustand einer neoliberal auf den Hund gekommenen Gesellschaft eindrucksvoll dokumentierten. Wenn die Kids dabei wenigstens ihren Spaß hatten, ist es ja gut.

Die Vuvuzela des deutschen Gemüts 

Public Viewing.
„Orgien! Wir wollen Orgien!“ – Darmstadt gegen Ghana.

Am 23. Juni 2010 fand es statt, das deutsche Schicksals­spiel gegen die Elitefußballer aus Ghana. Nachdem Miroslav Klose fünf Tage zuvor keine Lust mehr hatte mitzukicken, die deutsche Abwehr milchbuben­haft ein serbisches Tor ermöglicht und Lukas Podolski zu allem Überfluß auch noch seinen Elfmeter versemmelt hatte, also die deutsche Millionärself alles tat, um vorzeitig aus dem Weltmeisterschafts­turnier auszuscheiden, stand die Party am Rande des Abgrunds. Nicht auszudenken, womit sich das deutsche Kollektiv bespaßt, wenn ihr imaginiertes Selbst die Showbühne verläßt.

„Come Together“ – auf den Fanmeilen trifft sich das atomisierte Völkchen, das sich im Alltag mit Hilfe künstlicher virtueller Netzwerke sozial assoziiert, dafür jedoch mehr und mehr außerstande ist, im wirklichen Leben empathisch miteinander zu kommunizieren, sich auszutauschen, sich gegen die Zumutungen zu organisieren. Fünftausend Atome auf dem Marktplatz bilden eine kritische Masse – und gehen anschließend wieder auseinander, um auf das nächste kollektive Event zu warten: Schloßgraben­fest, Weltmeister­schaft, Heinerfest, die diversen Besäufnis­kerben. Musik ist ein tragender Bestandteil dieser Kultur, denn diese immer wieder gleiche künstliche Soße ist der klebrige Zusammen­halt fragmentierter Lebenslagen. Ohne Musik wäre nicht nur die Stille, sondern auch das eigene Leben unerträglich. Das Opium des Volkes in post­modernen Zeiten eben.

Deutschland – es gibt keine Klassen mehr, sondern nur noch ein Fankollektiv. Die Armen und Ausgebeuteten, die in Schulen und Universitäten mit absurden Leistungsan­forderungen Drangsalierten lechzen danach, den Schulter­schluß mit den Reichen und Erfolgreichen zu vollziehen. Der Narzißmus, der sich hier Bahn bricht, ist jedoch verwundbar. Und weil er verwundbar ist, muß das Spektakel „Sommermärchen“ wie ein Ritual zwanghaft immer wieder aufs Neue reinszeniert werden. Die Merkels und Westerwelles und erst recht deren Auftraggeber in Banken und Konzernen werden es diesen Fans danken. Während die soziale Demontage auf höherer Stufenleiter durchge­peitscht wird, gehen die jetzt oder zukünftig Betroffenen auf die Straße. Nicht um dagegen, sondern um dafür zu demonstrieren. Wo es den (zumindest den mittels Hartz IV Ausgegrenzten) am Brot fehlt, funktionieren wenigestens die Spiele.

Anschließend versteckt sich das deutschselige Kollektiv in der Tunnelröhre unter der Wilhelminen­straße, um seinen Frust über die deutschen Verhältnisse in lautstark gegrölten Versen kraftmeierisch loszulassen: „So sind Sieger lalalalala …“

Ja, Sieger über sich selbst. „Wir“ haben zwar nichts vollbracht, außer auf dem Marktplatz dumm herumzustehen und bei passender Gelegenheit gemeinsam orgiastisch zu stöhnen und zu schreien, aber nachher will jede und jeder ein Stück von dem ihnen vorenthaltenen Kuchen abbekommen. Also imaginiert sich der Wahn als Siegesgesang. Man und frau will teilhaben am Reichtum und Erfolg der Herrschenden und inszeniert ein virtuelles Schauspiel – kollektiver Dummheit.

Und gegen so viel Dummheit helfen keine Argumente. Doch vielleicht heißt es bald schon – frei nach den Fehlfarben – Deutschland, Deutschland, alles ist vorbei. Wie sagt der Franz so schön? „Schaun mer mal.“

Selbstbestimmter Wohnraum statt kommerzielle Mietskasernen 

Besetzes Haus.
Hausansicht Adelungstraße.

In der Nacht vom 2. zum 3. Juni 2010 drangen einige Jugendliche und nicht mehr ganz so Jugendliche in ein leerstehendes Gebäude an der Ecke Neckarstraße / Adelungstraße ein. Leerstehender Wohnraum ist in Darmstadt häufiger anzutreffen, denn nicht das Bedürfnis nach einer kostengünstigen Unterkunft steht im Kapitalismus im Vordergrund, sondern das Interesse an einer rendite­orientierten Vermarktung. Das Gebäude Neckarstraße 5 gehörte bis vor kurzem der Telekom und wurde an einen privaten Investor verkauft. Dieser hat vor, insgesamt 38 Eigentums­wohnungen in diesem herunterge­kommenen Gebäude und einem noch an der Front zur Neckarstraße zu errichtenden Anbau zu erstellen, von der Ein-Zimmer-Atomisierungs-Zelle bis hin zur Kleinfamilien­idylle. Eine Baugenehmi­gung ist noch nicht erteilt.

Nachdem es sich herausgestellt hatte, daß das Gebäude nicht mehr der Telekom, sondern diesem Investor gehört, verließen die Besetzerinnen und Besetzer am Donnerstagnach­mittag das Haus. Beim Verlassen führte die Darmstädter Polizei eine Datenerhebung zur Aktualisierung ihrer politischen Datenbank durch, obwohl der Hausbesitzer ausdrücklich keinen Strafantrag stellen wollte.

Weitere Informationen zur Hausbesetzung finden sich auf der Webseite der Besetzerinnen und Besetzer, auf der Zwitscherseite dieser Gruppe und in einem Artikel von Birgit Femppel im Darmstädter Echo am 4. Juni 2010.

Das auf der Besetzungs-Webseite vorgestellte sozialpoli­tische Programm klingt ambitioniert; und so dürfen wir gespannt sein, was dieser Gruppe als nächstes einfällt.

Nachtrag : In der Nacht vom 24. zum 25. September 2010 wurde das in städtischem Besitz befindliche Haus in der Heidelberger Straße 148 besetzt.und anschließend von den schwarz verkleideten Bütteln der Staatsmacht auch wieder geräumt.

Feinstaub Aktionsplan Darmstadt 

Automobilausstellung.
Parkplatz Wilhelminenstraße.

Jahr für Jahr findet in Darmstadts Fußgängerzone eine Automobilausstellung statt. Früher – aber das ist schon lange her – gab es sogar einmal Proteste dagegen. Damals gab es eine kleine Anti-AKW-Aktionsgruppe, die Darmstädter StadtpiratInnen. Mal veranstaltete sie eine Beach-Party an der Ecke Elisabethen­straße / Wilhelminen­straße, um das klimafeindliche Standortmarke­ting der lokalen Autohändler vorzuführen, denn Darmstadt läge beim Anstieg der Meeresspiegel eines Tages am Rande der atlantischen Nordsee. Mal trillerten sie zur Eröffnungsan­sprache des damaligen Oberbürger­meisters Peter Benz. Und manchmal verteilten sie – so zur 20. Ausgabe der Automobil­ausstellung 1998 – auch einfach nur ein Flugblatt, das deutlich gegen den automobilen Wahn Stellung bezog. Aber das war früher. Heute sind Feinstäube in aller Munde.

Die Darmstädter Innenstadt zählt zu den von Feinstaub am meisten belasteten Städten Deutschlands. Hektischer Aktionismus wechselt sich hier ab mit Debatten darüber, ob die Meßgeräte nur am falschen Ort stehen. Das Ausmaß dieser Feinstauberei kann auf der Webseite des Vereins Innovative Verkehrssysteme Darmstadt nachgelesen werden. Eines ist jedoch gewiß: Jahr für Jahr fördert die lokale Wirtschaft im Einvernehmen mit der lokalen Politik das Emissions­geschäft. Heutzutage verpackt man, seltener frau, das unter Umweltgesichts­punkten, und bietet seine Dreckschleudern als moderne, trendige Vehikel an. Den Gedanken, Verkehr zu vermeiden, oder, so er denn nötig ist, als öffentlichen Verkehr mit Nulltarif zu gestalten, finden wir hier vergebens. Das wäre ja auch geschäftsschädigend.

So fungiert die Automobilausstellung als Venusfalle technik­begeisterter Männer.

Und so dürfen wir im Mai 2011 auch zur 33. Ausstellung mit einer weiteren Ausgabe feinstaub­produzierender Karossen rechnen. Wie dieses Jahr werden Fahrräder als, mitunter recht teure, Alternative auch nächste Jahr in irgendeine Ecke abgedrängt werden. Teuer sind auch die Lifestyle-Spielzeuge der Firma Segway, die dieses Jahr ganz am oberen Ende der Ausstellung Werbung in eigener Sache betrieben. Die Akkus, mit denen die Segways betrieben werden, beziehen ihren Strom aus der Steckdose, die im Zweifelsfall mit einem Kohlekraft­werk oder einem AKW verbunden ist. Für Normalsterbliche sind derartige Spielzeuge unbezahlbar. By the way: Wo bleibt eigentlich Markus Lang mit seiner Feinstaub-Aktionsgruppe? Und würde Jochen Partsch, so er denn 2011 gewählt wird, als Darmstadts grüner Oberbürger­meister diesen Feinstaub-Aktionsplan canceln?


Diese Seite wurde zuletzt am 26. Oktober 2011 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2010, 2011. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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