Geschichte

Menschenbilder

 

SENDEMANUSKRIPT

In der Sendung vom 14. September 1998 sprach ich über sexistische Ideologie, die als Wissenschaft verkauft wird und über die historische Menschwerdung des Menschen.

 

 

Sendung :

Geschichte

Menschenbilder

 

Redaktion und Moderation :

Walter Kuhl

 

gesendet auf :

Radio Darmstadt

 

Redaktion :

Alltag und Geschichte

 

gesendet am :

Montag, 14. September 1998, 17.00–17.55 Uhr

 

wiederholt am :

Dienstag, 15. September 1998, 08.00–08.55 Uhr
Dienstag, 15. September 1998, 14.00–14.55 Uhr

 
 

Besprochene und benutzte Bücher :

  • Andreas Paul : Von Affen und Menschen, Verhaltensbiologie der Primaten, Wissenschaftliche Buchgesellschaft
  • Ian Tattersall : Puzzle Menschwerdung, Spektrum Akademischer Verlag
  • Friedemann Schrenk : Die Frühzeit des Menschen, C. H. Beck
  • William H. Calvin : Der Schritt aus der Kälte, Hanser Verlag

 
 

URL dieser Seite : http://waltpolitik.powerbone.de/send199x/ge_mbild.htm

 

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung

Kapitel 2 : David Buss schreibt Stuss

Kapitel 3 : Alphamännchens Kampf ums Dasein

Kapitel 4 : Meine Gene sind fit

Kapitel 5 : Bizarre Wissenschaft

Kapitel 6 : Weiße Haut als Degenerationserscheinung

Kapitel 7 : Faustkeile helfen der Evolution

Kapitel 8 : Zum Schluß einige Schlüsse

Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

Heute gehe ich der Frage nach, wie die Menschen zu dem geworden sind, was sie heute sind. Worin unterscheiden sie sich von ihren menschlichen Vorfahren und worin von ihren nahen Verwandten, den Affen? Lassen sich aus Verhaltensstudien bei Affen Rückschlüsse auf ein ursprüngliches Verhalten des Menschen ziehen?

Ein Buch über unsere nächsten Verwandten, die Schimpansen, wird vom Verlag zum Beispiel mit den Worten vorgestellt: Von Schimpansen lernen, was es heißt, ein Mensch zu sein. Geht das überhaupt? Ich habe da meine Zweifel. Ich werde nämlich den Verdacht nicht los, daß unter dem Deckmantel verhaltensbiologischer Forschung ein Menschenbild vermittelt werden soll, das ich für wenig emanzipatorisch halte. Darum soll es im Verlauf der nächsten Stunde gehen. Am Mikrofon Walter Kuhl.

 

David Buss schreibt Stuss

Besprechung von : Andreas Paul – Von Affen und Menschen. Verhaltensbiologie der Primaten, Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1998, 315 Seiten, DM 68,00

Bei der Verhaltensbiologie dreht sich sehr viel um die Frage, warum Männer wie Männer und Frauen wie Frauen handeln. Irgendeinen Grund muß es doch dafür geben. Andreas Paul gibt in seinem Buch Von Affen und Menschen einen ausführlichen Einblick in die Materie. Anhand des Verhaltens verschiedener Affenarten versucht er darzulegen, welche dort erkannten Verhaltensmuster sich beim Menschen wiederfinden. Vielleicht erklärt sich ja dann so manches. Ich bin dabei auf folgendes gestoßen. Andreas Paul schreibt:

In der wohl berühmtesten Untersuchung über Partnerwahlkriterien beim Menschen ließ der amerikanische Psychologe David Buss zwischen 1984 und 1989 mehr als 10000 Menschen aus 33 Ländern und 37 Kulturkreisen rund um den Globus befragen, wie wichtig ihnen bei einem zukünftigen Ehepartner bzw. einer Ehepartnerin Merkmale wie Einkommen, Ehrgeiz, Aussehen, sexuelle Unberührtheit und Alter seien. […]
Daß Männer sehr viel mehr Wert auf gutes Aussehen ihrer Partnerin legen als umgekehrt Frauen bei den Männern, bestätigte sich in allen 37 Kulturen. Ebenso zeigte sich überall, daß Männer jüngere Frauen bevorzugten, Frauen dagegen ältere Partner […]. [1]
Das Ergebnis der Buss–Studie sind in dreierlei Hinsicht bedeutsam:
Aus evolutionsbiologischer Sicht nicht anders zu erwarten ist ebenfalls, daß Frauen Männer bevorzugen, die ihnen das bieten, was zur Aufzucht von Kindern notwendig ist: Sicherheit und materielle Ressourcen.
Ein Einwand liegt natürlich nahe […]: Wenn Männer überall auf der Welt die Ressourcen kontrollieren, braucht man keine biologische Theorie, um zu erklären, daß Frauen versuchen, auch etwas von dem Kuchen abzubekommen. Einspruch abgelehnt, sagt Buss: Auch wenn Frauen über Macht und Geld verfügen, wollen sie dennoch Männer, die mehr haben als sie selbst. Das ist biologisch vielleicht nicht mehr besonders sinnvoll, zeigt aber, daß wir es hier mit einem von den aktuellen Besitzverhältnissen unabhängigen, offenbar tief verankerten Verhaltensprogramm zu tun haben.  [2]

Soweit Andreas Paul zur Frage, nach welchen Kriterien sich Männer Frauen und Frauen sich Männer aussuchen. Das, was er da schreibt, ist natürlich hanebüchener Schwachsinn. Um diese (meine) Position zu begründen, muß ich allerdings einen kleinen Ausflug in den Sinn verschiedener Konzeptionen zur Erklärung menschlichen Verhaltens machen. Es geht um die Frage, ob die Gene oder die Umwelt menschliches Handeln bestimmen.

 

Alphamännchens Kampf ums Dasein

Im Grunde genommen gibt es zwei Theorien menschlichen Handelns: die eine geht davon aus, daß menschliches Verhalten fremdbestimmt ist und deshalb auch nicht oder nur wenig zu verändern. Für die einen sind es die Gene, für die anderen kosmische Energien. Das Ergebnis ist dasselbe: Menschen sind für ihr Handeln nicht mehr verantwortlich zu machen, da sie ja letztlich nichts dafür können, was auch immer sie machen. Deswegen geistert auch immer noch die Theorie herum, sexualisierte männliche Gewalt gegen Frauen sei etwas Triebhaftes und daher nicht zu steuern. Dabei ist es genau umgekehrt. Männer, die Frauen gegenüber Gewalt ausüben, tun dies bewußt. Es geht ihnen dabei um Macht, Besitz und Erniedrigung.

Im gesamtgesellschaftlichen Rahmen hat diese Theorie aber noch einen anderen Sinn. Wenn menschliches Verhalten als angeboren definiert wird, können konkrete Verhaltensweisen je nach Bedarf entschuldigt oder genutzt werden. Wenn Männern eine natürliche Aggressivität unterstellt wird, dann läßt sich dies im Krieg wie im Wirtschaftsleben nutzen. Und Männer müssen hierbei kein schlechtes Gewissen haben. Sie leben ja nur ihre Natur aus. Männer sind Schweine – und dürfen dies auch sein. [3]

Frauen hingegen wird eine andere natürliche Verhaltensweise nahegelegt: sie sind die sorgenden, hegenden und aufopferungsvollen Wesen. Sie halten Männern den Rücken frei, damit diese ihrer wahren Natur nachgehen können. Heutzutage trauen sich die Vertreter dieser Theorie nicht mehr so offen, dies so zu sagen. Aber der dahinter liegende Gedanke ist allseits präsent und wird nicht nur von Männern auch so vertreten. Gerade esoterische Strömungen greifen auf ein solches Gedankengut zurück. Als hätte es die Frauenbewegung seit den 60er Jahren nie gegeben. Heute ist es vielleicht ein wenig aufgeklärter. Aber Frauen sind auch heute in allen wichtigen Positionen dieser Gesellschaft absolut unterrepräsentiert. Frauen sind immer noch Objekt männlicher Phantasien und Gewaltvorstellungen. Werbung ohne Frauen als Köder und konsumierbares Objekt undenkbar. Das sagt doch alles.

Der andere Theoriestrang geht davon aus, daß zwar äußerliche Einflüsse menschliches Verhalten bestimmen, aber Menschen lernfähig sind und ihre Umwelt und damit auch sich selbst verändern können. Karl Marx hat dazu 1852 geschrieben:

Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen. [4]

Allerdings meint er dazu auch, daß diese vorgefundenen Umstände menschliches Handeln nur insoweit prägen, als diese Menschen auf dieser Grundlage für sich neue, bessere Lebensbedingungen schaffen können. Rosa Luxemburg hat deshalb denselben Gedanken umgedreht und auf die Füße gestellt. Sie schrieb dazu 1902:

Die Menschen machen die Geschichte nicht aus freien Stücken, aber sie machen sie selbst. [5]

Wir alle sind in dieser Gesellschaft groß geworden. Wir sind mit bestimmten Werten und Normen aufgewachsen. Wir haben in Familie, Schule, Universität, Beruf gelernt, mit den Anforderungen, die diese konkrete Gesellschaft an uns stellt, fertig zu werden. Oder eben auch nicht. Wieviele Menschen verzweifeln, weil sie die Anforderungen, die an sie gestellt werden, nicht erfüllen? Wieviele Kinder sind verhaltensgestört, von den Erwachsenen will ich gar nicht reden? Ich könnte ewig so fortfahren und komme zu dem Schluß, daß die Anforderungen der kapitalistischen Leistungsgesellschaft von der Evolution nicht vorgesehen worden sind. Anders ausgedrückt: der Mensch ist nicht für diese Gesellschaft gemacht.

Aber er soll sich ihr anpassen. Kinder lernen vom ersten Lebensjahr an, was es heißt, in dieser Gesellschaft schizophren zu sein. Sie bekommen beigebracht, daß sie sich rational und nützlich verhalten sollen, sittlich und moralisch korrekt. Und gleichzeitig bekommen sie jede Minute vorgelebt, wie diejenigen, die ihnen diese Werte vermitteln, permanent dagegen verstoßen. Was darauf folgt, sind verschiedenste Anpassungsleistungen. Anpassung an die wirklichen Werte nämlich: Geld und Macht. Alles andere zählt nicht. Selbst die vielzitierte Liebe ist letztlich nur eine Frage von Erobern und Besitzen.

Dennoch sind diese Werte nicht ewig während. Jugendliche rebellieren gegen diesen Anpassungsdruck, manchmal mit Gewalt, manchmal mit Apathie, manchmal mit Kiffen. Die Ausgebeuteten und Unterdrückten in aller Welt greifen zu den Waffen. Aber diese Zeiten sind vorbei. '68 ist zum Mythos verkommen. Heute gibt's nur eins: Globalisierung, Standort, der nackte Kampf ums Überleben. Wir müssen fit sein, für den Euro oder für den Wettbewerb. In den 60er und 70er Jahren war es kein Zufall, daß verhaltenspsychologische Theorien in der Mehrheit waren. Damals ging es tatsächlich auch um Befreiung aus diesen angeblichen Sachzwängen, in denen wir leben. Heute jedoch, wo keine Perspektive außerhalb der kapitalistischen Wirklichkeit mehr erkennbar ist, feiern totgeglaubte Konstrukte ihre Wiederauferstehung. Der Kampf ums Dasein wird wieder hervorgekramt, natürlich nicht so plump, sondern den heutigen bunten postmodernen Zeiten angepaßt. Verhaltensbiologie nennt sich das. Was angeblich bei Affen erforscht wurde, wird auf den Menschen übertragen. Dazu schreibt Elke Ostbomk–Fischer in der Zeitschrift beiträge zur feministischen theorie und praxis:

Welchem Zweck dient solche Forschung? […]
Voyeuristisch in der Szenenwahl und sensationslüstern in der Sprache greif(t) sie aus dem vielschichtigen Sozialverhalten der Primaten gerade nur die Sequenzen heraus, welche die Aggressivität und Dominanz des Affenmännchens illustrieren. Wie gebannt starren die männlichen Forscher auf den Affenmann, und sie projizieren auf ihn ihre mann–menschlichen Wünsche vom Haremshalter. Anderslautende Forschungsergebnisse werden ignoriert. […] Weniger aggressive Tierpopulationen werden nicht untersucht. […] Ist schon die Auswahl der Forschungsinhalte auffällig einseitig, so ist es erst recht die bedenkenlose Übertragung von tierischen Verhaltensweisen auf den Menschen. Vergleiche avancieren zur Gleichheit. Jahrzehntelange sozialwissenschaftliche Forschung über den Erwerb von weiblichen und männlichen Rollenstereotypen verleugnen die Forscher […]. [6]

Wie Andreas Paul das Problem angeht, werde ich gleich berichten.

 

Meine Gene sind fit

Es geht kein Weg daran vorbei: Es ist die genetische Fitnessmaximierung, die die Lebenswelt in ihrem Innersten zusammenhält. [7]

Buchcover Andreas Paul Von Affen und MenschenDas ist die zentrale Aussage in dem Buch von Andreas Paul »Von Affen und Menschen«. Allerdings darf frau oder man sich das nicht so vorstellen, daß Andreas Paul plumpe sozialdarwinistische Thesen von sich geben würde. Seine Argumentation ist im Gegenteil sehr differenziert und er bemüht sich, wenn auch letztlich ohne Erfolg, genau zu bestimmen, welche Forschungsergebnisse haltbar sind und welche nicht. Für ihn ist fitness nicht ein absoluter Wert, sondern das Verhalten (oder das Gen), das den konkreten Lebens- und Umweltbedingungen am besten angepaßt ist. Für mich ergibt sich dabei aber schnell die Parallele zur globalisierten Weltwirtschaft der 90er Jahre. Auch hier werden Therapien angeboten und gnadenlos durchgesetzt, die angeblich die fitness einer bestimmten Volkswirtschaft im weltweiten Konkurrenzkampf steigern sollen.

Das ist dann die Standortlogik der Herren Kohl, Westerwelle oder Schröder. Sie unterscheiden sich im Rezept, aber nicht in der dahinter stehenden Logik. Und das ist Verhaltensbiologie, auf den realen Kampf ums wirtschaftliche Dasein übertragen. Und dann bin ich vorsichtig, wenn ich ähnliche Theoriekonstrukte in sozialwissenschaftlichen Arbeiten vorfinde.

Dafür kann allerdings Andreas Paul nichts. Wofür er aber kann, ist die nahezu bedenkenlose Übernahme verschiedenster Forschungsergebnisse. Da werden grundsätzliche Annahmen nicht nur über das Verhalten von Affen gemacht, sondern diese auch noch auf den Menschen übertragen. Und das, obwohl die Datenbasis äußerst gering ist, wie selbst Andreas Paul zuweilen zugeben muß. Das Verhalten aller Primaten inclusive des Menschen auf der Grundlage einiger weniger erforschter und zum Teil nicht einmal vergleichbarer Affenpopulationen festzumachen, finde ich da schon fast wahnwitzig. Aber genau das ist es. Ich kann das nicht schätzen, aber ich denke, es wird von 0,01% aller bekannten Affenpopulationen auf den Rest der Menschheit geschlossen. Und das ist einfach absurd!

So verbreitet Andreas Paul die absurde Behauptung, an der Homosexualität (zumindest bei Männern) seien genetische Anlagen beteiligt. Homosexualität sei auch bei Affen nicht unüblich. Aber seine Begründung ist einfach klasse, die will ich nicht unterschlagen:

Der vergleichende Ansatz der Evolutionsbiologie könnte dennoch helfen, das Paradox der Homosexualität zu klären. Bei Tieren läßt sich eine sexuelle Orientierung natürlich nur aus deren Verhalten erschließen. Homosexuelles Verhalten ist, wie gesagt, bei nichtmenschlichen Primaten keineswegs unüblich. Aber eine ausschließliche oder auch nur bevorzugte Ausrichtung sexuellen Verhaltens auf gleichgeschlechtliche Partner hat man hier noch nicht beobachtet […] Das deutet darauf hin, daß Gene, die Homosexualität begünstigen, tatsächlich einer strengen Gegenselektion ausgesetzt sind. Dieses wiederum könnte zu der Spekulation verleiten, daß Homosexualität beim Menschen ironischerweise durch kulturelle Tabus, eine repressive Sexualmoral und sogenannte "Therapiemaßnahmen" nicht etwa eingedämmt, sondern ganz im Gegenteil gefördert worden sind: Homosexuelle Menschen mußten ihre Neigungen unterdrücken und haben die genetische Anlage über die Zeugung von Kindern in heterosexuellen Verbindungen weitergegeben! [8]

Diese Homos, einfach raffiniert …

Vielleicht sollten sich einige homophobe Mitglieder dieser Gesellschaft einmal vorstellen, daß sexuelle Vorlieben keine Frage der Gene, sondern eine von bewußt oder unbewußt herbeigeführten Entscheidungen sind. Was für ein Gedanke, nicht? Selbst entscheiden zu können … nicht auszudenken!

Ähnlich bedenkliche Konstrukte bietet uns Andreas Paul in der Erklärung von Aggression und dem Töten anderer Mitglieder einer Gesellschaft. Anstatt das Verhalten aus den sozialen und natürlich auch Umwelt-Gegebenheiten abzuleiten, versucht er, durch die Hintertür eine gleichsam naturgesetzliche Konstante einzuführen. Aggression ist einfach. Und das ist mir dann doch zu einfach. Aggression, Krieg, Raub und Gewalt – das ist erlernt. Vielleicht nicht immer bewußt. Aber Menschen haben ein Bewußtsein und sie können sich entscheiden! Andreas Paul zeigt sogar, daß sich selbst Schimpansen sehr bewußt für eine bestimmte Sozialstrategie entscheiden. Also nichts mit natürlichem Aggressionstrieb; das ist einfach Mumpitz!

Ich finde das Buch trotzdem interessant. Und zwar deswegen, weil es (richtig gelesen) anhand vieler Fallbeispiele zeigt, wie unkritisch das, was als Wissenschaft angeboten wird, zum Teil ist und auf welch minimaler Datenbasis sich hochspekulative Behauptungen bewegen. Das Buch von Andreas Paul, ich sagte es schon, heißt Von Affen und Menschen. Es ist dieses Jahr bei der Wissenschaftliche Buchgesellschaft in Darmstadt erschienen und kostet 68 Mark.

 

Bizarre Wissenschaft

Besprechung von : Ian Tattersall – Puzzle Menschwerdung, Spektrum Akademischer Verlag 1997, 356 Seiten, DM 48,00

Wie nun aus Affen Menschen geworden sind, das ist das Thema der sogenannten Paläoanthropologie. Vor vielen Millionen Jahren muß es gewesen sein, als sich im Osten Afrikas die ersten Menschen begegneten. Anthropologinnen und Anthropologen versuchen seit knapp zwei Jahrhunderten, aus ein paar Knochen und Zähnen die Evolution von kleinen affenähnlichen Gestalten hin zum sogenannten homo sapiens nachzuvollziehen.

Buchcover Ian Tattersall Puzzle MenschwerdungEs ist ein mühsames Geschäft. Ähnlich nämlich wie die Verhaltensbiologen haben sie das Problem, aus relativ wenig Material ein komplexes Bild zu rekonstruieren. Aber bis heute sind sich die Forscherinnen und Forscher nicht einmal einig, wie der Stammbaum des Menschen genau aussieht. Nicht einmal die Reihenfolge der aus den Knochen ermittelten aufeinanderfolgenden Menschenarten ist klar. Einige wenige behaupten sogar, daß der Neandertaler unser direkter Vorfahr sei, die Mehrheit sieht das jedoch anders. Und von den Neandertalern gibt es vergleichsweise viele Knochenfunde. Von einzelnen Arten der Zeit davor gibt es hingegen allenfalls Zähne und einzelne Knochen, mitunter nicht einmal ein komplettes Skelett.

Erschwerend kommt hinzu, daß die wenigen rekonstruierten Arten jeweils mehrere 100.000 Jahre existiert haben sollen. Mir ist dabei völlig unklar, auf welcher Datenbasis dann überhaupt eine Art von der anderen getrennt wird. Wenn ich die Menschen der Jetztzeit, alle derselben Art zugehörig, nehme und einmal annehme, in mehreren Millionen Jahren werden dann Archäologinnen und Archäologen unsere Knochen wieder ausbuddeln, wieviele Arten mögen diese dann daraus rekonstruieren?

Wenn ich die Bücher zum Thema lese und dabei mitbekomme, an welchen Kleinigkeiten die Entwicklung einer neuen Art festgemacht wird, dann frage ich mich, ob die Anthropologinnen und Anthropologen überhaupt genügend Material gefunden haben, um überhaupt sinnvolle Aussagen treffen zu können. Da gibt es mal Funde hier und mal Funde dort. Dazwischen können mehrere 100.000 Jahre liegen. Wieviele, ist unbekannt. Und was in den 100.000en von Jahren dazwischen passierte, ist noch unbekannter.

Bislang nahm man und frau an, daß die Menschheit im Osten Afrikas entstanden ist. Funde aus dem westlichen Teil Afrikas gab es nicht und so lag die Vermutung nahe, daß es dort lange keine Menschen gegeben hat. Das ist aber Unsinn. Erstens gibt es inzwischen einen Fundort im Tschad und zweitens ist das Auffinden von Fossilien eher eine Sache des Zufalls oder der natürlichen Gegebenheiten. Denn wo es keine Höhlen gibt, die Funde besser konservieren, können auch keine Funde gemacht werden, obwohl auch die frühen Menschen sicher am allerwenigsten in Höhlen gelebt haben. Schließlich leben ihre Nachfolger der menschlichen Seitenlinie, also die modernen Affen, auch nicht in Höhlen.

Ein schwieriges Thema. Noch bizarrer wird es dann, wenn einzelne Forscherinnen und Forscher aus dem wenigen Material Behauptungen über die Art und Weise, wie unsere menschlichen Vorfahren gelebt haben könnten, abzuleiten versuchen. Es ist zwar möglich, aus Abnutzungsspuren von Zähnen auf Ernährungsgewohnheiten zu schließen; ob daraus aber ein Schluß auf das damalige menschliche Sozialverhalten erlaubt ist, scheint mir dann doch fraglich. Ich halte das für Spekulation; zumal ich befürchte, daß derartige Schlüsse auf der Grundlage des heutigen Sozialverhaltens gezogen werden. Und ich glaube nicht, daß sich die in der Menschwerdung befindlichen Lebewesen vor 1, 2, 3 Millionen Jahren ähnlich wie die heutigen verhalten haben. Auch wenn Verhaltensbiologen, wie ich vorhin gesagt habe, Ähnlichkeiten im Verhalten von Affen und Menschen nahelegen.

Manchmal reicht auch ein aufgefundener Unterkiefer, um ein ganzes Gedankengebäude zu Fall zu bringen; dann wird aus einem Vorfahren des Menschen plötzlich ein Vorfahr einer heutigen Affenart. Und manchmal kommen Forscher sogar in Versuchung, einen Fund zu fälschen, um ihr Theoriegebäude zu untermauern.

Ian Tattersall hat in seinem Buch Puzzle Menschwerdung. Auf der Spur der menschlichen Evolution die Forschungsgeschichte der Entstehung des Menschen vorgelegt. Er beschreibt darin, wie seit dem 18. Jahrhundert fossile Funde interpretiert wurden und wie wissenschaftliche Erkenntnis gerade hier immer wieder neu als begrenzt angesehen werden muß. Sein Buch ist im Spektrum Akademischer Verlag erschienen und kostet 48 Mark.

 

Weiße Haut als Degenerationserscheinung

Besprechung von : Friedemann Schrenk – Die Frühzeit des Menschen. Der Weg zum Homo sapiens, Verlag C.H. Beck 1997, 128 Seiten, DM 14,80

Buchcover Friedemann Schrank Die Frühzeit des MenschenWir wissen heute, daß sich die Hominiden, also die Vorfahren des heutigen Menschen, vor etwa 6 Millionen Jahren von den Vorfahren der Menschenaffen, also Schimpansen oder Gorillas, getrennt haben. Den Beweis liefert die Molekulargenetik. Das Problem ist, es gibt hierzu keinen passenden Fund. Es ist sogar so, daß die ersten Hominiden – zumindest was die Funde angeht – plötzlich ans Licht der Welt gekommen sind. Das wirft noch einmal deutlich das Problem auf, wie zufällig und beschränkt die bisherigen Fossilienfunde sind. Friedemann Schrenk, Stellvertretender Direktor des Hessischen Landesmuseums in Darmstadt, weist daher auch zurecht darauf hin. Er sagt:

Fehlende Fossilien bedeuten nicht, daß entsprechende Lebewesen nicht vorhanden waren, sondern belegen oft nur, daß ihre Überreste seither nicht entdeckt wurden. [9]

Schrenk gibt in seinem Buch Die Frühzeit des Menschen einen knappen, aber dafür kenntnisreichen Abriß der Evolutionsgeschichte des Menschen. Leider kann auch er sich nicht ganz der Spekulation enthalten, wenn es darum geht, menschliches Verhalten in grauer Vorzeit zu beschreiben. Sein Buch ist im Verlag C.H. Beck erschienen und ist mit einem Preis 14 Mark 80 erfreulich günstig.

 

Faustkeile helfen der Evolution

Besprechung von : William H. Calvin – Der Schritt aus der Kälte. Klimakatastrophen und die Entwicklung der menschlichen Intelligenz, Hanser Verlag 1997, 320 Seiten, DM 49,80

Vieles ist damit aber nicht erklärt. Wie zum Beispiel ist aus einem kleinen Affengehirn die Größe des heutigen menschlichen Gehirns entstanden? Wie haben die Menschen nicht nur gelernt, ihre Umwelt zu begreifen und sich ihr anzupassen, sondern auch, sie und damit sich selbst zu verändern? Im Maßstab der Evolutionsgeschichte haben sich die Menschen ziemlich schnell verändert. Dafür muß es eine Erklärung geben.

Buchcover William Calvin Der Schritt aus der KälteEvolution ist kein geradliniger Prozeß, schon gar kein zielgerichteter. Neue Arten können sich in Nischen schnell entwickeln, aber sie sind auch anfällig, wenn sie auf eine bestimmte Nische angewiesen sind. Arten, die mit verschiedenen Lebensumständen klarkommen, haben bei sich schnell ändernden Bedingungen Vorteile. Diesen Gedanken macht sich William H. Calvin in seinem Buch Der Schritt aus der Kälte zunute. Er behauptet, daß es gerade die Eiszeiten und die damit verbundenen Klimaänderungen waren, die die menschliche Entwicklung in eine bestimmte Richtung steuerten.

Wofür brauchte der Mensch überhaupt ein größeres Gehirn? Calvin stellt einen Zusammenhang mit der Entwicklung von Faustkeilen und der Jagd her. Für ihn sind Faustkeile keine Werkzeuge gewesen, sondern Jagdinstrumente. Sie segeln nämlich so, daß sie mit der Spitze auftreffen. Der Witz sei jetzt der gewesen, daß es sich ursprünglich nicht um Präzisionswaffen gehandelt habe. Vielmehr hätte es ausgereicht, einfach in eine Herde zu werfen und irgendein Tier zu treffen. Je präziser jedoch der Wurf, desto besser die Ausbeute und damit auch evolutionär gesehen die Überlebenschancen. Und Präzision hat etwas mit der Größe und der internen Organisation des Gehirns zu tun. Calvin erklärt seinen Gedankengang ausführlicher, als ich es im Rest dieser Sendung könnte.

Das Faszinierende an seinem Buch ist, wie er versucht, Evolution nicht einseitig, also monokausal zu begründen. Evolution ist nicht einfach das Überleben der erfolgreichsten Arten, sondern eine Anreihung von Zufällen und Fortschritten, die sich unter bestimmten Umständen als nützlich erwiesen haben. Die größeren Gehirne der Menschen gegenüber denen der Affen haben sich aus bestimmten Umständen herausgebildet; vorhergeplant war das nicht. Es hat sich zufällig als nützlich erwiesen. Das heißt aber nicht, daß der Mensch das Ziel der Evolution war; in seinem Sozialverhalten ist der Mensch eher eine aussterbende Art. Das hat aber wiederum nichts mit der Natur, sondern nur mit ganz ordinärem Kapitalismus zu tun. Wer um des Profits willen alles zerstört, Menschen ausbeutet und wegwirft wie Zitronen, wenn sie ausgepreßt worden sind, darf sich nicht wundern, wenn jede Grundlage menschlichen Zusammenlebens und Sozialverhaltens mitzerstört wird. Und an dem Punkt sind wir heute.

Die Klimaveränderungen der Eiszeiten haben nach Calvins Meinung mit dazu beigetragen, daß die menschliche Evolution schneller vonstatten gegangen ist als unter normalen Bedingungen. Die Fähigkeit, überwintern zu können, war danach der große Anstoß zur Entwicklung von Werkzeugen, Intelligenz und Sprache.

Das Buch von William H. Calvin heißt Der Schritt aus der Kälte. Es ist im Hanser Verlag erschienen und kostet 49 Mark 80.

 

Zum Schluß einige Schlüsse

Jingle Alltag und Geschichte

Buchcover Susanne Kappeler Der Wille zur GewaltWas lernen wir daraus? Wir sind einfach zu wissenschaftsgläubig. Und wir glauben gerne das, was wir glauben möchten. Wird uns ein passendes Menschenbild angeboten, sind wir gerne bereit, es zu akzeptieren. Vieles klingt auch plausibel. Aber gerade im Bereich der Verhaltensforschung und der Evolution steckt der Teufel manchmal im Detail. Und dann stellt sich schnell heraus, daß die so plausiblen wissenschaftlichen Forschungsergebnisse mehr mit Wunschdenken als mit tatsächlichem Wissen zu tun haben. Ich hoffe, ich habe dies im Verlauf dieser Sendung deutlich machen können. Vieles von dem, was Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über die Entstehung des Menschen zu wissen behaupten, ist Projektion oder nur vermutet. Sicher ist aber eines: seriöse wissenschaftliche Forschung über Menschen, ihre Entstehung, ihr Verhalten und ihre Psychologie hat sehr viel mit dem zugrunde liegenden Menschenbild der Forscherinnen und Forscher zu tun.

Menschen sind keine Triebtäter. Mensch sein unterscheidet sich vom Verhalten anderer Lebewesen dadurch, daß Menschen selbstbestimmt handeln können. Ob sie es dann auch tun, ist mehr eine Frage der gesellschaftlichen Verhältnisse und wahrnehmbarer Möglichkeiten. Aber das entschuldigt nichts. Jeder Mensch ist für sein oder ihr Handeln auch selbst verantwortlich. Eine Entschuldung mit Verweis auf tierische Verhaltensmuster, Instinkte oder angebliche natürliche Eigenschaften lasse ich nicht gelten.

Ich möchte die heutige Sendung mit einem Zitat aus einem Buch von Susanne Kappeler beenden. Sie beschreibt darin, das ist auch der Titel des Buchs, den »Willen zur Gewalt«. Es ist das vielleicht spannendste Buch, das ich in den letzten Jahren gelesen habe. Susanne Kappeler räumt darin gründlich mit den Mythen angeblich natürlichen Verhaltens auf und sagt, worum es eigentlich geht:

Macht ist natürlich das eigentliche Thema, doch Theorie, Therapie und "Problemformulierung" gemeinsam tun das Ihre, dies zu verschleiern. Das bedeutet in erster Linie, die realen Machtverhältnisse nicht zu benennen, viel weniger noch sie zu analysieren und die Macht […] als Machtlosigkeit umzuformulieren, um sie um so besser zu legitimieren. Wo sich die Macht nicht ganz verbergen läßt, wird sie "naturalisiert". Wie patriarchale Soziobiologen und ihre Anhänger die sexuelle Gewalt der Männer durch (selektiven) Rückgriff auf eine angeblich "natürliche" Aggressivität in der männlichen Tierwelt zu legitimieren suchen, um damit Männer von ihrer Verantwortung zu entlasten, legitimieren die psychologischen Theorien die illegitimen Machtansprüche Erwachsener, ihre Lust an der Kontrolle über andere Menschen, mittels Rückgriff auf die angebliche Natur der Kleinstkinder. Nicht nur ist dieser Prozeß der "Naturalisierung" ein Mittel im Kampf um die Legitimation der Macht, er ist selber eine Ausübung von Macht in bezug auf die sogenannte Natur […]. [10]

Soweit Susanne Kappeler. Wissenschaft ist eben nicht wertfrei oder gar neutral. Wissenschaft und Forschung hat immer auch ein Interesse. Es kann ein emanzipatorisches, befreiendes sein; entsprechend wird auch das Bild vom Menschen sein. Es kann aber auch ein Interesse an der Aufrechterhaltung der hier vorhandenen gesellschaftlichen Verhältnisse sein; dann wird ein Menschenbild konstruiert, welches die Verantwortung für eigenes Handeln an eine anonyme Macht abgibt. In dieser Gesellschaft der organisierten Verantwortungslosigkeit, auch Kapitalismus genannt, ist das letztere Bild das vorherrschende. Meines ist ein anderes. Am Mikrofon heute war Walter Kuhl.

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Andreas Paul : Von Affen und Menschen, Seite 124–125.

[2]   Paul Seite 126–127.

[3]   Vom zweideutig–eindeutigen Umgang mit diesem Spruch lebt dann auch das bekannte Lied der Prinzen.

[4]   Marx–Engels–Werke, Band 8, Seite 115.

[5]   Rosa Luxemburg, Gesammelte Werke, Band 1, Teilband 2, Seite 155.

[6]   Elke Ostbomk–Fischer : Frauenverachtung als zentraler Bestandteil allgemeiner Bildung – Psychobiologie und Soziobiologie in der Bildung und Fortbildung am Beispiel Funkkolleg, in: beiträge zur feministischen theorie und praxis, Heft 43/44 (1996), Seite 177–183, Zitat auf Seite 181.

[7]   Paul Seite 130.

[8]   Paul Seite 99.

[9]   Friedemann Schrenk : Die Frühzeit des Menschen, Seite 42.

[10]   Susanne Kappeler : Der Wille zur Gewalt, Seite 118.

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 21. Juni 2006 aktualisiert.

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