Delphi
Delphi (1978)

Geschichte

Atlantis, Troja und Delphi

Sendemanuskript

 

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 15. Februar 1999, 17.00 bis 17.55 Uhr

Wiederholt:

Dienstag, 16. Februar 1999, 08.00 bis 08.55 Uhr
Dienstag, 16. Februar 1999, 14.00 bis 14.55 Uhr

Zusammenfassung:

Eberhard Zangger vermutet Atlantis in Troja, wo unter der Leitung von Manfred Korfmann eine beeindruckende Stadt ergraben wurde. In Delphi orakelte man und vor allem frau geschickt herum. Eine Stätte voller Funde ist ein Atlas zur Weltgeschichte.

Besprochene Bücher:

 


 

Inhaltsverzeichnis

 


 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

In der heutigen Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte geht es um Geschichte, hauptsächlich um antike Geschichte. Viele Mythen ranken sich um Atlantis, worauf ich im Juli letzten Jahres in einer zweistündigen Sendung ausführlich eingegangen war.

Damals vertrat ich den Standpunkt, daß Atlantis kein Mythos ist, sondern einen historischen Kern besitzt. Soweit, so denke ich, gibt es auch keine Veranlassung, diese Position zu überprüfen.

Der Geoarchäologe Eberhard Zangger stellt mit seinen Forschungen die weithin akzeptierte Gleichsetzung von Atlantis mit dem minoischen Kreta bzw. der ägäischen Insel Santorin (wie sie heute genannt wird) oder Thera (wie sie im antiken Griechenland hieß) in Frage.

Darüber werde ich im ersten Beitrag berichten. Da Zangger Atlantis mit Troja gleichsetzt, bietet es sich geradezu an, einen Rundgang durch den bislang ausgegrabenen Teil dieser antiken Stadt zu unternehmen. Dies werde ich in einem zweiten Beitrag tun.

Und wenn wir schon in der klassischen griechischen Welt sind, wechsle ich den Schauplatz und beschäftige mich mit einigen ideologischen Grundlagen des antiken Griechenland. Das Orakel von Delphi besaß damals eine herausragende Bedeutung. Worin diese bestand und wieviel davon bloßer ideologiebeladener Mythos war, das soll im Anschluß an den Rundgang durch Troja dargelegt werden.

Und zum Schluß werde ich mich mit einem historischen Weltatlas auseinandersetzen, über den ich mich teilweise ziemlich geärgert habe. Durch die heutige Sendung führt Walter Kuhl.

 

Atlantische Suche

Besprechung von : Eberhard Zangger – Die Zukunft der Vergangenheit. Archäologie im 21. Jahrhundert, Schneekluth Verlag 1998, 344 Seiten, DM 44,00

Die Gleichsetzung des von Platon in zweien seiner Schriften erwähnten Atlantis mit der ägäischen Insel Thera, die heute Santorin genannt wird, ist dem griechischen Archäologen Spyridon Marinatos geschuldet. Diesem fiel bei Ausgrabungen im nordkretischen Amnissós ein Fundament aus ursprünglich acht quaderförmigen Blöcken auf. Zwei dieser Blöcke fehlten, ein weiterer war leicht nach außen geneigt.

1932 glaubte Marinatos, daß die Ursache hierfür hierfür ein Erdbeben gewesen sein muß. Doch einige Jahre später, nachdem er sich ausgiebig mit dem Vulkanausbruch des im heutigen Indonesien gelegenen Krakatau beschäftigt hatte, blickte er gen Norden und sah auf den auch heute noch aktiven Vulkan der Santorin-Inselgruppe. Seine Theorie besagte, daß der mittlere Teil der Inselgruppe eingestürzt sei, nachdem der Vulkan sein Material in die Luft geschleudert habe. Durch den Einsturz sei eine riesige Flutwelle entstanden, die unter anderem in Amnissós verheerende Auswirkungen gehabt habe.

Marinatos ging aber noch einen Schritt weiter und erklärte, daß sowohl Vulkanausbruch wie die riesige Flutwelle für den Zusammenbruch der minoischen Kultur verantwortlich gewesen seien. Der Heidelberger Archäologe Jörg Schäfer, der in den 80er Jahren erneut in Amnissós grub,

konnte Marinatos' Schlußfolgerungen nur mit Mühe nachvollziehen, da letzterer sich als nachlässig in der wissenschaftlichen Bearbeitung seiner Funde erwies. Marinatos hatte weder die Ergebnisse seiner Ausgrabung veröffentlicht, noch genug Keramikobjekte aufbewahrt, um die Datierung der Siedlungshorizonte zu ermöglichen. Was den geneigten Steinquader betrifft, hält es Jörg Schäfer für »höchst unwahrscheinlich«, daß eine Welle seine ursprüngliche Stellung veränderte. Die darunterliegenden Siedlungsschichten sind völlig intakt, und auf der Innenseite des Gebäudes lagen sogar noch Reste des Wandverputzes mit einer farbenfrohen Bemalung unversehrt am Boden. Es ist praktisch unmöglich, daß Riesenwellen die beiden fehlenden Quader fortspülten, die Putzfragmente jedoch unbewegt ließen. Amnisos – das steht fest – fiel einer Feuersbrunst zum Opfer, ein Befund, der ebenfalls nicht ohne weiteres mit Zerstörung durch Unmengen von Wasser in Einklang zu bringen ist. [1]

Buchcover Eberhard Zangger "Die Zukunft der Vergangenheit"Der Geoarchäologe Eberhard Zangger ist diesem wie auch anderen Widersprüchen der Santorin-Theorie nachgegangen. Er kam zu dem Ergebnis, daß viele der liebgewonnenen archäologischen Argumente dafür, daß der Ausbruch des Thera-Vulkans für den Untergang der minoischen Kultur verantwortlich gewesen war, sich als unhaltbar herausstellten. Hinzu kommt, daß bis heute nicht einmal geklärt ist, wann dieser verheerende Vulkanausbruch stattgefunden haben soll. Von verschiedener Seite werden Datierungen zwischen dem 17. und dem 13. Jahrhundert genannt. Was aber war dann für den Untergang der minoischen Kultur verantwortlich? Erdbeben? Durch Erdbeben ausgelöste Feuersbrünste, wie von verschiedener Seite vermutet wurde? Eberhard Zangger bezweifelt dies. Er schreibt:

Vermutlich geht selbst die weitverbreitete Ansicht, daß Erdbeben in prähistorischer Zeit Feuersbrünste auslösen konnten, auf Arthur Evans zurück. Vor der massenhaften Verbreitung von Holzhäusern und Gaslampen um die Wende vom neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert hat man jedoch Erdbeben und Feuer nicht einmal in Gedanken miteinander in Verbindung gebracht. Der römische Schriftsteller und Naturforscher Plinius der Ältere schildert zwar die Wirkung von Erdbeben in seiner Naturgeschichte, erwähnt aber Feuer mit keinem Wort. Das gleiche gilt für Aristoteles, der eine ganze Abhandlung über Erdbeben schrieb. Bisher konnte weder anhand historischer, noch moderner oder experimenteller Beispiele nachgewiesen werden, daß brennende Öllampen überhaupt in der Lage wären, in einem einstürzenden Lehmziegelhaus einen Brand auszulösen. Wahrscheinlicher ist, daß der aufgewirbelte Staub jedes Feuer sofort erstickt. [2]

Zangger macht aber noch auf einen weiteren möglichen Denkfehler aufmerksam.

So verheerend die Zerstörung durch eine Naturkatastrophe auch sein kann, die Rahmenbedingungen für die Bevölkerung bleiben unverändert. Das Land ist weiterhin fruchtbar und das Meer reich an Nahrung. Der größte Teil der Bevölkerung überlebt, ihre Siedlungen liegen nach wie vor an geographisch günstigen Stellen, und die Handelsbeziehungen bleiben unberührt. Im Gegensatz zu Kriegen und Seuchen lassen sich Naturkatastrophen also offensichtlich leichter bewältigen, da das gesamte zerstörerische Potential mit einem Schlag freigegeben wird und danach ungehindert ein Wiederaufbau stattfinden kann. Die vielen hundert historisch belegten Erdbeben riefen daher auch fast immer die gleiche Reaktion bei den Überlebenden hervor: Die Toten wurden begraben, die Häuser wieder aufgebaut, und die Stadt existierte weiter. [3]

Es sind – so stellt Eberhard Zangger, wie ich denke: richtig, fest – eben nicht die Naturkatastrophen, die das menschliche Schicksal bestimmen; die Zerstörungen menschlicher Kultur sind immer hausgemacht.

Eberhard Zangger behandelt in seinem Buch mit dem Titel Die Zukunft der Vergangenheit jedoch mehr als nur die Widerlegung der Theorie, der Ausbruch des Thera-Vulkans habe die minoische Kultur zerstört. Sein Thema ist eigentlich die Archäologie im 21. Jahrhundert. Zanggers Anliegen besteht darin, darauf hinzuweisen, daß archäologische Forschung heutzutage und erst recht in der Zukunft nur noch interdisziplinär durchgeführt werden kann. Aber die materiellen Möglichkeiten eines Forschungsprojekts nutzen nichts, wenn die dahinterstehenden Prämissen antiquiert bleiben. Zangger schreibt, wohl aus eigener leidvoller Erfahrung mit dem archäologischen Forschungsbetrieb in Deutschland:

Forschung gehört […] zu den Bereichen, die auf Andersdenkende und Unruhestifter angewiesen sind. Ein Übermaß an Konformität läßt sie stumpf und langweilig werden – und im internationalen Vergleich schnell ins Hintertreffen geraten. [4]

Ich denke, die für nichts außer für Profit gute Standortlogik können wir hier mal ausklammern. Interessanter jedoch ist ein veraltetes wissenschaftliches Weltbild in Deutschland, das Zangger so beschreibt:

Erstens wird Archäologie als von staatstragender Bedeutung betrachtet und entsprechend streng geführt. Das Deutsche Archäologische Institut – ohne dessen Unterstützung kaum ein deutscher, im Ausland tätiger Archäologe in diesem Jahrhundert eine Karriere durchlaufen haben dürfte – untersteht direkt dem Außenminister! Zweitens liegt die Entscheidungsgewalt in der Archäologie wie bei kaum einer anderen Disziplin in den Händen einer kleinen konservativen Elite. […] Meinungspluralismus wird so unterbunden. […]

Der dritte Grund, warum die Archäologie von den immer rascheren Zeitgeistfluktuationen überdurchschnittlich strapaziert wird, liegt in ihrer Geschichte begründet. […] Die ursprüngliche Aufgabe der Altertumskunde bestand darin, dem sich damals neu formierenden Europa eine historische Identität zu verleihen […]. [5]

So kam es zu einer Glorifizierung des antiken Griechenland, die bis heute das geistige Bild der Antike bestimmt. So galt bis vor kurzem widerspruchslos Troja als eine griechische Stadt, was durch neuere Forschungen langsam zweifelhaft wird. Für Zangger ist dieser Punkt besonders wichtig, weil Platon Atlantis ganz klar als eine nichtgriechische Macht beschreibt. Und Zangger identifiziert ausgerechnet Troja als den historischen Kern der Atlantis-Geschichte. Das Problem ist natürlich, daß Platons Schilderung der atlantischen Großmacht nicht zum griechischen Kulturkreis paßt.

Wenn wir uns jedoch von der Vorstellung lösen, daß Troja eine griechische Stadt war, und wenn wir uns gleichzeitig vorstellen, daß in Kleinasien nicht irgendwelche Barbaren, sondern womöglich kulturell hochstehende und mächtige Königreiche existierten, deren wichtigstes möglicherweise Troja war, dann ergibt eine Gleichsetzung Trojas mit Atlantis möglicherweise doch einen Sinn.

Zangger hat sich daher die Landschaft rund um Troja noch einmal angeschaut und einige Merkwürdigkeiten festgestellt. So hält er es durchaus für möglich, daß der Hafen des nichtgriechischen Troja Parallelen zu der von Platon beschriebenen Hafenanlage aufweist. Vielleicht ist das alles nur eine Frage der geoarchäologischen Interpretation, vielleicht tut sich aber hier eine Möglichkeit auf, Atlantis sinnvoll zu lokalisieren. Ich vermag dies hier nicht zu entscheiden und verweise daher ganz einfach auf das lesenswerte Buch von Eberhard Zangger. Es heißt Die Zukunft der Vergangenheit. Es ist im Schneekluth-Verlag zum Preis von 44 Mark erschienen.

 

Rundgang durch die Jahrtausende

Besprechung von : Manfred Korfmann / Dietrich Mannsperger – Troia. Ein historischer Überblick und Rundgang, Konrad Theiss Verlag 1998, 76 Seiten, DM 29,80 [1998] bzw. Sonderausgabe € 7,90 [2008]

Buchcover TroiaNun, wo Eberhard Zangger Atlantis mit Troja gleichsetzt, liegt es doch nahe, sich die Stadt etwas näher anzuschauen. Und passenderweise bin ich letztes Jahr auf der Frankfurter Buchmesse auf einen schmalen Bildband gestoßen, der Fotos mit Rekonstruktionen und Übersichtszeichnungen auf wirklich gelungene Weise vereinigt. Einen historischen Überblick und einen Rundgang durch das antike Troja bieten darin der derzeitige Ausgräber Trojas, Manfred Korfmann, und der tübinger Philologe Dietrich Mannsperger in ihrem Bildband Troia. Troia ist die griechische Form der uns als Troja bekannten Stadt.

Wie die Bewohnerinnen und Bewohner Trojas ihre Stadt genannt haben, wissen wir nicht. Möglicherweise hieß sie gegen Ende des zweiten vorchristlichen Jahrtausends Truisa. Die Stadt wuchs aus bescheidenen Anfängen zu Beginn des 3. vorchristlichen Jahrtausends und wurde im Laufe der Jahrhunderte immer größer und mächtiger.

Schliemann und seine Nachfolger gruben zunächst nur auf dem Burgberg, aber die wirkliche Größe von Troja läßt sich erst aufgrund der seit 1988 von Manfred Korfmann geleiteten Grabungen erahnen. Demnach war Troja mit etwa 200.000 Quadratmetern etwa zehnmal größer als bislang angenommen. Mit etwa 7.000 Bewohnerinnen und Bewohnern war Troja sicher eine der größeren Städte ihrer Zeit und ganz sicher auch ein lukratives Angriffsziel rivalisierender Fürsten oder anderer Eroberer. Ob der Trojanische Krieg die Geschichte einer dieser Plünderungszüge war, läßt sich nach dem heutigen Wissensstand nicht sicher klären. Sollte der Trojanische Krieg historisch sein, ist jedoch auch heute eine endgültige Entscheidung, welche der sieben vorgriechischen Städte zerstört wurde, nicht zu treffen. Allerdings wüßten wir ohne Homers Ilias wohl gar nicht erst, welche Stadt sich unter dem Schutt von Jahrtausenden verbirgt. Denn Schriftzeugnisse, aus denen der Name der Stadt hervorgeht, sind noch nicht aufgefunden worden.

Die Trojanerinnen und Trojaner verwendeten luftgetrocknete Lehmziegel für ihre Häuser und möglicherweise auch für ihre Archive. Diese waren damit nicht unbedingt witterungsbeständig und mußten im Laufe der Zeit erneuert werden. Bei Erneuerungsmaßnahmen waren aber die alten Lehmziegel wertlos. Die alten Häuser wurden eingeebnet und somit entstanden die aufeinanderfolgenden Siedlungsschichten. Heute unterscheidet man und frau – ohne die klassisch-griechische und die römische Zeit – sieben Siedlungsschichten mit insgesamt 41 Bauphasen. Die künstliche Erdanhäufung erreichte somit eine Höhe von über fünfzehn Metern.

Umso eindrucksvoller, wie daraus die beteiligten Archäologinnen und Archäologen graphische Rekonstruktionen der verschiedenen Troja-Siedlungen erstellt haben, die in dem Bildband zu sehen sind.

Ein Buch also, das wirklich informativ ist.

Eine Werbeseite für den Sponsor der Ausgrabungen mußte dann wohl ganz offensichtlich sein. Dargestellt wird ein für archäologische Zwecke umgebauter Unimog der Firma Mercedes-Benz. Ärgerlich ist das schon deshalb, weil in der Türkei Fahrzeuge aus dem Hause Mercedes-Benz auch für ganz andere Zwecke benutzt werden. Das türkische Militär benutzt diese bekanntlich für ihren schmutzigen Krieg in Kurdistan gegen die dortige Zivilbevölkerung. Womit ich bei einem anderen Anliegen angekommen bin. Der türkische Staat finanziert seinen Krieg in Kurdistan auch mit den Devisen, die Türkeiurlauberinnen und Urlauber in der Türkei lassen. Es gibt also gute Gründe, die Türkei als Urlaubsland zu meiden.

Zwar wird es somit auch unmöglich, die historischen Fundstätten Trojas im Original zu betrachten, aber dafür gibt es ja dann den von Manfred Korfmann und Dietrich Mannsperger herausgegebenen Bildband. Er heißt Troia. Ein historischer Überblick und Rundgang. Der Bildband ist im Konrad Theiss Verlag erschienen und kostet 29 Mark 80.

 

Kluge Sprüche auf Bestellung

Besprechung von : Michael Maaß – Das antike Delphi. Orakel, Schätze und Monumente, Konrad Theiss Verlag, 2. Auflage 1997, 323 Seiten mit 115 Abbildungen, DM 68,00

Von Troja nach Delphi. Das Orakel von Delphi hatte im antiken Griechenland eine besondere Bedeutung. "Delphi", so schreibt Peter Maaß in seinem informativen Überblick über Das antike Delphi,

war der Mittelpunkt der Welt. […] Von weither holten Griechen, ja selbst Barbaren, die Weissagungen des Orakels ein und brachten Geschenke herbei, die sich im Heiligtum zu sagenhaften Reichtümern häuften. Das Orakel erlangte die höchste Autorität in Fragen kultischer Ordnung, bei der Aufdeckung von unheilstiftender Schuld, bei den Anordnungen zur Sühne, bei der Entscheidung und Erklärung von Lebens- und Schicksalsfragen. [6]

Buchcover Michael Maaß "Das antike Delphi"Eine der wohl bekanntesten Weissagungen stammt aus dem 6. vorchristlichen Jahrhundert. Der wegen seines Reichtums berühmte Lyderkönig Kroisos ließ das Orakel fragen, ob er das Perserheer angreifen solle. Die Antwort des Orakels lautete doppeldeutig: Wenn Kroisos den Halys überschreitet, wird er ein großes Reich zerstören. Und so verlor Kroisos die Schlacht gegen die Perser.

Wahrscheinlich ist dieser Orakelspruch unhistorisch. Michael Maaß weist darauf hin, daß derart lange Sprüche der heiligen Priesterin Pythia eher unüblich waren. Normalerweise wurden Fragen und Antworten vorformuliert und in dafür vorgesehene Gefäße gesteckt. Die Pythia wies dann auf das Gefäß mit der richtigen Antwort, die auch einfach nur "ja" oder "nein" lauten konnte. Der Orakelspruch zur Anfrage des Kroisos muß als literarische Fassung der Antwort der Pythia verstanden werden.

Bei unserem Urteil über die unhistorischen, fälschenden Sprüche müssen wir freilich berücksichtigen, daß die modernen und die antiken Vorstellungen von authentischer Berichterstattung nicht dieselben sind. […]

Die überlieferten Orakelsprüche sollte man daher insgesamt als eine poetische, legendenhafte Geschichtsschreibung verstehen. Diese gibt die Ereignisse nicht korrekt im Sinn einer kritischen Geschichtsschreibung wieder, ist aber eine wichtige historische Quelle. Hier konzentriert sich der Ausdruck von Selbstverständnis, Handlungsmotiven, Rechtfertigungen und Weltanschauungen. [7]

Das Orakel behandelte jedoch nicht nur Fragen der Politik oder theologische Probleme. Gerade einfache Leute waren es, die das Orakel um Hilfe ersuchten. Und es war nicht nur die Pythia, die um Antwort gebeten wurde. In Delphi war eine umfangreiche Priesterschaft damit beschäftigt, den lukrativen Handel mit Weissagungen zu organisieren.

Außer den Sprüchen der Pythia sind auch andere Orakeltechniken bezeugt, Weissagungen mit Hilfe von Losen, Träumen, Opferfeuer oder verschiedenen in dieses gestreute Gaben, wie Weihrauch, Blätter, Käse oder Mehl. Für die Zulassung einer Befragung waren Voropfer und Gebühren verlangt; Versäumnisse standen unter der Androhung schwerer Geldstrafen. [8]

Michael Maaß beschreibt in seinem Buch über Das antike Delphi aber nicht nur die Bedeutung des Orakels in seiner ideologischen Bedeutung für das antike Griechenland. Er stellt den Ort, seine Geographie, seine Geschichte und seine Gebäude ausführlich und fundiert vor. Sein Buch ist ebenfalls im Konrad Theiss Verlag erschienen und kostet 68 Mark.

 

Die europäische Brille

Besprechung von : Großer Atlas zur Weltgeschichte, Westermann Verlag 1997, 247 Seiten, DM 128,00 [1997] bzw. € 66,00 [2008]

In meinem letzten Beitrag geht es um ein historisches Mammutwerk. Es handelt sich dabei um eine gründlich überarbeitete Fassung des im Westermann Verlag erschienen Großen Atlas zur Weltgeschichte.

Buchcover Großer Atlas zur WeltgeschichteVielleicht liegt es daran, daß mir die bunte, schrille postmoderne Technowelt nicht so zusagt. Aber zuweilen hatte ich beim Durchblättern dieses Geschichtswerks den Eindruck, daß man es auch übertreiben kann. Man kann die geschichtliche Entwicklung eines Kulturraums auf mehreren Darstellungen nachzuvollziehen versuchen. Man kann aber auch alles auf eine Karte packen und hoffen, daß die geneigte Leserin oder jemand wie ich da noch durchblickt. Wenn dann zwei Farben benutzt werden, die so ähnlich sind, daß sie nicht mehr zu unterscheiden sind, bin ich geradezu begeistert. Aber vielleicht hat der Verlag auch nur Probleme mit dem Farbdruck gehabt. Auf einer Karte ist daher auch freundlicherweise vermerkt, daß die Farbe, die ich irgendwo zwischen Braun und Orange ansiedeln würde, eigentlich rot sein soll. Leider hat dieses Vorgehen Methode.

Aber ich will mein ästhetisches Feingefühl nicht zum Maßstab meiner Kritik an diesem historischen Atlas machen. Problematisch finde ich ganz andere Dinge. In meiner Schulzeit bin ich noch dem Vorgängerwerk dieses Geschichtsatlas begegnet. Dort wurde Geschichte noch weitestgehend durch die europäische Brille betrachtet, so als seien die übrigen Kontinente von ganz und gar geschichtslosen Völkern bewohnt gewesen.

Diese Zeiten sind zum Glück vorbei. Dennoch muß ich auch diesem in den letzten Jahren dieses Jahrtausends erschienenen Werk ein gewisses Maß an Eurozentrismus vorwerfen. Wenn das Afrika südlich der Sahara das Licht der Welt erst auf Seite 132 erblickt, dann mag dies der immer noch europäisch-nordamerikanisch beherrschten Geschichtswissenschaft geschuldet sein. Eine Entschuldigung kann das aber nicht sein. Ich finde das einfach peinlich. Entsprechend wird Afrika dann auch vorwiegend im 19. Jahrhundert – wie es dann heißt – entdeckt. Vorher war es offensichtlich nicht da.

Wenn dann auch noch von Rassenproblemen in Südafrika die Rede ist, dann muß ich schon nach dem ideologischen Weltbild der Macherinnen und Macher eines solchen Werks fragen. Die Probleme sind doch wohl offensichtlich von vorwiegend holländischen und britischen Kolonisatoren geschaffen worden. Apartheid ist ja wohl nicht ein Rassenproblem, sondern eine bestimmte Form kapitalistischer Ausbeutung und Herrschaft gewesen. Diese weiße Sicht, nach der ja wohl irgendwelche Schwarzen Probleme bereiten, findet sich leider allzuhäufig in diesem Geschichtsatlas. Die Verteidigung des Abendlandes wird gegen Araber, Wikinger und Ungarn für das 9. Jahrhundert beschworen. Von einer entsprechenden Verteidigung der Bewohnerinnen und Bewohner anderer Kontinente gegen europäische Kolonisatoren ist – wer hätte es auch anders erwartet? – selbstverständlich nicht die Rede.

Konsequenterweise wird für das 15. und 16. Jahrhundert die Türkengefahr benannt. Jaja, die bösen Türken. Von einer Kreuzfahrergefahr für denselben Mittelmeerraum im 12. und 13. Jahrhundert ist dagegen nichts zu finden. Diese Plünderzüge gehören wohl zum schützenswerten europäischen Kulturerbe. Und auf die Seite mit der Türkenabwehr folgt Polens Abwehrkampf im Osten. Gegen wen natürlich? Genau, gegen das im 16. und 17. Jahrhundert erstarkende Russische Großreich. Und wo ich gerade schon bei den Kreuzzügen war: es gab auch welche ins Baltikum, woraus das Herrschaftsgebiet des Deutschen Ordens und auch Preußen entstanden sind. Wird den Bewohnerinnen und Bewohnern hier ein Abwehrkampf zugestanden? Es wäre wohl auch zuviel verlangt gewesen.

Doch auch für dieses Jahrhundert zeichnet sich der Große Atlas zur Weltgeschichte durch ideologische Einseitigkeit aus. Ich nehme als Beispiel den Koreakrieg von 1950 bis 1953. Dort wird als Ausgangslage für den amerikanisch besetzten Süden Koreas behauptet, es hätten sogenannte freie Wahlen stattgefunden. Was unter derart freien Wahlen zu verstehen war, beschreibt Gebhard Hielscher in seinem Buch 38mal Korea. 1946 sollte im Süden Koreas eine provisorische gesetzgebende Versammlung gewählt werden. Hielscher schreibt:

Offenbar aus Sorge, daß freie, allgemeine und gleiche Wahlen dem linken Lager einen hohen Stimmenanteil einbringen könnte, verzichtete die amerikanische Militärregierung auf diese erste und daher besonders wichtige Gelegenheit, die Koreaner mit den Spielregeln der parlamentarischen Demokratie vertraut zu machen und die Bevölkerung ernsthaft an den Entscheidungsprozessen zu beteiligen. Das »Wahl«ergebnis fiel entsprechend aus. Außer zwei linken Abgeordneten […] wurden nur Rechte »gewählt«. [9]

Soweit Hielscher. 1950 soll dann Nordkorea den Süden angegriffen haben. Daraufhin, so sagt uns der Atlas, griffen die Vereinten Nationen mit UN-Truppen aus 15 Nationen ein. Auch hier ist die Wahrheit eine andere. Hielscher schreibt dazu:

Die Einschaltung der Vereinten Nationen, ursprünglich als Instrument zur Verringerung, wenn nicht gar Abwälzung der amerikanischen Verantwortung in Korea gedacht, gewann auf einmal eine ganz andere Qualität: Washington ließ sich dank seinem damals noch beherrschenden Einfluß in der Weltorganisation nur absegnen, was es ohnedies tun wollte oder schon getan hatte. Die Vereinten Nationen wurden in Korea zum Aushängeschild amerikanischer Politik. [10]

Ich möchte es bei diesen Kritikpunkten bewenden lassen – es gäbe sicher noch viele andere. Mir ist daran wichtig, darauf hinzuweisen, daß es notwendig ist, auch Werke wie Geschichtsatlanten immer auf ihren ideologischen Gehalt zu untersuchen. Eine irgendwie geartete Form von Wertfreiheit ist dort jedenfalls nicht zu erwarten. Damit will ich dem Großen Atlas zur Weltgeschichte jetzt nicht jeden Wert abstreiten. Vieles ist jedoch nicht so, wie es dargestellt oder zumindest unterschwellig unterstellt wird. Wir müssen uns ohnehin von unserem eurozentrierten Weltbild lösen. Die Geschichtsschreibung ist in den meisten Fällen eine der Sieger und meist die, die wir zur Verteidigung des Abendlandes kritiklos akzeptieren sollen. Es gibt allerdings wenig Gründe, dieses Abendland in irgendeiner Weise zu verteidigen.

Und genauso muß eben auch ein Geschichtsatlas gegen den Strich betrachtet und verstanden werden. Der von mir vorgestellte Große Atlas zur Weltgeschichte ist im Westermann Verlag erschienen und kostet 128 Mark.

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte

Und zum Abschluß der heute sehr geschichtsträchtigen Folge der Redaktion Alltag und Geschichte noch einmal eine kurze Übersicht über die zuvor von mir erwähnten Bücher:

Es verabschiedet sich der Schatzmeister [11]. Mein Name ist Walter Kuhl.

 

ANMERKUNGEN

 

Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

 

»» [1]   Eberhard Zangger : Die Zukunft der Vergangenheit, Seite 56–57.

»» [2]   Zangger Seite 100–101.

»» [3]   Zangger Seite 103–104.

»» [4]   Zangger Seite 318.

»» [5]   Zangger Seite 318–319.

»» [6]   Michael Maaß : Das antike Delphi, Seite 1.

»» [7]   Maaß Seite 11.

»» [8]   Maaß Seite 6.

»» [9]   Gebhard Hielscher : 38 mal Korea [1988], Seite 291.

»» [10]   Hielscher Seite 315–316.

»» [11]   Hier stellt sich durchaus die Frage der Relevanz dieser Information. Wenige Tage zuvor war ich in den Vorstand des Trägervereins von Radio Darmstadt gewählt worden und bekleidete dort das Ressort Finanzen.

 


 

Diese Seite wurde zuletzt am 5. August 2008 aktualisiert. Links auf andere Websites bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 1999, 2001, 2008. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

URL dieser Seite : http://waltpolitik.powerbone.de/send199x/ge_delfi.htm

Zur vorangegangenen Sendung

Zur nachfolgenden Sendung

 
 
 
Valid HTML 4.01 Transitional  Valid CSS!