Cicatriz
Zornige junge Männer: Cicatriz [1]

Euskadi

Politik und Musik

Sendemanuskript

 

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 10. August 1998, 17.00 bis 17.55 Uhr

Wiederholt:

Dienstag, 11. August 1998, 08.00 bis 08.55 Uhr
Dienstag, 11. August 1998, 14.00 bis 14.55 Uhr

Zusammenfassung:

Eine kurze Reise durch die Geschichte und heutige Politik des Baskenlandes, garniert mit Hardcore, Punk und Ska.

Besprochene und benutzte Bücher:

Playlist:

Siehe Text.


Jingle Alltag und Geschichte

Heute will ich das Baskenland und einen nicht repräsentativen Ausschnitt aus dessen Musik vorstellen. Das Baskenland, auf baskisch Euskadi, ist unterteilt in einen französischen und einen spanischen Teil. Der spanische umfaßt den östlichen Teil der Nordküste bis zu den Pyrenäen; der französische umfaßt ein kleineres Gebiet nördlich dieser Berge an der französischen Westküste. Ich will das jetzt nicht allzu ausführlich machen, denn wer hat schon eine Landkarte im Kopf? Heute gibt es von mir ausnahmsweise mehr Musik als Text zu hören. Ich habe mir etwas ausgesucht, was ich zuweilen ganz gerne höre – Punk aus Euskadi [2]. Am Mikrofon Walter Kuhl.

Jotakie : Euskadi

Das Baskische ist eine sehr eigene Sprache, die wahrscheinlich einer uralten und ansonsten ausgestorbenen Sprachfamilie angehört. Baskisch ist mit keiner anderen bekannten Sprache verwandt und enthält aus einigen modernen Wörtern relativ wenige Lehnwörter aus dem Spanischen oder Französischen. Zum Musik machen scheint sie auch gut geeignet zu sein, wie der folgende Titel beweist.

Kortatu : Etxerat!

Im Spanischen Bürgerkrieg standen die nationalistischen Basken eher auf Seiten der Republik. Ich betone das Wort nationalistisch, weil es den Basken seit vielen Jahrzehnten um die Wahrung oder Wieder­herstellung einer eigenen kulturellen und politischen Identität gegangen ist. Da Francos Truppen im Bürgerkrieg siegten, wurden die baskischen Gebiete als aufständische Provinzen behandelt. Das Baskische und jeder Bezug darauf war lange verboten, nur einige unbedeutende kulturelle Aktivitäten wurden von Fall zu Fall geduldet. Die Entwicklung eines modernen baskischen Selbstbewußtseins ist, mag das einer gefallen oder nicht, untrennbar mit der ETA verbunden. ETA bedeutet übersetzt Baskenland und Freiheit. Die ETA trat erstmals Anfang der 60er Jahre in Erscheinung und zeigte, daß der repressive und diktatorische spanische Staat verwundbar ist.

Hertzainak : Eh txo!

1970 ließ der Diktator Franco 15 gefangene ETA-Mitglieder in Burgos vor Gericht stellen. In diesem öffentlich inszenierten Schauprozeß stand aber aufgrund einer geschickten Verteidigungs­strategie nicht der Terror der ETA, sondern der Terror, die Unterdrückung, die Folter des spanischen Staates vor Gericht. Der Prozeß wurde weltweit verfolgt, weshalb Franco die ausgesprochenen Todesurteile in Haftstrafen umwandeln mußte.

Zu dieser Zeit wurden aus nichtigem Anlaß heraus, etwa beim demonstrativen Zeigen der baskischen Fahne, Menschen verhaftet, gefoltert und verurteilt. ETA erhielt viel Unterstützung aus der Bevölkerung; und das Attentat auf den spanischen Ministerpräsidenten und als Franco-Nachfolger ausersehenen Carrero Blanco 1973 wurde nicht nur in Euskadi mit Beifall bedacht.

Delirium Tremens : Ezin leike

Franco starb 1975, zwei Jahre später wurden alle politischen Gefangenen freigelassen. Aber der spanische Staat dachte nicht daran, den Basken Eigenständig­keit und Autonomie, vielleicht sogar die Unabhängig­keit zu gewähren. So blieb die spanische Polizei, die Guardia Civil, so unbeliebt und verhaßt wie immer. ETA machte weiter und – das muß einfach betont werden – hat einen nicht unerheblichen Rückhalt in der Bevölkerung. Im Fernsehen werden uns ab und an Groß­demonstration gegen die ETA gezeigt; und diese Demonstrationen sind wahrlich beeindruckend. Hundert­tausende gehen hier gegen den Terror der ETA auf die Straße.

Verschwiegen wird jedoch, daß auf vielleicht nicht ganz so großen Demonstrationen auch viele Baskinnen und Basken den Terrorismus des spanischen Staates anprangern und die Freilassung aller baskischen Gefangenen fordern. Wird nach der Sperrstunde eine Kneipe zugemacht, dann geht es drinnen weiter mit Gora ETA!, also etwa „Hoch lebe die ETA“. Die ETA ist Teil der Alltagskultur. Die der ETA nahe stehende legale Partei Herri Batasuna [3] erhält regelmäßig Wahlergebnisse um die 15% der Stimmen.

Aber es wird in Euskadi nicht nur baskisch gesungen; das Spanische ist deswegen nicht verpönt. Als Aufforderung an den spanischen Staat, keine weiteren Gefangenen mehr zu machen, entstand dieses Lied.

La Polla Records : No mas presos

Inzwischen hat Euskadi ein Autonomiestatut, das aber vielen Baskinnen und Basken nicht weit genug geht. Es gibt eine eigene baskische Polizei, aber die Guardia Civil ist deswegen nicht zurückgezogen worden. Antiterror-Truppen durchstreifen das Land, verhaften immer noch willkürlich, foltern – und morden. Vor wenigen Tagen ging es durch die Presse: Der ehemalige spanische Innenminster José Barrionuevo und sein Staatssekretär Rafael Vera sind wegen Entführung und Veruntreuung öffentlicher Gelder am 29. Juli [1998] zu jeweils 10 Jahren Haft verurteilt worden. In dem Verfahren ging es um die Entführung des Industriellen Segundo Marey im Jahr 1983. Verantwortlich hierfür war die staatlich finanzierte und organisierte Todes­schwadron GAL. In dem Verfahren und in weiteren Prozessen geht es um 28 Morde, die der GAL zur Last gelegt werden. Die GAL war damit beauftragt, angebliche Mitglieder der ETA im französischen Baskenland zu liquidieren. In einigen Fällen ermordete sie aber auch radikale nationalistische baskische Politiker in Spanien. Hauptverantwort­licher dürfte der ehemalige spanische Minister­präsident Felipe González gewesen sein. Um einen derartigen staatlichen Mord geht es im folgenden Lied, es ist entsprechend pathetisch.

Kortatu : Hernani 15-6-84

Was will die ETA eigentlich? 1976, also kurz nach dem Ende der spanischen Diktatur unter Franco, wurde von einigen Organisationen die sogenannte Alternative KAS als Grundlage der eigenen Politik ins Leben gerufen. Auch die ETA bezieht sich darauf. Die Maximalforderungen der Alternative KAS sind: die Unabhängigkeit Euskadis vom Spanischen Staat, eine sozialistische Revolution, die sprachliche und kulturelle Baskisierung Euskadis. Als Minimal­forderungen wurde folgendes vereinbart: die Anerkennung des Selbstbestimmungs­rechtes des baskischen Volkes, die Amnestie aller politischen Gefangenen, der Rückzug der staatlichen Sicherheits­kräfte und die Verbesserung der Lebens- und Arbeits­bedingungen des baskischen Arbeiterinnen und Arbeiter. Wie nicht anders zu erwarten, ist die spanische Regierung zu keinerlei Verhandlungen bereit, obwohl bei der Abstimmung über das Autonomiestatut für Euskadi nur knapp mehr als die Hälfte der Wahlberechtigten dem zustimmten, 40% nahmen an der Abstimmung nicht teil oder boykottierten sie.

La Polla Records : Txuss

Eine hohe Jugendarbeitslosigkeit wie im gesamten Spanischen Staat führt unter den repressiven Sonder­bedingungen in Euskadi zu einer entsprechend radikalisierten Jugendbewegung. Jugendbewegung, das heißt wie so oft eigentlich eher Männer- oder vielleicht noch eher Jungmacker­bewegung. Sie sind radikal, mit Sprüchen und Steinen, bewundern die bewaffneten ETArras und hören die entsprechende Musik. In den 80er Jahren waren Gruppen wie Kortatu, Jotakie oder La Polla Records Ausdruck dieser Stimmung. Die meisten Lieder, die ich heute spiele, stammen von diesen Gruppen. Sie singen von der spanischen Repression, aber auch von konservativen Elternhäusern, Besäufnissen und den typisch baskischen Männer­sportarten wie Holzfällen. Allerdings sind zuweilen auch sanftere Töne zu hören.

Jotakie : Bal al leike

Buchcover Michael Kasper Baskische GeschichteEin neueres Buch über die baskische Geschichte stammt von Michael Kasper. Er beleuchtet darin die Eigenarten des baskischen Nationalismus und bietet einen soliden historischen Überblick. Einiges von dem, was ich in dieser Sendung gesagt habe oder noch sagen werde, habe ich diesem Buch entnommen. Es heißt ganz einfach „Baskische Geschichte“ und ist im Darmstädter Primus Verlag für 39 Mark 80 erhältlich. Zu dem Buch schreibt der Verlag:

Hier liegt die erste Darstellung der reichen und lebendigen Geschichte des sogenannten »ältesten Volkes Europas« in deutscher Sprache vor.

Ich muß sagen, daß ich darüber einigermaßen überrascht war, denn seit etwa 15 Jahren steht bei mir das Buch von Josef Lang „Das baskische Labyrinth“ im Bücherschrank. Es ist inzwischen in überarbeiteter Auflage im Neuen ISP-Verlag für 39 Mark erhältlich.

Wer mehr einen kompletten geschichtlichen Überblick wünscht, ist mit dem Buch von Michael Kasper besser beraten; wer jedoch genauer über die moderne baskische Politik Bescheid wissen möchte, sollte sich eher bei Josef Lang informieren. [4]

Kortatu : Zu atrapatu arte

Eine andere Form der baskischen Männerkultur vermittelt folgendes Lied.

Korroskada : Dantza – Dantza

Wer jetzt glaubt, ich würde die baskischen Männer eines besonderen Männlichkeits­kultes beschuldigen, liegt falsch. Baskische Männer sind nicht anders als Männer überall auf der Welt. Sie schreien und grölen, machen sich wichtig, betrachten Frauen als ihren Besitz oder ihre Beute, und nehmen sich öffentlichen und privaten Raum, wo immer sie können. Es mag ja Ausnahmen geben, aber was sind Ausnahmen gegen die Regel?

Eskorbuto : Cerebros destruidos

Buchcover Josef Lang Das baskische LabyrinthDas folgende Lied wäre wohl eher unter die Rubrik Männerkrach einzuordnen, wenn es der Gruppe Zer Bizio? nicht gelungen wäre, vier Töne unterzubringen, die diesem Lied ein wenig Leben einhauchen.

Zer Bizio : Señor Juez

Eine Frage kann ich beantworten: gibt es in Euskadi keine Frauenbands? Doch, es gibt sie. Aber wie auch anderswo werden sie nicht so wichtig genommen. Das einzige Stück, das sich auf den mir vorliegenden Platten befindet, das von Frauen gespielt wird, ist von einer Gruppe namens Belladonna.

Belladonna : Te hará sentirte mejor

Ich habe einiges über baskischen Nationalismus gesagt, über den Stolz auf die Unabhängigkeit der Kultur und der Sprache. Nur, wie das mit jedem Nationalismus ist, er ist nicht unbedingt emanzipatorisch. Er mag in Zeiten der Unterdrückung eine wichtige Rolle spielen, Identität vermitteln. Aber ein progressives Moment ist darin nicht enthalten. Es ist kein Wunder, wenn nationalistische Bewegungen und Männergewalt Hand in Hand gehen. Der Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien ist hierfür ein gutes Beispiel. Obwohl es letzten Endes überhaupt nicht um nationale Werte gegangen ist, sondern um Verteilung von Reichtum und Armut; und später vor allem der Kriegsbeute. Das läßt sich dem baskischen Nationalismus so nicht nachsagen. Aber die Tatsache, daß die ETA immer noch weiterbombt und weiterschießt, beweist nicht die Richtigkeit ihres Kampfes, sondern nur, daß Männern zur Lösung sozialer Probleme meistens nichts Besseres als Gewalt einfällt.

Kortatu : Motel Monbar

Soweit mein kleiner Einblick in Geschichte, Politik und Musik aus Euskadi, dem Baskenland. Über den französischen Teil habe ich fast gar nichts gesagt. Das liegt aber auch daran, daß das französische Baskenland mehr in Frankreich integriert ist als das spanische. Aber der Traum von einem eigenen unabhängigen baskischen Staat, der wird in beiden Teilen Euskadis geträumt.

Am Mikrofon war Walter Kuhl.

Jotakie : Gaueko historiak

Baldin Bada : Ibilaldia

 

ANMERKUNGEN

 

Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

 

»» [1]   Das Foto entstammt der baskischen Wikipedia und ist als Creative Commons lizenziert. Die ursprüngliche Fassung ist bei Flickr zu finden.

»» [2]   Zwölf Jahre nach der Erstausstrahlung der Sendung scheint die abertzale Linke im Baskenland weniger von Euskadi, als von Euskal Herria zu sprechen.

»» [3]   Der spanische antiterroristische Diskurs, wonach die gesamte radikale Linke im Baskenland der ETA zuzurechnen sei, entbehrt jedoch jeglicher Grundlage. Dieser Diskurs dient dazu, die politische Linke mundtot zu machen und politische und soziale Strukturen zu zerschlagen. Herri Batasuna war nie Teil der ETA, sondern verfolgte ähnliche politische Ziele mit legalen politischen Mitteln. Die Antiterroristen sehen hier keinen Unterschied, weil es ihnen nicht um eine politische, sondern um eine repressive Lösung des politischen Konflikts im Baskenland geht.

»» [4]   2009 erschien im Wiener Promedia Verlag das Buch „Das Baskenland“ von Ingo Niebel, das ich als ebenbürtige und vor allem politisch aktuelle Publikation erachte; siehe meine Besprechung.


Diese Seite wurde zuletzt am 21. Februar 2010 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 1998, 2001, 2010. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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