Pergamon-Museum
Pergamon-Museum, Berlin.

Kapital – Verbrechen

Zerstörung der Vergangenheit

Sendemanuskript

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 12. Mai 2003, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Dienstag, 13. Mai 2003, 00.00 bis 01.00 Uhr
Dienstag, 13. Mai 2003, 08.00 bis 09.00 Uhr
Dienstag, 13. Mai 2003, 14.00 bis 15.00 Uhr

Zusammenfassung:

Die Eroberung des Irak durch US-amerikanische und einige bündnistreue Truppen endete nicht unerwartet in einer großen Plünderungs­tour. Während manche Kommentatoren den Bock zum Gärtner ernennen lassen wollen, schreien andere Kommentatorinnen ihre Wut über diese gezielte Vergangenheits­vernichtung laut heraus. Dabei gilt es zu fragen, wessen Weltkultuerbe wem gehört und weshalb es in alle möglichen Museen und Privatsammlungen verschleppt werden darf. Ein Buch über frühe Hochkulturen gibt einen fundierten Einblick in das kulturelle Erbe früher Klassengesellschaften.

Besprochenes Buch:

Frühe Hochkulturen, Konrad Theiss Verlag

»»  Zusätzlich herangezogene Bücher, Beiträge, Aufsätze und Artikel sind am Ende des Manuskripts aufgeführt.

Zur Neoliberalisierung von Radio Darmstadt und seinem Trägerverein und zur Ausgrenzung mehrerer Mitglieder meiner Redaktion seit 2006 siehe meine ausführliche Dokumentation.


Inhaltsverzeichnis


Einleitung 

Es folgt die Sendereihe Kapital – Verbrechen zum Thema „Zerstörung der Vergangenheit“. Am Mikrofon ist Walter Kuhl.

Jingle Alltag und Geschichte

Als am 9. April US-amerikanische Panzer Bagdad besetzten, brach das Chaos aus. Das von den Invasoren gewollte Machtvakuum führte zu Plünderungen und Zerstörungen großen Stils. Die Besatzungsmacht hielt sich zunächst zurück und wahrte ihre Interessen. Geplündert werden durfte alles, was dem Wiederaufbau des Landes nach Maßgabe der strategischen Interessen der Eroberer im Wege stand. Dazu gehörte selbst­verständlich auch das kulturelle Erbe des Zweistromlandes.

Viel ist seither dazu gesagt worden. Dennoch will ich in der folgenden Stunde versuchen, einige Aspekte zu benennen, die bislang viel zu kurz gekommen oder überhaupt nicht erwähnt worden sind. Meine Fragestellung lautet: worin besteht der Zusammenhang zwischen Plünderung und Imperialismus, zwischen kultureller Zerstörung und Neoliberalismus? Welche Interessen konnten und können sich im Irak austoben? Und vielleicht auch die Frage: wem gehört das zivilisatorische Erbe (nicht nur) des Landes an Euphrat und Tigris denn tatsächlich? Eine Buchbesprechung zu Frühen Hochkulturen soll meine Ausführungen abrunden.

 

Traditionsbewußt

Plünderungen gehören zum Krieg, seit es Kriege gibt. Bagdad wurde schon 1258 von den Mongolen zerstört; und der Raub von Kunstschätzen hat eine jahrtausende­lange Tradition. Nichts Neues also unter der Sonne, möchte man und frau meinen, doch es gibt hier schon einige klare Unterschiede zwischen vorkapitalistischen und kapitalistischen Plündertouren.

Marduk mit seinem DrachenDie Hethiter waren dafür bekannt, die in ihren Statuen symbolisierten Stadt­gottheiten eroberter Gebiete zu entführen, um sie in ihrer Hauptstadt kultisch zu verehren. Sie wurden in Ehren gehalten. Die Statue des babylonischen Gottes Marduk wurde gleich mehrfach aus Babylon entführt, mal von den Hethitern, mal von den Assyrern, mal von den Herrschern des im heutigen Iran gelegenen Landes Elam. Aber immer wurde sie triumphal zurückgeholt.

Auch das vorgeschobene Motiv der Eroberer, den Bewohnern des Landes die Freiheit zu bringen, ist uralt. Iluschuma, ein König der 3. Dynastie von Ur [1], brüstete sich schon zu Beginn des 2. Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung damit, mehreren süd­mesopotamischen Orten die Freiheit gebracht zu haben. Genau wie die heutigen Invasoren meinte er damit natürlich eine neue Form der Ausbeutung, Ausplünderung und Unterdrückung. Diese diente jedoch nicht der Gier nach Gold und Silber, sondern der Erschließung neuer Ressourcen in der Nachbarschaft.

Doch mit dem Aufkommen des Kapitalismus in Europa wandelten sich die Motive des Plünderns. Plünderungen wurden ein profitables Geschäft. Konnte man nicht selbst, wie die Spanier in Mexiko und Peru, eine komplette Kultur zerstören und ausrauben, um die Schätze einzuschmelzen und zu Geld zu machen, so verlegten sich englische, holländische und französische Kaperkapitäne wie etwa der berühmte und dafür geadelte Sir Francis Drake darauf, die Gold- und Silberflotten der Spanier zu überfallen.

Mit Ende des 18. Jahrhunderts kam eine neue Form der Plünderung hinzu: die Archäologie. Tonnenweise wurden antike und prähistorische Artefakte abgeschleppt und zieren heute Privatsammlungen oder Museen. Der vor kurzem im Michael Müller Verlag erschienene Reiseführer Türkei Westküste hat diese Raubzüge anhand einer Fotographie des antiken Zeustempels in Pergamon knapp, aber präzise dargestellt: „Was hier einst stand, befindet sich heute in Berlin.“ Immerhin ist dieser geraubte Zeusaltar der Öffentlichkeit noch zugänglich. [2]

Bevor wir uns jedoch fragen, mit welchem Recht Archäologen – wie etwa der berühmte Heinrich Schliemann – im 18., 19., ja noch im 20. Jahrhundert Kunstschätze abgeschleppt haben, oder mit welchem Recht die Staaten, auf denen diese Schätze gefunden wurden, ein Eigentumsrecht darauf reklamieren dürfen, sollten wir eine ganze andere Frage stellen. Um was handelt es sich bei diesen Kunstwerken und Schätzen, aber auch Tontafeln und Handschriften eigentlich? Zumeist, wenn auch nicht durchgängig, sind es Monumente der Macht. Paläste wurden nicht für das gemeine Volk gebaut, sondern von diesem. Golddiademe mußten von Sklaven geschürft oder von den eigenen Untertanen oder aus eroberten Gebieten abgepreßt werden. Tontafeln dokumentierten Besitz­ansprüche, Staats­verträge oder als militärische Leistungen gefeierten Massenmord. Feinste Keramiken wurden gewiß nicht von einfachen Bäuerinnen auf den Tisch gestellt. Das heißt: der größte Teil archäologischer Funde drückt Herrschafts- und Besitz­verhältnisse einer Klassen­gesellschaft aus.

Insofern ist es gar nicht einmal so abwegig, wenn die Irakerinnen und Iraker nach der Eroberung Bagdads und anderer Städte entweder derartige klassen­gesellschaftliche Kulturgüter an sich gebracht oder sie als Monumente verhaßter Macht zerstört und verbrannt haben. Saddam Hussein hat seine Legitimation nicht zuletzt aus der Geschichte des Zweistrom­landes bezogen. Er ließ alte Paläste und Tempel restaurieren oder neu in Beton gießen. Er inszenierte sich zusammen mit Hammurabi und Nebukadnezar, zwei Herrschern des alten Babylon. Die Zerstörung dieser Inszenierung von Saddams Herrschaft könnte so gesehen auch vor seinen Museen und den darin enthaltenen Ausstellungs­stücken nicht Halt gemacht haben. Allerdings setzt eine solche Argumentation ein Klassen­bewußtsein voraus, daß so gar nicht existiert hat. Es war nach dem 9. April [2003] viel von systematischen Plünderungen, von organisierten Raubzügen, von professionellen Kunsträubern die Rede. Der Beweis hierfür steht aus, aber es liegt nahe. – Barbarisch ist es allemal.

Rainer Haubrich kommentierte dies am 9. Mai 2003 in der Welt:

Zum Vorschein kommen die Zerstörungen einer Jahrzehnte langen Diktatur, in der Gewalt, Willkür und Armut herrschen, und in der offensichtlich einfachste zivilisatorische Fundamente weggebrochen sind.

Fragt sich allerdings, wer dafür verantwortlich zu machen ist. Diese Diktatur war ein Produkt des Westens. Saddams Willkür war gerne gesehen und die Armut war zunächst Folge eines vom Westen gesponserten Krieges gegen den Iran und anschließend systematisch durch das barbarische Embargo zementiert worden. Daß dann einfachste zivilisatorische Fundamente wegbrechen, ist nicht verwunderlich. Wer unzivilisiert behandelt wird, wird in den seltensten Fällen zivilisiert handeln. Wobei wir natürlich die Frage nach den Ursprüngen, den Zielen und den Auswirkungen von dem, was wir Zivilisation nennen, auch noch genauer betrachten müßten. Wessen Zivilisation ist es? „We're on a mission from God“, hieß es passenderweise bei den Blues Brothers; und göttliche Missionen waren schon immer besonders hinterhältig und grausam. George Dubya Bush ist hier keine Ausnahme, nur die Bestätigung einer Regel. Ich erinnere hier nur an den 4. Kreuzzug, der 1204 in der Plünderung Konstantinopels endete. Venedig wollte schließlich für die Bereitstellung seiner Flotte angemessen bezahlt werden.

Doch der Kommentator der „Welt“ deutet nur vorsichtig an, was eine US-amerikanische Kunstsammler-Lobby knallhart fordert. Der Irak besaß ein dem internationalen Standard entsprechendes fortschrittliches Antikengesetz. Der Export von Kulturgütern war damit praktisch unmöglich. Genau dies ist dieser Lobby jedoch ein Dorn im Auge und so betrachtet sind die Plünderungen durchaus funktional. Ashton Hawkins, Vertreter dieser Lobby namens American Council for Cultural Policy bringt es einfach auf den Punkt:

Offen gesagt dürfte eine Position wie die der UNESCO, die jeden Export von Antiquitäten untersagt, nicht ganz korrekt sein. Das ist zu rigoros. Die beiden Katastrophen in Afghanistan und im Irak, bei denen so viele Kulturschätze verloren gingen, waren auch ein Resultat dieser Gesetze. Das wird die UNESCO hoffentlich dazu bringen, ihre Position zu überdenken und zu akzeptieren, dass es auch noch andere internationale Kultur­beziehungen gibt. Dieser kulturelle Nationalismus bestimmter Länder […] kann sehr destruktiv sein. [3]

Lassen wir einmal beiseite, daß diese beiden Katastrophen von den Politikern des Landes herbeigeführt worden sind, in dem die Kunstsammler- und Plünderer­lobby zu Hause ist, und nicht von nationalistischen Regimes. Worum es geht, ist etwas anderes und paßt in den neoliberalen Zeitgeist. Alles, aber auch alles soll zur Ware werden können; alles ist dem Markt zu unterwerfen. Und hierzu gehört selbst­verständlich auch eine Politik der verbrannten Erde. Joachim Guilliard hierzu in einem Artikel für die Tageszeitung „junge Welt“:

An [die] finsteren Epochen des europäischen Kolonialismus wird man beim Anblick der Bilder aus dem Irak unwillkürlich erinnert. Auch der Einnahme Bagdads nach mehr als 12 Jahren Krieg und Belagerung des Landes folgten Plünderungen und Brand­schatzungen öffentlicher und repräsentativer Gebäude der Stadt, Raub und Zerstörung unschätzbarer Kulturgüter. Für die US-Medien mussten sie, nachdem die Bilder jubelnder Iraker ausgeblieben waren, den Volkszorn symbolisieren. Ein Unterfangen, das nicht sehr glaubwürdig gelang, da die Plünderer auch vor Krankenhäusern und anderen lebenswichtigen Einrichtungen nicht halt machten. Angeblich waren die Eroberer nicht auf Polizeiaufgaben vorbereitet gewesen. Doch wie Augenzeugen berichteten, hatten US-Einheiten die Plünderungen selbst eingeleitet, indem sie mit Panzern Türen einbrachen und Slumbewohner per Lautsprecher zur Selbst­bedienung aufforderten. Plünderungen und unkontrollierte Gewalt waren durchaus im Interesse der Invasoren. Wurden sie doch zum mächtigen Druckmittel, um die widerspenstigen Bürger der irakischen Städte zu zwingen, die Invasoren zumindest vorerst als einzige Macht zu akzeptieren, die für genügende Sicherheit und Ordnung sorgen kann, um das Leben wieder in Gang zu bringen.

Was folgt, ist die komplette Umorganisierung des Landes auf der Grundlage von Konzern­interessen. Der sogenannte Wiederaufbau wird, so sieht es beispielsweise Naomi Klein, eine Traum­landschaft für jeden neoliberalen Planer bedeuten. Unbeleckt von der Vergangenheit kann ein ganzes Land nach den Vorstellungen der Marktideologen und ihrer professionellen Abzocker privatisiert und ausgeplündert werden. Hier zeigt sich, warum eine Vergangenheit schädlich ist. Wer das kulturelle Erbe eines Landes demoliert, nimmt den Menschen ihren Halt. Was bleibt, ist der Existenzkampf und die Unterwerfung unter ein neokoloniales Regime.

Das ist angewandte Psychologische Kriegsführung; und das lernt man auf jeder guten Militärakademie.

 

Zivilisierte Barbarei

Wenn ich sage, daß die kulturelle Zerstörung eines zu erobernden Landes nichts ungewöhnliches ist, dann soll damit das barbarische Vorgehen von Bush und Blair nicht verniedlicht werden. Doch der imperialistische Alltag ist nicht auf die USA beschränkt. Als die russischen Truppen beispielsweise Anfang 1995 das erste Mal in Grosny einmarschierten und dabei etwa 25.000 Menschen töteten, bombardierten sie nicht den Präsidenten­palast, sondern die Universität, Museen, Sportplätze, Theater und Kinos. [4]

Im Kapitalismus gehören Zivilisation und Barbarei ohnehin untrennbar zusammen. Nazi­deutschland beispielsweise war – im Sinne der herrschenden Logik – zu Beginn des 2. Weltkriegs ein technologisch, politisch und wirtschaftlich überaus fortschrittlicher Staat. Aber auch der angebliche Frieden der Nachkriegszeit als Normal­zustand erwies sich meist als dialektische Einheit von Zivilisation und Barbarei. Millionen Kinder verhungern alljährlich, während hierzulande Spaßgesell­schaften und Einkaufs­paradiese geradezu aus dem Boden sprießen. Doch der Spaß hat ja jetzt ein Ende. Die Agenda 2010 wird's schon richten. Dann haben wenigstens die Profiteure dieser Agenda ihren Spaß.

Erst recht ist es grob fahrlässig, mit der Kulturlosigkeit Amerikas zu argumentieren. Die USA, ihre Konzerne, Politiker und Medien (und natürlich die Militärs) bringen die Barbarei einer zivilisierten Welt nur auf den markt­konformen Punkt. Insofern sind die USA der am weitesten fortgeschrittene Staat innerhalb der sich durchsetzenden neoliberalen Vergesell­schaftung. Kulturlos ist nicht Amerika, sondern die Kulturlosig­keit gehört wesensmäßig zum Kapitalismus.

Die Ironie der Geschichte will, daß ausgerechnet Saddam Hussein so einiges für die Restaurierung und Archivierung des Weltkultur­erbes im Zweistromland getan hat. Er ließ Museen bauen und verhinderte, daß Bauwerke von Regen und Erosion zerstört wurden. Im Gegensatz dazu war es das Embargo der westlichen Barbaren, das auch hier zu skurrilen, aber im Nachhinein vollkommen logischen Kapriolen führte. Das Embargo verhinderte den Import und Einbau von Klima- und Alarmanlagen im Bagdader Nationalmuseum. Allerdings hätte die Alarmanlage auch nichts genutzt; die Invasions­armee sah dem Treiben ja ohnehin wohlwollend zu.

Daher ist es kein Zufall, wenn die USA und ihre Armee schon Monate vor der Invasion vor möglichen Plünderungen gewarnt worden sind, und sie dennoch keine Vorsichts­maßnahmen getroffen haben. Das einzige, was als schützenswert galt, war das Innen- und das Ölministerium. Davor stellten sie ihre Panzer. Alles andere interessierte die neoliberalen Planer nicht, im Gegenteil, es mußte zerstört werden, um frisch ans Werk für den profitablen Wiederaufbau gehen zu können. Da war es doch ganz praktisch, wenn ihnen auch noch genaue Listen und Karten von der UNESCO zur Verfügung gestellt worden sind.

Übrigens hatten die Warnungen einen ganz konkreten Hintergrund. Schon nach dem zweiten Golfkrieg 1991 wurden die Teile des Iraks systematisch geplündert, in denen die Zentralgewalt Saddam Husseins nichts mehr zu sagen hatte. Acht Regionalmuseen wurden geleert und mehrere Ausgrabungs­stätten in Mondlandschaften verwandelt. Insofern mußte doch eine Meldung erstaunen, wie sie am 3. April 2003 im „Darmstädter Echo“ zu lesen war. Dort wird ein australischer Militär­sprecher zitiert, der nachdrücklich darauf hinweis, wie fies Saddam und seine Republikanische Garde sind. Stellten sie doch Militär­fahrzeuge direkt vor den nun wirklich auch ästhetisch wunderbar anzuschauenden Palast von Ktesiphon in der Nähe von Bagdad, um siich zu schützen. Nur, um das klarzumachen: Die Invasoren beschuldigen die Verteidiger, sich nicht korrekt nach Völkerrecht abschlachten zu lassen, sondern sich hinter antiken Monumenten zu verstecken, während man selbst das personifizierte Völkerrecht ist. Da frage ich nur: steht der Palast noch? Nach der Logik der Plünderer und ihrer Förderer hätte eine kleine Bombe den notwendigen Kollateral­schaden erzeugt.

Das Argument zielt jedoch in eine andere Richtung. Meist wird von Invasoren behauptet, die bösen Feinde hätten sich hinter menschlichen Schutzschilden versteckt. Das Motiv der Invasoren wird dann gar nicht mehr hinterfragt. So funktioniert Medienpolitik. Dazu paßt der Auftritt von Colin Powell im UN-Sicherheitsrat. Sicherheits­halber entblödeten sich die USA und die UNO Hand in Hand nicht einmal, Picassos Antikriegsbild „Guernica“ zu verhüllen, damit Colin Powell auf seinem Weg in den Sicherheitsrat keine Gewissensbisse bekommen möge. Genauso paßt der Auftritt von Kriegsminister Donald Rumsfeld am 11. April 2003 nach Bekanntwerden der ja durchaus erwünschten Plünderungen, zu denen er sagte:

Es ist Unordentlichkeit, und Freiheit ist unordentlich. Und freien Menschen steht es frei, Fehler zu machen und Verbrechen zu begehen. [5]

Das war selbst für drei der neun Mitglieder des präsidialen Beraterstabs für Kulturgüter zuviel des Guten. Sie traten zurück. Einer der ernannten Nachfolger war pikanterweise ein Kunsthändler. Na sowas aber auch!

Doch Donald Rumsfeld machte etwas deutlich, was die Kommentatorinnen und Kommentatoren der internationalen Medien glatt überhört haben. Freien Menschen steht es frei, Verbrechen zu begehen, sagt der Vertreter einer verbrecherischen Macht. So ist das halt mit der Freiheit des Marktes. Schon der Vordenker des US-amerikanischen Kapitals Lester Thurow wußte seinen Yuppies ins Stammbuch zu schreiben:

Nirgends besteht eine Verpflichtung, sich um das Wohlergehen anderer zu sorgen. […] Will man diese kapitalistische Ethik ad extremum führen, ist auch das Verbrechen lediglich eine Spielart der wirtschaftlichen Aktivität […]. Es gibt keine gesellschaftliche Verpflichtung, sich an Gesetze zu halten. Es gibt überhaupt gar nichts, was man nicht tun »darf«. […] Das einzig wirklich existierende sind Markttransaktionen. [6]

Und was erfreut einen Kunstsammler mehr, als ein erhöhtes Angebot, welches die Preise reguliert? Insofern ist auch der dritte Golfkrieg nur Ausfluß einer Markt­transaktion. Mag sein, daß es eigentlich um Öl gegangen ist. Aber sogenannte windfall profits nimmt natürlich jeder gute Kapitalist und jeder zwielichtige Händler mit – und zwar ohne moralische Probleme.

 

Beutekunst

Womit wir beim Thema Beutekunst wären. Oder bei der Frage: wem gehört das Weltkultur­erbe? Ich habe ja den Verdacht, daß die Bösen immer die anderen sind, die uns unsere Raubgüter wegnehmen wollen.

Dennoch ist die Frage berechtigt. Wenn es richtig ist, daß kulturelle Errungenschaften meist aus Klassen­gesellschaften stammen und damit nie im Besitz einer Bevölkerungs­mehrheit waren, dann fragt sich nun, wie wenigstens die Nachfahren der Ausgebeuteten, Unterdrückten und Versklavten der Vergangen­heit heute etwas davon haben. Es stellt sich aber auch die Frage, ob und inwieweit die Kulturgüter früherer herrschender Klassen für uns heute einen Nutzen haben können. Was direkt Auswirkungen auf die Archäologie hat: in wessen Auftrag und mit welchem Interesse wird was denn eigentlich erforscht?

Welche Archäologin stellt sich denn anhand ihres Fundgutes ernsthaft die Frage nach der Entstehung und dem Funktionieren von Klassen­gesellschaften? Wir preisen die griechische und römische Antike und sind inzwischen so aufgeklärt, daß wir auch ganz multikulturell nicht nur Weltmusik konsumieren, sondern auch fremde Kulturen und deren Kunstschätze. Archäologie hat etwas mit Ideologie­produktion zu tun. Denn was erforscht, ausgegraben und gefunden wird, wird ja nicht unter dem Gesichtspunkt der Emanzipation, sondern der Herrschaft betrachtet. Sie ist deshalb nicht nutzlos. Es gibt einen wunderschönen Band aus dem Theiss Verlag über die Archäologie und Geschichte in Deutschland mit dem Titel „Spuren der Jahrtausende“. Er dokumentiert nicht nur unser Wissen über die Vergangenheit, sondern auch den ideologisch unideologischen Umgang mit derselben. So heißt es im Vorwort:

In der DDR wurden Versuche unternommen, die Ur- und Frühgeschichte in marxistischem Sinn zu interpretieren. Im Westen dagegen herrschten nach dem Missbrauch des Faches gegenüber allen ideologischen Versuchen starke Zurückhaltung und teilweise strikte Ablehnung vor; hier stand die möglichst präzise Veröffentlichung der Grabungs­resultate im Vordergrund […]. [7]

In „Spuren der Jahrtausende“ geht es deshalb auch um die Zusammen­stellung des heute bekannten Wissens über die Vergangenheit und damit erst recht um die Legitimation weiterer Forschungs­arbeiten. Irgendwo muß das Geld ja herkommen. Wenn die Geldgeber Konzerne sind, wie im Fall von DaimlerChrysler bei den Ausgrabungen in Troja, dann wird das eigene Selbst­verständnis wohl kaum befragt werden. Ideologiekritik beschränkt sich dann allenfalls auf immanente Probleme des Fachs, niemals auf die Gesellschaft und ihre Anforderungen.

Pergamon-Altar
Verschleppte Antike I: Der Pergamon-Altar (Ausschnitt).

Und dennoch ist ein solcher Band wie „Spuren der Jahrtausende“ nützlich, denn er gibt jeder Leserin und jedem Leser das notwendige Material an die Hand, das Versäumte nachzuholen. Etwa bei der Frage der Entstehung von Klassen­gesellschaften. Da es keine anthropologische Konstante ist, daß es Herrschende und Beherrschte gibt, Arme und Reiche, Könige und Bäuerinnen, sondern diese gesellschaftlich gemacht wurden (und werden), muß die Archäologie hier auch Antworten geben können. Und sie kann es; sie weiß es bloß nicht.

Das ist jedoch ein Grund, weshalb ich mich damit beschäftige. Wer die Zukunft gestalten will, muß nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Vergangenheit verstehen.

Daher nochmal die Frage: wem gehört das Ausgegrabene, das Erforschte, wem das Wissen und wem die Kulturschätze? Den Museen, die damit zur Ideologie­produktion beitragen? Wo wird denn demokratisch darüber debattiert und entschieden, was ausgestellt wird, wer erreicht werden soll, was damit ausgedrückt werden soll? Was sagt uns eine Figur, eine Tontafel, eine Keramikscherbe oder eine Rekonstruktion? Stellt sie das Leben dar, benennt sie die wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhänge? Ich denke, hier sind noch viele Fragen offen.

Absurd ist es dann aber auf jeden Fall, wenn Kunstsammler und ihre Lobby den freien Markt fordern. Absurd ist es auch, wenn sich Staaten und Museen um Beutekunst streiten. Nur – diese Absurdität ist vollkommen normal in einem ganz bestimmten Zusammenhang, nämlich in einer neoliberalen Marktwirtschaft. Deshalb ist es ungemein naiv, wenn – beispielsweise – elf österreichische Künstlerverbände am 25. April 2003 in einem Aufruf schreiben:

Wir fordern die Regierungen der Vereinigten Staaten und Grossbritanniens dazu auf, alles zur Wieder­herstellung und Rueckstellung der geraubten Kunstschaetze beizutragen, was durch internationale Gremien von ihnen verlangt wird. Und wir fordern die Regierungen der Vereinigten Staaten und Grossbritanniens insbesondere dazu auf, ernst zu machen mit ihren angeblichen Kriegszielen und alles fuer eine demokratische, friedliche, selbstaendige Entwicklung im Irak zu tun, wozu ebenso die Versorgung mit Lebensmitteln wie die medizinische Versorgung als auch die Erhaltung und Wieder­errichtung der gesamten zivilen und kulturellen Infrastruktur gehoeren.

Den Bock zum Gärtner machen – das ist alles, was dem empörten Teil der zivilisierten Welt zu dieser Barbarei einfällt. Auch die UN-Organisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur UNESCO zeigte sich von einer beeindruckend naiven Hilflosigkeit, als sie von den Tätern die Gründung einer eigenen Polizei-Einheit forderte.

Nebenbei bemerkt gibt es seit 1954 ein Haager Abkommen zum Schutz von Kunstschätzen während eines Krieges. Entstanden ist es aufgrund der Erfahrungen mit den Plünderungs­zügen der Nazis im besetzten Europa während des Zweiten Weltkrieges. Ihr ahnt es schon, aber es paßt: die USA und Großbritannien sind dieser Konvention nicht beigetreten. Wie praktisch! So können beide Staaten auch weder vom Irak auf Schadens­ersatz verklagt noch von einer virtuellen internationalen Gemeinschaft verurteilt werden.

 

Einseitiges Weltkulturerbe

Die UNESCO hat 1972 eine Konvention zum Schutz des Welt­kulturerbes und des Welt­naturerbes verabschiedet. 172 Staaten haben diese Konvention ratifiziert, und jetzt ratet einmal, welches der erste Unterzeichner­staat war: genau, die USA. Ganz offensichtlich sind sie an vorderster Stelle dabei, wenn es um die eigenen Interessen geht. Bis heute sind 730 Stätten in 125 Staaten durch die Konvention geschützt worden. Allerdings hat dieser Schutz die übliche Nord-Süd-Schlagseite. Denn die Konvention hat einen Haken.

Es ist kein internationales Expertengremium, das schützenswerte Stätten vorschlägt, sondern jede Regierung muß dies selbst tun. Und sie muß darlegen, wie sie den Schutz gewährleisten will, d. h. sie benötigt personelle und finanzielle Ressourcen, um einen entsprechenden Antrag stellen zu können. So überrascht es uns auch nicht, wenn wir feststellen, daß es in Deutschland 27 solcher Stätten schützenswerten Weltkultur­erbes gibt – etwa seit 1995 die Grube Messel –, aber in einer der Wiegen der Zivilisation, im Irak, nur eine einzige, nämlich die antike Stadt Hatra.

Löwe
Verschleppte Antike II: Löwe aus der monumentalen Prozessions­straße Nebukadnezars II. von Babylon.

Das liegt nicht am bösen Willen Saddam Husseins. Sondern hier schlagen die spezifischen Bedingungen eines Dritt­weltlandes gnadenlos zu. Der Irak trat der Konvention 1974 als einer der ersten Staaten bei und erreichte 1985 die Nominierung von Hatra. Angesichts der unzähligen schützenswerten Stätten – hunderte! – kann man und frau sich leicht vorstellen, daß der Irak schlicht mit der Aufgabe überfordert war, die für eine Nominierung geforderten Kriterien zu erfüllen. Es mußten Informationen zusammengetragen werden, Pläne zur Konservierung und zum Schutz der Stätten ausgearbeitet werden, usw. Seit 1991, also seit Beginn des Embargos, fehlten selbst hierfür die notwendigen Ressourcen. Die irakischen Behörden waren nicht einmal mehr in der Lage, die vorhandenen Stätten halbwegs zu pflegen; für den Nominierungs­prozeß zur Aufnahme in die Liste des Weltkulturerbes fehlte erst recht Geld und Personal. Immerhin schaffte es der Irak, eine Absichts­erklärung für einige der vielen hundert schützenswerten Stätten an die UNESCO zu schicken. Wahrscheinlich ahnte man, daß der nächste Krieg mit entsprechenden Zerstörungen unausweichlich war.

Es ist bezeichnend für den imperialistischen Kulturbetrieb, daß die reichen und mächtigen Staaten nur an sich und das eigene Kulturerbe denken und die armen und verwüsteten Länder auch hier weitgehend sich selbst überlassen. Sonst ist es schwer erklärbar, daß mehr als die Hälfte aller Stätten des Welt­kulturerbes in Europa und Nordamerika zu finden sind. Die Zahl 1 für den Irak spricht Bände. 1000 wäre wahrscheinlich angemessener. Somit ist das Welt­kulturerbe nicht frei von wirtschaftlichen Überlegungen und Zwängen. Die Aufnahme des mittleren Rheintals auf diese Liste im Jahr 2002 ist ganz sicher in touristischer Hinsicht lukrativ, sozusagen ein Standort­vorteil. Auch hier hinterläßt die neoliberale Wirtschafts­ideologie ihre Spuren.

Die Absichtserklärung des Irak kommt auf jeden Fall zu spät. Doch ich befürchte, es hätte auch nicht viel genutzt. Warum sollte sich die US Army mitsamt ihres Lakaien Tony Blair von einem Fetzen Papier beeindrucken lassen? Ich muß ehrlich sagen – eine Lösung für das Problem kann ich auch nicht anbieten.

Viele Kulturschätze mögen (vielleicht für immer) verloren gegangen sein, so manche in der National­bibliothek verbrannt, andere bei Raub­grabungen geplündert. Wobei das Problem weniger der Verlust eines möglichen Schatzes ist, sondern der unwiederbringliche Verlust des Fund­zusammenhangs, der es Archäologinnen und Archäologen erst ermöglicht, ein Fundstück historisch einzuordnen. Die systematische Zerstörung der Vergangenheit hinterläßt dann dauerhafte Spuren. Solange es den Kapitalismus und seine maroden marodierenden Begleit­erscheinungen gibt, solange wird das Weltkultur­erbe immer in Gefahr sein, egal, ob es auf einer Liste steht oder nicht.

 

Frühe Hochkulturen

Besprechung von: Frühe Hochkulturen, Konrad Theiss Verlag 2003, 364 Seiten, € 29,90, ab 1.1.2004 € 36,00, 2011 über den Verlag nicht mehr erhältlich.

In der Reihe Theiss Illustrierte Weltgeschichte ist der 364 Seiten starke Band mit dem Titel „Frühe Hochkulturen“ erschienen. Wobei der Blickwinkel etwas eingeengter ist, denn die zeitgleichen Entwicklungen im Industal oder in China sind vollkommen ausgeklammert. Es geht also um die frühen Hochkulturen des Vorderen Orients, um Ägypten und Mesopotamien, um Hethiter, minoische Kreter, Phönizier und abschließend die Perser.

Der Band ist von fachkundigen Autorinnen und Autoren geschrieben. Selbst wenn ein solcher Band mit einer Bandbreite von 3000 Jahren und mehreren Kulturen nicht viel mehr als einen generellen Überblick vermitteln kann, so ist dieser doch sinnvoll geordnet und in so manchem Detail erhellend. Angesichts des Anspruchs der Reihe Illustrierte Weltgeschichte, ein breites Publikum zu erreichen, ist dieser Band sogar außerordentlich gelungen.

Zum Beispiel setzt sich Heidemarie Koch mit dem Bild der angeblich unfreien Frauen im Perserreich auseinander, das ausgerechnet die griechischen Schriftsteller Platon und Plutarch verfaßt haben. Ausgerechnet deshalb, weil ja bekanntlich nicht nur in Athen die Frauen weggeschlossen wurden. Heidemarie Koch schreibt – und das verblüfft selbst angesichts heutiger Nichtquotierung und Lohnun­gleichheit trotz Frauenförder­plänen und Gleichstellungs­gesetzen –:

Durch die Verwaltungstäfelchen aus Persepolis können wir nun erstmals einen Einblick in das tägliche Leben der Perserinnen gewinnen, und zwar nicht nur das der Königinnen, sondern auch der ganz einfachen Frauen, die tagtäglich ihre Arbeit verrichten und außerdem ihre Familie versorgen mussten.

Buchcover Frühe HochkulturenDie doppelte Arbeitsbelastung für Frauen gab es also schon damals.

Um all ihren Aufgaben gerecht zu werden, mussten die Königinnen viel herumreisen und selbst an Ort und Stelle nach dem Rechten sehen. […] Die achämenidischen Königinnen waren also keineswegs nur hinter Haremsmauern verschlossen. Sie konnten sich vielmehr frei und auch ohne Begleitung des Königs im Lande bewegen und verfügten eigenständig über große Besitztümer.

Ergibt sich hier also schon ein völlig neues Bild der hoch gestellten Frauen im Achämeniden­reich, so wird dieses noch interessanter, wenn man die einfachen Frauen betrachtet. Gewöhnlich wird ja in der Geschichte von ihnen überhaupt nicht berichtet. Doch die zu ganz anderen Zwecken abgefassten Verwaltungs­täfelchen verraten uns auch über sie eine ganze Menge. So sehen wir, dass offenbar Männer und Frauen völlig gleich entlohnt wurden. […L]ediglich die Art der Tätigkeit und die Ausbildungsstufe waren ausschlaggebend für das Gehalt. So stand an der Spitze der Manufakturen der Schatzhäuser immer eine Frau. Und sie verdiente mehr als alle unter ihr beschäftigten Männer.

Allerdings wurden den einfachen Frauen wohl niemals Aufgaben übertragen, bei denen man im Lande herumreisen musste, wie zum Beispiel die vielen Rechnungs[…]prüfer. Offenbar sollten die Frauen immer in der Nähe ihrer Familien bleiben. Bei Geburt eines Kindes erhielten die Frauen einen fünfmonatigen »Mutterschafts­urlaub«. […] Wir können hier also Einblick nehmen in ein soziales System, bei dem der Familie und in ihr der Stellung der Mütter eine ganz besondere Bedeutung beigemessen wird, obwohl die Frauen so weit wie möglich mit in den Produktions­prozess einbezogen wurden. Dabei wurde ihre Arbeitskraft und ihre Ausbildung in gleicher Weise honoriert wie die der Männer. Das hätte man bei einer orientalischen Gesellschaft um 500 v. Chr. nicht erwartet. [8]

Leider verrät uns die Autorin nicht, ob die Mutterschaft gesamt­gesellschaftlich betrachtet nicht doch ein Nachteil war. Aber selbst im Vergleich zu heute scheint die Rolle der persischen Frauen fortschrittlich gewesen zu sein. Solche Details erfährt man und frau selbst in der gediegenen deutschen Schulbildung nicht.

Der Band ist der Brockhaus Bibliothek „Die Weltgeschichte“ entnommen, die vor einigen Jahren erschienen und inzwischen vergriffen ist. Dies tut dem Band „Frühe Hochkulturen“ keinen Abbruch, obwohl es sicher sinnvoll gewesen wäre, zumindest den Teil über die Staaten Israel und Juda im Lichte neuerer Untersuchungen gründlich zu überarbeiten. Obwohl der Autor Rainer Albertz schon vorsichtig mit der überlieferten Gründungs­geschichte Israels umgeht, bleibt er dennoch der Fiktion eines Großreiches unter David und Salomo verhaftet, das angeblich Palästina, Syrien und das heutige Jordanien umfaßt haben soll. Die Existenz eines solchen Reiches wird inzwischen gerade von israelischen Archäologen und Historikerinnen zunehmend in Frage gestellt. Für die Auskopplung aus der Welt­geschichte des Brockhaus wäre vielleicht zumindest eine entsprechende Anmerkung angebracht gewesen.

Interessant wäre auch ein eigenes Kapitel über den Staat Elam gewesen, der sich im Osten an die Siedlungszentren Babyloniens angeschlossen hat und eine eigene Kultur besaß. Dann wären die wichtigsten Kulturen versammelt gewesen, nur Urartu im Norden Assyriens hätte noch gefehlt. Dem SPIEGEL hingegen ist bei seinem Bericht über die Plünderungen im April ein ganz eigener Lapsus unterlaufen, der nur die Unwissenheit der Autoren Matthias Schulz und Bernhard Zand belegt.

Das archäologische Erbe –

heißt es dort

zumeist ungebrannter Ton, der zu Krümeln verfiel – zog Saddam häufig mit Beton wieder hoch. Das antike Susa ließ er wiederherstellen. Der größte antike Nachbau steht in Babylon. Es ist eine Prozessionsstraße mit hohen Fassaden, zulaufend auf eine Replik des Ischtar-Tors – das Original steht im Berliner Pergamon-Museum.

Susa, das ist die alte Hauptstadt von Elam und später auch eine der Hauptstädte des Perserreiches gewesen. Doch Elam liegt nun einmal im heutigen Iran und wurde selbst während des ersten Golfkrieges nicht von den Truppen Saddam Husseins erobert. Woraus folgt: auch im SPIEGEL nimmt man es mit der Wahrheit nicht so genau. Vielleicht hätte es den beiden Autoren weitergeholfen, wenn das entsprechende Kapitel in dem überaus lesenswerten Band „Frühe Hochkulturen“ aus dem Theiss Verlag zu finden gewesen wäre. Lesenswert vor allem wegen der beiden umfangreichen Darstellungen der Geschichte Ägyptens und Mesopotamiens, angefangen von den frühen Bauern­gesellschaften über die Sumerer, Sargon von Akkad, Babylon und Assyrien bis hin zum Neubabylonischen Reich unter Nebukadnezar und dem nachfolgenden Perserreich.

„Frühe Hochkulturen“ aus dem Theiss Verlag kostet 29 Euro 90.

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte

Heute zum Thema „Zerstörung der Vergangenheit“ anläßlich der US-gestützten Plünderungs­tour irakischer und internationaler Kunstinteressenten.

Diese Sendung wird am Dienstag um Mitternacht, nach dem Radiowecker mit Holger Coutandin um 8.00 Uhr und noch einmal ab 14.00 Uhr wiederholt. Hinweisen möchte ich noch auf den Irak-Bildband von Alfred Diwersy und Gisela Wand über das Land zwischen Euphrat und Tigris. Es ist vor zwei Jahren im Gollenstein Verlag erschienen und kostet 65 Euro. Auch dieser Band ist reich bebildert und gibt einen Eindruck vom nicht registrierten Weltkulturerbe des Irak. Der von mir vorhin erwähnte Palast von Ktesiphon kann dort auch bestaunt werden. [9]

Es folgt anschließend eine Sendung der Kulturredaktion von Radio Darmstadt. Am Mikrofon war Walter Kuhl.


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ANMERKUNGEN
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»» [1]   Bei der Überarbeitung dieser Seite acht Jahre nach der Sendung ist mir aufgefallen, daß Iluschuma ein Assyrerkönig gewesen ist. Ob ich anläßlich der Sendung die falsche Synastie oder den falschen Namen verwendet habe, kann ich nachträglich nicht mehr rekonstruieren.

»» [2]   Michael Bussmann / Gabriele Tröger : Türkei Westküste, Seite 206.

»» [3]   Zitiert nach: Kulturweltspiegel (Westdeutscher Rundfunk) vom 4. Mai 2003. Aufgrund der lärmenden Proteste kommerzieller Rundfunk­sender müssen die Grundversorger öffentlich-rechtlicher Meinungs­produktion ihre Inhalte von Zeit zu Zeit vernichten, damit nur noch die kommerzielle Wahrheit überlebt. Das soll nun nicht bedeuten, daß eine Seite wahrhaftiger als die andere berichtet, kommentiert oder suggeriert; vielmehr deutet sich hier eine Meinungshoheit an, die nur noch Profitgesichts­punkten unterliegt.

»» [4]   Karl Grobe-Hagel : Tschetschenien, Seite 121–123.

»» [5]   Zitiert nach: Patrick Martin : Wie und warum die Vereinigten Staaten Plünderungen im Irak förderten, 15. April 2003.

»» [6]   Lester Thurow : Die Zukunft des Kapitalismus, Seite 234.

»» [7]   Spuren der Jahrtausende, Seite 16–17.

»» [8]   Heidemarie Koch, in: Frühe Hochkulturen, Seite 338–340.

»» [9]   Vergleiche meine Besprechung in der Sendung über Ruinen und Hieroglyphen am 11. Januar 2002.


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