Kapital Verbrechen |
Norplant |
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Inhaltsverzeichnis |
| Kapitel 1 : Einleitung |
| Kapitel 2 : Bevölkerungspolitik |
| Kapitel 3 : Jubel |
| Kapitel 4 : Sumati Nair über Bevölkerungskontrolle |
| Kapitel 5 : Hormone, Pearl und sonstige Mythen |
| Kapitel 6 : Krieg gegen Frauen |
| Kapitel 7 : Schluß |
| Anmerkungen zum Sendemanuskript |
EinleitungJingle Alltag und Geschichte Sendungsankündigung auf Farsi Nachdem ich in den vergangenen Wochen und Monaten die kriegspolitischen
Ereignisse zum Thema meiner Sendungen gemacht habe und dabei unsere
blaßrosarot- Nein - leider gibt es noch von vielen anderen Ungeheuerlichkeiten dieser glorreichen Marktwirtschaft zu berichten. Wie so häufig, habe ich auch für mein heutiges Thema ein fundiertes Buch zu Rate gezogen, das ich euch unbedingt zur Lektüre empfehlen möchte. In meiner heutigen Sendung wird es um Verhütung gehen, genauer gesagt um die angeblich schöne neue Welt der so praktischen (vor allem für Männer praktischen) Langzeitverhütungsmittel. Doch was ist dran, fragt die Autorin des Buches - Bettina Bock von Wülfingen. Sind die unter der Haut getragenen Hormonbehälter, sind Spitzen und Impfungen der Weg zu unbeschwertem Leben und sicherem Empfängnisschutz? Ihr ahnt schon, daß diese Frage keine positive Antwort haben wird. Doch warum das so ist und warum ein derartiges Verhütungsmittel wie beispielsweise Norplant dennoch weltweit eingesetzt wird, darüber hat die Autorin eine Menge zu erzählen. Für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt begrüßt euch Walter Kuhl. Siouxsie and the Banshees : Love Out me |
Bevölkerungspolitik
Anders, als wir aus europäischer Sicht annehmen könnten, ist nicht die Pille die weltweit am häufigsten zur Schwangerschaftsverhütung verwendete Methode, sondern die Sterilisation. Zusätzlich zu über 100 Millionen Frauen im gebärfähigen Alter, die weltweit und überwiegend in den sogenannten Entwicklungsländern sterilisiert sind, leben weitere mindestens 15 Millionen Frauen mit Langzeitverhütungsmitteln, die eine sterilisierende Wirkdauer von 3 Monaten bis 5 Jahren besitzen. Norplant ist eines jener global eingesetzten Langzeitverhütungsmittel, deren gemeinsames Kennzeichen ist, daß sie sich gänzlich dem Zugriff der verhütenden Frau entziehen. Norplant besteht aus sechs kleinen, hormongefüllten Stäbchen, die operativ unter die Haut am Innenarm gesetzt werden und solange das Hormon abgeben und schwangerschaftsverhütend wirken, bis sie - wiederum operativ - entfernt werden. Die Geschichte der Entwicklung von Norplant ebenso wie der Diskurs um seine Nützlichkeit und Anwendungssicherheit, der den Erfahrungen der Anwenderinnen widerspricht, zeigt für den Bereich der Reproduktion [beispielhaft], mit welcher technischen Vorgehensweise in Laboren und an Schreibtischen vor einem ideologisch aufgeladenen Hintergrund Mythen produziert und reproduziert werden. Norplant wurde ausdrücklich mit dem Ziel entwickelt, dem dringenden Problem hoher Fortpflanzungsraten in den sogenannten Entwicklungsländern beizukommen. Dabei überkreuzen sich Mythen über [die] Frauen, über Fruchtbarkeit, über Armut und deren Ursachen mit Mythen über die sogenannten Entwicklungsländer, von wo aus die Überbevölkerung uns alle bedrohe. [1] Bettina Bock von Wülfingen gibt der Diskussion der Bevölkerungspolitikerinnen und -politiker über die angebliche Überbevölkerung dieser Erde in ihrem Buch Verhüten - überflüssig wenig Raum, denn sie konzentriert sich auf das Langzeitverhütungsmittel Norplant, dessen Wirkungen und vor allem dessen Nebenwirkungen. Damit sind nicht nur die medizinischen Probleme gemeint, sondern auch die sozialen, die sich aus der Anwendung von Norplant oder ähnlicher Verhütungsmittel ergeben. Norplant ist eine biomedizinische Antwort auf wirtschafts- und sozialpolitische Fragen mit wiederum physiologischen, gesundheitlichen und auch sozialpolitischen Folgen. [2] Bevölkerungskontrolle und Verhütungstechnologien richten sich bisher fast ausschließlich auf Frauen. [3] Wer sich mehr für Bevölkerungspolitik interessiert und wissen möchte, wer mit welchen Interessen hinter der Debatte um eine angebliche Überbevölkerung steht, der oder dem empfehle ich das ausgezeichnete Buch von Susanne Heim und Sabine Schaz Berechnung und Beschwörung. Das Konzept, zur Schwangerschaftsverhütung in der sogenannten Dritten Welt Implantate einzusetzen, wurde bereits Mitte der 60er Jahre formuliert. Damals konnte gezeigt werden, daß Hormone kontinuierlich aus Silikonkapseln in die Umgebung austreten können, womit ein passendes Containermaterial gefunden war. Als Vorgänger der Implantate sind die [Spritzen] anzusehen. Die bekanntesten Verhütungsspritzen sind Depo- Implantate dagegen stellen ein langfristiges Hormon- |
JubelZur Markteinführung von Implanon konnten wir folgenden Jubelbericht im Darmstädter Echo lesen, der sehr typisch und vor allem sehr unkritisch ist bei der Berichterstattung über Langzeitverhütungsmittel. Ein Nikolaus Dominik wußte folgendes zu berichten: Frauenärzte sprechen von guten Erfahrungen mit dem Hormonstäbchen, das es in Belgien, England, Österreich, der Schweiz und in den Niederlanden bereits gibt. Bei einer internationalen Studie mit 3000 Frauen kam es mit dem Hormonstäbchen bei 76.000 Monatszyklen zu keiner einzigen Schwangerschaft. Das sei deutlich sicherer als die Antibaby- Ihr werdet noch erfahren, was von solchen Studien und deren Aussagen zu halten ist. Bettina Bock von Wülfingen zeigt in ihrem Buch nämlich sehr klar, wo diese Studien geschönt worden sind und wo wissenschaftliche Standards umgangen oder gar nicht erst eingehalten worden sind. Wahrscheinlich weiß der Herr Nikolaus Dominik überhaupt nicht, worüber er schreibt. Er hat wahrscheinlich - wie dies leider auch vielzu häufig auf diesem Sender vorkommt - einfach eine Pressemitteilung übernommen oder an einem Pressegespräch teilgenommen, ohne sich eigene Gedanken zu machen. Ihm sei das Buch von Bettina Bock von Wülfingen ganz besonders empfohlen. Die weiß nämlich gerade von Implanon zu berichten, daß es zwar wenige, dafür allerdings oft unangenehme Erfahrungen mit diesem Präparat gibt. Da Implanon sowohl vom Verhütungsprinzip wie auch von seinen hormonellen Voraussetzungen her Norplant ähnlich ist, denke ich, ist es zulässig, das, was Bettina Bock von Wülfingen zu Norplant schreibt, auch auf Implanon zu beziehen. In Deutschland wurde Norplant 1995 zugelassen, befindet sich aber nicht im Handel. [...] Die Firma Wyeth (die die Zulassung beantragt hatte und deren US-Schwester Wyeth- Fast schon entlarvend hieß es, daß Deutschland kein Land sei, in dem Norplant Marktchancen habe. Begründung: Der Aufklärungsstand sei ein ganz anderer - woran sich die Frage anschließt: als wo? Erinnern wir uns: Norplant wurde für Frauen in Entwicklungsländern bzw. Frauen mit niedrigem Bildungsstand auch in den Metropolen entwickelt. Und direkt: Welche deutsche Frau würde sich denn sechs so Dinger mit einem Einschnitt implantieren lassen? |
Sumati Nair über BevölkerungskontrolleGute Frage. Vielleicht hilft uns zur vorläufigen Antwort eine Broschüre weiter, die 1992 in Deutschland erschienen ist. Die Inderin Sumati Nair beschreibt darin sehr eindringlich den Zusammenhang zwischen der Einführung neuer hormoneller Verhütungsmittel in den Ländern der Dritten Welt und dem Versuch, die weibliche Fruchtbarkeit zu kontrollieren. Auch hier geht es um Bevölkerungspolitik, genauer gesagt: um Bevölkerungskontrolle. Vieles von dem, wovon Sumati Nair schon damals geschrieben hat, findet sich auch im Buch von Bettina Bock von Wülfingen wieder. Umso erstaunlicher, daß sie die Broschüre von Sumati Nair nicht zu kennen scheint, wo sie doch sonst absolut kompetent über Norplant als Verhütungs- und als Kontrollmittel zu berichten weiß. Sumati Nair schreibt über Frauen als Versuchsobjekte männlicher Wissenschaftsforschung, die zudem gepaart ist mit kolonialistischer Arroganz, die eigentlich nur als rassistisch zu bezeichnen ist: International gelten bestimmte Normen bei medizinischen Versuchsreihen mit Menschen. [...] Die Normen schreiben vor, daß das Interesse von Wissenschaft und Gesellschaft keinen Vorrang vor dem Wohlergehen des Individuums haben darf. Jede Organisation oder Einzelperson, die Forschung mit Menschen betreibt, soll diese oder ähnliche Normen, die von Expertengremien festgelegt werden, einhalten. [...] Zu den wesentlichen Bestimmungen gehört, daß die Freiwilligen wissen müssen, daß sie an einem Experiment teilnehmen. Weiter soll gewährleistet sein, daß die Versuchspersonen im Falle von Schäden Schadensersatz erhalten. Es wird auch erwartet, daß freiwillige Versuchspersonen Informationen über das Medikament oder die Methode erhalten, bevor sie über eine Teilnahme entscheiden. Allerdings, die tatsächliche Praxis im Bereich der Verhütungsmittelforschung ist von diesen Idealen weit entfernt - und besonders in den Ländern der Dritten Welt. In Indien werden klinische Tests mit Verhütungsmitteln im wesentlichen an zwei Kategorien von Frauen durchgeführt. Eine Gruppe besteht aus Frauen der unteren Mittelklasse, die wenigstens ein Minimum an Schulbildung haben und sich aktiv um Verhütungsmittel bemühen. Sie erhalten keine Anreize in Form von Geld, aber die Verhütungsmittel werden kostenlos zur Verfügung gestellt. Einem Bericht zufolge erhalten sie eine gewisse Betreuung durch die Ärzte und ausreichende Nachfolgeuntersuchungen. Es ist allerdings nicht klar, ob sie wissen, daß die Methode, um die es geht, noch experimentell ist. [...] [Bei der anderen Kategorie von Frauen handelt es sich um] arme Frauen aus den Slums in Bombay und aus anderen städtischen Bereichen, die für die Testreihen mittels kleiner Geldsummen rekrutiert werden; Dorffrauen [oder] Frauen, die für eine Abtreibung in die staatlichen Zentren kommen und deren Teilnahme an den Tests oft als Vorbedingung für die Abtreibung verlangt wird. [...] Oft wurden unterernährte Frauen dazu überredet, an dem Test mit dem Nasenspray teilzunehmen. [Ein wichtiger] Aspekt ist die Tatsache, daß Frauen in den Versuchsreihen mit Hormonen verpflichtet werden, regelmäßig Blutproben für Forschungsarbeiten über die Wirkungsweise von Medikamenten abzugeben. In einem Zentrum in Bombay wurden 10 Rupien für jede Blutprobe bezahlt. Zweifellos sind Blutproben notwendig, wenn die Tests korrekt durchgeführt werden sollen. [Es stellt sich] allerdings die berechtigte Frage, ob es gerechtfertigt ist, Blut von unterernährten Frauen zu verlangen, die aufgrund ihrer Armut überhaupt erst an den Versuchen teilnehmen. [Ein Bericht] über die Testreihen mit Norplant im Dorf Basila in Bangladesh zeigt, daß Es scheint, daß die Frauen weder erfahren haben, daß sich Norplant noch in der Experimentierphase befand, noch wurden sie auf Kontraindikationen wie z.B. Schwangerschaft, Herz- Wenn Frauen allerdings Probleme mit den Kapseln hatten und sie entfernen lassen wollten, waren sie abhängig von der Entscheidung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Gesundheitszentrums, die sich oft weigerten. Frauen in den Ländern der Dritten Welt haben die wenigsten Informationen und die geringste Macht, um überhaupt entscheiden zu können, ob sie an einer Testreihe teilnehmen wollen oder nicht. Es gibt, oder so scheint es zumindest, wenige Gesetze oder ethische Richtlinien, die angewandt werden, um die Interessen und die Gesundheit von Frauen als freiwillige Versuchspersonen zu schützen. Das führt zu Mißbrauch und zur Ausbeutung von unterprivilegierten Frauen. [...] Aus den Veröffentlichungen über die Entwicklung dieser neuen Verhütungsmittel wird deutlich, daß verschiedene Methoden erprobt und bald verworfen werden oder daß neue Methoden erarbeitet werden aufgrund der Probleme mit vorangegangenen Verfahren. So ist z.B. Soweit ein Auszug aus der Broschüre von Sumati Nair über die Rolle von Frauen als Versuchskaninchen und Opfer bevölkerungspolitischer Wahnvorstellungen. Tracy Chapman : Heaven's Here On Earth |
Hormone, Pearl und sonstige MythenBettina Bock von Wülfingen beschreibt in ihrem Buch Verhüten - überflüssig in klarer und verständlicher Sprache die Wirkung verschiedener Hormone. Sie macht dabei deutlich, daß Hormone nicht allein den Sexualhaushalt beeinflussen, sondern auch andere Körperfunktionen. Ein Verhütungsmittel wie Norplant hat folgerichtig auch andere als die erwünschten Wirkungen. Weiterhin räumt sie mit dem Mythos auf, daß es männliche und weibliche Hormone gibt. Ihre Wirkung ist also geschlechtsneutral. Für die beabsichtigte Wirkung von Verhütungsmitteln hat sich ein einziges annähernd objektives Bewertungskriterium eingebürgert, der sogenannte Pearl-Index. Er gibt die Anzahl der Schwangerschaften an, die bei 100 Frauen auftreten, die eine bestimmte Verhütungsmethode in 12 aufeinanderfolgenden Zyklen benutzt haben. Allerdings stellt sich hier das in der Literatur offensichtlich ungenügend reflektierte Phänomen ein, daß nicht zwischen theoretischem Versagen und einem Versagen der Methode in der konkreten Anwendung unterschieden wird. So hat ein Kondom einen Pearl- Das schon erwähnte Implanon soll z.B. einen Pearl- Für Norplant wird für das erste Jahr ein Pearl- Hinzu kommt, daß der größter Unsicherheitsfaktor für die
Wirksamkeit von Norplant ganz offensichtlich das Körpergewicht ist, da
dieses darüber entscheidet, wieviel vom Wirkstoff Levonorgestrel auf die
Körpermasse verteilt wird. Bei Frauen mit einem Körpergewicht von 70
Kilogramm und mehr liegt der Pearl- Dennoch wird der Wirkstoff für alle Frauen gleich hoch dosiert; die zum Teil unterernährten Versuchskaninchen aus der Dritten Welt haben ja den Erfolg dieser Methode gezeigt. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker. Ja, wenn das denn so einfach wäre. Üblicherweise beginnt die Darstellung der Wirkungen eines Verhütungsmittels wie Norplant mit der Würdigung des [verhütenden] Effekts und führt dann, getrennt voneinander, zunächst die Wirkungsweise [...] und die festgestellten sogenannten Nebenwirkungen auf. Die auftretenden erwünschten Effekte (die zur Verminderung der Schwangerschaftswahrscheinlichkeit beitragen) sind jedoch größtenteils ursächlich für das Auftreten unerwünschter Wirkungen wie Blutungsstörungen bis hin zur Erhöhung des gesundheitlichen Risikos für lebensbedrohliche Erkrankungen - sie sind also untrennbar miteinander verquickt. Die Trennung von Wirkung (oder Effektivität) und Nebenwirkungen ist rein willkürlich. Sie hat keinerlei physiologische Basis und suggeriert eine Abhängigkeit oder Beiläufigkeit von unerwünschten Wirkungen, die Frauen, die solche Effekte erleben, kaum bestätigen würden. [8] Schlimmer noch - obwohl Norplant weltweit Millionen Frauen implantiert worden ist, wird zugegeben, daß man noch nicht vollständig verstanden hat, wie das Implantat Schwangerschaften verhindert. Aber ist das bei Versuchskaninchen auch wichtig? Bettina Bock von Wülfingen geht der Sache nach und belegt, daß die
angeblichen Nebenwirkungen geradezu symptomatisch für das Langzeit- Nun könnte man und frau denken, daß bei Millionen Nutzerinnen von Norplant auch aussagekräftige Studien über derartige Nebenwirkungen vorliegen. Dem ist jedoch nicht so. Die Betonung liegt, wenn es überhaupt untersucht wird, nicht auf der Bedrohung der Gesundheit der Anwenderinnen, sondern auf der Bedrohung [der] Anwendung [selbst], auf Risikofaktoren, die zum Abbruch der Norplant- Nun ist das kein Zufall. Die Autorinnen und Autoren der Studien sind des
öfteren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Population Council, das ja
ein bevölkerungspolitisches Interesse an Norplant hat. Bekannt ist zum
Beispiel, daß die Norplant- |
Krieg gegen FrauenGerade dieses Kapitel zur Qualität von Norplant- Bereits 1995 wurde von wissenschaftlicher Seite als Kritik an Norplant- Allerdings geht es ja gerade nicht um die Bedürfnisse von Frauen. Eine Feldstudie aus Bangla Desh faßte zusammen, daß es bei weniger als 3% der Versuchsteilnehmerinnen signifikante medizinische Probleme geben habe und Norplant daher als eine hoch effektive, sichere und akzeptable Verhütungsmethode für Frauen in Bangla Desh angesehen werden könne. Der britische Fernsehsender BBC faßte nach. Frauen mit starken Nebenwirkungen wurden fortgeschickt, obwohl oder gerade weil sie Norplant wieder loswerden wollten. Viele Versuchsteilnehmerinnen berichteten über teilweise sehr starke Sehstörungen, die auch mit den Wirkungen des verwendeten Hormons zusammenhängen. Außerdem habe das Militärregime Druck ausgeübt. Die geringe Abbruchrate zeigt demnach wohl eher die Angst und weniger die Tauglichkeit des Präparates. Ähnliches wird aus Haiti berichtet. In Brasilien - einem Land mit ohnehin geringen Standards - wurde eine bewilligte Studie durch das Gesundheitsministerium verboten, weil grundlegende internationale Sicherheitsnormen für Versuche an Menschen nicht eingehalten worden waren. Bei den brasilianischen Versuchskaninchen handelte es sich zumeist um Frauen aus den Favelas, unter ihnen befanden sich Unterernährte, Alkoholikerinnen, Raucherinnen und Diabetikerinnen, sowie Frauen, die bereits mehrfach psychiatrisch interniert waren. Doch kommen wir auf ein ganz anderes Argument zurück. Norplant sei ein geeignetes Verhütungsmittel für Frauen aus Drittweltländern. Denn wie Bettina Bock von Wülfingen zutreffend bemerkt, ist die Behauptung, Norplant sei für Länder mit geringer Ärztedichte geeignet, entweder skrupellos und zynisch - oder unbedarft. Der Behauptung, die Langzeit- Doch wozu das alles? Warum werden Frauen mit einem offensichtlichen untauglichen Mittel traktiert? Hier komme ich bzw. kommt Bettina Bock von Wülfingen wieder auf Bevölkerungspolitik zu sprechen. Indonesien beispielsweise hat sich zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2050 das Bevölkerungswachstum auf Null zu senken. Entsprechend werden [...] Quoten erlassen und Dörfer, die sie nicht einhalten, sanktioniert. Potentielle Norplant- Der Vorteil von Norplant liegt auf der Hand: Man kann einen Mann nicht
mit dem Gewehr zwingen, ein Kondom zu benutzen, so ein Zitat aus dem damals
noch indonesisch besetzten Osttimor. In Finnland gelten asoziale Frauen als
potentielle Norplant- Da diese Frauen gleichzeitig ganz nach Evas Vorbild unverantwortlich handeln, müssen sie wegen ihrer Schuld, nämlich Kosten zu verursachen, indem sie Kinder in die Welt setzen, bestraft werden. Die Frauen, deren Reproduktion durch Gerichtsurteil unterbunden wird, werden nicht wegen ihres kriminellen, sondern wegen ihres reproduktiven Verhaltens bestraft. Gebären ist also bei manchen Frauen ganz offensichtlich ein kriminelles Verhalten. Jedenfalls wurde festgestellt, daß gerichtliche Anordnungen und Wohlfahrtsmaßnahmen im Zusammenhang mit der Anwendung von Norplant primär auf women of color mit niedrigem Einkommen zielen. Doch in Amiland ist keine Idee schwachsinnig genug, als daß sie nicht Befürworterinnen und Befürworter findet. So wurde schon vorgeschlagen, jedem Mädchen ab 12 Jahren Norplant einzusetzen. Denn damit kommen wir zum nächsten Schritt: die absolute Kontrolle über Empfängnisverhütung oder Befruchtung aus dem Reagenzglas. Wer darüber dann entscheidet, können wir uns wohl alle denken. Gute Chancen hat da eine Impfung gegen Schwangerschaft. Womit wir bei der Erkenntnis angelangt sind, daß schwanger sein bedeutet, krank zu sein. Der Gedanke ist uns - glaube ich - allen bekannt. Nein, auch hier kann man und frau nicht so dumm denken, wie es andere schon umsetzen. Von den Philippinen wird berichtet, daß Impfungen gegen Schwangerschaft ohne Wissen der betroffenen Frauen beiläufig bei einer Massenimpfung gegen Tetanus durchgeführt worden sind. Norplant als Bevölkerungspolitik - mit dem Ziel, zukünftige unerwünschte Mitesser oder mögliche Aufrührer erst gar nicht das Licht der Welt erblicken zu lassen. Mehr hierzu und vor allem dazu, wie Hormonpräparate als Verhütungsmittel angepriesen und durchgesetzt werden, in dem äußerst lesenswerten Buch Verhüten - überflüssig von Bettina Bock von Wülfingen aus dem Talheimer Verlag. Es kostet 17 Euro. Anne Clark : Our Darkness |
SchlußJingle Alltag und Geschichte Zum Schluß noch einmal zusammengefaßt die Bücher und
Broschüren, auf die ich in dieser Sendung über das Langzeit- Zum einen das von Susanne Heim und Ulrike Schaz geschriebene Buch über Bevölkerungspolitik. Es heißt Berechnung und Beschwörung und ist 1996 im Verlag der Buchläden Schwarze Risse und Rote Straße herausgekommen. Es ist wahrscheinlich eines der besten Bücher, das zum Thema Bevölkerungspolitik und Bevölkerungskontrolle erschienen ist. Dann die Broschüre mit dem Aufsatz von Sumati Nair mit dem Titel
Imperialismus und die Kontrolle der weiblichen Fruchtbarkeit. Diese
Broschüre ist der Band 8 der Zeitschrift Und schließlich das dieses Jahr im Talheimer Verlag erschienene Buch von Bettina Bock von Wülfingen mit dem Titel Verhüten - überflüssig. Ihr Thema ist Medizin und Fortpflanzungskontrolle am Beispiel Norplant. Das Buch ist übrigens gleichzeitig Band 7 der Schriftenreihe der Frauen in Naturwissenschaft und Technik. Es kostet 17 Euro. Der Talheimer Verlag hat jedoch nicht nur dieses interessante Buch verlegt. Hierüber sprach ich auf der Frankfurter Buchmesse mit Welf Schröter, der zusammen mit Irene Scherer den Talheimer Verlag betreibt. Und weil es thematisch dazu gehört, sprach ich mit ihm auch über die Notwendigkeit von Frauenemanzipation und Frauenförderung - gerade heute. Fragen, Anregungen oder Kritik könnt ihr wie immer auf meine Voice- Gleich folgt Gehörgang mit Musik aus Darmstadt. Doch zunächst das Interview mit Welf Schröter. Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt war Walter Kuhl. |
| ANMERKUNGEN |
| [1] Bettina Bock von Wülfingen : Verhüten - überflüssig, Seite 7-8 » [1] |
| [2] Bettina Bock von Wülfingen, Seite 10 » [2] |
| [3] Bettina Bock von Wülfingen, Seite 11 » [3] |
| [4] Bettina Bock von Wülfingen, Seite 25-26 » [4] |
| [5] Nikolaus Dominik, Darmstädter Echo vom 10.6.2000 » [5] |
| [6] Bettina Bock von Wülfingen, Seite 44 » [6] |
| [7] Sumati Nair : Imperialismus und die Kontrolle der weiblichen Fruchtbarkeit, Seite 21-23 » [7] |
| [8] Bettina Bock von Wülfingen, Seite 67 » [8] |
| [9] Bettina Bock von Wülfingen, Seite 96 » [9] |
| [10] Bettina Bock von Wülfingen, Seite 105 » [10] |
| [11] Bettina Bock von Wülfingen, Seite 119 » [11] |
| [12] Vom abschließenden Interview mit Welf Schröter über den Talheimer Verlag und dessen Absichten liegt keine Mitschrift vor. » [12] |
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