Der 11. September |
Einstürzende Neubauten oder: |
Mörder unter sich |
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Inhaltsverzeichnis |
| Kapitel 1 : 11. September 2002 |
| Kapitel 2 : 11. September 1973 |
| Kapitel 3 : Gespiegelte Lebenslügen |
| Kapitel 4 : Bilder des Krieges |
| Kapitel 5 : 12. September 1980 |
| Kapitel 6 : Schröder deckt Putin |
| Kapitel 7 : Ein Tag im September |
| Kapitel 8 : Schluß |
| Anmerkungen zum Sendemanuskript |
11. September 2002Vorspann: Siouxsie and the Banshees Poppy Day
Jingle Alltag und Geschichte 11. September 2002 weltweiter Tag der Betroffenheit, der Fernsehbilder, der Nebelschwaden und der Legitimation von Terror und Krieg. Vor genau einem Jahr flog das erste entführte Flugzeug in die Zwillingstürme des World Trade Center. Was zunächst wie ein Unfall aussah, geriet schnell zum medial inszenierten Massenmord. Live wurde weltweit das zweite Flugzeug beim Anflug auf den anderen Zwillingsturm gezeigt. Alle waren dabei gewesen. Ein Jahr später werden die Bilder aus den Archiven gekramt und wiederverwertet. Am 11. September 2001 starben nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation zehnmal mehr Kinder an Hunger oder leicht heilbaren Krankheiten, als in den vier Flugzeugen, den beiden Zwillingstürmen und dem Pentagon zu Tode kamen. Von diesen Kindern gibt es keine Bilder. Diese Kinder sind den Betroffenheitsfanatikern aus aller Welt völlig egal. Sind halt Bimbos. Zählen nicht. Bei diesen Kindern müssen nicht einmal mehr Sterilisationsprogramme, Familienplanung und Bevölkerungspolitik nachhelfen. Sie krepieren freundlicherweise auch ohne den Einsatz modernster Technik. Der Markt ist unbarmherzig; und wer nicht kaufen kann, soll halt verhungern. Natürlich wissen alle, daß weltweit genügend Lebensmittel hergestellt werden, um alle Menschen dieser Erde ausreichend und wohlschmeckend zu ernähren. Natürlich wissen alle, daß die Fabriken dieser Erde genügend Material bereit stellen könnten, um allen Menschen dieser Erde menschenwürdigen Wohnraum, sauberes Wasser oder die Errungenschaften der Spaßgesellschaft zur Verfügung zu stellen. Aber profitabler ist es, zehn Millionen Kinder sterben und eine Milliarde Menschen in Armut und Elend vegetieren zu lassen. Profitabler ist es, zu deregulieren und die Sozialstandards zu senken. Edmund Stoiber beschwört den Dumpinglohnsektor als segensreich für den Mittelstand. Wie die Menschen von Dumpinglöhnen leben sollen, ist ihm egal. Darin unterscheidet er sich jedoch nicht von Guido Westerwelle, Gerhard Schröder oder Fritz Kuhn. Der Markt wird es schon richten. Also gut, reden wir am 11. September 2002 über den Markt. Reden wir über Gewalt, denn Markt ist ohne Gewalt gar nicht denkbar. Reden wir über die Bilder des Krieges und über die Bilder, die nicht gezeigt werden. Im deutschen Fernsehen werden derzeit keine verhungernden Kinder in epischer Breite immer und immer wieder gezeigt. Es werden keine Bilder als Endlosschleife abgespult, die US Es werden keine Bilder vom Mord an einem Flüchtlingstreck im Kosovo 1999 gezeigt, als ein USamerikanischer Kampfpilot auf Befehl seiner Dienststelle munter hineinschoß und Dutzende Albanerinnen und Albaner tötete, die in die falsche, die nicht erwünschte Richtung geflohen waren. Die vor der NATO geflohen waren. Nein, statt dessen wird gelogen. Bilder lügen. Vor allem durch die Bilder, die nicht gezeigt werden. Das ist Zensur und keine und niemanden scheint es zu stören. Einstürzende Neubauten sind halt interessanter. Diese Sondersendung der Redaktion Alltag und Geschichte stellt den 11. September als etwas anderes dar. Ich werde mich im Verlauf der folgenden Stunde bemühen, hinter den Spiegel der Verlogenheit schauen. Diese Sendung hat einen Titel: Einstürzende Neubauten oder: Mörder unter sich. Am Mikrofon ist Walter Kuhl. Albert Hammond : I Don't Wanna Die In An Air Disaster The engines spit out fire |
11. September 197311. September Eine Million Menschen marschieren [1972] durch die Straßen Santiagos, als Zeichen der Unterstützung Salvador Allendes und gegen die Mumien des Bürgertums, die so tun, als lebten sie, die so tun, als seien sie Chilenen. Ein Volk in Flammen, ein Volk, das die Gewohnheit durchbricht, zu leiden: Auf der Suche nach sich selbst holt sich Chile sein Kupfer zurück, den Salpeter, die Banken, den Außenhandel und die Industriekonzerne. Und es wird auch die baldige Nationalisierung der Telefone der ITT angekündigt. Bezahlt werden soll das bißchen, das sie den Steuererklärungen der ITT zufolge wert sind. [3] Doch Salvador Allende, der in den drei Jahren seiner Präsidentschaft immer wieder Zugeständnisse machte und hoffte, durch eine appeasement Er lebt gern gut. Wiederholt hat er gesagt, daß er weder zum Apostel noch zum Märtyrer geeignet ist. Doch er hat auch gesagt, daß es sich für all das zu sterben lohnt, ohne daß es sich nicht lohnt, zu leben. Die putschenden Generäle fordern seinen Rücktritt. Sie bieten ihm ein Flugzeug, um Chile zu verlassen. Sie drohen ihm, daß der Präsidentenpalast zu Lande und aus der Luft bombardiert werden wird. Der Präsident spricht über Radio, zum letzten Mal: Ich werde nicht zurücktreten. [...] Sie haben die Gewalt in ihren Händen. Sie können uns unterjochen, doch läßt sich die Entwicklung der Gesellschaft weder durch Gewalt noch Verbrechen aufhalten. [4] Tausende Systemgegner wurden damals umgebracht oder verschwanden, Zigtausende wurden unter anderem in Fußballstadien interniert. Auf die knallharte Tour wurden die Grundlagen der neoliberalen Wirtschaftsordnung geschaffen. Denn Augusto Pinochet rief die Chicago Boys ins Land, eine ultrareaktionäre Truppe aus der Lehre eines gewissen Milton Friedman. Und die Chicago Boys leisteten ganze Arbeit. Die Löhne fielen rasant, was ja auch einfach war. Milton Friedman erhielt konsequenterweise für die Erfolge seiner neoliberalen Theorie den Nobelpreis. Wenn es der Markt nicht richtete, rief der Markt ganz marktkonform nach der Gewalt des Staates. Das Militär war zur Stelle. Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter wurden ermordet, verschwanden oder wurden jahrelang eingesperrt. Die Wirtschaft florierte die Wirtschaft der Profiteure jedenfalls. Noch nie konnte in Chile so gut ausgebeutet und ausgeplündert werden. Ein Putsch ist eben ein profitables Geschäft. Und der Ziehvater von Edmund Stoiber, ein gewisser Franz Josef Strauß, reiste 1977 in dieses El Dorado und sprach: Ich habe keinen Zweifel, daß Chile ein demokratisches und freies Land ist und vor allem, weil es in den vergangenen vier Jahren fundamentale Prinzipien der deutschen Demokratie übernommen hat: die Disziplin, den Respekt und die Hilfsbereitschaft. Sorgen Sie dafür, daß die Freiheit in Ihrem Lande [...] erhalten bleibt. [...] Es ist einfach Unsinn, davon zu reden, daß in Chile gemordet und gefoltert würde. [5] Edmund Stoiber fand dies schon damals nicht anstößig; und selbstverständlich hatte er auch kein Problem damit, daß Augusto Pinochet ein Prozeß in England erspart geblieben ist. Die Reichen und Mächtigen dieser Welt sorgen schon aus ganz komplizenhaften Gründen dafür, daß Ihresgleichen nur unter ganz besonderen Umständen vor Gericht gezerrt werden. Milošević zum Beispiel, der den Markt nicht so richtig hatte öffnen wollen. Ein Verbrechen. Saddam Hussein etwa, der es gewagt hat, nicht nur im US Für Pinochet und seinesgleichen findet sich im Zweifelsfall die Formel des fortgeschrittenen Alters und des Gesundheitszustandes. Der Markt macht normalerweise keine derartigen Kompromisse. Aber bei Massenmördern wird augenzwinkernd schon einmal das eine oder andere Auge zugedrückt. Man weiß ja nie, ob man einander nicht doch noch braucht. |
Gespiegelte LebenslügenAm 16. November des vergangenen Jahres [2001] erzwang Bundeskanzler Gerhard Schröder im Bundestag die uneingeschränkte Solidarität mit den USA. Nach dem 11. September war klar: it's show time it's war time. Die USA, die selbst noch die Taliban an die Macht gebracht hatten, eines der wohl chauvinistischsten und frauenverachtendsten Regimes der letzten hundert Jahre, beschlossen, nach Vietnam, Irak und Jugoslawien ein weiteres Land in die Steinzeit zurückzubomben. Solange die Geschäfte stimmen, paktiert man lieber mit Mördern als mit Demokraten. Das machen nicht nur die USA so. Das ist Marktstandard. Und der Bundeskanzler, der ein ganz eigenes imperialistisches Interesse daran hatte, die Bundeswehr endlich weltweit einsetzen zu können, nahm den Anlaß dankend auf und zwang die olivgrüne Friedenspartei, Farbe zu bekennen. Und verlogen, wie diese Partei ist, was sie ja auf ihrem hessischen Parteitag vor kurzem noch einmal eindrucksvoll bestätigte, konnte sie dieser inneren Zerreißprobe nicht widerstehen. Fischer vorneweg. Die Gutmenschen an die Front. Toncollage, bestehend aus OTon Kerstin Müller, GRÜNE: Macht wird in einer Demokratie auf Zeit verliehen; die Moral ist unveränderbar. Wir GRÜNE beteiligen uns an diesem Regierungsbündnis, um eine Politik zu verwirklichen, die auf festen, unveränderlichen moralischen Überzeugungen begründet ist. Und die Koalition hat eine eindrucksvolle Bilanz vorzuweisen. Wir haben diese Republik verändert, meine Damen und Herren. Kraftwerk: Der junge Mann betrat eines Tages den Spiegelsaal OTon Peter Struck, SPD: Ich bin fast sicher, daß dir Bundeswehr dort nur noch gebraucht wird, um mitzuhelfen, die humanitäre Versorgung zu organisieren. Kraftwerk: Manchmal sah er sein wirkliches Gesicht OTon Joschka Fischer, GRÜNE: So, wie wir in der innerstaatlichen Politik Gewalttäter und Gewalttaten versuchen, möglichst vorbeugend zu verhindern, aber wenn Gewalttäter auftreten, wenn schwere Verbrechen drohen oder gar begangen werden, dann muß durchgegriffen werden, und das gilt auch für die Weltinnenpolitik. Kraftwerk: Manchmal verliebte er sich in sein Spiegelbild OTon Guido Westerwelle, FDP: Was Sie nur dadurch bewirken konnten, Herr Bundeskanzler, weil Sie den GRÜNEN mit dem Verlust ihres Dienstwagens gedroht haben. Und darauf wollt ihr nicht verzichten. Ihr steigt heute aus der Friedensbewegung auf den Feldherrnhügel, und euer Fall wird ganz schön tief sein. Kraftwerk: Er schuf die Person, die er sein wollte, OTon Gregor Gysi, PDS: Und es wird höchste Zeit, daß hier ein anderes Regime kommt. Was übrigens vorausgesetzt hätte, daß man über Jahre die demokratischen Kräfte Afghanistans bereits unterstützt hätte, was eben genau nicht geschehen ist. Hier wird in diesem Zusammenhang sehr viel über Frauenrechte gesprochen. Nur dennoch bin ich dagegen, die Dinge hier zu verschieben. Es wird doch nicht wegen der Frauenrechte bombardiert, sondern es wurde bombardiert wegen des Anschlags in New York und Washington. Denn wenn es um die Frauenrechte ginge, wieviele Länder wollen Sie denn noch bombardieren, bis sie die durchgesetzt haben? Das kann nicht der Weg sein, um Frauenrechte durchzusetzen, sondern nur die Stärkung der demokratischen Kräfte. Kraftwerk: Der Künstler lebt im Spiegel OTon Michael Glos, CSU: Islamische Extremisten werden von Ihnen nicht entschlossen ausgewiesen, trotz aller martialischen Reden des Bundesinnenministers und sie werden auch nicht von Deutschland ferngehalten. Kraftwerk: Sogar die größten Stars machen sich zurecht im Spiegelglas. OTon Michael Glos, CSU: Erpressung kann Überzeugung nicht ersetzen. Ein erpreßtes Ergebnis ist ein verlogenes Ergebnis. Kraftwerk: Sogar die größten Stars leben ihr Leben im Spiegelglas. OTon Heidemarie Wiczorek Die Aufgabe besteht darin, die Menschen von Abhängigkeit und Unterdrückung, sowie von Hunger und Not zu befreien. |
Bilder des KriegesDer folgende Text wurde aus dem Sendemanuskript von Katharina Mann und Niko Martin übernommen: Die Muhme Sprecher: Niko Martin:
Als im letzten Jahr am Nachmittag des 11. September die Bilder von den in sich zusammenstürzenden Zwillingstürmen in New York in unsere Wohnzimmer flimmerten, waren diese Bilder vielen merkwürdig vertraut. Meist brauchte es mehr als nur eine Schrecksekunde, um zu begreifen, dass das Abbilder von der Realität waren — und nicht eine Animation für einen Horror Wenn dann tatsächlich etwas Schlimmes passiert, dann braucht es meistens gar nicht lang, bis Georg Seeßlen und Markus Metz haben ein interessantes Buch über diese Zusammenhänge geschrieben: Sprecherin: Katharina Mann: Mit Georg Seeßlen und Markus Metz haben sich zwei ausgesuchte Fachleute und Kenner der Film und Medienszene an die Arbeit gemacht, den Zusammenhang herauszuarbeiten zwischen den realen Katastrophen einerseits — andererseits ihrer Darstellung wie auch Vorwegnahme in den Bildmedien Film und Fernsehen. Georg Seeßlen ist Film und Kulturkritiker und Mitherausgeber der zehnbändigen Markus Metz arbeitet als freier Journalist und Autor vorwiegend für die ARD-Hörfunksender mit den Schwerpunkten In dem vorliegenden Buch Worum geht es im Kino denn? — Richtig, es geht um die Inszenierung von Tragödien. Und Krieg ist natürlich sehr viel mehr Tragödie als ein bloßer Unglücks oder Katastrophenfall. Denn im Krieg gibt es mindestens zwei Gegner, im Krieg hat Gewalt einen Sinn. Während es bei Unglücksfällen und Katastrophen nur Opfer gibt; die auftretende Gewalt ist eine ziellose und sinnlose Gewalt. So werden im Kinofilm auch Unglücksfälle und Katastrophen zu Kriegen. Es ist dann eben die Natur, die vom Menschen vergewaltigt und ausgebeutet wurde und wird, die irgendwann einmal — zurück schlägt. Nun gibt es Täter zu der dargestellten Gewalt: die Natur, höhere oder finstere Mächte, So verwundert es nicht mehr, wenn uns die Bilder von realen Katastrophen und Kriegen seltsam vertraut vorkommen, denn die Erzählungen des Kinos haben alles das längst vorweggenommen. Die Bilder haben sich festgesetzt im kollektiven Unterbewussten, das heißt: im Unterbewussten von jeder und jedem Einzelnen — aber immer mit der gleichen archaischen Bedeutung von Schuld und Sühne, die den Bildern in der großen Tragödienmaschinerie des Kinos mitgegeben wurde. Die Autoren beschreiben die Entwicklung der Action, Kriegs und Horrorfilme seit der Entstehung des Kinos bis zur Gegenwart. Dabei lässt sich durchaus eine Entwicklung feststellen, die auch im Zusammenhang steht mit der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung in den jeweiligen Entstehungsländern — aber doch erzählt das Kino andrerseits immer wieder die selbe menschliche UrTragödie von Schuld und Sühne. Dabei kommt den Autoren das Verdienst zu, die Filme, die als Beispiele benannt werden, so auf ihren dramaturgischen Gehalt zu reduzieren, dass auch eine wie ich etwas damit anfangen kann, die all diese Filme nicht gesehen hat. Ein weiterer Strang im Buch ist die Darstellung der realen Kriege in den Medien. Hier ist die Entwicklung keineswegs linear, dass mit den verbesserten technologischen Möglichkeiten auch immer mehr und bessere Bilder in unsere Wohnstuben kämen. Was auch immer Seither werden die Abbildungen der Kriege wieder ungenauer. Die Bildmedien, allen voran das Fernsehen, werden zur Propaganda genutzt, aber nicht zur Kriegsberichterstattung. Und auch in der Propaganda sehen wir in endlosen Schleifen immer die gleichen Bilder. Das hat sicherlich ganz banal mit Zensur zu tun. Das will sich kein Kriegsherr ein weiteres Mal geben, dass der Krieg an der Heimatfront verloren wird, weil die Medien zu genau und detailliert berichtet haben. Es hat aber auch mit der veränderten Struktur der Medien zu tun. Von Dieser Zusammenhang liefert uns einen weiteren Erklärungsansatz, warum die Tragödie in New York in den Medien so schnell zum Rührstück wurde, zur Und die Medien sind global geworden, dank Satelliten Hiermit kommen wir zu einem weiteren Aspekt in der Entwicklung der Kriegsführung, die von der Entwicklung der Medien beeinflusst und bedingt wird. Im Buch ist es der letzte Abschnitt. — Die Entwicklung vom konventionellen Krieg zum Medienkrieg, zum Informationskrieg, zum Cyberwar. Dabei ist es in der Geschichte des Führens von Kriegen durchaus nichts Neues, dass Information, die Verfügbarkeit und die Aufbereitung von Information immer schon eine kriegsentscheidende Rolle gespielt haben. Die Autoren zitieren hier den chinesischen General und Philosophen Sun Zi, der schon vor fast 2500 Jahren schrieb: Dass das wohl ein Fehlcheck ist, vermitteln die Autoren im Folgenden ziemlich deutlich. Zunächst einmal fordert die zunehmende Einbindung von Informationstechnologien eine Umstrukturierung bei den Militärs. Um zu funktionieren, braucht der moderne Informationskrieg Spezialisten, die diese Informationen verarbeiten können, und nicht mehr nur die Soldaten als bloße Befehlsempfänger. Die Hierarchien in den Militärs verflachen, das Gefüge wird chaotisiert. Gleichzeitig geht die Tendenz immer stärker hin zu sogenannten Wo das System dieser Die Autoren beenden ihr Buch mit folgenden Sätzen: Alles in allem ein rundes und sehr interessantes Buch. Zu Beginn hätte ich, gerade von einem Autor wie Georg Seeßlen, etwas mehr zur ökonomischen Verflechtung erwartet. Dafür gehen die Autoren aber umso deutlicher ein auf die psychologischen Komponenten, auf die Funktion, die Kriegs und Katastrophenbilder haben: in unserer westlichen Gesellschaft, für unsere Wahrnehmung und für unsere Selbstdefinition als Subjekte in dieser Gesellschaft. So ist es nicht weiter schädlich, dass auf die ökonomischen Zusammenhänge so relativ wenig eingegangen wird. Was aber ziehen wir für Konsequenzen, was lernen wir aus dem Buch? Nichts. Es gibt keine Konsequenzen, denn in unserer medialisierten Wirklichkeit gibt es kein Entrinnen von diesen Mechanismen. So bleibt uns als positiver Ausweg nur, uns darauf zu besinnen, dass es noch etwas anderes gibt als die Wahrheit dieser Gesellschaft. Dazu müssen wir aber unser gesammtes abendländisches Normen und Wertegefüge in Frage stellen — und dazu braucht es sicherlich sehr viel mehr, als nur ein Buch zu lesen. Trotzdem ist das Lesen dieses Buches sicherlich ein guter Einstieg, denn es klärt ein Stückchen darüber auf, Sprecher: Niko Martin
Einstürzende Neubauten : Haus der Lüge |
12. September 198012. September Doch selbst die zweitgrößte NATO Das Problem der Integration der Türkei in die Europäische Union sind nicht die Menschenrechtsstandards. Die FTypen |
Schröder deckt PutinO-Ton Gerhard Schröder, TV Das wär kein gutes Bild, das wir machten, wenn wir auf dem Rücken von Menschen, die sich nicht wehren können, politische Auseinandersetzungen führten. Natürlich ging es beim Krieg gegen Afghanistan nicht darum, Menschenrechte und Demokratie einzuführen. Dies hätte man und frau schon vorher tun können, wie Gregor Gysi dem Menschenrechtsaußenminister und seinem Kanzlerspezi richtig entgegenhielt. Es ging auch nicht darum, die Täter des 11.September zu bestrafen. Die hatte man ja zuvor erst genau dazu ausgebildet. Nein, es geht auch hier vor allem ums Geschäft; und das Geschäft findet in den zentralasiatischen Öl und Erdgasgebieten statt. Doch der Krieg hatte dennoch unmittelbare Auswirkungen auf benachbarte Regionen. Tschetschenien etwa. In zwei Kriegen seit 1994 versucht Rußland, die abtrünnige Republik gewaltsam zurückzuerobern. Erst Jelzin und dann Putin sind verantwortlich für rund 100.000 tote Zivilistinnen und Zivilisten. Doch der 11. September ließ den Bundeskanzler nachdenklich werden. Denn was kümmern ihn ein paar tschetschenische Bimbos, wenn's ums Geschäft geht? Nein, Schröder ist kein Rassist. Nur Politiker. Ein differenzierter Politiker, wenn zwischen Menschenleben und Profit abgewogen werden muß. Deswegen ist er ja auch Bundeskanzler. OTon Gerhard Schröder, 25.09.2001, auf einer Pressekonferenz; neben ihm steht der russische Präsident Wladimir Putin und amüsiert sich. Ich habe gemeint, daß es in Bezug auf Tschetschenien zu einer differenzierteren Bewertung der Völkergemeinschaft kommen muß und sicher auch kommen wird. Anne Nivat ist eine französische Journalistin, die vor knapp drei Jahren [1999 / 2000] den tschetschenischen Winter und die russische Besatzung erlebt hat. Ihr im Rotpunktverlag erschienenes Buch Mitten durch den Krieg ist eine erstklassige Quelle zur differenzierten Bewertung der Haltung Gerhard Schröders. Hier ihr Erfahrungsbericht: Auszug aus einem Telefoninterview mit Anne Nivat, Dezember 2001: Unfortunately after September 11th the Western politicians - almost all of them changed their mind or appeased[?] their way of speaking about the Russion president. Before September 11th noone really knew who Putin is. We were constantly hearing that question: Who is Putin, where is Russia going? Now as September 11th changed everything those, the same people who denounced[?] him to have the answer of the questions. Only because Russia, the Kremlin, and Putin himself sided by the West with the Anti And unfortunately this old new situation on the diplomatic level is having a very negative impact on the situation in Chechnya, for the civilians especially. Because before September 11th we had managed, we the journalists and the aid Und was meint Gerhard Schröder dazu? Stefan Raab featuring DJ Schröder Hol mir mal ‘ne Pflasche Bier, sonst streik ich hier. |
Ein Tag im SeptemberBesprechung: Georg Stein / Volkhard Windfuhr (Hg.) Ein Tag im September, Palmyra Verlag, €26,00 Ein beliebiger Tag im September 2001 geriet aus einem Anlaß ins Blickfeld der gebetsmühlenartig reproduzierten Weltöffentlichkeit, als ein paar Flieger vom Kurs abkamen. Wie gesagt, ein paar USBürgerinnen und Bürger zählen millionenfach mehr als ein paar Bimbokinder. Doch die Hintergründe verschwinden hier hinter den Nebelschwaden der Interessen und dem Profit, der mit dem 11. September zu machen ist. Schnell war wieder der Islam das Feindbild. Das Unbekannte als Aggressor. Dabei steckt die Aggression, die Gewalt im Wesen des Marktes, im Wesen des Kapitals. Siehe Chile, siehe Türkei, siehe Tschetschenien. Drei Beispiele unter Hunderten. Pünktlich zum Jahrestag hat der heidelberger Palmyra In 26 Beiträgen werden verschiedene Facetten dessen, was den 11. September ausmacht, angesprochen. Ist der Islam von Grund auf eine gewalttätige Religion? Nun, er eroberte den Mittelmeerraum mit dem Schwert in der Hand. Insofern kein Unterschied zum Christentum ab dem Moment, als es Staatsreligion wurde. Sind die Attentäter verblendete Irre? Nein, denn in der arabischen Welt gibt es tief verwurzelte Minderwertigkeitsgefühle, auf denen die westliche Welt vortrefflich herumtrampelt. Doch die Qualität der Beiträge könnte unterschiedlicher nicht sein. Neben blumigem Geschwätz steht ein Beitrag von Mohssen Massarat, der den 11. September und die anschließende USKriegsführung wieder auf den Boden der Tatsachen holt. Der von Pipelines, Kapitalinteressen und Machtpolitik redet, und dann doch wieder in illusionäre Vorstellungen eigenständiger europäischer Politik zurückfällt. Weil auch er nicht versteht, daß eine eigenständige europäische Politik nur eben eine andere imperialistische Politik wäre. Interessant die immer wieder aufscheinenden Hinweise, daß die meisten der Attentäter des 11. September aus Saudi Doch wo liegen die Perspektiven? Die Globalisierung wird auch die arabische Welt durcheinanderwirbeln und möglicherweise zumindest teilweise derart reaktionäre Kräfte auf den Müllhaufen der Geschichte wirbeln. Aber Globalisierung ohne Gewalt, ohne Militärs und Scheichs bleibt auch in Zukunft undenkbar. Gibt es überhaupt Perspektiven? Ausgerechnet Jürgen Möllemann erhält in diesem Band Gelegenheit, neue Impulse für eine Nahostpolitik zu skizzieren. Warum Möllemann? Möllemann ist Präsident der Deutsch Und hier ist vielleicht der Hinweis erlaubt, daß eine gewisse Sigrid Hunke der Festschrift zum 30jährigen Bestehen der Deutsch Hunke [ist] die gegenwärtig herausragendste religiöse Ideologin des Neofaschismus. [7] Dies gibt der Debatte um Möllemann und Karsli dann doch eine gewisse Schärfe. Bestimmte Verbindungslinien gehören zumindest problematisiert. Die historisch gewachsene antijüdische bzw. antiisraelische Einstellung weiter Teile der arabischen Welt vermischt sich hier mit Gedankengängen der Neuen Rechten und das ist ein Problem. Autoren und Herausgeber eines Buches, das von sich behauptet, den 11. September abseits des Mediengewäschs erklären zu wollen, müssen hier ganz besonders genau sein. Und dennoch: was hier wie ein Verriß klingt, ist nur eine Facette. Das Buch Ein Tag im September hat dennoch seine Qualitäten. Denn bestimmte uns ansonsten unerklärlich bleibende Denk und Handlungsweisen der arabischen Welt werden auf eine Weise transparent und verständlich gemacht, die zwar den Terror des 11. September nicht legitimieren, aber dabei helfen können, ihn zu erklären. Und das ist ja nicht das Schlechteste. Ein Tag im September, herausgegeben von Georg Stein und Volkhard Windfuhr, ist im Palmyra Verlag erschienen und kostet 26 Euro. |
SchlußJingle Alltag und Geschichte heute mit einem special zum 11. September mit dem Thema Mörder unter sich. Ich danke Katharina Mann, Niko Martin, Eduardo Galeano, Anne Nivat, Gerhard Schröder und die Bundestagscombo für Beiträge und OTöne. Für die Zusammenstellung bin natürlich ich ganz allein verantwortlich. Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt war Walter Kuhl. Und das meinen die Kinder dieser Welt zum 11. September?: New Model Army : Here Comes The War Today, as you listen to this song, another 394,000 children are born into this world On a grey morning to the south of here two young men in makeshift uniforms peer into the misty light Put out the lights on the age of Blow out the candle and tell us another of those great stories Did you think we were born in peaceful times? Faster, faster Put out the lights on the age of reason. [8] |
| ANMERKUNGEN |
| [1] Words by John McCrae. "Poppy Day" ist das einleitende Stück zur LP &Join Hands" von Siouxsie and the Banshees, erschienen 1979 » [1] |
| [2] Auszug aus dem Song von Albert Hammond aus dem Jahr 1974. © Landers |
| [3] Eduardo Galeano, Das Jahrhundert des Sturms, Peter Hammer Verlag 1988, Seite 262 [eines meiner Lieblingsbücher!] » [3] |
| [4] ebd., Seite 264265 » [4] |
| [5] Bernt Engelmann, Das neue Schwarzbuch Franz Josef Strauß, Kiepenheuer & Witsch 1980, Seite 159 » [5] |
| [6] siehe auch meine Tschetschenien |
| [7] Peter Kratz, Die Götter des New Age, Elefanten Press, Berlin 1994, Seite 201 » [7] |
| [8] © New Model Army » [8] |
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