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Geschichte

Woher wir kommen

Sendemanuskript

 

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 28. April 2008, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Dienstag, 29. April 2008, 08.00 bis 09.00 Uhr

Zusammenfassung:

Woher wir kommen: Die Entwicklungsgeschichte des Menschen zu einem sozialen Wesen ist als langer und diskontinuierlicher Prozeß verlaufen. Die "natürliche" Evolution wurde durch die sogenannte Neolithische Revolution grundlegend verändert. Weder ein höheres Wesen noch ein Gen ist dafür verantwortlich, daß die soziale Entwicklung in Klassengesellschaften mündete, von denen eine – das Sklaven haltende Rom – an seiner östlichen Reichsgrenze interessante Erfahrungen machen sollte.

Besprochene Bücher:

 


 

Inhaltsverzeichnis

 


 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

Die Frage, woher wir kommen und zu welchem Zweck wir die Erde bevölkern, wurde vor drei Jahrzehnten in einem englischen Paralleluniversum mit "42" beantwortet. Dennoch steht die Frage im Raum, und sie enthält mehr als die fast schon banale Feststellung, daß die Evolution des Menschen eine lange Vorgeschichte besitzt. In meiner heutigen Sendung im Rahmen der Redaktion Alltag und Geschichte hier bei Radio Darmstadt werde ich anhand dreier vor rund anderthalb Jahren erschienener Bücher derartigen Herkunftsfragen nachgehen.

Aus Gründen, die der Programmrat von Radio Darmstadt und der Vorstand des Trägervereins RadaR e.V. zu verantworten haben und welche die Lizenz dieses Senders erheblich gefährdet hatten [1], war es mir nicht möglich, diese Bücher im vergangenen Jahr zeitnah vorzustellen. Auch wenn alle diese drei Bücher aus demselben Verlag stammen, so ist hiermit keineswegs impliziert, daß nur dieser Verlag herausragende Bücher publiziert. Am Mikrofon ist Walter Kuhl.

In der nun folgenden Stunde werde ich das Buch Die Ursprünge der Menschheit von Fiorenzo Facchini, den Katalogband zur Ausstellung Vor 12.000 Jahren in Anatolien mit dem Titel Die ältesten Monumente der Menschheit sowie das Buch von Michael Sommer über den römischen Orient besprechen. Alle drei Bücher behandeln ihr eigenes Thema und beziehen sich nicht aufeinander. Dennoch lassen sich grundlegende Gedanken zur Herausbildung des Sozialen unter den Menschen herauskristallisieren. Insbesondere die Folgen der sogenannten Neolithischen Revolution vor rund 10.000 Jahren sind wesentlich zum Verständnis moderner Kulturen, Zivilisationen und Klassengesellschaften.

 

Die unsichtbare Hand

Besprechung von : Fiorenzo Facchini – Die Ursprünge der Menschheit, Konrad Theiss Verlag 2006, 240 Seiten, € 49,90

In den vergangenen Jahren sind eine Reihe von Büchern zur Entstehungsgeschichte des Menschen veröffentlicht worden. Dahinter steckt nicht nur die Erkenntnis, daß dieses Thema sein Publikum findet und sich daher auch in kommerziellem Rahmen ausbeuten läßt. Vielmehr begegnen wir auch unterschiedlichen Sichtweisen und Fragestellungen und damit verbundenen Aufarbeitungen, die es immer wieder sinnvoll erscheinen lassen, diese Geschichte immer wieder neu zu erzählen. Der italienische Anthropologe Fiorenzo Facchini greift in seinem vor zwei Jahren im italienischen Original herausgebrachten großformatigen Band historisch recht weit in die Vergangenheit zurück und beginnt daher mit seiner Darstellung nicht erst dort, wo sich die ersten knöchernen Belege früher Hominiden auffinden lassen.

In gewisser Weise besteht die Vorgeschichte des Menschen aus mehr als nur dem evolutionären Voranschreiten einzelliger Lebensformen hin zu komplexen Gebilden. Wenn wir uns davon freimachen, einen Sinn in dieser evolutionären Entwicklung erkennen zu wollen, und erst recht davon, den Menschen als das Ziel der Schöpfung zu betrachten, dann erhalten wir einen nüchternen Zugang zu der Tatsache, daß das Werden und Vergehen die einzige Konstante eines Milliarden Jahre umfassenden Ausschnitts des kosmischen Geschehens bildet. Dahinter eine göttliche Kraft entdecken zu wollen, ist den Menschen wahrscheinlich erst zum Ende der Altsteinzeit eingefallen. Hierfür gibt es soziale Voraussetzungen, auf die ich in der Besprechung des zweiten Bandes über die Entstehung und Auswirkungen der Neolithischen Revolution noch zu sprechen kommen werde.

Insofern ist der von Fiorenzo Facchini über frühe Religiosität geäußerte Gedankengang im Abspann seines Buches befremdlich und wird den vorangehenden 220 Seiten auch nicht gerecht. Wenn er schreibt

Religiosität ist dem Menschen angeboren und findet sich bei allen Völkern. Sie findet aber unterschiedliche Ausdrucksformen, je nach den Weltanschauungen (zum Beispiel animistisch, kosmisch oder transzendental), die dahinter stehen. [2]

dann wird hierin ein Mißverständnis als selbstverständlich transportiert, über dessen soziale Ursachen wir zunächst einmal nachdenken sollten. Wenn wir davon ausgehen, daß es kein Gen für Spiritualität oder Religiosität gibt, dann ist der Satz, die Religiosität sei dem Menschen angeboren, eine rein ideologische Behauptung. Sie wird auch nicht wahrer dadurch, daß im selben Satz behauptet wird, sie finde sich bei allen Völkern. Das eine hat mit dem anderen allenfalls auf einer phänomenologischen Ebene zu tun. Der Satz, weil sich bei allen Völkern Religiosität findet, ist sie auch angeboren, wäre ja erst noch zu beweisen.

Buchcover Fiorenzo Facchini "Die Ursprünge der Menschheit"Die genetische Disposition zur Religiosität ist ein soziales Konstrukt. Weder Amöben noch Affen haben eine spirituelle Erleuchtung. Es handelt sich also um etwas Menschliches, und das Menschsein ist nicht zuletzt durch seine sozialen und kulturellen Fähigkeiten definiert. Mehr noch: wenn Religiosität dem Menschen angeboren ist, warum haben dann durch alle Zeiten hindurch so viele Menschen keinesfalls religiös gelebt und konnten auf das Göttliche als Erklärung ihrer natürlichen und sozialen Umwelt verzichten? Glauben ist keine Wissenschaft, sondern Spekulation. Mit einem solchen Satz entwertet der Autor die durchaus lesenswerte Darstellung der Seiten zuvor. Mehr noch: er bedient einen Zeitgeist, in dem sich der Kreationismus mit seiner Mutationsvariante des Intelligent Design auf seinem wissenschaftsfeindlichen und damit auch an der Wahrheit wenig interessierten Vormarsch befindet. Ideologie enthält immer ein Herrschaftsinteresse.

Wobei Facchini deutlich sagt, das Intelligent Design der Kreationisten sei keine Wissenschaft. Weshalb auch er über den Tellerrand der Wissenschaftlichkeit hinaus spekuliert. [3]

Sicherlich ist auch die Wissenschaft nicht frei von einem Legitimations- und Herrschaftsinteresse. Es ist eben eine bürgerliche Wissenschaft. Die hier gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnisse entstehen nicht im luftleeren Raum der Abstraktion, sondern ganz konkret in den kapitalistischen Institutionen der bürgerlichen Gesellschaft, zum Beispiel in Schulen und Universitäten. Daher kann auch die aus diesen Institutionen stammende Wissensvermittlung nicht frei von ideologischen und damit interessegeleiteten Elementen sein. Herrschaftswissen kann sehr wohl wissenschaftlich verbrämt daherkommen. Umso wichtiger ist es, die ideologischen Grundlagen einer derartigen Wissenschaft herauszuarbeiten und zu vermitteln und damit der Aufhebung der Trennung zwischen Hand- und Kopfarbeit Vorschub zu leisten.

Leider gehört es zum Wesen der postmodernen Wissenschaft, sich weder über die sozioökonomischen Grundlagen der eigenen Arbeit zu verständigen, noch eine klare Position beziehen zu wollen. Dies ist jedoch auch eine Position, und zwar eine, die durch ihre Beliebigkeit und fehlende Bewertung dem Irrationalismus Tor und Tür öffnet.

Wir wissen derzeit nicht, ob dem Urknall vor etwa 14 Milliarden Jahren ein anderes Universum vorausging. Wir wissen auch nicht, ob unser Universum nur Teil einer größeren Matrix ist. Wir wissen weder, wann der Anfang war, noch, wie es dazu kam. Vielleicht ist hier auch nur die Fragestellung falsch, und es gab keinen Anfang. Doch ist diese sicherlich reizvolle Fragestellung vollkommen irrelevant für die Erkenntnis über die Entstehung des Menschen. Was wir wissen, ist, daß es einmal geknallt hat und hierdurch ein kosmischer Prozeß in Gang gesetzt wurde, der wissenschaftlich erforschbaren Gesetzmäßigkeiten unterliegt.

Und irgendwann enstand hierbei die Erde. Gewisse naturwissenschaftlich zu erklärende Phänomene führten zur Entstehung des Lebens, wie wir es heute kennen. Ein wichtiger Baustein hierbei ist die Kontinentaldrift. Denn die Verteilung der Kontinente ist in Bewegung; das derzeitige Aussehen der Erde so betrachtet nur eine Momentaufnahme. Daß es Affen in Amerika gibt, hat mit einer längst nicht mehr existenten Landbrücke nach Europa zu tun, wohin diese wanderten und später Asien und Afrika bevölkerten. Daß sich Menschenaffen und Menschen voneinander schieden, hängt neben anderen Faktoren nicht zuletzt mit den klimatischen Auswirkungen der Plattentektonik zusammen. Dies muß uns hier nur am Rande interessieren, weil wir auch hier das Faktum der Entstehung des Menschen als gegeben annehmen können.

Hinter der Evolution einen Plan vermuten zu wollen, scheint absurd. Und doch scheint es so zu sein, als benötige das sozial verängstigte Wesen Mensch Ordnung in seinem Universum, und da machen sich planvolle Absichten gut. Nicht auszudenken, daß alles ohne Sinn und Ziel verläuft! Das wäre ja genau das Chaos, dem wir alltäglich begegnen. Zumindest sehen wir meist keinen Sinn darin, obwohl uns hier eine marxistische Analyse der Bewegungsgesetze des Kapitals weiterhelfen könnte. Daher stellt Fiorenzo Facchini die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Evolution und Mensch auch in einer Weise, die das Erkenntnisinteresse schon verrät, wenn er schreibt:

Ist der Mensch also ein zufälliges Produkt der Evolution oder ihr notwendiges Ergebnis? [4]

Lassen wir einmal die philosophische Komponente des Zufalls außer Betracht, denn was den Zufall ausmacht, wäre ja erst noch allgemeinverbindlich zu definieren. Was wir sagen können, ist, daß der Mensch ein Produkt der Evolution ist. Eine Zielgerichtetheit ist hierbei ebensowenig zu erkennen wie eine Notwendigkeit. In 200 Millionen Jahren sieht die Welt schon wieder ganz anders aus und möglicherweise wird dann keine und niemand mehr da sein, um derartige Fragen zu stellen. Ruhm ist vergänglich. Aber das ist nicht die Antwort, die uns Facchini präsentieren will, weshalb er auch die Frage so stellt, daß die Antwort schon quasi vorgegeben ist. Dieses Vorgehen gilt als unwissenschaftlich. Und so ist es tatsächlich kein Zufall, wenn der reaktionäre Spiritualismus eines Teilhard de Chardin in diesen Gang der Argumentation eingeführt wird. Fiorenzo Facchini schreibt:

Alles spielt sich so ab, als ob der Mensch tatsächlich den Punkt darstelle, an dem die gesamte kosmische und biologische Evolution zusammenlaufe. Teilhard de Chardin, der im Wachstum des Gehirns einen wichtigen Parameter in der zunehmenden Komplexität der Lebewesen im Laufe der Evolution erkannt hat, sieht in der menschlichen Entwicklung und im Erscheinen des Menschen das Ziel der gesamten Evolution. Zufall oder höherer Plan? Dieses Problem stellt sich jedem, der das Phänomen »Evolution« mit dem notwendigen Abstand betrachtet. Haben wir es mit Ereignissen zu tun, die sich rein zufällig ohne irgendeine vorrangige Richtung abspielen und scheint es also nur so, als stehe ein Plan dahinter, oder gibt es tatsächlich einen Plan, obwohl sich die Evolutionsphänomene ohne eine genaue Orientierung abzuspielen scheinen? Welche Faktoren sind maßgeblich?

Die Vorstellung eines allgemeinen Plans der kosmischen und biologischen Evolution lässt sich mit aus der empirischen Beobachtung abgeleiteten Argumenten weder stützen noch ausschließen. Das Thema gehört eher in das Gebiet der Philosophie als in das der empirischen Naturwissenschaft. Wenn man einen solchen Plan ausschließt, entscheidet man sich für eine reduktionistische und ideologische Option.

Und weiter:

Der Eindruck eines höheren Plans, der in den Worten »als ob« ausgedrückt ist, verwandelt sich in eine Überzeugung, wenn man bereit ist, über die Hinweise und Fragestellungen der Naturwissenschaft hinauszugehen und umfassenderen Betrachtungen Raum läßt. [5]

Auf gut Italienisch: wenn man und frau bereit zur spirituellen Spekulation ist. Wir modeln uns die Welt, bis sie uns gefällt. Woher kommt ein solches Denken? Vielleicht ist es hier sinnvoll, auf die ideologische Bedeutung des schon angesprochenen Teilhard de Chardin zu verweisen. Peter Kratz bemerkt hierzu in seinem Grundlagenwerk Die Götter des New Age mit der ihm eigenen polemischen Schärfe:

Günther Schiwy, der Biograph Teilhards, gibt in seinem Buch »Der kosmische Christus. Spuren Gottes ins neue Zeitalter« eine Erklärung von Teilhards »Kosmischen Christus« und »Punkt Omega«. Es ist ein Allüberall-Christus, der dem Äther-Konzept bei Chamberlain entspricht, eine Religion des »Panchristismus statt Pantheismus«, wie Schiwy es nennt. Schiwy sieht nicht nur das ethische Problem, er spricht es auch aus, als Möglichkeit des Kosmischen Christus in den Tätern von Auschwitz: »So wehrt sich auch Christus in uns nicht gegen den Mißbrauch, den wir mit ihm treiben.« Wie praktisch, daß diese Weltanschauung den Komplex Auschwitz ihrem »Christus« in die Schuhe schieben kann und die Gentechnik und die Atombombe noch hinterher. Man kann sich vorstellen, was dieses anti-biblische »Christus«-Konzept anrichten kann, das in keiner Weise mehr Barmherzigkeit als notwendig einfordert, aber jeden »Mißbrauch« mit angeblicher Göttlichkeit entschuldigt. Beim New Age-faschistischen Erzheiligen Teilhard soll das Göttliche nicht mehr soziale Verbesserungen initiieren, sondern die menschliche Tat als solche mobilisieren. So werden ethische Skrupel zurückgedrängt, die den Menschen von der bestimmten verwerflichen Tat abhalten könnten. Teilhard ist im heutigen »christlichen« Organizismus mit seiner Begeisterung für Technik und Fortschritt und für den Heroischen Realismus als religiöse Haltung das, was Ernst Jünger für die Konservative Revolution ist. [6]

Die Begeisterung für Teilhard de Chardin ist sicherlich den spirituellen Zweifeln der Moderne geschuldet [7]. Derartige Zweifel benötigen einen kosmischen Plan, um sich darin wiederzufinden. Allerdings hat dieser kosmische Plan mit der Realität nur so viel gemein, als sich hierin eine soziale Umbruchsrealität des endenden 20. und des beginnenden 21. Jahrhunderts widerspiegelt.

Deshalb ist Fiorenzo Facchini natürlich kein Faschist. Jemand, der im Sprachrohr der Katholischen Kirche, dem Osservatore Romano, publizieren darf, gehört eher einer Reichtung an, die versucht, das Christentum in Einklang mit der Darwinschen Evolutionstheorie zu bringen. Ich könnte auch sagen: sie zu verwässern, denn der Darwinismus benötigt keine göttliche Eingebung zur Erklärung der Welt. Die Logik der Argumentation Fiorenzo Facchinis trägt durchaus postmoderne Züge. Man könne die Vorstellung eines allgemeinen Planes nicht ausschließen. Und schon wird munter drauflos palavert, als ob selbiger schon bewiesen sei. Ist er jedoch nicht. Ganz im Gegenteil – es gibt keinerlei Hinweise darauf, daß die Evolution irgendeinem von außen gesteuerten Plan folgt.

Eben weil sie nicht zielgerichtet ist, ist sie deshalb noch lange nicht zufällig. Sie ist im Nachhinein einfach eine Konsequenz aus dem, was im Voraus möglich war. Zwangsläufig ist hieran nichts. Es geschieht eben. Allerdings gibt es keinen Grund, weshalb der Mensch als soziales Wesen alles geschehen lassen soll, was denkbar ist. Der planvolle, demokratische, solidarische, emanzipatorische Umgang mit sich, mit anderen, mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen ist zwar eine soziale Setzung, aber eben eine, die den Menschen ausmacht. Und darin unterscheidet er sich von seiner evolutionären Vergangenheit.

 

Wo der Mensch zum Menschen wird

Ich halte es für wichtig, sich der ideologischen Grundlagen einer Argumentation oder – wie hier – eines Buches zu vergewissern. Daraus folgt jedoch nicht, daß es sich bei der Darstellung des Themas um ein schlechtes Buch handeln muß. Manchmal genügt es, ein solches Werk gegen den Strich zu lesen, manchmal ist es auch ausreichend, die präsentierten Fakten zur Kenntnis zu nehmen, ohne sie im Raster des Autors zu interpretieren. Und dies kann sehr wohl lehrreich sein. Das Interessante an dem Band Die Ursprünge der Menschheit von Fiorenzo Facchini liegt nicht zuletzt darin, wie weit er ausholt, um die evolutionäre Entwicklung hin zum Menschen historisch darzustellen. Wir müssen nicht gleich mit der schon erwähnten Amöbe anfangen. Wir können einfach festhalten, daß die ältesten bekannten Primaten vor rund 70 Millionen Jahren in den heutigen Rocky Mountains aufgetaucht sind.

Von hier zu den ersten Australopithecinen in den Savannen Ostafrikas ist es ein weiter Weg, den Fiorenzo Facchini in aller gebotenen Ausführlichkeit nacherzählt. Allerdings ist festzuhalten, daß wir bei der Interpretation dieses evolutionären Weges auf die uns hinterlassenen und auch wiedergefundenen Skelettreste angewiesen sind, auf Kiefer und Schädel beispielsweise. Gerade in den letzten Jahrzehnten hat es sich gezeigt, wie wenig wir bislang von dieser Vergangenheit gewußt haben.

Immer wieder neue Funde regen zu neuen Vorstellungen über den Verlauf der Evolution an, und oftmals ist gar nicht so klar, ob zwei Knochenfunde von derselben oder zwei verschiedenen Arten stammen. Unterschiedliche Körpergrößen spielen hierbei genauso eine Rolle wie der Dimorphismus, also die unterschiedliche Größe und Gestalt männlicher und weiblicher Exemplare. Solange keine statistisch relevanten Fundmengen existieren, enthalten alle heutigen Interpretationsversuche ein gewisses Maß an Spekulation und sind oftmals nur als Hypothese zu betrachten. Hinzu kommt, daß es seit wenigen Jahrzehnten einen wissenschaftlichen Trend gibt, der von einer Vielfalt unterschiedlicher Arten ausgeht, während zuvor alle gefundenen Exemplare einigen wenigen Arten zugeschrieben wurden. All dies macht die Darstellung Facchinis deutlich.

Das Rift Valley Ostafrikas, also die Verlängerung des Grabenbruchs vom Toten und Roten Meer Richtung Süden, ist noch gar nicht so alt, ebenso wie eine Landverbindung von Afrika nach Europa. Erst die Entstehung dieses Grabensystems und dies in Verbindung mit einer in langen Zeiträumen wirkenden klimatischen Veränderung, die schließlich in der Eiszeit mündete, bildete die ökologische Nische in Ostafrika heraus, in dem sich der aufrechte Gang als so etwas wie ein Standortvorteil herausstellte. Wir wissen nicht, wie oft sich Menschenaffengruppen abspalteten und neue Arten bildeten. Wir kennen nur das Ergebnis, und das sind die Australopithecinen, die vor etwa einer Million Jahren ausgestorben sind, und die modernen Menschen.

Fiorenzo Facchini zeigt uns in seinem reich bebilderten Band Überreste dieser menschlichen Vorfahren und deren eher äffischen Verwandten, weshalb wir sein Buch auch als Bilderbuch heranziehen können.

Mit dem Homo habilis wird eine Lebensweise erkennbar, die planvolle Elemente enthält. Die den Steinzeitmenschen den Namen gebenden Steine werden gezielter zu Werkzeugen zugearbeitet und es sind vor rund 1,8 Millionen Jahren erstmals Spuren erkennbar, die möglicherweise das Fundament einer Hütte gebildet haben. Der Mensch hätte sich also insofern von der Abhängigkeit seiner natürlichen Umwelt emanzipiert, als er mit Hilfe von Werkzeugen und Gedankenarbeit sich sein Leben einrichtete. Eher spekulativ und durch nichts belegt ist hingegen folgende Aussage:

Es ist nicht leicht, sich das Familienleben von Homo habilis vorzustellen. Wenn es bei den ersten Hominiden schon eine erste Aufgabenteilung zwischen Mann und Frau gab […], so gilt dies in noch stärkerem Maße für den Homo habilis. Möglicherweise bestand die primitive Kernfamilie aus einer monogamen Verbindung – ein Familienmodell, das im Hinblick auf die Aufzucht des Nachwuchses als besonders geeignet gilt, vor allem, wenn ein größeres Gehirn die Zeit des Heranwachsens verlängert. [8]

Wenn ich bedenke, daß auch 1,8 Millionen Jahre später der Mensch alles andere als monogam lebt und die monogame Kleinfamilie die Brutstätte aller Heuchelei ist, dann scheint hier eher die Katholische Kirche die Feder zu führen. Natürlich ist es möglich, daß es so gewesen ist. Aber mit der Aufzucht des Nachwuchses läßt sich ein solches Familienmodell nur dann begründen, wenn moderne Vorstellungen der Ehe in die Anfänge der Steinzeit zurück verlagert werden. Es handelt sich also um eine Projektion.

Irgendwann wanderte der Mensch dann aus und besiedelte in einer ersten Welle mit Ausnahme des amerikanischen Doppelkontinents und der Antarktis so ziemlich jede Region. Der Homo erectus entwickelte sich lokal weiter, in Europa entstanden hieraus die Neandertaler. Dies war ein langer Prozeß, und es ist durchaus wahrscheinlich, daß hierbei ganze Populationen den Widernissen der natürlichen Umgebung zum Opfer gefallen sind. Ob und welche sozialen Konflikte entstanden, und vor allem, wie sie gelöst wurden, bleibt im Dunkel. Spuren der Aggression tauchen erst später auf und sind für die Altsteinzeit nicht einmal sicher belegt. Damit will ich keine friedliche Idylle zeichnen. Aber ein globales Biotop, in dem sich gerade einmal ein paar Tausend Menschen verirrten, wird wohl kaum dazu geeignet gewesen sein, mörderische Konflikte um Ressourcen, gar Besitz auszutragen.

Wann der Mensch zu sprechen begann, ist unklar. Es wird ein längerer Zeitraum gewesen sein, in dem sich das Sprachvermögen entwickelte, und es ist durchaus möglich, daß diese Entwicklung an mehreren Orten gleichzeitig stattgefunden hat. Die heutige Sprachenvielfalt läßt sich jedenfalls nicht einfach auf eine gemeinsame Ursprache zurückführen, und ich vermute, daß es sie auch nie gegeben hat. Ob allerdings Fiorenzo Facchini Recht zu geben ist, daß die Entwicklung der Sprache die Voraussetzung der Werkzeugentwicklung war, bezweifle ich.

Zwar ist es nicht von der Hand zu weisen, daß gewisse symbolische Vorstellungen, also intellektuelle Akte, schon früh zur Lebensführung der Steinzeitmenschen gehört haben, aber ob sie deshalb auch gleich sprechen mußten, ist bislang reine Spekulation. Ähnliches gilt für die Nutzbarmachung des Feuers. Wir können nur feststellen, daß irgendwann Feuer gezielt genutzt wurde und daß unsere Vorfahren das Sprechen erlernt hatten. Ob sie hierbei gegurrt oder sich per Klicklaut verständigt haben, wird hingegen niemals festzustellen sein.

Je näher wir uns auf den modernen Menschen zubewegen, desto problematischer werden die Einordnungen. Es liegt nahe, das Verhalten unserer direkten oder indirekten Vorfahren nach den sozialen, kulturellen und ideologischen Maßstäben unserer Zeit zu messen. Hierfür gibt es jedoch wenig Veranlassung. Der Mensch als soziales Wesen benötigt eine soziale Umgebung; und der entscheidende Schritt zur Kulturgesellschaft mit all ihren Umwälzungen steht noch bevor. Erst mit der Neolithischen Revolution vor etwa 10.000 Jahren können wir Ansätze hierachischer Strukturen erkennen, und selbst diese benötigten Jahrtausende, um sich durchzusetzen. Erst hierdurch wurde der Mensch, vor allen Dingen der männliche Mensch, zu dem aggressiven, ausbeuterischen Wesen, das er heute ist.

Dennoch legen erste erkennbare Bestattungen den Gedanken nahe, daß sich die damaligen Menschen vor vielleicht knapp 100.000 Jahren Gedanken über die Zeit nach dem Leben gemacht haben könnten. Ob dies gleich Spiritualität oder gar Religiosität bedeutet, ist eine andere Frage. Jedenfalls betrachteten sie sich als Lebewesen, denen auch nach dem Tod ein gewisser Respekt, vielleicht auch Trauer entgegengebracht wurde. Das mit dem Respekt ist jedoch mit Vorsicht zu betrachten, weil dieser Respekt ja nicht einmal heute voll vorhanden ist.

Vor etwas mehr als 100.000 Jahren bildete sich aus den verschiedenen Weiterentwicklungen des Homo erectus in Afrika der moderne Mensch heraus. Auch er streifte umher und gelangte in fast alle Regionen dieser Erde. Er traf auf andere Menschenformen und wird sie wahrscheinlich ignoriert haben. Wir reden hier immer noch von einer Gesamtpopulation von einigen tausend Exemplaren, die sich jedoch angesichts einer teilweise recht üppigen Umgebung recht fleißig vermehrt haben dürften. Zu Ende der letzten Eiszeit dürften es immer noch weitaus weniger als eine Million Menschen gewesen sein, die sich recht problemlos aus dem Weg gehen konnten. Da es sich jedoch um sozial orientierte Wesen gehandelt hat, werden sie eher Kontakt gesucht als vermieden haben. Aggression als Folge sozialen Stresses setzt jedoch erst später ein.

Fiorenzo Facchinis Buch über die Ursprünge der Menschheit endet mit der Neolithischen Revolution. Damit endet auch die erste Phase der Sozialgeschichte des Menschen, der nun beginnt, seine natürliche Umwelt im wahrsten Sinne des Wortes zu beackern. Die hieraus resultierenden sozialen Folgen werde ich bei der Vorstellung des Bandes Die ältesten Monumente der Menschheit ansprechen.

Die bibliografischen Daten: Fiorenzo Facchini, Die Ursprünge der Menschheit, erschienen 2006 im Theiss Verlag. Das 240 Seiten umfassende großformatige und reich bebilderte Buch kostet 49 Euro 90.

 

Monumentalästhetik

Besprechung von : Badisches Landesmuseum Karlsruhe (Hg.) – Vor 12.000 Jahren in Anatolien. Die ältesten Monumente der Menschheit, Konrad Theiss Verlag 2007, 392 Seiten, € 39,90

Ohne ideologischen Schnickschnack, statt dessen mit vielen aussagekräftigen Fotos und Grafiken kommt der Begleitband zur Anatolien-Ausstellung, die im ersten Halbjahr 2007 im Badischen Landesmuseum im Karlsruher Schloß zu sehen war, daher. Interessanter noch als die Fundstücke ist der Überblick über das, was Vere Gordon Childe in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erstmals die Neolithische Revolution genannt hat.

Buchcover Vere Gordon Childe "Soziale Evolution"Die Seßhaftwerdung des Menschen war nicht nur verbunden mit Getreideanbau und der Domestizierung wild lebender Tiere. Im Zuge dieser neuen Lebensweise wurden soziale Strukturen, die mehrere hunderttausend Jahre existiert hatten, vollkommen umgekrempelt und den neuen Bedürfnissen angepaßt. Zudem ist davon auszugehen, daß es seit diesem Zeitraum verfestigte Eigentumsverhältnisse und darauf aufbauend auch Herrschaftsverhältnisse gegeben hat. Weniger deutlich tritt anfangs der Gender-Aspekt zutage. Es ist nicht eindeutig festzustellen, ab wann wir patriarchale Gesellschaftsstrukturen voraussetzen können (oder müssen).

Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf Anatolien. Hierin drückt sich der neueste Forschungsstand aus, der davon ausgeht, daß der Übergang zur Seßhaftwerdung nicht im sogenannten Fruchtbaren Halbmond vollzogen wurde, also der langgestreckten Sichel vom Niltal bis zum Persischen Golf, sondern an den hügeligen Ausläufern der anatolischen und iranischen Bergketten im heutigen Kurdistan.

Es ist der Zeitraum, in dem die Eiszeit ihrem Ende entgegengeht und sich das Klima in Europa, dem Mittelmeergebiet und Nordafrika fundamental ändert. Doch diese klimatische Umwälzung allein erklärt nichts. Denn die Frage lautet, weshalb ausgerechnet in einem relativ kleinen Gebiet in der Grenzregion zwischen der heutigen Türkei, dem Irak und Syriens sich eine Umwälzung der Lebensweise vollzog, die langfristig gesehen das Bild der Erde vollkommen verändern sollte.

Um ehrlich zu sein – wir wissen es nicht. Wir können nur feststellen, daß hier etwas geschah, was im Verlauf der Jahrtausende zur Urbanisierung und zur Errichtung territorialer Herrschaft führen sollte. Allerdings geht dieser sich sicherlich über viele Jahrhunderte hinziehende Prozeß einher mit einer Monumentalarchitektur, wie wir sie für den Übergang vom Mesolithikum zur Jungsteinzeit nicht erwarten würden. Der Katalogband verweist daher immer wieder darauf, daß wir unsere Vorstellungen über angeblich noch recht primitive Steinzeitmenschen dringend revidieren müssen.

Seit Mitte der 90er Jahre wird im Osten Anatoliens, genauer gesagt, in Kurdistan, auf dem Göbekli Tepe eine steinzeitliche Megalithanlage ausgegraben, die eines der frühesten Zeugnisse der jungsteinzeitlichen Umwälzungen bietet. Mehr als zwanzig Steinkreise mit bis zu fünf Meter hohen T-förmigen Pfeilern verweisen auf eine Welt, die zu ergründen nicht so einfach ist. Die damals entwickelten oder schon überlieferten Vorstellungen über die Stellung des Menschen in seiner natürlichen Umgebung dürften sich von heutigen religiösen oder ideologischen Vorstellungen unterscheiden, und sei es nur deswegen, weil es sich um die Vorläufer späterer Religionen handelt.

Was mag die Menschen vor rund 12.000 Jahren dazu gebracht haben, mehrere Tonnen Gestein durch die Gegend zu schleppen und aufzurichten? Handelt es sich um Vorgänger dessen, was wir Tempel nennen, oder waren es Totenstädte oder Stätten eines Totenkults? Fanden hier Initiationsriten statt oder dienten diese Bauwerke der Herstellung und Bewahrung einer für uns nicht näher bestimmbaren Gemeinschaft? All dies ist bislang rein hypothetisch. Festzuhalten ist jedoch, daß es zum einen eine zentrale Instanz gegeben haben muß, die den Bau, wahrscheinlich über mehrere Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte koordiniert, wenn nicht gar angeordnet hat, und daß es zum anderen genügend Lebensmittel gegeben haben muß, um diese Bautätigkeit zu unterfüttern.

Die Anlage auf dem Göbekli Tepe ist in ihrer Art bislang einzigartig. Aber sie steht nicht alleine da, sondern ist im Kontext eines gesellschaftlichen Umbruchs zu sehen, für den wir auch andernorts Belege und Fundstücke vorfinden. In einer Zeit, als gebrannte Keramik noch unbekannt war, als sich planmäßiger Ackerbau erst noch entwickelte und die systematische Viehzucht noch nicht existierte, muß eine größere Gemeinschaft existiert haben. Das Wirken dieser Gemeinschaft war trotz aller damit verbundenen Widrigkeiten offensichtlich derart attraktiv und erfolgreich, daß sich die damit verbundene neolithische Lebensweise innerhalb weniger Jahrtausende bis nach Westeuropa und Nordafrika verbreitete. Für China und den ostasiatischen Raum können wir wahrscheinlich von einer eigenständigen und erst später stattfindenden Entwicklung sprechen.

Buchcover Die ältesten Monumente der MenschheitEs ist zu offensichtlich, daß die damaligen Menschen mit diesen Steinkreisen etwas Wichtiges ausdrücken wollten. Langeweile war sicherlich nicht das Motiv für die ganze Plackerei. Tierreliefs könnten einen vagen Hinweis auf die Funktion geben, möglicherweise handelt es sich bei diesen Steinpfeilern um eine Art totemistischen Ahnenkult. Doch wie sind die damaligen Menschen darauf gekommen, und weshalb dort und nicht andernorts? Handelt es sich bei den Steinkreisen des Göbekli Tepe um ein Kultzentrum, das Ausstrahlungskraft für eine größere Region besaß? Gab es eine Leitung und, wenn ja, wie sah sie aus? Fragen, auf die wir nicht einmal ansatzweise eine vernünftige Antwort haben. Fragen, die sich jedoch zwingend stellen, wenn wir die im Katalogband versammelten Fundstücke – nicht nur aus den Grabungen auf dem Göbekli Tepe – betrachten.

Offensichtlich liegen hier wichtige Wurzeln späterer Klassengesellschaften begraben. Der Weg zu den sumerischen Stadtstaaten des 3. Jahrtausends wird hier jedoch vorgezeichnet, ohne daß wir eine zwangsläufige Abfolge konstruieren können. Vielmehr wird es so gewesen sein, daß die Neolithisierung ein wiedersprüchlicher und ganz und gar nicht einfacher Prozeß gewesen ist. Die großen Steinanlagen verfielen, wurden eingegraben und vergessen. An anderen Orten entstanden Dörfer und kleine Städte, fast so, als habe hier ein gesellschaftliches Experiment stattgefunden. Womöglich waren die Menschen noch nicht so weit, sich den Zwängen einer urbanen Lebensweise zu fügen. Haben sie den damit verbundenen sozialen Streß nicht ausgehalten?

Diese Fragestellung gewinnt umso mehr an Gewicht, wenn wir uns der Ausbreitung der neolithischen Lebensweise zuwenden. Zunächst einmal scheint der ostanatolische Raum das nächste Verbreitungsgebiet gewesen zu sein, bevor sich die Einflüsse nach Süden Richtung Palästina und Ägypten und nach Osten Richtung Iran bemerkbar machten. Hier wurden zunächst Getreide angebaut, später Vieh gezüchtet und noch später in Keramik gebrannte Haushaltsgegenstände hergestellt. Zwar gab es schon recht früh gebrannte Tonfiguren, doch der Schritt zum Keramikgeschirr erfolgte erst wesentlich später. Möglicherweise bedurfte die Zubereitung der neuen Lebensmittel auf die Dauer eines Kochgeschirrs, denn bei den ersten Keramikgegenständen handelt es sich um Kochtöpfe.

Vorher war gebrannter Ton als Transport- und Aufbewahrungsmedium wohl nicht vonnöten. Ein Beitrag im Katalog verweist auf eine Tradition altertümlicher Korbflechterei, mit deren Hilfe es möglich war, auch Flüssigkeiten ohne Verluste zu lagern. Es könnte demnach der Zwang der materiellen Verhältnisse gewesen sein, welcher die Menschen dazu gebracht hat, eine ihnen bekannte Technologie für einen neuen Zweck zu nutzen. In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, daß die neue auf Getreideproduktion basierende Lebensweise keineswegs gesund war. So läßt sich Eisenmangel in den ausgegrabenen Knochen nachweisen, was nicht nur poröse Knochen nach sich zog, sondern auch das Fehlen einer ausreichenden Menge roter Blutkörperchen.

Die Umstellung vom Stillen zum Verabreichen von Getreidebrei scheint der Kindersterblichkeit Vorschub geleistet zu haben. Frauen starben früher als zuvor, außerdem wurde durch den engen Kontakt zwischen Mensch und Tier das Ausbreiten von Infektionskrankheiten begünstigt. Zudem zeigen Knochenuntersuchungen, daß das Leben in neolithischer Zeit auch in anderer Hinsicht alles andere als gesund war. So lassen sich Beschwerden im Nacken- und Rückenbereich genauso nachweisen wie Deformationen von Fußgelenken aufgrund einer ziemlich gekrümmten Körperhaltung.

Zivilisationskrankheiten sind so betrachtet schon recht alt und rühren von der Zeit her, als der Mensch sich daran machte, seine Umwelt planvoll und systematisch beherrschen zu wollen. Damit will ich nicht ein Zurück zur Natur propagieren – zu welcher eigentlich? –, sondern darauf hinweisen, daß eine bestimmte Form sozialen Miteinanders zwangsläufig wenig gesunde Auswirkungen haben muß. Dennoch scheint die Umstellung von einer Jagdbeuterkultur zur Seßhaftwerdung eine gewisse Attraktivität besessen zu haben. Wer das nicht versteht, sollte einmal darüber nachdenken, weshalb wir heutzutage jede Menge ungesunde Dinge tun und zudem lieber arbeiten gehen als uns krank schreiben zu lassen.

Der Prozeß der Neolithisierung ließ sich wahrscheinlich auch nur schwer rückgängig machen, weil die Abhängigkeit einer schnell wachsenden Gemeinschaft von den nun planvoll produzierten Lebensmitteln zu groß war. Doch was geschah, wenn die Ernte schlecht ausfiel? Gab es solidarische Netze in einem regionalen Raum oder endeten manche neolithische Experimente in einer Sackgasse? Die Tatsache, daß in einem Zeitraum von mehreren Jahrtausenden Dörfer und kleine Städte entstanden und wieder verschwanden, sollte uns zu denken geben.

 

Die neolithische Mission

Die neolithische Lebensweise verbreitete sich nur langsam. Erst nach drei Jahrtausenden wurde die Westküste der Türkei erreicht und sprang der Funken auf das griechische Festland über. Anfang des 6. Jahrtausends finden wir neolithische Siedlungen auf dem Balkan, dann auch entlang der Küsten des Mittelmeers bis zur spanischen Südküste. Eine andere Wanderungsbewegung richtete sich nach Mitteleuropa und erreichte gegen Ende des 6. Jahrtausends die französische Atlantikküste. Wanderten die neolithischen Bauern aus Kurdistan westwärts oder übernahmen die noch dem Mesolithikum verhafteten Jäger und Sammlerinnen die neue Lebensweise durch Abkupfern? Es gibt eine Theorie, die ich für problematisch halte, die diesen Prozeß jedoch ohne irgendwelche Völkerwanderungen oder sonstigen ethnischen Zuschreibungen erklären kann.

Festzuhalten ist hierbei, daß diese Ausbreitung nicht kontinuierlich erfolgte, sondern schubweise. Das läßt darauf schließen, daß zunächst eine neue Region besiedelt oder transformiert wurde und erst nach einer bestimmten Zeit eine gewisse Sättigung erreicht war. Vielleicht war es ein Bevölkerungsüberschuß – immer nach den Maßstäben einer nichtmotorisierten Agrargesellschaft betrachtet. Vielleicht gab es auch soziale Spannungen, die dazu führten, daß jüngere Mitglieder einer größeren Gemeinschaft ausgewandert sind. Anhaltspunkte für diese Interpretation könnten sich in einer sich ändernden Keramikkultur widerspiegeln. Aber auch dies ist spekulativ.

Die schon erwähnte Ausbreitungstheorie geht für den zentraleuropäischen Raum davon aus, daß es bandkeramische Gründerväter gab, die nach Westen zogen. Weshalb es keine bandkeramischen Gründermütter waren, wird nicht erklärt.

Das geschah anscheinend mit geradezu missionarischem Eifer, denn sie veranlassten offenbar ganze mesolithische Stämme, sich ihnen anzuschließen, weil man nur so die Schnelligkeit ihres Vorstoßes erklären kann. Der Motor dieser Expansion waren die zugleich mit der Bandkeramik neu entstandenen Clans, die vielleicht auf die am Gründungsakt beteiligten Personen zurückgingen und die […] bestrebt waren, in Konkurrenz zueinander möglichst viele neue Tochtersiedlungen zu entsenden. [9]

Nach diesem Modell wanderten bäuerliche Missionare und Entwicklungshelfer in die von mesolithischen Jägerinnen und Sammlern dünnflächig bewohnten Gebiete ein. Zugleich mit dem Ackerbau und der Viehzucht sollen sie auch die neuen religiösen und sozialen Werte verbreitet haben.

Benimmregeln, Essenssitten, neue Kleider- und Haartracht und sicherlich auch neue Mythen, Lieder und Tänze. Diese radikale Änderung auf allen Lebensgebieten erforderte in ihrer Totalität sowohl eine "Bekehrung" als auch eine umfassende "Belehrung und Schulung"; mit bloßer theoretischer Unterweisung war das nicht zu schaffen. Sie bedurfte daher nicht nur des direkten Kontaktes mit den "bandkeramischen Lehrern", sondern brauchte Menschen, die das "Neue Leben" vorlebten und den Bekehrten praktische Anleitungen und Ratschläge geben konnten. Die Missionare mussten selbst "bandkeramisches Bauernleben" vorexerzieren und daher mit Frau, Kind, Haus, Vieh und allem landwirtschaftlichen Gerät einschließlich Saatgut unter den Einheimischen leben, sie mussten also mit ihrer gesamten Kulturausstattung eingewandert sein. [10]

Mir scheint, hier schimmert ein intentionaler Plan durch, den es nicht gab. Bandkeramische Siedlerinnen und Siedler sollten nicht mit evangelikalen Missionaren verwechselt werden. Ich halte es für wahrscheinlicher, daß die weiten Gebiete zwischen der Ukraine und Westfrankreich groß genug für genügend Menschen waren, ohne daß man und frau sich allzu sehr ins Gehege kam. Natürlich werden Einhegungen und von der Jagdmöglichkeit abgetrennte Ackerflächen zu Reibereien geführt haben.

Durchgesetzt hat sich jedoch die Kultur, die mehr Lebensmittel produzieren konnte und deren Bevölkerungszahl stärker wuchs. Das hat mit einer Vorbildfunktion wenig zu tun. Selbstverständlich majorisierten diese neuen Bäuerinnen und Bauern irgendwann das soziale Leben einer ganzen Region; und damit setzten sich auch die aus Anatolien stammenden spirituellen oder religiösen Vorstellungen längerfristig durch. Dies kann sogar recht schnell geschehen sein, denn Europa war nur relativ dünn besiedelt.

Jedenfalls gibt es für die Existenz dieser "Missionare" keinen ausreichenden Beleg; es ist eben erst einmal eine Theorie.

Bleiben eigentlich noch zwei Fragen zu klären: erstens – wie wirkte sich die zunehmende gesellschaftliche Differenzierung aus? Können wir schon für diese frühe Zeit von Fürsten oder anderen Formen institutionalisierter Herrschaft sprechen? Zweitens – was sagen uns die Funde über das Geschlechterverhältnis?

Es wäre weltfremd, den einmal in Gang gesetzten Prozeß sozialer Schichtung verleugnen zu wollen. Es gibt jedoch keine Anzeichen dafür, daß auf dem Göbekli Tepe ein Fürst geherrscht hat. Gerade zu Beginn eines solchen Transformationsprozesses ist kaum zu erwarten, daß schon das existierte, was wir erst Jahrtausende später nachweisen können. Es mag eine Tendenz zu Herrschaftsformen gegeben haben. Es wird auch egalitäre Gegentendenzen gegeben haben. In manchen Siedlungen und manchen Kulturstufen fehlen hervorgehobene Grabbeigaben oder exklusive Gebäude. Die Jahrtausende zwischen den Steinpfeilern in Anatolien und den ersten Stadtstaaten Mesopotamiens werden eine Zeit wechselvoller Versuche gewesen sein, die neu entstehenden Eigentums- und Besitzverhältnisse in soziale Bahnen zu kanalisieren.

Irgendwann jedoch war das Streben danach, Reichtum zu akkumulieren, größer als die Tendenz sozialer Gleichheit. Damit war die Notwendigkeit der Legitimation gegeben. Die religiöse Form dieser Legitimation war unausweichlich, zumal sie weitgehend ohne Knute auskam. Die Unterwerfung erst der eigenen Bevölkerung, dann auch anderer Gruppen, machte aggressives Handeln bis hin zum Krieg erforderlich. Aggression ist eine Form von Sozialverhalten, die vor allem dann zum Ausbruch kommt, wenn eine soziale Gemeinschaft mit ihnen fremden Verhältnissen nicht mehr klar kommt.

Der zwanghafter werdende soziale Kontakt, vermittelt über die Notwendigkeit, Lebensmittel und andere Ressourcen herbeizuschaffen, gebündelt in Dörfern und Städten, hinterließ eine Form von sozialem Streß, der bis heute nachwirkt. Um jedoch auf die erste Fragestellung zurückzukommen. Es gab wohl zunächst keine Fürsten, obwohl das mit den Steinpfeilern des Göbekli Tepe verbundene ideologische Konzept schon einer näheren Betrachtung wert wäre. Doch erst Jahrtausende später können wir aus Grabbeigaben auf eine soziale Schichtung schließen, mit welcher die neuen Eigentumsverhältnisse abgesichert worden sind.

Begegnen wir zu Beginn der Neolithischen Revolution den Steinmonumenten am Göbekli Tepe, so finden wir an deren Ende an der Atlantikküste die Megalithkultur vor. Es ist nicht auszuschließen, daß eine bestimmte Form monumentaler Architektur zur Errichtung und Etablierung der neuen Lebensweise gehört hat.

Die Frage nach dem Patriarchat oder danach, ob es matriarchale oder matrilineare Sozialstrukturen gab, ist weniger leicht zu beantworten. James Mellaart hat mit seinen Ausgrabungen in Çatal Höyük in den 60er Jahren der Vorstellung Vorschub geleistet, als hätten Göttinnen in dieser doch sehr ungewöhnlichen Siedlung eine besondere Rolle gespielt. Jahrzehnte später müssen wir nüchtern konstatieren, daß manche seiner Interpretationen schlicht Wunschvorstellungen waren und durch besser erhaltene Zeugnisse aus anderen Fundstätten verifiziert werden können. So wissen wir heute, daß ein von Mellaart als Göttin bezeichnetes Relief ein Tier, wahrscheinlich einen Bären darstellt. Ohnehin scheint in Bezug auf Mellaarts Forschungen Skepsis angebracht zu sein, auch wenn der Katalogband taktvoll die Ikone der neolithischen Archäologie schont. [11]

Nüchtern betrachtet gibt es keine Spuren, die auf ein Matriarchat verweisen. Vielleicht sollten wir besser von matristischen Strukturen sprechen. Doch es ist nicht ganz auszuschließen, daß ein männlich orientierter Wissenschaftsbetrieb derartige Spuren selbst dann nicht wahrnimmt, wenn sie allzu offensichtlich sind. So gibt es erst einmal keinen Grund für die Annahme, daß in einer frauenzentrierten Gesellschaft spiegelbildliche Herrschaftsstrukturen zu finden sind. Aus der Tatsache, wenige oder gar keine Grabfunde für Frauen in herausragender Stellung vorzufinden, kann also nicht geschlossen werden, daß Frauen nichts zu sagen hatten. Sie könnten sich ja auch einer anderen Symbolik bedient haben als die besitz- und vielleicht auch machtorientierten Männer. Vielleicht ist egalitär noch die beste Umschreibung für weite Teile des Neolithikums, aber meine Skepsis bleibt.

Der Katalogband Die ältesten Monumente der Menschheit ist letztes Jahr zur Anatolien-Ausstellung in Karlsruhe erschienen. Die Buchhandelsausgabe umfaßt 420 Seiten und kostet 39 Euro 90. Spannend, einfach spannend.

Unterschiedliche Ansichten – widersprüchliche Interpretationen

Die Sicht auf das Neolithikum als einer sich schon im Werden befindliche patriarchale Gesellschaftlichkeit ist nicht unumstritten. Gerade weil die Zeugnisse rar sind, ist Raum für unterschiedlichen Interpretationen und Spekulationen. Obwohl ich denke, daß es gute Gründe gibt, in der Neolithisierung der damaligen Welt den Beginn sozialer Schichtung unter männlichen Vorzeichen zu sehen, seien nachfolgend auch Verweise zu Texten angeführt, die von anderen Voraussetzungen ausgehen.

Bernhard Brosius versammelt auf seiner Webseite urkommunismus.de Texte und Links zu einer Interpretation der neolithischen Gesellschaften als egalitäre Gemeinschaften. Er schreibt hierzu:

Von 7.000 bis 4.000 v.C. bestand in Anatolien und der Balkanregion eine egalitäre Gesellschaft, in der die Geschlechter gleichberechtigt waren und Kriege unbekannt. Der hohe Lebensstandard für alle wurde erst Jahrtausende später wieder erreicht. In der Siedlung Catal Hüyük lebten mehr als tausend Jahre lang bis zu zehntausend Menschen zusammen. Hier lässt sich aus den archäologischen Befunden nicht nur die egalitäre Gesellschaftsstruktur entwickeln, sondern Einblick gewinnen in die kulturellen Leistungen einer freien Gesellschaft.

Gabi Uhlmann geht noch einen Schritt weiter und sieht in den neolithischen Gemeinschaften eine stärkere Position der Frauen. Das in der Anatolien-Ausstellung gezeigte Bären-Siegel hält sie für nicht geeignet, die Interpretation als Göttin zu verwerfen.

Die Gesellschaft Çatal Höyüks "funktionierte" matrilinear, matrilokal und matrifokal. Sie war so nicht "organisiert", sondern diese Lebensweise entsprach der menschlichen Natur, wie sie seit 200.000 Jahren gelebt wurde. Und nicht nur sie war es in dieser Zeit, sondern auch alle Siedlungen Mesopotamiens und des Alten Europa. Ihnen allen ist gemeinsam, dass die Bilder eine andere Sprache sprechen, als sie uns vertraut ist. Der Grund dafür ist, dass seit Ende der Jungsteinzeit eine neue Gesellschaftsform endgültig durchgesetzt wurde, die uns bis heute den Blick für unsere wahre Natur versperrt: Das Patriarchat. Die Archäologin Marija Gimbutas hat mit ihrem Lebenswerk die Grundlagen gelegt, die es heute wieder ermöglichen, die Bildwerke Çatals besser zu verstehen.

Marla Mallett diskutiert die Ansichten des Ausgräbers von Çatal Höyük, James Mellaart, und verweist hierbei auf die Widersprüche von dessen früheren und späteren Schriften. Ihre Sichtweise ist stark beeinflußt von ihren Forschungen zur Webkunst verschiedener Kulturkreise.

I was stunned by overwhelming stylistic incongruities between Mellaart's new "reconstructed" paintings and the obviously genuine wall paintings appearing in photos in the 1960's Çatal Hüyük excavation reports. Subject matter in the new drawings was completely different too. Deities and their animal entourages were now everywhere. Indeed, an elaborate new Neolithic Mother Goddess cult flourished where none had existed before. Most extraordinary of all were "reconstruction" drawings placed alongside strikingly similar modern kilims: "reconstruction" drawings with kilim motifs, but garbled warp/weft directions! They would have been impossible to weave. Something was definitely wrong. But how could it be so terribly wrong? Again, documentation was missing.

Die Auswahl dieser Links ist willkürlich, unvollständig und nicht repräsentativ. Die hiermit verlinkten Texte sollen jedoch zeigen, daß die vorgeschichtliche Welt auch mit anderen Augen gesehen werden kann.

 

Kulturaustausch unter Waffen

Besprechung von : Michael Sommer – Der römische Orient, Konrad Theiss Verlag 2006, 160 Seiten, € 36,00

Viele tausend Jahre später werden die Römer Teile des Vorderen Orients erobern. Formell bemächtigen sie sich im 1. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung der Überreste der Diadochenreiche, also der Nachfolgestaaten des Reichs Alexanders des Großen. Pompeius, später der große Rivale Caesars, ordnet wenige Jahre vor dem ersten Triumvirat des Jahres 59 den syrischen Großraum neu im Sinne Roms. Ein weiteres Vordringen nach Westen würde den Konflikt mit dem Partherreich der Arsakiden herausbeschwören, worauf der Feldherr Pompeius verzichtet. Sein Triumviratskollege Crassus hingegen sucht nach seinem Konsulat den Ruhm und fällt in der Schlacht von Carrhae im Jahre 53. Damit sind die Duftmarken gesetzt.

Buchcover Michael Sommer "Der römische Orient"Der Althistoriker Michael Sommer hat mit seinem Buch über den römischen Orient ein Werk verfaßt, das uns diese Grenzregion zwischen dem Römischen Imperium und dem Partherreich näher bringt. Hierbei geht es weniger um Feldzüge und Schlachten, auch wenn diese in den folgenden Jahrhunderten reichlich geschlagen wurden. Vielmehr macht uns Michael Sommer auf etwas anderes aufmerksam. Eine Grenze, so wie wir sie uns vorstellen, hat es hier nicht gegeben. Vielmehr müssen wir das römisch-parthische Grenzgebiet als einen Raum begreifen, der relativ durchlässig gewesen ist. Der Begriff Einflußgebiet trifft die Sache eher.

Grenzgänger, die in mehr als einer Welt heimisch sind, tendieren dazu, sich nach Bedarf und oft genug geradezu spielerisch im Inventar der verschiedenen kulturellen Formationen zu bedienen. Sie eignen sich das an, was ihnen nützlich oder angenehm erscheint, formen es kreativ den eigenen Bedürfnissen entsprechend um – wobei der authentische Sinn des Angeeigneten meist keine Rolle spielt – und setzen es zu einem »Patchworkuniversum« zusammen, in dem viele der übernommenen Elemente aufscheinen, aber mit anderen zu völlig neuen Mustern verknüpft sind. Das Patchworkuniversum der Grenzgänger ist nicht einfach eine Addition kultureller Anleihen, sondern etwas Neues, Eigenständiges […]. [12]

In Michael Sommers Buch geht es auch um etwas Anderes, was dieses Grenzgängertum erst ermöglicht. Die Region zwischen dem erst griechisch, später römisch urbanisierten Syrien und den weiten oft steppenartigen Ebenen Mesopotamiens bildet den Raum zwischen der seßhaften und der nomadischen Lebensweise. Es ist eine Region, in der Stammesgesellschaften eine städtische Enklave umlagern und beide Subsysteme eine Art Symbiose miteinander eingehen.

Wenn hier Römer auf Parther treffen, dann treffen eine Ebene tiefer auch hellenisierte Syrer auf nomadische Vasallen der Parther – und die Identitäten changieren dort, wo die Seßhaftigkeit ins Nomadische umschlägt. Und umgekehrt. Es treffen hier die Kulturen der herrschenden Klassen aufeinander und bilden das, was Michael Sommer als Patchwork bezeichnet. Wobei nicht zu verkennen ist, daß derartige Kulturleistungen einer kleinen Minderheit auf beiden Seiten entspringen. Dem Großteil der dort lebenden Menschen konnte es relativ egal sein, von wem sie beherrscht wurden.

Auch wenn die römischen Armeen mehr als einmal weit ins Partherreich vorstießen, so gelang es ihnen doch nicht, diese Übergangsregion in den Griff zu bekommen. Sie konnten zwar langsam, aber stetig ihre Ostgrenze verschieben, mußten jedoch zur Sicherung dieses traditionellen Durchzugsgebiets ungeheure Anstrengungen machen. Hier wurden Legionen stationiert, die anderswo fehlten, und ein System von aufeinander abgestimmten Kastellen errichtet, das diese Truppen band. Letztlich gab es jedoch keine systematische Eroberungspolitik, und zwar auf beiden Seiten (der Römer und der Parther), so daß Kriegsepisoden von längeren Ruhephasen unterbrochen waren.

Die spezifischen, an der Steppengrenze herrschenden ökologischen Bedingungen, die Strukturen sozialer Organisation und die schiere Weite des Raums, die Roms militärisches Potential überforderte, setzten somit Roms Machtentfaltung im Osten Grenzen, die unüberschreitbar blieben. [13]

In diesem Zusammenhang ist die Bedeutung und das machtpolitische Zwischenspiel der Wüstenoase Palmyra zu sehen, das im 3. Jahrhundert unserer Zeitrechnung aus den Bedingungen dieser Transhumanzzone heraus versuchte, die Herrschaft Roms zu ersetzen. War die palmyrenische Armee noch erfolgreich gegen die persischen Nachfolger der Parther, so scheiterte die eher der anderen Seite angehörende Wüstenstadt an den urbanen Ressourcen Roms.

Das Buch Der römische Orient von Michael Sommer vermittelt hier bemerkenswerte Einblicke in die Sozialgeschichte einer antiken Region, die in der Mainstream-Geschichtsschreibung weitgehend dem Fokus der Aufmerksamkeit entzogen geblieben ist. Schon dies empfiehlt den 160 Seiten starken, großformatigen und reich bebilderten Band. Er ist im Herbst 2006 im Theiss Verlag zum Preis von 36 Euro erschienen. [14]

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte

Ihr hörtet in der vergangenen Stunde einige Antworten auf die Frage, woher wir kommen. Hierbei habe ich drei Bücher aus dem Theiss Verlag vorgestellt, und zwar:

Von Fiorenzo Facchini den Band Die Ursprünge der Menschheit, den Begleitband zur Ausstellung Die ältesten Monumente der Menschheit sowie Michael Sommers Buch über den römischen Orient.

Ich danke der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt für ihre Unterstützung bei der Produktion dieser Sendung. Das Manuskript zur Sendung werde ich in den kommenden Tagen auf meiner Webseite zur Verfügung stellen: www.waltpolitik.de. Diese Sendung wird voraussichtlich wiederholt, und zwar in der Nacht von Montag auf Dienstag um 23.00 Uhr, am Dienstagmorgen um 8.00 Uhr und am Dienstagnachmittag ab 14.00 Uhr [15]. Im Anschluß folgt eine Sendung der Kulturredaktion von Radio Darmstadt. Am Mikrofon war Walter Kuhl.

 

ANMERKUNGEN

 

Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

 

»» [1]   Siehe hierzu meine Dokumentation zu den Geschehnissen bei Radio Darmstadt seit April 2006.

»» [2]   Fiorenzo Facchini : Die Ursprünge der Menschheit, Seite 222.

»» [3]   Siehe hierzu den Artikel von Christa Tamara Kaul : "Nicht vernunftgemäß handeln ist dem Wesen Gottes zuwider", in: Telepolis vom 15. September 2006.

»» [4]   Facchini Seite 229.

»» [5]   Facchini Seite 229.

»» [6]   Peter Kratz : Die Götter des New Age [1994], Seite 202.

»» [7]   Facchini führt vier von ihm affirmativ genutzte Werke Teilhard de Chardins im Literaturverzeichnis auf.

»» [8]   Facchini Seite 98.

»» [9]   Jens Lüning : Bandkeramiker und Vor-Bandkeramiker, in: Badisches Landesmuseum Karlsruhe (Hg.): Die ältesten Monumente der Menschheit, Seite 179–180.

»» [10]   Lüning Seite 181.

»» [11]   Siehe zu James Mellaart und der Affäre Dorak beispielsweise Tilman Spreckelsen : Der Fund der sich nicht zeigte, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 23. April 2008.

»» [12]   Michael Sommer : Der römische Orient, Seite 17.

»» [13]   Sommer Seite 82.

»» [14]   Siehe hierzu auch die Online-Rezension von Julia Hoffmann.

»» [15]   Die Nacht-Wiederholung fiel aufgrund eines sechsstündigen Sendelochs in der Zeit von 22.26 Uhr bis 04.21 Uhr aus. Die Nachmittags-Wiederholung entfiel aufgrund einer von Mittwoch nach Dienstag verschobenen Konserve der Sendereihe Running Radio. Derartige Sendeverschiebungen werden den Redakteurinnen und Moderatoren von Radio Darmstadt nicht mitgeteilt. Sie kündigen deshalb Wiederholungszeiten ihrer Sendungen an, von denen (nur ihnen nicht) zu diesem Zeitpunkt bekannt ist, daß sie nicht stimmen. Für derartige Kommunikationsleistungen ist der Vorstand des Trägervereins verantwortlich, dessen Chefkommunikator Benjamin Gürkan allenthalben verkündet, wie wichtig (ihm) die interne Kommunikation sei. Den Worten folgen jedoch keine Taten. Pikant ist, daß Gürkan zudem am Projekt Running Radio beteiligt ist.

 


 

Diese Seite wurde zuletzt am 3. Mai 2008 aktualisiert. Links auf andere Websites bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2008. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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