Geschichte

Zwischen Gewalt und Kultur (2)

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
In der Sendung vom 29. August 2005 sprach ich über den Zusammenhang von Kultur und Gewalt anhand der ägyptischen Geschichte und des Imperium Romanum. Ich stellte einen historischen Roman über das Sizilien des 12. Jahrhunderts vor und einen Fotoband zum Vietnam–Krieg.
 
Sendung :
Geschichte
Zwischen Gewalt und Kultur (2)
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Montag, 29. August 2005, 17.00–18.00 Uhr
 
wiederholt am :
Montag, 29. August 2005, 23.10–00.10 Uhr
Dienstag, 30. August 2005, 09.00–10.00 Uhr
Dienstag, 30. August 2005, 15.00–16.00 Uhr
 
 
Besprochene und benutzte Bücher :
  • Tariq Ali : Der Sultan von Palermo, Diederichs Verlag
  • Ada Gabucci : Rom und sein Imperium, Theiss Verlag
  • Michael Höveler–Müller : Am Anfang war Ägypten, Verlag Philipp von Zabern
  • Tim Page : Ein anderes Vietnam, National Geographic
 
 
Zu Teil 1
 
 
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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Kulturelle Gewalt, gewaltige Kultur
Kapitel 2 : Eine Hochkultur strebt nach oben
Kapitel 3 : Ein gewaltiges Reich
Kapitel 4 : Die Sklaven der Pax Romana
Kapitel 5 : Die Toleranz der Erobererkulturen
Kapitel 6 : Gegen die Gewalt des Westens
Kapitel 7 : Schluß
Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Kulturelle Gewalt, gewaltige Kultur

Jingle Alltag und Geschichte

Eine Kultur der Gewalt schuf eine Gewalt der Kultur. Kulturen entstehen nicht aus sich selbst heraus, sondern sind immer auch Programm. Schon die ersten Stadtstaaten Mesopotamiens hinterließen uns Relikte, welche neben ästhetischen Motiven Machtansprüche dokumentierten. Die Tempel Sumers stehen den Pyramiden Ägyptens hier in Nichts nach. Wir mögen sie bestaunen. Aber wir müssen auch danach fragen, auf wessen Rücken sie erbaut und welche Macht sie demonstrieren sollen. Jede Kultur seit dem Ende der Jungsteinzeit konnte sich nur durch Gewalt entwickeln. Das Erobern anderer Territorien, das Unterwerfen anderer Menschen, Versklavung und grenzenlose Ausbeutung begleiten schon die ersten Hochkulturen.

Erst die kapitalistische Gesellschaft kennt neben der extensiven Ausweitung und Bewirtschaftung die Intensivierung der Arbeit und erschließt sich somit eine Alternative. Dennoch kommt auch der Kapitalismus nicht ohne Kriege, ohne Raub, ohne Ausbeutung und ebensowenig ohne Gewalt aus.

Eine psychologische Untersuchung über diesen Zusammenhang von Gewaltkultur und Kulturerbe wäre wahrlich angebracht. Ebenso eine Studie darüber, warum sich Einzelne in ihrer Machtvollkommenheit grenzenlos erheben konnten und ganze Völkerschaften dies – wenn auch murrend und vorsichtig rebellierend – jahrhundertelang akzeptiert haben. Heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, sind wir die Erben einer rund sechstausendjährigen Kultur der Gewalt, aus deren Grundlagen wir unser kulturelles Selbstbewußtsein ziehen.

Paläste und Silberschätze, die sieben Weltwunder und die Chinesische Mauer, all dies gibt uns einen Einblick in die Kultur einer herrschenden Schicht oder Klasse. Und wenn wir diese Hinterlassenschaften heute in Museen und Ausstellungen bewundern, dann sehen wir darin weniger diejenigen unserer Vorfahren, die dafür schuften und bluten mußten. Wir fallen auf den ganzen Schwindel herein und lobpreisen noch einmal die Kultur der Peiniger ganzer Kontinente. Und doch wäre die Geschichte der Menschheit undenkbar ohne die mit dieser Gewalt und Kultur verbundene, zunächst vielleicht langsame, Akkumulation von Fortschritt – oder: von technischen und sozialen Errungenschaften.

Die vorkapitalistischen Gesellschaften waren hierbei darauf angewiesen zu expandieren. Nur durch immer neuen Zufluß von geraubten Gütern, von geraubten Menschen und von regelmäßigen Tributen konnte sich eine Wirtschaft und Gesellschaft stabilisieren, die sich in gewaltigen Monumenten und imperialen Kriegszügen widerspiegelte. Gefolgsleute mußten gekauft und die Krieger materiell entschädigt werden. Beutezüge waren ebenso notwendig wie die Kontrolle von Handelsrouten oder Kornkammern. Jede Gesellschaft, jedes Reich, das nicht mehr expandierte oder expandieren konnte, war dem Untergang geweiht.

In meiner heutigen Sendung werde ich auf drei derartige Gesellschaften ein wenig näher eingehen. Das pharaonische Ägypten entstand parallel zu den ersten Stadtstaaten Mesopotamiens und seine wechselvolle Geschichte war an den Besitz strategischer Rohstoffe und das Funktionieren des inneren sozialen Friedens geknüpft. Michael Höveler–Müller hat jüngst ein Buch über die Geschichte Altägyptens vorgelegt, das mit neuen Gedankengängen versucht, Licht ins Dunkel der Geschichte zu bringen.

Das Römische Imperium entwickelte sich durch beständige Expansion, bestand rund eintausend Jahre, und zerfiel in dem Moment, als die materiellen Ressourcen des Reiches nicht mehr ausreichten, um den inneren Zusammenhalt zu gewährleisten und die Grenzen zu verteidigen. Die Archäologin Ada Gabucci gibt einen Gesamtüberblick auf dieses Imperium Romanum, auf den ich im Verlauf dieser Sendung näher eingehen werde.

Eine ganz andere Form der Geschichtsschreibung hat Tariq Ali in seinem Roman Der Sultan von Palermo entwickelt, der zur Zeit der normannischen Herrschaft über Sizilien und Süditalien im Mittelalter spielt. Hier entladen sich die Gegensätze zwischen eroberter islamischer Kultur und den christlichen Eroberern gewaltsam – zwei Kulturen mit ihren Werten prallen aufeinander.

Am Ende dieser Sendung möchte ich einen ungewöhnlichen Fotoband vorstellen, den ich vor kurzem rein zufällig beim Bummeln durch Darmstadts Antiquariate gefunden habe. Der Journalist Tim Page hat mit einigen Kollegen Bilder des Vietnam–Krieges entdeckt, welche die andere Seite des Krieges zeigen. Es sind Aufnahmen von vietnamesischen Fotografen, die nicht nur Leid und Zerstörung zeigen, sondern den unbändigen Lebenswillen einer kleinen Nation, welche die größte Macht der Erde besiegt hat. Der Preis für den Sieg war immens. Neben drei Millionen Toten verbrannte Erde, entlaubte Wälder, eine zerstörte Wirtschaft und die Spätfolgen von Agent Orange, dessen Grundsubstanz auch in Deutschland hergestellt worden ist.

Für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt ist am Mikrofon Walter Kuhl.

 

Eine Hochkultur strebt nach oben

Besprechung von : Michael Höveler–Müller – Am Anfang war Ägypten, Verlag Philipp von Zabern 2005, 303 Seiten, € 39,90

Am Anfang war Ägypten, so lautet der Titel eines Mitte dieses Jahres im Verlag Philipp von Zabern herausgekommenen Bandes des Ägyptologiedozenten Michael Höveler–Müller. Der ägyptischen Tradition nach stimmt das jedoch nicht, denn zunächst einmal gab es einen ungeordneten Urzustand, der durch das Wirken von Göttern und Menschen in eine bestimmte Ordnung überführt werden mußte.

Das erste, was man über ägyptische Darstellungen lernen muß, ist, daß für die Ägypter das, was sie zeigten, Wirklichkeit war. Sie erschufen niemals Kunst in unserem Sinne. Alles, was sie abbildeten, hatte eine tiefere Bedeutung – ja, es war das Dargestellte. Das ging sogar soweit, daß gefährliche Zeichen in den Hieroglyphen, wie etwa Schlangen, für den König in seinem Grab gefährlich werden konnten. Als man deshalb um 2370 v. Chr. damit begann, Wände in den Pyramiden mit Texten zu versehen, wurden die gefährlichen Tiere durch kleine Messer unschädlich gemacht, die in ihren Körpern steckten, oder sie wurden bereits zertrennt abgebildet. [1]

Dieses für uns abergläubisch anmutende Verständnis der Wirklichkeit wurde jedoch sozial geschaffen. Bevor die Ägypter anfingen, Pyramiden zu bauen, mußten sie einen langen Weg der Kulturwerdung und Gewaltausübung hinter sich bringen. Die frühesten vordynastischen Kulturen Ägyptens begegnen uns ab dem 5. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung. Etwa ein Jahrtausend später entwickelt sich in der Gegend des späteren Zentrums Theben in Oberägypten die Kultur von Naqada, deren Träger ein weiteres Jahrtausend später die Grundlagen des pharaonischen Ägyptens erschaffen sollten.

Die Einigung des Landes geschah sicher nicht friedlich. In der sogenannten Dynastie 0, die der traditionellen Aufteilung des Pharaonenreiches in 30 Dynastien vorangeht, legten sich die Könige Oberägyptens für ihren Königsnamen den Namen eines gefährlichen Tieres zu, etwa Löwe, Falke oder Skorpion. Unter König Narmer, der auch Wels gelesen werden kann, wurde das Nildelta, also Unterägypten, militärisch besiegt. Sein Nachfolger Aha, der Kämpfer, begründete dann nach der später eingeführten offiziellen ägyptischen Zeitrechnung die 1. Dynastie gegen 3000 vor unserer Zeitrechnung, und ist wahrscheinlich der König Menes der späteren Tradition.

Aha erbaute mehrere fünf Meter hohe Scheinpaläste, arabisch mastaba genannt, eine Bauform, aus der später die Pyramiden hervorgehen sollten. Hierbei ging es nicht um Pracht oder Kultur, sondern um eine Machtdemonstration. Das unterworfene Unterägypten sollte durch diese Mahnmäler immer daran erinnert werden, wer ihr König war. So unscheinbar klein sie im Vergleich zu den späteren Pyramiden erscheinen mögen, so waren sie doch für die Zeitgenossen ein monumentales und so noch nie errichtetes Bauwerk. Einer der Nachfolger Ahas, der König Dewen, legte die Grundlagen für spätere militärische Expeditionen. Er fiel in den Süden Palästinas ein und will auch über das südlich von Ägypten gelegene Nubien gesiegt haben.

Unter König Djoser zu Beginn der 3. Dynastie wurde die für den König vorgesehene Grabanlage architektonisch erweitert. Statt einer mastaba wurden sechs aufeinander errichtet.

Das Ergebnis war eine gigantische, 62,5 Meter hohe Treppe, auf der der verstorbene König in den Himmel gelangen konnte, sechs mächtige, übereinander geschichtete Podeste brachten den König dem Himmel, den Sternen und der Sonne näher als irgendeinen Herrscher vor ihm.
Über sein Land würde Djoser auch weiterhin herrschen können, wenn er von seiner Treppe wieder hinunter nach Ägypten kam. [2]

In der nachfolgenden 4. Dynastie wurdem sechs Pyramiden errichtet und mindestens zwei weitere begonnen. Hingegen sind die schriftlichen Quellen äußerst spärlich, so daß wir diese Dynastie als vollkommen uninteressant betrachten müßten, hätte sie nicht ihre monumentalen Denkmäler hinterlassen. Die Herrscher treten uns wie in der Zeit zuvor nicht als Persönlichkeiten gegenüber; über ihre Motive und ihre Politik sind wir daher nicht unterrichtet.

Buchcover Am Anfang war ÄgyptenDer erster König der Dynastie, Snofru, errichtete gleich drei Pyramiden, deren Seitenflächen erstmals glatt sein sollten. Die Strahlen der Sonne sollten die Erde entlang der Außenkanten erreichen, und der Pharao selbst sollte mit ihnen zu den Sternen emporreisen können. Snofrus erster Bau endete in einer Katastrophe, der zweite scheiterte am zu weichen Untergrund. Erst die dritte Pyramide konnte ihrer Bestimmung übergeben werden.

Während die bisherigen Könige sich als Sonnengott verehren ließen oder als Gott Horus erschienen, wandelte sich das Verhältnis zwischen dem Sonnengott und dem König unter dem Nachfolger des Cheops, der die höchste Pyramide hinterlassen hatte. Von ihm ist der Titel Sohn des Ra überliefert, der eine Dynastie später in die königliche Titulatur aufgenommen wird. Die Macht des Königs trat hinter die Macht der Götter zurück, was zweifellos Auswirkungen auf die Legitimation königlicher Herrschaft haben mußte. Es gibt deutliche Hinweise darauf, daß neben dem Aufstieg anderer Götter auch ein Umbruch im sozialen Leben des Landes stattfand. Hohe Beamte mußten keine Prinzen mehr sein; und diese Beamten begannen, ein Eigenleben zu entwickeln. Die schleichende Auflösung des sogenannten Alten Reichs begann.

Welche Kräfte hier am Werk gewesen sind, läßt sich aufgrund der spärlichen Überlieferung nicht sagen. Keinesfalls dürfen wir eine Fehlentscheidung eines Königs hierfür verantwortlich machen. Der Machtverlust des Königs, der sich im Aufstieg des Sonnengottes spiegelte, war sicher Ausdruck tiefer greifender Prozesse in Ägypten selbst. Womöglich war die göttliche Funktion des Königs als ordnungsstiftender Herrscher über Ober– und Unterägypten in der traditionellen Form überflüssig geworden. Damit war der Weg für eine spätere Entwicklung geebnet, wonach jeder, der genügend Krieger, Priester und Macht hinter sich vereinen konnte, Ansprüche auf den Thron anmelden konnte.

Mit König Pepi I. aus der 6. Dynastie kniet erstmals ein König vor den Göttern. Der reale Machtverlust zeigt sich in der Symbolik einer kleinen etwa 15 Zentimeter hohen Figur.

Noch jedenfalls können die Rohstoffvorkommen auf dem Sinai und in Nubien ausgebeutet werden, aber das sollte sich bald ändern. Eine andere Entwicklung war jedoch folgenreicher. Immer mehr Tempel und Ländereien waren von Abgaben befreit, immer mehr war die reale Macht zugunsten lokaler Dynasten dezentralisiert worden.

Das Ende des Alten Reiches hatte seine Ursachen nicht in Einwirkungen von außen, sondern lag allein in den Kräften begründet, die im Innern wirkten. Der Absturz in das Chaos […] hatte wirtschaftliche Gründe. [3]

Mißernten führten nun zu ernsthaften Hungersnöten. Der Kollaps des ägyptischen Reiches begann; das Chaos, so wie es sich in ägyptischer Sicht zeigte, währte zwei Jahrhunderte. Wahrscheinlich reichten die Ressourcen des Landes nicht mehr aus, das Ganze beisammen zu halten, doch auch auf lokaler Ebene sah es nicht unbedingt besser aus. Zwar gab es Inseln des Wohlstands, aber auch diese Inseln blieben unsicher, wenn ein Nachbarfürst angriff.

Wie schon tausend Jahre zuvor, ging der Einigungsprozeß wiederum aus der Gegend der späteren Hauptstadt Theben aus, etwas, was sich auch im 16. Jahrhundert nach der ersten Herrschaft nichtägyptischer Abstammung (den Hyksos) wiederholen sollte. Die Einigung Ägyptens hing jedoch von seinen wirtschaftlichen Möglichkeiten ab, und das bedeutete: immer wieder erneute Expansion nach Palästina und Nubien. Die noch folgende Blüte der ägyptischen Kultur im Mittleren und Neuen Reich baute also auf Krieg, Mord, Unterwerfung und Sklaverei auf. Detaillierte Zahlen liegen allenfalls in der jeweiligen Propaganda der "Erfolgsbilanz" der einzelnen Pharaonen vor; sie sind mit Vorsicht zu genießen. Aber der Blutzoll der außerägyptischen Gebiete wird gewiß nicht gering gewesen sein.

Michael Höveler–Müller geht in seiner Abhandlung Am Anfang war Ägypten neue Wege. In seinem Bestreben, der ägyptischen Geschichte von ihren Anfängen bis zum Ende des sogenannten Neuen Reiches gegen Ende des 2. Jahrtausends einen roten Faden zu geben, ist er zuweilen auf Interpretation, zuweilen aber auch auf Spekulation angewiesen. Nicht alles, was der Autor schreibt, ist zu belegen, wird es wohl auch zukünftig angesichts der Fundsituation in vielen Fällen nicht sein. Er geht davon aus, daß uns derzeit nur ein Drittel aller Hinterlassenschaften des alten Ägypten bekannt sind. Sein Band ist so betrachtet ein Resumee einer 200jährigen Forschung.

Das Buch liest sich zuweilen fast wie ein Roman, auch wenn wir mit Fakten überhäuft werden. Manches bleibt dennoch unklar, so zum Beispiel die Frage, wie es eine Dynastie lokaler Fürsten geschafft hat, nicht nur ganz Ägypten zu unterwerfen, sondern vor allem, wie sie es geschafft haben, sich als Götter auszugeben. Mag sein, daß dies den Untertanen herzlich egal war, ob es noch einen Gott mehr gab. Aber diese absolute Erhöhung eines einzelnen Menschen über alle anderen muß einen tiefen sozialen Grund haben, der womöglich auch mit der absoluten Machtkonzentration und Gewaltausübung in einer Hand zusammenhängt. Die Grenzenlosigkeit der Gewalt würde sich dann in der Grenzenlosigkeit der späteren Pyramidenbauten wiederfinden.

Michael Höveler–Müllers Geschichte der pharaonischen Hochkultur von der Frühzeit bis zum Ende des Neuen Reiches, also von ca. 4000–1070 v. Chr. ist unter dem Titel Am Anfang war Ägypten im Verlag Philipp von Zabern erschienen. Der etwa 300 Seiten starke Band kostet 39 Euro 90.

 

Ein gewaltiges Reich

Besprechung von : Ada Gabucci – Rom und sein Imperium, Theiss Verlag 2005, 288 Seiten, € 42,00 [4]

Im Februar dieses Jahres ist im Stuttgarter Theiss Verlag die deutsche Übersetzung von Ada Gabuccis Band über Rom und sein Imperium erschienen. Dieser großformatige Band erzählt auf 288 Seiten die Geschichte eines kleinen Dorfes nahe der Westküste Italiens bis zum Ende des Weströmischen Reiches im Jahr 476, als der letzte Marionettenkaiser vom germanischen Söldnerführer Odoaker abgesetzt wurde.

Die großartige römische Kultur ist falsch verstanden ohne ihre gewalttätigen Wurzeln. Da es Rom nicht vergönnt war, wie einstens Österreich durch eine geschickte Heiratspolitik zu wachsen, legte sich die kleine Stadt am Tiber schon sehr früh mit seinen Nachbarn, den Latinern und den Etruskern, an. Diese gewaltsamen Anfänge liegen im Dunkeln und sind zudem durch spätere römische Geschichtsschreiber nicht unerheblich verfälscht worden. Auch wenn starke Zweifel an der zu uns gedrungenen Überlieferung bestehen müssen, so scheint es doch so zu sein, daß die archäologische Forschung der letzten fünfzehn Jahre auf dem Stadtgebiet Roms so manche Reste hat aufspüren können, die wir der mitunter eher mythischen Königszeit zurechnen müssen. Die drei letzten dieser Könige scheinen historisch zu sein.

Buchcover Andreas AlföldiDer Klassiker unter den kritischen Stimmen zur angeblichen Größe Roms zum Ende der Königszeit ist Andreas Alföldis Early Rome and the Latins aus dem Jahr 1965, auf Deutsch 1977 in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft erschienen. Möglicherweise ging Alföldi in seiner Dekonstruktion römischer Annalistik zu weit. Einer der ersten Konsuln der fasti ist Publius Valerius Poplicola, dessen drei erste Konsulate der Autor genauso wie den Spitznahmen Poplicola als spätere Fälschung begreift. Einige Zeit nach Erscheinen des Buches fanden ArchäologInnen in einem Fundament eines Tempels in Satricum eine Widmung von Gefolgsleuten eines Publius Valerius. Sollte diese Inschrift tatsächlich auf etwa 500 vor unserer Zeitrechnung zu datieren und der Name dem in den fasti genannten Konsul zuzuordnen sein, dann ließe sich manche Spitze von Alföldi gegen die römische Annalistik nicht mehr halten. Allein – es fehlt der Nachweis, daß die beiden Personen identisch sind. [4a]

Womöglich finden wir in einem dieser drei Könige sogar die römische Entsprechung der griechischen Tyrannis wieder, die anders, als ihr Name vermuten läßt, nicht unbedingt ein Gewaltregiment bezeichnet, sondern eher eine Form usurpierter Alleinherrschaft, die sich auf die unteren Klassen stützte. Spätestens mit Einführung der Republik gegen 500 vor unserer Zeitrechnung beginnt ein langsamer, aber beständiger Prozeß der Ausweitung des eigenen Territoriums.

Innenpolitische Konflikte, die mit der Macht der Patrizier, mit Schuldknechtschaft und sozialer Ungleichheit zu tun haben, werden so gewaltförmig nach außen getragen. Der soziale Frieden in Rom wird erkauft mit Krieg, Raub und Mord gegenüber der Außenwelt. Die wachsende Bevölkerung wird durch Landzuteilung am Gewinn beteiligt, was jedoch zwangsläufig weitere Kriege um neue Territorien nach sich zieht. Dabei legen sich die Römer nach und nach mit allen Völkern und Staaten des Mittelmeerraums an und sind in der Wahl ihrer Mittel nicht zimperlich. Allerdings gehört dies zu den Grundlagen altorientalischer wie antiker Kriegsführung schlechthin: eroberte Städte beispielsweise werden nicht nur geplündert, sondern ihre Bewohnerinnen und Bewohner entweder ermordet oder versklavt. Die Vernichtung des Gegners war immer eingeplant, denn nur so konnte man sich vor dessen Rache wirksam schützen. Mit Beginn der Kaiserzeit unter Augustus kam diese Expansion weitgehend zum Stillstand und das Riesenreich mußte von den eigenen Ressourcen leben.

Das Römische Imperium war eine Sklavenhaltergesellschaft. Die wirtschaftliche Grundlage beruhte weitgehend auf der Arbeit von Sklavinnen und Sklaven, welche in weiten Gebieten nicht einmal rational organisiert war. Während sich die römischen Bürger (und ihre Frauen und Familien) über den Luxus des Stadtlebens mit Thermen und Amphitheatern freuen konnten, wurden die Sklavinnen und Sklaven oftmals schlecht behandelt, nicht ernährt und durften sich zu Tode abrackern. Das eine hängt ursächlich mit dem anderen zusammen; so wie sich heute die Ausplünderung weiter Teile der Erde zum Reichtum Weniger verhält.

Ada Gabucci verknüpft in ihrem Buch die rund zwölfhundertjährige römische Geschichte mit einer Darstellung der Weiten des römischen Imperiums zu einem komplexen Ganzen. Die über fünfhundert farbigen Abbildungen und mehrere sozialgeschichtliche Einschübe vervollständigen diesen Überblick über eine der Wurzeln der europäischen Kultur und Zivilisation.

Dieses Buch wäre eigentlich als umfassende Einführung vorbehaltslos zu empfehlen, wenn sich nicht an manchen Stellen Fehler oder Ungenauigkeiten eingeschlichen hätten. Ob diese schon der Autorin anzulasten sind, oder dem bei anderen Werken eigentlich sehr genauen Übersetzer Helmut Schareika, oder ob sie erst während des Satzes aufgetreten sind, läßt sich nicht immer genau sagen.

Auf Seite 31 heißt es, die Eroberung Sardiniens sei Folge des Zweiten Punischen Krieges gewesen. Sardinien wurde jedoch kurz nach Ende des 1. Punischen Krieges 238 vor unserer Zeitrechnung von Rom annektiert. Auf Seite 189 wird fälschlich behauptet, daß ein römisches Heer erstmals während des Zweiten Punischen Krieges die Meerenge von Sizilien Richtung afrikanischen Kontinent überquert habe, dies geschah jedoch schon zu Beginn des 1. Punischen Krieges.

Auf Seite 109 heißt der spätere Kaiser Augustus auf einmal Caesar. Auf Seite 133 wird novem populi mit neue Völker anstatt mit – auch aus dem Sinnzusammenhang klar erkenntlichen – neun Völker übersetzt.

Auf Seite 217 gerät die Zeitrechnung durcheinander. Im Jahr 213 kämpfte Caracalla gegen die Alamannen "und nur vierzig Jahre später markierte der Tod des Severus Alexander" den "Beginn einer langen qualvollen Krisenzeit für das Reich". Severus Alexander wurde 235 ermordet. Zwei Seiten später wird das britische Camolodunum auch mal Camelodunum geschrieben.

Auf Seite 266 wurde das Jahr 377 in 337 verschrieben. Zwei Seiten später erhalten wir einen kuriosen Übersetzungsfehler. Ende 406 überquerten mehrere germanische Stämme bei Mainz den Rhein und plünderten anschließend Gallien. Im Text heißt es: den eiskalten Rhein, es muß jedoch heißen: den zugefrorenen Rhein. Der eiskalte Rhein hätte allenfalls durchschwommen werden können und die sich dabei zugezogenen Erfrierungen hätten die Germanen sicher nicht überlebt.

 

Die Sklaven der Pax Romana

Die Autorin beginnt ihr im Grunde chronologisch aufgebautes Werk mit der Entstehung der römischen Weltmacht. Der damit verbundene Niedergang des republikanischen Systems zeigt eigentlich nur, daß die überlieferten Institutionen mit der Verwaltung eines derart riesigen Gebildes vollkommen überfordert waren. Der Übergang zum Kaisertum war im Jahrhundert zuvor vorgezeichnet, man und frau denke nur an Marius und Sulla, Caesar und Pompeius, Marcus Antonius und Octavian. Diesen Abschnitt beendet die Autorin mit einer sechzigseitigen Darstellung der kulturellen Hinterlassenschaften aller italienischen Regionen.

Buchcover Rom und sein ImperiumIm zweiten Teil behandelt Ada Gabucci den schon genannten Übergang von der späten Republik zum Kaiserreich. Augustus war sich der prekären Lage seiner Herrschaft bewußt. Er hatte aus den endlosen Querelen, die nicht selten im politischen Massenmord an den Gegnern gipfelten, gelernt und bemühte sich, dem Kaisertum eine republikanische Fassade anzuheften. Vielleicht war seine Vorsicht unbegründet. Schon der Übergang zu seinem Erben Tiberius schuf keine Legitimationsprobleme. Die dynastische Erbfolge, so es denn Erbfolger gab, war als Herrschaftsprinzip gesichert. Auch hier beendet die Autorin das Kapitel mit einer achtzigseitigen Einführung in die Geschichte und das Kulturerbe aller römischen Provinzen.

Im 1. und 2. Jahrhundert unserer Zeitrechnung ist die Macht des Imperiums auf ihrem Höhepunkt. Die sogenannte Pax Romana ist allerdings ein schöner Selbstbetrug, denn sie gründet auf das vorangegangene Abschlachten all derer, die sich dem römischen Expansionismus in den Weg gestellt hatten. Mörderische Bruderkriege innerhalb des Reiches bleiben jedenfalls zunächst Mangelware; und erst gegen Ende dieses Zeitraums machen sich germanische Stämme an der Rhein- und Donaugrenze bemerkbar.

Das 3. Jahrhundert leitet das Ende des Reiches ein. Die extensiv und weitgehend unrentabel angelegte Landwirtschaft ist auf die Dauer nicht in der Lage, sowohl die Bevölkerung zu ernähren als auch ein zu diesem Zeitpunkt rund 400.000 Mann starkes Heer zu unterhalten. Das Aufkommen der Soldatenkaiser zeigt die Auflösungstendenzen deutlich, auch wenn es sich nicht um eine Militärdiktatur im klassischen Sinne gehandelt hat.

In dem Moment jedoch, wo seit der Mitte des 3. Jahrhunderts und erst recht im 4. Jahrhundert Rom Territorien, wirtschaftliche Ressourcen und auch Menschen verliert, bricht das Reich zusammen. Da die Wirtschaft auf Sklavenarbeit beruhte, bedurfte es zudem einer steten Nachfuhr von neuen Sklavinnen und Sklaven, die jedoch nur um den Preis neuer Kriege zu erhalten waren. Doch die einstmals stolze römische Armee richtete sich im Kampf der untereinander um die Macht streitenden Heerführer selbst zugrunde. Das Imperium wurde – zumindest im Westen – zur leichten Beute.

Das oströmische Reich konnte sich noch ein weiteres Jahrtausend halten, wenn auch zum Schluß gerade mal in der Größe eines Fürstentums. Aber ohne Expansion und den damit verbundenen Zufluß an Reichtümern war die römische Kultur dem Untergang geweiht. In gewisser Weise wurde diese Kultur vom frühen Christentum beerbt, das jedoch in seiner Maßlosigkeit nicht weniger gewalttätig gewesen ist.

Der opulent ausgestattete Band von Ada Gabucci heißt Rom und sein Imperium. Er ist im Theiss Verlag erschienen und kostet 42 Euro [4].

 

Die Toleranz der Erobererkulturen

Besprechung von : Tariq Ali – Der Sultan von Palermo, Diederichs Verlag 2005, 319 Seiten, € 22,00

Nach dem Ende des weströmischen Reiches fiel Sizilien zunächst an die Ostgoten und wurde unter Kaiser Justinian vom oströmischen Byzanz im 6. Jahrhundert zurückerobert. Im 9. Jahrhundert setzen die arabischen Herrscher Nordafrikas nach Sizilien über und unterwarfen es dem Islam. Nachdem sich normannische Verbände Mitte des 11. Jahrhunderts in Süditalien niedergelassen hatten (gewaltsam natürlich!), fielen sie mit päpstlichem Segen 1061 auf der süditalienischen Insel ein. Ihr Königreich sollte bis zum Ende des 12. Jahrhunderts bestehen bleiben, bevor die staufischen Herrscher für einige Jahrzehnte Herren der Insel werden sollten.

Buchcover Der Sultan von PalermoDies ist der historische Rahmen für einen Roman, den der exilpakistanische Autor und Schriftsteller Tariq Ali im Sizilien des 12. Jahrhunderts ansiedelt. Der muslimische Gelehrte Muhammad al–Idrisi legt gerade die letzten Worte an seine Geografie der Erde an, als er nach einer langen Schiffsreise 1153 nach Palermo zurückkehrt. Sein Freund, der normannische Herrscher Roger II., ist krank und wird nicht mehr lange leben. Der Normannenkönig ist als Rujari der Sultan von Palermo und disputiert mit muslimischen Intellektuellen, hält sich einen Harem und die zugehörigen Eunuchen. Der islamische Einfluß ist trotz der christlichen Herrenschicht ungebrochen.

Nichts ist so, wie es sein sollte, oder vielmehr: vielleicht soll es ja genau so sein. Jedenfalls sind christliche Mönche genausowenig wie arabische Fürsten der Knabenliebe abgeneigt, obwohl dies in beiden Religionen streng verboten ist. Die Knaben hat man wahrscheinlich genausowenig nach ihrer Meinung gefragt wie die Konkubinen im Harem. Auch diese Kultur setzt auf Unterwerfung, und es ist dabei unerheblich, welches Glaubensbekenntnis vorherrscht.

Muhammad al–Idrisi, den wir im Verlauf des Romans besser kennenlernen werden, hat zwei mißratene Töchter; und es stellt sich schon die Frage, warum der Autor für seine Geschichte auf Frauenklischees zurückgreifen muß. Diese zwei Töchter richten an ihren Vater das Ansinnen, dafür zu sorgen, daß ihre Ehemänner enterbt werden, um ihren Kindern den Besitz zu vermachen. Sie sollen in einen Aufstand verwickelt sein, den die muslimischen Adligen der Insel planen. Doch Idrisi paktiert lieber mit seinen Schwiegersöhnen. Dies hat gute Gründe. Denn die normannischen Adligen planen ihrerseits ein Massaker. Und sie fordern – als Provokation – vom Herrscher, dessen Macht schwindet und der seine Dynastie vor einem Aufstand der Barone und Bischöfe bewahren will, den Kopf seines mächtigsten Feldherren, einem Muslim.

Dieser soll, welch Schreckenstat, bei einem Feldzug ins feindliche Nordafrika doch tatsächlich nach der Eroberung einer Stadt die Plünderung, die Vergewaltigung und den Massenmord untersagt haben und diejenigen, welche sich nicht daran gehalten haben, auspeitschen lassen. Dies nahmen die in christlicher Gewalt erzogenen Adligen dem Emporkömmling übel.

Und so nimmt die Geschichte ihren Lauf. Doch nicht alle Muslime der Insel sind bereit, sich ohnmächtig der Gewalt zu unterwerfen. Einige Kilometer von Palermo entfernt residiert der Emir von Syrakus; und in seinem Herrschaftsbereich zieht der Vertrauenswürdige umher. Es ist ein islamischer Prediger, aber einer, der in der Tradition der islamischen Freigeister steht, von denen Tariq Ali in seinem Sachbuch Fundamentalismus im Kampf um die Weltordnung kenntnisreich geschrieben hat [5]. Dieser Prediger wird im Verlauf des Romans die Bauern der Umgebung um sich scharen und den christlichen Herren eine Lektion erteilen. Aber den Bauern auch – eine Lektion in Freiheit und Selbstbestimmung.

Nun wäre der Roman kein richtiger Roman, wenn er nicht einige romantische Verwicklungen bieten würde. Idrisi hatte vor Jahren ein Verhältnis mit Mayya, einer der Mätressen aus dem Harem des normannischen Sultans, und stellt jetzt, bei der Rückkehr nach Sizilien, fest, daß die wißbegierige Tochter des Sultans Elinore seine eigene ist. Deren Tante Balkis wiederum ist mit dem Emir von Syrakus verheiratet, aber dieser kann keine Kinder zeugen. Die beiden Schwestern Mayya und Balkis überlegen sich daher, wie sie dem Emir doch noch zu einem Nachkommen verhelfen können, ein Plan, bei dem Muhammad al–Idrisi eine wichtige Rolle spielen wird.

Tariq Ali zeigt uns das Sizilien unter Roger II. als einen Staat, in dem Christen, Muslime und Juden solange miteinander auskommen können, solange es nicht um Herrschaft und Unterdrückung geht. Doch Rogers Tod zeigt auch, wie brüchig das Arrangement ist, und vor allem, daß es nicht die muslimische Welt ist, die den Konsens aufkündigt. Er verweist jedoch auch darauf, daß es die muslimischen Herrscher der Insel selbst waren, welche die Normannen in ihrem kleinlichen Streit herbeiriefen. Diese Gelegenheit ließen sich die Eroberer nicht entgehen. Sie kamen als Söldner und blieben als Herren. Und auch wenn sich die Familie des Herrschers der islamischen Kultur gegenüber aufgeschlossen zeigt, so doch nur solange, wie es ihr nicht selbst an den Kragen geht.

Nicht auszuschließen, daß der Autor hier bewußt an die Zwistigkeiten der arabischen Welt anknüpft und an die Imperialisten denkt, die, einmal gekommen, gewiß nicht wieder freiwillig gehen werden.

Der historisch tiefgründige Roman Der Sultan von Palermo von Tariq Ali ist als Hardcover im Diederichs Verlag zum Preis von 22 Euro erschienen.

Nachtrag : Eine aufmerksame Leserin des von mir besprochenen Buches war absolut nicht einverstanden und hat so manche peinlichen Fehler bemerkt, die weder das Verlagslektorat noch ich beim Lesen enrdeckt hatten. Mehr dazu auf meiner Feedbackseite.

 

Gegen die Gewalt des Westens

Besprechung von : Tim Page – Ein anderes Vietnam, National Geographic 2002, 240 Seiten

Vor wenigen Wochen bin ich beim Stöbern in einem der Darmstädter Antiquariate in der Elisabethenstraße auf ein Buch gestoßen, das meine Neugier geweckt hat. Es handelt sich um den Fotoband Ein anderes Vietnam und er zeigt Bilder des Krieges von der anderen Seite. Es sind Bilder eines Krieges, in dem ein großes Kulturvolk jenseits des Atlantiks sich bemühte, ein anderes Kulturvolk in die Steinzeit zurückzubomben, wie es einmal ein US–amerikanischer General verkündete.

Buchcover Die WeizsäckersWenn US–amerikanische Journalisten und Fotografen einen Fotoband herausgeben, in denen nur die Bilder vietnamesischer Fotografen zu sehen sind, dann ist dies gewiß kein antiamerikanischer Band. Und meine Intention, dieses wirklich großartige Buch vorzustellen, ist ebensowenig mit dumpfdeutschem Antiamerikanismus zu beschreiben. Vergessen wir nicht, daß ein bundesdeutscher Chemiebetrieb den Grundstoff für das Entlaubungsmittel Agent Orange hergestellt hat, an dessen Folgen noch heute Kinder in Vietnam mit Mißbildungen zur Welt kommen.

Führender Mitarbeiter dieses Kulturkonzerns war übrigens der spätere Bundespräsident Richard von Weizsäcker, der natürlich, wie das in diesem schönen Kulturland so üblich ist, von nichts etwas gewußt haben will. Der Familien–Biograf Ulrich Völklein schreibt hierzu jedenfalls in seinem letztes Jahr bei Droemer erschienenen Buch Die Weizsäckers:

Ein Mitwissen um die Produktion, den Verkauf und den Einsatz hochgiftiger Dioxine als Entlaubungsmittel im Vietnamkrieg während seiner Zeit im Vorstand des Chemie– und Pharmakonzerns Boehringer Ingelheim Mitte der sechziger Jahre bestritt er. [6]

Otto Köhler sah dies schon 1984 in seinem KonkretArtikel Wenn das der Führer wüsste anders [7]. Er zitiert aus der Weizsäcker–Biografie Richard von Weizsäcker – Profile eines Mannes von Werner Filmer und Ernst Schwan den Satz: "Keine wichtige Unternehmensentscheidung fiel ohne Weizsäckers Einwilligung." Aber vielleicht war die Produktion eines chemischen Kampfstoffs einfach nicht wichtig genug, damit die rechte Hand des Firmenchefs sich damit befaßte. Denn Mord ist zwar ein Geschäft, aber man spricht nicht darüber.

Doch auch ohne Richard von Weizsäcker war die Bundesrepublik Deutschland in das fleißige Steinzeit–Bomben genügend verwickelt. So fand Willy Brandt nichts dabei, in Vietnam die freie Welt zu verteidigen, so wie Peter Struck heute Deutschland am Hindukusch. Nur daß dabei heute nicht gleich drei Millionen Steinzeitmenschen bei draufgehen. Aber so ist das eben, wenn man mehr Demokratie wagt. Die Rhein Main Airbase übrigens war mit Billigung deutscher Regierungen Drehscheibe für den Nachschub nach Vietnam, und in Heidelberg soll ein Computer der US Army die Bombenflüge über Vietnams Städte, Deiche und Krankenhäuser koordiniert haben.

Und damit zurück zum Bildband. Henry Allen schreibt im Vorwort zum Bildband über den Vietnam–Krieg:

Man sieht Helden, Panzer, Lastwagen, brennende amerikanische Flugzeuge und einen scher endlosen Zug kommunistischer Soldaten, die auf Saigon zumarschieren, bei strahlendem Sonnenschein, vor der wunderschönen asiatischen Landschaft. Viele dieser Bilder haben unzweifelhaft ästhetischen Wert und gehen weit über das hinaus, was die Propaganda verlangte. [8]

Es handelt sich um Bilder, mit denen ein tapferes kleines Volk sich selbst Mut macht, den großen Papiertiger aus Übersee zu vertreiben.

Wirklich verstehen kann man die Bilder nur, wenn man sich für die fremde Kultur und den anderen Blickwinkel hinter der Proipagandakulisse interessiert. Im Unterschied von den typischen Fotos von amerikanischen Soldaten, die selbst dann oft noch einsam wirken, wenn sie den Arm um die Schultern eines Kameraden gelegt haben, sind die Vietnamesen auf ihren Bildern niemals allein. Für heimwehkranke Cowboys war in der Vorstellung der Vietnamesen ebenso wenig Platz wie für Ironie. [9]

Zumal die Bilder unter zum Teil abenteuerlichen Umständen aufgenommen und weitergegeben wurden. Da gibt es den Fotografen, der all die Jahre nur einen einzigen Film verschoß, weil er nicht wußte, wie man den Film in der Kamera wechselt. Abgesehen davon hätte er auch keinen zweiten organisieren können. Aber es gab auch die Fotografen, die Hunderte von Kilometern auf Armeelastwagen oder anderen Fuhrwerken durch halb Indochina trampten, nur um sicher zu gehen, daß die Filme auch in Hanoi ankamen und entwickelt wurden.

Buchcover Ein anderes VietnamFotopapier war lange Zeit jedoch eine Rarität, so daß viele Fotos in einem irrsinnig kleinen Format auf Papier gebannt wurden. Manche der heute noch lebenden Fotografen hatten Tränen in den Augen, als sie sahen, was aus ihren Bildern hätte werden können, als sie ihre Bilder zum ersten Mal vergrößert sahen. Viele Bilder werden bis heute in primitiven Schachteln und Boxen aufbewahrt. Der Fotograf Doug Niven kam sich irgendwie wie ein Schatzjäger vor, als er die vietnamesischen Fotografen und ihre Werke ausfindig machte. Und in der Tat – es sind einzigartige Schätze, die dort zum Vorschein kamen.

Von den letzten Tagen der französischen Besatzung 1954 bis zum Ende des VietnamKrieges 1975 versammelt der Band auf 240 Seiten mit vielen eindrucksvollen Fotos eine Sicht auf den Vietnam–Krieg, wie wir ihn aus westlichen Fernsehbildern oder Zeitschriftenartikeln nicht kennenlernen konnten. Eines der vielleicht surrealsten Bilder ist das eines Operationsraums inmitten der Mangrovensümpfe im südlichsten Zipfel Südvietnams. Ein kambodschanischer Guerillakämpfer wurde von einer US–amerikanischen Bombe verletzt und wird auf einer Bahre zur Operation getragen. Die Krankenschwestern und der Arzt stehen bis zu den Knien im Wasser:

Die Szene ist nicht gestellt, sondern fand tatsächlich so statt. Dem Fotografen erschien das Bild jedoch zu irreal, und er veröffentlichte es nie. [10]

Die Zusammenstellung der Fotos wird von einzelnen respektvoll geschriebenen Einführungen in die jeweilige Thematik begleitet. Wer diese Bilder betrachtet, versteht vielleicht, wie es einem kleinen Volk unter großen Entbehrungen und mit noch größerer Entschlossenheit gelingen konnte, die mächtigste Armee der Welt zu demoralisieren und zu besiegen.

Buchcover Der amerikanische KriegDer Bildband Ein anderes Vietnam von Tim Page ist 2002 bei National Geographic erschienen. Zur historischen und politischen Einordnung der Geschehnisse empfehle ich zusätzlich die Lektüre des außergewöhnlich spannenden und gut geschriebenen Buchs Der amerikanische Krieg. Vietnam 1960–1975 von Jonathan Neale. Dieses Buch ist als Koproduktion des Atlantik Verlages und des Neuen ISP Verlages letztes Jahr herausgekommen; es kostet 16 Euro 80. [11]

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte 

mit einigen Anmerkungen zum untrennbaren Zusammenhang von Gewalt und Kultur. Vorgestellt habe ich hierbei die Bücher:

  • Am Anfang war Ägypten von Michael Höveler–Müller aus dem Verlag Philipp von Zabern über die Geschichte der pharaonischen Hochkultur im 3. und 2. Jahrtausend. Preis: 39 Euro 90.
  • Rom und sein Imperium von Ada Gabucci aus dem Theiss Verlag über die rund zwölfhundertjährige Geschichte eines kleinen Dorfes am Tiber, das in seiner Blütezeit weite Teile Europas und den Mittelmeerraum beherrschte. Der Band kostet 42 Euro.
  • Tariq Ali schrieb den Roman Der Sultan von Palermo über die Zeit der normannischen Herrschaft über ein weitgehend islamisches Sizilien im 12. Jahrhundert. Das im Diederichs Verlag erschienene Buch kostet 22 Euro.
  • Tim Page ist der Herausgeber eines Fotobandes über den Vietnamkrieg aus vietnamesischer Sicht. Der von National Geographic 2002 herausgebrachte Band trägt den Titel Ein anderes Vietnam und ist wahrscheinlich nur noch antiquarisch erhältlich.

Diese Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte wird am Montagabend um 23 Uhr, am Dienstagmorgen nach dem Radiowecker um 9 Uhr und noch einmal am Dienstagnachmittag ab 15 Uhr wiederholt. Wie alle Sendungen von Radio Darmstadt werden auch die meinen in Zukunft im Internet zu empfangen sein. Unser LiveStream ist ganz einfach mit jedem guten Browser aufzurufen und beispielsweise mit Winamp oder Quick Time anzuhören. Ganz einfach eingeben: http://live.radiodarmstadt.de. Oder über den Menüpunkt LiveStream auf unserer Homepage.

Im Anschluß an diese Sendung entführt euch Georg Platzer in sein Atelier X, eine Sendung der Kulturredaktion. Am Mikrofon war Walter Kuhl.

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Michael Höveler–Müller : Am Anfang war Ägypten, Seite 8
[2]   Höveler–Müller Seite 61–62
[3]   Höveler–Müller, Seite 129
[4]   Einführungspreis bis zum 31. Dezember 2004, danach zehn Euro teurer
[4a]  Andreas Alföldi : Das frühe Rom und die Latiner, Seite 79–81. Ada Gabucci : Rom und sein Imperium, Seite 15.
[5]   Meine Besprechung des Buches von Tariq Ali im Radiowecker am 4. Mai 2003
[6]   Ulrich Völklein : Die Weizsäckers, Seite 11. Der Biograph hat jedoch offensichtlich nichts unternommen, um der Geschichte nachzugehen, denn im Buch selbst wird diese Episode der Biographie Richard von Weizsäckers nicht vertieft.
[7]   Otto Köhler : Wenn das der Führer wüsste, in: Konkret 9/84, Seite 38–39
[8]   Henry Allen : Vorwort, in: Tim Page : Ein anderes Vietnam, Seite 7–11, Zitat auf Seite 7
[9]   Allen Seite 8
[10]  Ein anderes Vietnam, Text Seite 174, Foto auf Seite 175
[11]  Meine Besprechung des Buchs von Jonathan Neale in der Sendung Der Vietnam–Krieg am 24. Januar 2005

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 7. Januar 2006 aktualisiert.
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