Geschichte

Zwischen Gewalt und Kultur (1)

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
In der Sendung vom 22. August 2005 sprach ich über die Fußball–Weltmeisterschaft 1930 in Uruguay, über die Opferdiskurse deutscher Vertriebener und deren Widerhall in Tschechien und Polen, sowie über die Mongolen anläßlich einer Ausstellung in Bonn und München.
 
Sendung :
Geschichte
Zwischen Gewalt und Kultur (1)
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Montag, 22. August 2005, 17.00–18.00 Uhr
 
wiederholt am :
Montag, 22. August 2005, 23.10–00.10 Uhr
Dienstag, 23. August 2005, 09.00–10.00 Uhr
Dienstag, 23. August 2005, 14.00–15.00 Uhr
 
 
Besprochene und benutzte Bücher bzw. Zeitschrift :
  • Folke Havekost und Volker Stahl : Fußballweltmeisterschaft 1930 Uruguay, Agon Sportverlag
  • Mittelweg 36, Heft 3/2005
  • Dschingis Kahn und seine Erben, Hirmer Verlag
 
 
Zu Teil 2
 
 
URL dieser Seite : http://www.waltpolitik.powerbone.de/herstory/ge_waltk.htm
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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung
Kapitel 2 : Wo der Fußball noch gespielt wurde
Kapitel 3 : Wenn Täter ihr Leid jammern
Kapitel 4 : Andere Wahrnehmungen
Kapitel 5 : Volksstaat und Volkskörper
Kapitel 6 : Steppenkultur als Gewaltfaszination
Kapitel 7 : Schluß
Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

Gewalt und Kultur sind Zwillinge. Ohne Gewalt keine Kultur, ohne Kultur keine Gewalt. Ein kritischer Blick auf die Zivilisationsgeschichte des Menschen verrät uns, wie eng beides miteinander verwoben ist. Schon die frühen Hochkulturen Mesopotamiens, Ägyptens und Chinas sind undenkbar ohne Kriegszüge und Sklaverei, von der Ausbeutung der Arbeitskraft der eigenen Bevölkerung ganz zu schweigen. Die daraus entstandene feinsinnige Kultur umgibt sich mit einem Mantel des moralischen Gewissens, an dem anschließend die ganze Welt genesen darf. Man ist ja gerne Gutmensch und läßt andere an den eigenen guten Taten teilhaben.

Fußball ist nicht nur ein Spiel oder ein soziales Ereignis, ein Event, wie das heute heißt. Fußball ist auch ein sehr typisches kapitalistisches Konkurrenzspiel. Wie im richtigen Leben baut der Fußball auf Ausdauer und Konzentration, auf Taktik und Betrug auf. Und auf Gewalt. Damit meine ich nicht die Hooligans. Nein, es sind die Ballartisten selbst, die sehr kultiviert nicht nur den Rasen zertreten, sondern auch die Knochen der gegnerischen Spieler. Wenn das Lob dann dem Kampfsport gilt, und das Kämpferische im Fußballspiel als deutsche Tugend gefeiert wird, dann sollten wir eigentlich hellhörig werden. Deutsche Tugenden pflegen sich nämlich auch an anderen Orten ziemlich gewaltsam auszuleben. Das nennt man und frau dann deutsche Kultur.

Ich werde in meiner heutigen Sendung ein sehr schön aufgemachtes Buch zur ersten Fußballweltmeisterschaft 1930 vorstellen.

Das Kulturvolk ohne Raum zog vor etwas mehr als 60 Jahren marodierend durch Europa. Es hinterließ nicht nur Millionen Tote und eine verbrannte Erde. Nein, es hinterließ auch einen Diskurs, in dem die Täter sich selbst zu Opfern stilisierten. Beim Stichwort »Vertriebene« geraten so manche Täter und ihre Nachfahren in Verzücken. Können sie doch mit diesem Begriff nicht nur prima Politik machen, sondern heute, nach dem Zusammenbruch des Realen Sozialismus, versuchen, ihren Anteil an der Beute nachträglich doch noch zu sichern.

Heft 3 der Zeitschrift Mittelweg 36 thematisiert die Vertriebenenpolitik und ihr Echo in der Tschechischen Republik und in Polen. Dazu mehr im Verlauf meiner heutigen Sendung.

Und schließlich möchte ich auf den Katalogband zur Ausstellung Dschingis Khan und seine Erben eingehen. Die Ausstellung ist derzeit in Bonn zu sehen.

Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt ist Walter Kuhl.

 

Wo der Fußball noch gespielt wurde

Besprechung von : Folke Havekost und Volker Stahl – Fußballweltmeisterschaft 1930 Uruguay, Agon Sportverlag 2005, 128 Seiten, € 22,00

Die neue Fußballsaison ist auf die Fußballweltmeisterschaft ausgerichtet, die nächstes Jahr mit Milliardenaufwand in Deutschland stattfinden wird. Fragen wir lieber nicht, wo die Milliarden versickern werden. Ein derartiges Großereignis ist eine riesige Subventionsmaschine und verschafft der Bauindustrie neue lukrative Profitfelder – auf Kosten der Allgemeinheit. Es soll nämlich eine ganze Menge Menschen in diesem Land geben, an denen dieses Mega–Event vollkommen vorbeigeht.

Schon für die erste Fußballweltmeisterschaft 1930 in Uruguay wurde ein gigantisches Fußballstadion aus dem Boden gestampft, das 100.000 Zuschauerinnen und Zuschauern Platz bieten sollte. Da die Weltmeisterschaft erst im Mai 1929 nach Uruguay vergeben worden war, blieb gerade einmal ganzes Jahr Zeit, um eine der größten Fußballarenen der damaligen Zeit zu errichten. Es erhielt den doppelsinnigen Namen Estadio Centenario, also Jahrhundertstadion. Es war nicht nur ein Jahrhundertprojekt, sondern es sollte auch pünktlich zum 100. Jahrestag der Verabschiedung der Verfassung des kleinen Landes am Rio de la Plata fertig werden. [1]

Folke Havekost und Volker Stahl lassen in ihrem im Agon Sportverlag herausgebrachten Band diese Fußballweltmeisterschaft noch einmal lebendig werden.

Uruguay war eine durchaus logische Wahl, hatte die Mannschaft doch bei den Olympischen Spielen 1924 in Paris und 1928 in Amsterdam jeweils das Fußballturnier gewonnen. Die einzige Mannschaft, welche den in ihren himmelblauen Trikots spielenden Olympiasiegern das Wasser reichen konnte, war die Nationalmannschaft Argentiniens. Beide Teams spielten das erste Mal 1901 gegeneinander, als Argentinien in Montevideo mit 3:2 gewann. Bis zur ersten Weltmeisterschaft sollten beide Mannschaften noch weitere einhundertsechzehn Mal aufeinander treffen.

Damals waren die Transportmittel noch nicht so weit entwickelt, so daß teure, weite und zeitaufwendige Auslandsreisen gemieden wurden. Aber mal kurz über den Rio de la Plata zu schippern, war ein Tagesausflug. So traten beide Teams bis zu elf Mal pro Jahr gegeneinander an. Beide sollten hiervon profitieren. Allenfalls der englischen Nationalmannschaft wurde zugetraut, gegen die beiden südamerikanischen Fußballnationen mithalten zu können. Allerdings zogen es die Engländer vor, nicht am Turnier von 1930 teilzunehmen. Wir werden nie erfahren, ob überhaupt irgendeine europäische Mannschaft auch nur den Hauch einer Chance gehabt hätte.

Buchcover WM 1930 UruguayDer südamerikanische Fußball hatte seinem europäischen Pendant einiges voraus. Seit 1916 trafen die besten Mannschaften des Kontinents fast jährlich aufeinander. Beim Auftaktspiel in Buenos Aires protestierten die Chilenen gegen ihre 0:4–Niederlage, weil die Mannschaft Uruguays zwei "Afrikaner", wie es hieß, aufgestellt habe. Rassismus war schon damals Bestandteil der Fußballkultur. Den emanzipatorischen Gehalt des uruguyischen Fußballs der damaligen Zeit erkennt man und frau nicht zuletzt daran, daß hier die weltweit ersten schwarzen Spieler im Nationalteam kicken konnten.

Diese (fast) jährlichen Aufeinandertreffen verschafften den südamerikanischen Teams vor allem eins – Turniererfahrung. Im Gegensatz dazu zogen die europäischen Mannschaften ihre besten Spieler allenfalls vor Olympischen Spielen zur Vorbereitung zusammen. Die mentale Vorbereitung mit Trainingslagern hatte daher in Südamerika eine größere Bedeutung als in Europa. Das sollte sich 1930 deutlich bemerkbar machen, obwohl –

Es traten nur dreizehn Mannschaften an, wie übrigens auch bei der Fußballweltmeisterschaft 1950 in Brasilien. Es waren dies die südamerikanischen Mannschaften Argentiniens, Boliviens, Brasiliens, Chiles, Paraguays, Perus und Uruguays. Aus Europa kamen Belgien, Frankreich, Jugoslawien und Rumänien; und aus dem Norden der beiden Amerikas Mexiko und die USA. Die besten Mannschaften des europäischen Kontinents, etwa England, Italien und Österreich, waren nicht dazu zu bewegen gewesen, sich die Strapazen der weiten Schiffsreise zuzumuten. Eine Überquerung des Atlantik per Flugzeug war damals noch undenkbar.

Natürlich gab es auch andere Gründe für die Abstinenz der europäischen Teams. Die englische Football Association war 1928 mal wieder aus der FIFA ausgetreten. Die Frage der Professionalisierung des Fußballs war der Grund. Wobei die Briten nichts gegen Profis im Fußball hatten, ganz im Gegenteil. Die englische Profiliga war ja bereits 1888 ins Leben gerufen worden. Nein, es ging um die Frage, wie die kontinentalen Verbände mit der Amateurfrage umgingen. Diese schickten Mannschaften ins Olympische Turnier, deren Spieler durchaus sogenannte Aufwandsentschädigungen erhielten, während die britischen Amateure wirklich Amateure waren. Da die Olympischen Spiele jedoch echte Profis nicht zuließen, scheiterte die englische Olympiaelf im Jahr 1920 gleich im ersten Spiel an Norwegen. Zwar waren zur Fußballweltmeisterschaft 1930 Profis zugelassen; aber da England die FIFA verlassen hatte, war die Nationalmannschaft nicht teilnahmeberechtigt.

In einigen europäischen Ligen wurden die Fußballer nicht, wie in Deutschland, mit verdeckter Hand bezahlt, sondern waren ganz normale Werktätige. Diese Profiligen waren nicht bereit, ihre Spieler für Wochen an ein Turnier abzustellen, das Tausende von Kilometern entfernt stattfinden sollte. Statt dessen trafen sich Europas Elitekicker 1930 nicht in Uruguay, sondern in der Schweiz zum Nationencup. Für die Sieger von Ujpest Budapest gab es einen Pokal und goldene Armbanduhren. Die einzige teilnehmende deutsche Mannschaft – die SpVgg. Fürth als Meister des Jahres 1929 – wurde von Vienna Wien im Viertelfinale mit 1:7 abgefertigt.

Aber richtiger Fußball, der wurde in Uruguay gespielt. Argentinien besiegte in seiner Vierergruppe Frankreich, Mexiko und Chile und erzielte dabei zehn Tore. Die anderen drei Gruppen bestanden aus jeweils drei Mannschaften, von denen sich überraschend Jugoslawien, Uruguay und die USA durchsetzten. Der zweite Überraschungshalbfinalist USA wurde jedoch von Argentinien mit 6:1 demontiert, und auch das andere Halbfinale zwischen Uruguay und Jugoslawien endete mit demselben Ergebnis. Das Traumfinale der beiden Erzrivalen konnte steigen. 70.000 Menschen verfolgten das Spiel im Stadion; aus Sicherheitsgründen war die Arena nicht ausverkauft.

Argentinien hatte das Spiel mt 2:1 schon in der Tasche, als Uruguay aufdrehte und den überforderten Gästen noch drei Tore einschenkte. Der Schiedsrichter John Langenus aus Belgien verließ anschließend fluchtartig das Stadion, aber nicht, weil man ihm ans Leder wollte, sondern weil sein Schiff nach Europa ungeduldig auf ihn wartete. Wer in Uruguay blieb, feierte. In Buenos Aires warf eine aufgebrachte Menge mit Ziegelsteinen auf die Botschaft Uruguays. Doch insgesamt war die Premiere gelungen. Die FIFA konnte sich mit ihrem Einnahmeanteil von knapp 26.000 holländischen Gulden sanieren. Das machte Lust auf mehr – diesmal aber in Europa.

Vielleicht gewann Uruguay das Spiel nur dadurch, daß die Mannschaft nicht so schematisch spielte wie ihre argentinischen Kollegen. Allerdings kickten im Siegerteam auch außergewöhnliche Fußballer.

Etwa José Leandro Andrade, von dem ein holländischer Journalist während der Olympischen Spiele 1928 in Amsterdam gemeint hatte, bei einem so großen Spieler täte es einem Leid, das Stadion zu verlassen. Oder Héctor Pedro Scarone, von dem Eduardo Galeano [2] schreibt, er sei ein Magier gewesen, der auch mal von der Mittellinie aus ins Tor traf. Oder José Nasazzi, Uruguays wohl bester Spieler aller Zeiten, der seine Mannschaft zum Sieg dirigierte. Er sah im Spielfeld einen Trichter, dessen Ausgang der Strafraum war [3]. Doch auch die übrigen Spieler mußten sich nicht verstecken. Es war eine bemerkenswerte Mannschaft, die schon 1924 und 1928 Europa zu Beifallsstürmen hingerissen hatte.

Torschützenkönig wurde jedoch der Argentinier Guillermo Stábile mit acht Treffern. Weniger treffsicher waren die Elfmeterschützen. Drei von vier Strafstößen fanden nicht den Weg ins Tor.

Nun ist ein Fußballspiel nichts für feine Gemüter. Es wird getreten und gesenst, gespuckt und auch betrogen. Natürlich auch bei der Weltmeisterschaft in Uruguay. Manchmal gewinnt eben nicht das bessere Team, sondern die Mannschaft, die besser trickst. Manchaml aber hilft auch Betrug nicht. 1930 waren Auswechslungen noch nicht erlaubt. Bei Verletzungen mußte der Spieler entweder durchhalten oder sein Team wurde personell dezimiert. Im Spiel Rumänien gegen Peru soll in der 80. Minute der Linksaußen vom Platz gegangen und – von niemandem bemerkt – durch einen Ersatzspieler ersetzt worden sein. Rumänien gewann dennoch mit 3:1.

Das entscheidende Spiel der Gruppe 1 zwischen Argentinien und Chile stand auf der Kippe, als ein Chilene einen Argentinier brutal foulte. Die Spieler beider Teams wechselten die Sportart und traten, boxten und schlugen sich. Nur der Großzügigkeit des belgischen Schiedsrichters Langenus war es zu verdanken, daß nicht die Hälfte beider Teams vom Platz gestellt wurde. Statt dessen pfiff er vorzeitig zur Pause, um die Gemüter zu beruhigen.

Folke Havekost und Volker Stahl zeichnen uns mit solchen Details ein umfängliches Bild der ersten Fußballweltmeisterschaft. Ihr Buch ist im Agon Sportverlag erschienen, hat 128 großformatige Seiten mit etwa 200 Schwarzweißfotos und kostet 22 Euro.

 

Wenn Täter ihr Leid jammern

Besprechung von : Mittelweg 36, Heft 3/2005, 96 Seiten, € 9,50

Vor knapp einem Jahr, am 10. Oktober 2004, verabschiedete die zweite Kammer des polnischen Sejm einstimmig eine Resolution, in der die polnische Regierung aufgefordert wurde, angemessene Initiativen in der Angelegenheit deutscher Reparationen an Polen zu ergreifen. Diesem Beschluß gingen Bestrebungen der Preußischen Treuhand, aber auch von Seiten der Vertriebenenverbände, voraus, Entschädigungen oder gleich die Rückgabe von nach Ende des 2. Weltkriegs verlorenen deutschen Eigentums zu verlangen. Zwar hatte Bundeskanzler Gerhard Schröder derartigen deutschen Ansprüchen eine Absage erteilt, aber die Vertriebenenlobby arbeitet unermüdlich weiter an der Revision der Nachkriegsordnung. Und wer weiß …– wir werden demnächst ja wohl eine neue Bundesregierung haben.

In Heft 3 der Zeitschrift Mittelweg 36 des Hamburger Instituts für Sozialforschung betrachten Klaus Naumann die Vertreibung als Ein Problem deutscher Selbstthematisierung. Jan Pauer thematisiert den tschechisch–deutschen Dissens über die Vertreibung unter der Überschrift Zähe Erinnerung. Hans–Jürgen Bömelburg sieht eine Gestörte Kommunikation und untersucht den polnischen Monolog über Flucht und Vertreibung und seine deutsch–polnischen Ursachen. Die drei Aufsätze, die den Schwerpunkt des Juni/Juli–Heftes bilden, sind spannend zu lesen, zumal sie vor allem auf die Sichtweise der tschechischen bzw. der polnischen Seite eingehen. Insgesamt ist jedoch festzuhalten, daß die Vertreibung aus Polen und der Tschechoslowakei eine Vorgeschichte hat.

Ich möchte die drei Aufsätze kurz darstellen und dazu auffordern, in Ruhe den darin vorgelegten Gedankengängen durch eine eigene Lektüre nachzuforschen.

Klaus Naumann, er forscht und arbeitet am Hamburger Institut für Sozialforschung, beginnt seine Überlegungen mit einem provokativen Satz:

Wer von Vertreibung spricht, redet über »Vertriebene«, und wer das tut, benutzt eine Bezeichnung, die selbst Ausdruck einer spezifischen Form deutscher Selbstthematisierung ist. [4]

Schon bald nach Ende des 2. Weltkrieges zeigten sich Differenzen im Umgang mit Flüchtlingen oder Evakuierten, die im US-amerikanischen Sprachgebrauch refugees und expellees genannt wurden. Während die einen in ihre Herkunftsländer zurückgeführt werden sollten, galten die anderen als nicht–repatriierbare Deutsche, die in Deutschland selbst absorbiert werden sollten. Dies entsprach den alliierten Beschlüssen über die Nachkriegsordnung. Der Ende 1946 eingeführte Begriff der Vertriebenen wurde von der Militärregierung ausdrücklich durch den Begriff Neubürger ersetzt. In der sowjetischen Zone gab es statt dessen den Begriff des Umsiedlers.

Der Kalte Krieg führte auch hier zu einer Neuausrichtung der Politik. Ende 1947 kam es zur breiten Verwendung des Begriffs der Heimatvertriebenen, mit durchaus antikommunistischer Färbung. Ein Zeitgenosse bemerkte, daß die Heimatvertriebenen der lebende Protest gegen die Gewaltmaßnahmen der bolschewistischen Weltrevolution seien [5]. Hier wird die deutsche Selbstthematisierung schon deutlich erkennbar. So, als ob es keine Naziherrschaft in Osteuropa gegeben hätte, wird im Namen der angestammten Heimat auf eine fernere Vergangenheit Bezug genommen. Eine kleine Gruppe schickte sich an, die nationale Agenda zu bestimmen.

Während Klaus Naumann im folgenden auf die verfassungs– und staatsrechtliche Diskussion eingeht, mit der die deutschen Ansprüche versucht wurden zu begründen, möchte ich diesen durchaus lesenswerten Absatz überspringen und festhalten, daß das Provisorium Bundesrepublik seit Beginn der staatlichen Unabhängigkeit 1949 auch als ein Provisorium hinsichtlich der Staatsgrenzen verstanden wurde. In ihr funktionierten die Vertriebenenverbände

als eine Art sozialpolitischer Ergänzungsbürokratie, betrieben eine veritable Nebenaußenpolitik und reklamierten ein »Vetorecht« gegenüber abweichenden politischen Entscheidungen. [6]

Die schon erwähnte Ausklammerung der Nazizeit im Diskurs um Heimat und Vertreibung findet sich auch bei der Durchsicht der Vertriebenenliteratur wieder. Fragen von Schuld und Verantwortung wurden, wenn überhaupt thematisiert, von außen hereingetragen. Ansonsten wurde eine beispiellose Leidensgeschichte zelebriert.

Die Neuorientierung der Ostpolitik seit 1969 führte konsequenterweise zur Auflösung des Vertriebenenministeriums. Allerdings wurden die zugehörigen Verbände damit nicht überflüssig. Im Gegenteil – sie fungieren als eine Art Verhandlungsmasse. In den letzten Jahren können wir eine Art Revival feststellen. Literarisch aufgemotzt kommt jetzt die Leidensgeschichte der Deutschen im und nach dem 2. Weltkrieg wieder zum Vorschein. Vielleicht ist es deshalb angebracht, auch den Schlußsatz von Klaus Naumann wiederzugeben, der da lautet:

Vergegenwärtigt man sich also, wie tief das Vertriebenenproblem in dieser Staatlichkeit inkorporiert ist, verwundert erneut der Finderstolz jener Publizisten und Literaten, die kürzlich im Gestus des Tabubruchs vermeinten, erstmals von Vertreibung und Vertriebenen öffentlich sprechen zu dürfen. [7]

 

Andere Wahrnehmungen

Jan Pauer betrachtet in seinem Aufsatz Zähe Erinnerung den tschechisch-deutschen Dissens über die Vertreibung. Nun ist es eigentlich zu erwarten, daß Tschechen und Deutsche hier anderer Ansicht sind. Doch wer sind hier die Täter und wer die Opfer?

Cover Mittelweg 36Nach dem Zusammenbruch des Realen Sozialismus ergaben sich auch für das deutsch–tschechische Verhältnis neue Perspektiven. Václav Havel hatte sich 1989 nach seinem Amtsantritt aus moralischen Beweggründen bei den sudetendeutschen Opfern der Vertreibung und Zwangsumsiedlung entschuldigt. Eigentlich hätte er ahnen müssen, daß ein kleiner gereichter Finger gleich das Abreißen der ganzen Hand bedeuten würde. Die Sudetendeutsche Landsmannschaft forderte deshalb auch bald die Aufhebung der sogenannten BenešDekrete, das Heimatrecht und – in materieller Hinsicht – die Beteiligung an der wirtschaftlichen Privatisierung in der Tschechoslowakei. Jahrzehntelange Lobbyarbeit muß sich schließlich finanziell lohnen!

Der Druck wurde erhöht. Die tschechische Tagespresse ist zu 80% in deutscher Hand; entsprechend werden deutsche Diskurse geführt. Verdrängt oder gar tabuisiert werden weder die Vertreibung noch die Dekrete des ersten Nachkriegs–Staatpräsidenten Eduard Beneš. Es ist, so Jan Pauer, sogar so, daß hierzu mehr historische Untersuchungen erschienen sind als etwa über die Zeit des Nazi-Protektorates und des 2. Weltkrieges.

Es zeigt sich jedoch ein Unterschied in der moralischen Beurteilung des gewaltsamen Erbes. Eine Versöhnung etwa auf der Grundlage der gegenseitigen Anerkennung des Leids ist für die tschechische Seite undenkbar. Die damit verbundene Konstruktion einer Symmetrie der Schuld ignoriert die Ursachen und die Wirkungen. Das mag banal erscheinen, ist es aber nicht. Auch wenn Hannah Arendt beispielsweise 1950 bezweifelte, ob die alliierte Politik klug gewesen sei, deutsche Minderheiten aus nichtdeutschen Ländern zu vertreiben, so stand für sie außer Zweifel, daß die bloße Vorstellung, mit Deutschen auf demselben Territorium zusammenleben zu müssen, Entsetzen hervorrufen müsse.

Jan Pauer, er arbeitet an der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, geht ausführlich auf die Person von Eduard Beneš ein. Der auch heute noch in den Medien unterschwellig geschürte Haß auf ihn wird verständlich, wenn man und frau begreift, daß Beneš schon vor dem 2. Weltkrieg für ein verbindliches internationales Recht und nicht das Recht der Imperialisten eingetreten war. Seine idealistische Vorstellung von der Gleichheit der Nationen verknüpfte er mit der Gewährung von Asyl für die in Deutschland politisch und rassisch Verfolgten. Jan Pauer betrachtet den in der populärwissenschaftlichen Vertreibungsdebatte angeführten Nationalismus des tschechoslowakischen Nachkriegspräsidenten schlicht als eine Karikatur. Eine Karikatur, welche ganz gezielt die historischen Ursachen für die Beneš-Dekrete ausblenden soll.

Halten wir fest: die Verstrickung der Sudetendeutschen in das NS-Regime war extrem hoch, das Besatzungsregime im Protektorat Böhmen und Mähren alles andere als idyllisch. Dazu Jan Pauer:

Das Schicksal der Vertriebenen wird an den heutigen Standards der Menschenrechte gemessen, die vermeintliche Milde des Protektorats hingegen an der Shoah oder dem Massenterror in Polen. Das Protektorat war das längste NS–Besatzungsregime in Europa und sein – keinesfalls nur exemplarischer – Terror reichte aus, um die gesamte Zivilbevölkerung nachhaltig zu traumatisieren. [8]

Hingegen könne man und frau einige von führenden Sudetendeutschen Landsmannschafts–Mitgliedern herausgegebene Materialien nicht einmal mehr revisionistisch nennen, denn

sie präsentieren sich in der Linie einer ungebrochenen Kontinuität zum völkischen Gedankengut. [9]

Es liegt an der deutschen Seite, zur Vernunft zu kommen. Aber damit ist in Zeiten des Aufbruchs zu weltweiten militärischen Taten ja wohl eher nicht zu rechnen. [9a]

* * *

Über eine andere Form gestörter Kommunikation referiert Hans–Jürgen Bömelburg, er arbeitet und forscht am Nordost–Institut in Lüneburg, in seinem Aufsatz zum polnischen Monolog über Flucht und Vertreibung. Die dortige

Auffassung von der kollektiven Schuld aller Deutschen entsprach der lebensgeschichtlichen Erfahrung der Mehrheit der polnischen Bürger, insbesondere der in ihrer Existenz bedrohten jüdischen Bevölkerung wie der polnischen Intelligenz (mit Ausnahme Ostpolens), und ist seitdem in der polnischen Erinnerung verankert und reaktivierbar. [10]

Eine innerpolnische Diskussion über die Vertreibung der deutschen Bevölkerung fand bis 1989 deshalb auch kaum statt. Das war nicht nur der Zensur oder der Herrschaft der Kommunistischen Partei geschuldet; auch in der Opposition war man und frau sich hier weitgehend einig. Auch in den Jahren nach dem Zusammenbruch des Realen Sozialismus blieb eine durchaus sich entwickelnde Debatte auf die intellektuelle Öffentlichkeit beschränkt. Diese Debatte wurde in Deutschland weitgehend ignoriert.

In den letzten Jahren sollte sich das ändern. Zum einen aufgrund der deutschen Debatte über ein Zentrum gegen Vertreibungen, das den deutschen Opferdiskurs widerspiegelt. Zum anderen, weil mit dem moralischen Anliegen, nämlich der Ächtung von Vertreibungen, auch handfeste wirtschaftliche Motive verbunden waren. Nur so ist der Beschluß des polnischen Sejm zu verstehen, hiergegen eigene materielle Forderungen aufzustellen. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit angesichts der Tatsache, daß deutsche Truppen ein total zerstörtes Land hinterlassen hatten. So kam es dazu, daß die Vertriebenenchefin Erika Steinbach als »Ikone deutscher Unaufrichtigkeit« wahrgenommen wurde.

 

Volksstaat und Volkskörper

Es lohnt sich jedoch nicht nur wegen dieser drei Aufsätze, einen Blick in die Juni/Juli–Ausgabe der Zeitschrift Mittelweg 36 zu werfen.

Michael Wildt hat sich das Buch von Götz Aly über Hitlers Volksstaat genauer angeschaut. Dieser Volksstaat, so Götz Aly, baute auf einer gezielten Steuerpolitik auf, um sich den Zuspruch der Massen zu erkaufen, finanzierte sich über den Raub jüdischer Vermögen und die Ausplünderung eroberter Gebiete, und kulminierte im konsequentesten Massenraubmord der modernen Geschichte. Der Sozialstaat der Nazis und nachfolgend der Bundesrepublik ist demnach auf Gewalt gegründet.

Abgesehen von den unbestreitbaren Verdiensten der Studie überrascht der Zuspruch, den das Buch in der Öffentlichkeit erfährt. Dafür gibt es Gründe:

Die Ächtung des Sozialstaates wird von einer Generation mit Applaus bedacht, die vormals das Großkapital als Urheber des Faschismus betrachtete und nun – desillusioniert, aber ohne auf den Ökonomismus zu verzichten – die Massen und deren materielle Interessen für den Nationalsozialismus und den Holocaust verantwortlich macht. […]
Daß Götz Aly mit seiner Volksstaatsthese auf derart viel Zustimmung stößt, läßt auf das Ausmaß einer Orientierungskrise schließen, in der sich die Bundesrepublik beim Umbau ihrer Wohlfahrtsstaatlichkeit und in der Neudefinition ihres politischen Selbtverständnisses offenbar befindet. In einer Situation, in der so vielen Bürgern, erschöpft vom konzeptlosen Pragmatismus der letzten Jahre, jede Idee für das Soziale abhanden gekommen zu sein scheint, entlastet das Buch von Aly ungemein. […]
In »Hitlers Volksstaat« , so steht zu befürchten, spiegelt sich das Elend jenes Teils einer Generation, der sich nie mit seiner eigenen totalitären Versuchung auseinandergesetzt hat und dem darum als Begriff von Freiheit nur noch die Entfesselung des Marktes einfällt. [11]

* * *

Matthias N. Lorenz schließlich führt uns in die Gedankenwelt Martin Walsers ein, nämlich dort, wo er den Volkskörper rehabilitiert. Walsers Bezug auf deutsche Opfer, so der Autor, ist schon in seinem Frühwerk angelegt. Sein angeblicher Tabubruch in seiner Friedenspreisrede 1998 in der Frankfurter Paulskirche kam also eigentlich nicht allzu überraschend. Der Aufsatz von Matthias Lorenz, Kulturwissenschaftler an der Universität Lüneburg, ist eine spannende Lektüre für politisch und literarisch interessierte Menschen. [12]

Heft 3, das ist die Juni/Juli–Ausgabe von Mittelweg 36, ist im Hamburger Institut für Sozialforschung erschienen und kostet 9 Euro 50.

 

Steppenkultur als Gewaltfaszination

Besprechung von : Dschingis Khan und seine Erben, Hirmer Verlag 2005, 432 Seiten, € 39,90

Auf organisierten Massenmord waren die Eroberungszüge der Mongolen im 13. und 14. Jahrhundert aufgebaut. Dschingis Khan und seine Nachfolger dehnten ihre Reiche von der Südspitze Koreas und den Weiten Chinas bis zur polnischen Grenze, von den Tiefen der mongolischen Steppe bis nach Bagdad und Vietnam aus. Ihre Armeen waren, zumindest am Anfang, straff organisiert, und ihre Militärtaktik machte sie jahrzehntelang unbesiegbar. Überall, wo sie hinkamen, verbreiteten sie tatsächlich Angst und Schrecken. Doch sollten wir uns hüten, die Mongolen für besonders grausame Barbaren zu halten. Schon Julius Caesar wußte, wie man Gallien mit der Methode des Massenmordes eroberte. Und er war nicht der erste.

Seit Mitte Juni ist der Kunst– und Ausstellungshalle in Bonn die Ausstellung Dschingis Khan und seine Erben über Das Weltreich der Mongolen zu sehen. Und hier zeigt sich, daß zumindest die herrschende Klasse, weil sie sich das leisten konnte, ein feines Gespür für Kultur und Kunst entwickelt hat. Der Katalogband zur Ausstellung gibt uns auf 432 Seiten nicht nur eine historische Einführung, sondern führt auch in die in der Ausstellung gezeigten Exponate ein.

Wenn wir mit der Herrschaft der Mongolen den Namen Dschingis Khan verbinden, so betrachten wir eigentlich nur einen kleinen Ausschnitt. Sicher, es war Dschingis Khan, der die mongolischen Stämme (durch Krieg natürlich!) einte, ehe er loszog, die ganze Welt zu erobern. Doch seine Wirkungsgeschichte war dauerhafter. Zwar zerfiel das Mongolenreich schnell in vier Teile, aber fast zweihundert Jahre lang war die Hälfte der – zumindest in Europa und Vorderasien – bekannten Welt in der Hand nomadischer Eroberer. Wobei dieses Bild der nomadischen Steppenvölker mit Vorsicht zu betrachten ist.

Selbstverständlich wurde an den Rändern des eurasischen Steppengürtels auch Ackerbau betrieben, selbstverständlich gab es feste Siedlungen und Städte, und erst recht gab es einen blühenden Fernhandel. Bestes Beispiel hierfür ist die sogenannte Seidenstraße, auch wenn deren Bedeutung wahrscheinlich überschätzt wird. Claudius Müller schreibt über die Wahrnehmung der mongolischen Reiter:

Das Klischee der mongolischen Steppenvölker, die scheinbar zufällig »Wasser und Weiden« mit ihren Herden folgten und bei Bedarf die Ackerbau treibende sesshafte Bevölkerung überfielen, um sich Getreide und Stoffe zu holen, ist seit über zwei Jahrtausenden in den westlichen schriftlichen Quellen ebenso verbreitet wie in den chinesischen. Das sich daraus ableitende Bild der grausamen, unberechenbaren, von Eroberungslust getriebenen mongolischen Reiterscharen gehört seit der christlichen Propaganda des Mittelalters bis zur medialen Vermarktung der Gegenwart zum Standardrepertoire der Vorurteile. [13]

So tauchten die Mongolen nicht einfach aus dem Nichts auf. Schon viele Jahrhunderte zuvor kamen immer wieder neue nomadische Gruppen aus den Tiefen der sibirischen und mongolischen Steppen. Sie zogen vorzugsweise nach Westen und Süden und hinterließen in früheren Geschichswerken ihre Spuren als Skythen, Hunnen, Awaren oder Xiongnu. Die chinesischen Kaiser errichteten Verteidungswälle, die nicht immer den gewünschten Erfolg brachten.

Cover Katalog Dschingis Khan und seine ErbenIn der Sprachwissenschaft wird heute darüber diskutiert, ob Finnen und Ungarn, Türken, Mongolen und Japaner nicht einer großen Sprachfamilie angehören. Dies gibt nur einen kleinen Anhaltspunkt dafür, wie sehr die nomadische Welt der weiten Steppen Mittelasiens zur Geschichte und Kultur der Menschheit beigetragen hat.

Der Katalogband zur Ausstellung geht daher auch auf die Vorgeschichte der mongolischen Eroberungszüge ein. Alsdann wird uns die Geschichte des Mongolischen Großreiches und seiner vier Nachfolgestaaten präsentiert. In der Hauptstadt Karakorum in der mongolischen Steppe wird seit einigen Jahren intensiv gegraben; die Ergebnisse werden im Band dargelegt.

Die Einflüsse der unterworfenen Gebiete Chinas, des islamischen Vorderen Orients und auch des Buddhismus werden in Schrift und Bild nahegebracht. Die mongolischen Herrscher waren keine unkultivierten Barbaren, auch wenn sie zur Finanzierung ihrer Herrschaft keine Rücksicht auf vorhandene Kulturstätten nahmen. Raub und Mord gehören eben zu einer ordnungsgemäßen Herrschaft.

Im allgemeinen läßt sich jedoch festhalten, daß einmal eroberte Gebiete sich einer relativ toleranten Behandlung erfreuten. Das Problem war nur, daß sich die vier entstandenen Mongolenherrschaften öfter einmal untereinander bekriegten. Religionsfreiheit war zwar im Prinzip gewährleistet, wovon Christen, Daoisten, Muslime, Buddhisten und Schamanen profitierten. Allerdings kam es schon bald (im Osten) zu einer besonderen Bevorzugung des tibetischen Buddhismus, während im Reich der Ilkhane in Persien und im Irak der Islam gefördert wurde.

Das Erfolgsrezept der mongolischen Heere war eine straffe Disziplin. Schon Dschingis Khan sorgte dafür, daß sein Heer vor allem in Strategie und Taktik allen anderen damaligen Heeren überlegen war. Die schnellen und ausdauernden mongolischen Pferde und die Kunst der Bogenschützen konnten somit erfolgreich eingesetzt werden. Der Wucht der Angriffe konnte kaum jemand widerstehen. Und Städte, die sich nicht ergaben, wurden dem Erdboden gleichgemacht, die Bewohnerinnen und Bewohner massenhaft niedergemetzelt.

Allerdings bestanden die mongolischen Armeen meist nicht aus Mongolen. Neben Beutezügen und Unterwerfung war ein wichtiges Kriegsziel auch die Rekrutierung neuer Soldaten, die in die bestehenden Verbände eingegliedert werden konnten. Dschingis Khans Armee baute auf Loyalität und Fürsorge auf. Wer ihn unterstützte, konnte sicher sein, auch von ihm unterstützt zu werden. Wer ihm half, erhielt seinen Anteil an der Beute. So ist es wenig verwunderlich, wenn Dschingis Khan als Ziel die Eroberung der Welt ausgab, denn nur durch immer neue Kriege und Beutezüge ließ sich dieses System aufrecht erhalten. Als die Eroberungen ausblieben und die Herrscher sich gegenseitig bekriegten, war das Ende des Mongolenreiches abzusehen.

Der Katalogband zur Ausstellung zeigt uns – wie die Ausstellung selbst – einen Einblick in die darauf aufbauende Herrschaftskultur. Die Ausstellung Dschingis Khan und seine Erben ist bis zum 25. September [2005] in Bonn und anschließend vom 26. Oktober bis Ende Januar nächsten Jahres [2006] in München zu sehen. Der schön aufgenmachte Katalogband zur Ausstellung ist im Hirmer Verlag erschienen, die Buchhandelsausgabe kostet 39 Euro 90.

 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte –

heute mit einem Ausflug in die Geschichte der Gewalt und der Kultur. Hierbei habe ich ein Buch über die Fußballweltmeisterschaft 1930 in Uruguay aus dem Agon Sportverlag, die Zeitschrift Mittelweg 36 mit einem Schwerpunktheft zu den Vertreibungen am Ende des 2. Weltkrieges, sowie den Katalogband zur Ausstellung Dschingis Khan und seine Erben aus dem Hirmer Verlag vorgestellt.

Diese Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte wird am Montagabend um 23 Uhr, am Dienstagmorgen nach dem Radiowecker um 9 Uhr und noch einmal am Dienstagnachmittag ab 15 Uhr wiederholt. Wie alle Sendungen von Radio Darmstadt werden auch die meinen in Zukunft im Internet zu empfangen sein. Unser LiveStream ist ganz einfach mit jedem guten Browser aufzurufen und mit Winamp oder Quick Time anzuhören. Ganz einfach eingeben: http://live.radiodarmstadt.de.

Im Anschluß an diese Sendung hört ihr eine Sendung der Kulturredaktion. Am Mikrofon war Walter Kuhl.

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Eduardo Galeano schreibt in seinem Buch Der Ball ist rund und Tore lauern überall auf Seite 75 :

Das Stadion hieß »Jahrhundertstadion«, im Gedenken an den Jahrestag der Verfassung, die ein Jahrhundert zuvor noch den Frauen, Analphabeten und Armen ihre Bürgerrechte verweigert hatte.
[2]   Galeano Seite 70
[3]   Galeano Seite 77
[4]   Klaus Naumann : Vertreibung. Ein Problem deutscher Selbstthematisierung, in: Mittelweg 36, Heft 3/2005, Seite 4–18, Zitat auf Seite 4
[5]   zit. nach Naumann, Seite 5
[6]   Naumann Seite 12
[7]   Naumann Seite 18
[8]   Jan Pauer : Zähe Erinnerung. Der tschechisch–deutsche Dissens über die Vertreibung, in: Mittelweg 36, Heft 3/2005, Seite 19–34, Zitat auf Seite 31
[9]   Pauer Seite 39

[9a]  German–Foreign–Policy.com schreibt am 22. August 2005 mit der Überschrift Gegen Prag:

Der Vorsitzende der deutschen Linkspartei (ehemals PDS), Lothar Bisky, befürwortet die Errichtung eines "Zentrums gegen Vertreibungen" und zieht als Standort das Grenzgebiet zu Polen oder zur Tschechischen Republik in Betracht. Damit unterstützen alle im Reichstag vertretenen Parteien ein Revisionsprojekt, das auf Planungen des "Bundes der Vertriebenen" (BdV) zurückgeht. Nur die konkrete Gestaltung des Zentrums ist noch umstritten. Während die CDU das Vorhaben nach wie vor gemeinsam mit dem BdV in Berlin verwirklichen will, sucht es die Bundesregierung unter einem verschleiernden Namen ("Europäisches Netzwerk Erinnerung und Solidarität") in Kooperation mit Polen zu errichten. Beide Varianten zielen auf eine weitere Delegitimierung zentraler Bestimmungen des Potsdamer Abkommens.

Zum vollständigen Text

[10]  Hans–Jürgen Bömelburg : Gestörte Kommunikation. Der polnische Monolog über Flucht und Vertreibung und seine deutsch–polnischen Ursachen, in: Mittelweg 36, Heft 3/2005, Seite 35–52, Zitat auf Seite 36
[11]  Michael Wildt : Alys Volksstaat. Hybris und Simplizität einer Wissenschaft, in: Mittelweg 36, Heft 3/2005, Seite 69–80, Zitat auf den Seiten 79–80
[12]  Matthias N. Lorenz : Deutsche Opfer, deutsche Tugenden. Zur Rehabilitierung des »Volkskörpers« in Martin Walsers »Eiche und Angora«, in: Mittelweg 36, Seite 81–93
[13]  Claudius Müller : Von der »Straße der Seide bringenden Serer« zur Pax Mongolica, in: Dschingis Khan und seine Erben, Seite 198–202, Zitat auf Seite 198

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 16. Dezember 2005 aktualisiert.
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