Machu Picchu
Machu Picchu

Geschichte

Verloren und gefunden

Sendemanuskript

 

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 8. Juni 2009, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Montag/Dienstag, 8./9. Juni 2009, 23.10 bis 00.10 Uhr
Dienstag, 9. Juni 2009, 08.00 bis 09.00 Uhr
Dienstag, 9. Juni 2009, 14.00 bis 15.00 Uhr

Zusammenfassung:

In Darmstadt wird mediale Vielfalt durch redaktionelle Zweit­verwertung eingeschränkt. Verloren gegangene Städte werden in einem Bildband wieder sichtbar gemacht, auch wenn manches Trema für Verärgerung sorgt. Bommi Baumann tourte durch Afghanistan und kolportiert britische Kriegspropaganda. Ein jahrzehnte­lang ungelesenes Manuskript von Karl Marx erhellt die Grundlagen kapitalistischer Ausbeutung. Und Jupp soll schießen.

Besprochene Bücher:

Playlist:

Buscemi : Camino Real

 


 

Inhaltsverzeichnis

 


 

Einstimmige Vielfalt

Jingle Alltag und Geschichte

Die Medienlandschaft Südhessens wird im Juli um ein Medium ärmer. Die Frankfurter Rundschau will ihre Darmstädter Lokalredaktion schließen und die Lokal­bericht­erstattung dem Darmstädter Echo überlassen. Bemerkens­wert hieran ist weniger, daß die Frankfurter Rundschau dem Darmstädter Zeitungs­markt nicht gewachsen zu sein scheint, als vielmehr, daß sie sich ihre Bericht­erstattung von einem lokalen Konkurrenten zuliefern läßt. Es ist kaum anzunehmen, daß hieraus konkurrierende Vielfalt entsteht. Die Verwertungs­zwänge des Kapitals schreien geradezu nach einer Mehrfach­verwertung einmal generierten Contents.

Wäre es nicht praktischer, soll heißen: kosten­effizienter dieselben Redakteurinnen und Redakteure schreiben für beide Medien ein- und denselben Text? Und in der Tat wurde den Redakteurinnen und Redakteuren des Darmstädter Echo für diese Zweit­verwertung in der Frankfurter Rundschau eine monatliche Pauschale von 50 Euro angeboten.

Zwar wird es wohl so sein, daß die betroffenen fest angestellten Redakteurinnen und Redakteure aufgrund einer Regelung im Haus­tarif­vertrag nicht gekündigt werden, aber sie werden dann an anderen Standorten der Frankfurter Rundschau zum Einsatz kommen, schreibt Manfred Moos, hessischer Fach­bereichs­leiter für Medien in der Dienst­leistungs­gewerkschaft ver.di. Betroffen von der Schließung der hiesigen Lokal­redaktion wären jedoch auch Leih­arbeit­nehmer und freie Mitarbeite­rinnen. Diese dürfen sich dann wohl nach einer neuen Tätigkeit, womöglich zu schlechteren Konditionen, umsehen.

Im Darmstädter Echo wurde diese nicht unwesentliche Änderung der lokalen Medien­landschaft nur beiläufig erwähnt, in der Frankfurter Rundschau habe ich hierzu gar nichts gelesen, aber das kann auch an mir liegen. Sieht man und frau von den diversen lokalen Anzeigen­blättchen ab, so bleiben als Alternative oder Ergänzung nur noch die Lokal­redaktion des Hessischen Rundfunks und der Sender, den ihr gerade hört. Allerdings sind die lokalen Informations­leistungen des HR bescheiden, während Radio Darmstadt nicht gerade eine Ausgeburt eigens recherchierten Lokal­journalismus darstellt.

Zwar gibt es die Hörzeitung der Darmstädter Tonband- und Stereofreunde, die uns das Darmstädter Echo der vergangenen Woche vortragen, was auch in Ordnung ist, weil das ursprüng­liche Ziel­publikum aus seh­behinderten oder blinden Menschen bestanden hat. Leider habe ich in den vergangenen Monaten feststellen müssen, daß das lokale Informations­angebot dieses Senders häufig nur noch aus dem Vorlesen eingeganener Presse­mitteilungen besteht. Glaubt mir: manchmal müßt ihr nur die Such­maschine eurer Wahl anwerfen und ihr könnt mitlesen, was euch gerade verkündet wird. Von eigenen Gedanken keine Spur. Beispiele hierfür könnt ihr auch auf meiner Webseite lesen und anhören.

Diese von den Verantwortlichen dieses Senders geduldeten Vorlese­übungen sind nun nicht dazu angetan, von einer lokalen Medien­vielfalt zu sprechen; eher unterstützen sie eine Verkümmerung der lokalen Medien­präsenz.

Immer wieder höre ich von den Redakteurinnen und Moderatoren von Radio Darmstadt, daß sie davon ausgehen, daß ihnen kaum eine oder jemand zuhört. Ob das zutrifft, weiß ich nicht; deshalb werde ich zum Schluß der Sendung einen kleinen Test unternehmen, bei dem es sogar etwas zu gewinnen gibt. Am Mikrofon ist für die Redaktion Alltag und Geschichte Walter Kuhl von der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

 

Die Insel mit dem Trema

Besprechung von : Joel Levy – Lost Cities. Versunkene Städte der Vergangenheit, Konrad Theiss Verlag 2008, 192 Seiten, € 34,90

Versunkene Städte, vergangene Kulturen, vergessene Schriften üben einen besonderen Reiz aus. Das unerforschte Land zu erkunden, unbekannte Schriften zu entziffern und die dahinter verborgenen Geheimnisse und Geschichten zu entdecken, enthalten nicht nur die Aura des Geheimnisvollen; es trägt zudem dazu bei, unsere heutige Welt als kulturelles Erbe einer vergangenen besser verstehen zu lernen. Nur wer permanent Gas gibt, ohne nach hinten zu schauen, verzichtet auf die damit verbundene Orientierung, will nicht bewahren, sondern schöpfen, gestalten und dabei zerstören, ohne Rücksicht darauf, was es am Bestehenden zu bewahren gilt.

Nein, ich bin nicht unter die Konservativen gegangen. Aber man und frau sollte nicht alles wegwerfen und verwerfen, nur weil es alt oder altmodisch geworden ist. Menschlicher Fortschritt bemißt sich nicht an der Zerstörung des Alten, sondern an der sozialen Emanzipation von alther­gebrachten Herrschafts- und Macht­strukturen und den damit verbundenen gesell­schaftlichen Kräften und Verhältnissen.

Buchcover Taibo 1968Der Zauber des Alten läßt sich allerdings auch für rückwärts­gewandte Vorstellungen und Konzepte benutzen. Märchen erzählen von einer Welt, wie sie noch nie war, um die reale Welt nicht wahrnehmen oder gar verändern zu müssen. Der mexikanische Schriftsteller Paco Ignacio Taibo II schreibt in seiner kurzen, aber grandiosen Erzählung über den revolutionären Sommer 1968 in Mexiko, kurz bevor die Panzer des Regimes der sogenannten „institutionalisierten Revolution“ am Vorabend der Olympischen Spiele die Revolte der Studentinnen und Studenten nieders­schossen:

Wir sahen nicht fern. Wenn es existierte, war es ein Gebrechen der anderen, wir waren viel zu sehr damit beschäftigt, das Leben zu erfinden, um Zeit mit reaktionären Phantasie­fabriken zu verlieren. Wir schworen, nie nach Disneyland zu fahren und niemals wieder Hermann Hesse zu lesen. [1]

Das Abschlachten von rebellierenden Studentinnen und Studenten durch den Klassenfreund galt 1968 als angemessen, während das Massaker auf dem Tiananmen-Platz 1989 außer Empörung noch mehr gute Geschäfte mit dem Klassenfeind einbrachte.

Schon deshalb ist es gut, das Alte genauer zu kennen, um es verstehen zu können. Was die „versunkenen Städte“ anbetrifft, so gibt uns der britische Wissenschafts­autor Joel Levy in seinem bei Theiss auf Deutsch herausgebrachten Buch „Lost Cities. Versunkene Städte der Vergangenheit“ einige Hinweise auf die Spuren der Vergangenheit. In seinem fast alle Kontinente umspannenden 192-seitigen groß­formatigen und durchaus schön bebilderten Buch führt er uns vom Vorderen Orient über die klassische Antike zu ausgewählten Stätten in Afrika, wie Groß-Simbabwe, in Asien, wie Harappa oder Angkor, und in Amerika, wie Tenochtitlán oder Tiahuanaco. Es ist dabei weniger das Neue, was er uns vermittelt, sondern der Versuch, den Aufstieg und Niedergang der jeweiligen Städte mit ökologischen Fragestellungen zu verknüpfen. Mir scheint dies zuweilen zu ein­dimensional gedacht zu sein, und doch ist es dieser andere Blick, der dieses Buch auszeichnet.

Jede Auswahl kann nur eine willkürliche und unvollständige sein. Nicht jede versunkene Stadt erschließt sich auf den ersten Blick. Wenn er die Mounds, auf künstlichen Hügeln errichtete Siedlungs­strukturen im Mittleren Westen der USA, heranzieht oder die Pueblo-Siedlungen im unwegsamen New Mexico, dann prallen hier im Vergleich zu den luxuriösen Städten der Antike Welten aufeinander. Zudem fehlt offensichtlich einiges, zum Beispiel eine Stadt aus der Blütezeit unter den ägyptischen Pharaonen, eine Stadt der indischen Großreiche, erst recht eine oder mehrere chinesische Städte, vielleicht aber auch das in der frühen Neuzeit sagenumwobene Timbuktu, auch die toltekischen oder olmekischen Städte Mittelamerikas wären zu nennen. – Nehmen wir also das, was uns angeboten wird.

Der Autor führt uns zunächst in die Anfänge städtischer Zivilisation in der Jung­steinzeit nach Çatal Höyük in der heutigen Türkei. Weiter geht es nach Persepolis, der prachtvollen Residenz der persischen Großkönige, von dort zum mehrfach zerstörten und wieder­aufgebauten Babylon, in dessen archäologischen Stätten die US-Truppen ihre Besatzung des Irak augenfällig betreiben. Nicht fehlen dürfen Petra in Jordanien oder das mythische Troja, oder die hellenistischen Städte Pergamon und Ephesos, sowie das der römischen Kaiserzeit angehörige Palmyra in der syrischen Wüste. Europa wird kurzgehalten mit dem minoischen Akrotiri auf Santorin, dem ebenfalls von einem Vulkan zugedeckten Pompeji, Knossos auf Kreta und einer keltischen Stadt in Süd­frankreich. Europa ist hier wohltuend nicht der Nabel der Welt.

Afrika hingegen ist mit fünf Stätten vertreten: Es sind dies Groß-Simbabwe, das spätägyptische Tanis, die nubische Stadt Meroe, Alexandria und das unter den Römern zur Blüte gebrachte Leptis Magna an der libyschen Mittelmeer­küste. Mit der frühen Induskultur von Harappa und Mohenjo-daro kommen wir nach Asien, und von dort nach Angkor und der frühen japanischen Hauptstadt Fujiwara-kyo. Amerika wird uns beispielhaft an den Mounds von Cahokia, den Pueblos im Chaco Canyon, und fünf Orten in Mittel- und Südamerika vorgestellt: mit dem aztekischen Tenochtitlán, den Mayastädten Tikal (in der klassischen Maya-Zeit hieß die Stadt Mutal oder Mutul) und Chichén Itzá, sowie dem in Bolivien gelegenen Tiahuanaco und der historisch nachfolgenden Bergfeste der Inka, Machu Picchu.

Was hier in der Aufzählung bloße Namen sind, sind im Buch Beschreibungen und – zum Teil zweiseitige – Fotografien.

So brauchbar der Band für eine allgemeine, aber nicht ins Beliebige abdriftende Übersicht ist, so ärgerlich sind die immer wieder vorzufindenen Ungenauig­keiten, bei denen nicht immer zu sagen ist, ob sie dem Autor Joel Levy, der Übersetzerin Gabriele Stein oder dem Lektorat des Verlages anzulasten sind. Wenn ich ein Inhalts­verzeichnis vorfinde, dann erwarte ich, daß die entsprechende Stadt auf der angege­benen Seite auch vorgestellt wird. Das ist bei den Artikeln zu Knossos bis Angkor nicht der Fall. Den Band beschließt eine Liste empfehlens­werter Webseiten, die man und frau zwar nutzen kann, aber so ganz glücklich bin ich mit der Auswahl nicht. Ungeschickt ist es dann, wenn einer Webadresse ein Buchstabe verloren geht (das ergibt garantiert einen Fehler 404, wird also vom Webbrowser nicht gefunden) oder wenn die archäo­logische Haus­zeitschrift des Verlages durch einen Tippfehler leicht entstellt wird.

Was aber soll ich davon halten, wenn im Beitrag zu Pompeji das Erdbeben vor dem Vesuv­ausbruch des Jahres 79 mal in das Jahr 62 vor unserer Zeitrechnung und mal in das Jahr 62 nach Beginn derselben verlegt wird? Wenn ich lese, daß die Minoer das heutige Santorin Thira genannt hätten, dann frage ich mich, woher der Autor diese Information nimmt, denn sie ist falsch. Wir wissen es schlicht nicht [2]. Daß Thira zudem ein Trema auf dem „i“ trägt (Thïra), also diese Art Umlaut, die erkenntlich macht, daß zwei aufeinander folgende Vokale getrennt gesprochen werden müssen, ist einfach nur unsinnig. Auffallen hätte bei der End­redaktion müssen, daß die Zikkurat in Babylon in zwei aufeinander folgenden Sätzen falsch Etemenaki und richtig Etemenanki heißt.

Buchcover Joel Levy Lost Cities Historisch unzutreffend ist die Behauptung, daß nach dem Tode Alexanders die Ptolemäer und Antigoniden zwei Jahrhunderte lang um Petra im heutigen Jordanien gekämpft hätten. Die Antigoniden hatten sich Makedoniens bemächtigt, also des Nordens des heutigen Griechenlands; tatsächlich bekriegten sich die in Ägypten herrschenden Ptolemäer und die in Syrien und Babylonien residierenden Seleukiden.

Seltsam ist, wenn der römische Kaiser Augustus plötzlich zum August wird, und unverständlich, weshalb Heinrich Schliemann zu seinen Ausgrabungen in Troja vorgeworfen wird, die „mühseligen Methoden der konventionellen Archäologie“ ungeduldig beiseite geschoben zu haben. Diese Methoden mußten ja erst noch entwickelt werden und waren seinerzeit keinesfalls wissen­schaftlicher Standard. Ob Troja und Wilusa tatsächlich dieselbe Stadt meinen, ist ein Streit unter Hethitologen und Archäologinnen, der uns hier nicht weiter interessieren muß, aber diese Stadt hieß auch in früh­griechischer Zeit keinesfalls Willion mit 2 „l“. Und wenn wir schon dabei sind: weshalb wird im selben Artikel der Hügel, unter dem Troja verborgen lag, mal korrekt mit dem türkischen Namen Hisarlık (ohne „i“-Punkt) benannt, aber dann eben auch falsch Hisarlik (mit „i“-Punkt)? Ich weiß, daß es schwer ist, in einem Buch konsistent dieselbe Schreibweise beizubehalten, aber hier handelt es sich um denselben Beitrag auf derselben Seite!

Pergamon wurde von den Attaliden prächtig ausgebaut, und selbst­verständlich entstand der Reichtum der Stadt durch die Ausbeutung von Sklaven­arbeit und die Plünderung fremder Landstriche, in denen dieser Reichtum zuvor ebenfalls, eben durch andere Sklavenarbeit und Plünderungen angehäuft worden war. Als Begründer der Dynastie wird ein Philataerus genannt, griechisch korrekt wäre Philetairos. Die Übersetzerin hätte besser die englische Namens­form in eine im Deutschen übliche übertragen, die stattdessen verwendete ist unsinnig.

Auch dem Artikel zu Leptis Magna hätte mehr Sorgfalt gutgetan. Schlamper­deutsch ist „an der Küste des heutige(!) Libyen“, und eine Tücke der Text­verarbeitung, wenn nach der Bezeichnung „n. Chr.“ das dem Punkt direkt nachfolgende Verb groß geschrieben wird. Nicht hinnehmbar finde ich hingegen, wenn im Beitrag zu Machu Picchu ein Satz einfach nicht vollendet wird; so bleiben wir im unklaren darüber, um was es sich denn wohl handeln mag: „Andere Höhepunkte des heiligen Bezirkes sind der Haupttempel und der absichtlich nicht überdachte Tempel der drei Fenster mit seinen charakte­ristischen trapezf­örmigen“ – ja, was denn? Doch wohl die im Satz fehlenden Mauern. [3]

Vielleicht ist das ja alles nicht so wichtig in einem Band, der sich nicht an Spezialistinnen, sondern an ein allgemein historisch interessiertes Publikum richtet, ein Publikum, das derartige Ungenauigkeiten ohnehin überliest und verzeiht, ein Publikum, das statt dessen einen erkenntnis­reichen Gewinn aus dem restlichen Buch ziehen will und auch ziehen kann. Angesichts der verschiedenen Unstimmig­keiten finde ich jedoch den Preis von 34 Euro 90 für das Buch „Lost Cities“ von Joel Levy, erschienen bei Theiss, entschieden zu hoch, obwohl es vom Buchumfang durchaus dem heutigen Preis­standard entspricht.

 

Afghanische Halluzinationen

Besprechung von : Bommi Baumann – Rausch und Terror. Ein politischer Erlebnisbericht, Rotbuch Verlag 2009, 237 Seiten, € 17,90

Es war kurz vor dem 2. Juni, als Mitte Mai [2009] die Birthler'sche Stasi-Untersuchungs­behörde einen Fund ankündigte, der eine seit vier Jahrzehnten bekannte Geschichte umzuschreiben droht. In den Archiven wurde – angeblich rein zufällig – ein mehrere Aktenordner umfassendes Konvolut stasiinterner Papiere gefunden. Karl-Heinz Kurras, der Polizist, der am 2. Juni 1967 den unbewaffneten und an den studentischen Protesten gegen den Schahbesuch wohl unbeteiligten Studenten Benno Ohnesorg erschoß, arbeitete für die Staats­sicherheit der DDR. Nach diesem Schuß war in der damaligen Bundes­republik nichts mehr, wie es vorher war. Es war der Funke, der einen Steppenbrand auslöste und der eine ganze Republik veränderte. Lag dies in der Absicht der DDR? Handelte es sich um eine gezielte Provokation, um den Klassenfeind im Westen zu erschüttern?

Buchcover Bommi Baumann: Wie alles anfingManche Kommentare der vergangenen Wochen deuten darauf hin. Selbst vier Jahrzehnte nach „1968“ will man und frau einfach nicht wahrhaben, daß die Ereignisse eine eigene Dynamik entwickelten. Wäre nicht Benno Ohnesorg erschossen worden, dann irgendwann ein anderer. Die Pogrom­stimmung gegen die sich radikalisierende Jugend – es waren ja nicht nur die Studentinnen und Studenten in Berlin, Frankfurt oder München – war allent­halben zu spüren. Es ist jedoch kein Zufall, daß ein Polizist zur Waffe griff und gezielt schoß. Benno Ohnesorg wurde von drei weiteren Polizei­beamten festgehalten; und die wurden nicht von der Stasi für diesen Auftrag gedungen. Die Polizei der 60er Jahre war eine in weiten Teilen reaktionäre Organisation, unter ihnen tummelten sich zudem eine Reihe alter Nazis. Dem widerspricht nicht, daß ein Karl-Heinz Kurras für die DDR spionierte. Geld stinkt nicht, vor allem, wenn es reichlich fließt.

Müssen wir also die Geschichte der Studenten­bewegung umschreiben? Ich denke, nicht. Wenn wir die zeitgleichen Bewegungen in den USA, in Frankreich, in England oder Italien betrachten, oder auch in Mexiko, wo sie zusammen­geschossen wurde, dann stand die Revolte weltweit auf der Tagesordnung. Die damalige in Deutschland herrschende Klasse konnte auf diesen Protest nur autoritär mit Gewalt antworten; und hätte es nicht in Berlin geknallt, dann anderswo. Die Aufarbeitung der Ereignisse des 2. Juni 1967 rund um den Schahbesuch und den Mord an Benno Ohnesorg war schon damals durch die Studenten­bewegung geleistet worden und führte in Berlin zum Rücktritt einiger Verantwortlicher bis hin zum Regierenden Bürgermeister. Wer beim Schahbesuch eine gezielte Leberwurst­taktik einsetzt und die mit dem iranischen Geheimdienst verbandelten Jubelperser gezielt prügeln läßt, nimmt jede Eskalation bewußt in Kauf, auch den Tod eines Studenten.

Der 2. Juni 1967 zeigte somit allen, die noch an das Wirtschafts­wunder glauben wollten, recht drastisch, daß die junge deutsche Demokratie ihre faschistischen Wurzeln noch nicht abgestreift hatte. Daraus zogen verschiedene Fraktionen und Gruppen der Studenten­bewegung unter­schiedliche Konsequenzen. Eine dieser Konsequenzen war der bewaffnete Kampf gegen ein als unmenschlich und unver­änderlich angesehenes politisches und Wirtschafts­system. Es gibt Gründe, weshalb bis weit in die 70er Jahre die Sympathien für die RAF, die „Bewegung 2. Juni“ und andere Stadt­guerilla­gruppen nicht nur tief in die deutsche Linke hinein reichten, sondern auch darüber hinaus ging. Gründe, die nichts mit der Tätigkeit eines Karl-Heinz Kurras für die Stasi zu tun haben. Die Revolte war hausgemacht; und die politischen Entscheidungs­träger legten die Lunte. Ein V-Mann des Berliner Verfassungs­schutzes lieferte die ersten Waffen und Bomben. Der Staat als Terrorist.

Wer heute den zutiefst reaktionären und vermufften Charakter der Bundes­republik Mitte der 60er Jahre bestreitet, lügt wahrscheinlich mehr sich selbst als uns etwas in die Tasche.

Einer derjenigen, die in den Untergrund gingen und sich in Berlin der entstehenden Bewegung 2. Juni anschlossen, war der Lehrling Michael, genannt „Bommi“, Baumann. Nach einiger Zeit im Untergrund verließ er 1972 das Land und setzte sich in mehrere Länder Asiens ab. 1973 wurde er bei der Durchreise durch die DDR von den dortigen Behörden erkannt und sein Wissen über die west­deutsche Linke durch die Stasi bis ins kleinste persönliche Detail abgeschöpft. 1975 erschien im Trikont Verlag seine politische Autobiografie „Wie alles anfing“, die prompt verboten und beschlagnahmt wurde. Selbst Mitte der 70er Jahre war eine selbst­kritische Reflexion über den bewaffneten Kampf noch zu viel für die herrschende Klasse. Die Rolle, die Kinderpornos heute bei der Einführung der Internetzensur spielen, nahm damals die kritische Auseinander­setzung mit der eigenen Geschichte ein, um politisch unliebsame Bücher und Zeitschriften zu zensieren.

Buchcover Bommi Baumann: Rausch und TerrorAm 20. Mai stellte Bommi Baumann sein neuestes Buch in der Bessunger Knabenschule vor, „Rausch und Terror. Ein politischer Erlebnisbericht“. Zusammen mit seinem Koautoren Christof Meueler diskutierte er mit dem Publikum weniger über die Gewalt der 68er als über den Umgang mit illegalisierten Drogen. Sein Plädoyer für die Freigabe aller Drogen durchzieht das gesamte Buch, und seine Argumente sind schlüssig und einleuchtend. Daß er gleichzeitig den Drogen­genuß nicht empfiehlt, ist seiner Biografie geschuldet. Nach 1968 brauchte er 25 Jahre, um wieder davon loszukommen. Er wäre sonst dabei drauf­gegangen.

Was uns in seinem Buch „Rausch und Terror“ erwartet, ist weniger eine Analyse der Verhältnisse, schon gar keine Geschichts­lektion. Vielmehr nimmt er uns mit in seine eigenen Abgründe, in die weite Welt des Drogenanbaus, des Drogenverkaufs und natürlich des Drogenkonsums. Er macht dabei deutlich, wie verlogen es ist, die einen Drogen zu verbieten und die anderen für den allgemeinen Rausch nicht nur zu gestatten, sondern zu fördern. Wer säuft, bleibt nützlich für den kapitalistischen Verwertungs­prozeß. Mit Haschisch und Heroin geht das so nicht.

Nicht alles, was er mit seinem Koautoren vorträgt, kann so stehen bleiben. Beide gehen den durch nichts belegten Zahlen über ein multi­national organisiertes Verbrechen auf den Leim. Natürlich gibt es eine florierende Drogen­wirtschaft; aber mitunter müssen wir uns schon fragen, ob das Gründen einer Bank oder ein Bankraub das größere Verbrechen darstellt. Was ich damit sagen will: Drogenhandel und Drogengelder passen zur mörderischen Ökonomie des kapitalistischen Normal­zustandes. Die CIA förderte den Drogenanbau und Drogenhandel im sogenannten „Goldenen Dreieck“ während des Vietnam-Kriegs und sorgte dafür, daß die rebellische Jugend zuhause damit vollgepumpt wurde. Ebenso­wenig zufällig gehört Deutschland zu den größten Waffen­lieferanten weltweit. Non olet – Geld stinkt halt nicht.

Eher schon abgedreht finde ich seine Beschreibung der Verhältnisse in Afghanistan. Richtig ist, daß unter den wachsamen Augen der US Army und der Bundeswehr der Drogenanbau und Drogenhandel bestens floriert. Richtig ist auch, daß die verschiedenen Warlords der Regierung Karsai hieran kräftig verdienen. Die Taliban wären schön blöd, den Bauern den Anbau von Mohn zu verbieten. Wovon sollen diese denn dann leben? Afghanistan ist ein kriegs­zerstörtes Land, ein Land mit wenig Hoffnung. Und die Hilfsgüter versickern oder werden allenfalls zur medialen Weiter­verwertung für die Fernseh­kameras in Szene gesetzt. Der Großteil der Bevölkerung kriegt davon nichts ab. Es ist ähnlich wie hier, wo einem Bonmot nach das durch gezielte Umverteilung des gesell­schaftlichen Reichtums entstandene Wirtschafts­wachstum unten nicht angekommen ist. Nur ist das in Afghanistan eben wesentlich radikaler und tödlicher.

Die Milliarden, die in Afghanistan in das Abmetzeln von Hochzeits­gesellschaften und die Unterstützung eines Marionetten­regimes gesteckt werden, landen nicht bei den auch in Afghanistan durchaus vorhandenen demokratischen Kräften. Wozu auch? Dies wird auch die Lichtgestalt eines Barack Obama nicht ändern wollen.

Abgedreht nun finde ich folgende Schilderung im Buch:

In Wahrheit herrscht aber auch auf der untersten militärischen Ebene der Ausnahme­zustand. Das anwachsende Heer der Junkies in Afghanistan konsumiert zwar ziemlich reines Heroin, aber das bekommt es nicht umsonst. Wenn du aber die ganze Zeit zu bist, kannst du auch nicht mehr arbeiten.

In Afghanistan ist man schon weiter. Dort bekommen die jungen Junkies von den Taliban gesagt: „Macht euch keine Sorgen, arbeitet doch für uns! Wir bezahlen eure Sucht!“ Das heißt, sie drücken einem Junkie eine Granate in die Hand, der läuft los und schmeißt sie ungefähr in die Richtung, die ihm vorher gewiesen wurde. Oder die Taliban sagen ihm: „Hier hast du eine Kalaschnikow, du schießt jetzt einfach dort drüben auf die Stellung.“ Die britische Armee, die in Helmand, der Taliban-Hochburg im Südwesten Afghanistans operiert, nennt diese Junkie-Kämpfer nur die „Ten Dollar Taliban“. Für den einmaligen Einsatz als Kanonenfutter bekommen sie zehn Dollar, um sich davon Heroin zu kaufen, vorausgesetzt, sie überleben ihn.

Auf den Westen wirkt diese Kriegs­führung wie ein Horrorfilm. [4]

Ist das jetzt britische Kriegs­propaganda oder eine kollektive Angstfantasie?

Ich denke, so wenig, wie der tödliche Schuß auf Benno Ohnesorg die Studenten­bewegung entfacht und radikalisiert hat, so wenig benötigen die Rekruten der Taliban eine Dröhnung, um gegen die feindlichen, imperialistischen Invasoren zu kämpfen. Daß sie hierbei für reaktionäre Ziele kämpfen, steht auf einem anderen Blatt.

Doch abgesehen von den nicht über­prüfbaren Zahlen zum internationalen Drogengeschäft und von der einen oder anderen Schauergeschichte handelt es sich durchaus um ein ernstes und lesenswertes Buch. Es ist locker erzählt und nimmt dich mit in die Drogenfantasien und die Drogen­realität. Irgendwie macht es zwar auch neugierig, den beschriebenen Rausch einmal nachzuempfinden, zumal das Zeug, das du hier bekommst, fade und gestreckt ist. Aber da lassen wir besser die Finger davon. Nur wer der Realität nüchtern ins Auge sieht, kann sie auch emanzipatorisch verändern. Und darauf kommt es schließlich an.

Dazu gehört ein repressions­freier Umgang mit Drogen aller Art. Die staatliche Drogenpolitik ist nicht nur schlicht eine Katastrophe, mehr noch, sie fördert das, was sie vorgibt zu verhindern. Es gibt wenige Bücher, die das so deutlich und überzeugend ausdrücken, und die gleichzeitig die verheerenden Folgen kapitalistisch induzierter Genußmittel­sucht aufzeigen.

Der politische Erlebnisbericht von Bommi Baumann trägt den Titel „Rausch und Terror“, er ist mit seinen 237 Seiten vor kurzem im Rotbuch Verlag zum Preis von 17 Euro 90 erschienen.

 

Ein geniales Manuskript

Besprechung von : Karl Marx – Das Kapital 1.1, Karl Dietz Verlag Berlin 2009, 175 Seiten, € 9,90

Zu den zeitweise verlorenen Schätzen gehört ein Manuskript von Karl Marx, das jahrezehnte­lang in Archiven vor sich herschlummerte, bevor es erstmals 1933 in einer gleichzeitig deutschen und russischen Edition in Moskau herausgebracht wurde. Dieses Manuskript trägt den etwas sperrigen Titel „Resultate des unmittelbaren Produktions­prozesses“ und kann durchaus als eine vom Autor des „Kapital“ selbst verfaßte Zusammen­fassung des dickleibigen ersten Bandes seines Hauptwerkes betrachtet werden. Allerdings ist anzumerken, daß eine vorherige Lektüre des „Kapital“ hilfreich ist, andererseits werden hier einzelne im „Kapital“ weitschweifig entwickelte Gedanken­gänge recht kurz und prägnant vorgetragen.

Buchcover Das Kapital 1.1Bei den Resultaten des unmittelbaren Produktions­prozesses handelt es sich um die Frage nach dem Wesen des Kapitals selbst. Marx gelingt es in seinem Manuskript nachzuweisen, daß die entwickelte kapitalistische Produktions­weise das Ergebnis einer ganz spezifischen Art und Weise der Produktion ist. Einer der Kerngedanken lautet, daß die kapitalistische Produktion keine Produktion von Gebrauchs­werten ist, sondern die Produktion von Mehrwert, und damit unterscheidet sich diese Produktion von jeder anderen Produktion in der Menschheits­geschichte. Der von den für die Kapitalisten arbeitenden Männern und Frauen erarbeitete Mehrwert bildet die Grundlage des vom Kapital angeeigneten Profits; und dieser ist der einzige Grund für die Produktion. Würde ein eingesetztes Kapital keinen Profit abwerfen, wären ihm die Bedürfnisse der Menschen vollkommen egal. Das können wir zur Zeit anschaulich beobachten.

Nun sind das vielleicht nicht gerade weltbewegende Erkenntnisse. Dennoch herrschen hierzulande bis hinein in globalisierungs­kritische Bewegungen wie attac – oder auch der Linkspartei – Vorstellungen über ein Kapital vor, das sich zähmen läßt, das sich in gesellschaftliche Verantwortung überführen ließe, das nach humanen Gesichtspunkten zu gestalten wäre und vielleicht sogar sozial und ökologisch daherkommt. Mit diesen Vorstellungen räumt Marx gründlich auf. Er muß sich hierbei nicht einmal an den bürgerlichen Illusionen einer Nische im gewalt­tätigen globalen Ausbeutungs­verhältnis abarbeiten. Statt dessen geht Marx streng methodisch, wissenschaftlich, ja durchaus auch philosophisch an sein Thema heran. Er betrachtet das Kapital nüchtern als das, was es ist. Ein gesellschaftliches Verhältnis eben. Ein Verhältnis, das notwendiger­weise Ausbeuter und Ausgebeutete hervorbringt.

Ursprünglich war das in den 1860er Jahren geschriebene Manuskript als eine Zusammen­fassung des ersten Bandes des „Kapital“ gedacht, um im Anschluß an dieses Kapitel zum zweiten Band über den Zirkulations­prozeß des Kapitals überzuleiten. Aus Gründen, die nicht ganz klar sind, nahm er dieses Kapitel nicht in den endgültigen Buchentwurf mit auf. Nichtsdesto­trotz handelt es sich um einen Text, der in seiner komprimierten Darstellung alles Wesentliche zusammenfaßt. Ich will damit nicht sagen, daß er eine gründliche Lektüre zumindest des ersten Bandes des „Kapital“ ersetzt. Doch es handelt sich um eine Zusammen­fassung des Autors selbst und nicht um eine nachträgliche interesse­geleitete, verwässerte Interpretation.

Hierbei legt Marx gleichzeitig die Entdeckungen wie die Beschränktheit der bürgerlichen Ökonomen bloß; und er zeigt, daß die Ideologie der bis heute an deutschen Hochschulen gelehrten Religion namens Volks­wirtschafts­lehre notwendig dem Produktions- und Verwertungs­prozeß des Kapitals selbst entspringt. Mehr noch: es sind ja nicht nur die Ideologen des Kapitals, die Illusionen verstreuen. Es sind dies auch die dem Kapital­verhältnis Unterworfenen, die aufgrund der ganz spezifischen Mystifizierungen dieses Kapital­verhältnisses selbiges als unveränderlich und naturgegeben betrachten. Nichts jedoch wäre falscher.

Buchcover Karl Marx: Resultate …Das Kapital ist ein historisches gesellschaftliches Verhältnis, das vor etwa fünfhundert Jahren seinen Siegeszug angetreten hat. Wenn wir klug sind und uns einig, dann schaffen wir eine globale Ökonomie, in der wieder, vielleicht erstmals die Menschen im Vordergrund stehen. Es würde sich um eine Gesellschaft handeln, in der demokratisch geplant wird, was benötigt wird und was unter welchen sozialen und ökologischen Bedingungen produziert werden muß – und was als sozial geächtet nicht mehr produziert werden darf. Es wäre eine Gesellschaft ohne Geld und Markt, weil eine rationale und demokratische Planung der Wirtschaft derartiger Mechanismen nicht bedarf.

Das „Kapital“ von Karl Marx ist kein historisch überholtes Werk. Es ist vielmehr die Grundlage des Verständnisses von dem, was uns tagtäglich widerfährt. Jede kapitalistische Krise belegt nur das, was Marx schon vor rund 150 Jahren theoretisch hergeleitet hat.

Ich finde das immer wieder erheiternd, wenn uns allüberall entgegenschallt, Marx wäre überholt, seine Theorien ein Produkt des 19. Jahrhunderts. Dieselben Ideologen lesen Kant, Hegel und Goethe; und die lebten sogar vor Marx.

Auch insofern lohnt es sich, das „Kapital“ zu lesen. Als Einstieg bieten sich die „Resultate des unmittelbaren Produktions­prozesses“ an. Hätte Rosa Luxemburg dieses Manuskript gekannt, wäre ihre ohnehin brilliante Darstellung des kapitalistischen Akkumulations­prozesses womöglich noch klarer und deutlicher ausgefallen.

Die Studentenbewegung der 60er Jahre entdeckte auf ihrer Suche nach den Wurzeln der Arbeiter­bewegung und deren theoretischen Grundlagen dieses Manuskript neu. Es wurde 1969 im Verlag Neue Kritik als Reprint wieder aufgelegt. Die nun vorliegende Fassung entstammt der wissen­schaftlichen Edition der zweiten Ausgabe der MEGA, der Marx-Engels-Gesamt­ausgabe. Diese Edition wurde Ende der 80er Jahre noch in der zerbröselnden DDR herausgebracht und für die Neuauflage zwanzig Jahre später noch einmal überarbeitet. Wenn wir dann noch bedenken, daß dieses 175 Seiten umfassende Buch nur 9 Euro 90 kostet, dann gibt es keinen Vorwand mehr, sich nicht doch einmal mit den Wurzeln dessen zu befassen, was uns tagtäglich als kapitalistische Zumutung begegnet.

Ich persönlich finde das Manuskript einfach faszinierend.

Die „Resultate des unmittelbaren Produktions­prozesses“ erschienen im Frühjahr dieses Jahres unter dem zeitgeistigen Titel „Das Kapital 1.1“ im Karl Dietz Verlag Berlin.

 

Jupp soll schießen

Jingle Alltag und Geschichte

Heute über verlassene Städte, terrorisierende Rausch­zustände und ein bemerkenswertes Manuskript.

Im März dieses Jahres hatte ich ein Buch zur Geschichte des Fußball­vereins Borussia Mönchengladbach in den 70er Jahren vorgestellt. Der Agon Sportverlag hat mir hierzu ein Verlosungs­exemplar zur Verfügung gestellt; und wenn ihr die gleich folgende Frage richtig beantwortet, dann könnt ihr dieses Buch auch erhalten.

Es handelt sich um die im Herbst vergangenen Jahres von Ulrich Merk, André Schulin und Maik Grossmann herausgebrachte Chronik „Mein Verein Borussia Mönchen­gladbach“. Auf 189 großformatigen Seiten wird die Glanzzeit des Vereins minutiös nachgezeichnet, zumindest was die Spiele in der Bundesliga betrifft. Es handelt sich jedoch nicht um eine Jubelschrift, sondern um eine eher nüchterne Bestands­aufnahme, weshalb schlechte Spiele auch nicht schön geredet werden. In meiner Besprechung vor drei Monaten hatte ich dies an einem Beispiel festgemacht.

Nehmen wir beispielsweise Jupp Heynckes. Er trug neunzehn Tore zum zweiten Meistertitel 1971 bei und wird mit einer Durchschnitts­note von 3,4 bewertet. Wobei zumindest aus dem Buch selbst nicht ersichtlich wird, woher die doch eher durchwachsenen Noten stammen; ich vermute, aus der relativ objektiven Tageswertung des Kicker Sportmagazins. Dennoch sprechen fünf Meistertitel in zehn Jahren eine deutliche Sprache und manchem Gegner müssen die Himmels­stürmer aus Mönchen­gladbach wie Spieler von einem anderen Stern erschienen sein, zumindest in den guten Tagen. Da wurde der Gegner nicht einfach nur beherrscht, sondern dominiert, und er konnte von Glück sagen, wenn er nicht auch noch demontiert wurde.

Vielleicht lag es manchmal auch daran, daß nicht zielstrebig genug aufs Tor geschossen wurde. Ich erinnere mich dunkel, an einem eher kalten Nachmittag auf den nicht gerade luxuriösen Holzbänken von Fortuna Köln gesessen zu haben, als es hieß: „Jupp soll schießen.“ Wahrscheinlich hätten die Fortunen komplett aus dem Stadion geschossen werden können, wären nicht die Teamkollegen darauf fixiert gewesen, den Jupp in seinem Kampf um die Torjäger­kanone gegen den genialsten Mittelstürmer aller Zeiten zu unterstützen. Im Buch nachgeschaut muß das am 5. Januar 1974 geschehen sein.

Tatsächlich erzielte Jupp Heynckes einen lupenreinen Hattrick, aber wenn wir den drei Chronisten Glauben schenken, dann waren die Gladbacher beim 5:3-Sieg „mit einem blauen Auge davongekommen“. Manchmal ist es eben doch gut, die eigene Erinnerung mit Fakten unterfüttert zu bekommen. Die Wertung für Heynckes: nur 2,0, denn in der ersten Halbzeit war er komplett abgemeldet gewesen.

So, und jetzt kommt die Frage. Wieviele Tore erzielte Jupp Heynckes in dem gerade geschilderten Spiel bei Fortuna Köln am 5. Januar 1974 in der ersten Halbzeit? Alle anderen [als diejenigen, die durch das Beantworten der Frage das Buch erhalten können,] können das im Agon Sportverlag herausgegebene Buch „Mein Verein Borussia Mönchen­gladbach“ im Buchhandel für 25 Euro erstehen.

Die Frage, ob Jupp Heynckes als Trainer von Bayer Leverkusen die kommende Saision durchstehen wird, müßt ihr hingegen nicht beantworten.

Ich danke der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt für ihre Unterstützung bei der Produktion dieser Sendung. Das Manuskript zu dieser Sendung findet ihr in den nächsten Tagen auf meiner Webseite: www.waltpolitik.de. Im Anschluß folgt eine Sendung der Kulturredaktion von Radio Darmstadt. Am Mikrofon war für die Redaktion Alltag und Geschichte Walter Kuhl von der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

 

ANMERKUNGEN

 

Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

 

»» [1]   Paco Ignacio Taibo : 1968 / Gerufene Helden, Seite 14.

»» [2]   Diese Begründung ist zugegebener­maßen ein wenig unlogisch. Im vorklassischen antiken Griechisch lautete der Name der Insel Thera (Θήρα), angeblich benannt nach dem Anführer der von Sparta ausgehenden Kolonisation. Die heutige Aussprache des Namens ist späteren Datums. Ob dieser Insel eine „minoische“, nicht­griechische Bevölkerung denselben, einen denselben anders ausgesprochenen oder gar einen gänzlich anderen Namen gaben, ist ungeklärt. Thira wurde die Insel jedenfalls nicht genannt bzw. ausgesprochen, weder mit noch ohne Trema. Herodot und daran anschließend Pausanias verweisen auf einen früheren Namen „Kalliste“ (die Schönste); dieser kann jedoch auf keinen Fall minoischen Ursprungs sein.

»» [3]   Joel Levy : Lost Cities. Erdbeben Pompeji Seite 78, Thira Seite 8 und 64, Etemenanki Seite 33, Antigoniden Seite 37, August Seite 40, Schliemann Seite 41, Willion und Hisarlık Seite 45, Philataerus Seite 46, Leptis Magna und n. Chr. Seite 118, Machu Picchu Seite 182.

»» [4]   Bommi Baumann / Christof Meueler: Rausch und Terror, Seite 209.

 


 

Diese Seite wurde zuletzt am 30. Juli 2009 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2009. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet. Das Foto zu Machu Picchu stammt von Antje Trukenmüller und ist ebenfalls urheber­rechtlich geschützt, ©  2006, 2009.

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