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Universitätsbibliothek Mexico D.F.

Geschichte

Vierzig Jahre Achtundsechzig

Sendemanuskript

 

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 26. Mai 2008, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Montag/Dienstag, 26./27. Mai 2008, 23.10 bis 00.10 Uhr
Dienstag, 27. Mai 2008, 08.00 bis 09.00 Uhr
Dienstag, 27. Mai 2008, 16.00 bis 17.00 Uhr

Zusammenfassung:

Vierzig Jahre nach "68" gibt es einen Bildband zu besichtigen, dessen Begleittext zu Widerspruch und einigen Fragen herausfordert. Jutta Ditfurth hat eine Freundschaft beschrieben, für die die Beleglage etwas dünn ist. Dennoch erhalten wir interessante Einsichten.

Besprochene Bücher:

 


 

Inhaltsverzeichnis

 


 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

Vierzig Jahre nach "1968" werden wir Zeitzeuginnen und Zeitzeugen der medialen Vermarktung von entpolitisierter Erinnerungsliteratur, von pseudowissenschaftlicher Aufarbeitung und von dem Mainstream angepaßten, gefilterten Informationshäppchen. Manches finden wir in Büchern wieder, manches flimmert uns in Fernsehbildern ins Haus, manches ist einfach nur breitgetretener Tratsch. Mit dem Jahr 1968 scheint es so seine besondere Bewandtnis zu haben, doch den allenthalben zu hörenden Schlagwörtern fehlt meist die inhaltliche Substanz. Und da wir in einer multikulturellen Gesellschaft mit verschiedensten Parallelwelten leben, scheint die Wahrheit dann die zu sein, welche der Markt der konzerngesteuerten Medien und der Markt der Eitelkeiten im medialen Gedächtnis durchsetzen kann.

Wem dient so eine Wahrheit? Bei der Beschäftigung mit nicht nur der jüngeren Zeitgeschichte treffen wir auf Interessen verschiedenster Art. Da gibt es die handelnden Personen selbst, die sich nach vier Jahrzehnten fragen lassen müssen, woran sie denn eigentlich teilgenommen haben. War es richtig zu rebellieren, war die Rebellion gerechtfertigt? Hat man und frau damals eigentlich gewußt, was man und frau tat? Was bedeutet es, sich damals als Subjekt begriffen zu haben, das die Weltgeschichte revolutionär verändern wollte? Welche Mittel waren gerechtfertigt, welche nicht? Und weshalb kann ein so dämliches Buch wie das von Götz Aly über Unseren Kampf derart viele Wellen schlagen? [1]

Manche dieser Fragen möchte ich in meiner heutigen Sendung beantworten. Bei der Fülle der durch die Medien und Meinungen geisternden Behauptungen, Analysen und Kommentare ist es jedoch unvermeidlich, daß ich nur weniges im Verlauf der folgenden Stunde ansprechen kann. Vielmehr möchte ich dazu anregen, sich intensiver mit einer historisch bedeutsamen Zeit zu befassen, weil ich denke, daß wir hieraus so einiges mitnehmen können, um uns der Zumutungen der neoliberalen Spaß-, Armuts- und vor allem Ausbeutungsgesellschaft des 21. Jahrhunderts zu erwehren.

Das ganze Brimborium um den 40. Jahrestag eines ganz bestimmten Jahres soll ja nicht zuletzt und ganz und gar nicht zufällig die entscheidenden Fragen ausklammern. Eine dieser Fragen ist die nach der Existenzberechtigung eines mörderischen Wahnsystems namens Kapitalismus. Darum ging es damals und darum muß es auch heute gehen.

Ich habe für diese Sendung wieder das eine oder andere frisch erschienene Buch herangezogen, weil sich hierin zuweilen die entscheidenden Fragestellungen verstecken oder weil sie – was seltener ist – auch angesprochen werden. Es handelt sich hierbei um den von Andres Veiel und Gerd Koenen herausgegebenen Bildband 1968. Bildspur eines Jahres aus dem Fackelträger Verlag sowie um die von Jutta Ditfurth zusammengetragene Geschichte einer Freundschaft zwischen Rudi und Ulrike, also Rudi Dutschke und Ulrike Meinhof, aus dem Droemer Verlag. Kurz eingehen werde ich außerdem auf die Ulrike Meinhof-Biografie von Jutta Ditfurth und auf das schon 2005 erschienene Bändchen aus dem Hamburger Institut für Sozialforschung mit dem Titel Rudi Dutschke, Andreas Baader und die RAF.

Durch die heutige Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte bei Radio Darmstadt führt Walter Kuhl.

 

Sehnsucht

Ich bin kein 68er, dafür bin ich zu jung. Aber es gibt einen Erinnerungsfetzen aus jener Zeit, der mir im Gedächtnis haften geblieben ist. Es muß eine Nachrichtensendung im Mai 1968 gewesen sein, in der ein Fernsehjournalist mit leicht erregter Stimme die Barrikadenkämpfe im Quartier Latin in Paris beschrieb. Umgestürzte Autos, brennende Reifen. Steine flogen. Polizisten auf der Flucht. Ohne zu verstehen, was ich da sah, fand ich dies ungeheuer interessant – und mir fehlte jegliche kritische Distanz, um dieses gezeigte Geschehen als böse einzuordnen. Dann, drei Monate später, werde ich morgens zur Schule gefahren. Im Autoradio gehetzte Reportagen aus dem von russischen Panzern besetzten Prag. Die sich hierin äußernde Empörung zog mich in ihren Bann. Auch hier konnte ich nicht verstehen, worum es ging, nur eben, daß etwas Böses geschah.

Vieles war schon damals emotional aufgeladen. In einer Welt, in der Argumente wenig zählen, dafür Bomben und Gewalt weitaus wirkungsmächtiger sind, konnte es gar nicht anders sein, daß eine zunächst kleine radikale Minderheit den gesellschaftlichen Mainstream erschütterte. Zwar hatten die herrschenden Klassen weltweit die Medien und damit auch das Meinungsmonopol in ihrer Hand, doch bewies gerade hier das subversive Moment seine herausragende Bedeutung. Sich dem Mainstream zu entziehen, hieß zunächst noch nicht Weltflucht, sondern ermöglichte einen klaren Blick auf Verhältnisse, die gerade für junge, heranwachsende, fragende Menschen unerträglich sein mußten.

Und es ist ja nicht so, als sei '68 eine auf studentische Kreise beschränkte Bewegung einer großstädtischen Subkultur gewesen. Auch auf dem Land, in der tiefsten Provinz wurden die Ereignisse in Berlin, Frankfurt oder München zur Kenntnis genommen. Ohne zu verstehen, wovon auf universitären Teach-Ins im Einzelnen geredet wurde, war nicht wenigen meist männlichen Jugendlichen bewußt, daß in den Städten das ausgedrückt wurde, wofür sie selbst noch keine Worte gefunden hatten. Karl-Heinz Dellwo, in der Eifel und im Schwarzwald aufgewachsen, später Haus- und mit der RAF Botschaftsbesetzer, hatte damals genau gewußt, daß er diese Zurichtung auf Bundeswehr, Heirat, Kinder, Familie, Maloche nicht wollte. So wie ihm ging es damals vielen, aber nur wenige fanden den Weg in die Städte und in die Revolte. [2]

Gerade seine Geschichte widerlegt die Legende von wild gewordenen Bürgerstöchtern und Bürgersöhnen. Eine ganze Gesellschaft stand auf dem Prüfstand, wurde gewogen und für zu spießig befunden. Wie sich die Zeiten ändern! Heutzutage, und das zeigt, wie sehr sich der Mainstream '68 einverleibt hat, kann mit dem Spießertum erfolgreich Bausparkassenwerbung verkauft werden. Und während die Kids von damals dem Spießertum zu entrinnen versuchten, wähnen sich die Kids von heute in ihrer allseits spaßigen Welt gut aufgehoben und finden nichts mehr dabei, nach Strich und Faden verarscht, ausgenommen und eingeseift zu werden. Im Gegenteil – besinnungslos äffen sie den Mainstream auch auf diesem Sender nach, in der Hoffnung, später einmal Starmoderator im zynischen Kommerzfunk werden zu können. [3]

Doch das ist eine andere Geschichte, die nur beweist, wie wenig Kulturrevolutionäres von '68 heute noch vorhanden ist.

Aber es ist möglich, sich die Träume und Hoffnungen von damals zu vergegenwärtigen. Manche Träume blieben unerfüllt, viele Hoffnungen wurden über die sozialliberale Koalition um Willy Brandt erfolgreich reintegriert. Einzelne Protagonisten von damals haben längst ihrem revolutionären Weltbild abgeschworen und verkünden heute die Weisheit, daß es zur Bundesrepublik keine Alternative gegeben habe. War alles ein großer Irrtum? Gar ein Wahngebilde? Wenn wir Götz Aly Glauben schenken sollen, dann steckt hier noch mehr dahinter. Denn er vergleicht die Jugendrevolte der 60er Jahre mit der nationalsozialistischen Bewegung und bastelt sich seine Parallelen so zusammen, daß im Generationenprojekt der emanzipatorische Gehalt von '68 vollends verloren geht.

Und das ist der fundamentale Unterschied. Die Sehnsucht nach einer anderen, besseren Welt war nicht verbunden mit dem Willen zur Macht, mit brutaler Eroberung oder der Selbstverwertung des homo oeconomicus als höchstem und höchst profitablem Ziel. Die Werte der kapitalistischen Leistungsgesellschaft wurden radikal in Frage gestellt und damit diese Gesellschaft in ihren Fundamenten getroffen. Diese Herausforderung ist das Spezifische von '68 – weltweit.

 

Bildspuren

Besprechung von : Andres Veiel / Gerd Koenen – 1968. Bildspur eines Jahres, Fackelträger Verlag 2008, 195 Seiten, € 29,95

In dem von Andres Veiel zusammengestellten und von Gerd Koenen textlich unterfütterten Bildband über 1968. Bildspur eines Jahres tauchen in einer gemäßigten Form bestimmte die Ereignisse entstellende Deutungsmuster wieder auf. An sich ist es ein löbliches Unterfangen, aus den zahllosen Fotografien der 60er Jahre eine Auswahl zu treffen, welche die wichtigsten Ereignisse unter einem vielleicht anderen Blickwinkel zeigen.

Buchcover Koenen / Veiel "1968"Andres Veiel gilt als der zur Zeit bedeutendste deutsche Dokumentarfilmer. Von ihm stammt unter anderem der Film Black Box BRD über den von der RAF getöteten Alfred Herrhausen und das in Bad Kleinen getötete RAF-Mitglied Wolfgang Grams. Zur Zeit arbeitet er an einem Spielfilm auf der Grundlage von Gerd Koenens Buch über die Urszenen des deutschen Terrorismus.

Die Biografie von Gerd Koenen ist etwas nuancenreicher. Er erlebte die Studentenbewegung noch aktiv mit und gelangte vom SDS, dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund, zum maoistischen KBW, dem Kommunistischen Bund Westdeutschlands. Als sich dieser Anfang der 80er Jahre spaltete, verließ er die Partei und arbeitet seitdem als freier Publizist. Hierbei versucht er sich an einer Bewertung der sozialistischen und kommunistischen Strömungen des 20. Jahrhunderts. Sein Buch über Das rote Jahrzehnt von 1967 bis 1977 verrät so einiges darüber, wie der Autor die 68er und ihre Nachfolgerinnen im Nachhinein betrachtet. Hierbei ist nicht erkennbar, daß Gerd Koenen dieser Bewegung einen größeren Wert beimißt als den, zur Zivilisierung der damals noch jungen Bundesrepublik beigetragen zu haben. [4]

Alles andere waren Flausen, manche gar gefährlich. Und in der Tat – so manche kritische Auseinandersetzung mit den Herrschaftsmechanismen und Konsumgewohnheiten dieses Systems ist aus den Fugen geraten. Und doch stellt sich hier die Frage, ob die 68er und ihre Nachfolgerinnen auch nur annähernd so viel Unheil gestiftet haben wie die Gesellschaft, gegen die sie angekämpft haben. Und diese Frage kann eindeutig verneint werden. Insofern wäre es doch wohl eher angesagt, die positiven Momente, und von denen gab es ja eine ganze Menge, entsprechend herauszuarbeiten und für Heute nutzbar zu machen.

Dies würde jedoch auch ein kritischeres Verhältnis zur heutigen Wirklichkeit erfordern. Nehmen wir hier noch einmal Götz Aly, der sich in seiner Charakterisierung der 68er ausgerechnet auf den damaligen Bundeskanzler Kurt-Georg Kiesinger beruft. Der Bildband zeigt einen Bundeskanzler, der sich als Gast vollendet vor dem spanischen Diktator Franco verbeugt: "Wir teilen eine gemeinsame Abneigung gegen den Kommunismus." [5] Das ehemalige NSDAP-Mitglied Kiesinger war bei einem guten Freund zu Gast. Von der berühmten Ohrfeige hingegen, welche die damals noch junge Beate Klarsfeld dem ehemaligen Nazi verpaßte, gibt es jedoch kein Bild. Andres Veiel bemerkt hierzu [6], daß erst nach vollbrachter Tat die vielleicht überraschten Fotografen ihrer Arbeit nachkamen.

Andres Veiel und Gerd Koenen haben einen Fundus von rund 20.000 Fotografien gesichtet, um hiervon etwa ein Prozent für diesen Bildband zusammenzustellen. Hierbei ging es weniger darum, schon Bekanntes mit bekannten Bildern noch einmal zu erzählen, sondern eher die Ränder zu beleuchten. Insofern mag sich eine Berechtigung für eine neue Erzählung, diesmal eine bildliche, zu 1968 ergeben. Und in der Tat finden wir so manches Bild, was wir nicht erwarten würden, etwa eine Puppe, mit der die Staatsanwaltschaft im Auschwitz-Prozeß 1964 eine Foltertechnik der Nazis demonstriert. Beunruhigend auch das fast schon motivisch Gleiche, wenn auf zwei Seiten das von US-Bombern zerstörte Huê in Vietnam und dreißig Seiten später ebenfalls auf einer Doppelseite eine Straßenszene aus Chicago nach einem Gettoaufstand gezeigt wird. Der Krieg, den man in die Dritte Welt gebracht hatte, kehrt in die Metropolen zurück.

 

Die Phantasie an die Macht

Gerd Koenen stellt in seinem Vorwort die Frage, was denn das Jahr 1968 von anderen unterscheide. Es sei, so meint er,

schwierig, genau zu sagen, inwieweit 1968 dramatischer gewesen ist als irgendein anderes Jahr des letzten Jahrhunderts.

Worauf ihm nichts Besseres einfällt als zu schreiben:

Die Rede ist von einem Ereignis, das sich eben nur als Kulminations- oder Schnittpunkt vieler längerer Entwicklungslinien beschreiben lässt, als jähe Springflut einer »Revolution steigender Erwartungen«, als Ausbruch erotischer Lebensenergien und halluzinatorischer Weltgefühle, aber auch apokalyptischer Stimmungen. 1968 war jedenfalls ein hochgradig subjektiver historischer Moment […]. [7]

Das Entscheidende fehlt hier, obwohl es in den zusammengetragenen Bildern durchaus vorkommt. 1968 unterscheidet sich vielleicht weniger von 1967 und 1969, aber ganz sicherlich in Vielem von den 50er und 80er Jahren. 1968 ist das Jahr, in dem viele sehr unterschiedliche und über den gesamten Globus verteilte Menschen die herrschende Macht herausgefordert haben, im Bewußtsein dessen, daß sie nicht allein sind.

Im Januar 1968 attackierte der Vietcong in einer wahnwitzigen Aktion die Städte Südvietnams und legte die strategische Schwäche dieses US-amerikanischen Krieges bloß. Seither wußte jede und jeder, daß die hochgerüstetste Macht der Erde diesen Krieg nicht gewinnen kann. Dennoch bombte und mordete die US Army noch jahrelang weiter, ehe 1975 die nordvietnamesische Armee ohne größeren Widerstand in Saigon einmarschieren konnte. Zwischen zwei und vier Millionen tote Vietnamesinnen und Vietnamesen zahlten den Preis imperialistischer Machtpolitik. War das kein Grund, die Regeln des herrschenden demokratischen Pluralismus zu verletzen? [8]

1968 erlebte den Prager Frühling als den letzten realistischen Versuch einer Selbstreformierung eines dem Namen, aber nicht dem Wesen nach sozialistischen Regimes. Die Sprengkraft hinter diesem Versuch lag nicht nur darin, den großen Bruder im Osten herauszufordern, sondern auch darin, dem Westen zu zeigen, daß ein Sozialismus mit menschlichem Antlitz attraktiv sein kann. Kein Wunder, daß die Regierungen der westlichen Hemisphäre dem Einmarsch der Warschauer Pakt-Truppen mit einem blinzelnden Auge zusahen.

Der Mai 1968 brachte die Phantasie an die Macht, wenn auch nur für einen Monat. Ein Generalstreik legte Frankreich lahm und der Aufruhr des Pariser Mai konnte nur unter willfähriger Mitwirkung der Französischen Kommunistischen Partei beendet werden. Die französischen Kommunistinnen und Kommunisten hatten kein Interesse an einer selbstverwalteten sozialistischen Kommune, weil diese ihren verknöcherten halbstalinistischen Apparat überflüssig zu machen drohte. General de Gaulle zog sich nach Baden-Baden zurück, um für den Notfall loyale Truppen zur Niederschlagung eines revolutionären Aufstands um sich zu scharen.

Im Oktober 1968 gingen in Mexiko die Studentinnen und Studenten auf die Straße und forderten das seit Jahrzehnten regierende Regime der sich ironischerweise Partei der Institutionalisierten Revolution nennenden Machthaber kurz vor Beginn der Olympischen Spiele heraus. Die anschließende mörderische Menschenjagd auf dem Tlatelolco hinderte keine und niemanden daran, wenige Tage später gedopt oder sauber auf Medaillenjagd zu gehen. Der spanisch-mexikanische Autor Paco Ignacio Taibo II hat den Aufständischen von damals in einem sehr ironischen, aber immer solidarischen Text ein unvergleichliches Denkmal gesetzt, nachzulesen in seinem Buch Gefallene Helden aus der Edition Nautilus.

Seit April 1968 standen nach der Ermordung Martin Luther Kings die Gettos der US-amerikanischen Großstädte in Flammen und Black Power war mehr als nur eine verbale Attitüde. Gerade hier wäre es vollkommen verkehrt, in Martin Luther King den Prediger des gewaltfreien Widerstandes zu sehen. Kurz vor seinem Tod erkannte er, daß dieser Weg zu nicht viel mehr als zu einigen kosmetischen Korrekturen führen werde.

1968 ließen sich zumindest die Frauen der reichen Metropolen Westeuropas und der USA eine Fortsetzung von zwölftausend Jahren Patriarchat nicht länger gefallen. Die wiederauferstandene Frauenbewegung sollte nicht wenig dazu beitragen, Unterdrückung und Herrschaft dort sichtbar zu gestalten, wo sie lange übersehen wurde, nämlich in den vier Wänden der gutbürgerlichen Familie.

1968 veränderte ganze Gesellschaften. Es war mehr als eine Kulturrevolution, es ging um mehr als um sexuelle Befreiung, um Musik, Happenings und halluzinierende Drogen. Und es war weitaus mehr als eine Jugendrevolte. 1968 war der Höhepunkt einer weltweiten Bewegung, die offen aussprach, daß eine andere Welt möglich und notwendig ist; und die es nicht bei Worten beließ.

Das Scheitern dieser Bewegung ist keine Schande und schon gar kein Grund, ihre Ziele lächerlich zu machen. Vielmehr müßte dieses Scheitern dazu herausfordern, darüber nachzudenken, warum wir vierzig Jahre später noch mehr Armut, noch mehr Elend, und noch mehr in ihrem autistischen Macht- und Möglichkeitswahn befangene durchgeknallte Kapitalisten und Politiker haben als damals. Und weshalb auch nach vier Jahrzehnten Frauenbewegung, Frauenförderplänen, Gender Mainstreaming und Frauennetzwerken die Strukturen kapitalistischer Herrschaft immer noch männlich sind.

Dies alles unterscheidet 1968 von den meisten anderen Jahren des Jahrhunderts, weil in diesem Jahr die herrschenden Klassen überall auf der Welt wenig zu lachen hatten. Dieses ungebührliche Benehmen, dieses schlechte Beispiel muß zerredet werden, um zu rechtfertigen, warum die Welt auch vier Jahrzehnte später nicht viel besser aussieht.

Der ganze Betroffenheitsdiskurs um das schlechte Benehmen, das angeblich totalitäre Verhalten und die wahnhaften Allmachtsphantasien verdeckt, wer hier gegen wen aufgestanden war. Natürlich gab es Fälle unangemessenen Vorgehens, ja, es gab auch unnötige Gewalt und einen wenig zimperlichen Umgang mit dem politischen Gegner. Aber ist es unsere Aufgabe, den Rebellierenden einen sittsamen Umgang anzuraten, wenn die wenig sittsamen Verantwortlichen für Armut, Hunger, Unterdrückung und Massenmord sowie ihre klammheimlichen und mitunter auch offenen Helferinnen und Helfer zu benennen und zu verurteilen sind?

Die vier Jahrzehnte später zur sezierenden Analyse berufenen Männer und Frauen mögen darüber streiten, ob diese Zeiten revolutionär, vorrevolutionär, eingebildet revolutionär oder ganz und gar nicht revolutionär gewesen sind. Im Nachhinein ist man und frau bekanntlich klüger, auch wenn sich diese Klugheit darin zeigen sollte, die verpaßten Gelegenheiten gründlich zu studieren, um neue Wege und Möglichkeiten zu finden, dem Spuk der neoliberalen Barbarei ein Ende zu bereiten. Mitte der 60er Jahre war für die Rebellen und Revolutionäre weltweit überhaupt nicht ausgemacht, ob man und frau eine kleine radikale Minderheit bleiben oder mehrheitsfähig werden sollte. Und allein dies rechtfertigte schon damals den Versuch. Der Kampf um Befreiung ist immer einer mit ungewissem Ausgang. Daß er verloren wurde, heißt nicht, daß er falsch war.

 

Faschistische Gladiatoren

Der Militärputsch im April 1967 in Griechenland ließ die Neue Linke in Westdeutschland an der Stabilität westlicher Demokratien zweifeln. Es war nur zweiundzwanzig Jahre her, seitdem der Nazifaschismus durch die Rote Armee und die westlichen Alliierten besiegt worden war. Seither konnten ehemalige Nazis wieder in Amt und Würden gelangen und nur wenige der Täter wurden bestraft. Der Auschwitz-Prozeß mußte regelrecht erzwungen werden, zu groß war der Widerstand gegen die justizielle Aufarbeitung des Vorgängerstaates der Bundesrepublik Deutschland. Naziseilschaften durchzogen den Polizei- und Justizapparat; und es war kein Zufall, daß der Besuch des Schah von Persien Anfang Juni 1967 in Berlin dazu genutzt wurde, eine systematische Hetzjagd mit Todesfolge zu inszenieren.

Wer von der Gewalt spricht, die aus der Studentenbewegung hervorgegangen ist, sollte nicht vergessen, daß Gewalt immer ein Kennzeichen bürgerlicher Herrschaft ist. Solange der Protest friedlich ist, ist es auch (wenn auch nicht immer) das Eskalationsniveau des Staates. Sobald sich dieser jedoch herausgefordert fühlt, zeigt er sein wahres Wesen.

Die Befürchtung, vermittels der Notstandsgesetze oder des Einsatzes der Bundeswehr im Innern seien neue faschistische Verhältnisse möglich, war also alles andere als absurd. Wir wissen zwar heute, daß die Innenpolitik der Bundesrepublik einen anderen Weg genommen hat, aber das war Mitte der 60er Jahre noch lange nicht ausgemacht. Zumal mit der NPD eine offen neofaschistische Partei in einzelne Länderparlamente einzog und damit bewies, wie attraktiv auch über zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Naziregimes das braune Gedankengut war.

Wenn den Demonstrantinnen und Demonstranten Sprüche entgegenschlugen, man hätte vergessen, sie zu vergasen, dann zeigen sich hier die unterdrückten Vernichtungsphantasien des durchaus mobilisierbaren Mobs. Wenige Tage nach dem auch international stark beachteten Vietnam-Kongreß in Berlin im Februar 1968 organisiert die bürgerliche Mitte mit Senat, Parteien und Gewerkschaften die anständigen Berliner zu einer machtvollen Demonstration, in der sich das Volk nach Jahren der Entnazifizierung einmal wieder gegen die Volksfeinde so richtig Luft machen darf. Unter den Augen dieser anständigen Bürger und Politiker wurden etwa vierzig Menschen verprügelt, nur weil sie wie Linke aussahen. Eingegriffen hat niemand.

Was die Studentenbewegung zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht wußte: der Militärputsch in Griechenland basierte auf einer NATO-Strategie namens Gladio, mit der im Falle unliebsamer politischer Verhältnisse oder gar kommunistischer Machtübernahmen subversiv faschistische oder ultrakonservative Regimes installiert werden sollten. Noch in den 60er Jahren legte dieses Netzwerk aus kalten Kriegern, NATO-Offizieren und Faschisten mehrere Bomben in Italien, um mittels einer Strategie der Spannung linke, sozialistische und kommunistische Strukturen anzugreifen und zu zerschlagen. Einen Gladio-Ableger gab es selbstverständlich auch in der Bundesrepublik Deutschland. So gesehen war die Furcht vor der Wiederkehr des Faschismus nicht herbeihalluziniert, sondern durchaus realistisch. Daß sich die herrschenden Klassen Westeuropas letztlich für eine andere Lösung entschieden, war weder abzusehen noch selbstverständlich. [9]

Deshalb ist es auch höchst problematisch, wenn ein Nachfahre der Frankfurter Schule, der damals noch junge Professor Jürgen Habermas, den Vorwurf des "linken Faschismus" gegen die Studentenbewegung erhob. Offensichtlich teilte er die Befürchtungen und ging davon aus, daß die neu erwachten emanzipatorischen Kräfte der noch jungen Demokratie die Biedermännermaske abreißen könnte.

Hiergegen scheint Willy Brandt als Hoffnungsträger gegolten zu haben, den Andres Veiel und Gerd Koenen in einer geschickten Bildstrecke zum Schluß des Bildbandes inszenieren. Auf das Foto von seinem Kniefall in Warschau folgt das nächtlich-gespenstische Bild von den verheerenden Auswirkungen des Anschlags der RAF auf dem Gelände des Hauptquartiers der US Army in Heidelberg. Wenn wir dann noch berücksichtigen, daß die USA auch noch 1972 in Vietnam und Kambodscha Millionen von Menschen mit Bomben, Minen, Panzern und Massakern terrorisierten und daß Willy Brandt darin eine Verteidigung Westberlins gesehen hat, dann erhält diese Bildstrecke eine sicherlich andere Bedeutung, als sie sich die beiden Autoren vorgestellt haben.

Der Band 1968. Bildspur eines Jahres von Andres Veiel und Gerd Koenen ist im Februar im Fackelträger Verlag zum Preis von 29 Euro 95 erschienen.

 

Zwei Stimmen

Besprechung von : Jutta Ditfurth – Rudi und Ulrike. Geschichte einer Freundschaft, Droemer Verlag 2008, 238 Seiten, € 16,95

Im vergangenen Herbst brachte der Ullstein Verlag die Ulrike Meinhof-Biografie von Jutta Ditfurth heraus. Selbstbewußt heißt es hier Die Biografie und im Gegensatz zu vielen Hypes ist dieses Etikett fast noch eine Untertreibung. Nach sechs Jahren Recherche, verbunden mit dem Ent- und Aufdecken bislang unbekannten Materials, ist es der Autorin gelungen, ein Werk zu schreiben, zu dem es sehr wahrscheinlich lange Zeit kein qualitativ auch nur annähernd gelungenes Gegenstück geben wird. Bei der Vorstellung des Buches bezeichnete die Autorin die bisherige Sekundärliteratur bis auf die Meinhof-Biografie von Mario Krebs aus dem Jahr 1988 schlicht als Müll [10]. Soweit ich diese Literatur kenne, muß ich ihr Recht geben.

Buchcover Jutta Difurth - Ulrike MeinhofJutta Ditfurth stellt uns eine Ulrike Meinhof vor, die nicht in die Stadtguerilla hineingestolpert ist, sondern diesen Schritt bewußt getan hat. Die überhaupt all die Jahre recht bewußt ihr Leben gestaltet hat, zuweilen an den Verhältnissen und ihren Fähigkeiten gezweifelt hat, jedoch immer das versucht hat zu tun, was sie für richtig, notwendig und angemessen hielt. Die Biografie von Jutta Ditfurth handelt dennoch von keiner Heldin, weil die Verklärung einer Person ihre Sache nicht ist. Jutta Ditfurth macht ja auch keinen Hehl aus ihrer Position, daß sie die RAF und ihre bewaffnete Politik für falsch gehalten hat.

Dennoch hat diese Biografie Stärken und Schwächen, die hervorzuheben wären. Eine Stärke liegt auf jeden Fall darin, das Jahr 1968 und den Schritt in die Stadtguerilla 1970 nicht als einzelne Momente zu begreifen, sondern als Teil einer längeren Geschichte, deren Anfänge im Widerstand gegen die Wiederbewaffnung in den 50er Jahren zu suchen sind. Auch die muffigen Zeiten vor 1968 kannten demnach Nischen und Ausdrucksformen, in und mit denen politische Menschen ihr Unbehagen und ihren Widerstand gegen die gesellschaftlichen Zustände der nachfaschistischen Bundesrepublik artikulieren konnten. So gesehen ist 1968 nicht vom Himmel gefallen. Es gab neben der internationalen Komponente eines weltweiten Aufruhrs auch die hausgemachte.

Eine Schwäche sehe ich in der stilistischen Aufarbeitung der biografischen Daten zu einem gut lesbaren Buch. Nun bin ich vielleicht nicht der ideale Kritiker für literarische Schwächen, zumal ich nicht von mir behaupten würde, flüssig lesbare oder gar hörbare Texte zu schreiben. Dennoch gibt es Biografien, die sich besser lesen lassen, ohne daß sie inhaltliche Abstriche machen müßten. Etwa die Rosa Luxemburg-Biografie von Annelies Laschitza. Mitunter kam mir beim Lesen des 479 Seiten starken Buchs die Darstellung als eine in Prosa gepreßte Fassung einzelner tabellarischer Tagesabläufe vor. Doch dies soll die Leistung der Biografin nicht schmälern, denn es ist mit Abstand das Beste, was Buchhandel und Bibliotheken zu Ulrike Meinhof zu bieten haben.

Im April brachte der Droemer Verlag einen weiteren Band der Autorin heraus, der die Freundschaft zwischen Ulrike Meinhof und Rudi Dutschke zum Thema hat. Zunächst habe ich mich gefragt, ob der Titel nicht mehr verspricht, als das Buch zu halten in der Lage ist. Und in der Tat ist das entsprechende biografische Material ausgesprochen dünn. Es gibt jedoch Schlimmeres. Wenn ich zum Beispiel an den Band Baader und Herold von Dorothea Hauser zum 20. Jahrestag des Deutschen Herbstes denke, der mit den Worten endet:

Andreas Baader und Horst Herold sind einander nie persönlich begegnet. [11]

Oder wenn ich das Buch und den Film Black Box BRD von Andres Veiel betrachte, dessen beide Protagonisten Alfred Herrhausen und Wolfgang Grams einander wahrscheinlich auch nicht über den Weg gelaufen sind, dann frage ich mich natürlich nach dem höheren Sinn derartiger Buchstabensammlungen. Zugegeben – ich könnte ja diesen Sinn weder bei Dorothea Hauser noch bei Andres Veiel entdeckt haben, was dann entweder an der Autorin oder dem Autor oder an mir liegt. Doch bei Jutta Ditfurth geht es um Rudi Dutschke und Ulrike Meinhof – und diese beiden sind sich begegnet.

Rudi Dutschke als charismatischer Redner und Ulrike Meinhof als begnadete Journalistin haben ganz wesentlich die Geschichte der 60er Jahre beeinflußt. Wer weiß, was geschehen wäre, wenn Rudi Dutschke im April 1968 nicht von einem medial hochgeputschten Arbeiter angeschossen und schwer verletzt worden wäre; wenn Ulrike Meinhof nicht 1976 in Stammheim … ja, wie drückt man das jetzt aus, ohne sich ein Ermittlungsverfahren wegen der Verunglimpfung des Staates und seiner Symbole zuzuziehen? Dieser Schwierigkeit muß sich auch Jutta Ditfurth bewußt gewesen sein, als sie in ihrer Biografie die Frage, ob es Selbstmord war oder nicht, offen gelassen hat, wobei sie ganz einfach sagen muß: Ich weiß es nicht. Das ist jedoch mehr, als in den 70er und 80er Jahren die Staatsschutzbehörden zuweilen zugelassen haben. [12]

 

Sich verweigern

Vielleicht ist das Interessante an diesem Buch über Rudi und Ulrike auch weniger die Frage, ob und wie oft sie sich begegnet sind, wie tief ihre Freundschaft war oder weshalb Rudi Dutschkes Ehefrau Gretchen zu Unrecht eifersüchtig gewesen zu scheint. Die im Buch vorhandene Parallelisierung zweier Biografien, die einmündet in den Strudel der 60er Jahre, verhilft uns, diese Zeit als solche wesentlich besser zu begreifen.

Wenn Rudi Dutschke und Hans-Jürgen Krahl in ihrem berühmten Organisationsreferat für die SDS-Konferenz im September 1967 den Satz prägen –

Das Sich-Verweigern in den eigenen Institutionsmilieus erfordert Guerilla-Mentalität, sollen nicht Integration und Zynismus die nächste Station sein.

– dann reden nicht zwei Intellektuelle in abgehobenen Sphären, sondern sie drücken aus, was damals auf der Hand lag.

Buchcover Jutta Ditfurth - Rudi und UlrikeRudi Dutschke wie Ulrike Meinhof waren zwei Menschen, die auf unterschiedliche Art und Weise die gesellschaftlichen Verhältnisse auf den Punkt bringen und dies auch für Andere verständlich machen konnten. In den beiden doch sehr unterschiedlichen Menschen fanden sich durchaus Leserinnen und Zuhörer, Demonstranten und Betroffene wieder. So seltsam manche Gedanken uns heute erscheinen mögen, für die damaligen Verhältnisse waren sie essentiell, wichtig und durchaus auch richtig. Es ist unklar, inwieweit sich beide gegenseitig inhaltlich und intellektuell beeinflußt haben. Aber klar ist, daß sie einer ganzen Generation ihre Stimme geliehen haben.

Es gibt jedoch einen Punkt, in dem beide sehr unterschiedliche Konsequenzen zogen. Rudi Dutschke, der Antiautoritäre, plante noch vor dem Attentat im April 1968, für einige Zeit zum Studium in die USA zu gehen. Wir dürfen uns hier unter Studium etwas anderes und mehr als den Besuch von Vorlesungen und Bibliotheken vorstellen, weil Rudi Dutschke garantiert neugierig auf die Organisationsformen der Black Panther und der weißen Linken geworden wäre. Die Begründung ist jedoch der Horror für jeden postmodern gestylten Jungdynamiker mit Machtinstinkt.

Revolutionäre Genossinnen und Genossen, Antiautoritäre! Das bürgerlich-kapitalistische Denken zeichnet sich dadurch aus, dass es gesellschaftliche Konflikte … nur begreifen kann in der Gestalt von Personen … So wurde die antiautoritäre Bewegung identisch gesetzt mit Dutschke … (Aus) diesem Grunde habe ich Rechenschaft abzulegen, warum ich jetzt für einige Zeit aus der BRD weggehe, um im Ausland politisch zu arbeiten. Ich meine, durch diese totale Personalisierung ist ein autoritäres Moment in unsere Bewegung hineingekommen … Wenn jetzt hier von den Herrschenden gesagt wird, ohne Dutschke ist die Bewegung tot, so habt ihr zu beweisen, dass die Bewegung … getragen wird von Menschen, die sich im Prozess der Auseinandersetzung zu neuen Menschen herausbilden. [13]

Ulrike Meinhof hingegen sah ihre Perspektive darin, Vorbild und Ermutigung zu sein. Sie gründete mit anderen, die ähnlich dachten, die Rote Armee Fraktion.

Dennoch ist es geradezu albern, den Übergang einer antiautoritären Bewegung zum bewaffneten Kampf psychologisch zu deuten. Vor drei Jahren erschien im Hamburger Institut für Sozialforschung das kleine Bändchen Rudi Dutschke Andreas Baader und die RAF. Institutsmitarbeiter Wolfgang Kraushaar macht aus Rudi Dutschke eine Person, die schon sehr früh an revolutionäre Gewalt im Untergrund dachte. Außer einzelnen schriftlichen Überlegungen gibt es nichts, was diese Aussage stützt. Sicherlich war Dutschke kein Pazifist, aber seine Position ist durchaus klar: Gewalt gegen Sachen, ja, wenn nötig. Gewalt gegen Personen beispielsweise in lateinamerikanischen Diktaturen, ja, wenn nötig. Aber nicht hier.

Der Institutsleiter Jan Philipp Reemtsma setzt noch einen drauf und psychologisiert die komplette RAF als eine Gruppe von gewaltverliebten Desperados. Allein schon die in Jutta Ditfurths Biografie eher angerissenen Diskussionsströme belegen, daß es nicht um Gewalt als Lockung gegangen ist. Die Gewalt wurde ja schon vorgefunden. Es ist eine Gewalt, die Jahrtausende alt ist und die zu jeder ausdifferenzierten Gesellschaft mit einer herrschenden Schicht oder Klasse notwendigerweise dazugehört.

Ob eine derartige Gewalt als illegitime mit Gewalt gestürzt werden darf und was die Ausübung dieser die Gewalt beseitigenden Gewalt mit denjenigen macht, die in dieser Gewalt vielleicht ein allzu leichtes Mittel der Veränderung sehen, ist eine ganz andere Frage. Und diese Frage wurde durchaus in den 60er Jahren diskutiert. Damals machte man und frau es sich jedoch nicht immer so einfach wie manche Schriften aus dem Hamburger Institut für Sozialforschung.

Vielleicht liegt in dieser Erkenntnis der Sinn eines Buchs über eine Freundschaft, über die im Grunde nur wenig zu sagen ist. Jutta Ditfurths Geschichte einer Freundschaft trägt den Titel Rudi und Ulrike. Der Band ist im April zum Preis von 16 Euro 95 im Droemer Verlag erschienen.

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte

In der vergangenen Stunde stellte ich zwei Bücher über das Jahr 1968 vor, die sich dieser Zeit auf sehr unterschiedliche Weise zu nähern versuchen. Zum einen den Bildband 1968. Bildspur eines Jahres von Andres Veiel und Gerd Koenen aus dem Fackelträger Verlag, zum anderen von Jutta Ditfurth das Buch Rudi und Ulrike. Geschichte einer Freundschaft, erschienen im Droemer Verlag.

Jutta Ditfurth hat im Rahmen ihrer Recherchen zu Ulrike Meinhof ein umfangreiches Archiv zusammengetragen, für das sich die Autorin verschuldet hat und das es auch für die Zukunft zu bewahren gilt. Sie benötigt daher dringend Spenden. Weitere Informationen hierzu gibt es auf der Webseite www.jutta-ditfurth.de.

Diese Sendung wird voraussichtlich wiederholt, und zwar in der Nacht von Montag auf Dienstag um 23.00 Uhr, am Dienstagmorgen um 8.00 Uhr und am Dienstagnachmittag ab 14.00 Uhr.

Ich danke der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt für ihre Unterstützung bei der Produktion dieser Sendung. Das Manuskript zur Sendung werde ich in den kommenden Tagen auf meiner Webseite zur Verfügung stellen: www.waltpolitik.de. Im Anschluß folgt eine Sendung der Kulturredaktion von Radio Darmstadt. Am Mikrofon war Walter Kuhl.

 

ANMERKUNGEN

 

Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

 

»» [1]   Götz Aly : Unser Kampf. 1968 [2008]. Die pointierte Kurzfassung findet sich in der Frankfurter Rundschau am 30. Januar 2008: Die Väter der 68er.

»» [2]   Karl-Heinz Dellwo : Das Projektil sind wir [2007] [meine Besprechung].

»» [3]   Symptomatisch ist hier YoungPOWER, die Jugendredaktion von Radio Darmstadt zu nennen.

»» [4]   Gerd Koenen : Das rote Jahrzehnt [2001] [meine Besprechung].

»» [5]   Gerd Koenen / Andres Veiel : 1968. Bildspur eines Jahres, Seite 172–173.

»» [6]   Andres Veiel im Interview des Deutschlandfunks am 13. April 2008.

»» [7]   Gerd Koenen : Mein 1968, in: Koenen/Veiel Seite 6–27; Zitat auf Seite 6.

»» [8]   Die Têt-Offensive Ende Januar 1968 zerstörte den Mythos der US-amerikanischen Unbesiegbarkeit. Die Zahl der Toten auf vietnamesischer Seite wird sich nie rekonstruieren lassen; bei den Zahlen handelt es sich eher um Vermutungen als um gesicherte Tatsachen. Daß es eine unerhört große Zahl ist, welche das Barbarentum des US-Imperialismus verdeutlicht, steht jedoch außer Zweifel. Siehe auch den Bildband Ein anderes Vietnam von Tim Page [2002] [meine Besprechung].

»» [9]   Zu Gladio siehe: Jens Mecklenburg (Hg.) : Gladio. Die geheime Terrororganisation der NATO [1997] [meine Besprechung].

»» [10]   "Es gibt weder Seelenverwandtschaft noch anderen emotionalen Schmus" – Jürgen König im Gespräch mit Jutta Ditfurth, Deutschlandradio 29. November 2007. Mario Krebs : Ulrike Meinhof [1988].

»» [11]   Dorothea Hauser : Baader und Herold [1997], Seite 231, [meine Besprechung].

»» [12]   Noch Ende der 80er Jahre war die Behauptung, Ulrike Meinhof sei ermordet worden, gut für ein Strafverfahren nach §sect; 129a des Strafgesetzbuches: Werbung, wenn nicht gar Unterstützung einer terroristischen Vereinigung.

»» [13]   Zitiert nach Koenen/Veiel Seite 110.

 


 

Diese Seite wurde zuletzt am 11. Juni 2008 aktualisiert. Links auf andere Websites bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2008. Das Foto der Universitätsbibliothek von Mexico D.F. stammt von Régis Lachaume und ist Public Domain. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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