Goldschmuck aus Mykene
Goldschmuck aus Mykene – wer hat dafür geschuftet und geblutet?

Geschichte

Troia und die wissenschaftliche Erkenntnis

Der Trojanische Krieg, Teil 3

Sendemanuskript

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 27. August 2001, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Dienstag, 28. August 2001, 00.00 bis 01.00 Uhr
Dienstag, 28. August 2001, 08.00 bis 09.00 Uhr
Dienstag, 28. August 2001, 14.00 bis 15.00 Uhr

Zusammenfassung:

Frank Kolb provoziert eine Debatte um nichtwissenschaft­liche Methoden und Ziele einer Ausgrabung. Ein Sommerloch sucht eine Handelsmetropole. Dieter Hertl versucht einen Nachweis, der jedoch schlecht gelingt. Ein altes Rätsel bleibt dann eher wohl doch ungelöst.

Besprochene und benutzte Bücher (bzw. CD-ROM):

Frank Kolb weist in seinem Buch „Tatort »Troia«“ zurecht darauf hin, daß der „Trojanische Krieg“ sprachlich korrekter „Troischer Krieg“ genannt werden müßte. Der Konvention halber belasse ich es in diesem Sendemanuskript in der 2001 gesendeten Fassung. Im übrigen ist er der Auffassung, daß die Ergebnisse des Korfmannschen Ausgrabungs­projekts recht zweifelhaft sind. Meine Besprechung seines Buchs erfolgte am 22. November 2010 in der Sendung Tödliche Vorgeschichte.

Zur Neoliberalisierung von Radio Darmstadt und seinem Trägerverein und zur Ausgrenzung mehrerer Mitglieder meiner Redaktion seit 2006 siehe meine ausführliche Dokumentation.


Inhaltsverzeichnis


Einleitung 

Jingle Alltag und Geschichte

Die derzeit in Braunschweig zu sehende Ausstellung Troia – Traum und Wirklichkeit ist in die Schlagzeilen geraten. Verschiedene Wissenschaftler halten die Konzeption der Ausstellung und die darin vorgestellte Behauptung, Troia sei eine Handels­metropole des 2. Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung gewesen, für nicht stichhaltig. Zudem kritisieren sie die Visualisierung anhand von Modellen, die keiner Überprüfung standhalten würden.

Öffentlich losgetreten hatte diese Debatte der Tübinger Althistoriker Frank Kolb in einem Interview am 17. Juli [2001] in der Berliner Morgenpost. Seither befehden sich Gegner und Befürworter der Ausstellung vorwiegend in Zeitungen und Zeitschriften. (Frauen sind daran nur unwesentlich beteiligt, es ist eine – fast – reine Männerangelegenheit.) Persönlicher Neid, nicht im Rampenlicht der Öffentlich­keit zu stehen wie der derzeitige Ausgräber Troias, Manfred Korfmann, mag hier eine absolut untergeordnete Rolle spielen. Dennoch wird Korfmann vielleicht nicht ganz zu Unrecht vorgeworfen, im Hinblick auf seine Sponsoren und seine von der türkischen Regierung ausgestellte Grabungslizenz aus wenigen Funden mehr gemacht zu haben, als damit ausgesagt werden kann. Beispielhaft wird dies an einem aufgefundenen luwischen Siegel aus dem 12. Jahrhundert, das zur Untermauerung der These benutzt wird, Troia und die wesentlichen Grundlagen der homerischen Ilias gehören dem anatolischen Kulturkreis an. Da erschaudert natürlich der klassische Altertumswissenschaftler.

Einer der wissenschafts­theoretischen Gegner Manfred Korfmanns, der [damals, WK] Münchener Archäologe Dieter Hertel hat in seinem dieses Jahr bei C. H. Beck erschienenen Buch „Troia – Archäologie. Geschichte. Mythos“ die wesentlichen Argumente zusammengefaßt.

In der folgenden Stunde will ich versuchen, diesen Streit unter Wissenschaftlern nachzuzeichnen, um wissenschaftliche Kriterien herauszuarbeiten, was an der Behauptung dran ist, daß ein Sänger – vielleicht Homer – im 8. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung einen Krieg um Troia geschildert haben mag, der möglicher­weise doch eine reale geschichtliche Grundlage gehabt hat. Für die Redaktion Alltag und Geschichte bei Radio Darmstadt führt durch die Sendung Walter Kuhl.

 

Frank Kolbs Provokation

Der Tübinger Althistoriker Frank Kolb eröffnete die öffentliche Diskussion um die derzeitigen Ausgrabungen in Troia und über die derzeit in Braunschweig zu sehende Ausstellung in einem Interview mit der Berliner Morgenpost am 17. Juli [2001]. Ich werde zunächst die Äußerungen Frank Kolbs zusammen­fassen, damit wir einen Einblick in die Dimension der Auseinander­setzung gewonnen können. Kolb sagte zunächst zu dem in der Ausstellung gezeigten Modell der Stadt Troia:

[D]as Modell täuscht Grabungsbe­funde vor, die zumindest höchst zweifelhaft sind. Es gibt keine Hinweise auf eine großflächige geschlossene Bebauung außerhalb der Zitadelle – das Modell zeigt fälschlich solide Häuser und eine Mauer um eine «Unterstadt». […]

In Korfmanns Plan des «homerischen» Troja VI sind Gebäude eingetragen, die späteren Epochen angehören. Die Unterstadt von Troja VI scheint, den Grabungsbe­funden nach, nur aus verstreuten Holz-Lehmbauten und vielen Freiflächen bestanden zu haben. Das Modell ist eine Fiktion: Traum, nicht Rekonstruktion.

Frank Kolb bestreitet weiterhin, es habe ausgedehnte Verteidigungsan­lagen außerhalb des Burgberges gegeben – in seinen Worten:

In Wirklichkeit hat Korfmann ein knapp zehn Meter langes, sehr niedriges Mauerstück gefunden und einen Graben im Süden mit einer breiten Lücke in der Mitte. Die vermeintliche Stadtmauer bestand fast vollständig aus Lehmziegeln und wäre leicht zu überwinden, die Lücke im Graben geradezu eine «Autobahn» für Streitwagen gewesen, die mit dem Bauwerk doch angeblich aufgehalten werden sollten. Ein solches Verteidigungs­werk hätten höchstens Schildbürger gebaut, nicht aber die Helden von Troja. […]

Homer spricht von einer einzigen Mauer, Korfmann präsentiert zwei. Von Gräben vor Troja weiß das Epos auch nichts. Wir müssen uns daran gewöhnen, dass Homers Troja keine historische Siedlung ist, die wir «finden» können, sondern eine poetische Schöpfung. […] Das von Homer geschilderte Stadtbild ist Fiktion. Jede weitergehende Deutung findet keine Grundlage in den Befunden.

Auch sei Troia keine Handelsmetropole gewesen:

Dies ist das abenteuerlichste aller Fantasiegebilde des Kollegen Korfmann. Dabei werden Befunde aus 2000 Jahren zusammengefasst und sollen die Bedeutung der Siedlung Troja VI beweisen, die nur einige Jahrhunderte bestand.

Ein Beispiel: Eine Schmuckaxt aus Lapislazuli soll Handel zwischen dem «homerischen» Troja VI und Zentralasien belegen. Sie stammt aber aus einer 500 Jahre älteren Schicht. Man kann diese Methode nur ahistorisch nennen. 95 Prozent der Keramik in Troja sind in der näheren Umgebung hergestellt worden – seltsam für eine Handelsstadt, nicht wahr? […]

Eine Woche später ergänzte Frank Kolb in einem Interview mit dem in Tübingen erscheinenden Schwäbischen Tagblatt:

Viele Archäologen wissen, dass das Troia-Bild Korfmanns eine Fiktion ist. […] Was Herr Korfmann macht, ist eine Irreführung der Öffentlichkeit. Korfmann ist ein„Däniken“ der Archäologie.

Den Däniken-Vorwurf nahm er bald darauf zurück. Auch Däniken beschwerte sich; wohl weil er das Monopol auf wissenschaft­lich unhaltbare Fiktionen selbst behalten möchte. Jedenfalls faßte Frank Kolb seine Position kurz darauf in den Stuttgarter Nachrichten prägnant zusammen:

Korfmanns Grabungen sind in Ordnung technisch. Auch was er zur Chronologie herausfindet. Die Interpretation aber ist eine Fiktion.

Was wie ein kleinkarierter Streit zwischen zwei Gelehrten daherkommt, die an derselben Universität lehren, wenn auch nicht an derselben Fakultät, ist in Wirklichkeit jedoch ein sehr viel tiefergehender Streit zweier wissenschaftlicher Glaubensrich­tungen. Die einen halten Homers Troia für eine Fiktion, die anderen halten einen historischen Kern zumindest für möglich. Die einen sehen in Homers Ilias ein aus mehreren kleineren Erzählungen zusammenge­bautes Epos, die anderen ein im Prinzip einheitliches Werk, auch wenn es im Laufe der Jahrhunderte verändert, gekürzt, ergänzt oder den aktuellen Gegebenheiten angepaßt wurde. Denn der fahrende Sänger mußte ja an den Höfen der Adligen seiner Zeit sein Brot ersingen; entsprechend wohlgefällig sollte sein Gesang dann auch sein.

Und entsprechend halten die einen die Ilias für eine mythologische Legitimationsge­schichte der Besiedlung der kleinasiatischen Küste durch die Griechen ab dem 11. Jahrhundert, während die anderen es durchaus für möglich halten, daß es den in der Ilias besungenen Trojanischen Krieg wirklich gegeben haben könnte. In der philologischen Forschung haben sich die sogenannten „Unitarier“ – also diejenigen, die von einem prinzipiell einheitlichen Werk ausgehen – weitgehend durchgesetzt. Frank Kolb, aber auch Dieter Hertel gehören der anderen Fraktion an.

Frank Kolb, Jahrgang 1945, ist Direktor der Abteilung für Alte Geschichte an der Universität Tübingen. Seine Forschungsschwer­punkte liegen in der Stadtgeschichte und historischen Landeskunde, sowie der Geschichte der Spätantike. Derzeit leitet er ein Forschungs­projekt zur Siedlungsge­schichte in der südwest­anatolischen Landschaft Lykien. Frank Kolb ist also kein unbeschriebenes Blatt, sondern hat gerade aufgrund seiner Forschungen zur antiken Stadtgeschichte die Kompetenz, sich zur Stadtgeschichte Troias fundiert zu äußern. Frank Kolb ist allerdings in Tübingen auch dafür bekannt, daß er selbstbe­wußt seine durchaus auch provokativ formulierten Thesen vertritt. Inner-tübinger Gelehrten­intrigen scheinen auch nicht der Grund für seine im Juli geäußerten Vorbehalte gegen das Troia-Bild Manfred Korfmanns zu sein. Je nachdem, wie man oder frau das sehen will, hat er das Glück oder Pech gehabt, als Füller des Sommerlochs willkommenen Stoff geliefert zu haben – wahrschein­lich auch zu seiner eigenen Überraschung.

 

Manfred Korfmann – im institutionellen Dickicht?

An der Spitze der Universität Tübingen ist sein Vorgehen jedoch nicht so vorbehaltslos angenommen worden. Die baden-württembergischen Universitäten erhaltenen ihre Forschungs­gelder von der Landesregierung nach Maßgabe der eigenständig eingeworbenen Drittmittel- und Sponsorengelder. Manfred Korfmanns Ausgrabungen in Troia wären ohne derartige Sponsorengelder überhaupt nicht denkbar. Kostet doch die Grabungs­kampagne jährlich etwa eine Million Mark. 30 Prozent davon finanziert der DaimlerChrysler-Konzern, natürlich nicht uneigennützig. Die vielen hunderttausend Besucherinnen und Besucher Troias wie auch der derzeitigen Ausstellung werden das Engagement des Konzerns sicher zu würdigen wissen. DaimlerChrysler ist sich des hohen Symbolcharakters dieses Sponsorings durchaus bewußt.

Entsprechend ist Manfred Korfmann gewissen Sachzwängen unterworfen. Sponsoring hat seinen Preis. Also muß Korfmann aus dem, was er und sein Grabungsteam finden, auch etwas hermachen. Die Frage ist nun, ist die Ausstellung „Troia – Traum und Wirklichkeit“ deshalb Sachzwängen unterworfen, die sich wissenschaft­lich nicht halten lassen? Oder noch anders gefragt: Wird aus einzelnen Funden ein Bild aufgebaut und aufgebauscht, das sich nicht verifizieren läßt und etwas vorgaukelt, was wissenschaft­lich nicht nachzuweisen ist?

Hierbei müssen wir wahrscheinlich zwei Ebenen trennen. Zum einen die Ebene der Forschung und Erkenntnis. Die Frage lautet hier: ist es wissenschaft­lich begründet, Troia den Rang einer Handelsmetro­pole für das 13. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung zuzumessen? Damit zusammen­hängend – ist Troia das in hethitischen Keilschrift­texten genannte Wilusa? Die andere Ebene ist die der Präsentation der Ergebnisse: ist das, was wir anhand von Modellen und virtuellen Stadtführungen zu sehen bekommen, nachzuweisen oder imaginierte Fiktion? Erhalten wir vielleicht ein Troia-Bild, das sich für die nächsten Jahrzehnte in unseren Köpfen festsetzt, das von sachfremden Erwägungen geleitet wird? Ich denke, es lassen sich durchaus Kriterien entwickeln, die zumindest plausible Teilantworten auf diese Fragen geben.

Und damit nicht genug – es kommt noch eine politische Dimension hinzu. Manfred Korfmann hat eine exklusive Grabungslizenz des türkischen Staates erhalten. Auch hier muß er Wohlverhalten zeigen – keine Kritik also an der Türkei, an der systematischen Verletzung von Menschen­rechten, an den ethnischen Säuberungen in Kurdistan. Und – Manfred Korfmann und die Macherinnen und Macher der Ausstellung müssen natürlich den türkischen Staat auch ideologisch wohlgefällig einbauen. Die Türkei nämlich als ein weltoffener Staat, der zu Europa gehört. Und der türkische Staatspräsident Ahmet Necdet Sezer darf im Grußwort zur Ausstellung unwidersprochen wahrheits­widrig sagen (oder von seinem Ghostwriter schreiben lassen):

Kultur ist das wichtigste Medium der Völkerverständi­gung. Die Ausstellung präsentiert allerdings nur einen kleinen Ausschnitt all der unterschiedlichen Zivilisationen, die zum kulturellen Aufbau der modernen und weltoffenen Türkei beigetragen haben. Es steht außer Zweifel, daß die Ausstellung die Aufmerksamkeit der deutschen Bevölkerung auf sich ziehen und damit einen Beitrag zur Weiterentwick­lung der Beziehung zwischen der Türkei und Deutschland leisten wird.

Ob Ahmet Necdet Sezer damit die deutschen Waffenlieferungen gemeint hat, die im wohlverstanden auch deutschen Interesse gegen die kurdische Zivilbevölkerung eingesetzt werden? Wie auch immer – hierin könnte begründet sein, warum das anatolische Erbe Troias und seine Bedeutung für die europäische Kultur so betont wird – zumindest ist dies mehr als nur unterschwellig ein Vorwurf, den die Kritiker der Ausstellung erheben.

 

Befunde

Manfred Korfmann und sein Grabungsteam haben natürlich auf die Vorwürfe geantwortet. Nun ist es ziemlich mühsam, all die vielen Punkte aufzuzählen, das Pro und das Contra gegeneinander abzuwägen, wo dann doch nur Meinung gegen Meinung steht, Interpretation gegen Interpretation. Den Korfmanns Grabungsteam ist selbstverständlich von der Existenz einer Unterstadt mit Stadtmauer und Graben überzeugt – und auch, dies nachweisen zu können.

Sicher ist, daß hier zwei Weltbilder aufeinanderprallen.

Manfred Korfmanns Absicht ist dabei nicht einmal, Homer bestätigen zu wollen. Er leitet eine Ausgrabung, stellt Funde zusammen, um im Nachhinein sagen zu können, sie passen zu einem Geschichtsbild, das Troia als Handelsmetro­pole des 13. Jahrhunderts sieht. Die von Frank Kolb ins Feld geführten Argumente ziehen ja auch nur dann, wenn sie isoliert betrachtet werden.

Die Stärke des in der Ausstellung gezeigten Ansatzes liegt jedoch darin, daß Wissenschaft­lerinnen und Wissenschaftler verschiedenster Disziplinen versuchen, gemeinsam eine Interpretation des Vorge­fundenen zu erarbeiten. Dabei ist dann Homer nur eine Quelle unter vielen, aber eben auch eine, die sich die Troia-Forschung zu eigen machen sollte. Korfmann weist in diesem Zusammenhang dann auch zurecht darauf hin, daß sein methodisches Vorgehen mitsamt Interpretation der Befunde bei jedem anderen Fundort, der nicht die schillernde Bedeutung Troias besitzt, ohne größere Probleme akzeptiert worden wäre.

Frank Kolb, Dieter Hertel, oder auch der aus Darmstadt stammende Helmut Castritius haben jedoch auch deswegen so gute Chancen, weil die entscheidenden Funde, die gemacht werden könnten, um klar zu sagen, war Troia ein wichtiges Handels­zentrum?, war Troia Wilusa?, weil diese Funde wahrscheinlich nicht möglich sind. Das liegt daran, daß Griechen und Römer ab dem 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung ausgerechnet die Schichten planiert haben, die zu Troia VI und VII gehören, also dem Troia, das Homer besungen haben könnte. Ob irgendwo im Siedlungsschutt dann doch einmal mehr zutage kommen wird als nur ein einziges luwisches Siegel, das in der Tat nur aussagt, daß eine einzige wichtige Persönlichkeit Troias ganz offensichtlich luwischer Herkunft war, müssen wir abwarten. Manfred Korfmann hofft, in Zukunft den Friedhof dieses Troia auffinden zu können, um dort vielleicht das auszugraben, das den Gelehrtenstreit beendet.

Ich glaube nicht, daß Frank Kolb diese problematischen Fundumstände als Trick benutzt, um Korfmann und die Troia-Ausstellung vorführen zu können. Was jedoch für seine Behauptung spricht, ist, daß bis heute keine Keilschrift­tafel auf dem Boden Troias gefunden worden ist, die uns sagt, wie diese Stadt von ihren Bewohnerinnen und Bewohnern einmal tatsächlich genannt worden ist. Allerdings frage ich mich bei Korfmanns Argumentation manchmal schon, warum er es seinen Gegnern so leicht macht. Nehmen wir die schon von Kolb angeführte Lapislazuli-Axt als Beweis für Handelskontakte nach Zentralasien. Manfred Korfmann erwidert hierzu:

Daß man schon im 3. Jahrtausend v. Chr. wie auch immer geartete Kontakte nach Afghanistan hatte, belegt eine Lapislazuliaxt. Nur dort gibt es im Bereich der Alten Welt das Rohmaterial. Warum sollte es diese Kontakte nicht auch im 2. Jahrtausend v. Chr. gegeben haben?

Korfmann argumentiert hier tatsächlich hochspekulativ. Warum sollte …? Frank Kolb hat schon recht: der Fund einer Lapislazuliaxt sagt weder etwas über dauerhafte Handels­kontakte aus, schon gar nicht über Jahrhunderte hinweg, noch darüber, wie diese eine spezielle Axt denn nach Troia gekommen ist. Sie besagt nur, daß – auf welchen Umwegen auch immer – afghanisches Lapislazuli Troia erreicht hat. Dabei hat Korfmann wirklich gute Argumente zur Hand. Sie sind allerdings von anderer Qualität als die von Frank Kolb, Dieter Hertel (dessen Buch ich noch vorstellen werde) oder anderen. Gerade die interdisziplinäre Herangehens­weise macht Platz für völlig neue Erkenntnisse. Korfmann zieht Physiker, Metallurgen, Bauforscher, Geologen und natürlich Archäo­loginnen und Historiker benachbarter Gebiete heran, die zum Teil völlig neue Fragestellungen dadurch gewinnen, daß sie miteinander kommunizieren.

Ohne die Hethitologie – also die Wissenschaft über das Hethiterreich, das in seiner größten Ausdehnung von der Ägäis bis in den Libanon reichte – wüßten wir wahrschein­lich viel weniger über Troia und seine Bedeutung. Vorausgesetzt, die unter Hethitologen längst akzeptierte Gleichsetzung von Troia mit dem in hethitischen Texten genannten Wilusa stimmt. Denn wenn sie stimmt, was sowohl Frank Kolb wie Dieter Hertel bestreiten, dann können wir mehr über die Geschichte und Bedeutung Troias erfahren.

Als in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts die hethitischen Keilschrift­tafeln entziffert worden waren und somit lesbar waren, entwickelte sich ein wissenschaft­licher Streit, der bis heute nicht endgültig entschieden ist. Die Hethiter kommunizierten mit dem König eines Landes Achijawa von gleich zu gleich, also von Großkönig zu Großkönig. Es lag von Anfang an nahe, Achijawa mit den von Homer als Achäer bezeichneten mykenischen Griechen gleichzusetzen. Diese Gleichsetzung war lange umstritten. Heute gibt es an der Gleichsetzung keinen Zweifel mehr; das einzig strittige ist, ob das in den hethitischen Keilschrift­tafeln genannten Achijawa auf dem griechischen Festland zu suchen ist oder auf den Ägäis-Inseln in der Nähe der kleinasiatischen Küste. Vieles spricht für das griechische Festland. Hier waren es in der Tat die Hethitologen, die den klassischen Altertums­forschern die neuesten Erkenntnisse mühselig vermitteln mußten. Dieter Hertel schafft es sogar noch in seinem 2001 erschienenen Buch über Troia, Achijawa mal kurz im Vorübergehen zu benennen. Dabei ist die Frage der Lokalisierung von Wilusa ohne die Achijawa überhaupt nicht sinnvoll zu diskutieren.

Der Hintergrund ist der: die Hethiter eroberten Ende des 14. Jahrhunderts das Königreich Arzawa im Westen der heutigen Türkei. Mitglieder der dortigen Königsfamilie konnten sich jedoch nach Achijawa absetzen und machten jahrzehntelang die Küsten unsicher, intrigierten und versuchten, sich wieder auf den Thron Arzawas zu putschen. Von diesen Auseinander­setzungen der mit Arzawa liierten Kleinkönigtümer war auch Wilusa betroffen. Der zufälligerweise ebenfalls in Tübingen lehrende Hethitologe Frank Starke hat nun vor einigen Jahren plausibel anhand neuester Keilschriftüber­setzungen gezeigt, daß Wilusa in der Gegend von Troia gelegen haben muß – sonst ist auf der Landkarte kein Platz mehr für dieses kleine Königreich.

Diese Deutung wird von Dieter Hertel bestritten. Vielleicht ist es daher an der Zeit, auf sein vor kurzem erschienenes Buch einzugehen.

 

Die verschlungenen Pfade der Streitwagen

Besprechung von : Dieter Hertel – Troia, Verlag C. H. Beck 2001, 129 Seiten, DM 14,80

Dieter Hertel beschäftigt sich in seinem in der Reihe Wissen bei C. H. Beck herausgekommenen Büchlein mit „Troia“ – seiner Archäologie, seiner Geschichte und dem Mythos, der diese Stadt umgibt. Wir erhalten bei der Lektüre einen Überblick über den Forschungsstand, allerdings einen sehr gefärbten Überblick, denn Dieter Hertel ist – ich erwähnte es schon – ein Vertreter der Minderheitenpo­sition, die in Homers Ilias kein Geschichtsbuch sieht.

Nun muß das kein Schaden sein, wenn Hertel seine Position gut begründen könnte. Allerdings zeigt schon das Beispiel, daß die Achijawa bei ihm nur am Rande vorkommen, daß er sehr selektiv mit den Quellen umgeht. Er problematisiert also durch sein eigenes Vorgehen, wie gefährlich es ist, mit vorgefaßter Meinung ein Gebiet wissenschaft­lich bearbeiten zu wollen. Etwas, was er eher Korfmann und Starke vorwirft. Natürlich ist auch bei Dieter Hertel ein zentraler Punkt die Frage, ob Troia mit Wilusa gleichzusetzen ist. Wie leicht es gleichzeitig ist, sich selbst im eigenen Gedankenge­strüpp zu verrennen und dies seinen Leserinnen und Lesern auch noch als wissenschaftliche Argumentation darzubieten, möge folgendes Beispiel zeigen.

Dieter Hertel führt aus, daß im sogenannten Alaksandu-Vertrag aus der Zeit um 1300 dieses Wilusa in Zusammenhang mit dem Land Lukka genannt wird. Lukka ist wohl ziemlich sicher mit Lykien, also an der westlichen Südküste der heutigen Türkei, gleichzusetzen. Hertel schließt daraus, daß Wilusa, dessen König besagter Alaksandu ist, in der Nähe des Landes Lukka liegen muß. Klingt logisch. Doch woher nimmt er das? Ich hoffe, ich habe die Quelle gefunden, auf die er sich bezieht; und dort heißt es:

Die Vertragsbestimmungen über dein Heer und über deine Streitwagenge­spanne sollen wie folgt festgesetzt sein: Wenn die Majestät im Bereich jener Länder, entweder im Bereich von Karkisa, im Bereich von Lukka oder im Bereich von Warsijalla einen Feldzug unternimmt, wirst auch du an meiner Seite mit Truppen und Streitwagenge­spannen den Feldzug unternehmen. [1]

Es geht hier darum, daß der Hethiterkönig von Alaksandu Vasallentruppen für seine Feldzüge anfordert. Der Name Lukka ist also ein Beispiel, ohne geographische Zuordnung hinsichtlich Wilusas; er wird nur im selben Vertrag mit seinen unzähligen Paragraphen genannt.

Buchcover Dieter Hertel TroiaDas wird noch deutlicher daran, daß im folgenden Abschnitt von möglichen Kriegshand­lungen mit Assyrien die Rede ist, ohne daß wir Wilusa in Kurdistan suchen würden. So – wie Dieter Hertel es hier unternimmt – kann man nun wirklich nicht argumentieren; zumal die Textstelle das einfach nicht hergibt. Das ist so, als würde ich eine Liste der Länder Westeuropas anfertigen und daraus schließen, daß Frankreich in der Nähe Irlands zu suchen sei.

Frank Starke, der von mir schon erwähnte Hethitologe, weist Hertel in einer Entgegnung zu einer weiteren Textstelle nach, daß es Hertel ist, der die Fakten verbiegt, nicht etwa Korfmann und sein Ausgrabungsteam. Wobei sich Hertel in der Tat den peinlichen Schnitzer leistet, im schon genannten Alaksandu-Vertrag fehlende Buchstaben als Beweis dafür heranzuziehen, daß dort nicht vom Gott Appaliunas die Rede sei, also möglicherweise Apollon. Starke bleibt nichts anderes übrig, als an der wissenschaft­lichen Kompetenz seines Kritikers zu zweifeln. Die hethitische Keilschrift ist nämlich keine Buchstaben-, sondern eine Silbenschrift.

Was hier nach kleinlichem Gelehrtenge­zänk aussieht, ist letztlich der Versuch, und zwar beider Seiten, die eigene Interpretation einer historischen Gegebenheit zu verteidigen, zu der das entscheidende Fundstück ja fehlt: nämlich der Beweis dafür, daß Troia Wilusa ist. Wir können es vermuten, mit ziemlicher Sicherheit sogar, aber nicht beweisen.

Doch zurück zu Dieter Hertels Buch. Denn abgesehen von seinen fast schon verzweifelt anmutenden Versuchen, die Mehrheitspo­sition der homerischen Wissenschaftsge­meinde zu widerlegen, läßt sich sein Buch durchaus lesen – wenn man und frau um die Grenzen dieser Einführung weiß. Und vielleicht sollte dieses Buch eher als eine Anregung gelesen werden, auch die gängige wissenschaft­liche Meinung zu Troia, der Gleichsetzung mit Wilusa, der Funktion als Handelsmetro­pole, dem Trojanischen Krieg usw. immer wieder aufs neue kritisch zu hinterfragen. Aber dann bitte auf der Basis gesicherter Fakten und nicht einer mitunter an den Haaren herbeigezogenen Argumentation. Und das sage ich nicht, weil ich in Homers Ilias in der Tat eine historische Gegebenheit sehe. Wir werden gleich sehen (bzw. hören), daß auch die andere Seite sehr seltsame Argumentations­muster verwendet. Korfmanns Lapislazuliaxt habe ich ja schon vorgestellt.

„Troia“ von Dieter Hertel ist im C. H. Beck Verlag erschienen und kostet 14 Mark 80.

 

Wellenschläge einer Kontroverse

Die von Frank Kolb angestoßene Debatte um Troia, seine Bedeutung und seine Präsentation hat Wellen geschlagen. Eine der seltsamen Erwiderungen lautete: warum wird das in der Medienöffent­lichkeit breitgetreten und nicht an die Universität oder in wissenschaft­lichen Symposien, dort, wo angeblich die Diskussion über Forschungser­gebnisse hingehöre?

Da frage ich mich, was ist so schlecht daran, wenn in einer breiten Öffentlich­keit debattiert wird? Klar – da fühlen sich auch andere berufen, ihren Senf dazu zu geben. Aber warum eine Debatte unter Ausschluß der Öffentlichkeit? Scheint da nicht doch die Vorstellung von der Gelehrtenre­publik durch, die im krassen Gegensatz zur Konzeption der Ausstellung steht?

Korfmann und sein Grabungsteam führen in ihren Erwiderungen auf Kolbs Kritik auch die Millionen von Touristen und die unzähligen Professoren an, die – frei nach dem Spruch aus den 50er Jahren: „50 Millionen Elvis-Fans können nicht irren“ – zur Untermauerung der Richtigkeit herangezogen werden. Was die Professoren betrifft – auch Frank Kolb und Dieter Hertel führen diesen Titel. Aber welchen Argumentations­wert soll das haben. Weil Professor, deshalb richtig?

Für den 27. Oktober [2001] ist an der Universität Tübingen eine öffentliche Veranstaltung mit Manfred Korfmann angesetzt. Wenn es eine Veranstaltung wird, wie sie schon einmal in Tübingen stattfand, als der größte Hörsaal der Universität nicht ausreichte, all die Neugierigen und Interessierten aufzunehmen, dann frage ich mich schon, was dort überhaupt geklärt werden kann. Ich für meinen Teil denke, daß sich Manfred Korfmann, das Ausgrabungs­team aus aller Welt, Frank Starke, Joachim Latacz und all die vielen anderen, die in den letzten 15 Jahren eine Menge zu unserem Wissen über Troia beigetragen haben, nicht verstecken müssen. Sie haben es allerdings auch nicht nötig, so heftig zu reagieren, wie es teilweise geschehen ist.

Bleibt für uns die Frage – was neben dem Wissenschafts­streit so wesentlich ist an den Ausgrabungen in Troia? Welchen Wert hat es, alte Friedhöfe auszugraben oder Schutthügel nach dem fehlenden Puzzlestück durchzusieben? Angesichts dessen, daß Troia und seine Rezeption, und damit verbunden seine Wirkungsge­schichte bis heute das Bild der Entstehung der europäischen Kultur mitbestimmen, ist es sicher sinnvoll, Antworten auch dort zu suchen, wo sie zu finden sind. Und zwar unabhängig davon, was ein türkischer Staatspräsident uns vorsülzt. Die Archäologie hilft uns dabei bei der Suche nach uns selbst, unserer Vorgeschichte, unserer Vergangenheit. Nicht, um sie multimedial zeigen zu können, vor allem für diejenigen, die lieber Bilder schauen als Bücher lesen. Die Suggestivkraft von Bildern sollte vorsichtig eingesetzt werden und sie muß der Reflektion jederzeit offenstehen.

Die CD-ROM zur Ausstellung sollte daraufhin noch einmal überarbeitet werden, weil sie eine cleane Welt suggeriert, von der zwar unser Ordnungsdezer­nent Horst Knechtel begeistert gewesen wäre – keine Graffiti! –, aber sicher nur sehr begrenzt zeigen kann, wie Troia damals wirklich aussah. Klar, die Modelle sind Modelle, mehr nicht. Aber sie suggerieren mehr; und genau in diesem Sinn ist die Kritik an ihnen auch berechtigt. Bauten ohne wirkliche Menschen, ohne Ausbeutung, ohne Herrschaft, ohne Elend. Ob DaimlerChrysler, ja auch nicht unbeteiligt an den Zuständen dieser Welt, dies sicherlich vorhandene Elend lieber nicht sehen wollte?

Aber Geschichte ist auch kein Multimedia-Spektakel. Wir beschäftigen uns mit ihr nicht nur, um uns als historisch gewachsene Gesellschafts­wesen besser verstehen zu können, sondern auch, um diese Welt zu verändern. In einer professoralen Gelehrtenre­publik, in der Geschichte auf Symposien abgehandelt wird, ist ein solches Verständnis sicher fehl am Platz. Wer die Gegenwart nicht reflektiert, die Ungerechtigkeit dieser Welt nicht begreift, dürfte Schwierigkeiten haben, die Vergangenheit richtig zu interpretieren. Und deswegen hat die Auseinander­setzung über unsere Geschichte in aller Öffentlich­keit stattzufinden. Und das sage ich, obwohl mir die ideologische und quotendiktierte Begrenztheit dieser medienver­mittelten Öffentlich­keit sehr bewußt ist.

 

Epilog

Die Ausstellung Troia – Traum und Wirklichkeit ist noch bis zum 14. Oktober [2001] in Braunschweig und ab dem 16. November [2001] in Bonn zu sehen. Der Begleitband ist im Konrad Theiss Verlag erschienen, er ist unbedingt empfehlens­wert, und kostet 69 Mark. Abraten möchte ich hingegen von der ebenfalls im Theiss Verlag erschienen CD-ROM, auf der verschiedene Modelle der Stadt und Burg Troia von der Jungsteinzeit bis zur griechischen Antike zu sehen sind.

Joachim Latacz weist in seinem Buch „Troia und Homer“ Wege zur Lösung eines alten Rätsels – wie auch der Untertitel des Buches heißt. Dieses wirklich lesenswerte Buch ist bei Koehler & Amelang erschienen und kostet 49 Mark 80.

Für die mehr wissenschaftlich Interessierten gibt es die Jahrbücher der Reihe „Studia Troica“, die über den Verlag Philipp von Zabern herausgegeben werden. Hierin werden nicht nur die Funde dokumentiert, sondern auch wissenschaft­liche Positionen zur Bedeutung Troias vorgestellt und diskutiert. Band 10 aus dem Vorjahr ist für 148 Mark erhältlich.

Die Einführung von Dieter Hertel „Troia – Archäologie. Geschichte. Mythos“ hat – wie ich hoffentlich gezeigt habe – nur einen begrenzten Erkenntniswert. Allerdings ist hier die Essenz der Vorstellung zu finden, die davon ausgeht, daß das homerische Troia keine kriegerische Auseinander­setzung in spätmykenischer Zeit schildert. Sein im Verlag C. H. Beck in der Reihe Wissen erschienenes Buch kostet 14 Mark 80.

Und wer noch mehr wissen will, kann im Internet auf der Website www.troia.de oder auf der Internetseite des Troia-Projekts an der Universität Tübingen nachschauen.

Für heute verabschiede ich mich; am Mikrofon war Walter Kuhl.

 

ANMERKUNGEN
Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

»» [1]   Joachim Latacz : Troia und Homer, Seite 136.


Diese Seite wurde zuletzt am 4. Dezember 2010 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2010. Die Aufnahme des mykenischen Goldschmucks stammt von Egbert Kuhl. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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