Goldschmuck aus Mykene
Goldschmuck aus Mykene – wer hat dafür geschuftet und geblutet?

Geschichte

Der Trojanische Krieg, Teil 1

Sendemanuskript

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 30. April 2001, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Dienstag, 1. Mai 2001, 01.00 bis 02.00 Uhr
Dienstag, 1. Mai 2001, 09.00 bis 10.00 Uhr
Dienstag, 1. Mai 2001, 15.00 bis 16.00 Uhr

Zusammenfassung:

Heldenmythos und Ideologie gehen Hand in Hand, von griechischer Identitätsstiftung über das humanistische Bildungsideal bis zum Grußwort des türkischen Staatspräsidenten im Ausstellungs­katalog. Wirkt sich dies auch auf die Ergebisse der Grabungen auf dem Burghügel Hisarlık aus?

Besprochene und benutzte Bücher:

Frank Kolb weist in seinem Buch „Tatort »Troia«“ zurecht darauf hin, daß der „Trojanische Krieg“ sprachlich korrekter „Troischer Krieg“ genannt werden müßte. Der Konvention halber belasse ich es in diesem Sendemanuskript in der 2001 gesendeten Fassung. Im übrigen ist er der Auffassung, daß die Ergebnisse des Korfmannschen Ausgrabungs­projekts recht zweifelhaft sind. Meine Besprechung seines Buchs erfolgte am 22. November 2010 in der Sendung Tödliche Vorgeschichte.

Zur Neoliberalisierung von Radio Darmstadt und seinem Trägerverein und zur Ausgrenzung mehrerer Mitglieder meiner Redaktion seit 2006 siehe meine ausführliche Dokumentation.


Inhaltsverzeichnis


Ilias 

Jingle Alltag und Geschichte

Μηνιν αειδε θεα Πηληιαδεω Αχιληος

Den Zorn singe, Göttin, des Peleus-Sohns Achilleus,
den verderblichen, der zehntausend Schmerzen über die Achaier brachte
und viele kraftvolle Seelen dem Hades vorwarf
von Helden. Sie selbst aber zur Beute schuf den Hunden
und von Vögeln zum Mahl. Und es erfüllte sich des Zeus Ratschluß.
Von da beginnend, wo sich zuerst im Streit entzweiten
der Atreus-Sohn, der Herr der Männer, und der göttliche Achilleus.

So beginnt die Ilias, eines der wichtigsten literarischen Werke des Abendlandes. Die Ilias besingt den zehnjährigen Kampf um Troja, und daraus eigentlich nur 51 Tage des neunten Kriegsjahres. Die Ilias selbst war eingebettet in eine Vielzahl epischer Gesänge, die die Heldentaten und auch die Schurkereien der griechischen Helden zum Thema hatten.

Buchcover Homer IliasWobei auch das nicht ganz stimmt. Es handelt sich nicht um die Helden des klassischen Griechenland, sondern: die – zunächst nur mündlich weiterge­gebenen – Epen entstammten dem Zeitalter der mykenischen Herrschaft des 14. und 13., vielleicht auch noch des 12. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung.

Und wir müssen noch genauer sein. Die Ilias gibt nur einen kleinen Ausschnitt des Kriegsge­schehens wieder: den Zorn des Achill, der vom Atreus-Sohn Agamemnon in seiner Ehre verletzt worden ist. Und wir können uns vorstellen, was es bedeutet, wenn Männer in ihrer Ehre verletzt werden. Entsprechend war das Ergebnis: Gewalt, Raub, Vergewaltigung, Mord, Krieg.

Die Ilias ist die griechische Fassung des Themas. Was uns Trojanerinnen und Trojaner hätten erzählen können, wurde weder besungen noch später aufgeschrieben. Obwohl: eigentlich war Troja eine reiche Stadt mit eigenem Schrifttum und einen eigenem Archiv [1]. Doch dieses haben Griechen und Römer einige Jahrhunderte später – wohl ohne es zu ahnen – beim Neuaufbau der Stadt ab dem 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung vernichtet.

Das Thema der heutigen Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte bei Radio Darmstadt ist der Trojanische Krieg. Zu Troja, oder griechisch korrekter Troia, findet derzeit in Stuttgart eine Ausstellung unter dem Motto „Traum und Wirklichkeit“ statt. Träume und Mythen ranken sich um die Stadt und das von Homer besungene Geschehen. Durch die Ausgrabungen der letzten zwei Jahrzehnte in Troja und Umgebung wissen wir heute aber mehr, was Traum, was Mythos, und was – zum Teil überraschende – Wirklichkeit ist. Wir können den Trojanischen Krieg auch historisch neu einordnen, ohne bislang nachweisen zu können, daß der von Homer geschilderte Krieg in dieser Weise tatsächlich stattgefunden hat.

Durch die heutige Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte bei Radio Darmstadt führt Walter Kuhl.

 

Achill das Vieh

Wolfgang Schadewaldt, der 1974 verstorbene Altphilologe und Literaturwissen­schaftler, nennt im Nachwort zu seiner Ilias-Übersetzung für die Sprache Homers seine Gegenständ­lichkeit, Sachlichkeit, die Natürlichkeit und die ungewöhnliche Direktheit charakteristisch,

mit einem Wort: die auch in späterer griechischer Poesie nicht mehr erreichte Naivität Homers, die auf uns heute auf den ersten Blick vielfach befremdend wirken mag. [2]

Buchcover KassandraChrista Wolf holt die epische Verklärung der zumeist männlichen Altphilologen wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. In ihrer Erzählung „Kassandra“ läßt sie die trojanische Seherin über den Helden der Ilias sagen:

Dann kam Achill das Vieh. Des Mörders Eintritt in den Tempel, der, als er im Eingang stand, verdunkelt wurde. Was wollte dieser Mensch. Was suchte er bewaffnet hier im Tempel. Gräßlichster Augenblick: Ich wußte es schon. Dann lachte er. Jedes Haar auf meinem Kopf stand mir zu Berge, und in die Augen meines Bruders trat der reine Schrecken. Ich warf mich über ihn und wurde weggeschoben wie ein Ding aus Nichts.

Wie näherte sich dieser Feind dem Bruder. Als Mörder? Als Verführer? Ja gab es das denn: Mörderlust und Liebeslust in einem Mann? Durfte unter Menschen das geduldet werden? Des Opfers starrer Blick. Das tänzelnde Herannahen des Verfolgers, den ich jetzt von hinten sah, ein geiles Vieh.

Das Troilos, den Knaben, bei den Schultern nahm, das ihn streichelte – den wehrlosen, dem ich Unglückselige den Panzer abgenommen hatte! – ihn befingerte. Lachend, alles lachend. Ihm an den Hals griff. An die Kehle ging. Die plumpe kurzfingrige haarige Hand an des Bruders Kehle. Pressend, pressend. Ich an des Mörders Arm gehängt, an dem die Adernstränge vortraten wie Schnüre. Des Bruders Augen aus den Höhlen quellend.

Und in Achills Gesicht die Lust. Die nackte gräßliche männliche Lust. Wenn es das gibt, ist alles möglich. Es war totenstill. Ich wurde abgeschüttelt, spürte nichts. Nun hob der Feind, das Monstrum, im Anblick der Apollon-Statue sein Schwert und trennte meines Bruders Kopf vom Rumpf. Nun schoß das Menschenblut auf den Altar, wie sonst Blut aus den Rümpfen unserer Opfertiere. Das Opfer Troilos. Der Schlächter, schauerlich und lustvoll heulend, floh. Achill das Vieh. [3]

Christa Wolf läßt in ihrer Erzählung „Kassandra“ nicht nur die trojanische Seite zu Wort kommen, sondern übt über ihre mythisch-historische Heldin auch Kritik am heldisch-verklärenden männlich-gewalttätigen Tun. Es ist kein Zufall, daß Ilias und Odyssee die beiden Epen sind, die im antiken Griechenland eine wichtige Grundlage normativen Handelns wurden. Denn bekanntlich gab es kaum ein Jahr, in dem nicht irgendwelche griechischen Stadtstaaten oder Völker gegeneinander Krieg führten.

Selbstverständlich nicht halb so ehrenhaft, wie es die mythologische Vorlage Homers ideologisch vorgab. Wobei – wenn wir die Ilias und erst recht die Odyssee genau betrachten, dann bleibt nicht viel Ehrenhaftes übrig. Ehre ist dann nichts anderes als die Umschreibung für legitimierten Massenmord. Und dann ist der Unterschied zu den modernen Mythen der einsamen Kämpfer für Gerechtigkeit gar nicht einmal so groß. Egal, ob im Western oder im Weltraum, in Polizei- oder Karatefilmen: Gerechtigkeit und Ehre finden immer im Rahmen eines inszenierten Blutbades statt – Mann gegen Mann. Die Auswirkungen der vielen als normal hingestellten Tötungsakte auf die geistige Grundhaltung der meist männlichen Zuschauer können wir nur erahnen. Wir müssen davon ausgehen, daß hier eine gesellschaftlich vorgegebene männliche Norm massiv verstärkt wird. Mann nimmt sich, was er haben will, und er findet immer einen Grund, eine Legitimation. Und das war im klassischen Griechenland sicher nicht anders. Bei Homer fanden sich genügend Leitbilder. Und die davon ausgehende Kulturge­schichte des Abendlandes verdeutlicht uns die gesellschaftliche Bedeutung massenhaften Tötens als unhinterfragte zivilisatorische Norm.

 

Traum oder Wirklichkeit?

Besprechung von : Troia – Traum und Wirklichkeit, Konrad Theiss Verlag 2001, 487 Seiten, DM 69,00 bzw. € 42,00

War Troja ein Paradies, das die griechischen Barbaren zerstörten? Wohl kaum. Obwohl – auf einer jüngst erschienenen Multimedia-CD-ROM wird uns Troja durch dreitausend Jahre Geschichte hindurch als cleane Metropole präsentiert. Die Straßen sind sauber, denn ganz offensicht­lich saß Horst Knechtel schon damals im Magistrat der Stadt. Keine Graffitis an den Wänden und keine Obdachlosen, die um ihr Überleben betteln.

Troia – Traum und Wirklichkeit, das ist auch der Titel der derzeit in Stuttgart zu sehenden Ausstellung über Troja und seine Ausstrahlung bis heute. Zu dieser Ausstellung ist im Stuttgarter Theiss Verlag ein Katalogband erschienen, der – soweit ich das beurteilen kann – alles enthält, was wir heute über das wirkliche Troja wissen. Hinzu kommen Ideologie- und Wirkungsge­schichte eines griechischen Mythos – eben des Trojanischen Krieges.

Wer also aus welchen Gründen auch immer die Ausstellung nicht besuchen kann oder auch nicht will, hat mit diesem Buch ein Werk vorliegen, das seinesgleichen sucht. Und im Vergleich zur wissenschaftlichen Fachliteratur zeigt sich die Fähigkeit der Autorinnen und Autoren, komplizierte Sachverhalte in einer Weise darzustellen, die gleichermaßen lesbar wie verständlich sind, ohne populärwissenschaft­liche Abstriche am Gehalt der Aussagen machen zu müssen. Im Verlauf dieser Sendung werde ich daher immer wieder auf diesen Katalogband zur Ausstellung zurückkommen.

Doch zunächst noch ein paar Worte zur Aussprache. Wir sind im deutschen Sprachgebrauch gewohnt, von Achill statt von Achilleus und von Troja statt von Troia zu sprechen. Soweit ich zitiere, spreche ich im Folgenden den Namen Troia aus, soweit es mein eigener Text ist, bleibe ich bei Troja. Vielleicht sollten wir uns aber daran gewöhnen, von Troia zu reden. Dasselbe gilt im Prinzip für Homers Ilias, die auf Griechisch Iliás heißt. Usw. Doch nun zur Trojas Geschichte.

Buchcover Troia Traum und WirklichkeitIn der Umgebung des späteren Troja ließen sich die ersten Menschen vor etwa 7000 bis 8000 Jahren nieder. Vor etwa 5000 Jahren wurde ein damals noch direkt am Meer gelegener Hügel besiedelt, der im Verlauf von weiteren zweitausend Jahren in etwa fünfzig Bauphasen zu einer Metropole der damaligen Welt im Mittelmeerraum ausgebaut wurde. Wir kennen nicht nur den griechischen Namen dieser Stadt – Troia –, sondern haben zumindest eine Ahnung davon, wie die Bewohnerinnen und Bewohner ihre Stadt genannt haben könnten: Trowisa oder Truwisa. [4]

Troja war keine griechische Stadt, auch keine der frühen Griechen der mykenischen Kultur. Troja – und das sind immer sicherere Erkenntnisse der letzten zehn Jahre – war eine Stadt, die zum anatolischen Kulturkreis gehörte. Ob und inwieweit diese Stadt im Verlauf der Jahrhunderte selbständig war oder zu anderen kleineren oder größeren Reichen gehörte, muß sich noch erweisen. Sicher ist, daß Troja im 13. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung zum hethitischen Großreich gehörte. Darauf komme ich gleich noch zurück.

Troja war auch nach dem mykenischen Zeitalter, in dem laut Homer der Trojanische Krieg stattfand, noch zweihundert Jahre lang besiedelt und wurde dann aufgegeben. Nach Alexanders Eroberungszug gegen das Persische Reich wurde Troja als heilige Stadt Ilion wieder aufgebaut, entwickelte sich aber erst unter römischer Herrschaft zu einem kleinerem lokalen städtischen Zentrum. Kaiser Konstantin I. plante zunächst, seine Hauptstadt von Rom nach Ilion – bzw. römisch Ilium – zu verlegen, entschied sich dann aber für Byzantion, das er in Konstantino­polis umbenannte. Ab dem 14. Jahrhundert war Troja nicht mehr besiedelt, bis Heinrich Schliemann dort 1870 zu graben anfing.

Troja liegt am Hellespont, an der Meerenge zwischen Ägäischem und Schwarzem Meer. Die Einfahrt zu dieser Meerenge hatte – zumindest für antike Segel- und Ruderschiffe ihre Tücken. Die vorherrschende Windrichtung ist ein Nordostwind, gegen den wegen der starken Meeresströmung vom Schwarzen Meer in Richtung Ägäis auch nicht angerudert werden konnte. Das heißt: Schiffe, die aus der Ägäis ins Schwarze Meer fahren wollten, mußten den Hafen im Südwesten Trojas anlaufen und warten, bis der Wind sich drehen würde. Und das konnte dauern. Aus dieser speziellen geographisch-meteorologischen Situation wußten die Erbauer Trojas offensichtlich Nutzen zu ziehen. Troja kontrollierte eine der wichtigsten Handelswege der damaligen Zeit. Dazu muß man und frau wissen, daß ein alternativer Warentransport über Land nicht in Frage kam, da erstens kein gut ausgebautes Straßennetz bestand und zweitens ein Transport über Land mehr als 50 mal teurer war. Die enorme Gewinnspanne bei einem Seetransport ließ auch einen mehrmonatigen Aufenthalt bei oder in Troja verschmerzen.

Troja wurde als Burg gut befestigt, aber offensichtlich auch mehrfach angegriffen und erobert. Eine dieser Eroberungen dürfte sich mythologisch in Homers Ilias und verwandten Epen niedergeschlagen haben. Einen direkten archäologischen Beleg für den Trojanischen Krieg besitzen wir jedoch bis heute nicht. Andererseits sind die Schilderungen Homers dermaßen plastisch und – wie heute archäologisch nachgewiesen – genau, daß dem Mythos eine reale Gegebenheit zugrunde liegen könnte.

Die historische Grundkonstellation zu Beginn des 13. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung ist folgende: Auf dem Gebiet der heutigen Türkei (mit Ausnahme der Nordküste) existiert das Großreich der Hethiter, das im ausgehenden 14. Jahrhundert bis nach Syrien und in den Libanon expandierte und politisch und militärisch dem Ägypten der Pharaonen ebenbürtig war. Ende des 14. Jahrhunderts wird das Reich Arzawa mit der Hauptstadt Abasa (oder Apasa), dem späteren griechischen Ephesos, an der heutigen türkischen Westküste erobert – und Troja liegt somit direkt im Interessengebiet der Hethiter.

Im heutigen Griechenland besteht die mykenische Kultur, die nach dem Machtzentrum Mykene bzw. Μυκηναι im Osten der Peloponnes benannt ist. Auch Homer wußte von der zentralen Stellung Mykenes – der griechische Heerführer Agamemnon stammte von dort. Die mykenischen Griechen beherrschten im ausgehenden 14. Jahrhundert nicht nur das griechische Festland, sondern auch die meisten der Ägäis-Inseln und die Stadt Milet an der Südgrenze Arzawas.

Seit dem Auffinden der hethitischen Hauptstadt Chattusa [5] Anfang des 20. Jahrhunderts wurden immer wieder Tontafeln aus dem königlichen Archiv gefunden, die auf einen mächtigen Gegner im Westen verwiesen – das Land von Achija oder Achijawa. Der Verdacht lag nahe, daß es sich um die Achäer Homers handelte; aber der wissenschaft­liche Streit überdauerte Jahrzehnte, und erst seit kurzem gilt die Gleichung Achijawa = Αχαια als erwiesen.

Das ganze bekommt nun folgende pikante Note. Bei der Eroberung Arzawas flieht ein Teil der königlichen Familie zu den Achijawa und versucht von dort aus die Rückeroberung des Landes. Die dadurch verursachten Nadelstiche waren so schmerzhaft, daß der hethitische Großkönig Chattusili II. seinem Kollegen in Griechenland einen Brief schickte, mit der Bitte, dafür zu sorgen, daß die Plünderungen an der Westflanke des Hethiter­reiches aufhörten. Der angesprochene König von Achijawa wird hierbei ausdrücklich als gleichrangiger Großkönig angeredet und hat nach hethitischer Schreibweise einen Bruder namens Tawaglawa, dessen griechische Entsprechung Eteokles lautet – ein Name, der für die mythische griechische Frühzeit belegt ist. Einer dieser geflohenen Mitglieder der arzawischen Königs­familie mischte sich auch – das ist durch Urkunden belegt – in die inneren Angelegen­heiten eines Landes Wilusa mit seinem König Alaksandu ein. Wilusa ist der nächste strittige Name auf der Liste; denn schon direkt nach dem Auffinden des Vertrages in hethitischer Keilschrift wurde gemutmaßt, daß es sich bei Wilusa um das von Homer auch Ilios genannte Troia handelt; das Epos heißt ja auch Iliás. Oder eigentlich sogar Wiliás, das „W“ ist in den meisten griechischen Dialekten später verschwunden.

Wobei noch hinzuzufügen ist, daß Homer sowohl von Ilios als auch von Troia spricht, ohne daß erkennbar wird, warum dieselbe Stadt zwei Namen trägt. Hierzu gibt es allerdings eine Entsprechung im königlichen hethitischen Zentralarchiv: das Land wird mal Wilusa und mal Truwisa genannt. Mögen bei Homer noch metrische Gründe bei der epischen Komposition in Hexameter-Versen eine Rolle gespielt haben, ist der Grund für die doppelte Benennung durch die Hethiter unklar.

Auch der Name Alaksandu ist für die homerische Ilias wohlbelegt – denn Paris, der Räuber der Helena, hieß eigentlich Αλεξανδρος. Und auch in den mykenischen Archiven taucht dieser Name auf. Das heißt aber nicht, daß der homerische Paris = Alexandros König von Troja war, denn der trojanische Krieg soll– nach antiker griechischer Geschichtsschrei­bung – mehr als einhundert Jahre nach dem Tod des uns bekannten Alaksandu stattgefunden haben. Alaksandu wäre demnach ein griechischer Name eines trojanischen Königs. War Troja dann doch eine griechische Siedlung? Vieles spricht dagegen. Andere uns bekannte Namen trojanischer Könige lassen darauf schließen, das die trojanische Oberschicht kleinasiatischen Ursprungs war und daß der griechische Name daher herrühren könnte, daß Alaksandus Mutter möglicher­weise eine eingeheiratete mykenische Griechin war. Aber das ist zunächst nur Spekulation.

Alaksandu jedenfalls schloß einen Vertrag mit den Hethitern und trat, um seine Herrschaft zu sichern, dem hethitischen Reich bei. Hethitische Verträge zeichnen sich durch ein bestimmtes Grundmuster aus – so wie heutige Verträge auch. Hierzu gehört die Anrufung der Eidesgötter, und einer dieser Götter ist ein gewisser Apaliunas, in dem wir unschwer den auch bei Homer bezeugten trojanischen Stadtgott Apollon wiedererkennen können.

 

Oral Poetry und epische Dichtung

Die Paläste Achijawas der Mykene-Zeit auf dem griechischen Festland wurden etwa um 1230 zerstört und kurz darauf finden wir einen Vertragsent­wurf aus dem hethitischen Zentralarchiv, in dem der Name des Achijawaischen Großkönigs wieder herausgestrichen wurde – offensichtlich, weil dieses Großkönig­tum zerstört worden war. Von wem, das wissen wir nicht, ebensowenig, wer zu Beginn des 12. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung Troja zerstört hat. Denn die hethitischen Quellen kommen kurz zuvor zum Versiegen – das hethitische Großreich zerbrach aufgrund innerer dynastischer Konflikte in Einzelstaaten, die wahrscheinlich die Archivierung auf Keilschrift-Tontafeln aufgegeben haben. Also gerade da, wo es spannend wird, beginnt das große Schweigen.

Bis vor kurzem ging man und frau davon aus, daß die sogenannten Seevölker, wahrschein­lich eine Völkerwanderungs­welle um 1200, alle Königreiche von Mykene über Troja und das Hethiterreich bis kurz vor Ägypten zerstört hätten. Aber es mehren sich immer mehr Zeichen dafür, daß diese Seevölker nur eine kurze Episode waren – das Leben ging weiter. Nur mit dem Unterschied, daß eben nichts mehr auf Tontafeln registriert wurde, sondern wahrschein­lich auf leicht vergänglichem Material wie Holz oder Leder. Die dunklen Jahrhunderte Griechenlands und Anatoliens rühren demnach nicht daher, daß es nichts zu berichten gab, sondern daß die Berichte verloren gegangen sind.

Woher hatte dann Homer seine Quellen? Homer lebte – wenn er denn gelebt hat [6] – etwa 500 Jahre nach dem mythischen Trojanischen Krieg. Hatte er Zugang zu Archivquellen, die für uns verloren sind? Oder schöpfte er aus ganz anderen – mündlichen – Quellen? Joachim Latacz beschreibt unsere Quellenlage dazu, wie Homer zu seiner Ilias kam, im Begleitkatalog zur Troja-Ausstellung so:

Wir wissen, daß die Griechen schon im 16. Jahrhundert v. Chr. die prinzipiell gleiche Form des mündlich improvisierten Hexameter­gesanges pflegten, wie wir sie heute noch in unserem Homer erkennen können. Dieser Hexameter­gesang war von Anfang an nichts Volkskunsthaftes, sondern eine reflektierte Wortkunstform, die mit der Oberschicht verbunden war. Ihr Thema waren weder Märchen noch Privatgeschichten.

Was sie erzählte, rühmte, unvergeßlich machen wollte, das waren große Taten – Taten des Adels von nationaler und internationaler Bedeutung. Solche Taten aufzugreifen warteten die Sänger nicht erst lange ab. In einer Zeit, die keine anderen Medien kannte, war der Hexameter­gesang die Zeitung.

Je heller die Verhältnisse im mediterranen Großraum der Spätbronze­zeit dank der vereinten Forschungsbe­mühungen aller Altertumswissen­schaften heute jährlich werden, desto deutlicher zeichnet sich die Wahrscheinlich­keit ab, daß griechische Hexameter­sänger der mykenischen Zeit gerade auch die Unternehmungen der mykenischen Machtzentren nach Übersee besangen. […]

Konflikte zwischen Chattusa und Achijawa, wie sie im hethitischen Material etwa 200 Jahre lang […] belegt sind, können an der mykenischen Hexameterdich­tung nicht spurlos vorbeige­gangen sein. Sie werden den Kern der Troia-Geschichte gebildet haben.

Dieser Kern ist dank der Konservativität des Genres und dank dem Normierungs­zwang des fest gefügten Transportmittels Hexameter mit seiner metrischen Unveränderbar­keit von Namen – und an den Namen hängen die Geschichten – durch die Jahrhunderte hindurchge­wandert – kondensiert, erweitert, modifiziert, um je Zeitgemäßes neu bereichert usw.

Als die Griechen um 1050 v. Chr. erneut nach Kleinasien hinübergriffen (diesmal stand kein Großreich mehr im Wege), nahmen sie mit allen anderen Geschichten auch die Troia-Geschichte mit. Im kleinasiatischen Kolonialland wurde sie von Sänger­generation zu Sänger­generation weiterentwickelt. Um 800 v. Chr. kam die Schrift hinzu […]. Am Ende stand die Form, in der wir die Geschichte vom Krieg um Troia / (W)Ilios noch heute lesen: die (W)Ilias Homers. [7]

Buchcover Troia RundgangIst das glaubhaft? Nun, wer sich einmal ein bißchen mit oral poetry beschäftigt hat, weiß, wie gerade längere Dichtungen oder Gesänge mit recht wenigen Veränderungen jahrhunderte­lang tradiert werden können. Es gibt zwar Kniffe wie Formeln, die an bestimmten Stellen des Versmaßes immer passen, wenn der Dichter oder Sänger gerade mal nicht weiterwußte, aber vor allem müssen diese Sänger und Dichter ein sagenhaftes Gedächtnis gehabt haben.

Nehmen wir einmal an, ein Sänger gibt einen der 24 Gesänge der Iliás an seinen Nachfolger weiter – dann reicht ein einmaliger Vortrag, und der Gesang wird mit einer Fehlerquote von vielleicht einem Prozent exakt nacherzählt. Geschichten mögen also – je nach Bedürfnis – verkürzt oder ausgeschmückt worden sein. Aber das Grundgerüst der epischen Dichtung war gegeben und konnte weiter vermittelt werden.

Auch Homer macht davon Gebrauch, wenn er Fragmente anderer epischer Erzählungen in Rückblicken oder Genealogien einzelner Helden einfließen läßt. Insofern war jeder Vortrag ein Unikat; und die Iliás, wie wir sie aus dem klassischen Griechenland kennen, war nur eine von mehreren überlieferten Fassungen. Daß wir gerade diese Fassung, die wir kennen, als Original betrachten, hat damit zu tun, daß im klassischen Athen eine von vielen Iliás-Varianten sozusagen zur Staatsfassung ernannt und dann auch massenhaft schriftlich verbreitet wurde.

Die Iliás, die wir heute kennen, ist also nicht im 13. oder 12. Jahrhundert entstanden, sondern das Ergebnis von mehreren hundert Jahren Bearbeitung einer im Kern korrekt überlieferten Geschichte. Und Homer muß entweder Troja besucht haben oder Gewährsleute gehabt haben, die ihm die Geographie von Stadt und Umland geschildert haben. Es handelt sich nämlich nicht um eine der vielen Heldengeschichten, die auf einen mythischen Platz verlegt wurde, sondern um ein Epos, das von einem realen Troja gehandelt hat. Nur wissen wir eben nicht, wann dieses Ereignis stattgefunden hat. Wir können nur Vermutungen anstellen. Und es spricht durchaus einiges für das Datum 1183, das schon im klassischen Griechenland die Zerstörung Trojas markierte. Und seit einigen Jahren wissen wir auch, daß Homer sich in der Größe und Bedeutung der Stadt nicht geirrt hat. Neben dem schon länger bekannten Burgberg wurde systematisch eine Unterstadt ermittelt, wenn auch nur zu einem kleinen Teil ausgegraben, die den Größenan­gaben Homers durchaus entspricht.

 

Mythen und Legenden

Aber nicht nur die Griechen hatten ihre Helden und Mythen. Das Schicksal der Trojaner wurde seltsamerweise mit dem Gründungsmythos der Stadt Rom verknüpft. Romulus und Remus sollen demnach den Trojaner Aeneas als Vorfahren gehabt haben, der nach Trojas Zerstörung übers Meer nach Italien geflohen sein soll. Der römische Dichter Vergil machte seine Aeneis zu Beginn der Regierungszeit des Kaisers Augustus zum römischen Nationalepos. Aber Vergil schöpfte aus wesentlich älteren Überlieferungen.

Rom selbst war eine etruskische Gründung; und gerade die Etrusker leiteten ihre Herkunft aus Kleinasien, insbesondere aus Troja ab. Troja und der Trojanische Krieg wurden im Verlauf der Jahrhunderte mehrfach ideologisch verklärt und für eigene Zwecke eingespannt. 547 vor unserer Zeitrechnung unterwerfen die Perser die griechischen Städte und Kolonien an der Ostküste des Ägäischen Meeres, und zwischen 492 und 479 versuchen sie mehrfach, das griechische Festland zu erobern. Der erste griechische Geschichts­schreiber Herodot sieht um 425 diese persische Aggression als Fortsetzung eines uralten Dauerkonflikts zwischen Griechenland und Asien. Trojas Untergang führt er auf die frevelhafte Selbstüber­schätzung der Orientalen zurück, der auch die Perser mit ihren Niederlagen 490, 480 und 479 zum Opfer gefallen seien.

Das seit der persischen Niederlage auch moralisch-politische Überlegenheits­gefühl der Griechen gegenüber dem Osten war vor Herodot schon in Aischylos' Persern – [uraufgeführt 472 in Athen, WK] – deutlich geworden, wo die persische Hybris der eigenen [Stadt] (Athen) als mahnendes Beispiel vorgehalten wird. [8]

Die Anderen waren eben die Barbaren, die nicht einmal richtig Griechisch konnten. Und wenn sie versuchten, das Kulturvolk der Griechen zu unterwerfen, so war das einfach nur überheblich. Alexander der Große hingegen verstand sich als Rächer der griechischen Sache, und so opferte er zu Beginn seines Feldzuges gegen Persien den griechischen Heroen des Trojanischen Krieges an historischer Stätte. Alexander hatte sein Vorbild im Perserkönig Xerxes, der zu Beginn seines Feldzuges 480, der zur Niederlage bei Salamis führte, bewußt an die Trojanische Tradition anknüpfte – als deren Rächer. Aber auch Jahrhunderte später wurde Troja ideologisch vom Adel des europäischen Mittelalters benutzt:

Im Mittelalter wurden die Geschichten vom Trojanischen Krieg und seinen Folgen hoch geschätzt, man erzählte sie immer wieder und immer neu […]. Am Stoff faszinierten Hörer und Leser vor allem die exotische Ferne des Geschehens und die heroischen Waffentaten. [9]

Wer hätte das gedacht? Am Krieg berauschen sich die Mächtigen gerne. Vor allem, wenn ihre Untertanen dafür bluten müssen. Erinnern wir uns nicht an Joschka Fischer, der über den Farbbeutel jammerte, der ihn traf, nachdem durch seine Entscheidung gezielt zivile Ziele in Jugoslawien bombardiert wurden? Doch zurück zum Mittelalter:

Der Kriegsruhm bedeckte im Andenken die Niederlage der Troianer, denen im westlichen Mittelalter die Sympathien vor den siegreichen Griechen gehörten. Auf Troia berief sich aber auch gern, wer nach dem Vorbild Caesars und Roms hohes Alter, vornehmste Abkunft und monarchische Herrschaft [behauptete].

Schon der Kirchenvater Hieronymus […] bescheinigte seiner Brieffreundin Paula aus Rom, ihr Stammbaum reiche zu Agamemnon zurück – der Führer der Griechen im Troianischen Krieg –, der ihres Gemahls aber zu Aeneas selbst. Ebenso haben im Mittelalter ungezählte Adlige und Adelsge­schlechter in den Troianern ihre Ahnen gesehen oder sehen gelernt, auch in solchen Teukrern, deren Namen als Flüchtlinge in der alten Mythologie nicht verbürgt sind.

Zu ihnen gehören die fränkischen Merowinger und Karolinger, dann die französischen Kapetinger und Valois, im römisch-deutschen Reich die Salier […], die Staufer […], die Luxemburger […], die Habsburger […] [10]

… und noch einige andere mehr. Mit den Fakten nahm man es nicht so genau, und das störte auch kaum jemanden.

Aber – um den Bogen wiederaufzunehmen, der den Trojanischen Krieg in eine Abfolge von Kämpfen zwischen Griechenland und Asien stellte: Der osmanische Herrscher Mehmet II., der 1453 Konstantinopel eroberte, betrachtete sich als letzter Trojaner und als derjenige, der die Verbrechen der Griechen gerächt habe. Mehmet II. war übrigens gut bewandert in griechisch-römischer Geschichte und kannte wahrschein­lich eine Abschrift der Iliás.

 

Troia als Ideologie-Kultobjekt heute

550 Jahre später besuchen jährlich eine halbe Million Menschen die historischen Stätten in Troja und verschaffen dem türkischen Staat auch damit die notwendige finanzielle Unterstützung für seine Repressions­politik gegen das eigene Volk und vor allem für die von Joschka Fischer geduldeten ethnischen Säuberungen in Kurdistan. Deswegen schlage ich vor, die historischen Stätten zu meiden und statt dessen einen Blick in den hervorragenden Katalogband zur Ausstellung „Troia – Traum und Wirklichkeit“ zu werfen.

Doch bevor ich zu den bibliographischen Angaben zu den Büchern komme, die ich für diese Sendung verwendet habe, möchte ich noch eine Passage aus „Kassandra“ von Christa Wolf vortragen, nicht ohne darauf hinzuweisen, daß voraussichtlich ab Juni [2001] im Sonntags-Radiowecker „Kassandra“ als Fortsetzungs­roman zu hören sein wird. [11]

Wann Krieg beginnt, das kann man wissen, aber wann beginnt der Vorkrieg. Falls es da Regeln gäbe, müßte man sie weitersagen. In Ton, in Stein eingegraben, überliefern. Was stünde da. Da stünde, unter andern Sätzen: Laßt euch nicht von den Eignen täuschen. [12]

Der Trojanische Krieg als Mythos zum Gebrauch in einer gymnasialen Schulbildung hat ausgedient. Noch 1915 beschwor die satirische Zeitschrift Kladderadatsch den Ruhmeskünder Homeros, um die Helden im flandrischen Graben mit dem Vorbild Achill an ihre soldatischen Tugenden zu erinnern. Und Troja ist bis heute in der Kriegs- und Militärge­schichte eine beliebte Quelle metaphorischer oder auch realer Vergleiche.

Wer heute junge Männer für den Dienst an der Waffe gewinnen will, kann beruhigt auf die Kräfte des Marktes schauen. Televisionär werden wir eingeschworen. Krieg als chirurgische Operation, um eine böse Geschwulst, an der wir natürlich völlig unschuldig sind, zu entfernen. Was den einen ihre Karatefilme sind, sind den anderen ihre Pokémons. Oder die Lügen von Joschka Fischer und Rudolf Scharping. Wenn wir es wirklich wissen wollen, dann wissen wir, wann und wo der Vorkrieg beginnt. Er hat begonnen. Längst.

Es ist natürlich kein Zufall, daß der türkische Staatspräsident in seinem Grußwort zur Ausstellung von Kultur als dem wichtigsten Medium der Völkerverständi­gung spricht. Oder sein Ghostwriter. Tatsache ist, daß Kurdinnen und Kurden in der Türkei bis heute die Wahrnehmung ihres kulturellen Erbes immer wieder neu einfordern müssen, weil sie unterdrückt wird. Leider – aber das wäre auch zuviel verlangt – hat keine und keiner der Autorinnen und Autoren des Katalogbandes den Mut gehabt, hier Position zu beziehen. Von Manfred Korfmann, dem derzeitigen Ausgräber Trojas, sind mir solche Äußerungen jedenfalls nicht bekannt. Das eine hat wohl nichts mit dem anderen zu tun. Wirklich nicht?

Wer lieferte und liefert denn die Waffen und das Geld, damit die heutige Türkei weiterhin eine im internationalen Kontext geduldete, wenn nicht gar augenzwinkend geförderte Militärdemo­kratie ist und bleibt? Deutsche Panzer und Sturmgewehre in Kurdistan, deutsche Isolationsgefäng­nisse vom Typ F – das ist doch wohl die Völkerverständi­gung, die der türkische Staatspräsident Ahmet Necdet Sezer in seinem Grußwort meint, wenn er schreibt (oder schreiben läßt):

Kultur ist das wichtigste Medium der Völkerverständi­gung. Die Ausstellung präsentiert allerdings nur einen kleinen Ausschnitt all der unterschied­lichen Zivilisationen, die zum kulturellen Aufbau der modernen und weltoffenen Türkei beigetragen haben. Es steht außer Zweifel, daß die Ausstellung die Aufmerksam­keit der deutschen Bevölkerung auf sich ziehen und damit einen Beitrag zur Weiterentwick­lung der Beziehung zwischen der Türkei und Deutschland leisten wird.

In der Hoffnung, daß Projekte dieser Art von nun an in noch größerem Umfang durchgeführt werden, bedanke ich mich bei allen, die zur Verwirklichung dieser Ausstellung beigetragen haben. Möge der Kulturaustausch mit der Freundschaft zwischen der Türkei und Deutschland weiterhin wachsen und gedeihen.

Ich persönlich finde: in einem Buch, also dem Katalog zur Ausstellung, das wirklich alle Facetten der Faszination Trojas zur Sprache bringt, das in seiner Fundiertheit und wissenschaft­lichen Präsentation hervorragend ist, ein Buch also, das die ganze Geschichte, so weit sie uns heute bekannt ist, versucht zu erzählen – ein solches Buch sollte nicht schweigen, wenn Unrecht auf dem Gebiet geschieht, in dem die Ausgrabungen historischer Stätten, die derzeit in Stuttgart gezeigt werden, stattfinden. Es sollte auch die ganze heutige Geschichte benennen. Alles andere wäre Ideologie, keine Wissenschaft.

 

Zusammenfassung

Alltag und Geschichte – heute mit einer Sendung zum Trojanischen Krieg. Zum Schluß noch einige Angaben zur verwendeten Literatur.

Die vielleicht genaueste und beste Ilias-Übersetzung ins Deutsche stammt von Wolfgang Schadewaldt und ist als Insel-Taschenbuch erschienen. Christa Wolfs Erzählung „Kassandra“ ist im Luchterhand-Verlag erhältlich.

Kurzbesprechung von : Troia – 3000 Jahre Geschichte im Modell, CD-ROM, Konrad Theiss Verlag 2001, DM 29,90

Cover Troia CD-ROMVon Manfred Korfmann und Dietrich Mannsperger ist im Theiss Verlag „Ein historischer Überblick und Rundgang“ zu Troia erschienen; er kostet 29 Mark 80. Empfehlens­wert für diejenigen, die sich nicht den fast 500 Seiten starken Katalogband zur Troia-Ausstellung zulegen wollen.

Wer lieber weniger lesen, sich dafür aber multimedial informieren möchte, für diejenige oder denjenigen ist ebenfalls im Theiss Verlag eine CD-ROM zu Troia erschienen mit dem Untertitel „3000 Jahre Geschichte im Modell“. Was im Katalogband ausführlich dargestellt wird, ist auf der CD-ROM als Stadtmodell mit kurzen inhaltlichen Erläuterungen aus verschiedenen Perspektiven anzuschauen. Leider ist die mir vorliegende CD-ROM nur für PCs, nicht aber für Macs verfügbar. Preis: 29 Mark 90.

Was die CD-ROM bietet, ist ein genereller Überblick quer durch 3000 Jahre trojanischer Siedlungsge­schichte. Mit etwa einhundert verschiedenen Perspektiven und Stadtansichten wird ein Bild von dem vermittelt, wie es in Troja einmal ausgesehen haben mag. Vieles, das sagen Wolfgang Zöller und Rosemarie Ackermann, die die CD-ROM gestaltet haben, auch ganz offen, ist spekulativ. Deshalb gibt es auch verschiedene Varianten möglicher Stadtansichten zu sehen. Aber der Spekulation wird wohldosiert wissenschaft­lich fundiert Einhalt geboten.

Was mich an den Ansichten ein wenig gestört hat, ist zweierlei. Erstens sind die Straßen in guter Darmstädter Knechtel-Manier picobello sauber und zweitens ist es die zum Teil geringe Grafikauflösung, aber vielleicht erwarte ich einfach zuviel von einer Multimedia-CD-ROM. Sie ersetzt keinesfalls den Katalogband, ist aber als Einführung für eher Leseunwillige durchaus nützlich.

Der Begleitband zur Ausstellung „Troia – Traum und Wirklichkeit“ aus dem Theiss Verlag ist auch im Buchhandel erhältlich und kostet dort 69 Mark bzw. ab April nächsten Jahres 42 Euro. Die Ausstellung zu Troia ist noch bis zum 17. Juni [2001] im Forum der Landesbank Baden-Württemberg direkt gegenüber vom Stuttgarter Hauptbahnhof zu sehen, daran anschließend von Juli bis Oktober [2001] in Braunschweig und von November bis Mitte Februar 2002 in Bonn. Öffnungszeiten in Stuttgart: montags von 14 bis 18 Uhr, sonst von 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr.

Und wer noch mehr wissen will, kann im Internet auf der Website www.troia.de oder auf der Internetseite des Troia-Projekts an der Universität Tübingen nachschauen.

Verantwortlich für die Redaktion, Moderation und Technik dieser Sendung war Walter Kuhl.

 

ANMERKUNGEN
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»» [1]   Das ist eine kühne Behauptung, denn es gibt bislang außer einem Siegelfund keinerlei Hinweis auf eine Schriftkultur auf dem Hügel Hisarlık.

»» [2]   Wolfgang Schadewaldt : Ilias, Seite 425–426.

»» [3]   Christa Wolf : Kassandra, Seite 88. In den Zeiten des Sponsorings sei darauf hingewiesen, daß der Fortsetzungs­roman Kassandra zugunsten der lizenzrechtlich notwendigen Abgeltung der Senderechte durch die freundliche Unterstützung des Georg-Büchner-Buchladens, des Buchladens Artemis und des Bessunger Buchladens ermöglicht worden ist. Er war im Sonntags-Radiowecker von Radio Darmstadt zu hören.

»» [4]   Unter der Voraussetzung, daß das griechische Ilios dem in hethitischen Dokumenten Wilusa genannten Königreich entspricht. Diese Gleichsetzung bleibt weiterhin umstritten, obwohl sie über einigen Charme verfügt.

»» [5]   Ich bevorzuge die Schreibweise Chattusa, und nicht Hattusa, Chattuscha oder Hattuscha. Vielleicht könnte mir einmal ein Hethitologe oder eine Hethitologin erklären, welche der vielen Schreib­weisen oder Aussprachen denn nun „richtig“ ist. Das Einzige, was ich bislang dazu gefunden habe, steht im inzwischen doch etwas veralteten Hethitischen Elementarbuch (1. Teil) von Johannes Friedrich, erschienen 1960. Dort heißt es, daß der als š geschriebene Zischlaut „in assyrischer Weise den Laut s“ bezeichnet (§ 27). Der in Umschrift mit ch wiedergegebene Konsonant bezeichnet demnach möglicherweise zwei verschiedene Phoneme – einen stärkeren, nach k neigenden Laut, und einen schwach artikulierten Laut, vielleicht einen einfacher Kehlkopfver­schluß (§ 28).

»» [6]   Die Homerische Frage ist alles andere als entschieden; das Einzige, was immer klarer wird, ist, daß die ihm zugeschriebenen Epen in ihrer mündlichen Tradition ziemlich alt sein müssen.

»» [7]   Joachim Latacz in: Troia – Traum und Wirklichkeit, Seite 29–30.

»» [8]   Troia Seite 32.

»» [9]   Troia Seite 190.

»» [10]   Troia Seite 192.

»» [11]   Siehe auch Anmerkung 1. 2001 war der „Radiowecker“ an sechs Tagen in der Woche eine Produktion des Teams der Ende 2001 grgründeten und Ende 2006 zerschlagenen „Radiowecker-Redaktion“.

»» [12]   Christa Wolf: Kassandra, Seite 78.


Diese Seite wurde zuletzt am 3. Dezember 2010 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2010. Die Aufnahme des mykenischen Goldschmucks stammt von Egbert Kuhl. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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