Der Trojanische Krieg |
Teil 1 |
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Inhaltsverzeichnis |
| Kapitel 1 : Ilias |
| Kapitel 2 : Achill das Vieh |
| Kapitel 3 : Traum oder Wirklichkeit? |
| Kapitel 4 : Oral Poetry und Epische Dichtung |
| Kapitel 5 : Mythen und Legenden |
| Kapitel 6 : Troia als
Ideologie |
| Kapitel 7 : Zusammenfassung |
| Anmerkungen zum Sendemanuskript |
IliasΜηνιν αειδε θεα Πηληιαδεω Αχιληος Den Zorn singe, Göttin, des Peleus So beginnt die Ilias, eines der wichtigsten literarischen Werke des Abendlandes. Die Ilias besingt den zehnjährigen Kampf um Troja, und daraus eigentlich nur 51 Tage des neunten Kriegsjahres. Die Ilias selbst war eingebettet in eine Vielzahl epischer Gesänge, die die Heldentaten und auch die Schurkereien der griechischen Helden zum Thema hatten. Wobei auch das nicht ganz stimmt. Es handelt sich nicht um die Helden des klassischen Griechenland, sondern: die zunächst nur mündlich weitergegebenen Epen entstammten dem Zeitalter der mykenischen Herrschaft des 14. und 13., vielleicht auch noch des 12. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung. Und wir müssen noch genauer sein. Die Ilias gibt nur einen kleinen
Ausschnitt des Kriegsgeschehens wieder: den Zorn des Achill, der vom Atreus- Die Ilias ist die griechische Fassung des Themas. Was uns Trojanerinnen und Trojaner hätten erzählen können, wurde weder besungen noch später aufgeschrieben. Obwohl: eigentlich war Troja eine reiche Stadt mit eigenem Schrifttum und einen eigenem Archiv. Doch dieses haben Griechen und Römer einige Jahrhunderte später wohl ohne es zu ahnen beim Neuaufbau der Stadt ab dem 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung vernichtet. Das Thema der heutigen Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte bei Radio Darmstadt ist der Trojanische Krieg. Zu Troja, oder griechisch korrekter Troia, findet derzeit in Stuttgart eine Ausstellung unter dem Motto Traum und Wirklichkeit statt. Träume und Mythen ranken sich um die Stadt und das von Homer besungene Geschehen. Durch die Ausgrabungen der letzten zwei Jahrzehnte in Troja und Umgebung wissen wir heute aber mehr, was Traum, was Mythos, und was zum Teil überraschende Wirklichkeit ist. Wir können den Trojanischen Krieg auch historisch neu einordnen, ohne bislang nachweisen zu können, daß der von Homer geschilderte Krieg in dieser Weise tatsächlich stattgefunden hat. Durch die heutige Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte bei Radio Darmstadt führt Walter Kuhl. |
Achill das ViehWolfgang Schadewaldt, der 1974 verstorbene Altphilologe und
Literaturwissenschaftler, nennt im Nachwort zu seiner
Ilias mit einem Wort: die auch in späterer griechischer Poesie nicht mehr erreichte Naivität Homers, die auf uns heute auf den ersten Blick vielfach befremdend wirken mag. [Seite 425426] Christa Wolf holt die epische Verklärung der zumeist männlichen Altphilologen wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. In ihrer Erzählung Kassandra läßt sie die trojanische Seherin über den Helden der Ilias sagen: Dann kam Achill das Vieh. Des Mörders Eintritt in den Tempel, der, als er im Eingang stand, verdunkelt wurde. Was wollte dieser Mensch. Was suchte er bewaffnet hier im Tempel. Gräßlichster Augenblick: Ich wußte es schon. Dann lachte er. Jedes Haar auf meinem Kopf stand mir zu Berge, und in die Augen meines Bruders trat der reine Schrecken. Ich warf mich über ihn und wurde weggeschoben wie ein Ding aus Nichts. Wie näherte sich dieser Feind dem Bruder. Als Mörder? Als Verführer? Ja gab es das denn: Mörderlust und Liebeslust in einem Mann? Durfte unter Menschen das geduldet werden? Des Opfers starrer Blick. Das tänzelnde Herannahen des Verfolgers, den ich jetzt von hinten sah, ein geiles Vieh. Das Troilos, den Knaben, bei den Schultern nahm, das ihn streichelte den wehrlosen, dem ich Unglückselige den Panzer abgenommen hatte! ihn befingerte. Lachend, alles lachend. Ihm an den Hals griff. An die Kehle ging. Die plumpe kurzfingrige haarige Hand an des Bruders Kehle. Pressend, pressend. Ich an des Mörders Arm gehängt, an dem die Adernstränge vortraten wie Schnüre. Des Bruders Augen aus den Höhlen quellend. Und in Achills Gesicht die Lust. Die nackte gräßliche männliche Lust. Wenn es das gibt, ist alles möglich. Es war totenstill. Ich wurde abgeschüttelt, spürte nichts. Nun hob der Feind, das Monstrum, im Anblick der Apollon Christa Wolf läßt in ihrer Erzählung Kassandra nicht nur
die trojanische Seite zu Wort kommen, sondern übt über ihre
mythisch Selbstverständlich nicht halb so ehrenhaft, wie es die mythologische Vorlage Homers ideologisch vorgab. Wobei wenn wir die Ilias und erst recht die Odyssee genau betrachten, dann bleibt nicht viel Ehrenhaftes übrig. Ehre ist dann nichts anderes als die Umschreibung für legitimierten Massenmord. Und dann ist der Unterschied zu den modernen Mythen der einsamen Kämpfer für Gerechtigkeit gar nicht einmal so groß. Egal, ob im Western oder im Weltraum, in Polizei oder Karatefilmen: Gerechtigkeit und Ehre finden immer im Rahmen eines inszenierten Blutbades statt Mann gegen Mann. Die Auswirkungen der vielen als normal hingestellten Tötungsakte auf die geistige Grundhaltung der meist männlichen Zuschauer können wir nur erahnen. Wir müssen davon ausgehen, daß hier eine gesellschaftlich vorgegebene männliche Norm massiv verstärkt wird. Mann nimmt sich, was er haben will, und er findet immer einen Grund, eine Legitimation. Und das war im klassischen Griechenland sicher nicht anders. Bei Homer fanden sich genügend Leitbilder. Und die davon ausgehende Kulturgeschichte des Abendlandes verdeutlicht uns die gesellschaftliche Bedeutung massenhaften Tötens als unhinterfragte zivilisatorische Norm. |
Traum oder Wirklichkeit?War Troja ein Paradies, das die griechischen Barbaren zerstörten? Wohl
kaum. Obwohl auf einer jüngst erschienenen
Multimedia Troia Traum und Wirklichkeit, das ist auch der Titel der derzeit in Stuttgart zu sehenden Ausstellung über Troja und seine Ausstrahlung bis heute. Zu dieser Ausstellung ist im Stuttgarter Theiss Verlag ein Katalogband erschienen, der soweit ich das beurteilen kann alles enthält, was wir heute über das wirkliche Troja wissen. Hinzu kommen Ideologie und Wirkungsgeschichte eines griechischen Mythos eben des Trojanischen Krieges. Wer also aus welchen Gründen auch immer die Ausstellung nicht besuchen kann oder auch nicht will, hat mit diesem Buch ein Werk vorliegen, das seinesgleichen sucht. Und im Vergleich zur wissenschaftlichen Fachliteratur zeigt sich die Fähigkeit der Autorinnen und Autoren, komplizierte Sachverhalte in einer Weise darzustellen, die gleichermaßen lesbar wie verständlich sind, ohne populärwissenschaftliche Abstriche am Gehalt der Aussagen machen zu müssen. Im Verlauf dieser Sendung werde ich daher immer wieder auf diesen Katalogband zur Ausstellung zurückkommen. Doch zunächst noch ein paar Worte zur Aussprache. Wir sind im deutschen Sprachgebrauch gewohnt, von Achill statt von Achilleus und von Troja statt von Troia zu sprechen. Soweit ich zitiere, spreche ich im Folgenden den Namen Troia aus, soweit es mein eigener Text ist, bleibe ich bei Troja. Vielleicht sollten wir uns aber daran gewöhnen, von Troia zu reden. Dasselbe gilt im Prinzip für Homers Ilias, die auf Griechisch Iliás heißt. Usw. Doch nun zur Trojas Geschichte. In der Umgebung des späteren Troja siedelten die ersten Menschen vor etwa 7000 bis 8000 Jahren. Vor etwa 5000 Jahren wurde ein damals noch direkt am Meer gelegener Hügel besiedelt, der im Verlauf von weiteren zweitausend Jahren in etwa 50 Bauphasen zu einer Metropole der damaligen Welt im Mittelmeerraum ausgebaut wurde. Wir kennen nicht nur den griechischen Namen dieser Stadt Troia , sondern haben zumindest eine Ahnung davon, wie die Bewohnerinnen und Bewohner ihre Stadt genannt haben könnten: Trowisa oder Truwisa. Troja war keine griechische Stadt, auch keine der frühen Griechen der mykenischen Kultur. Troja und das sind immer sicherere Erkenntnisse der letzten zehn Jahre war eine Stadt, die zum anatolischen Kulturkreis gehörte. Ob und inwieweit diese Stadt im Verlauf der Jahrhunderte selbständig war oder zu anderen kleineren oder größeren Reichen gehörte, muß sich noch erweisen. Sicher ist, daß Troja im 13. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung zum hethitischen Großreich gehörte. Darauf komme ich gleich noch zurück. Troja war auch nach dem mykenischen Zeitalter, in dem laut Homer der Trojanische Krieg stattfand, noch zweihundert Jahre besiedelt und wurde dann aufgegeben. Nach Alexanders Eroberungszug gegen das Persische Reich wurde Troja als heilige Stadt Ilion wieder aufgebaut, entwickelte sich aber erst unter römischer Herrschaft zu einem kleinerem lokalen städtischen Zentrum. Kaiser Constantinus plante zunächst, seine Hauptstadt von Rom nach Ilion bzw. römisch Ilium zu verlegen, entschied sich dann aber für Byzantion, das er in Konstantinopolis umbenannte. Ab dem 14. Jahrhundert war Troja nicht mehr besiedelt, bis Heinrich Schliemann dort 1870 zu graben anfing. Troja liegt am Hellespont, an der Meerenge zwischen Ägäischem und
Schwarzem Meer. Die Einfahrt zu dieser Meerenge hatte zumindest
für antike Segel- und Ruderschiffe ihre Tücken. Die vorherrschende
Windrichtung ist ein Nordostwind, gegen den wegen der starken
Meeresströmung vom Schwarzen Meer in Richtung Ägäis auch nicht
angerudert werden konnte. Das heißt: Schiffe, die aus der Ägäis ins
Schwarze Meer fahren wollten, mußten den Hafen im Südwesten Trojas
anlaufen und warten, bis der Wind sich drehen würde. Und das konnte dauern.
Aus dieser speziellen geographisch Dazu muß man und frau wissen, daß ein alternativer Warentransport über Land nicht in Frage kam, da erstens kein gut ausgebautes Straßennetz bestand und zweitens ein Transport über Land mehr als 50 mal teurer war. Die enorme Gewinnspanne bei einem Seetransport ließ auch einen mehrmonatigen Aufenthalt bei oder in Troja verschmerzen. Troja wurde als Burg gut befestigt, aber offensichtlich auch mehrfach angegriffen und erobert. Eine dieser Eroberungen dürfte sich mythologisch in Homers Ilias und verwandten Epen niedergeschlagen haben. Einen direkten archäologischen Beleg für den Trojanischen Krieg besitzen wir jedoch bis heute nicht. Andererseits sind die Schilderungen Homers dermaßen plastisch und wie heute archäologisch nachgewiesen genau, daß dem Mythos eine reale Gegebenheit zugrunde liegen könnte. Die historische Grundkonstellation zu Beginn des 13. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung ist folgende: Auf dem Gebiet der heutigen Türkei (mit Ausnahme der Nordküste) existiert das Großreich der Hethiter, das im ausgehenden 14. Jahrhundert bis nach Syrien und in den Libanon expandierte und politisch und militärisch dem Ägypten der Pharaonen ebenbürtig war. Ende des 14. Jahrhunderts wird das Reich Arzawa mit der Hauptstadt Abasa, dem späteren griechischen Ephesos, an der heutigen türkischen Westküste erobert und Troja liegt somit direkt im Interessengebiet der Hethiter. Im heutigen Griechenland besteht die mykenische Kultur, die nach dem
Machtzentrum Mykene bzw.
Seit dem Auffinden der hethitischen Hauptstadt Chattusa [2] Anfang des 20. Jahrhunderts wurden immer wieder Tontafeln
aus dem königlichen Archiv gefunden, die auf einen mächtigen Gegner im
Westen verwiesen das Volk der Achchija oder Achchijawa. Der
Verdacht lag nahe, daß es sich um die Achäer Homers handelte; aber der
wissenschaftliche Streit überdauerte Jahrzehnte, und erst seit kurzem gilt die
Gleichung Achchijawa = Das ganze bekommt nun folgende pikante Note. Bei der Eroberung Arzawas flieht ein Teil der königlichen Familie zu den Achchijawa und versucht von dort aus die Rückeroberung des Landes. Die dadurch verursachten Nadelstiche waren so schmerzhaft, daß der hethitische Großkönig Chattusili II. seinem Kollegen in Griechenland einen Brief schickte, mit der Bitte, dafür zu sorgen, daß die Plünderungen an der Westflanke des Hethiterreiches aufhörten. Der angesprochene König von Achchijawa wird hierbei ausdrücklich als gleichrangiger Großkönig angeredet und hat nach hethitischer Schreibweise einen Bruder namens Tawaglawa, dessen griechische Entsprechung Eteokles lautet ein Name, der für die mythische griechische Frühzeit belegt ist. Einer dieser geflohenen Mitglieder der arzawischen Königsfamilie mischte sich auch das ist durch Urkunden belegt in die inneren Angelegenheiten eines Landes Wilusa mit seinem König Alaksandu ein. Wilusa ist der nächste strittige Name auf der Liste; denn schon direkt nach dem Auffinden des Vertrages in hethitischer Keilschrift wurde gemutmaßt, daß es sich bei Wilusa um das von Homer auch Ilion genannte Troia handelt; das Epos heißt ja auch Iliás. Oder eigentlich sogar Wiliás, das W ist in den meisten griechischen Dialekten später verschwunden. Wobei noch hinzuzufügen ist, daß Homer sowohl von Ilion als auch von
Troia spricht, ohne daß erkennbar wird, warum dieselbe Stadt zwei Namen
trägt. Hierzu gibt es allerdings eine Entsprechung im königlichen
hethitischen Zentralarchiv: die Hauptstadt des Landes Wilusa wird mal Wilusa und
mal Truwisa genannt. Mögen bei Homer noch metrische Gründe bei der
epischen Komposition in Hexameter Auch der Name Alaksandu ist für die homerische Ilias
wohlbelegt denn Paris, der Räuber der Helena, hieß
eigentlich
Alaksandu wäre demnach ein griechischer Name eines trojanischen Königs. War Troja dann doch eine griechische Siedlung? Vieles spricht dagegen. Andere uns bekannte Namen trojanischer Könige lassen darauf schließen, das die trojanische Oberschicht kleinasiatischen Ursprungs war und daß der griechische Name daher herrühren könnte, daß Alaksandus Mutter möglicherweise eine eingeheiratete mykenische Griechin war. Aber das ist zunächst nur Spekulation. Alaksandu jedenfalls schloß einen Vertrag mit den Hethitern und trat, um seine Herrschaft zu sichern, dem hethitischen Reich bei. Hethitische Verträge zeichnen sich durch ein bestimmtes Grundmuster aus so wie heutige Verträge auch. Hierzu gehört die Anrufung der Eidesgötter, und einer dieser Götter ist ein gewisser Apaliunas, in dem wir unschwer den auch bei Homer bezeugten trojanischen Stadtgott Apollon wiedererkennen können. |
Oral Poetry und Epische DichtungDie Paläste Achchijawas der Mykene Bis vor kurzem ging man und frau davon aus, daß die sogenannten Seevölker, wahrscheinlich eine Völkerwanderungswelle um 1200, alle Königreiche von Mykene über Troja und das Hethiterreich bis kurz vor Ägypten zerstört hätten. Aber es mehren sich immer mehr Zeichen dafür, daß diese Seevölker nur eine kurze Episode waren das Leben ging weiter. Nur, daß eben nichts mehr auf Tontafeln registriert wurde, sondern wahrscheinlich auf leicht vergänglichem Material wie Holz oder Leder. Die dunklen Jahrhunderte Griechenlands und Anatoliens rühren demnach nicht daher, daß es nichts zu berichten gab, sondern daß die Berichte verloren gegangen sind. Woher hatte dann Homer seine Quellen? Homer lebte wenn er denn
gelebt hat [3] etwa 500 Jahre nach dem
mythischen Trojanischen Krieg. Hatte er Zugang zu Archivquellen, die für uns
verloren sind? Oder schöpfte er aus ganz anderen
mündlichen Quellen? Joachim Latacz beschreibt unsere
Quellenlage dazu, wie Homer zu seiner Ilias kam, im Begleitkatalog zur
Troja Wir wissen, daß die Griechen schon im 16. Jahrhundert v. Chr. die prinzipiell gleiche Form des mündlich improvisierten Hexametergesanges pflegten, wie wir sie heute noch in unserem Homer erkennen können. Dieser Hexametergesang war von Anfang an nichts Volkskunsthaftes, sondern eine reflektierte Wortkunstform, die mit der Oberschicht verbunden war. Ihr Thema waren weder Märchen noch Privatgeschichten. Was sie erzählte, rühmte, unvergeßlich machen wollte, das waren große Taten Taten des Adels von nationaler und internationaler Bedeutung. Solche Taten aufzugreifen warteten die Sänger nicht erst lange ab. In einer Zeit, die keine anderen Medien kannte, war der Hexametergesang die Zeitung. Je heller die Verhältnisse im mediterranen Großraum der Spätbronzezeit dank der vereinten Forschungsbemühungen aller Altertumswissenschaften heute jährlich werden, desto deutlicher zeichnet sich die Wahrscheinlichkeit ab, daß griechische Hexametersänger der mykenischen Zeit gerade auch die Unternehmungen der mykenischen Machtzentren nach Übersee besangen. [ ] Konflikte zwischen Chattusa und Achijawa, wie sie im hethitischen Material etwa 200 Jahre lang [ ] belegt sind, können an der mykenischen Hexameterdichtung nicht spurlos vorbeigegangen sein. Sie werden den Kern der Troia Dieser Kern ist dank der Konservativität des Genres und dank dem Normierungszwang des fest gefügten Transportmittels Hexameter mit seiner metrischen Unveränderbarkeit von Namen und an den Namen hängen die Geschichten durch die Jahrhunderte hindurchgewandert kondensiert, erweitert, modifiziert, um je Zeitgemäßes neu bereichert usw. Als die Griechen um 1050 v. Chr. erneut nach Kleinasien hinübergriffen (diesmal stand kein Großreich mehr im Wege), nahmen sie mit allen anderen Geschichten auch die Troia Ist das glaubhaft? Nun, wer sich einmal ein bißchen mit oral poetry beschäftigt hat, weiß, wie gerade längere Dichtungen oder Gesänge mit recht wenigen Veränderungen jahrhundertelang tradiert werden können. Es gibt zwar Kniffe wie Formeln, die an bestimmten Stellen des Versmaßes immer passen, wenn der Dichter oder Sänger gerade mal nicht weiterwußte, aber vor allem müssen diese Sänger und Dichter ein sagenhaftes Gedächtnis gehabt haben. Nehmen wir einmal an, ein Sänger gibt einen der 24 Gesänge der Iliás an seinen Nachfolger weiter dann reicht ein einmaliger Vortrag, und der Gesang wird mit einer Fehlerquote von vielleicht einem Prozent exakt nacherzählt. Geschichten mögen also je nach Bedürfnis verkürzt oder ausgeschmückt worden sein. Aber das Grundgerüst der epischen Dichtung war gegeben und konnte weiter vermittelt werden. Auch Homer macht davon Gebrauch, wenn er Fragmente anderer epischer
Erzählungen in Rückblicken oder Genealogien einzelner Helden
einfließen läßt. Insofern war jeder Vortrag ein Unikat; und die
Iliás, wie wir sie aus dem klassischen Griechenland kennen, war nur eine von
mehreren überlieferten Fassungen. Daß wir gerade diese Fassung, die wir
kennen, als Original betrachten, hat damit zu tun, daß im klassischen Athen eine
von vielen Iliás Die Iliás, die wir heute kennen, ist also nicht im 13. oder 12. Jahrhundert entstanden, sondern das Ergebnis von mehreren hundert Jahren Bearbeitung einer im Kern korrekt überlieferten Geschichte. Und Homer muß entweder Troja besucht haben oder Gewährsleute gehabt haben, die ihm die Geographie von Stadt und Umland geschildert haben. Es handelt sich nämlich nicht um eine der vielen Heldengeschichten, die auf einen mythischen Platz verlegt wurde, sondern um ein Epos, das von einem realen Troja gehandelt hat. Nur wissen wir eben nicht, wann dieses Ereignis stattgefunden hat. Wir können nur Vermutungen anstellen. Und es spricht durchaus einiges für das Datum 1183, das schon im klassischen Griechenland die Zerstörung Trojas markierte. Und seit einigen Jahren wissen wir auch, daß Homer sich in der Größe und Bedeutung der Stadt nicht geirrt hat. Neben dem schon länger bekannten Burgberg wurde systematisch eine Unterstadt ermittelt, wenn auch nur zu einem kleinen Teil ausgegraben, die den Größenangaben Homers durchaus entspricht. |
Mythen und LegendenAber nicht nur die Griechen hatten ihre Helden und Mythen. Das Schicksal der Trojaner wurde seltsamerweise mit dem Gründungsmythos der Stadt Rom verknüpft. Romulus und Remus sollen demnach den Trojaner Aeneas als Vorfahren gehabt haben, der nach Trojas Zerstörung übers Meer nach Italien geflohen sein soll. Der römische Dichter Vergil machte seine Aeneis zu Beginn der Regierungszeit des Kaisers Augustus zum römischen Nationalepos. Aber Vergil schöpfte aus wesentlich älteren Überlieferungen. Rom selbst war eine etruskische Gründung; und gerade die Etrusker leiteten ihre Herkunft aus Kleinasien, insbesondere aus Troja ab. Troja und der Trojanische Krieg wurden im Verlauf der Jahrhunderte mehrfach ideologisch verklärt und für eigene Zwecke eingespannt. 547 vor unserer Zeitrechnung unterwerfen die Perser die griechischen Städte und Kolonien an der Ostküste des Ägäischen Meeres, und zwischen 492 und 479 versuchen sie mehrfach, das griechische Festland zu erobern. Der erste griechische Geschichtsschreiber Herodot sieht um 425 diese persische Aggression als Fortsetzung eines uralten Dauerkonflikts zwischen Griechenland und Asien. Trojas Untergang führt er auf die frevelhafte Selbstüberschätzung der Orientalen zurück, der auch die Perser mit ihren Niederlagen 490, 480 und 479 zum Opfer gefallen seien. Das seit der persischen Niederlage auch moralisch-politische Überlegenheitsgefühl der Griechen gegenüber dem Osten war vor Herodot schon in Aischylos' Persern [uraufgeführt 472 in Athen, W.K.] deutlich geworden, wo die persische Hybris der eigenen [Stadt] (Athen) als mahnendes Beispiel vorgehalten wird. [Troia Seite 32] Die anderen waren eben die Barbaren, die nicht einmal richtig Griechisch konnten. Und wenn sie versuchten, das Kulturvolk der Griechen zu unterwerfen, so war das einfach nur überheblich. Alexander der Große hingegen verstand sich als Rächer der griechischen Sache, und so opferte er zu Beginn seines Feldzuges gegen Persien den griechischen Heroen des Trojanischen Krieges an historischer Stätte. Alexander hatte sein Vorbild im Perserkönig Xerxes, der zu Beginn seines Feldzuges 480, der zur Niederlage bei Salamis führte, bewußt an die Trojanische Tradition anknüpfte als deren Rächer. Aber auch Jahrhunderte später wurde Troja ideologisch vom Adel des europäischen Mittelalters benutzt: Im Mittelalter wurden die Geschichten vom Trojanischen Krieg und seinen Folgen hoch geschätzt, man erzählte sie immer wieder und immer neu [...]. Am Stoff faszinierten Hörer und Leser vor allem die exotische Ferne des Geschehens und die heroischen Waffentaten. [Troia Seite 190] Wer hätte das gedacht? Am Krieg berauschen sich die Mächtigen gerne. Vor allem, wenn ihre Untertanen dafür bluten müssen. Erinnern wir uns nicht an Joschka Fischer, der über den Farbbeutel jammerte, der ihn traf, als durch seine Entscheidung gezielt zivile Ziele in Jugoslawien bombardiert wurden? Doch zurück zum Mittelalter: Der Kriegsruhm bedeckte im Andenken die Niederlage der Troianer, denen im westlichen Mittelalter die Sympathien vor den siegreichen Griechen gehörten. Auf Troia berief sich aber auch gern, wer nach dem Vorbild Caesars und Roms hohes Alter, vornehmste Abkunft und monarchische Herrschaft [behauptete]. Schon der Kirchenvater Hieronymus [ ] bescheinigte seiner Brieffreundin Paula aus Rom, ihr Stammbaum reiche zu Agamemnon zurück der Führer der Griechen im Troianischen Krieg , der ihres Gemahls aber zu Aeneas selbst. Ebenso haben im Mittelalter ungezählte Adlige und Adelsgeschlechter in den Troianern ihre Ahnen gesehen oder sehen gelernt, auch in solchen Teukrern, deren Namen als Flüchtlinge in der alten Mythologie nicht verbürgt sind. Zu ihnen gehören die fränkischen Merowinger und Karolinger, dann die französischen Kapetinger und Valois, im römisch- - und noch einige andere mehr. Mit den Fakten nahm man es nicht so genau, und das störte auch kaum jemanden. Aber um den Bogen wiederaufzunehmen, der den Trojanischen
Krieg in eine Abfolge von Kämpfen zwischen Griechenland und Asien stellte:
Der osmanische Herrscher Mehmet II., der 1453 Konstantinopel eroberte,
betrachtete sich als letzter Trojaner und als derjenige, der die Verbrechen der
Griechen gerächt habe. Mehmet II. war übrigens gut bewandert in
griechisch |
Troia als Ideologie
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ZusammenfassungAlltag und Geschichte heute mit einer Sendung zum Trojanischen Krieg. Zum Schluß noch einige Angaben zur verwendeten Literatur. Die vielleicht genaueste und beste Ilias Von Manfred Korfmann und Dietrich Mannsperger ist im Theiss Verlag Ein historischer
Überblick und Rundgang zu Troia erschienen; er kostet
29 Mark 80. Empfehlenswert für diejenigen, die sich nicht den fast
500 Seiten starken Katalogband zur Troia Wer lieber weniger lesen, sich dafür aber multimedial informieren
möchte, für die oder denjenigen ist ebenfalls im Theiss Verlag eine Was die Was mich an den Ansichten ein wenig gestört hat, ist zweierlei. Erstens sind
die Straßen in guter darmstädter Knechtel Der Begleitband zur Ausstellung Troia Traum und Wirklichkeit aus dem Theiss Verlag ist auch im Buchhandel erhältlich und kostet dort 69 Mark bzw. ab April nächsten Jahres 42 Euro. Die Ausstellung zu Troia ist noch bis zum 17. Juni [2001] im Forum der
Landesbank Baden Und wer noch mehr wissen will, kann im Internet auf der Website www.troia.de oder auf der Internetseite
des Troia Verantwortlich für die Redaktion, Moderation und Technik dieser Sendung war Walter Kuhl. |
| ANMERKUNGEN |
| [1] Christa Wolf :
Kassandra, Seite 88. In den Zeiten des Sponsorings sei darauf hingewiesen,
daß der Fortsetzungsroman Kassandra zugunsten der lizenzrechtlich
notwendigen Abgeltung der Senderechte durch die freundliche Unterstützung
des Georg |
| [2] Ich bevorzuge die Schreibweise Chattusa, und nicht Hattusa, Chattuscha oder Hattuscha. Vielleicht könnte mir einmal ein Hethitologe oder eine Hethitologin erklären, welche der vielen Schreibweisen oder Aussprachen denn nun "richtig" ist. Das Einzige, was ich bislang dazu gefunden habe, steht im inzwischen doch etwas veralteten Hethitischen Elementarbuch (1. Teil) von Johannes Friedrich, erschienen 1960. Dort heißt es, daß der als š geschriebene Zischlaut "in assyrischer Weise den Laut s" bezeichnet (§ 27). Der in Umschrift mit ch wiedergegebene Konsonant bezeichnet demnach möglicherweise zwei verschiedene Laute einen stärkeren, nach k neigenden Laut, und einen schwach artikulierten Laut, vielleicht einen einfacher Kehlkopfverschluß (§ 28). |
| [3] Die Homerische Frage ist alles andere als entschieden; das Einzige, was immer klarer wird, ist, daß die ihm zugeschriebenen Epen in ihrer mündlichen Tradition ziemlich alt sein müssen. |
| [4] siehe Anmerkung [1] |
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