Geschichte

Die Kunst des Aufstands

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
Sendung :
Geschichte
Die Kunst des Aufstands
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Montag, 8. November 2004, 17.00–18.00 Uhr
 
wiederholt am :
Montag, 8. November 2004, 23.10–00.10 Uhr
Dienstag, 9. November 2004, 08.00–09.00 Uhr
Dienstag, 9. November 2004, 14.00–15.00 Uhr
 
 
Besprochene und benutzte Bücher :
  • Pierre Broué : Trotzki, Neuer ISP Verlag
  • Trotzki Schriften, Band 3.3 : Linke Opposition und IV. Internationale, Neuer ISP Verlag
  • Leo Trotzki : Geschichte der russischen Revolution, Fischer Verlag
 
 
URL dieser Seite : http://www.waltpolitik.powerbone.de/herstory/ge_trotz.htm
 
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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung
Kapitel 2 : Literarische Verarbeitung
Kapitel 3 : Lebensweg und Lebenswerk
Kapitel 4 : Opposition
Kapitel 5 : Revolutionäre Kunst
Kapitel 6 : Schluß
Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

Vor ziemlich genau 87 Jahren, am 7. November 1917, oder nach der im damaligen Rußland noch verbreiteten julianischen Zeitrechnung am 25. Oktober, übernahmen die Bolschewiki im damaligen Petrograd, später Leningrad und heute wieder Sankt Peter(s)burg, die Macht. 38 Jahre zuvor, am 7. November bzw. 25. Oktober 1879 kam im ukrainischen Janowka Leo Trotzki alias Lew Dawidowitsch Bronstein zur Welt. Trotzki ist ohne die Oktoberrevolution genauso wenig denkbar, wie die Russische Revolution von 1917 ohne Trotzki. Beide verbindet nicht nur das Datum, sondern auch der Versuch, die kapitalistische Weltordnung zu stürzen.

Natürlich wird Trotzki in den Oktober– und Novembertagen des Jahres 1917 nicht an seinen 38. Geburtstag gedacht haben. Jahrestage sind etwas für Chronisten, die sich ihres eigenen Standpunktes vergewissern wollen; Geburtstage etwas für Familienfeste, um zusammenzuhalten und zusammenzubringen, was oftmals gar nicht oder nicht mehr zusammengehört.

Warum dann heute, einen Tag zu spät, oder – in der Wiederholung am Dienstag – sind es gar zwei, eine Sendung über Leo Trotzki und die Oktoberrevolution? Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen ist trotz des inzwischen längst gescheiterten Versuchs, die Welt aus den kapitalistischen Angeln zu heben, die grundlegende Frage nicht entschieden. Wie kann eine Weltordnung, die dermaßen absurd, wahnwitzig, verschwenderisch und gleichzeitig mörderisch ist wie die, in der wir leben, abgelöst werden durch eine Welt, in der Ausbeutung und Hunger, Entfremdung und Massenmord ersetzt werden durch Solidarität und Menschlichkeit?

Diese Fragestellung war im Rußland des Jahres 1917 zentral. Die Bolschewiki waren die einzigen, die vorbehaltslos und konsequent die Interessen der meisten Menschen des Landes vertraten. Drei Parolen genügten, um dies auszudrücken: Brot, Land und Frieden.

Der andere Grund für eine solche Sendung ist nicht so weltbewegend – und dennoch von Bedeutung. Denn Trotzki ist eine der umstrittensten Figuren der Geschichte des Kommunismus, gerade weil seine Gegnerinnen und Gegner, nicht nur die des bürgerlichen Lagers, die sowieso, sondern die aus den stalinisierten kommunistischen Parteien kein Mittel der Verleumdung und der Verfolgung ausgelassen haben, um Trotzki und seine politischen Positionen zu schmähen, und seine Anhängerinnen und Anhänger mundtot zu machen. Trotzki selbst starb am 21. August 1940, ermordet von einem Agenten Stalins, im Exil in Mexiko.

 

Literarische Verarbeitung

Trotzkis Schriften wie auch die vor rund 40 Jahren geschriebene dreibändige Biographie von Isaac Deutscher sind heute nur noch schwer erhältlich. Der Kohlhammer Verlag sieht keine Veranlassung, die drei Bände neu aufzulegen, obwohl sie vom literarischen Standpunkt aus brillant geschrieben und vom historischen Standpunkt aus trotz einiger neuerer Erkenntnisse immer noch lesenswert sind. Bei Suhrkamp erschien Anfang der 80er Jahre eine Anthologie mit Texten Leo Trotzkis unter dem Titel Denkzettel. Wahrscheinlich überflüssig zu erwähnen, daß auch dieser in sein Denken einführende Sammelband nicht wieder aufgelegt worden ist.

Schwerwiegender ist, daß einige der wichtigsten bei Fischer in den 80er Jahren neu aufgelegten Werke nicht mehr verfügbar sind, etwa Trotzkis Autobiographie oder seine bis heute unerreichte Geschichte der russischen Revolution. Nicht nur, daß einer der Hauptakteure sich und der Nachwelt Rechenschaft über sein Tun abgelegt hat, macht dieses Werk einzigartig. Hinzu kommt, daß Trotzki wie nur wenige in der Lage war, Geschichtsschreibung als eine theoretische Aufgabe zu begreifen, die begründet, warum ein bestimmtes historisches Ereignis so ablaufen mußte, wie es abgelaufen ist. Auch Geschichtsschreibung ist eine Wissenschaft, die bestimmte Gesetze erforscht und auf den Lauf der Dinge anzuwenden versteht. Ich werde deshalb im Verlauf dieser Sendung aus einem zentralen Kapitel des Buches einige Passagen vortragen. Das Kapitel trägt den Titel Die Kunst des Aufstandes.

Trotzki war jedoch nicht nur Akteur, Politiker, Biograph, Historiker und Schriftsteller. Wie nur wenige Sozialisten und Kommunistinnen seiner Zeit hat er nicht nur die Gedanken von Karl Marx, etwas vereinfacht als historischer und dialektischer Materialismus bezeichnet, verstanden, sondern sie auch in Theorie und Praxis jederzeit neu und originell anzuwenden gewußt. Die einzige Marxistin der damaligen Zeit, die in Theorie, Praxis und Originalität mithalten kann, ist Rosa Luxemburg gewesen.

Deshalb sind die Schriften Trotzkis sowohl zum Verständnis der damaligen Zeit ein wichtiges Zeugnis, aber auch eine Inspiration, die Dinge genauer zu betrachten, zu analysieren und auf dieser Grundlage dann auch einzugreifen und politisch zu handeln. Leider sind sie derzeit nur in verstreuten Ausgaben trotzkistischer Kleinverlage erhältlich oder teilweise auch im Internet online zu lesen. Dies macht die Auseinandersetzung mit diesem Werk nicht einfacher.

Zum 125. Geburstag Leo Trotzkis werde ich daher die zweibändige Biographie von Pierre Broué vorstellen, die 1988 auf Französisch erschien und letztes Jahr als Übersetzung im Kölner Neuer ISP Verlag herausgebracht worden ist. Dieser Verlag führt zudem die zunächst bei Rasch & Röhring publizierte Werksausgabe der Schriften Leo Trotzkis fort. 2001 ist der bislang letzte Band mit Schriften aus den Jahren 1928 bis 1934 herausgekommen. Hierin geht es um die Linke Opposition gegen Stalin und die von ihm abhängigen Kommunistischen Parteien, sowie um den Aufbau einer IV. Internationale. Beide Bände werde ich in dieser Sendung vorstellen, weil mit ihnen das Leben und Werk eines außergewöhnlichen Menschen beleuchtet werden kann.

Für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt ist am Mikrofon Walter Kuhl.

 

Lebensweg und Lebenswerk

Besprechung von : Pierre Broué – Trotzki, Eine politische Biographie, 2 Bände, Neuer ISP Verlag 2003, beide Bände zusammen € 90,00

Leo Trotzki wurde 1879 im ukrainischen Janowka geboren. Sein Vater war ein jüdischer Kleinbauer, der im Laufe der Zeit immer größere Flächen Land pachtete und einen bescheidenen Reichtum durch harte Arbeit und die Ausbeutung saisonaler Arbeitskräfte erwarb. Der junge Leo wurde früh in die Großstadt Odessa zur Schule geschickt und fand dort später Kontakt zu revolutionär gesinnten Mitschülerinnen und Mitschülern. 1898 wurde Trotzki verhaftet und landete nach einer längeren Odyssee zum ersten Mal in der Verbannung in Sibirien. Dort hielt es ihn nicht lange und er flüchtete. In Westeuropa fand er Anschluß an die russische Sozialdemokratie im Exil, und dort traf er Lenin. 1905 brach in Sankt Peter(s)burg die erste russische Revolution aus, und Trotzki fand schnell den Weg zurück. Das Eigentümliche an dieser ersten Revolution in Rußland war die Errichtung von Räten, Sowjets; und Trotzki wurde Vorsitzender des wichtigsten von ihnen in der damaligen Hauptstadt Sankt Peter(s)burg. Diese erste Revolution wurde durch massive Repression unterdrückt, doch Trotzki wußte, daß noch ein weiterer Faktor zur Erklärung des Scheiterns dieser Revolution hinzukam: es fehlte die Unterstützung der Bauernschaft.

Trotzki - Eine politische Biographie, Teil 1Trotzki wurde wie vielen anderen Revolutionären der Prozeß gemacht. In einer aufsehenerregenden Verteidigungsrede griff er das zaristische Regime an und erklärte die Revolution für notwendig und richtig. Wieder wurde er nach Sibirien verbannt und wieder floh er. Die Jahre bis zum 1. Weltkrieg verbrachte er in der Emigration; und das bedeutete nicht zuletzt Emigrantengezänk. Der 1. Weltkrieg war ein Wendepunkt. Mit Lenin, den er zuvor heftig bekämpft hatte, war er sich einig darin, daß der Krieg das Vorspiel zur Revolution sei. Die Ereignisse des Jahres 1917 sollten ihnen Recht geben.

Die Februarrevolution 1917 kam dennoch unerwartet. Ausgerechnet die Petrograder Frauen brachten am internationalen Frauentag das zaristische Regime ins Wanken. Der Zar dankte ab und es entstand wieder etwas sehr Eigentümliches – nämlich das Regime der Doppelherrschaft. Die bürgerlichen Kräfte versuchten, Rußland auf den Weg zu einem halbwegs demokratisierten Kapitalismus zu führen, während überall im Land Arbeiter– und Soldatenräte entstanden. Und noch etwas war anders als 1905: die Bäuerinnen und Bauern rebellierten, sie besetzten das Land und vertrieben die Gutsbesitzer. Das ganze Land war in Aufruhr.

Die Auseinandersetzungen der sozialistischen Emigrantenszene spiegelten sich in den Fraktionskämpfen während des Jahres 1917 im revolutionären Rußland wieder. Die Menschewiki unterstützten die Versuche der nur rudimentär vorhandenen bürgerlichen Klasse, eine kapitalismuskonforme Herrschaft zu errichten. Die Bolschewiki radikalisierten die Massen oder wurden von deren Radikalismus mitgerissen. Selbst unter den Bolschewiki gab es einige, die vor dem letzten Schritt zurückschreckten, und dies noch wenige Tage vor dem Sturm auf das Winterpalais. Und Trotzki? Trotzki, der lange Jahre mit den Menschewiki zusammengearbeitet hatte, schloß sich den Bolschewiki an. Und organisierte aus dem Petrograder Sowjet heraus den entscheidenden Aufstand.

Die Oktoberrevolution, also die Tage der Machtergreifung im November 1917, war eine der unblutigsten Revolutionen der Weltgeschichte. Der Bürgerkrieg begann eigentlich erst im Jahr darauf – und es war Trotzki, der die militärischen Operationen leitete und organisierte. Nach drei Jahren Bürgerkrieg war das Land erschöpft, waren die Kader verschlissen oder tot. Lenin starb 1924, und Trotzki konnte sich nicht durchringen, die Macht zu übernehmen. Ob dies möglich gewesen wäre, ist eine andere Frage, denn Stalin und die Bürokratenschicht, die er repräsentierte, ergriffen die Macht.

Trotzki - Eine politische Biographie, Teil 2 Die Auseinandersetzungen innerhalb der Partei wurden mit Härste, Brutalität, Gewalt und später durch Massenmord ausgetragen. Trotzki wurde zuerst ausgeschaltet, dann 1929 des Landes verwiesen. In den 30er Jahren reifte in ihm die Überzeugung, daß die Kommunistischen Parteien politisch bankrott seien, nur noch Anhängsel von Stalins Industrialisierungspolitik. Trotzki bemühte sich daher um den Aufbau einer neuen, der dann IV. Internationale. Doch Stalins Schergen ruhten nicht. Im August 1940 gelang es einem von Stalins Agenten, in Trotzkis Anwesen in Mexiko einzudringen und den Propheten der Revolution zu ermorden.

Zwischen 1954 und 1963 veröffentlichte Isaac Deutscher seine damals aufsehenerregende dreibändige Trotzki–Biographie. Während Deutschers Darstellung nicht nur literarisch auf hohem Niveau stand und der Autor es vermochte, Trotzki als Akteur einer von ihm mitgestalteten Geschichte zu präsentieren, ist Pierre Broué eher ein Faktensammler. Seine Biographie ersetzt die von Deutscher nicht, ergänzt sie jedoch im Detail und korrigiert einige wenige Ungenauigkeiten seines Vorgängers. Monumental ist auch sie auf ihren knapp 1300 Seiten.

Pierre Broué ist in den 60er Jahren in Deutschland bekannt geworden als Co–Autor einer zweibändigen Geschichte des Spanischen Bürgerkrieges, die auch heute noch als Grundlagenwerk angesehen werden kann. Seine 1988 in Frankreich erschienene Trotzki–Biographie hält nicht ganz diesen Standard. Das liegt vielleicht an seinen spitzen Bemerkungen zu Deutschers Biographie und daran, daß auch Broué Trotzki als Helden betrachtet wissen möchte.

Die Stärke der Biographie liegt auf jeden Fall darin, daß es Broué gelingt, mit einigen Mythen über Trotzki aufzuräumen. Er zeigt, daß Trotzki eben nicht das alter ego Stalins war, sondern an bestimmten Punkten bewußt nicht die Konfrontation innerhalb der herrschenden Gruppierung gesucht hat. Im Gegensatz zu Stalin war Trotzki Internationalist; und er wußte, daß die Oktoberrevolution nur überleben konnte, wenn es im kapitalistischen und weiter entwickelten Westen weitere Revolutionen geben würde und wenn die Arbeiterklasse selbst die Macht in die Hand nimmt und sich nicht von Bürokraten vertreten läßt.

Zudem weist Broué konsequent Argumente zurück, die den Mißerfolg sowohl der Politik Trotzkis wie auch der Oktoberrevolution an den späteren Ergebnissen messen. Es ist einfach unsinnig, ja sogar unehrlich, so schreibt er, den Bolschewiki Vorhaltungen für das zu machen, was sie nicht voraussehen konnten und was auch nicht voraussehbar war. Mehr noch – da die Bolschewiki eine Orientierung verfolgten, die durchaus realistisch war, die aber nicht eintrat, ist ihnen erst recht kein Verdammnisurteil hieraus zu konstruieren. Was konnten die Bolschewiki dafür, daß die historisch mögliche Revolution im Westen nicht stattfand? [1]

Als falsch hebt Pierre Broué zurecht heraus, daß die Bolschewiki einen isolierten Aufstand, einen Putsch, gegen die Mehrheit durchgeführt hätten. Kurz nach der Oktoberrevolution hatten die Bolschewiki eine klare Mehrheit bei den 20 Millionen Wählern zum 2. Allrussischen Sowjetkongreß. Kurz darauf erhielten sie mehr als 10 Millionen Stimmen bei der Wahl zur Konstituierenden Versammlung, knapp ein Viertel der abgegebenen Stimmen. Von Isolation, von putschistischer Minderheit kann also offensichtlich keine Rede sein. Leo Trotzki geht auf diesen Aspekt in seiner berühmten Studie über Die Kunst des Aufstandes deshalb auch näher ein.

Ein weiterer wichtiger Unterschied zu Isaac Deutschers Biographie liegt in der Bewertung der IV. Internationale. Heute besteht diese aus mehreren Organisationen und vielen kleinen Grüppchen, die faktisch ohne Einfluß sind. Dies kann jedoch nicht der Maßstab sein, nach dem wir Trotzkis Bemühen um den Aufbau einer neuen revolutionären Internationale messen dürfen. Auch hier müssen wir davon ausgehen, was in den 30er Jahren erforderlich, sinnvoll und realistisch war. Das Projekt ist gescheitert, doch die Notwendigkeit einer Politik jenseits pseudokommunistischer Dogmen steht auch heute außer Frage. Heute muß das sicher nicht die IV. Internationale sein – damals war dies jedoch eine wichtige Fragestellung [2].

Broué sieht im Gegensatz zu Deutscher sehr wohl einen Sinn im Kampf um den Aufbau einer kommunistischen Alternative. Hier zeigt sich, daß auch die politische Orientierung der jeweiligen Biographen starken Einfluß auf die Wertung des Lebenswerkes des von porträtierten Menschen haben. Deutscher war in den 30er Jahren gegen die Gründung einer IV. Internationale eingestellt und hoffte eher auf eine politische Wende, die von der Bürokratie der KPdSU – sozusagen im aufgeklärten Eigeninteresse – eingeleitet werden sollte. Nicht zufällig schrieb Deutscher seine Trotzki–Biographie zu Zeiten Chruschtschows, der mit vielen Vorgaben Stalins brach.

Pierre Broué hingegen schrieb seine Biographie zur Zeit von Gorbatschows Perestroika; womöglich auch mit dem Hintergedanken, die Bürokraten in Moskau und Leningrad würden Trotzkis Alternative ernst nehmen und den Arbeiterstaat demokratisieren. Doch dies taten sie nicht, statt dessen lieferten sie die Sowjetunion dem internationalen Kapital aus und sicherten sich einen Teil der daraus entstehenden Beute. Broué ist also selbst nicht ganz ohne Illusionen, obwohl er Deutschers Illusionen kritisiert, was den Charakter bürokratischer Herrschaft ausmacht; doch drückt er dies seinem Trotzki nicht als message auf.

Allerdings wäre es verfehlt, das Problem statisch zu betrachten. Die Fragestellung ist doch: ist es sinnvoll, realistisch und notwendig, eine neue Massenpartei aufzubauen, die im Falle einer Revolution eine führende Rolle einnehmen kann und soll? Und diese Frage war damals ohne Zweifel sinnvoll, selbst wenn diese Revolutionen nicht eintraten. Daran hatten nicht zuletzt die demoralisierenden Wirkungen des von Deutschland ausgehenden Krieges eine wichtige Rolle gespielt, aber gewiß auch die konterrevolutionäre Politik der stalinistischen kommunistischen Parteien. Gegen das Kapital zu revoltieren ist eins, aber dem gezielten Genickschuß der eigenen Genossen (wie im Spanischen Bürgerkrieg erlebt) auszuweichen, etwas ganz anderes.

Man und frau kann aus der Biographie bei Broué einen reinen Helden herauslesen, der dem Geschmack des postmodernen Publikums entspricht, muß es jedoch nicht, zumal Broué auch die persönlichen Tragödien und Unzulänglichkeiten des Porträtierten in eigenen Kapiteln herausarbeitet. Deshalb ist die Trotzki–Biographie von Pierre Broué durchaus von Wert.

Obwohl sich das Lektorat des Neuen ISP Verlages große Mühe gegeben hat, die Fehler und Ungereimtheiten der französischen Originalausgabe von 1988 zu beseitigen, gibt es dennoch einige ziemlich sinnlose und ärgerliche Fehler, die bei aufmerksamem Lesen auffallen – und eine Biographie sollte ja kein Ratespiel sein. Da ich aus persönlichen Gesprächen mit einem der Herausgeber weiß, daß das Bemühen nicht nur vorgetäuscht ist, sondern wirklich ernsthaft verfolgt wird, möchte ich diese Fehler nicht überbewerten – überhaupt: es ist geradezu unvermeidlich, auf knapp 1300 Seiten den einen oder anderen Fehler zu übersehen.

Beispielsweise wechselt öfter unvermutet das Jahr, so etwa auf Seite 968, wo auf den 8. Mai 1935 der 1. Juni 1936 und anschließend der 8. Juni 1935 folgt. Auf Seite 993 finden wir die Variante der verwechselten Monate: Auf den 14. August 1936 folgt der 15. April 1936 und dann der 19. August 1936. Aufpassen muß man und frau auch bei der Umrechnung vom julianischen in den gregorianischen Kalender [3]. Etwa auf Seite 237 (6./21.12.1917), Seite 239 (9./24.12.1917) oder Seite 254 (18./30.1.1918). Für die meisten LeserInnen dürfte das jedoch ziemlich unerheblich sein, weil sie den Gang der Ereignisse verfolgen und nicht eine Doktorarbeit mit präzisen Daten schreiben.

Pierre Broués zweibändige Trotzk–Biographie ist im Neuen ISP Verlag erschienen. Wer keinen Zugriff auf Deutschers Biographie hat, sollte beide Bände lesen. Für die frühen Jahre Trotzkis bringt Broué nicht wesentlich Neues; das wirklich Neue liegt eher im zweiten Band für die Jahre des Exils zwischen 1929 und 1940. Beide Teilbände kosten jeweils 50 Euro, im Paket reduziert sich der Preis auf 90 Euro.

 

Opposition

Trotzki Schriften Band 3.3 – Linke Opposition und IV. Internationale 1928–1934, Neuer ISP Verlag 2001, € 50,00

Wer sich mit den Schriften Leo Trotzkis auseinandersetzt, trifft auf ein vielschichtiges Werk. Kaum ein Thema war ihm fremd; und er warb immer für eine revolutionäre, emanzipatorische Sicht – egal ob es um Alltagsfragen, Kunst, Wirtschaftspolitik oder revolutionäre Kriegsführung ging. Das soll nicht heißen, daß er keine Fehler gemacht hätte oder Dinge geschrieben hätte, die uns heute vollkommen fremd vorkommen. Dennoch ist eine Lektüre seiner Schriften, erst recht dann, wenn wir die Zusammenhänge – etwa durch die Lektüre von Pierre Broués Trotzki–Biographie – verstehen, durchaus erkenntnisfördernd. Nicht selten wird der eigene Intellekt herausgefordert, um nachzuvollziehen, was uns der Autor eigentlich sagen wollte.

Die deutsche Werkausgabe der Schriften Leo Trotzkis ist auf zehn Bände mit mehreren Teilbänden ausgelegt. Vor drei Jahren erschien der Teilband über die Linke Opposition und die IV. Internationale mit einer Sammlung seiner diesbezüglichen Schriften zwischen 1928 und 1934. Es ist dies die Zeit seiner Verbannung nach Alma–Ata, seiner Ausweisung in die Türkei und seines Exils in Frankreich. Als Linke Opposition werden die sozialistischen und kommunistischen Gruppen, Fraktionen, Parteien und Einzelpersonen bezeichnet, die sich links von der offiziellen kommunistischen Politik sahen und im wesentlichen mit Trotzki übereinstimmten.

Linke Opposition und IV. Internationale 1928-1934 Der dritte Teilband des dritten Bandes der Schriften Leo Trotzkis befaßt sich mit mehreren Themen, die jedoch in einem gewissen Zusammenhang stehen. Zum einen ist hier die interne – meist schriftlich geführte – Diskussion mit den von Stalin nach Sibirien und an den Polarkreis Verbannten Linksoppositionellen zu nennen. In dieser Diskussion versucht Trotzki die Illusionen über eine möglicherweise positive Rolle Stalins zu bekämpfen und Orientierung zu geben in einer Zeit, die durch eine harte Repression gegen jede Form von Kritik gekennzeichnet war.

1921 hatte die bolschewistische Partei zwei wichtige und folgenreiche Beschlüsse gefaßt. Zum einen wurde zur Vermeidung eines weiteren Bürgerkrieges die Wirtschaft liberalisiert, auch wenn dieser Begriff damals etwas anderes bedeutete als heute. Die Bauern sollten animiert werden, mehr zu produzieren; und die Industrie sollte aufgebaut werden, um den Bauern im Gegenzug Industrieerzeugnisse zu liefern. Der andere wichtige Beschluß untersagte die Bildung von Fraktionen innerhalb der einzig übrig gebliebenen legalen Partei nach den Wirren des Bürgerkrieges, um weitere Auseinandersetzungen über den Kurs der Wirtschaftspolitik zu vermeiden. Es bestand durchaus die Gefahr, daß die immer wieder aufflammenden Konflikte innerhalb des riesigen Landes in die Partei hineingetragen würden.

Stalin als graue Eminenz der Partei nutzte in der Folge das Fraktionsverbot dazu, mißliebige Oppositionsströmungen der Fraktionsbildung zu beschuldigen und sie damit kaltzustellen. Der Prozeß war schleichend; und Stalin suchte sich immer wieder neue Verbündete, um eine Gruppe nach der anderen auszuschließen, zu verbannen und später zu ermorden.

Stalin und seine Politik können jedoch nur dann begriffen werden, wenn sie als Funktion bürokratischer Herrschaft analysiert werden. Dies machte sich Trotzki zur Aufgabe – nämlich eine erste Theorie der Sowjetbürokratie herauszuarbeiten. Seine mitunter brillanten Polemiken gegen Stalin und dessen theoretische wie rhetorische Unfähigkeit mögen sicher dazu beigetragen haben, von Stalin umso mehr gehaßt zu werden. Wer ein bißchen Ahnung von der damaligen Situation hat, kann hier durchaus so manches vergnügliche Aha–Erlebnis herauslesen, auch wenn es letztlich um wenig vergnügliche Dinge geht.

Der zweite Diskussionsstrang dreht sich um die katastrophale Politik der von Stalin beherrschten Kommunistischen Internationale in China Ende der 20er Jahre. Stalins Direktiven lieferten die kleine, aber aktive kommunistische Bewegung ihrem Henker Tschiang Kaischek aus. Trotzki sah hierin eine Auswirkung der Theorie des Sozialismus in einem Land; ein Land, das nach dieser Theorie um jeden Preis verteidigt werden müsse, und sei es um den Preis der Opferung von Genossinnen und Genossen.

Anfang der 30er Jahre sah Trotzki relativ früh die Gefahr eines Sieges des Nationalsozialismus. Fast schon fassungslos mußte er feststellen, daß die Stalinsche Politik das deutsche Proletariat enthauptete. Er sah Anfang der 30er Jahre durchaus noch einmal die Möglichkeit einer Revolution – nämlich dann, wenn es gelang, die Arbeiterinnen und Arbeiter in einer Einheitsfront gegen den Faschismus und die ihn unterstützende herrschende Kapitalistenklasse zu mobilisieren. Doch Stalin und seine Getreuen erfanden die sogenannte Dritte Periode einer Verschärfung der Klassenkämpfe; und ihr ärgster Gegner waren die Verräter der Sozialdemokratie, die als Sozialfaschisten noch schlimmer seien als die Nazis.

Trotzki sah, daß es einen Zusammenhang zwischen der Ende der 20er Jahre eingeleiteten Politik der Vernichtung der Kulaken als Klasse und der Theorie des Sozialfaschismus gab. Die Wirtschaftslage in der Sowjetunion war Ende der 20er Jahre unhaltbar geworden, da die sogenannten Kulaken als Großbauern versuchten, ihr Getreide als wirtschaftliche und politische Waffe gegen das nachrevolutionäre Regime einzusetzen. Weil Wirtschaftsanreize nur dazu angetan waren, sich noch mehr zu bereichern, ohne die sich anbahnende erneute Versorgungskrise zu bannen, setzte Stalin alles auf eine Karte: die Liquidierung der durch die Liberalisierung von 1921 entstandenen kapitalistischen Momente mit der Folge von Millionen Toten.

Damit verbunden war die Liquidierung seiner einstigen Verbündeten auf dem rechten Flügel der KP, welcher eine weitere Liberalisierung der Wirtschaft befürwortete. Doch Stalin war nicht bereit, das inzwischen weitgehend von ihm kontrollierte Regime noch weiter den Marktkräften zu öffnen. Auch wenn Stalin vor allem in den 30er Jahren dafür sorgte, die alten Bolschewiki nach und nach zu liquidieren, so sträubte er sich gegen eine Rückkehr zu kapitalistischen Ausbeutungsverhältnissen.

1933 konnten die Nazis die Arbeiterinnen– und Arbeiterbewegung relativ leicht zerschlagen. Trotzki analysierte die Fehler der Kommunistischen Internationale mit aller Schärfe und kam zu dem Schluß, daß diese Internationale politisch bankrott war. Eine neue Internationale mußte her. Diese zu organisieren sollte die selbstgestellte Aufgabe Trotzkis in seinem letzten Lebensjahrzehnt sein.

Der dritte Teilband enthält 53 Texte, wovon etwa die Hälfte erstmals ganz oder zum Teil auf Deutsch vorliegt. Drei nicht von Trotzki stammende, jedoch dem Verständnis dienende Texte aus der Diskussion der Linken Opposition von 1928 und 1929 ergänzen den 668 Seiten starken Band. Auch er ist im Neuen ISP Verlag erschienen und kostet 50 Euro. [4]

Auch in diesem Teilband lassen sich viele vorzügliche Texte finden. Daß es daneben auch Polemiken gibt, die für uns an den Haaren herbeigezogen erscheinen müssen, liegt in der Natur der Sache. Eine vollkommen neue Orientierung hin zu einer IV. Internationale angesichts der Gefahr stalinistischer Säuberungen, faschistischer Machtübertragungen und rivalisierender Gruppierungen konnte nicht einfach sein.

 

Revolutionäre Kunst

Ich möchte als Abschluß dieser Sendung jedoch Passagen aus einem Text vorlesen, den Trotzki ebenfalls in dieser Zeit geschrieben hat, nämlich seine Geschichte der russischen Revolution, die im Rahmen der Herausgabe seiner Schriften jedoch erst für Band 9 vorgesehen ist und solange auch im Internet nachgelesen werden kann. Ein zentrales Kapitel trägt den Titel Die Kunst des Aufstandes. Trotzki analysiert darin die Kräfteverhältnisse, welche die Oktoberrevolution begünstigten, und verwies gleichzeitig darauf, daß ein Aufstand ohne Organisierung mit großer Wahrscheinlichkeit zum Scheitern verurteilt ist. Jedoch war der Aufstand keine Verschwörung, sondern einfach nur, zur richtigen Zeit das Richtige zu tun. Der Aufstand, so Trotzki, ist eben eine revolutionäre Kunst. Unnötig zu betonen, daß er hier keine schematisch zu kopierende Betriebsanleitung schrieb, sondern dazu aufforderte, kreativ und organisiert zu denken und zu handeln.

Die Kunst des Aufstandes als Text im Internet.

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte –

heute zum 125. Geburtstag von Leo Trotzki und zum 87. Jahrestag der Oktoberrevolution.

Vorgestellt habe ich die letztes Jahr auf Deutsch erschienene Trotzki–Biographie von Pierre Broué und den schon 2001 herausgebrachten bislang letzten Band der deutschen Werksausgabe der Schriften Leo Trotzkis, beide verlegt im Neuen ISP Verlag. Im Gegensatz etwa zu Isaac Deutschers Trotzki–Biographie aus den 50er und 60er Jahren und den in Teilausgaben in den 70er und 80er Jahren erschienenen Schriften Trotzkis bei Suhrkamp und Fischer ist es bei einem kleinen Verlag wie dem Neuen ISP Verlag unvermeidlich, daß gute Literatur nicht ganz billig ist. Die zweibändige Trotzki–Biographie von Pierre Broué kostet 90 Euro, der Band 3.3 der Schriften Leo Trotzkis über die Linke Opposition und die IV. Internationale aus den Jahren 1928 bis 1934 kostet 50 Euro.


Zum Schluß noch einige Veranstaltungshinweise mit einer Vorbemerkung: Die Darmstädter Veranstaltungskultur scheint sich nicht gerade durch Koordination und Kooperation auszuzeichnen. Anders ist es nicht zu erklären, dass ausgerechnet für Mittwochabend jede Menge Veranstaltungen zu vermelden sind.

So referiert um 19 Uhr 30 der ehemalige DDR–Kundschafter [5] im Auswärtigen Dienst der Bundesrepublik Deutschland – Klaus von Raussendorff – über den Irak, speziell zur Frage des Verhältnisses von Krieg und Widerstand. Ist der Irak ein zweites Vietnam für die USA? Handelt es sich um Widerstand oder um Terror? Und wer ist als nächstes dran: der Iran, Syrien, Kuba, der Sudan? Und welches Spiel spielen Deutschlands Menschenrechtsregierung und die Europäische Union? Mehr hierzu am Mittwochabend um 19 Uhr 30 im Justus–Liebig–Haus im Raum "Wintergarten".

Ebenfalls am Mittwochabend [10.11.2004] spricht Roland Grasshoff über Integrationsillusionen und die Abschottungspolitik des neuen Zuwanderungsgesetzes. Mit diesem Gesetz sollen der Zuzug von Migrantinnen und Migranten beschränkt und die juristischen Bedingungen für Flüchtlinge und Migrantinnen verändert werden. Die Veranstaltung informiert über die Risiken und Nebenwirkungen des Zuwanderungsgesetzes. Sie wird von der Antirassistischen Gruppe Internationale Solidarität – AGIS – organisiert und findet am Mittwoch um 20 Uhr in der Bessunger Knabenschule statt. In der anschließenden Diskussion soll es auch um die Auswirkungen aktueller Reformprojekte wie Hartz IV auf die Situation von Migrantinnen und Migranten gehen.

Immer noch am Mittwochabend geht es im Martin–Buber–Haus in Heppenheim um die "Antisemitismus–Rezeption im Nationalsozialismus". Referent ist Wolfgang Benz, Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung; Beginn ist 19 Uhr 30.

Über Kuba informiert eine Veranstaltung am Mittwoch um 19 Uhr im Alten Hauptgebäude der TU Darmstadt in der Hochschulstraße 1. Die Psychologieprofessorin Rosalba Gomez Lozano aus Havanna spricht über "Das Leben in Kuba".

Zum Verhältnis von Israel und Palästina gibt es eine Rundreise von medico international, die am Mittwochabend um 19 Uhr 30 im Evangelischen Stadtjugendpfarramt in der Kiesstraße 16 Station macht. Aida Touma–Suliman und Miri Weingarten sprechen sich hierbei gegen die Logik der Trennung aus.

Am Donnerstagabend um 19 Uhr 30 spricht Christoph Butterwege im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Jung gegen Alt – droht ein Krieg der Generationen?" der Evangelischen Erwachsenenbildung und des Katholischen Bildungszentrums. Christoph Butterwegge betrachtet die Demographie als ein Instrument zur Veränderung des Sozialstaats. Die Veranstaltung findet im Stadtkirchenhaus Kiesstraße 17 um 19 Uhr 30 statt. Nächste Woche Mittwoch fragt der Referent auf einer Veranstaltung in Michelstadt: "Hat die derzeitige Zerstörung des Sozialstaats eine Parallele in der Zeit von 1929 bis 1933?" Dies ist dann nächste Woche Mittwoch [18.11.2004] um 19 Uhr 30 im "Michelstädter Hof" in Michelstadt.

Etwas weiter in die Zukunft geplant, aber doch von Interesse ist das Kabarettprogramm von Dietrich Kittner. Bürger hört die Skandale! heißt die Parole. Oberbürgermeisterkandidat Walter Hoffmann ist herzlich eingeladen, um zu erfahren, wie das gesehen wird, was er vertritt und als Nachfolger von Peter Benz auch gerne in Darmstadt umsetzen würde. Denn der Untertitel dieses gewiß amüsanten Programms lautet: Agenda der Durchgeknallten. Zu hören am Donnerstag, 25. November, um 20 Uhr in Reinheim, "Zum Kühlen Grund".


Diese Sendung zum 125. Geburtstag von Leo Trotzki und zum 87. Jahrestag der Oktoberrevolution wird in der Nacht zum Dienstag um 23 Uhr, am Dienstagmorgen um 8 Uhr und noch einmal am Dienstagnachmittag um 14 Uhr wiederholt. Das Sendemanuskript zu dieser Sendung werde ich in den kommenden Tagen auf meiner Homepage veröffentlichen: www.waltpolitik.de. Es folgt nun nickelodeon, eine Sendung der Kulturredaktion mit Gerhard Schönberger. Am Mikrofon war Walter Kuhl.

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Es war Rosa Luxemburg, die auf diesen Zusammenhang schon sehr frühzeitig hinwies:

Mögen die deutschen Regierungssozialisten schreien, die Herrschaft der Bolschewiki in Rußland sei ein Zerrbild der Diktatur des Proletariats. Wenn sie es war oder ist, so nur, weil sie eben ein Produkt der Haltung des deutschen Proletariats war, die ein Zerrbild auf sozialistischen Klassenkampf war. Wir alle stehen unter den Gesetzen der Geschichte, und die sozialistische Politik läßt sich eben nur international durchführen. Die Bolschewiki haben gezeigt, daß sie alles können, was eine echte revolutionäre Partei in den Grenzen der historischen Möglichkeiten zu leisten imstande ist. Sie sollen nicht Wunder wirken wollen. Denn eine mustergültige und fehlerfreie proletarische Revolution in einem isolierten, vom Weltkrieg erschöpften, vom Imperialismus erdrosselten, vom internationalen Proletariat verratenen Lande wäre ein Wunder. Worauf es ankommt, ist [...] die Aktionsfähigkeit des Proletariats, die revolutionäre Tatkraft der Massen, der Wille zur Macht des Sozialismus überhaupt. In dieser Beziehung waren die Lenin und Trotzki mit ihren Freunden die ersten, die dem Weltproletariat mit dem Beispiel vorangegangen sind, sie sind bis jetzt immer noch die einzigen, die mit Hutten ausrufen können: Ich hab's gewagt!
Dies ist das Wesentliche und Bleibende der Bolschewiki–Politik. In diesem Sinne bleibt ihnen das unsterbliche Verdienst, mit der Eroberung der politischen Gewalt und der praktischen Problemstellung der Verwirklichung des Sozialismus dem internationalen Proletariat vorangegangen zu sein und die Auseinandersetzung zwischen Kapital und Arbeit in der ganzen Welt mächtig vorangetrieben zu haben. In Rußland konnte das Problem nur gestellt werden. Es konnte nicht in Rußland gelöst werden, es kann nur international gelöst werden. Und in diesem Sinne gehört die Zukunft überall dem "Bolschewismus".

Rosa Luxemburgs Kritik in ihrem Manuskript Zur russischen Revolution ist keine Streitschrift gegen die Bolschewiki und ihre Revolution, wofür diese Schrift von interessierten Kreisen gerne gehalten wird. Das ist einfach unehrlich. Rosa Luxemburgs Zur russischen Revolution ist – vielleicht mit Ausnahme von Marx' Der Bürgerkrieg in Frankreich – die solidarischste Kritik einer Revolution, die je geschrieben wurde. Das Zitat findet sich in Band 4 ihrer Gesammelten Werke auf den Seiten 364–365.

[2]   Auch wenn ich mich mehrfach auf meiner Homepage auf Leo Trotzki oder Ernest Mandel beziehe, bedeutet dies nicht, daß ich mich dem Trotzkismus verpflichtet fühle oder gar Trotzkist bin.
[3]   Zu Beginn des 20. Jahrhunderts betrug der Unterschied 13 Tage.
[4]   Ein Verzeichnis der wichtigsten Anmerkungen zu Band 3.3 ist sowohl im Word– als auch im PDF–Format verfügbar. Ich empfehle zur Weiterverarbeitung von Daten jedoch das hier nicht angebotene RTF–Format.
[5]   Interessante Begrifflichkeit für seinen früheren Beruf.

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 16. Dezember 2005 aktualisiert.
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