Goldschmuck aus Mykene
Goldschmuck aus Mykene – wer hat dafür geschuftet und geblutet?

Geschichte

Tödliche Vorgeschichte

Sendemanuskript

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 22. November 2010, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Montag/Dienstag, 22./23. November 2010, 23.10 bis 00.10 Uhr
Dienstag, 23. November 2010, 08.00 bis 09.00 Uhr
Dienstag, 23. November 2010, 14.00 bis 15.00 Uhr

Zusammenfassung:

Ist Troia Troja oder eine Kulisse? Frank Kolb demontiert ein Weltbild. Mit dem Profiler bei Eulau auf Tätersuche in der Jungsteinzeit. Woher stammt die Pizza und wieviel Ausbeutung und Chemie stecken darin?

Besprochene Bücher:

Zur Neoliberalisierung von Radio Darmstadt und seinem Trägerverein und zur Ausgrenzung mehrerer Mitglieder meiner Redaktion seit 2006 siehe meine ausführliche Dokumentation.


Inhaltsverzeichnis


Einleitung 

Jingle Alltag und Geschichte

Heute begebe ich wieder einmal in die Vergangenheit, um historischen Mythen auf den Grund zu gehen und womöglich einige nützliche Informationen darüber zu gewinnen, wie soziale Gebilde entstanden sind und sich im Laufe der Jahrtausende entwickelt haben. Dabei sind mir wieder einige Bücher in die Hände gefallen, die ich hierzu näher vorstellen möchte. Schon vor sechs Jahren zeigten uns Birgit Brandau, Hartmut Schickert und Peter Jablonka den Burgberg von Troia mitsamt seiner städtischen Umgebung und visualisierten computer­animiert, wie es dem archäologischen Befund nach wirklich aussah. Der Althistoriker Frank Kolb sieht das ganz anders und zerpflückt nun in einem Buch über einen Tatort, der angeblich Troia sein soll, diese schön aufbereitete virtuelle Welt.

Während Troia – oder wie auch immer dieser Hügel einmal geheißen haben mag – vor viereinhalb­tausend Jahren seine erste Blütezeit erlebte, fand im heutigen Sachsen-Anhalt offenbar ein Massenmord statt. Mit modernen Methoden untersuchten Archäologen, Wissenschaft­lerinnen und ein Profiler den Tatort Eulau. Sie wollen die Mörder gefunden haben, aber was fanden sie dabei noch heraus? Zum Schluß meiner heutigen Sendung geht es ums Essen. Doch es ist kein Kochbuch, das uns Paul Trummer unter dem Titel „Pizza Globale“ vorgelegt hat, sondern eine Erkundungs­reise zur Entstehung von Pizzen und Knebelverträgen. Am Mikrofon ist Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

 

Das virtuelle Troia

Besprechung von : Birgit Brandau, Hartmut Schickert, Peter Jablonka – Troia. Wie es wirklich aussah, Piper Verlag 2004, 176 Seiten, ursprünglich € 19,90, antiquarisch bzw. im Internet z. T. mit deutlich herabgesetztem Preis

Von 1988 bis zu seinem Tod 2005 leitete der in Tübingen lehrende Archäologe Manfred Korfmann die Ausgrabungen auf dem prähistorischen Hügel von Troia. Mit modernster Technik ausgestattet und finanzieller Förderung durch den Daimler-Benz- bzw. Daimler-Chrysler-Konzern grub er sich durch den zuvor schon mehrfach gewendeten Schutt der Jahrtausende. Insbesondere der Nachweis einer Unterstadt hatte es ihm angetan, denn hierdurch würde sich die These nachweisen lassen, daß es sich bei Troia schon im 2. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung um eine bedeutende Handels­metropole gehandelt hat. Diesen Nachweis versuchen bis heute seine Nachfolger zu führen, nur die Ergebnisse erweisen sich als mindestens stark interpretations­bedürftig, wenn nicht als mager. [1]

Es ist schon etwas länger her, seit ich mich in meinen Sendungen ausführlicher mit den Grabungen auf dem Hügel Hisarlik beschäftigt habe [2]. Die große Troia-Ausstellung Traum und Wirklichkeit ist selbst schon Geschichte, die nachfol­gende Kontroverse im Auditorium Maximum der Tübinger Universität nur bei Interessierten noch im Gedächtnis. Insofern würde es naheliegen, wenn ich mein Sendemanu­skript von 2001 noch einmal vortragen würde, aber ich mache etwas anderes. Ich werde kurz auf ein vor sechs Jahren erschienenes Buch eingehen, daß zumindest im Titel behauptet, Troia zu zeigen, „wie es wirklich aussah“, bevor ich das Buch „Tatort »Troia«“ des wichtigsten Kritikers der Grabungen in der Türkei, des Tübinger Althistorikers Frank Kolb, näher vorstelle.

Buchcover TroiaLassen wir die Phantasie spielen! In Anlehnung an diese Worte des französischen Historikers Georges Duby legten vor sechs Jahren Birgit Brandau, Hartmut Schickert (gestorben 2008) und der heutige stellvertretende Grabungsleiter vor Ort, Peter Jablonka, mit dem Buch, das ihrer Meinung nach besser heißen müßte „Troia – Wie es nach bestem Wissen und Gewissen der dort arbeitenden Wissenschaftler höchstwahrschein­lich aussah“ einen Band der Imagination vor. Nicht, daß das Vorhaben von vornherein mit Skepsis zu betrachten gewesen wäre. Dennoch stellt sich die Frage, wo die wissenschaft­lichen Skrupel enden und die plausiblen Annahmen die Oberhand gewinnen. Deshalb dürfen wir bei den computer­animierten Darstellungen in diesem Buch auch nicht erwarten, das wahre Troia zu Gesicht zu bekommen. Vielmehr handelt es sich um eine sehr subjektive Annäherung, um überhaupt irgendeine Vorstellung von dem zu vermitteln, was die nackten Mauerreste bestenfalls andeuten können.

Troia – dies sei an dieser Stelle rekapituliert – ist der mutmaßliche griechische, vielleicht auch vorgriechische Name des Burghügels, der heute Hisarlık heißt. Da aus dem 2., gar dem 3. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung hierüber keinerlei Aufzeichnungen vorliegen, ist die Identifizierung alles andere als gesichert. Zwar beschreibt ein Dichter, der den Namen Homer erhalten hat, einen Krieg, der vor Ilios (und nicht Troia) stattgefunden haben soll, einen Krieg, der von der akademischen Forschung schon in hellenistischer Zeit so etwa um das Jahr 1200 verortet wurde. Da die griechische Überlieferung jedoch erst rund 500 Jahre später einsetzt, kann es sich auch um eine nachträg­liche Gleichsetzung von Burgruine und epischem Stoff gehandelt haben. Vorläufig wissen wir es daher nicht mit Sicherheit, wie dieser Ort geheißen hat.

Troia wird von der archäologischen Forschung in zehn Siedlungs­stadien eingeteilt, die wiederum eine Fülle von Unterteilungen besitzen, wie etwa Troia VI, Troia VIIa, Troia VIIb1. Nicht jede dieser Unterteilungen ist plausibel oder durch harte Fakten gedeckt, mitunter handelt es sich offensichtlich um künstliche Grenzen. Dies muß uns nicht weiter beunruhigen, denn im Verlauf der rund 150-jährigen Grabungs­geschichte werden frühe Erkenntnisse verworfen und durch neue ersetzt, manch alte Hypothesen erweisen sich als überholt, auch der jeweilige Zeitgeist fordert seinen Tribut und führt zu neuen Interpretationen. Das ist normal, solange es reflektiert geschieht.

Von Anfang an war die Versuchung groß, in dem Hügel Hisarlık mehr zu sehen als nur eine archäologische Fundstätte. Die Ilias ist nicht einfach nur ein Mythos, sondern vereinnahmter Teil der abendländischen Kultur. Die von Hunderttau­senden aufgesuchte Ausstellung „Troia – Traum und Wirklichkeit“ zeigt, daß der Mythos seine Faszination nicht verloren hat und weiter wirkt. Dabei läßt sich nicht verleugnen, daß der Besuch der realen Fundstätte eher enttäuschend ist, weil außer ein paar Steinen und Mauern dort nichts wirklich Spannendes zu erblicken ist. Deshalb gab es nicht nur dieses Buch aus dem Umfeld des Ausgrabungs­teams, um medial das vermitteln, was das Auge vor Ort allenfalls mühsam und mit viel Imaginations­kraft erspähen konnte.

Die computeranimierten Grafiken, die den Grabungsfotos der heutigen Zeit gegenüberge­stellt werden, vermitteln also nur eine wahrschein­liche Ansicht. Deshalb werden die Bilder und Grafiken von Texten umrahmt, die eine zusätzliche historische Interpretation anbieten. Es kann demnach so gewesen sein, die Häuser und die Stadt können demnach so ausgesehen haben, oder auch nicht. Es ist ein nettes Spiel mit der virtuellen Realität. Allerdings ist anzufügen, daß seit jeher wissenschaft­liche Hypothesen immer auch verbunden waren mit Spekulation und Weltbildern, die in den Köpfen der Ausgräber und Schriftsteller verankert waren. Deshalb ist es immer wieder erstaunlich, zu welch neuen Erkenntnissen selbst älteres und schon gesichtetes Material führen kann, wenn man und frau sich auf neue Sichtweisen einläßt, vorausgesetzt, sie sind plausibel begründet, widersprechen nicht der Fundsituation und strapazieren die Grenzen der wissenschaft­lichen Erkenntnis nicht allzusehr.

Der 176 Seiten umfassende, reich bebilderte Band „Troia. Wie es wirklich aussah“ von Birgit Brandau, Hartmut Schickert und Peter Jablonka ist 2004 im Piper Verlag erschienen und inzwischen aus dem Verlagspro­gramm genommen worden; er ist jedoch antiquarisch und im Internet zu einem zum Teil deutlich herabge­setzten Preis zu finden.

 

Der Zorn des Achill

Besprechung von : Frank Kolb – Tatort »Troia«. Geschichte, Mythen, Politik, Verlag Ferdinand Schöningh 2010, 310 Seiten, € 29,90

Frank Kolb, der seit rund zehn Jahren auch öffentlich die Ergebnisse der Troia-Grabungskam­pagnen in Zweifel zieht, kann gute Gründe für seine Position aufführen. Er sieht in der Grabungstätig­keit, ihrer Publizierung und Auswertung eine höchstproble­matische Vermischung von Wissenschaft, ideologischen Konstrukten, wirtschaftlichen Interessen und politischen Vorgaben. Um seine an verschiedenen Stellen veröffentlichten Thesen zusammenzufassen, schrieb er ein Buch, ein Buch „mit Zorn und Leidenschaft“, wie er im Vorwort vorausschickt.

Seine Polemiken gegen das Korfmann-Projekt mögen nicht jedermanns oder gar jederfraus Sache sein, aber Polemik ist zuweilen ein probates Mittel, um pointiert die Haltlosigkeit der Argumente der Gegenseite vorzuführen. Dieser Aufgabe hat sich Frank Kolb für dieses Buch noch einmal verschrieben; herausgekommen ist eine zuweilen mit Verve, zuweilen auch arg anstrengend verfaßte Anklage, die ihr Ziel zu erreichen durchaus geeignet ist, nämlich das rund um Troia aufgebaute Gebäude aus Wissenschaft, Ideologie, Wirtschaft und Politik zu erschüttern. Er nennt sein Buch „Tatort »Troia«“ und verweist damit auf zweierlei. Zum einen auf die in seinen Augen geradezu kriminellen Machenschaften rund um die Errichtung einer künstlichen Handelsmetro­pole, zum anderen darauf, daß dieser Tatort den Namen Troia nur in Anführungs­zeichen tragen darf. Denn der Name sei Fiktion: „einen Ort namens Troia hat es zumindest im nordwestlichen Kleinasien nie gegeben“, schreibt er. [3] Der Ort, den wir als Troia kennen, hieß in der Ilias Ilios, während die Troas die umliegende Region bezeichnete.

Buchcover Tatort TroiaIm Grunde ist seine Polemik eine Auseinander­setzung mit zwei Personen; neben Manfred Korfmann ist dies der Altphilologe und Homerexperte Joachim Latacz, der Korfmanns Visionen zu verbreiten half. Doch zunächst führt er uns in seinem Buch zur ideologischen Instrumentali­sierung des Troia-Mythos von der Antike bis zur Gegenwart, und hier insbesondere zu den ideologischen Verrenkungen in der Türkei, die Wurzeln der europäischen Kultur in Anatolien auffinden zu wollen. In diesem Dunstkreis sei auch Korfmanns Behauptung angelegt, eine spezifisch anatolische Kultur auf dem Burghügel vorgefunden zu haben. Allein, wie Frank Kolb bemerkt, die Indizien sind zu wenige und vor allem fehlerhaft interpretierte. Vielmehr sei davon auszugehen, daß auch Troia im 3. und 2. Jahrtausend kulturell eher mit dem ägäischen als mit dem anatolischen Raum verbandelt war.

Alsdann führt uns der Autor zur modernen Entdeckungsge­schichte des dann von Schliemann beackerten Grabungs­feldes (wobei Schliemann seine türkischen Arbeiter ackern ließ), und dann zur schon im antiken Griechenland umstrittenen Fragestellung, ob es den Troischen Krieg [4] denn wirklich gegeben habe. Möglicher­weise verfügten die antiken Schriftsteller und Philosophen über Quellen, die längst versiegt oder von christlichen Barbaren vernichtet wurden und in denen alternative Überlieferungen verzeichnet waren. Vielleicht diente Homers Epos aber auch nur der griechischen Identitäts­findung nach dem sogenannten Dunklen Zeitalter, als griechische Händler begannen, das Mittelmeer und das Schwarze Meer nach Rohstoffen, Märkten und Siedlungsge­bieten abzugrasen. Mythische Erzählungen der Vergangenheit wie die Argonautensage oder auch die Odyssee konnten so womöglich den griechischen Expansions­drang legitimieren, der mancherorts mit Persern, Phöniziern und Karthagern konfligierte.

Wir gelangen so unvermeidlich zu der Frage, wer denn die Ilias und die Odyssee geschrieben haben mag, wann das geschehen sei und welche realen und welche fiktionalen Geschehnisse hierin enthalten sind. Darüber streiten seit Jahrhunderten auch europäische Gelehrte, ohne zu einem schlüssigen Ergebnis zu kommen. Dies öffnet der Spekulation einen breiten Raum, und auch Frank Kolb bedient sich dieses Baukastens. Zunächst einmal erscheint es fraglich, wenn auch nicht unmöglich, daß eine epische Erzählung mehrere Jahrhunderte lang mündlich weitergegeben wurde.

Sollte das Datum 1200 als Fixpunkt einer möglichen Auseinander­setzung um einen Ort namens Troia oder Ilios gelten, dann hätten wir es auf griechischer Seite mit der mykenischen Kultur, auf anatolischer Seite mit dem Hethiter­reich zu tun. Und in der Tat wird dieser Sachverhalt seit Jahrzehnten kontrovers diskutiert, denn in hethitischen Texten taucht nicht nur ein Ort namens Wilusa auf, sondern auch ein Gegner im Westen, nämlich die Ahhijawa, also – nach nicht unumstrittener Gleichsetzung – die Achäer Homers.

Allein, Frank Kolb, der an all dies nicht glaubt, ist immerhin vorsichtig genug, seine Argumente sozusagen im Konjunktiv vorzutragen: etwas scheint so zu sein oder auch nicht, etwas könne so oder auch anders sein. Wie auch immer, in den bürokratischen Linear B-Texten der mykenischen Zentralorte tauchen keine Hethiter oder Troianer auf, was nichts sagt, aber auch nicht wirklich weiterhilft. Während nun der schon erwähnte Joachim Latacz die Entstehung der Troia-Geschichte in die Spätbronze­zeit der mykenischen Palastkultur verlegt, bietet uns Frank Kolb eine andere Lesart an. Der Ortsname Ilion findet sich (so Kolb) für Siedlungen in Thessalien oder Makedonien, aber auch auf der südlichen Peloponnes. Es wäre demnach eher an eine Episode aus der Geschichte der griechischen Landnahme zu denken, die später auf die kleinasiatische Küste verpflanzt wurde. Auch dies ist vage und gehört zum schwächeren Teil von Kolbs Argumenten.

Alsdann unterzieht er die Gleichsetzung des in hethitischen Dokumenten vorkommenden Namens Wilusa mit dem ursprünglich mit anfänglichem „W“ versehenen Namens der epischen Stadt Ilios, also Wilios, einer genaueren Analyse. Kaum überraschend kommt er zu dem Schluß, daß diese Gleichsetzung durch nichts belegt sei und schlägt – das hätte er vielleicht sein lassen sollen – statt dessen als griechische Entsprechung einen Ort namens Ilouza im südlichen Phrygien vor.

Dies scheint mir doch sehr gekünstelt, denn dann muß er den Ausfall des „d“-Phonems erklären, was er geflissentlich übergeht. Stich­haltiger ist da schon sein Argument, auf dem Burghügel von Hisarlik haben sich keine Keilschrift­tafeln finden lassen, die bei einer Korrespondenz mit dem hethitischen Großkönig sicherlich angefallen wären. Allein – auch auf dem griechischen Festland fanden sich keine Keilschrift­tafeln, obwohl als gesichert angesehen werden kann, daß es eine schriftliche Korrespondenz gegeben haben muß. Also, so einfach ist es dann auch wieder nicht, und wir müssen uns fragen, ob Schliemann oder seine Nachfolger selbige übersehen haben oder ob sie bei der Neuterras­sierung des Hügels in griechisch-römischer Zeit entsorgt wurden. Dies gibt Spekulationen in jeder Richtung neue Nahrung. Dennoch ist auch dieses Kapitel von Frank Kolbs Polemik anregend und lesenswert.

Manfred Korfmann beschrieb immer wieder gerne sein ergrabenes Troia als eine Handelsmetro­pole. Hiernach kreuzten sich die Handelsrouten von Europa nach Kleinasien mit denen von der Ägäis zum Schwarzen Meer. Bemerkens­wert geringfügig für eine derartige Metropole ist dann die Fundsituation. Eine solche Metropole müßte nicht nur reiche Händler durchreisen gesehen haben, sondern auch am Reichtum partizipiert haben. Selbst die Annahme mehrfacher Eroberung und Zerstörung erklärt nicht die Fundarmut. Denn Eroberer zerstören und das Zerstörte, insbesondere Keramik landet im Schutt der Jahrhunderte. Nicht so auf dem Burghügel Hisarlık. Und hier kann Frank Kolb ungemein punkten, denn die archäologischen Belege sowohl für einen reichen Handel wie für eine bedeutende Unterstadt sind derart vage und geringfügig, daß man und frau sich schon fragen darf, weshalb an dieser These weiterhin, wenn auch inzwischen etwas abgespeckt, festgehalten wird. Ohnehin sei die damit verbundene Vorstellung anachronistisch:

Die Vorstellung von »Troia« als dem Zentrum eines Netzwerkes von Handelssied­lungen und einer Organisation, die entsprechend den Prinzipien des Hansebundes arbeiten würde, projiziert in die Bronzezeit ein spätmittelalter­liches Phänomen zurück, das auf völlig anderen politischen und ökonomischen Bedingungen beruhte, einschließlich eines weitreichenden Handels mit täglichen Gebrauchs­gütern und der Existenz weitgehend autonomer Städte. Die Vorstellung, daß ein Troischer Krieg seitens einer feindlichen Koalition geführt worden sei, welche den Weg durch die Dardanellen freikämpfen wollte, um freien Handel zwischen der Ägäis und dem Schwarzen Meer zu erzwingen, findet nicht die geringste Stütze in schriftlichen oder archäologischen Zeugnissen; sie stellt ein völlig anachronistisches Szenarium dar. [5]

Soweit stimme ich ihm zu. Nur bleibt dennoch das Faktum bestehen, daß hethitische Quellen des 13. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung kriegerische Auseinander­setzungen im westlichen Kleinasien benennen, in die sowohl Wilusa als auch die schon genannten Ahhijawa verwickelt waren. Mag die Vorstellung eines Handelskrieges anachronistisch sein, so ist es die Eroberung einer möglicher­weise reichen Stadt sicherlich nicht.

Dabei ist es nicht einmal sicher, daß ein Fürst oder gar König auf dem Burghügel residierte. Zwar ist die Burganlage, auch heute noch, beeindruckend, aber keinesfalls ungewöhnlich und schon gar nicht herausragend im kleinasiatischen Raum. Zudem ist für Frank Kolb die von Manfred Korfmann erhobene und von seinen Nachfolgern bis heute aufrecht erhaltene Behauptung einer größeren Unterstadt ein Mythos, wenn nicht gar ein wissenschaft­licher Skandal. Allenfalls lasse die Fundsituation auf Pferche und Stallungen schließen; flächenhafte Wohnbe­bauung jedenfalls lasse sich hiermit kaum begründen. Womit der Burghügel eher so etwas wie eine Fluchtburg wäre. Die Korfmann-Truppe hingegen argumentiere so: solange nicht bewiesen ist, daß da nichts war, gehen wir davon aus, daß es möglich ist, daß da etwas gewesen ist, und zeichnen es in Pläne ein und lassen daraufhin Modelle und Computersimu­lationen erstellen. Es folgt ein Scharmützel um angebliche Palisaden, Gräben und damit zusammen­hängende irreführende Grabungs­zeichnungen. Und der Schluß:

Die spätbronzezeitlichen Siedlungen auf Hisarlik erfüllen nicht einmal die urbanistischen, ökonomischen und demografischen Kriterien für eine Bezeichnung als Stadt[6]

Und hier ist Frank Kolb in seinem Element, denn antike Stadtgeschichte ist geradezu sein Steckenpferd. Bleibt dennoch die Frage zu stellen, ob die Anlage einer hellenistisch-römischen Stadt in Lykien auf eine prähistorische Burgsiedlung übertragen werden kann.

Und damit kehrt Frank Kolb wieder zu dem zurück, was seiner Ansicht nach hinter der groß aufgebauschten Handelsmetro­pole steckt. Es geht um Sponsoren, um Politik (etwa die türkische Integration in die Europäische Union) und um die Indienstnahme der Wissenschaft für wissenschafts­fremde Projekte. Da werde manipuliert, Mitarbeiterinnen und Direktoren seien unter Druck gesetzt worden, erwünschte Ergebnisse vorzuweisen oder Kritiker auszugrenzen, und es werde mit harten Bandagen um Drittmittel gekämpft. Die Karriere wird wichtiger als das nachweisbare Resultat. Dennoch bleibt Frank Kolbs durchaus berechtigte Kritik am neoliberalen Wissenschafts­betrieb stumpf. Sie unterstellt eine gute alte Zeit, in der die wissenschaftlichen Prinzipien und Ergebnisse nicht käuflich waren. Mag Manfred Korfmann in den Augen des Autors ein Pseudo­archäologe sein, so ist doch nicht zu übersehen, daß sich auch in vergangenen Jahrzehnten die Wissenschaft in den Dienst wirtschaftlicher und politischer Interessen gestellt hat, nicht nur im Nationalsozialismus.

Die Pharmaindustrie lebt beispielsweise schon länger von der Produktion wissenschaft­lichen Humbugs, bei dem angeblich ernsthafte Studien die Zulassung von Medikamenten fördern, die zwar profitabel, nicht unbedingt jedoch nützlich, mitunter eher tödlich sind. Die neoliberale Durchforma­tierung der Hochschulen mit dem Zwang zur Geldakquise, gegründet auf Rankings und dem konkurrenz­haften Ausspielen gegeneinander, fördert diesen Trend ungemein und schafft sich daher neue Wahrheiten, etwa in der Evolutionsbiologie, der Hirnforschung oder der Wirtschaftstheologie.

Hierin verortet Frank Kolb das archäologische Projekt um den »Troia« genannten Grabungshügel. Man und frau muß nicht jedes seiner Argumente für stichhaltig halten. Dennoch beschleicht eine oder einen schon das ungute Gefühl, daß so manche präsentierte wissenschaft­liche Erkenntnis mehr mit virtueller Realität zu tun hat. Schon deshalb ist sein Buch „Tatort »Troia«“ nicht überflüssig, denn es fördert die kritische Reflexion über wissenschaft­liches Ethos und Vorgehen. Dieses bei Ferdinand Schöningh verlegte Buch kostet 29 Euro 90.

 

Von sozialem Streß zum Mord

Besprechung von : Arnold Muhl, Harald Meller, Klaus Heckenhahn – Tatort Eulau. Ein 4500 Jahre altes Verbrechen wird aufgeklärt, Konrad Theiss Verlag 2010, 160 Seiten, € 22,90

Vor vermutlich etwas mehr als viereinhalbtausend Jahren wurden auf einer Erhebung oberhalb der Saale mehrere Erdgräber angelegt, in denen dreizehn Personen bestattet wurden, die vermutlich, aber nicht sicher alle eines unnatürlichen Todes starben. Die Fundsituation ließ auf ein größeres Verbrechen schließen, weshalb es sich anbot, diese Funde nicht nur mit archäologischen, sondern auch mit kriminologischen Methoden zu untersuchen. Ließ sich herausfinden, wer die Täter waren, was sie motivierte, Männer, Frauen und Kinder zu töten?

Am 29. August [2010] zeigte das ZDF in einer Sendung der Reihe „Terra X“ mit dem als Anbeißer gedachten Titel Tatort Eulau – Das Rätsel der 13 Skelette einen filmischen Rekonstruktions­versuch. Ich kenne diesen Film nicht [ZDF Vorschau bei YouTube], aber habe das zugehörige, im Theiss Verlag erschienene Buch „Tatort Eulau – Ein 4500 Jahre altes Verbrechen wird aufgeklärt“ gelesen. Es handelt sich nicht um eine streng wissenschaft­liche Publikation, sondern um eine mehrschichtige, mit fiktionalen Elementen und zahlreichen Abbildungen durchsetzte Aufarbeitung.

Die Autoren Arnold Muhl und Harald Meller gehören dem Landesamt für Archäologie und Denkmalpflege Sachsen-Anhalt an und sind Garanten für wissenschaftlich haltbare Darstellungen und Interpretationen, der dritte Autor Klaus Heckenhahn arbeitet als Redakteur für das ZDF und sorgt für die mitunter eher suggestive mediale Präsentation. Projekte dieser Art sind insofern problematisch, weil ihre Bildersprache Aussagen trifft und Wahrheiten schafft, die sich nicht in jedem Fall auch belegen lassen. Manche Vermutung mutiert zur gesicherten Erkenntnis, manch Unbekanntes (und sei es so etwas Banales wie das Aussehen der Kleidung) wird dazugedichtet, ohne daß dies für Leserinnen und Zuschauer sofort erkennbar ist.

In einem Buch sind die Ebenen leichter voneinander zu scheiden als im Film, zumal ein Film dazu zwingt, sich den Vorstellungen der in Ton und Bild gezeigten Sequenzen zu unterwerfen. Eigenständiges Denken ist hierbei schwer möglich, will man und frau nicht abschweifen und den Faden zur medialen Präsentation verlieren. Da ist ein Buch schon hilfreicher; wir können es weglegen oder in ihm etwas nachschlagen, vor allem aber sind wir nicht gezwungen, dem Gedankengang der Autoren so sklavisch zu folgen, wie dies bei der Bildersprache eines Films leicht geschehen kann. Meine diesbezüg­lichen Vorbemerkungen sind auch deswegen so ausführlich, weil – einem Zeitgeist entsprechend – die Toten aus den Gräbern bei Eulau nicht nur mit archäologischen und naturwissenschaft­lichen Methoden untersucht wurden, sondern zudem ein Profiler des Bundeskriminal­amtes hinzugezogen worden war. Sozusagen CSI Eulau.

Nun ist das mit diesen Profilern so eine Sache. Schon in der US-amerikanischen Fernsehwelt bewirken sie wahre Wunderdinge, die in der kriminalistischen Realität keine Entsprechung finden. Daß sich mal ein Fall als nicht lösbar herausstellt, kommt im Fernsehen so gut wie nicht vor, wohl aber im wirklichen Leben. Dement­sprechend schreiben Jens Vick und Harald Dern in einem BKA-Papier:

Die augenblickliche Popularität dieser Tätigkeit ist für die Fallanalytiker, die in diesem Feld bereits seit etlichen Jahren tätig sind, auch deshalb überraschend, weil ihnen die realen Rahmenbe­dingungen, in die diese Funktion eingebettet ist, natürlich bestens vertraut sind. Und diese Realität liegt in vielem weit entfernt von den […] medial vermittelten Vorstellungsbildern.

Und damit komme ich zum Fall selbst zu sprechen. In einem Gräberfeld bei Eulau, einem Ortsteil der Stadt Naumburg, wurden 2005 vier Erdgräber entdeckt. Die Erweiterung eines Kiesabbau­gebietes erzwang eine Notgrabung der sächsisch-anhaltinischen Denkmalbe­hörde. Die skelettiert aufgefundenen zwei Männer, drei Frauen und acht Kinder in diesen vier Gräbern lagen dem Augenschein nach nicht nur liebevoll einander zugewandt, sondern wiesen zum Teil auch Spuren von tödlicher Gewaltanwen­dung auf. Der ungestörte Zustand des Gräberfeldes läßt zumindest den Schluß zu, daß diese Gräber gleichzeitig ausgehoben wurden, die Datierung mittels Radiokarbon­methode ist jedoch nicht so einheitlich.

Buchcover Tatort EulauZu den gesicherten Aussagen gehört, daß die Toten nach den auch andernorts vorgefundenen bzw. nachgewiesenen Funden der Schnurkeramikkultur bestattet wurden. Die Datierung der mit Schnüren verzierten Keramik reicht von 2800 bis 2200 vor unserer Zeitrechnung. Das Gebiet dieser Kultur reicht von Polen und Ungarn bis in die Schweiz und das Elsaß, aber es handelt sich hierbei nicht um eine zusammen­hängende Fläche, eher um einen Flickenteppich. Als Herkunft dieser Kultur wird Osteuropa im Bereich des Karpatenbogens diskutiert. Von ethnischen Trägerinnen und Trägern sollte hierbei jedoch genauso wenig ausgegangen werden wie von einer einheitlichen Sprache. Selbst wenn die Schnurkeramik zuweilen mit frühen Indoeuropäern oder einem Ast der indoeuropäischen Sprache zusammen diskutiert wird, so sind die Hinweise hierauf mehr spekulativer Natur als gesichert.

Um 2600 vor unserer Zeitrechnung, sofern die Radiokarbon­datierung verläßlich ist, muß sich jedenfalls eine Gruppe dieser Kultur an Elbe und Saale im Süden des heutigen Sachsen-Anhalt angesiedelt haben. Sie waren nicht alleine. Vermutlich ursprünglich in Spanien entstanden, verbreitete sich seit 2900 von Westen her die Glockenbecherkultur, benannt nach ihren charakteristischen Gefäßen. Ob beide Gruppen friedlich zusammenlebten und was sie unterschied, kann nur fragmentarisch erfaßt werden. Neben den charakteristischen Keramiken unterschieden sie sich grundlegend in der Ausrichtung der Toten in den ausgehobenen und manchmal mit kleinen Hügeln versehenen Gräbern. Daher können die Toten von Eulau der Schnurkeramik zugewiesen werden, wobei das Interessante ist, daß diese vorgegebene Ausrichtung der Bestattung nach der Himmels­richtung nicht für alle Toten eingehalten wurde. Dies ließ die Forscherinnen und Forscher darauf schließen, daß sich hier Familienange­hörige direkt gegenüber lagen, ohne Rücksicht auf mögliche rituelle Erfordernisse.

Liegen hier erste Anzeichen einer Kleinfamilie als kleinster sozialer Einheit vor uns? Dies ist – mangels ausreichender Datenbasis, also weiterer Funde – vorerst spekulativ, auch wenn das Buch mehr Gewißheit suggeriert. Ebenso spekulativ ist die Erkenntnis, daß die hier begrabenen Frauen ihre ursprüngliche Wohnstätte verlassen und zu ihren auf welche Weise auch immer angeheirateten Männern gezogen sind. Isotopenunter­suchungen lassen zwar den Schluß zu, daß die Männer und Kinder in der Gegend um Eulau heimisch waren und die Frauen von irgendwoher, möglicher­weise aus dem Harz, stammten. Aber auch hier fehlt es an verläßlichen Vergleichsdaten, weshalb der im Buch vorgestellte Schluß vorerst nicht zwingend ist. Deshalb halte ich es für verfrüht, von einer Patrilokalität auszugehen, also der Vorstellung, daß Frauen von anderswoher, also exogamisch, in die Familien der Männer überge­wechselt sind. Das mag – wie hier – im Einzelfall naheliegen, aber mehr läßt sich hieraus im Moment noch nicht erschließen. Ich bin hier vorsichtiger als die Fachleute, die ein stimmiges Buch mit suggestiven Bildern zusammen­stellen wollten.

Wer lebte nun im Gebiet nördlich der Schnurkeramiker und der Glockenbecherleute? Der archäologische Befund verweist auf die Schönfelder Kultur – Überschneidungen der Siedlungsfläche sind – anders, als es das Buch im Text (nicht jedoch in den Grafiken) nahelegt – zwar vorhanden, aber ansonsten lag hier möglicher­weise eine kulturelle Trennlinie vor. Die Täter von Eulau sollen dieser Kultur entsprungen sein. Die Geschichte, die in Zusammen­arbeit mit dem Kriminologen Michael Baurmann vom BKA hieraus rekonstruiert wird, läßt es allerdings offen, ob diese Tat eingebettet war in einen länger andauernden und ebenfalls blutigen Konflikt, bei dem die Täter von Eulau möglicher­weise die Opfer einer vorherigen Aggression waren. Das zugrunde liegende psychologische Profil ist jedoch ebenso spekulativ.

Immerhin muß dieser Psychologe zugestehen, daß unser Wissen über das Konfliktver­halten der Menschen vor viereinhalb­tausend Jahren gering ist. Wir wissen weder, mit welcher Sozialstruktur wir es zu tun haben, noch, wie soziale Konflikte innerhalb und außerhalb einer oder mehrerer Gruppen gelöst wurden. Allenfalls der archäologische Befund läßt, wenn auch auf begrenzter Datenbasis, einen Anstieg gewalttätiger und auch tödlicher Konflikte mit dem Einzug bäuerlicher Existenz in Mitteleuropa vermuten. Bäuerliche Gesellschaften tendieren schon deshalb zur Expansion, weil – gute Böden und gute Ernten vorausgesetzt – die Bevölkerung derart zunimmt, daß erstens auch zuvor vernachlässigte Terrains besiedelt werden und es zweitens einen Konflikt um Ressourcen geben kann. Die Menschen der eiszeitlichen Steinzeit hatten dieses Problem nicht. Es gab zu wenige Menschen auf zu großer Fläche mit ausreichendem Nahrungsmittel­angebot; man und frau konnte sich daher aus dem Weg gehen und hatte dennoch genug zum Leben.

Mein Eindruck des Buchs „Tatort Eulau – Ein 4500 Jahre altes Verbrechen wird aufgeklärt“ ist daher zwiespältig. Einerseits vermittelt es interessante Einblicke in Forschungs­methoden und Forschungsstand, so daß die Phantasie angeregt werden kann, wie diese Menschen wohl gelebt haben mögen. Andererseits habe ich Bedenken beim doch wenig problematisierten Umgang mit den aus verschiedenen wissenschaft­lichen Disziplinen gewonnenen Erkenntnissen. Nun handelt es sich um ein Buch, daß an ein allgemein an kriminalistischen Fragen interessiertes Publikum gerichtet zu sein scheint, um es auf diesem Weg für historische, hier: prähistorische Fragen zu gewinnen. Ob man und frau sich damit jedoch einen Gefallen tut, trotz aller wissenschaft­lichen Fakten dem suggestiven Moment derart viel Raum zu geben, bezweifle ich.

Laßt mich mein Unbehagen mit Beispielen an anderer Stelle benennen. So wird [auf Seite 110] davon ausgegangen, daß die schnelle Verbreitung der Glockenbecher­kultur eine Mobilität zu Pferde voraussetze. Die daneben abgebildete Karte läßt jedoch durchaus den Schluß zu, daß die Trägerinnen und Träger dieser Kultur entweder zu Boot oder Schiff an Küsten oder Flüssen entlang vorangekommen sein mögen, oder daß diese Verkehrswege eine Verbreitung der Kultur auch ohne Wanderungsbewegung begünstigten. Vermutlich werden uns irgendwann DNA-Analysen vorgesetzt, die belegen sollen, daß damals in Südspanien lebende Menschen mit anhaltinischen Bäuerinnen verwandt sind – angesichts der unzähligen Wanderungen, Eroberungszüge und Handelskon­takte halte ich dieses Vorgehen für höchstproble­matisch. Immerhin bietet die DNA-Analyse im Falle der Toten von Eulau Anhaltspunkte über verwandtschaft­liche Verhältnisse, die wiederum eine Kleinfamilie nahelegen. Hinweise auf die Größe damaliger Häuser oder Hütten lassen einen ähnlichen Schluß zu. Eher zweifelhaft finde ich folgende Bemerkung:

Denn trotz mancher Unterschiede in Weltanschauung und Lebensführung [die wir, gelinde gesagt, nur erahnen können, WK] siedelten die beiden Kulturgruppen [der Schnurkeramik und Glockenbecher, WK] in Nachbarschaft nebeneinander. Offenbar gab es kaum Konflikte; zu groß war wohl das Interesse am Austausch von Wissen und Produkten [was rein spekulativ ist, WK]. Zwar wahrte man lange Zeit ideologischen Abstand, doch waren beide Gesellschaften auch bereit, sich vom Nachbarn inspirieren zu lassen. [7]

Zweifelhaft vor allem dann, wenn ich sie mit einer Aussage des kriminologischen Psychologen Michael Baurmann kontrastiere:

Wir neigen dazu, Täter, die besonders brutale Taten begehen, geografisch und ethnisch in die Ferne zu verlegen. Diese Alltagsmeinung ist jedoch falsch, denn die schlimmsten Gewalttätig­keiten drohen uns von Menschen, die wir bereits kennen, mit denen wir vertraut sind, mit denen wir emotional so verwickelt sein können, dass es zu Gewaltaus­brüchen kommen kann. [8]

Allerdings ist es schwierig zu sagen, welche sozialen Konflikte damals aus welchen Gründen mit Gewalt gelöst wurden. Vielleicht anders formuliert: während die Eiszeitmenschen sich aus dem Weg gehen konnten und in der Regel auch keine Ressourcen­konflikte miteinander gehabt haben mögen, änderte sich dies spätestens mit der Neolithischen Revolution. Nicht zufällig stehen Monumalbauten zu Beginn einer neuen Gesellschaftlich­keit. Denken wir an die ersten Monumente in Kurdistan (Göbekli Tepe) vor über zehntausend Jahren oder an die Megalithan­lagen in Westeuropa. Hier wurden neue soziale Strukturen etabliert und (bewußt oder unbewußt) religiös verbrämte Weltanschau­ungen kreiert, um das Problem der Zusammen­ballung von Menschen zu lösen, die nicht daran gewöhnt waren, permanent mit Anderen in großer Zahl sozial verkehren zu müssen. Das, was wir heute Zivilisation nennen, war geboren.

Daß nebenher dabei Herrschaftsstruk­turen etabliert wurden (oder der Versuch dazu unternommen wurde), widerspricht dem nicht. Das bedeutet – die jungsteinzeit­lichen Menschen mußten erst einmal jahrtausende­lang lernen, mit sozialem Streß umzugehen; und selbst heute funktioniert das nur zum Teil. Gewalt ist immer dann die Lösung für Konflikte, wenn sozialer Austausch und Kommunikation versagt. Ganz abgesehen natürlich von ökonomisch bedingten Gewaltverhält­nissen, die diese Mikrostrukturen überlagern und sich in Sklaverei, Ausbeutung und Kriegen äußern. Nicht auszuschließen [aber, wohlgemerkt, rein spekulativ!] ist daher, daß – um dieses Gewaltpotential mehrerer Gruppen nicht eskalieren zu lassen – es auch in Mitteleuropa rituelle Formen der Kriegsführung gab, auch wenn hierzu keine Belege vorliegen (oder sie übersehen wurden). Aus Mittelamerika beispiels­weise sind hierzu die sogenannten Blumenkriege aus der Aztekenzeit überliefert. Wobei es wohl eher nur ein blutiger, aber agressionsablei­tender und die Gesellschaften zusammenhal­tender Männersport gewesen sein mag.

Der Prähistoriker Ralf Schwarz spricht [auf Seite 130] von den drei Ethnien der Schnurkeramik-, Glockenbecher- und Schönfelder Kultur. Woher nimmt er das? Wir wissen gar nichts über die Wirksam­keit ethnischer Konstrukte in der ausgehenden Jungsteinzeit. Nicht einmal wesentlich später, als die Römer Germanien zu erobern suchten, hatten die verschiedenen germanischen Gruppen, die gemeinhin als Stämme bezeichnet werden, einen derart klaren Begriff der eigenen Identität. Dies ist eine spätere oder von außen gesetzte Zuschreibung.

Etwas verwirrend fand ich das beigefügte Kartenmaterial. Beim Grabungsplan von Eulau [auf Seite 17] hätte ich gerne einen Maßstab und eine Himmelsrich­tung (Nordung) angegeben gehabt [wie etwa auf Seite 83, wo es immerhin einen Maßstab gibt]. Das per Laserscan erstellte Relief der Gegend [auf Seite 41] hätte ruhig mit dem Grabungsfeld markiert werden dürfen. Schön wäre es gewesen, dieses Relief auf eine verständ­liche Weise mit der Topografischen Karte der Region [auf Seite 79] zu verknüpfen.

Und dann noch eine Fundstelle aus der Abteilung Ideologie. Zum Schluß des Bandes wird die Herstellung des „Terra X“-Films angesprochen, und hier findet sich die Bemerkung, daß die durch die erfolgreiche Tätersuche eingetretenen Veränderungen am ursprünglichen Drehbuch am Schneidetisch viel Flexibilität erforderten. Und weiter:

Aber Filmcutter sind es gewohnt, kreativ und flexibel die Nächte durchzuarbeiten. [9]

Der Zwang zum Verkauf der eigenen Arbeitskraft wird als Kreativität verkauft. Die neoliberale Vernutzung der menschlichen Arbeitskraft rund um die Uhr läßt grüßen. Vielleicht versteht ihr jetzt mein leichtes Unbehagen mit Buch und Film. Nichtsdesto­trotz: nehmen wir es als eine mögliche Interpretation über den Tod von 13 Frauen, Männern und Kindern am Ende der mitteleuro­päischen Steinzeit. Folgen wir den archäolo­gischen und kriminologischen Profilern in ihrer Deutung, schauen aber gleichzeitig, wie gesichert ist das, was uns da gesagt und gezeigt wird. Das von Arnold Muhl, Harald Meller und Klaus Heckenhahn zusammenge­tragene Buch trägt den kriminalistischen Titel „Tatort Eulau“ und ist im Theiss Verlag zum Preis von 22 Euro 90 erschienen.

 

Pizzanomics

Besprechung von: Paul Trummer – Pizza Globale. Ein Lieblingsessen erklärt die Weltwirtschaft, Econ Verlag 2010, 334 Seiten, € 17,95; auch als eBook erhältlich

Pizza aus der Tiefkühltruhe? Nach einem Blick auf das Haltbarkeits­datum wandert sie in den Einkaufskorb. Folienver­schweißt und klimagekühlt wird sie nach Hause getragen, ausgepackt, in den Backofen gesteckt und anschließend gefuttert. Doch halt! Irgendetwas stimmt hier nicht. Die mit prächtigen Farben verkündete Verheißung entpuppt sich als eher farbloser Haufen verschiedenster Zutaten, von denen es zur Abrundung des Geschmacks ruhig ein paar mehr sein dürften. Aber der Preis stimmt, fragt sich nur, für wen.

Der österreichische Wirtschafts­journalist Paul Trummer fragte sich, so schreibt er zumindest, eines Abends beim Verzehr seiner Fertigmahl­zeit, wie so eine Pizza entstanden sein mag und woher die sichtbaren und unsichtbaren Zutaten gekommen sind. Und so entstand ein Buch, das versucht, mit dem Entstehungs- und Vermarktungs­prozeß eines Lieblingsessens die Weltwirtschaft zu erklären. Nun ist dieser ambitionierte Versuch von vornherein zum Scheitern verurteilt, weil der globale Kapitalismus aus mehr als Pizzen und ihrer Herstellung besteht, beispielsweise aus Wirtschaftkrisen, Hungersnöten und Menschenrechts­kriegen. Andererseits ermöglicht die Fokussierung auf ein Produkt die Herausarbei­tung einzelner Kettenglieder, die exemplarisch für die ganze organisierte Gewalt globaler Ausbeutung und Ressourcenver­nutzung steht. Insofern scheint der Gedanke reizvoll, die harmlos auf dem Teller dampfende Pizza einmal näher zu betrachten.

Wir erfahren hierbei so allerhand, auch wenn uns nach der Lektüre mehrerer Kapitel der Verdacht beschleichen mag, dies hätten wir so oder ähnlich schon woanders gelesen, gesehen oder gehört. Natürlich wissen wir, daß Fast Food nicht unbedingt gesund ist, natürlich wissen wir von Zutaten, die nicht auf der Verpackung deklariert sind, und wenn doch, dann so verklausuliert, daß wir zur Lebensmittel­chemikerin mutieren müßten, um aus der Rezeptur den Herstellungs­prozeß extrahieren zu können. Zum Beispiel gehört zu einer guten Pizza auch ein gutes Olivenöl, doch die Testergebnisse der letzten Jahre lassen erahnen, daß Weichmacher und andere ungesunde Beimengungen zum ganz normalen Wahnsinn gehören, bis die Flasche im Regal steht. Dies gilt auch für Bioprodukte.

Buchcover Pizza GlobaleDie moderne industrialisierte Massenproduktion von Lebensmitteln kommt ohne Erhitzen und Einfrieren, ohne Konservierungs­stoffe und Geschmacks­träger wie Zucker, Salz und Fett nicht aus. Zudem haben sich, zumindest in den industriellen Metropolen des Nordens und Westens, die Lebens- und Arbeitsbe­dingungen in den vergangenen einhundert Jahren drastisch verändert. Zeit ist nicht nur Geld, sondern auch ein Faktor unseres persönlichen Handelns. Essen gerät zum Störfaktor, die angebliche Heimeligkeit eines gemeinsamen Mittagsmahls in der trauten Runde der beschaulichen Kleinfamilie ist allenfalls nostalgischer Kitsch, keinesfalls jedoch gelebte Realität.

Also benötigen die Menschen immer neue Anregungen, wie sie möglichst effizient und zeitsparend entweder etwas auf den Tisch zaubern oder nebenher einwerfen können. Tiefkühlpizzen gehören so gesehen zu einem Lebensgefühl, das schon allein aufgrund der begleitenden Hektik und des damit verbundenen Stresses nicht gesund sein kann. Das sehen deren Produzenten natürlich ganz anders und gaukeln in schnuckeligen Verpackungen ein Lifestyle­produkt vor. Doch neben organischen Grundprodukten enthalten sie viel Chemie.

Paul Trummer führt uns ins Pizza-Werk und eine Getreidemühle, zu Tomatenbauern und in eine Fleischfabrik. Wir erkunden mit ihm zusammen klinisch reine Fabrikations­hallen und wüßten nur zu gerne, welche Billigarbeits­kräfte mit chemischen Keulen für die Sauberhal­tung zum Einsatz kommen. Billig ist die Rohstoffpro­duktion ohnehin, und das im wahrsten Sinne nackte Elend der nach Italien migrierten Saisonarbei­terinnen und Saisonarbeiter entlädt sich zuweilen in eruptiven Ausbrüchen. Maximale Ausbeutung geht einher mit geflissentlich übersehenem Rassismus. Und dann gibt es noch die Macht der Multis, die Saatgut, Handel und Absatzmärkte monopolisieren und damit die Preise drücken. All dies steckt eben auch in einer billigen Tiefkühlpizza.

Neben der Marktmacht der Lebensmittelkonzerne tritt die Subventions­praxis in den USA und der Europäischen Union. Während einerseits massenhaft Lebensmittel als Müll weggeworfen werden, werden andererseits mit Milliarden­summen Preise künstlich hochgehalten oder Dumpingpreise ermöglicht. Es ist nicht zufällig, daß der Europäische Gerichtshof am 9. November [2010] entschieden hat, daß die Nutznießer der üppigen Zahlungen nicht veröffentlicht werden dürfen, zumindest nicht so wie bisher. Dabei würde herauskommen, daß es nicht oder nicht nur die immer wieder vorgeschobenen jammernden Bäuerinnen und Bauern sind, die hiervon profitieren, sondern Konzerne, deren Gewinnmargen mit europäischen Steuergeldern kräftig aufgepeppt werden.

Hier geht es dann nicht um einige tausend Euro, sondern um einige hundert Millionen. Der polnische Ableger des Südzucker-Konzernes durfte sich beispielsweise vergangenes Jahr an 66 Millionen Euro freuen oder die Nordmilch AG mit läppischen 50 Millionen. Das deutsche Südzucker-Mutterhaus erhielt zusätzliche 42 Millionen geschenkt. Derart subventioniert können Produkte nicht nur hierzulande zu einem Preis auf den Markt geworfen werden, mit denen Bäuerinnen und Bauern beispiels­weise im Senegal nicht konkurrieren können. Die Zerstörung (dortiger) einheimischer Ressourcen geht einher mit der Zerstörung der Lebensbe­dingungen von Millionen von Menschen. All dies vermittelt uns Paul Trummer, und abgesehen von konkreten Zahlen ist dies im Prinzip nichts Neues – zumindest für diejenigen, die sich seit Jahren kritisch mit der globalisierten Misere auseinanderge­setzt haben. Für durch den Buchtitel neugierig Gewordene mag dies jedoch das eine oder andere Aha-Erlebnis auslösen.

Doch wie ist der kritische Impetus des Buchautors zu bewerten? Geht seine Kritik tief genug oder bleibt es bei einem moralischen Appell? Stellt er nur Teilaspekte des globalisierten Wahnsinns in Frage und läßt den Rest unberührt, oder landet er bei den Ursachen von Ausbeutung und Profit, die keiner Schonung bedürfen? Die Frage ist schwierig zu beantworten. Ein guter Gradmesser für die Nützlich­keit der Kritik und eben auch eines solchen Buches ist immer dann vorhanden, wenn Alternativen vorgeschlagen werden. Und hier lassen sich doch einige Beobachtungen machen. Was empfiehlt der Autor nämlich als Gegenstrategie? Ernähren Sie sich gesünder, essen sie weniger Fleisch, kaufen sie Bio, saisonal und regional, achten Sie auf Gütesiegel, lernen Sie kochen, essen Sie das, was wirklich nach etwas schmeckt, wild durcheinander. So jedenfalls verraten es uns die Überschriften zu seinen Ermunterungen, Fast Food durch Gewissen zu ersetzen. Das ist nicht alles falsch, aber unvollständig. Unvollständig aus zwei Gründen. Einerseits sind Konsumentinnen und Konsumenten weder für Produktionsbe­dingungen noch für Profitmacherei verantwortlich zu machen, auch dann nicht, wenn sie beim Einkaufen auf möglichst billige Produkte achten. Würden sie teurere Produkte kaufen, würde sich die Produktion auch nicht ändern, allenfalls der Profit würde ansteigen.

Die vielbeschworene Macht der für ein paar Euro Einkaufenden bricht sich an der Marktmacht milliarden­schwerer multinationaler Konzerne. Nur in Nischen sind Änderungen möglich, etwa bei Bioprodukten oder regionalen Erzeugerinnen. Diese Nischen wollen jedoch bezahlt sein, und hier fängt das grundlegende Problem an: das können sich nur die rund 25% leisten, die zur Zeit auf die grüne Agenda der gleichnamigen Partei setzen wollen. Die anderen schauen mehr oder weniger zu. Wer einmal bei Alnatura kleine Mengen eines Produktes zu einem großen Preis eingekauft hat, weiß, wovon ich rede. Und dabei ist Bio nicht einmal so viel gesünder. Biologisch angebaute oder erzeugte Produkte enthalten zwar weniger Pestizide, sind qualitativ im Durchschnitt betrachtet aber auch nicht oder nicht wesentlich gesünder als Produkte ohne das Bio-Gütesiegel.

Und was gesund ist, bestimmen nach recht willkürlichen Kriterien Organisationen und Gesundheitspäpste, die wie unter anderem der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer immer wieder darlegt, kaum eine solide wissenschaftliche Studie hierzu vorweisen können. Manchmal werden die Richtlinien einfach in Konsens­gesprächen mit Expertinnen und Experten ausgewürfelt, die auch einmal von der daran interessierten Lebensmittel- oder Pharmabranche bezahlt werden [10]. Allerdings ist auch Udo Pollmers Ansatz insofern problematisch, weil er zur Begründung mancher seiner Thesen den evolutionsbiolo­gischen Unsinn nachplappert, der heute als wissenschaft­licher Standard daherkommt, und sei es, weil man und frau damit Forschungs­gelder akquirieren kann.

Apropos gesund: Übergewichtige gelten als Risikofaktor der Versicherungs­branche und des Gesundheits­wesens, ja geradezu als zu stigmatisierende, weil die Volksgemein­schaft schädigende Gruppe. Aber wird deswegen die Lebensmittel­industrie wegen des ungehemmten Verkaufs gesundheitsschäd­licher fettriefender, gesalzener und verzuckerter Produkte angegangen? Nööö … auch hier ist die Konsumentin daran schuld, was die Profitmacherei ihr vorsetzt. Die Bigotterie des Gesundheits­wahns scheint grenzenlos zu sein.

Andererseits gehören auch biologische Produkte zum ganz ordinären Kapitalismus, werden also unter den im Prinzip selben Arbeits- und Produktionsbe­dingungen, sowie Profitzwängen hergestellt. „Fair“ gehandelte Schokolade mag moralisch gesehen besser sein als unfair gehandelte, sie bringt ein wohliges Gewissen für die im Vergleich reichere Gruppe der Menschheit und ein bißchen mehr Kleingeld und weniger Abhängigkeit für die Armen dieser Welt. Strukturell ändert sich jedoch so gut wie nichts, und überhaupt: seit wann sind der Kapitalismus und sein Markt „fair‘? Sicher, der Autor macht sich auch hierüber den einen oder anderen Gedanken. Aber was übrig bleibt, ist die Nützlich­keit einer Tafel, welche die nicht mehr verkäuflichen Reste einer Gesellschaft noch gewinnbringend verteilt. Denn die Entsorgungs­kosten eines Joghurts mitsamt Becher wären teurer als der Verkaufspreis, und dann ist es lohnender, sie zu verschenken und dabei noch als großzügiger Spender dazustehen.

Daß derartige Tafeln aus ganz anderen Gründen eine höchst problematische Einrichtung sind, hat der Soziologe Stefan Selke vor einem Monat mit seinem Vortrag in Darmstadt aufgezeigt, den ich vergangene Woche Mittwoch habe senden lassen. Dieser Vortrag ist als Podcast auf dem Audioportal des Bundesver­bandes Freier Radios, www.freie-radios.net, vorhanden

Zum Schluß noch ein paar Anmerkungen. Der Autor trägt nicht nur Daten und Fakten zur Entstehung des Essens einer Wohlstandsgesell­schaft bei, sondern belegt, daß auch eine weniger industrielle Lebensmittelpro­duktion in der Lage wäre, alle Menschen dieses Planeten selbst bei gleichblei­bendem Bevölkerungs­wachstum auch in vierzig Jahren ausreichend ernähren zu können. Dies würde jedoch andere Prioritäten voraussetzen als Monokulturen unter dem Blickwinkel knallharter kapitalistischer Verwertung. Weiterhin zeigt er am Beispiel des Transports von deutschen Tiefkühlpizzen nach China, wie absurd das ganze System ist. Die Transport­kosten pro Pizza liegen im Marginalbereich von zwei bis drei Cent pro Packung, wobei die Salamischeiben erst in China beigefügt werden. Also Folie auf, Salami rein, und neu verschweißt. Das Absurde liegt jedoch nicht nur in der multinationalen Herstellung, sondern im durch billiges Erdöl und massive Umweltver­schmutzung subventionierten Massentrans­port. Zumal dann, wenn in deutschen Landen die Lagerhaltung vergesellschaft­licht wird und auf Landstraßen und Autobahnen stattfindet. Das ist immer noch billiger, als Vorratshaltung zu betreiben und die Landschaft mit weiteren Gewerbegebieten zuzuknallen (die es dennoch gibt).

Wer mehr über die absurden Voraussetzungen und Nebenwir­kungen einer Tiefkühlpizza erfahren mag, kann zu dem von Paul Trummer verfaßten Buch „Pizza Globale. Ein Lieblingsessen erklärt die Weltwirtschaft“ greifen. Es ist vor kurzem im Econ Verlag herausgekommen und kostet 17 Euro 95.

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte

In der vergangenen Stunde führte ich euch zu den Tatorten einer tödlichen Vorgeschichte und zu möglichen, aber nicht immer stimmigen und manchmal auch umstrittenen Rekonstruktionen. Als Beilage gab es Tiefkühlpizza, die nicht mehr so recht munden mag. Hierbei habe ich vier Bücher vorgestellt, und zwar

Das Manuskript zur Sendung versuche ich, in den kommenden Tagen auf meine Webseite hochzuladen; es ist dann nachzulesen auf www.waltpolitik.de. Am Mikrofon war Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

 

ANMERKUNGEN
Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

»» [1]   Vgl. die Webseite des Tübinger Troia-Projekts.

»» [2]   Siehe hierzu meine Sendungen am 30. April 2002, 29. Mai 2002 und am 27. August 2002, sowie eine weitere Besprechung am 13. November 2006.

»» [3]   Frank Kolb : Tatort »Troia«, Seite 12.

»» [4]   Frank Kolb benutzt bewußt diesen Terminus, weil die Bewohner der Troas keine Trojaner, sondern Troer gewesen sind.

»» [5]   Kolb Seite 143.

»» [6]   Kolb Seite 197.

»» [7]   Arnold Muhl / Harald Meller / Klaus Heckenhahn : Tatort Eulau, Seite 107.

»» [8]   Tatort Eulau, Seite 149.

»» [9]   Tatort Eulau, Seite 157.

»» [10]   Vgl. Udo Pollmer / Susanne Warmuth : Lexikon der populären Ernährungsirrtümer [2002], Seite 310.


Diese Seite wurde zuletzt am 28. November 2010 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2010. Die Aufnahme des mykenischen Goldschmucks stammt von Egbert Kuhl. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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