Geschichte

Terra Incognita

 

SENDEMANUSKRIPT

In der Sendung vom 13. November 2006 sprach ich über die Ausgrabungen von Troia und über die ziemlich unbekannte Geschichte des afrikanischen Kontinents.

 

 

Sendung :

Geschichte

Terra Incognita

 

Redaktion und Moderation :

Walter Kuhl

 

gesendet auf :

Radio Darmstadt

 

Redaktion :

Alltag und Geschichte

 

gesendet am :

Montag, 13. November 2006, 17.00–18.00 Uhr

 

wiederholt am :

Montag, 13. November 2006, 23.10–00.10 Uhr
Dienstag, 14. November 2006, 05.20–06.20 Uhr
Dienstag, 14. November 2006, 11.30–12.30 Uhr

 
 

Besprochene und benutzte Bücher :

  • Manfred O. Korfmann : Troia, Verlag Philipp von Zabern
  • Graham Connah : Unbekanntes Afrika, Konrad Theiss Verlag

 
 

URL dieser Seite : http://waltpolitik.powerbone.de/herstory/ge_terra.htm

 

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung

Kapitel 2 : Interpretationen

Kapitel 3 : Untersuchungen

Kapitel 4 : Entdunkelungen

Kapitel 5 : Schluß

Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

Wir glauben, so viel zu wissen, aber wir wissen es nicht. Oft verwechseln wir die Informationsbröckchen, die uns in der Schule, an der Universität oder bei Günher Jauch vermittelt werden, mit wirklichem Wissen. Wissen setzt eine Auseinandersetzung mit der Umwelt und der eigenen Geschichte voraus, Wissen hat mit Auswendiglernen nicht das Geringste zu tun. Nun kann man und frau sich zurecht fragen, was wir denn eigentlich wissen sollten, und wozu das gut sein soll. Hierzu gibt es keine allgemein verbindlichen Aussagen. Schon gar nicht in einer Gesellschaft wie dieser, bei der selbst das Wissen der Profitabilität und der eigenen Selbstverwertung unterworfen wird. Es gibt kein Wissen an sich. Es gibt dann nur noch ein Wissen, daß uns dazu verhilft, an Geld zu gelangen.

Insofern ist ein Wissen über die weite Vergangenheit ein ziemlich nutzloses Wissen. Es hat schon fast eher etwas damit zu tun, womit wir uns die Zeit vertreiben wollen. Das Verfolgen archäologischer Berichte oder Sendungen hat dann mehr mit Briefmarkensammeln zu tun als damit, sich selbst die Welt zu erklären und damit vielleicht auch gegen diese handlungsfähig zu bleiben oder zu werden. Auch wenn diese Welt, so (grausam) wie sie ist, eigentlich keine Daseinsberechtigung besitzt [1], so haben wir uns darin doch ganz gut eingenistet und mögen es nicht, gestört zu werden. Die Zumutungen einer kapitalistischen Leistungsgesellschaft betrachten wir folgerichtig als so etwas wie gottgegeben und unveränderlich, aber die Anstrengung, eigenverantwortlich und selbstbestimmt zu handeln, als eine Störung unserer Ruhe.

Es ist eine Ruhe, die manchmal durch Kino–, Theater– oder Konzertbesuche, durch Kurzurlaube oder Fußballspiele unterbrochen wird [2]; und doch ist es keine Ruhe. Es ist die Illusion einer Ruhe, bei der die Menschen in Betonklötzen arbeiten, leben und schlafen. Unsere Vorgeschichte sah hier wesentlich anders aus.

Um zwei Aspekte einer derartigen Vorgeschichte geht es in meiner heutigen Sendung. Seit 1988 wird der Grabungshügel von Troia zum wiederholten Mal durchsucht, hierüber informiert ein über 400 Seiten starkes Buch, bei dem der letztes Jahr verstorbene Grabungsleiter Manfred Korfmann als Herausgeber fungiert. Afrika ist zwar die Wiege der Menschheit, aber im Grunde genommen immer noch eine terra incognita, eine unbekannte, unerforschte Welt. Mehr Licht in dieses Dunkel bringt der australische Afrikaforscher Graham Connah, dessen Buch ich in der zweiten Hälfte dieser Sendung vorstellen werde.

Für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt ist am Mikrofon Walter Kuhl.

 

Interpretationen

Besprechung von : Manfred O. Korfmann (Hg.) – Troia. Archäologie eines Siedlungshügels und seiner Landschaft, Verlag Philipp von Zabern 2006, 419 Seiten, € 49,90

Troia. Selten ist in einen einzigen Ort so viel hinein geheimnißt worden wie in den Burghügel am Ausgang der Dardanellen im Nordwesten der heutigen Türkei. Besucherinnen und Besucher, die den ergrabenen Siedlungshügel aufsuchen, mögen enttäuscht darüber sein, wie wenig ihnen dieser Ort zu bieten hat. Gewiß, die eine oder andere Mauer ist imposant. Aber so recht glaubwürdig scheint es nicht, daß ausgerechnet dieser steintrockene Flecken Dreh– und Angelpunkt für die epischen Dichtung im antiken Griechenland gewesen sein soll.

Und doch ist Troia nicht einfach nur ein Flecken auf der Landkarte gewesen. Nach mehreren Ausgrabungskampagnen seit rund 140 Jahren zeigt es sich, daß auf dem Burghügel Hisarlık mehrere Städte aufeinander gebaut und wieder zerstört wurden. Es handelte sich nicht um ein unscheinbares Nest, sondern ganz offensichtlich, zumindest für die ersten zweitausend Jahre seiner Existenz, um ein regional wichtiges Zentrum. Den ursprünglichen Namen kennen wir jedoch nicht; Schriftfunde hierzu sind nicht vorhanden. Die einzigen Hinweise darauf, was wir uns unter dem Troia des 2. Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung vorzustellen haben, stammen aus zeitgenössischen hethitischen Quellen und der Jahrhunderte später abgefaßten Ilias eines historisch nicht greifbaren Dichters, der den Namen Homer getragen haben soll.

Seit 1988 forscht ein internationales Grabungsteam unter Leitung der Universitäten Tübingen und Cincinnati im Rahmen eines interdisziplinären Projekts auf dem Grabungshügel von Troia und in dessen Umgebung nach neuen Spuren der Vergangenheit. Angesichts dessen, daß schriftliche Quellen erst für das Ende des letzten Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung vorliegen, bleibt vieles der Interpretation der Archäologen, Historiker und den Forscherinnen und Forscher anderer Fachrichtungen überlassen.

Nun ist so ziemlich jede wissenschaftliche Erkenntnis prähistorischer Zeiten eine Interpretation, eben weil keine Schriftquellen vorliegen. Doch auch eine Geschichtsschreibung mit vorhandenen Schriftquellen gründet sich meist auf eine Interpretation, denn jede Historikerin weiß, daß Urkunden der Vergangenheit nicht unbedingt das wiedergeben, was tatsächlich geschehen ist. Das reicht von ganz normalen subjektiven Eingrenzungen der Wahrnehmung bis hin zu offenen Fälschungen.

Diese Interpretationslastigkeit prähistorischer Forschung verführt natürlich dazu, sich ein eigenes Weltbild zusammenzureimen. Andererseits haben es Kritikerinnen und Kritiker immer leicht, auf die wunden Punkte jeder Interpretation hinzuweisen, denn letztendlich fehlt meist der entscheidende Beweis für die Richtigkeit einer solchen Interpretation. Im Falle des Siedlungshügels von Troia haben wir es auf jeden Fall mit beiden Phänomenen zu tun. Es gibt, wenn auch im Laufe der Jahrzehnte verschiedene, Interpretationen darüber, welche Geschichte mit Troia verbunden ist. Und es gibt genauso kritische Stimmen, die dagegen halten und sagen: was ihr da behauptet, ist nicht beweisbar.

Buchcover Korfmann TroiaDeshalb ist ein Band wie der jetzt im Verlag Philipp von Zabern herausgebrachte über Troia. Archäologie eines Siedlungshügels und seiner Landschaft von besonderer Bedeutung. Der Herausgeber des Bandes, Manfred Korfmann, ist vergangenes Jahr verstorben, doch der Band selbst wurde so zusammen gestellt, wie er sich das in etwa vorgestellt hätte. Manfred Korfmann war seit 1988 der Ausgrabungsleiter vor Ort. Von ihm stammen nicht wenige der Neuinterpretationen über die Bedeutung Troias, wobei hinzuzufügen wäre, daß diese Erkenntnisse ohne sein international und interdisziplinär zusammengestelltes Team nicht zustande gekommen wären.

Troia – das ist nicht allein die Stätte des Trojanischen Krieges. Dieser ist bestenfalls eine kurze Episode, die durch den Zufall der später durch einen gewissen Homer schriftlich fixierten mündlichen Überlieferung bis heute nachwirkt. Der archäologische Befund zeigt, daß der Hügel schon vor fünftausend Jahren besiedelt worden ist. Wahrscheinlich lag zu dem damaligen Zeitpunkt keine strategische Planung vor. Der Hügel am Eingang der Dardanellen bot sich zur Besiedlung etwa genauso an wie viele andere Plätze in der griechischen oder anatolischen Umgebung. Bedeutung erlangte ausgerechnet dieser Siedlungsplatz erst dadurch, daß er – wie wir heute sagen würden – einen zunächst unscheinbaren Standortvorteil besaß.

Bei der vorherrschenden nördlichen Windrichtung und der relativ starken Meeresströmung aus dem Schwarzen Meer in die Ägäis konnten die prähistorischen Schiffe nur in relativ kurzen Zeitfenstern Richtung Norden segeln, da das Kreuzen gegen den Wind noch unbekannt war. Es bot sich also an, an einem geschützten Hafen zu ankern und abzuwarten, und so eine geschützte Bucht lag genau vor dem Hügel Troias. Es ist anzunehmen, daß die Bewohnerinnen und Bewohner die lukrative Lage erkannten und aus dem unscheinbaren Dorf eine blühende Handelssiedlung machten. So etwas geht nicht ohne Neid und Konflikte ab, so daß als nächste logische Innovation eine Burgmauer entstand.

Von der frühen Bronzezeit zu Beginn des dritten Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung bis zum byzantinischen Bischofssitz im 14. Jahrhundert zählen die Archäologen und Archäologinnen zehn aufeinander folgende Perioden mit über fünfzig Bauphasen. Und nur dann, wenn die gesamte Geschichte dieses Siedlungshügels seit seinen Anfängen betrachtet wird, wird erkennbar, welche Bedeutung Troia zu der Zeit gehabt haben muß, die der griechische Mythos dem Trojanischen Krieg zuschreibt. Troia war demnach kein unscheinbares Nest, sondern eine ernstzunehmende Stadt, die erst nach zehn langen Jahren unter Nutzung einer Kriegslist erobert werden konnte.

Doch Mythen sind keine Geschichtsschreibung, sie sind selbst schon Kompilation und Interpretation. Eine Kompilation bezeichnet eine Verschränkung mehrerer Zeit– und Handlungsebenen zu einem erzählerischen Strang. Gerade in der Ilias, aber auch in der Odyssee finden wir genügend Anhaltspunkte dafür, daß ganze Gesänge, aber auch einzelne Verse nachträglich eingebaut worden sind. Dafür sind sowohl mündliche Übertragungsfehler von Generation zu Generation verantwortlich, aber auch bewußt eingestreute aktuelle Zeitbezüge und selbstverständlich die Interpretation und des Weltbild des jeweiligen fahrenden Sängers.

Die insgesamt 38 Beiträge dieses von Manfred Korfmann herausgegebenen Bandes beschreiben deshalb sowohl die inzwischen gewonnenen Erkenntnisse, aber sie reflektieren gleichzeitig die Grundlagen der jeweiligen Erkenntnisse und machen damit auf die Fallen aufmerksam, in die jeder Archäologe und jede Wissenschaftlerin hineintappen kann. Insofern kann beim Lesen durchaus der Eindruck aufkommen, als würden diese Beiträge genau das infrage stellen, was sie gerade darzustellen versuchen. Aber genau darin liegt auch der Wert einer wissenschaftlichen Erkenntnis, die sich immer wieder aufs Neue der Grundlagen der eigenen Arbeit versichern muß. Schon deshalb ist der Band Troia. Archäologie eines Siedlungshügels und seiner Landschaft ein spannend zu lesendes Zeitdokument.

Fragen wir einmal so: was würden wir über diesen Hügel wissen, wenn es die Ilias und die anderen homerischen Epen nicht gegeben hätte oder sie wie viele andere antike Schriftrollen verbrannt worden oder sonstwie verschwunden wären? Würden wir mit derselben Gewißheit diesen Ort mit dem in hethitischen Quellen genannten Königreich Wilusa in Verbindung setzen? Könnten wir mit derselben Überzeugung das von den Hethitern Ahhijawa genannte Gebiet mit dem griechischen Festland der Achäer verknüpfen? Vielleicht ist das nur eine Gedankenspielerei, aber sie zeigt, wie brüchig manche Erkenntnisse und Interpretationen sind.

Andererseits gehen, so denke ich, die Kritikerinnen und Kritiker der Gleichsetzung von Ilios bzw. Wilios mit Wilusa zu weit, wenn sie einfach abstreiten, daß es sich bei Troia um eine bedeutende Stadt gehandelt hat. Die archäologischen Zeugnisse zeigen uns ein Areal, das mit einer langen Mauer umzogen war, auch wenn dort nur vielleicht fünf– bis achttausend Menschen gelebt haben mögen. Für damalige Verhältnisse war dies eine größere Ansiedlung. Troia mag keine Stadt von der Bedeutung hethitischer, assyrischer, babylonischer oder ägyptischer Metropolen gewesen sein. Aber sie war bedeutend genug, daß – wenn die Gleichsetzung mit Wilusa zutrifft – Hethiter und (das Land) Ahhijawa hier aufeinander prallten. Denn es ist kaum zu bezweifeln, daß dieser nordwestliche Zipfel Anatoliens zumindest hethitisches Einflußgebiet, wenn nicht gar Herrschaftsgebiet war. Und doch reimt sich nicht alles genau zusammen.

Es gibt auf dem griechischen Festland Zerstörungshorizonte aus der Mitte des 13. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung, etwa in Mykene und Theben, die es nahelegen, daß das heute als Stätte des Trojanischen Krieges favorisierte Troia VIIa nicht die Stadt gewesen sein kann, um welche die Vorfahren der Griechen Krieg führten. Insofern wird diese Frage erst einmal offen bleiben müssen. Abgesehen davon läßt sich auch heute noch, nach mehreren Jahrhunderten ausgiebiger philologischer, archäologischer und historischer Forschung, schwer beurteilen, welchen wahren Kern das homerische Epos gehabt haben mag. Es spricht jedoch einiges dagegen, daß es sich um eine bloße literarische Erfindung handelt.

Vielleicht ist es sinnvoll, an dieser Stelle darauf hinzuweisen, daß einer der Hauptkritiker der Hypothese, in Troia ein wichtiges regionales Zentrum zu sehen, Frank Kolb ist. Er lehrt und forscht – wie einst Manfred Korfmann – in Tübingen. Kolb ist jedoch grabungserfahrener Experte für antike Städte. Es gibt hingegen keinen Grund anzunehmen, daß der Aufbau, die Größe und die Funktion prähistorischer früher Städte in allem derselbe ist wie der späterer zum Teil planvoll angelegter Metropolen. Der Städtebau der Bronzezeit ist aus dem jeweiligen lokalen und historischen Umfeld zu betrachten, nicht aus den Erkenntnissen einer späteren zum Teil vollkommen anderen Gesellschaftlichkeit, nämlich der entwickelten antiken Sklavenhalterwirtschaft.

Nachträglich hinzufügen möchte ich, daß ich von der Gleichsetzung Ilios = Wilusa überzeugt bin und demnach auch davon, daß Troia Teil des arzawischen Staatenverbandes war, der seit Ende des 14. Jahrhunderts an das Hethiterreich angegliedert war. Das Land Ahhijawa ist danach zweifelsohne das (achäische) griechische Festland, wobei allein fraglich bleibt, ob zu diesem Zeitpunkt Theben oder Mykene vorherrschend gewesen ist. Allein – und damit komme ich auf die Frage der Interpretation zurück: der endgültige Beweis für diese Gleichsetzung kann woh erst dann erbracht werden, wenn es gelingt, daß mutmaßliche Palastarchiv Troias wiederzuentdecken. Die Chancen hierfür sind jedoch nicht günstig. Denn es ist gut möglich, daß bei der Planierung des Burgberges zur Errichtung von Troia IX (hellenistische Antike) die meisten Spuren von Troia VI und VIIa unwiderbringlich zerstört worden sind; wobei hier noch (als eine Art kleiner Hoffnungsschimmer) zu klären wäre, wohin die Griechen den Abraum entsorgt haben könnten. Ob das Palastarchiv allerdings auf vergänglichem Material und/oder getrocknetem (aber nicht gebranntem) Ton geführt wurde, ist eine andere Frage. Hier hilft dann nur noch der Gedanke weiter, daß durch eine Zerstörung Troias die Tontafeln gebrannt wurden und sich irgendwo im Schutt des Siedlungshügels vielleicht doch noch Spuren des Archivs finden lassen.

 

Untersuchungen

Der vom im August 2005 verstorbenen Manfred Korfmann herausgegebene Band Troia. Archäologie eines Siedlungshügels und seiner Landschaft hat auf seinen 419 großformatigen Seiten mit seinen 38 Beiträgen nicht den Anspruch, das Fazit der bisherigen Ausgrabungen zu ziehen. Vielmehr geht das Interesse der Darstellung dieses Bandes dahin, allen an Troia Interessierten einen über das rein Archäologische hinausreichenden Eindruck von den Zielsetzungen, der Arbeitsweise und den Ergebnissen der verschiedenen am Projekt beteiligten Disziplinen zu vermitteln.

Entsprechend ist der Band in sechs Teile gegliedert. Zunächst vermittelt der Historische Rahmen einen Blick auf die anatolischen Wurzeln, sowie auf den politischen und wirtschaftlichen Kontakt mit den umgebenden kleinen und großen Mächten. Der Fokus reicht hier von den Anfängen der Bronzezeit bis in die griechisch–römische Antike.

In einem zweiten Teil wird die Forschungsgeschichte dieses Siedlungshügels abgehandelt. Schon im 17. Jahrhundert erkannten erste Reisende, daß Troia nicht an der Küste gelegen sein konnte, sondern im Landesinnern. So entstand die Methode, mit der Ilias im Gepäck den Ort des Trojanischen Krieges zu suchen. Nachdem Frank Calvert mit Hisarlık den richtigen Hügel gefunden hatte, konnte Heinrich Schliemann das nötige Kleingeld beisteuern, um erste Grabungen durchzuführen. Trotz seiner anfänglich dilettantischen Vorgehensweise trugen die Ausgrabungen Troias zur Geburt der modernen Archäologie bei. Der dritte Teil des Bandes geht folgerichtig auf die Siedlungsabfolge Troias ein.

Der vierte Teil des Bandes befaßt sich mit der Analyse von Artefakten, worunter nicht nur Keramikscherben, sondern auch Bronzegefäße, Baudenkmäler und in späterer Zeit auch Münzen zu verstehen sind. Es schließen sich naturwissenschaftliche Untersuchungen und Untersuchungen zur Geschichte der Landschaft an.

Was können uns naturwissenschaftliche Methoden über das Leben und Sterben im prähistorischen Troia erzählen? Gerade mit dem Sterben ist das so eine Sache. Denn wenn Troia eine Stadt gewesen ist, in der jahrhundertelang mehrere tausend Menschen gelebt haben, dann ist das Fehlen eines Friedhofs geradezu bemerkenswert. Ein ähnliches Phänomen finden wir übrigens historisch zeitgleich in der hethitischen Hauptstadt Chattusa vor. Wie es zu deuten ist, ist derzeit unklar. So wurden zwischen 1989 und 2003 in und bei Troia gerade einmal 120 Bestattungen entdeckt, die ältesten aus der frühen Bronzezeit, die jüngsten aus der osmanischen Periode.

Hier kann immerhin gezeigt werden, daß Karies eine Zahnkrankheit ist, die mit der Verfeinerung des Essens in historischer Zeit vermehrt aufgetreten sein muß. Das Essen in der Bronzezeit war offensichtlich zäher oder das Getreide enthielt mehr Sandkörner, was den Zahnabrieb beschleunigte. Die Folge: Kein Gebiß eines erwachsenen Bronzezeitmenschen war kariös, während mindestens ein kariöser Zahn bei 78% aller Byzantiner (und Byzantinerinnen) und gar bei 100% aller Römer (und Römerinnen) auftrat. Allerdings sind 120 Bestattungen für einen Zeitraum von mehreren Jahrtausenden nicht gerade als statistisch repräsentativ anzusehen.

Es gibt allerdings noch andere Quellen, aus denen wir die Ernährungsgewohnheiten der Menschen in Troia herausfiltern können. So wurden rund 190.000 Knochen und Molluskenreste mit einem Gewicht von über einer Tonne wissenschaftlich erfaßt. Dabei schwanken die Zahlen für einzelne Siedlungsphasen, was mehrere Ursachen haben kann. Die Schichten sind zum Teil von unterschiedlicher Mächtigkeit. Andererseits liegt von einzelnen Schichten kaum Fundmaterial vor, weil sie entweder schon in historischer Zeit abgetragen worden waren oder von Schliemann und anderen frühen Ausgräbern eher achtlos beiseite geschafft wurden.

Immerhin läßt sich sagen, daß beispielsweise das Pferd in der Troas ursprünglich nicht heimisch war, sondern erst in der späten Bronzezeit, also in der 2. Hälfte des 2. Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung, dorthin gelangt ist. Fischfang war wahrscheinlich keine wesentliche Nahrungsquelle, eher wurden Rinder, Schweine, Schafe und Ziegen verzehrt. Offen bleiben muß jedoch, ob Fleisch ein regelmäßiger Bestandteil der täglichen Ernährung war oder ob Getreide und vielleicht Gemüse als wesentlicher Bestandteil der Nahrung anzusehen sein muß.

Doch auch hier wurden Unmengen von Daten erfaßt. So wurden die Reste von rund 250.000 Samen und Früchten untersucht, mit dem Ergebnis, daß 271 Taxa erfaßt werden konnten. Von diesen 271 Pflanzenarten und ihren Varianten waren zwar die Mehrzahl Wildpflanzen, aber in absoluten Zahlen dominieren mit 98% Kulturpflanzen. Das läßt darauf schließen, daß das Sammeln von Gräsern und Beeren eher die Ausnahme gewesen ist. Wichtig waren offenbar Emmer (das ist ein früher Weizen), Wein, Erbsen, Ackerbohnen und Linsenwicken. Während des Endes der Bronzezeit spielte Gerste eine bedeutende Rolle als Grundnahrungsmittel.

Auch in Fragen der Hygiene lassen sich Aussagen machen, zumindest für die hellenistische Zeit, also die letzten drei Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung. Es scheint keine lokale Instanz gegeben zu haben, welche die hygienischen Verhältnisse strikt kontrollierte. So ist eine gewisse Toleranz gegenüber Tierkadavern zu beobachten, die erst dann entsorgt wurden, wenn sie wirklich im Weg waren.

Neben dem Sammeln, Zählen und Auswerten von Knochen und Samen gibt es noch andere naturwissenschaftliche Methoden, einem Grabungsgelände Informationen zu entlocken. Manche dieser Methoden haben überdies den Vorteil, zerstörungsfrei zu sein. Damit kann ein bestimmter Fundplatz nachträglich mit verbesserten Methoden neu untersucht werden, steht also einer prinzipiellen Überprüfung der gewonnenen Erkenntnisse offen. Diesen Vorteil finden wir bei der magnetischen Prospektion vor, bei der Abweichungen vom Magnetfeld aufgezeichnet und visuell dargestellt werden können. Aufgrund dieser Methode können Aussagen zur Ausdehnung einer unterhalb des Hügels gelegenen Unterstadt gemacht werden, aber auch zu den Verteidigungsanlagen, welche die Unterstadt geschützt haben mögen.

Und doch bedarf es zuweilen einer archäologischen Überprüfung, um zu erkennen, ob eine Abweichung vom Magnetfeld einen Graben oder eine Mauer darstellt. Da bei einer langen Siedlungsgeschichte wie in Troia mehrere Bauten und Schichtkomplexe aufeinander folgen, entsteht bei der magnetischen Prospektion leicht ein Wirrwarr an Abweichungen, die der Interpretation bedürfen. Hier helfen einzelne Grabungen weiter, deren Ergebnisse auf angrenzende Fundkomplexe übertragen werden können. Die Beiträge im Buch zu dieser Problematik zeigen jedoch, daß bei der Interpretation keine Willkür herrscht, sondern die Methode zum inzwischen gut abgesicherten wissenschaftlichen Standard gehört.

Überhaupt ist anzumerken, daß die geologische Beschaffenheit der Gegend um Troia sich im Laufe der Zeit verändert hat. Wo heute der Karamenderes mehrere Kilometer nordwestlich von Troia ins Meer fließt, lag in der Bronzezeit eine Meeresbucht. Es sieht so aus, als hätte Troia, als es vor fünftausend Jahren erstmals erbaut wurde, noch direkt am Meer gelegen. Erst später verlandete die vor der Stadt gelegene Bucht und gab somit das Schlachtfeld ab, auf dem der Trojanische Krieg stattgefunden haben könnte.

Während die Wasserversorgung in der Bronzezeit durch einen ausreichenden Grundwasserspiegel gesichert gewesen sein mag, wurde die römische Stadt Ilion durch einen über 30 Kilometer langen Aquädukt versorgt. Ob die von Homer besungenen heißen Quellen wirklich existiert haben, ist jedoch schwer zu sagen. Die Gegend um Troia liegt dort, wo die Anatolische Platte an die Eurasische Platte stößt, und ist daher tektonisch aktiv.

Verschiebungen einzelner Mauern im Burghügel deuten darauf hin, daß Troia im Laufe seiner Geschichte mehrfach von Erdbeben heimgesucht worden ist. Die damaligen Ingenieure waren jedoch einfallsreich und errichteten einzelne Mauerzüge so, daß sie derartige Erdstöße abfedern konnten. Dieser Sachverhalt wurde von den ersten Archäologen zunächst nicht erkannt; sie wunderten sich nur über das seltsame Mauermuster.

Es sind eben nicht nur die Ausgrabungen selbst, welche uns Informationen liefern. Obwohl für die Blütezeit Troias schriftliche Quellen fehlen, lassen sich dennoch Erkenntnisse über Siedlungs– und Lebensgewohnheiten der damaligen Menschen gewinnen. Sie sind allerdings eher grob und sagen uns wenig über das konkrete Leben zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt. In dieser Hinsicht ist das Buch über Troia auf jeden Fall ein Gewinn.

Stutzig wurde ich hingegen beim Beitrag von Charles Brian Rose über das westliche Kleinasien in griechischer und römischer Zeit. Auch wenn mir nicht recht klar ist, wie ein solcher Fehler entstehen konnte, so residierte der König Abdalonymos aus Sidon Ende des 4. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung gewiß nicht "in der südöstlichen Türkei" [3], sondern im heutigen Libanon.

Dieser Fehler ist insofern erstaunlich, weil ich eine ähnliche geographische Fehlzuordnung in einem Werk über die Minoer vorgefunden hatte, nur daß es hier um die Stadt Byblos handelte, die statt im Libanon ebenfalls in der Türkei lokalisiert wurde [4]. Man fragt sich, aus welch merkwürdigen Quellen hier abgeschrieben wurde. Im Falle Sidons könnte allenfalls eine Verwechslung mit der griechischen Stadt Side vorliegen, die zwischen dem heutigen Antalya und Alanya an der Südküste der Türkei liegt. Dort herrschte allerdings kein Abdalonymos. Jedenfalls ist es für mich schwer vorstellbar, daß ein ausgewiesener Experte für die klassische Antike wie Charles Brian Rose so daneben gegriffen haben könnte.

Und wenn wir schon dabei sind: Auf Seite 271 ist von den Regierungsjahren "Galliens (253–268 n. Chr.)" die Rede; gemeint ist hier natürlich der Kaiser Gallienus. Doch das schmälert die editorische Leistung dieses ansonsten bemerkenswert sorgfältig redigierten Bandes keinesfalls. Heutzutage ist es fast schon notwendig, auf etwas derart Selbstverständliches hinzuweisen, denn am Lektorat wird selbst in großen Verlagen gespart.

Der 419 Seiten umfassende großformatige Band Troia. Archäologie eines Siedlungshügels und seiner Landschaft vermittelt eine Rundumsicht sowohl über die gewonnenen Erkenntnisse und die sich daran anknüpfenden Interpretationen, aber auch einen Einblick in Forschungsmethoden die damit verbundenen Problematiken. Als Herausgeber firmiert der letztes Jahr verstorbene Manfred Korfmann, was insoweit gerechtfertigt ist, als hiermit sein Lebenswerk zur Erforschung der Bedeutung Troias gewürdigt wird. Der Band ist zu Herbstbeginn im Verlag Philipp von Zabern erschienen; er kostet 49 Euro 90.

 

Entdunkelungen

Besprechung von : Graham Connah – Unbekanntes Afrika, Theiss Verlag 2006, 202 Seiten, € 24,90, ab 1.2.2007: 29,90

Es ist vielleicht einfacher, die Siedlungsgeschichte eines einzigen Ortes zu schreiben als die eines ganzen Kontinents. Und doch ist es genau dies, was der australische emeritierte Professor für afrikanische Archäologie Graham Connah betreibt. Er nimmt uns mit auf eine Reise durch Zeit und Raum, von den Anfängen der Menschheit bis zur mörderischen Kolonialgeschichte des afrikanischen Kontinents, von Nord bis Süd. In 29 Kapiteln bringt er uns Afrika historisch und archäologisch so nahe, daß wir gar nicht mehr daran denken mögen, die europäische Zivilisationsgeschichte als Referenz jeglicher historischen Darstellung zu betrachten. Aufmerksam gelesen ist Unbekanntes Afrika – so der Titel des Buches – geeignet, uns unseren an mitteleuropäischen Werten geschulten Dünkel ein wenig auszutreiben.

Nun ist die Geschichte Afrikas ab einem bestimmten Punkt wesentlich anders verlaufen als die Geschichte Europas und dessen vorderasiatische Vorgeschichte. Die Neolithische Revolution fand an den nordwestlichen Ausläufern des Zweistromlandes statt und setzte eine Dynamik in Gang, dessen vorläufiges Resultat der globale Kapitalismus ist.

Die afrikanische Geschichte verläuft anders und – zumindest oberflächlich betrachtet – weniger spektakulär. Allerdings ist es auch nicht unbedingt das Spektakuläre, das uns fesseln sollte, sondern das Verständnis dafür, wie wir überhaupt zu den seltsamen Wesen werden konnten, die wir heute sind. Wenn wir uns gegenseitig das Leben schwer machen, um zu Macht und Ruhm, Reichtum und Erfolg zu kommen, dann hat das zwar objektive Grundlagen; aber subjektiv betrachtet zwingt uns keine und niemand, den Wahnsinn mitzumachen.

Buchcover Connah Unbekanntes AfrikaGraham Connah startet sein bei Theiss herausgebrachtes Buch Unbekanntes Afrika mit der noch gemeinsamen Vorgeschichte der gesamten Menschheit, denn deren Wiege lag in Afrika. Die Hominiden entwickelten sich aus ihren affenartigeren Vorfahren vor mehreren Millionen Jahren wahrscheinlich im Osten und Süden des schwarzen Kontinents (aus dem Norden und Westen liegen uns keine frühen Funde vor, was aber nicht besagt, daß sie nicht existieren könnten). Vor rund einer Million Jahren tasteten sich unser Vorfahren nach Asien und Europa vor. Der Homo sapiens kam relativ spät nach und folgte vor rund 30.000 Jahren den letzten Neandertalern.

Es wäre vollkommen unangebracht, den afrikanischen Kontinent als eine statische Einheit zu betrachten. Die Klimageschichte der Eiszeit seit rund zwei Millionen Jahren hat auch im Süden seine Spuren hinterlassen. Der Regenwald schrumpfte, die Savannen nahmen zu. Auch die Wüste Sahara war nicht immer unwirtlich, zeitweise muß es sogar möglich gewesen sein, dort zu leben. Dies ist, zumindest für die letzten zehntausend Jahre, auch archäologisch faßbar, denn die Felsmalereien der Gebirgszüge am Rande der Wüste verraten uns, daß Jäger– und Sammlerinnen–Kulturen durchaus überlebensfähig waren.

Warum sich Afrika nicht ähnlich der vorderasiatisch–europäischen Geschichte entwickelt hat, hat sicherlich auch klimatische Gründe. Aber vielleicht ist auch die Frage schon falsch gestellt. Afrika an der Geschichte Europas messen zu wollen, ist ganz sicherlich der falsche Ansatz. Allerdings darf dabei nicht übersehen werden, daß gewisse Impulse für die wirtschaftliche, technologische und politische Entwicklung eher von Europa und dem vorderasiatischen Raum ausgegangen sein dürften als aus den Tiefen des afrikanischen Raums. Bemerkenswert ist beispielsweise, daß die für den Vorderen Orient und Europa typische Abfolge von Steinzeit, Kupferzeit, Bronzezeit und Eisenzeit nicht zu beobachten ist; der direkte Sprung vom Stein zum Eisen verblüfft.

Kennzeichen der frühen afrikanischen Gesellschaften ist sicherlich Ackerbau und Viehzucht, wobei hier anzumerken ist, daß darunter nicht dasselbe zu verstehen ist wie zeitgleich in Europa und Asien. Die Tendenz zum Nomadenwesen ist hier ausgeprägter, was mit Klimaschwankungen und Witterungsbedingungen zusammenhängen mag. Zudem setzte die Tsetsefliege der Ausbreitung einer seßhaften Lebensweise gewisse Grenzen.

Neben das Jagen und Sammeln, das Ackern und Weiden tritt der Handel. Nicht auszuschließen ist, daß der Fernhandel seine Impulse aus dem vorderasiatischen Raum bezog, insbesondere aus dem Ägypten der Pharaonen, das in diesem Band sehr wohl in seinen afrikanischen Wurzeln dargestellt wird. Und doch zeigt sich hier, daß unser Wissen und Verständnis vom frühen Ägypten wesentlich mannigfaltiger ist als unsere Kenntnisse über den gesamten restlichen Kontinent. Wenn Graham Connah diese Geschichte Ägyptens auf gerade einmal sieben Seiten abhandelt, ist es unausweichlich, daß diese Darstellung extrem verkürzt ist und deshalb nur von begrenztem Wert.

Aber die herrschende Klasse dieses Ägypten (die aus weit mehr als den Pharaonen bestand) lechzte nach Gold, nach Baumaterial, nach tierischen und pflanzlichen Rohstoffen, und selbstverständlich nach schwarzen Sklavinnen und Sklaven. Wer derartige Bedürfnisse in ein noch unerschlossenes Gebiet hineinträgt, wird dessen Wirtschafts– und Lebensweise durcheinander bringen und neu ausrichten. Es ist vielleicht übertrieben, von frühem Kolonialismus zu sprechen, aber der Handel mit dem Inneren Afrikas muß für beide Seiten lukrativ gewesen sein. Und wer einmal das Blut des Reichtums geleckt hat, wird Mittel und Wege finden, seine Umgebung entsprechend zu verändern. Notfalls mit Gewalt.

Graham Connah zeigt daher den Einfluß der pharaonischen, aber auch des römischen Ägyptens auf die Nachbarn im Süden – Nubien (der heutige Sudan) und Äthiopien. Die Konzentration von Macht in den Händen Weniger konnte selbst unter halbnomadischen Bedingungen extreme Züge annehmen. So zogen die äthiopischen Könige vor rund 500 Jahren mit ihren wandernden Hauptstädten umher, in denen gelegentlich bis zu 100.000 Menschen lebten. Eine solche Bevölkerungsdichte brachte logistische Probleme mit sich, insbesondere mußten diese Menschenmassen ernährt werden. Ein solches Regime ließ sich daher nur begrenzt aufrecht erhalten, und zwar solange, wie die Ressourcen hierfür vorhanden waren.

Weiter westlich von Ägypten existierte seit etwa 800 vor unserer Zeitrechnung die phönizische Kolonie Karthago. Auch von hier aus dürfte es Handelsrouten nach Süden gegeben haben. Allerdings ist interessant, daß sich kaum Spuren der ihnen nachfolgenden Römer südlich der Sahara finden ließen. Entweder wurde danach an den falschen Plätzen gesucht oder aber der Fernhandel hatte zu diesem Zeitpunkt nicht die Bedeutung, den er später zu Zeiten der Araber bekommen sollte.

Noch bevor die europäischen Entdecker, Eroberer und Kolonisatoren den Küsten Afrikas folgten, um Millionen Sklavinnen und Sklaven über den Atlantik zu verfrachten oder sie auf dem Weg nach Amerika sterben ließen, entstanden südlich der Sahara vor allem im Gebiet der Flusse Niger mehrere kleinere und größere politische Einheiten, Königreiche.

Ein nicht unwesentlicher Wirtschaftsfaktor war den Karawanenhandel mit dem Mittelmeerraum von Marokko bis Libyen. Wir sollten hierbei unsere Vorstellungen von diesem Handel an einem Punkt komplett revidieren. Eine Karawane bestand nicht einfach aus einzelnen Kamelen einzelner Handelstrupps, sondern wurde zuweilen auch zentral organisiert und konnte daher immense Züge annehmen. So verdursteten vor rund 200 Jahren 2.000Männer und 1.800 Kamele einer Karawane, die von Timbuktu nach Norden zog. Ein anderes Beispiel ist eine jährlich organisierte Karawane, die Salz aus der Wüste ins heutige Nigeria brachte. Noch vor rund einhundert Jahren bestand eine solche Karawane aus nicht weniger als 20.000 Kamelen.

Relativ spät wanderten die Hirten und Bäuerinnen aus dem nördlichen Zentralafrika ins südliche West– und Ostafrika ein. Hierbei entstanden einzelne Bantu–Königreiche, deren Existenz andeutet, daß zumindest ansatzweise ein Prozeß der Machtentfaltung und der Zentralisierung von Ressourcen stattfand. Das Afrika vor der Ankunft der europäischen Mörder war keineswegs eine Idylle. Hierzu trugen nicht nur die Lebensumstände bei, sondern auch der lange historische Prozeß der Seßhaftwerdung und der Akkumulation von Macht und Reichtum. Es wurden Kriege geführt, die Jagd nach Sklavinnen und Sklaven betrieben. Um größere politische Gebilde zu finanzieren, mußten die Ackerbäuerinnen und Viehzüchter hart arbeiten und den Reichtum einer kleinen Schicht mehren. Auch dieses Leben war kein Spaß, wenn es vielleicht auch weitaus weniger brutal war als auf den Latifundien römischer Sklavenhalter oder in den Arbeitshäusern des frühen englischen Kapitalismus.

Im Grunde genommen fand auf einem etwas anderen Niveau ein ähnlicher Prozeß statt, wie er im Vorderen Orient mit der Neolithischen Revolution vor etwa zehntausend Jahren eingesetzt hatte. Allerdings war Afrika Nachzügler und die dort lebenden Menschen nicht so konsequent darin, zu erobern, zu rauben, zu plündern und zu morden. Und doch sollten wir uns davor hüten, die "edlen Wilden" wieder auszugraben. Es gab sie nicht.

Graham Connah hat die Grundzüge dieser Geschichte schon in den 80er Jahren mit seinem Werk African Civilizations ausgearbeitet. Mit seinem 2004 auf Englisch vorgelegten Band Forgotten Africa: An Introduction to its Archaeology verläßt er den Pfad des Spezialisten und läßt uns alle an seinen Gedanken und Erkenntnissen teilhaben. Dieses Buch liegt nun auf Deutsch mit dem Titel Unbekanntes Afrika vor.

Gewöhnungsbedürftig sind die Zeitangaben des Buches. Graham Connah vermeidet grundsätzlich absolute Zeitangaben wie beispielsweise 500 vor unserer Zeitrechnung. Was im Falle des Erscheinens der ersten Menschen vor mehr als einer Million Jahren noch sinnvoll erscheinen mag, durchzieht jedoch das gesamte Buch. So werden der Leser und die Leserin regelrecht gezwungen, sich das Datum eines historisch faßbaren Zeitraums selbst auszurechnen.

Weiterhin nicht ganz nachzuvollziehen ist es, wenn der Autor im Anhang eine weiterführende Literatur empfiehlt, die im Viertel aller Fälle älter als 25 Jahre ist. Dies entspricht nun wohl nicht dem wissenschaftlichen Fortschritt in der historischen und archäologischen Forschung. Für die deutsche Ausgabe des Buches wäre eine Auswahl an deutschen anstelle einzelner englischsprachiger Titel vielleicht sinnvoller gewesen.

Allerdings verweist Graham Connah zurecht darauf, daß gerade der Erforschung der Geschichte des afrikanischen Kontinents lange nicht so viel Aufmerksamkeit gewidmet wurde wie etwa der Geschichte Griechenlands oder Mesopotamiens, die als Vorgeschichte der weißen mitteleuropäisch–us–amerikanischen Kultur gilt. Und es sind dann eben auch fehlende (finanzielle) Ressourcen in den Ländern Afrikas selbst, die dazu führen, daß das Interesse an der eigenen Vorgeschichte nicht die nötige Aufmerksamkeit erhält.

Das rund zweihundertseitige Buch über die Archäologischen Entdeckungen auf dem Schwarzen Kontinent ist deshalb notgedrungen lückenhaft und dies ist dem Autor auch bewußt. Seine Intention ist es, einen Einblick in das zu geben, was wir heute erkennen können, und er verschweigt daher nicht, daß wir weitaus weniger wissen als wir nicht wissen. Sofern dies kein Allgemeinplatz ist, der auf ziemlich viele Bereiche zutrifft, möchte der Autor uns dazu ermutigen, mehr Neugier zu zeigen und die afrikanische Geschichte nicht als ein Randereignis in der eurozentrierten Geschichte der Menschheit zu begreifen.

Unbekanntes Afrika von Graham Connah ist im Theiss Verlag zum Preis von 24 Euro 90 erschienen.

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte –

heute mit der Darstellung der Geschichte eines Siedlungshügels und eines ganzen Kontinents. Hierbei habe ich diese beiden Bände vorgestellt:

Troia – Archäologie eines Siedlungshügels und seiner Landschaft, herausgegeben vom letztes Jahr verstorbenen Ausgräber Manfred Korfmann, erschienen im Verlag Philipp von Zabern

und

Unbekanntes Afrika von Graham Connah aus dem Theiss Verlag.

Diese Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte wurde oder wird in der Nacht zum Dienstag um 23.00 Uhr wiederholt, sowie am Dienstagmorgen gegen viertel nach fünf und am Dienstagmittag gegen halb zwölf. Das Manuskript zur Sendung gibt es in den nächsten Tagen auf meiner Webseite: www.waltpolitik.de. In der nächsten Woche könnt ihr auf diesem Sendeplatz die Sendung Hinter den Spiegeln hören. Und gleich geht es weiter mit der Kulturredaktion von Radio Darmstadt. Am Mikrofon war Walter Kuhl.

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Ich vertrete hier keine konservative Kulturkritik. Aber es ist evident: eine Welt, in der jährlich zehn Millionen Kinder aus Profitgründen krepieren müssen und in der Menschenrechte herbeigebombt werden müssen, vom allgemeinen Jagen nach Profit und Macht einmal abgesehen, ist wahrlich würdig, ersetzt zu werden.

[2]   Das "Sommermärchen" Fußball–Weltmeisterschaft brachte die deutschen Emotionen mal wieder richtig zum Kochen. Erst kam das Stadion (oder die öffentlich zugängliche Großleinwand), dann das Kino.

[3]   Charles Brian Rose : Am Schnittpunkt Von Ost und West – Das westliche Kleinasien in griechischer und römischer Zeit, in: Manfred O. Korfmann (Hg.) : Troia, Seite 90. Der von Rose in seiner Anmerkung benannte V. von Graeve schreibt hingegen vollkommen richtig zu den Fundumständen des Jahres 1887: "im damals türkischen Libanon" – Der Alexandersarkophag und seine Werkstatt, 1970, Seite 9.

[4]   J. Lesley Fitton : Die Minoer, 2004, Seite 57.

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 16. November 2006 aktualisiert.

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