Public Viewing
Public Viewing: Darmstadt gegen Ghana

Geschichte / Kapital – Verbrechen

Wenn in Südafrika der Ball rollt

Sendemanuskript

 

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 28. Juni 2010, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Montag/Dienstag, 28./29. Juni 2010, 23.10 bis 00.10 Uhr
Dienstag, 29. Juni 2010, 08.00 bis 09.00 Uhr
Dienstag, 29. Juni 2010, 14.00 bis 15.00 Uhr

Zusammenfassung:

Da diese Sendung aufgrund der, soweit vorhanden, eingeschränkten „Zugangsoffenheit“ bei Radio Darmstadt aufwendig vorproduziert werden mußte, konnte das Achtelfinal­spiel der deutschen Fußballnational­mannschaft gegen die englische noch nicht berücksichtigt werden. Die Betrachtungen zur Spielkunst der deutschen Kicker waren daher vorläufige. – Fragen zur Funktion der Michelsberger Erdwerke. Überlegungen zur Funktionsweise der DDR. Politische Instrumentalisierung von Überlebenden deutscher Konzentrations­lager. Weshalb ein Bundespräsident abtrat und Griechenland aufrüstet. Immanente Probleme der deutschen und französischen Sozialwissenschaften.

Besprochene Bücher und Zeitschriften:

 


 

Inhaltsverzeichnis


Einleitung : Schicksalsspiel einer Partynation 

Jingle Alltag und Geschichte

Wenn in diesen Minuten in Durban Fußballs­pieler aus den Niederlanden und der Slowakei den grünen Rasen mit ihren stollenbewehrten Arbeitsgeräten beackern, zumindest dann, wenn ihr diese Sendung in der Erstaus­strahlung am Montagnach­mittag hört, ja dann befinden wir uns in der Endphase der allgemeinen Begeisterung dafür, daß zweiundzwanzig junge Männer mit Hilfe von vier erwachsenen Begleitpersonen einem runden Dings hinterherlaufen, das sie in irgendetwas Eckiges befördern sollen, es aber meist nicht schaffen. Genial fand ich hierbei Nigerias Yakubu Ayegbeni, der aus mir vollkommen unerfindlichen Gründen vor einem leeren Kasten stand, nichts weiter tun mußte, als den Fuß im richtigen Winkel hinzuhalten, und der dennoch nicht traf.

Überhaupt die afrikanischen Teams. Mal wieder gelten sie als Enttäuschung, zumal diese Weltmeister­schaft doch auf dem afrikanischen Kontinent selbst stattfindet. Sechs Mannschaften holten in den Gruppenspielen drei Siege, fünf Unentschieden, verloren zehn Mal, und das ist dann doch etwas mager, selbst dann, wenn Ghanas Team immerhin das Viertelfinale erreicht hat.

Allerdings ist hier anzumerken, daß eine Fußballweltmeister­schaft keine Folklorever­anstaltung ist und es deshalb darauf ankommt, welche Mannschaft die europäischen Tugenden von Fleiß, körperbetontem Einsatz, Disziplin und Selbstaufgabe am besten beherrscht. Nur Brasiliens Elf geht hier zuweilen einen eigenen und mitunter erfolgreichen Weg. Die für das Weiterkommen notwendige mentale Selbstkasteiung meist weißer, europäisch­stämmiger Männer kann, übertragen auf den afrikanischen Kontinent, nur als neokolonialistisches Gehirnwäschepro­gramm daherkommen. Und so ist es kein Zufall, daß sich bei den dortigen Nationalteams meist europäische Trainer die Klinke in die Hand geben, ohne daß sich der Erfolg einstellt. Es gibt demnach Gründe, die außerhalb des Fußballspiels selbst liegen, die es verhindern, daß afrikanische Mannschaften ein ernsthafter Anwärter auf den Titel sein können. [1]

Während dessen sich die deutsche Fußballnationalmann­schaft wieder einmal ins Achtelfinale zittern konnte. Die große Offenbarung war es jedenfalls bisher nicht, was die Löwen aus Germania dahingezaubert haben. Und so fand es am vergangenen Mittwoch statt, das deutsche Schicksals­spiel gegen die Elitefußballer aus Ghana. Nachdem Miroslav Klose fünf Tage zuvor keine Lust mehr hatte mitzukicken, die deutsche Abwehr milchbuben­haft ein serbisches Tor ermöglicht und Lukas Podolski zu allem Überfluß auch noch seinen Elfmeter versemmelt hatte, also die deutsche Millionärself alles tat, um vorzeitig aus dem Weltmeisterschafts­turnier auszuscheiden, stand die Party am Rande des Abgrunds. Nicht auszudenken, womit sich das deutsche Kollektiv bespaßt, wenn ihr imaginiertes Selbst die Showbühne verläßt.

Come Together – auf den Fanmeilen trifft sich das atomisierte Völkchen, das sich im Alltag mit Hilfe künstlicher virtueller Netzwerke sozial assoziiert, dafür jedoch mehr und mehr außerstande ist, im wirklichen Leben empathisch miteinander zu kommunizieren, sich auszutauschen, sich gegen die auf sie einprasselnden Zumutungen zu organisieren. Fünftausend Atome auf dem Marktplatz bilden eine kritische Masse – und gehen anschließend wieder auseinander, um auf das nächste kollektive Event zu warten: Schloßgraben­fest, Weltmeister­schaft, Heinerfest, die diversen Besäufnis­kerben. Musik ist ein tragender Bestandteil dieser Kultur, denn diese immer wieder gleiche künstliche Soße ist der klebrige Zusammenhalt fragmentierter Lebenslagen. Ohne Musik wäre nicht nur die Stille, sondern auch das eigene Leben unerträglich. Das Opium des Volkes in postmodernen Zeiten eben, zu hören nicht nur von der Sendeloch-Dudelei auf diesem Sender.

Deutschland – es gibt keine Klassen mehr, sondern nur noch ein Fankollektiv. Die Armen und Ausgebeuteten, die in Schulen und Universitäten mit absurden Leistungsan­forderungen Drangsalierten lechzen danach, den Schulterschluß mit den Reichen und Erfolgreichen zu vollziehen. Der Narzißmus, der sich hier Bahn bricht, ist jedoch verwundbar. Und weil er verwundbar ist, muß das Spektakel „Sommermärchen“ wie ein Ritual zwanghaft immer wieder aufs Neue reinszeniert werden. Die Merkels und Westerwelles und erst recht deren Auftraggeber in Banken und Konzernen werden es diesen Fans danken. Während die soziale Demontage auf höherer Stufenleiter durchgepeitscht wird, gehen die jetzt oder zukünftig Betroffenen auf die Straße. Nicht um dagegen, sondern um dafür zu demonstrieren. Wo es den (zumindest den mittels Hartz IV Ausgegrenzten) am Brot fehlt, funktionieren wenigestens die Spiele.

Anschließend versteckt sich das deutschselige Kollektiv in der Tunnelröhre unter der Wilhelminenstraße, um seinen Frust über die deutschen Verhältnisse in lautstark gegrölten Versen kraftmeierisch loszulassen: „So sind Sieger lalalalala …“

Ja, Sieger über sich selbst. „Wir“ haben zwar nichts vollbracht, außer auf dem Marktplatz dumm herumzustehen und bei passender Gelegenheit gemeinsam orgiastisch zu stöhnen und zu schreien, aber nachher will jede und jeder ein Stück von dem ihnen vorenthaltenen Kuchen abbekommen. Also imaginiert sich der Wahn als Siegesgesang. Man und frau will teilhaben am Reichtum und Erfolg der Herrschenden und inszeniert ein virtuelles Schauspiel – kollektiver Dummheit. Und gegen mit so viel Elan vorgetragener Dummheit helfen keine Argumente. Meint Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

 

Ochsen ebnen Dummheit den Weg

Besprechung von : Archäologie in Deutschland, Heft 3, Mai/Juni 2010, 82 Seiten, € 9,95

Gehen wir deshalb ein paar Jahrtausende zurück. Die Ursprünge dieser Dummheit lassen sich, wenn auch nur spurenhaft, in der Vergangenheit orten. Die Begeisterung für fremdbestimmtes Anhimmeln von Fußball- oder Popstars, intensiv zelebriert von der Jugendredaktion dieses Vereinsfunks, den ihr gerade hört, ist ja keine anthropologische Konstante. Die Menschen machen ihre Geschichte selbst, aber sie wissen dabei nicht immer, was sie tun. Entfremdung und kollektiv unbewußtes Handeln sind der psychische Ausdruck eines auf internalisierter Herrschaft und Unterwerfung unter fremde Zwänge beruhenden gesellschaftlichen Habitus. Das Einüben dieser Geisteshaltung geschieht heutzutage in Familien und Schulen, über Medien und nicht mehr ganz so häufig über den Militärdienst, weshalb er auch entbehrlich scheint

Aber Familien und Schulen, Medien und Kriegsmaschinen gab es ja nicht immer; sie sind Ausdruck gesellschaftlicher Innovationen. Der Übergang von eiszeitlichen Jägerinnen- und Sammlerkulturen hin zu metallzeit­lichen Ackerbauern und Viehzucht brachte auch eine neue Weltsicht und Weltordnung mit sich. Erst die Möglich­keit, Reichtum anzusammeln und weiterzugeben führte zur heutigen Gesellschaftlichkeit. Das damit verbundene – neue – Besitzdenken bedurfte der Absicherung durch Herrschafts­strukturen und einer hierzu passenden Ideologie. Diese Ideologie bediente sich vorhandener spiritueller Deutungsmuster und kreierte an Stelle von Geistern religiöse Symbole; aus Schamanen wurden Priester. Dieser Übergang war gewiß nicht linear und konfliktfrei, er besaß innere Widersprüche.

Heftcover AiDVermutlich sind die verschiedenen Megalith­kulturen ein Ausdruck dieses Übergangs, der als Neolithische Revolution vor rund zehn- bis zwölftausend Jahren im heutigen Kurdistan begann und vor rund siebentausend Jahren Westeuropa erreichte. Die Archäologie kann hier in der Regel nur über steinerne Monumente, ergrabene Siedlungsstruk­turen oder kleinteilige Funde einen Interpretations­rahmen liefern, zumal schriftliche Zeugnisse, zumindest solche, die wir als solche wahrnehmen, noch nicht vorliegen. Vor rund sechstausend Jahren nun etablierte sich in Mitteleuropa die Michelsberger Kultur, die ihren Anfang vermutlich vom Pariser Becken aus nahm. Die für diese Kultur charakteristischen Erdwerke bilden den Schwerpunkt des aktuellen Heftes der Zeitschrift Archäologie in Deutschland, die – zumindest auf dem Titelblatt – als „Burgen der Steinzeit“ bezeichnet werden.

Dabei ist sich die Wissenschaft überhaupt nicht einig, womit wir es hier zu tun haben. Vermutlich ist auch hier die Forschungs­geschichte Ausdruck der oftmals unreflektierten, weil fremdbestimmten ideologischen Vorstellungen der Ausgräber und Konservatorinnen. Während vor rund einhundert Jahren die Erdwerke charakteristisch für Befestigungen erschienen, wurden nach dem Zweiten Weltkrieg eher kultische und rituelle Aspekte thematisiert. Immer dann, wenn kultische Vorstellungen vorherrschen, liegt darin eher ein gewisses Unverständnis vor. Vielleicht drückt sich hierbei zudem auch ein Unbehagen aus, sich mit Sozialstruk­turen auseinanderzu­setzen, weil das Erschließen der Entstehung derartiger hierarchischer sozialer, politischer und wirtschaftlicher Zusammenhänge Rückschlüsse auf deren heutige – so scheinbar selbstverständ­liche – Funktion zulassen könnte.

Derzeit werden die Michelsberger Erdwerke eher offen und kontrovers diskutiert, und auch hier, das sollte mitreflektiert werden, drückt sich der ideologische Zeitgeist neoliberalen Denkens aus, der uns als Postmoderne begegnet und der neue Denkansätze mit beliebigen Deutungsmustern zusammenführt. Insofern ist der genaue Blick auf den Untersuchungsgegen­stand genauso wichtig wie die immer wieder neue Selbstvergewisse­rung über das eigene Selbst in einer spätkapita­listischen Gesellschaft. Die etwa achthundert Jahre umfassende Michelsberger Kultur besaß typische Keramiken, während Informationen zu Wirtschaft, Siedlungsweise und Ernährung recht spärlich sind.

Insofern spielen die Erdwerke, eben weil sie umso deutlicher hervorspringen, auch in der Forschung eine wichtige Rolle. Als Gemeinsam­keit dieser Erdwerke ist eine Anlage mit einem oder mehreren Gräben festzustellen, deren Innenfläche jedoch zwischen einem Viertelhektar und fast einhundert Hektar variiert. Manche dieser Erdwerke scheinen in einem Zug errichtet worden zu sein, andere unterlagen mehrfachen Veränderungen, Ausbauten und Ergänzungen. In einigen Gräben wurden menschliche Knochen, Teile von Skeletten, ja ganze Bestattungen angetroffen, die andernorts jedoch gänzlich fehlen. Schon von der Fundsituation her ist es offensichtlich schwierig, gemeinsame Merkmale herauszu­destillieren, um darauf aufbauend theoretische Schlüsse über die sozialen Verhältnisse dieser Kultur abzuleiten.

Einen interessanten im Heft vorgestellten Ansatz stellt die Luftbildpro­spektion im Nordharzvor­land dar. Als recht erstaunlich stellte sich die Häufung derartiger Erdwerke heraus, als seien sie an einer Perlenschnur aufgereiht. Handelt es sich demnach um die Vorläufer zentraler Orte mit größeren und kleineren Versammlungs­plätzen, gar um hierarchisch gegliederte Häuptlings­tümer? Eine andere Interpretation sieht in derart großen und kleinen Grabenanlagen verschieden große Basisstationen einer Viehweidewirt­schaft, die von der norddeutschen Tiefebene in die Mittelgebirge gereicht haben könnte. Liegt hier Transhumanz vor, also der Übergang zwischen seßhaften Ackerbauern und wandernden Viehhirten?

Nun – vieles ist noch recht spekulativ, was selbstredend weitere Grabungen und Forschungen erfordert. Aber wenn man und frau weiß, wonach er oder sie auch suchen könnte, finden sich vielleicht die fehlenden Mosaikstücke leichter, immer unter dem Vorbehalt, daß das eigene Gedankengebäude nicht unzulässig in die Vergangenheit rückprojiziert wird. Das Mai- und Juniheft von Archäologie in Deutschland befaßt sich zudem mit der Siedlungs­geschichte der Insel Rügen und der Mongolei, und besucht verschiedene Museen entlang des Limes. Das 82 Seiten umfassende Heft ist über den Buch- und Zeitschriften­handel oder direkt über den Konrad Theiss Verlag zum Preis von 9 Euro 95 zu beziehen.

 

Ein subalternes Herrschaftsprojekt

Besprechung von : Jörn Schütrumpf – Freiheiten ohne Freiheit. Die DDR – historische Tiefendimensionen, Karl Dietz Verlag Berlin 2010, 144 Seiten, € 12,90

Um ideologische Verrenkungen gar anderer Art geht es in dem Buch „Freiheiten ohne Freiheit“ des Historikers Jörn Schütrumpf. Sein im Karl Dietz Verlag Berlin erschienenes Bändchen über die historischen Tiefendimen­sionen der DDR können als ein Versuch angesehen werden, die soziale und politische Realität eines Staates zu begreifen, der nicht aus sich selbst heraus erklärt werden kann. Unabhängig davon, ob dieser Versuch als gelungen anzusehen ist, enthält Schütrumpfs Essay einige ungewöhnliche Ansichten, die es wert sind, als Beitrag zu einer Aufarbeitung der jüngeren deutschen Geschichte gelesen zu werden.

Denn Jörn Schütrumpf verweigert sich hierin zum einen dem Kotau vor der normativen gesamtdeutschen Geschichtsde­finition der DDR als eines verdammens­werten Unrechtsstaates. Zum anderen geht er der Erkenntnis nicht aus dem Weg, daß es sich um eine autoritäre Diktatur gehandelt habe. Als ehemaliger DDR-Bürger mag er befangen sein, aber gleichzeitig befähigt, das Wesen eines Staates besser zu begreifen als unsereins, der sich auf dem reichlich gedeckten westlichen Mittagstisch so gerne über die migrantische Unbildung, die mangelnde Leistungsfähig­keit, die geringere Wirtschafts­leistung oder politische Rechtlosig­keit Anderer ereifert.

Buchcover Freiheiten ohne FreiheitWenn der Autor davon ausgeht, die DDR lasse sich nicht aus sich selbst, sondern nur aufgrund verschiedener Vorgeschichten erklären, so verbindet er die politischen Interessen­lagen nach Ende des Zweiten Weltkriegs und zu Beginn des Kalten Krieges auf der einen Seite mit der Herausbildung einer subalternen Linken in Deutschland, also einer Linken, die nicht ohne Obrigkeit auszukommen scheint. Das Subjekt der Befreiung – die Arbeiterklasse – verweigerte sich schon im 19. Jahrhundert ihrer historischen Mission und schloß sich zu Beginn des 20. lieber dem kapitalistischen Weg an, als sich sozial emanzipiert eine eigene Gesellschaft ohne Ausbeutung und Herrschaft aufzubauen. Das ist ein Faktum, an dem sich die SPD, Rosa Luxemburg, Lenin und Trotzki, und später die KPD die Zähne ausgebissen haben. Dennoch war diese Arbeiterklasse durchaus kämpferisch, denn der Kapitalismus ist nun einmal kein Zuckerschlecken. Schon gar nicht für die zwei, drei, vier, fünf Milliarden Menschen, die nicht am schon benannten westlichen Mittagstisch sitzen.

War die KPD in der Weimarer Republik ein Anhängsel der Irrungen und Wirrungen der Parteikämpfe in der großen Bruderpartei der Sowjetunion, so brachen ihr die stalinistischen Schaupro­zesse der 30er Jahre endgültig das Genick. Nach Ende des Krieges war es zunächst dennoch ausgemacht, daß die einzig Nichtbelasteten, also die Linke, die politische Macht in Händen halten würde. Aber welche Linke? Neben der SPD gab es die aus den Konzentrations­lagern kommenden Antifaschis­tinnen und Antifaschisten, und dann noch die aus Moskau eingeflogene Zentrale der KPD.

Nun, im Westen konnten und wollten sich die drei alliierten Mächte keine des Sozialismus verdächtige Linke halten und sorgten dafür, daß eine stramm antikommunis­tische Rechte die erste Wahl gewann. Unterstützt wurde dieses Programm durch den Marshall-Plan. Im Osten hingegen kam eine strikt subalterne Linke ans Ruder, die zwar keine eigene Machtbasis besaß und deshalb auf das Wohlwollen Stalins hoffen mußte, aber die in ihrem Rücken die Rote Armee wußte. Allerdings verfügte Stalin die Demontage von Industriebe­trieben und wichtiger Infrastruktur, so daß der 1949 ins Leben gerufene Staat DDR von vornherein ins Hintertreffen geraten mußte.

Dieses Hintertreffen der DDR zum Vorwurf zu machen, ist albern, denn die Demontage war ein Ergebnis des von Deutschland angezettelten und verlorenen totalen Krieges. Jörn Schütrumpf verweist auf eine andere wichtige Weichenstel­lung, nämlich die soziale Basis des neuen Machtapparates. Da wäre zum einen die Jugend zu nennen, eine weitgehend mit nationalsozialis­tischer Ideologie aufgewachsene und im Fronteinsatz gestählte Jugend. Hinzu kamen die sozial entwurzelten Vertriebenen, von denen einige Millionen auch im Osten des besiegten Deutschland untergebracht werden mußten. Dennoch war 1948 die Vormundschaft der SED alles andere als gesichert. Ulbrichts Schachzug, so Jörn Schütrumpf, bestand nun im Schulterschluß mit den im Nationalsozia­lismus verhafteten Massen. Um nicht falsch verstanden zu werden: diese ehemaligen Parteigänger und Mitläufer, auch kleinen Chargen bildeten nun nicht den Kern des DDR-Sozialismus. Eher ist das so zu sehen: Keine und niemand aus den Reihen der kleinen Nazis würde jemals eigene Machtansprüche geltend machen, sondern auf ewig dankbar sein „für jede noch so kleine Entlastung und Aufwertung“ [2]. Ausdruck dieser Politik war die Einbindung der NDPD, der Nationaldemo­kratischen Partei Deutschlands, in die Blockflöte und ein Ende der Entnazifizierung, oder auch der kulturpolitische Bezug auf Goethe in Abgrenzung zu allem, was danach kam. Die anderen Blockflöten­parteien konnten dann nur noch mitspielen oder in die Bedeutungslosig­keit absinken.

Somit war die Vorherrschaft der SED auch politisch abgesichert. 1953 kam es zur großen Bewährungs­probe, die in einer Art Klassenkom­promiß endete. Den Massen wurden Zugeständnisse gemacht, die letztlich auf eine Konsumgesell­schaft – wenn auch auf niedrigerem Niveau als im Westen – hinausliefen, dafür durften diese zwar murren, aber begehrten nicht auf. Das Modell funktionierte so lange, wie der Konsum finanziert werden konnte. Und hier lag das eigentliche Problem. Die DDR-Wirtschaft konnte den Bedarf auf Dauer nicht bereitstellen, ohne Druck auf die Arbeits­leistung auszuüben oder sich hoffnungslos im Westen zu verschulden. Der Crash kam dann 1989 und die westdeutsche Bourgeoisie schlug eiskalt zu. Nicht nur im Osten, sondern seither auch um Westen. Der neoliberale Durchmarsch datiert vom 9. November 1989.

Das Spannende an Jörn Schütrumpfs Text ist seine soziologische Analyse des Werdegangs der DDR. Sie ist kein Geschichtsbuch, sondern ein Ausschnitt, ein Ausschnitt der damaligen Wirklichkeit. Welche Klassen- und Motivlagen beherrschten die Politik des Apparates, wie reagierten diejenigen darauf, denen politische Freiheiten weitgehend vorenthalten wurden? Auch wenn ich manches im Detail anders sehe, auch wenn mir zuweilen eine genauere Fundierung der ökonomischen Basis politischen Handelns fehlt, so ist sein Buch „Freiheiten ohne Freiheit“ ein durchaus lesenswerter Essay. Eben genau das, ein Essay. Und eine Einladung, sich Gedanken darüber zu machen, wie eine nachkapita­listische Gesellschaft besser nicht aufgebaut werden sollte. Jörn Schütrumpfs Buch ist im Karl Dietz Verlag Berlin zum Preis von 12 Euro 90 erschienen.

 

Aus Buchenwald in die Schweiz

Besprechung von : Madeleine Lerf – «Buchenwaldkinder» – eine Schweizer Hilfsaktion. Humanitäres Engagement, politisches Kalkül und individuelle Erfahrung, Chronos Verlag 2010, 443 Seiten, € 44,00

Ebenfalls nach Ende des Zweiten Weltkrieges, aber noch bevor die DDR gegründet wurde, bemühte sich die Schweiz bei den siegreichen Alliierten um die Aufnahme von Displaced Persons, genauer gesagt um Kinder, die dieser Gruppe zuzurechnen waren. Dieses Ersuchen war nicht selbstlos. Die Schweiz, im 2. Weltkrieg umringt von Nazideutsch­land und seinen Verbündeten, sowie den von den Nazis besetzten Gebieten, stand vor einem Legitimations­problem. Zu offen hatte sie mit den Nazis kollaboriert, um nach Kriegsende auf lukrative Geschäfte mit den Siegern hoffen zu können.

Buchcover BuchenwaldkinderDas sich in dem Schweizer Ansinnen zeigende Geflecht von humanitärem Engagement, politischem Kalkül und individueller Erfahrung ist das Thema der im Schweizer Chronos Verlag herausgebrachten Dissertation von Madeleine Lerf über die Buchenwald­kinder. Daß es sich um eine Dissertation handelt, ist bei rund 1.500 Fußnoten nicht zu übersehen, aber es schreckt auch nicht ab, denn trotz des wissenschaft­lichen Sprachstils erschließt sich ein bemerkenswerter Einblick in die Schweizer Nachkriegsgeschichte.

Da das Engagement zugunsten vernachlässigter Kinder einen hohen moralischen Wert besitzt, lag es für die Schweiz nahe, zur Verbesserung der Beziehungen zu den Alliierten ein derartiges Angebot zu unterbreiten. Das Angebot wurde von der United Nations Rescue and Relief Administration dankend angenommen. Sie bat darum, daß die Schweiz 350 13- bis 16-jährige Kinder aus dem befreiten Konzentrations­lager Buchenwald aufnimmt. Die Schweiz reagierte zunächst ablehnend, hatte sie sich doch ausdrücklich Kinder bis zum Höchstalter von 12 Jahren ausbedungen.

Allein, die gab es nicht, denn die Nazis und ihre deutschen Täter hatten Kinder als unproduktiv umgebracht. Zudem hatte Frankreich schon eine Gruppe von Jugendlichen angenommen und war bereit, weitere Jugendliche zu übernehmen. Während das französische Angebot zeitlich unbefristet war, wollten die Schweizer Behörden die Kinder oder Jugendlichen nur für einen begrenzten Zeitraum aufnehmen. Aus diesem Grund tendierten jüdische Organisationen eher zum Schweizer Angebot, denn die restriktive Schweizer Flüchtlings­politik bot gute Chancen dafür, daß diese aufgenommenen Kinder und Jugendlichen anschließend nach Palästina auswandern würden. Diese Vermischung von Interessen­lagen ergibt ein schillerndes Bild der Instrumentalisierung von Überlebenden des Holocaust – und dann stellte sich auch noch heraus, daß es sich bei den angekündigten Jugendlichen aus Buchenwald mehrheitlich um Erwachsene gehandelt hat. Eine für die Auswahl nach Buchenwald entsandte Krankenschwester

war von den Verhältnissen, die sie in Buchenwald antraf, in einem gewissen Sinne überfordert. Ihre Vorstellung, alles genau überprüfen zu können und fein säuberlich Kinder auszuwählen, die sie in die Schweiz mitnehmen konnte, erwies sich als illusorisch. Offizielle Ausweispapiere hatte in dem befreiten Konzentrations­lager naheliegender­weise niemand. Und offenbar stiess die helvetische Idee, genaue Kriterien dafür aufzustellen, wer das Recht habe, in die Schweiz zu kommen, in Buchenwald auf Befremden. Dies umso mehr, als die gewünschten, möglichst jungen Kinder zumindest zum damaligen Zeitpunkt in Buchenwald nicht vorhanden waren. [3]

In Buchenwald hatten die Überlebenden offensichtlich andere Vorstellungen. Und so reisten etwas mehr als 350 Personen in die Schweiz ein, die, man ist ja schließlich in der Schweiz, in erwünschte und unerwünschte Männer und Frauen aufgeteilt wurden. Dann stellte es sich noch heraus, daß die Eingereisten rundweg Jüdinnen und Juden waren, was die Schweiz nun gar nicht haben wollte. Insofern lag es für die Schweizer Behörden nahe, im Land ansässige jüdische Organisationen an der Finanzierung des Aufenthalts zu beteiligen. Dies schon deshalb, weil schon in den Jahren zuvor jüdische Organisationen unter Druck gesetzt worden waren, finanziell für die von den Nazis verfolgten Jüdinnen und Juden einzustehen, andernfalls diese ausgewiesen und an ihre Häscher ausgeliefert werden würden. Ob es sich hierbei um einen strukturellen Schweizer Antisemitismus gehandelt hat oder einfach nur um eidgenössischen Geschäftssinn, lasse ich hier offen.

Jedenfalls zeigte es sich, daß die Schweizer Institutionen auf den Transport von über 350 Menschen nicht vorbereitet waren. Die mehr oder minder Jugendlichen wurden zunächst in Internierungs­lager untergebracht und nicht selten von den ordnungs­liebenden Behörden und Militärange­hörigen gemaßregelt. Selbst wenn es sich um 350 Kinder gehandelt hätte, wären die Vorbereitungen zur Aufnahme dieser traumatisierten jungen Menschen absolut unzureichend gewesen. Hieran ist zu erkennen, daß es der Schweiz weniger um die humanitäre Geste als vielmehr um die politische Aufwertung gegangen war. Was mit den Menschen konkret geschah, wurde weitgehend bürokratischer Routine unterworfen. Einzelschicksale interessierten nicht. Überhaupt war die ganze Aktion darauf angelegt, nach einem festgesetzten Zeitraum von einem halben, maximal einem Jahr beendet zu werden. Die Schweiz hatte kein Interesse an der dauerhaften Aufnahme. Insofern war sie dankbar für das Angebot jüdischer bzw. zionistischer Organisationen, die Ausreise nach Palästina vorzubereiten.

Madeleine Lerfs Studie ist analytisch genau, menschlich sensibel und argumentativ scharf, ohne anzuklagen. Gerade die Risse im System Schweizer Flüchtlings­politik sind es, die in ihrer Darstellung hervorscheinen. Zwischen der theoretischen Konzeption von Unterbringung und Betreuung und der Alltagspraxis lagen zuweilen Welten. Zudem betrachteten sich die in die Schweiz Gekommenen nicht einfach als Opfer, sondern stellten Ansprüche; Ansprüche, die wiederum bei der Schweizer Bevölkerung und den dortigen Behörden auf Unverständnis stießen. Etwa dann, wenn die im Konzentrations­lager Halbverhungerten qualitative Ansprüche an das Essen in den Lagern und Heimen richteten; sollten sie doch dankbar sein dafür, daß sie von der Schweiz so großzügig aufgenommen wurden. Dennoch hält Madeleine Lerf auch das Engagement der Betreuerinnen und Betreuer fest, das sich im Interesse der Jugendlichen zuweilen gegen die vorgegebene Unterbringungs­praxis richtete.

Ihre beeindruckende Studie „Buchenwaldkinder – eine Schweizer Hilfsaktion“ ist im Frühjahr im Schweizer Chronos Verlag herausgekommen. Das 443 Seiten umfassende Buch kostet 44 Euro.

 

Eine Bourgeoisie, die über unsere Verhältnisse lebt

Besprechung von : Lunapark21, Heft 10, Sommer 2010, 72 Seiten, € 5,50

Das Elend dieser Welt endete nicht mit der Niederlage Nazideutsch­lands und Japans. Vielmehr wird es seither auf andere Weise hergestellt, verwaltet und wahrgenommen. Der Kapitalismus ist auch ohne seine faschistischen Auswüchse eine mörderische Angelegenheit; und doch sollte die alltägliche Ausbeutung, Schufterei und Perspektivlosig­keit nicht übersehen werden. Der Kapitalismus ist ein Gewaltverhält­nis, das nicht nur, aber eben auch durch die stummen Zwänge des Marktes zusammenge­halten wird. Eine kapitalistische Gesellschaft ist keine Spaßveranstal­tung, sondern beruht auf Arbeit, fremdbestimmter Arbeit und vor allem profitabler Arbeit. Wobei diejenigen, die davon profitieren, meist nicht dafür arbeiten müssen.

Die Finanzkrise von 2007 hat den Boden einer veritablen Wirtschaftskrise bereitet, obwohl das grundlegende Verhältnis genau umgekehrt ist. Das krisenhafte Phänomen kapitalistischer Akkumulation fand in der Immobilienkrise der USA 2007 ihren ersten Niederschlag. Krisen sind im Kapitalismus so normal, wie auf Sonnenschein Regen folgt. Wobei die einen nur naß werden, währen die anderen so richtig baden gehen können. Und damit meine ich nicht die Banken, die schon bankrott waren, ehe sie von den Merkels dieser Welt neues Spielgeld erhalten haben. Die ökonomie­kritische Zeitschrift Lunapark21 bleibt jedoch nicht an dieser Oberfläche haften, sondern versucht, Zusammenhänge begreifbar zu machen, um mit richtigen Schlüssen sinnvolle Alternativen zu finden.

Heftcover Lunapark21Zum Beispiel erklärt sie uns, daß und weshalb die offiziell sinkenden Arbeitslosen­zahlen nichts mit der Realität zu tun haben, sondern wir uns vielmehr einem Nachkriegsrekord nähern. Nun ist Arbeitslosig­keit gut fürs Kapital, weshalb die Bemühungen, sie zu bekämpfen, die Richtung annehmen, die Arbeitslosen möglichst dazu zu bringen, sich bestmöglich im Interesse des Profits zu verwerten. Das Interesse an der Ausweitung eines Niedriglohn­sektors ist offensichtlich, wobei hier keine neuen Jobs geschaffen, sondern vorhandene zergliedert und neu verteilt werden.

Gründliche Analyse muß nicht zu Lasten der Aktualität gehen; und so finden wir in der Sommerausgabe dieser Zeitschrift eine einleuchtende Erklärung dafür, weshalb Horst Köhler am 31. Mai [2010] die Brocken hingeworfen hat. Daß es hierbei um das Ausplaudern der schon lange bekannten Wahrheit gegangen ist, Wirtschaftsinter­essen mit den Waffen der Bundeswehr wahrzunehmen, ist allenfalls eine billige Erklärung für das bürgerliche Feuilleton. Die damit verbundene Scharade setzt auf Unkenntnis oder Vergeßlichkeit, denn Köhlers Dampfplauderei ist seit 1992 fester Bestandteil der Verteidigungs­politischen Richtlinien dieser Republik. Worum ging es also dann?

Nun, mit dem ehemaligen IWF-Chef Horst Köhler glaubte die deutsche Bourgeoisie, den richtigen Mann für die richtigen Botschaften an die über die profitablen Verhältnisse des Kapitals lebenden Arbeiterinnen und Angestellten an der Hand zu haben. Doch just angesichts der Finanzkrise plapperte der Herr Bundespräsident dummes Zeug, zumindest nach dem Selbstverständ­nis seiner Auftraggeber. So verkündete er vor zwei Jahren die zwar nicht neue, aber auch nicht besonders geistreiche Erkenntnis, die internationalen Finanzmärkte hätten sich zu einem Monster entwickelt. Und Ende April, also vor zwei Monaten, ergänzte er, daß die Politik wieder den Vorrang vor den Finanzmärkten haben solle. Davon wollte die herrschende Klasse nun gar nichts hören, denn die Finanzkrise erwies sich als genialer Hebel, noch mehr Geld von den Armen zu den Reichen zu transferieren.

Also ließen sie ihn fallen und nutzen die passende Gelegenheit, seine durchaus zutreffende Bemerkung zum Sinn der Bundeswehr medial gegen ihn zu richten. Er verstand den Wink mit dem Zaunpfahl und trat ab. Schau'n wir mal, ob sein Nachfolger diesen Wink richtig zu interpretieren weiß.

Schwerpunkt des aktuellen Heftes von Lunapark21 sind die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Entwicklungen in China. Die Entwicklung eines inzwischen auch binnenmarktorien­tierten Kapitalismus unter kommunistischer Führung ist einer eigenen Erklärung wert. Nun handelt es sich bei der Kommunistischen Partei Chinas selbstverständlich nur um eine nominell kommunistische, aber immerhin scheint sie das Heft noch in der Hand zu haben, obwohl die Zahl der Millionäre, ja Milliardäre auch in China ansteigt. Bemerkenswerter sind jedoch die zunehmenden Streiks, nicht nur in den Sonderwirtschafts­zonen der globalisierten Ausplünderung chinesischer Arbeitskraft. Selbige Streiks werden zwar mitunter mit repressiver Gewalt zerschlagen, aber zuweilen auch geduldet, um mögliche soziale Explosionen zu verhindern. Denn rund 250 Millionen Wanderarbei­terinnen und -arbeiter stellen ein erhebliches Konfliktpoten­tial dar. Solange das Wirtschaftswachs­tum anhält, scheinen größere soziale Spannungen vermeidbar zu sein, aber was geschieht, wenn die Wirtschaftskrise auch auf China zurückschlägt?

Ganz anders verhält es sich mit Griechenland. Nun haben die Griechinnen und Griechen nicht anders über ihre Verhältnisse gelebt als wir, denn wir, also du und ich, haben ganz gewiß nicht über unsere Verhältnisse gelebt. Wer also dann? Hannes Hofbauer zeigt uns, daß die griechische Misere nur zum Teil hausgemacht, letztlich jedoch Ausdruck der ungleichen Entwicklung im Euro-Raum ist. Winfried Wolf ergänzt, woher die Staatsschulden auch kommen, und vor allem, wer davon profitiert.

Griechenland und die Türkei wurden und werden in einen – nicht zuletzt für das deutsche Kapital – profitablen Rüstungswett­lauf getrieben, in dem Griechenland in den vergangenen 20 Jahren die wahrlich ansehliche Summe von rund 75 Milliarden Euro in nutzloses Kriegsspielzeug [4] investiert hat. Siemens ist einer der Konzerne, die hier abkassiert haben, deutsche Banken verdienen aktuell an der von IWF und Europäischer Union durchgedrückten Krisenlösung auf Kosten derer, die nun gar nichts dafür können. Aber so ist das nicht nur hierzulande. Peinlich wird es natürlich, wenn nicht wenige Menschen den Müll deutscher Medien nachplappern, daß die Griechen auf „unsere“ Kosten saniert würden. Nichts wäre unwahrer. Die vereinbarten Sparmaßnahmen sollen 2010 Einsparungen in Höhe von 4,8 Milliarden Euro bringen. Gleichzeitig gibt die sozialdemokratische griechische Regierung weitere 2,8 Milliarden Euro für den Kauf neuer Rüstungsgüter aus. Das eine gehört notwendig zum anderen. [5]

Zu kurz kommen wieder einmal die Frauen, sowohl thematisch als auch als Autorinnen. Hier, denke ich, muß sich dringend etwas ändern, denn ein weiteres Magazin von Männern für Männer braucht die Welt nun wirklich nicht, vor allem dann, wenn Gisela Notz vollkommen zurecht feststellt, daß Europa immer noch ein „Herrenhaus“ sei. So etwas möchten die Männer und die wenigen verbliebenen Frauen hier im Sendehaus wohl eher nicht hören. Ansonsten ist auch die zehnte Ausgabe der ökonomiekritischen Zeitschrift Lunapark21 eine Fundgrube an Einsichten und Ansichten, die weit über den Tellerrand der bornierten, am Erhalt des Status Quo interessierten Wirtschafts­journaille blicken. Lunapark21 ist im ausgesuchten Buch- und Zeitschriftenhandel für 5 Euro 50 erhältlich oder im Abonnement über die Webseite des Projekts: www.lunapark21.de.

 

Gesellschaftskritik als Update

Besprechung von : Mittelweg 36, Heft 2, April/Mai 2010, 102 Seiten, € 9,50

Wenn schon der abgedankt habende Bundespräsident die Finanzmärkte als Monster charakterisiert, dann knirscht es im ideologischen Gebälk der herrschenden Klasse. Nun muß diese sich derzeit um den sozialen Frieden in diesem Land keine großen Sorgen machen, denn die Menschen gehen lieber auf die Straße um zu feiern als um zu demonstrieren. Dennoch nimmt die Unzufrieden­heit zu, so Jens Becker und Jürgen Faik in ihrem Aufsatz zur sozialen Verfaßtheit der „Berliner Republik“ im Aprilheft der Zeitschrift Mittelweg 36. Also müssen sich die Intellektuellen dieser Republik hierzu einige warme Gedanken machen, zumal sie selbst feststellen müssen, daß der normative Rahmen ihres in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelten Wissenschaftsverständ­nisses zur Erklärung neoliberaler Verwerfungen nicht mehr ausreicht. Schließlich soll Theorie auch nützliche Erkenntnisse zur Herrschafts­sicherung liefern.

Heftcover Mittelweg 36Das Aprilheft gibt uns einen Einblick in diese Versuche, die auf mich zwar unbeholfen wirken, die jedoch als systemimmanente Überlegungen durchaus einen Sinn ergeben. So, wenn der Philosoph Wolfgang Kersting seine Vorstellungen von Wirtschaftsethik unters aufgeklärte Volk bringt und nach dem Verhältnis von Markt und Moral fragt. Das grundlegende Dilemma eines derartigen Räsonnements bleibt hier jedoch unberührt. Der Markt ist per se unmoralisch. Es gibt keinen moralischen Kapitalismus, denn seine Moral ist die Vernutzung von Menschen und Ressourcen zum Zwecke der Bereicherung Weniger. Deshalb ist es hübsch anzuschauen, wenn er sich mit Bezug auf Philosophen und Wirtschaftstheore­tiker durch die liberale Wirtschaft hangelt, aber der sittliche Nährwert ist – zumindest für eine fundierte Kritik des Bestehenden – reichlich nebulös.

Interessanter ist da schon die Auseinandersetzung mit kritischen Gesellschafts­theorien in Frankreich und Deutschland durch Danny Trom. Sicherlich handelt es sich um eine diskursive Abhandlung, die nur für diejenigen verständlich ist, die sich mit der kritischen Theorie Axel Honneths oder seiner französischen Pendants Luc Boltanski und Laurent Thévenot beschäftigt haben – und hierzu gehöre ich nicht. Festzuhalten ist jedoch, daß Gesellschaftskritik einen Begriff von dem benötigt, was eine Gesellschaft zusammenhält und wie sie funktioniert. Die Frage ist, ob die neoliberalen globalisierten Gesellschaften noch mit herkömmlichen soziologischen Theorien und Methoden verstanden werden können oder ob wir neue und besser angepaßte Mittel benötigen. Mir kommt das so vor, als stünde die bürgerliche Wissenschaft vor dem Scherbenhaufen ihrer eigenen Unzulänglich­keit. Wollte sie der Wahrheit ins Auge schauen, müßte sie nicht nur kritisch denken, sondern handeln, was sie aber nicht will.

Eher seltsam finde ich in diesem Zusammenhang die Anmerkungen von Wolfgang Kraushaar über die Besetzung der heiligen Stätten in Mekka durch fundamentalis­tische Muslime im November 1979. Nicht, daß ich die Darstellung als solche kritisieren würde. Immerhin wurde dieses Ereignis als die Geburtsstunde des islamistischen Terrorismus bezeichnet. Aber was hat die Moral des Neoliberalismus mit der Erstürmung der Großen Moschee in Mekka zu tun? Nun, bevor ich mich in unzulässige Spekulationen ergehe, gebe ich euch lieber als Lesetip den Hinweis, daß das Aprilheft von Mittelweg 36 102 Seiten umfaßt und 9 Euro 50 kostet. Das aktuelle Juniheft befaßt sich in seiner Literaturbeilage mit Theodor Adorno und seinem Verhältnis zur Psychoanalyse.

 

Der Mikrokredit in der globalen Verwertungskette der Gutmenschen

Die Sorgen der Geldbesitzer der nördlichen Hemisphäre drehen sich nicht nur um das Funktionieren des sozialen und ideologischen Überbaus. Auch ganz praktisch werden neue Wege erkundet, die Restproduktivität derer nützlich aufzuarbeiten, die ausgestoßen am Rande der Gesellschaft leben. Das Hartz IV-Programm des Forderns und Forderns hat ja den Zweck, aus denen, die im kapitalistischen Arbeitsprozeß keinen Platz mehr finden, noch diejenigen herauszusieben, die in Zeitarbeits­firmen, Lohndumpingagen­turen, mit Ein-Euro-Jobs oder bürgerschaft­lichem Engagement Wert und Mehrwert produzieren können. Nur die ganz ganz Armen und nicht mehr Verwertbaren, also die – nach dieser perversen Logik – „wirklich Bedürftigen“ sollen dann ein Almosen erhalten. Den Zynismus dieser menschenver­achtenden Logik hat sich auch die Weltbank zunutze gemacht, als sie die Mikrokredite für die ganz Armen dieser Welt zu ihrem Anliegen erklärte.

Allein schon die Tatsache, daß eine Agentur weltweiter Ausplünderung von natürlichen Ressourcen und menschlicher Arbeitskraft das Mikrokredit­wesen fördert, sollte die Gutmenschen auf der Nordhälfte des Erdglobus nachdenklich machen. Aber nein – sie wollen ja nur Gutes tun, denn auch sie ertragen das Elend dieser Welt nicht. Geadelt wurde das Mikrokredit­wesen spätestens mit der Verleihung des Friedensnobel­preises 2006 an einen ihrer Gründer in der Dritten Welt, Mohammad Yunus aus Bangladesch. Angesichts dessen, wer zuvor und danach schon alles diesen Nobelpreis erhalten hat, hätte auch dies zum Nachdenken anregen können. Zum Beispiel: der US-amerikanische Außenminister des Vietnam-Krieges Henry Kissinger, der ägyptische diktatorisch regierende Präsident Anwar as-Sadat, der ehemalige Terrorist und Libanonkrieger Menachim Begin, die imperialistischen Friedenstruppen der Vereinten Nationen, Kofi Annan, der den Völkermord in Ruanda mit ermöglichte, oder Barack Obama, der noch mehr Menschen in Afghanistan umbringen lassen will. Das Wesen des Friedensnobel­preises ist nicht, einen universellen Friedensgedanken zu fördern, sondern den zu preisen, der produktiv ist für das Gelingen des kapitalistischen Menschenrechts auf Profit. Aber das zu erkennen, ist für die Gutmenschen dieser Welt wohl zuviel der intellektuellen Anstrengung.

Am 19. Mai [2010] fand an der Universität Tübingen im Rahmen einer Ringvorlesung zu Wirtschaftsethik ein Diskussionsabend zu eben diesen Mikrokrediten statt. Heinrich Wiemer von der Entwicklungsgenossen­schaft Oikocredit und Michael Schneider für die Deutsche Bank tauschten dort ihre wirtschaftsethischen Gedanken zur Nützlichkeit nachhaltigen Wirtschaftens in der Dritten Welt aus. Auf der Webseite der Universität Tübingen fand ich hierzu folgende sinnige Anmerkung: „Studierende der Wirtschaftswissen­schaft können sich diese Veranstaltung auch als Schlüsselqualifi­kation anrechnen lassen.“ Das ist wenigstens ehrlich: Ausbeutung als Schlüsselqualifi­kation. Doch worum ging es an diesem Abend? Die Gruppe Gegenstandpunkt beim Freien Radio für Stuttgart erklärt uns im folgenden Beitrag, wie diese Schlüsselqualifikation funktioniert.

Mikrokredite für die Armen – ein neuer Geschäftszweig für die Finanzindustrie

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Schluß, aus, vorbei, das Spiel geht weiter

Jingle Alltag und Geschichte

In der vergangenen Stunde hörtet ihr Wissenswertes und Nachdenkens­wertes über die Erdwerke der Michelsberger Kultur, zu den gesellschaftspoli­tischen Grundlagen der DDR und zum Schweizer Umgang mit Buchenwald­kindern. Weiterhin sprach ich über das Krisenpro­gramm des Kapitals und seine ideologische Verarbeitung, und übernahm einen Beitrag zu Mikrokrediten vom Freien Radio für Stuttgart. Vorgestellt habe ich hierbei die Maiausgabe der Zeitschrift Archäologie in Deutschland, das Sommerheft von Lunapark21, das Aprilheft von Mittelweg 36, sowie die Bücher „Freiheiten ohne Freiheit“ von Jörn Schütrumpf und „Buchenwaldkinder – eine Schweizer Hilfsaktion“ von Madeleine Lerf.

Da ich diese Sendung vorproduzieren muß, weiß ich noch nicht das, was ihr schon lange wißt, nämlich, ob Deutschlands Elitekicker schon den Heimflug haben antreten dürfen. Ich finde es jedenfalls bemerkenswert, daß dieses Land auf der Straße lieber Millionäre feiert als um Millionen kämpft. Aber das ist wohl eine typisch deutsche Misere, die sich mit Worten nur beschreiben, aber nicht verändern läßt. Am Mikrofon war Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

 

ANMERKUNGEN

 

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»» [1]   Vergleiche hierzu auch Rüdiger Suchsland : Die Misere des afrikanischen Fußballs, in: Telepolis am 2. Juli 2010.

»» [2]   Jörn Schütrumpf : Freiheiten ohne Freiheit, Seite 77.

»» [3]   Madeleine Lerf : «Buchenwaldkinder» – eine Schweizer Hilfsaktion, Seite 62.

»» [4]   „Nutzlos“ ist das Kriegsspielzug nur in dem Sinn, daß es Griechenland nicht für militärische Zwecke benötigt. Ansonsten ist es recht nützlich, weil es zum Mehrwert­transfer aus der (Semi-)Peripherie in die kapitalistischen Metropolen dient.

»» [5]   Siehe hierzu auch das Vertragswerk von Lissabon, insbesondere hierzu die Sonderseite der Informations­stelle Militarisierung zum EU-Verfassungs-/Reformvertrag.


Diese Seite wurde zuletzt am 14. August 2010 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2010. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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