Geschichte

Von russischen Entdeckern zur Sowjetdiplomatie

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
Sendung :
Geschichte
Von russischen Entdeckern zur Sowjetdiplomatie
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Montag, 22. März 2004, 17.00–18.00 Uhr
 
wiederholt am :
Montag, 22. März 2004, 23.10–00.10 Uhr
Dienstag, 23. März 2004, 08.00–09.00 Uhr
Dienstag, 23. März 2004, 14.00–15.00 Uhr
 
 
Besprochene und benutzte Bücher :
  • »»  Peter Littke : Vom Zarenadler zum Sternenbanner, Magnus Verlag
  • »»  Alexandra Kollontai : Mein Leben in der Diplomatie, Karl Dietz Verlag Berlin
  • »»  Die Russische Revolution 1917, Karl Dietz Verlag Berlin
  • »»  Luc Bürgin : Rätsel der Archäologie
 
 
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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung
Kapitel 2 : Einmal Alaska und zurück
Kapitel 3 : Die erste Diplomatin
Kapitel 4 : Bourgeoise Umwege
Kapitel 5 : Eine Mumie schnupft Kokain
Kapitel 6 : Schluß
Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

Das Thema meiner heutigen Sendung lautet: Von russischen Entdeckern zur Sowjetdiplomatie. Anhand von drei sehr verschiedenen Büchern möchte ich einige eher unbekannte Facetten der russischen Geschichte vor, während und nach der Oktoberrevolution vorstellen.

Mitte des 18. Jahrhunderts erreichten russische Forscher und Entdecker auf ihrem Weg nach Osten die Küsten Alaskas. Russische Kaufleute ließen sich dort nieder, als sie bemerkten, daß diese Region sich zu lukrativen Geschäften eignete. 1867 wurde Alaska an die Vereinigten Staaten verkauft. Peter Littke hat mit seinem Buch Vom Zarenadler zum Sternenbanner eine Geschichte Russisch–Alaskas vorgelegt.  »»

Als die Oktoberrevolution 1917 die letzten Reste des Zarenreiches hinwegfegte, mußte sich die junge Sowjetrepublik nicht nur der Angriffe konterrevolutionärer und imperialistischer Mächte erwehren. In den 20er Jahren ging es um eine andere Form des Überlebens. Rußlands Wirtschaft lag am Boden und die Bolschewiki verkündeten die Neue Ökonomische Politik. Doch diese Aufforderung zur Bereicherung reichte alleine nicht aus. Die Diplomatie war gefragt, um Handelsbeziehungen mit den kapitalistischen Ländern zu knüpfen. Alexandra Kollontai, Revolutionärin und Feministin, erzählt in ihrer Biographie Mein Leben in der Diplomatie von den Schwierigkeiten einer Revolutionärin, sich auf ungewohntem Parkett zu bewegen.  »»

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der osteuropäischen Satellitenstaaten stellt sich die Frage nach dem Entstehen und der Bedeutung der Oktoberrevolution noch einmal neu. Vor sieben Jahren erschien hierzu ein Sammelband mit Einschätzungen aus der neueren historischen Forschung und weitgehend unbekannten Dokumenten. Als Hintergrund zu Alexandra Kollontais Biographie möchte ich diesen Band vorstellen.  »»

Wer sich mit Geschichte und Archäologie beschäftigt, trifft immer wieder auf rätselhafte Monumente und Funde. Mitunter geraten diese Rätsel zu einem Streitgespräch zwischen akademischen Gelehrten und Hobbyforschern. Der Wissenschaftsjournalist Luc Bürgin gehört zu denen, die das Gras wachsen hören und der seriösen Forschung unterstellen, Erkenntnisse zu verheimlichen oder zu verfälschen. Was davon zu halten ist, erfahrt ihr in meinem heutigen letzten Beitrag.  »»

Für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt ist am Mikrofon Walter Kuhl.

 

Einmal Alaska und zurück

Besprechung von : Peter Littke – Vom Zarenadler zum Sternenbanner, Magnus Verlag 2003, EUR 12,95

Alaska ist seit 1958 der 49. Bundesstaat der USA. Für 7,2 Millionen Dollar wurde dieses frühere russische Gebiet 1867 an die USA verkauft. Dies dürfte den meisten von uns bekannt sein. Doch was die Geschichte Russisch–Alaskas ausgemacht und warum Rußland diesen Besitz verkauft hat, dies ist weitgehend im Dunkel der Geschichte verborgen geblieben. Peter Littke hat in seinem Buch Vom Zarenadler zum Sternenbanner diese Wissenslücke geschlossen.

Die Besiedlung und Kolonisierung Alaskas hat eine Vorgeschichte. Genau wie bei den west- und südwesteuropäischen Kolonialmächten ging der Erforschung und Eroberung fremder Länder ein interner Prozeß voraus. Spanien und Portugal eroberten zunächst das Territorium der iberischen Halbinsel, das im 8. Jahrhundert arabische Eroberer den Westgoten entrissen hatten. Der sogenannten Reconquista folgte alsbald die Blutspur der Conquista, die Eroberung Lateinamerikas. Auch England und Frankreich führten zunächst Kriege um die Reichseinheit, bevor sie weltweit auf Eroberungs- und Plündertour gingen.

Die Fürstentümer des sich im Mittelalter herausbildenden Rußland hingegen waren von dieser Entwicklung weitgehend abgeschlossen. Rußland verfügte über keinen eisfreien Hafen und war von feindlichen Staaten umgeben: Im Westen Schweden, dann Litauen und Polen, im Süden das Osmanische Reich und im Südosten und Osten die vier Nachfolgestaaten des Mongolenreichs des Dschinghis Khan. Erst spät, nämlich Ende des 15. Jahrhunderts, befreite sich Rußland von den Tributzahlungen an die tatarischen Khane. Nachdem die Türken die Krim erobert hatten, zerschlug Iwan der Schreckliche im 16. Jahrhundert die beiden Tatarenstaaten an der Wolga.

Übrig blieb das sibirische Khanat – und das war dann auch der Weg, den die russische Expansion nehmen sollte. Hierbei gab es durchaus Vorläufer. Schon vor der Vormachtstellung Moskaus war es das Fürstentum Nowgorod, in der Nähe der Ostsee gelegen, das seine Felle aus den Gebieten im Osten jenseits des Ural bezog. Überhaupt waren zunächst die Felle der Hauptgrund für den Expansionsdrang nach Osten. Russische Händler erforschten und besetzten im Auftrag des Zaren die Gebiete der Völker [1] östlich des Ural. Mehrere tausend Kilometer wurden so innerhalb eines Jahrhunderts systematisch erkundet und von Rußland beansprucht. Erst am Amur trafen russische Söldner erstmals ernsthaft auf Widerstand. Chinesische Truppen setzten dem Eroberungsdrang gen Süden ein Ende. Dafür erreichten russische Kaufleute und Forscher 1639 den Pazifischen Ozean. Der Sprung über die Beringstraße nach Alaska war zögerlich. Schon 1648 überquerte Semjon Deschnew infolge eines Sturms die Bering–Straße, ohne sich der Bedeutung bewußt zu sein. Aber erst rund einhundert Jahre später organisierte Vitus Bering eine Expedition hinüber zum amerikanischen Kontinent, den er in der Gegend der heutigen Grenze Alaskas zu Kanada erreichte. Bering kam zwar auf der Rückfahrt ums Leben, aber die Seereise zeigte, daß auch in Alaska wertvolle Pelze zu finden waren. Damit wurde Alaska interessant und russische Händler begannen mit der Ausbeutung der Ressourcen.

Das, was ich hier im Zeitraffer darstelle, beschreibt Peter Littke in seinem Buch in geradezu epischer Breite. Die Forscher, Kaufleute und Eroberer werden genauso vorgestellt wie ihre Methoden. Und diese waren gewiß nicht besser als die der britischen, französischen oder spanischen Eroberer. Auf den Aleuten und in Alaska lebten Menschen, deren Denken und Technologie noch der Steinzeit verhaftet war. Entsprechend verfuhren auch die Russen mit ihnen. Allerdings setzten sich die Ureinwohner zur Wehr und vertrieben die Eroberer mehrfach.

Der nordöstliche Pazifikraum wurde nur langsam besiedelt. Englische Händler kamen aus Kanada, spanische Siedler aus Mexiko, und russische Schiffe trieb es ab und zu auf der Suche nach Lebensmitteln gen Süden. An der Westküste der heutigen USA trafen sich die Interessen. Russen gründeten 1812 Fort Ross in Kalifornien am südlichsten Punkt ihrer Reisen. Auch Hawaii wurde erreicht, konnte aber nicht gehalten werden. Doch damit hatte sich Rußland übernommen. Was folgte, war ein Rückzug auf Raten. 1825 legten Russen und Briten die Grenze Alaskas fest, 1841 verkauften die Russen Fort Ross an John Sutter und die Geldsorgen des Zarenhofes führten schließlich 1867 dazu, Alaska an die USA zu verkaufen. Natürlich ging dieser Verkauf nicht ohne Posse vonstatten. Nach langem durch Schmiergeldzahlungen gefördertem Gefeilsche wurde der Vertrag unterzeichnet. Von nicht wenigen Zeitgenossen wurde der Kauf Alaskas als vollkommen unnütz bezeichnet. Wer konnte schon damals ahnen, daß der Ölboom in Alaska Milliardengewinne bringen würde? Daß die einheimische Bevölkerung nicht gefragt wurde, war hingegen selbstverständlich.

Peter Littkes Geschichte Russisch–Alaskas erschließt auf ihren 320 Seiten detailliert einen weitgehend unbekannten weißen Fleck. Leider schleichen sich einige Ungereimtheiten durch das Buch, etwa wenn Zar Nikolaus auf einmal englisch Nicholas heißt [2], aber sie trüben die Verständlichkeit nur wenig. Insbesondere die schon fast romanhaft anmutenden Anekdoten aus dem Leben der Kaufmannsfamilien und Schiffskapitäne bringen uns die damalige Zeit auf eine Weise näher, welche die üblicherweise trockene Faktendarstellung ausspart. Vom Zarenadler zum Sternenbanner ist im Magnus Verlag erschienen und kostet 12 Euro 95.

 

Die erste Diplomatin

Besprechung von : Alexandra Kollontai – Mein Leben in der Diplomatie, Karl Dietz Verlag Berlin 2003, EUR 39,90

Was macht eine revolutionäre Regierung, die im Ausland isoliert ist? Sie geht ungewöhnliche Wege. Vor einer deratigen Situation stand die bolschewistische Regierung Anfang der 1920er Jahre, nachdem sie Invasionstruppen aus mehreren Staaten, darunter Deutschland, Polen, England und Japan, besiegt oder vertrieben hatte. Nach dem gewonnenen Bürgerkrieg stand das vollkommen kriegszerstörte Rußland 1920 am Abgrund. Um die Wirtschaft wieder in Gang zu setzen, wurde die Neue Ökonomische Politik verkündet. Darunter verstand man die Wiederzulassung markt- und profitorientierter Landwirtschaft, von Handel und Gewerbe, nach den Jahren des sogenannten Kriegskommunismus. Dennoch benötigte das heruntergekommene Land dringend Rohstoffe und Devisen. Und dies wiederum setzte voraus, daß aus den einstigen Kriegsgegnern Handelspartner gemacht werden mußten. Keine leichte Aufgabe also für eine Außenpolitik, die bislang darauf gesetzt hatte, alle Geheimverträge der Weltöffentlichkeit bekannt zu machen, sehr zur Verärgerung der Mächte, die in Geheimverträgen beispielsweise Syrien und Palästina unter sich aufgeteilt hatten.

Innenpolitisch hatte sich die Linie von Lenin und Trotzki durchgesetzt. Verschiedene Fraktionen der Bolschewiki sahen die Arbeiterdemokratie in Gefahr und versuchten zu opponieren. Doch Lenin und Trotzki, im Hintergrund unterstützt von Stalin, stellten ihre innenpolitischen Gegner durch ein sogenanntes Fraktionsverbot kalt. Wer die offizielle Politik nicht mittrug, wurde mit dem Ausschluß aus der Partei bedroht. Zu diesen Oppositionellen gehörte Alexandra Kollontai.

Die 1872 geborene Alexandra war die Tochter eines adligen Gutsbesitzers und zaristischen Generals. Das verwöhnte Mädchen einer gutsituierten Familie nahm schon in jungen Jahren soziale Ungerechtigkeit wahr, heirate früh, entfloh aber bald dieser Ehe und ging in die Schweiz, um dort zu studieren. Dort kam sie in Kontakt mit der russischen Sozialdemokratie im Exil und beteiligte sich 1917 an der Revolution in Rußland. Von Lenin wurde sie nach der Oktoberrevolution zur ersten Frau in ein Ministeramt berufen; sie trat aber bald aus Protest gegen den erzwungenen Friedensvertrag mit Deutschland zurück. 1922 stand Alexandra Kollontai am Scheideweg, politisch wie auch – nach einer gescheiterten Beziehung – persönlich. Um Abstand von all dem zu gewinnen, bat sie die Partei um eine Aufgabe im Ausland. So wurde sie Botschafterin in Norwegen, auch hier die erste Frau auf einer solchen Position. Das ist kein Zufall, war doch Alexandra Kollontai durch ihre Schriften, Vorträge und ihre Lebensführung sowohl als radikale Gegnerin jedwelcher patriarchalen Unterdrückung als auch gleichzeitig für ihre für die damalige Zeit freizügigen sexuellen Vorstellungen bekannt.

In Norwegen erwartete sie jedoch eine vollkommen neue Aufgabe. In ihren Aufzeichungen aus den Jahren 1922 bis 1945 hat sie ihre diplomatische Tätigkeit ausführlich beschrieben. Das 1951 fertiggestellte Manuskript wurde jedoch durch die stalinistische Bürokratie weggeschlossen. Erst 50 Jahre später, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, konnte eine zweibändige russische Ausgabe erscheinen, die nun auch auf Deutsch verfügbar ist. Hiermit wird ein Kapitel der sowjetischen Außenpolitik erschlossen, das mehr als nur einen Einblick in die Schwierigkeiten gibt, welchen die junge Sowjetrepublik gegenüberstand.

Diese biographischen Aufzeichnungen leben davon, daß die Autorin schon zu ihrer Zeit als Schriftstellerin bekannt und berühmt war. Sie zeichnet ihre Arbeit auf eine äußerst lebendige Weise nach, bei der wir viel mehr über Ränke und Selbstzweifel erfahren, als dies durch die trockenen Quellen durchscheinen würde. Alexandra Kollontai schaffte es, sich nicht nur Respekt und Anerkennung zu verschaffen. Mehr noch, sie konnte durch ihr umsichtiges Handeln der Sowjetrepublik in den 20er und 30er Jahre unschätzbare Dienste leisten. Dabei hatte sie mit Problemen zu kämpfen, an denen sie mehrfach fast verzweifelt wäre. Zum einen hatte sie die außenpolitischen Direktiven aus Moskau zu befolgen, was aufgrund der unterentwickelten Kommunikationsverbindungen der damaligen Zeit gar nicht so leicht war. Dann mußte sie ihre Botschaftsangehörigen davon überzeugen, daß die offizielle Vertretung eines Staates sich nicht damit vereinbaren ließ, die kommunistische Bewegung des Gastlandes zu unterstützen. Und nicht zuletzt war sie mit der repressiven Politik Stalins konfrontiert, dessen Schauprozessen sie offensichtlich nur entging, weil sie eine Frau war und daher als ungefährlich angesehen wurde [3]. Dennoch sind gerade ihre Lobeshymnen auf Stalin von einer besonderen Peinlichkeit. Es ist trotz Auswertung ihrer Unterlagen nicht ganz zu verstehen, warum sie Stalin offensichtlich ehrlich verehrte. Ein Grund mag der sein, daß sie zumindest in den 20er Jahren mehrfach seine Hilfe erhielt, um mit schweren Lebenskrisen fertig zu werden. So auch der Posten in Oslo.

Alexandra Kollontai war Botschafterin in Norwegen, Mexiko und Schweden. Der Hitler–Stalin–Pakt 1939 war auch für sie ein Schock, dennoch vertrat sie diese Linie nach außen, weil sie darin ein Mittel sah, ein Bündnis aller imperialistischen Mächte gegen die Sowjetunion zu verhindern. Im sogenannten Winterkrieg 1939/40 zwischen der Sowjetunion und dem mit Hitlerdeutschland verbündeten Finnland wirkte sie mit diplomatischem Geschick maßgeblich daran mit, diesen Teilkrieg des Zweiten Weltkrieges zu beenden.

Ihre diplomatische Arbeit war oftmals jedoch profan und langwierig, bevor sie zum Erfolg führte. Handelsabkommen und Protestnoten wechselten sich ab. Deutlich wird jedoch, daß Alexandra Kollontai durch ihre Arbeit der Sowjetunion sehr dabei geholfen hat, die internationale Isolierung zu überwinden. Und das war gar nicht so einfach. 1934, es war die Zeit des faktischen Zusammenbruchs des Weltmarktes nach der Weltwirtschaftskrise, benötigte die Sowjetunion zum Aufbau ihrer Schwerindustrie dringend Devisen. An Alexandra Kollontai ging daher die Anweisung, den Export mit Schweden zu stimulieren und hierfür staatlich abgesicherte Kredite zu erhalten. Das geplante Abkommen stand kurz vor der Unterzeichung, als die schwedische Bauernpartei ankündigte, die sozialdemokratische Minderheitsregierung nicht unterstützen zu wollen. Die Opposition nutzte das Abkommen mit dem Feind dazu, die Regierung zu stürzen. Nur durch den klugen diplomatischen Rückzug der Sowjetunion, veranlaßt durch Alexandra Kollontai, wurde dies verhindert. Beide Seiten konnten ihr Gesicht wahren.

Ihre Aufzeichungen aus den Jahren 1922 bis 1945 sind ein außergewöhnliches Dokument. Auf ihren 1884 maschinenschriftlichen Seiten hat sie so gut wie nichts ausgelassen: politische Scharaden wie persönliche Gefühle, Landschaftsbeschreibungen und prägnante Porträts von Politikern und Journalistinnen, Freunden und Bekannten. Ihre eigenen Absichten beschrieb Alexandra Kollontai in einem Brief an ihren ehemaligen Mitarbeiter Semjon Mirny so:

Ich stütze mich nicht auf Dokumente, und darin liegt der Wert meiner Aufzeichungen. Ich schreibe darüber, was ich selbst gesehen habe, über Personen, die ich kannte, und über Eindrücke, die ich persönlich hatte. Ich überprüfe nur gelegentlich irgendein Datum, wenn es in den Notizen vergessen worden war. Für künftige Historiker wird der unmittelbare Eindruck eines Zeitzeugen jener Jahre von Interesse sein. Aufgabe künftiger Historiker wird es sein, meine Angaben mit den Dokumenten anderer Zeitgenossen zu vergleichen und daraus ihre Schlußfolgerungen abzuleiten. [4]

Die deutsche Ausgabe folgt dem russischen Original, ist jedoch aus finanziellen Gründen gekürzt worden. Dafür wurden die Angaben Alexandra Kollontais noch einmal gründlich überprüft und in eigenen Anmerkungen, falls notwendig, richtig gestellt. Zahlreiche Dokumente von Alexandra Kollontai und ihren Zeitgenossen ergänzen ihre Ausführungen, wo dies sinnvoll erschien. Insgesamt liegt hiermit eine Edition vor, die sorgfältig zusammengestellt worden ist, und vor allem eine, die zum Lesen, ja geradezu Schmökern einlädt. Gerade bei Ereignissen, die uns heute nicht mehr präsent sind, stellt sich ein mitunter völlig neues Verständnis der Geschichte zwischen den beiden Weltkriegen ein. Alexandra Kollontai, so der Herausgeber Heinz Deutschland, hat ein historisches Dokument hinterlassen, das erheblich von den damals üblichen Vorgaben der offiziellen (sowjetischen) Geschichtsschreibung abweicht. Ihre Autobiographie mit dem Titel Mein Leben in der Diplomatie ist im Karl Dietz Verlag Berlin erschienen, hat 703 Seiten und kostet 39 Euro 90.

 

Bourgeoise Umwege

Besprechung von : Die Russische Revolution 1917, Karl Dietz Verlag Berlin 1997, EUR 12,40

Die Russische Revolution von 1917 ist nicht vom Himmel gefallen. Schon 1905 stellten die Sowjets von Sankt Peterburg und Moskau die herrschende Ordnung in Frage. Doch der Weltkrieg schuf die Basis für eine solch überwältigende Unzufriedenheit, daß die jahrhundertelang herrschende Ordnung relativ einfach hinweggefegt wurde. Der Sammelband Die Russische Revolution 1917 – Wegweiser oder Sackgasse? enthält Aufsätze und Dokumente, die belegen, daß hier ein historisches Ereignis besonderen Ausmaßes stattgefunden hat.

Der Erste Weltkrieg war ein Gemetzel zwischen imperialistischen Staaten. Genau betrachtet dauerte er einige Jahre an, ohne daß der Frontverlauf wesentlich verändert werden konnte. Hunger, Armut und Hoffnungslosigkeit breiteten sich aus. Es war im Grunde genommen eine Hungerrevolte, die das repressive zaristische Regime in sich zusammenfallen ließ. In dem Moment, als die Petrograder Garnison beschloß, nicht auf die Revoltierenden zu schießen, war das Schicksal des Zarismus besiegelt. Mag sein, daß eine herrschende Klasse heutzutage nicht derart kurzschlußmäßig und panisch reagieren würde. Mag sein, sie würde sich zurückziehen und mit frischen Kräften wiederkommen. Aber die russische Situation war insofern anders, als es im Grunde genommen keine herrschende Klasse mehr gab. Das feudale Regime hatte angewirtschaftet und eine eigene nationale Bourgeoisie existierte nur in einem kümmerlichen Anfangsstadium. Entscheidend war aber, daß ein Regime ohne Armee hilflos ist. Und genau das war der springende Punkt: die Soldaten verweigerten den Krieg gegen den Feind und gegen die eigene Bevölkerung. Sie forderten im Grunde zwei Dinge: Frieden und Brot. Jede Regierung, welche willens und in der Lage war, diese beiden Forderungen zu erfüllen, würde die volle Unterstützung erhalten.

Gerade die Alternative Krieg oder Frieden bewirkte jene Zerreißproben, an denen im Revolutionsjahr 1917 insgesamt vier Ministerkabinette der bürgerlichen Regierung zerbrachen. Vor allem die Brussilow–Offensive, ihr verlustreiches Scheitern bei gleichzeitiger Niederschlagung der Antikriegsdemonstrationen im Juli, war der Wendepunkt [...]. "Alle Macht den Sowjets!" hieß das Banner, unter dem die gewaltsam zurückgewiesenen Massen sich sammelten – sich mehr und mehr abwendend von regierungstreuen Menschewiki und Sozialrevolutionären, zumindest in Petrograd, Moskau und weiteren Städten unter den Einfluß der Bolschwiki geratend.
Die Situation war im höchsten Grade verworren und widersprüchlich. Die Februarrevolution hatte Rußland von den Zwangsinstitutionen der zaristischen Staatsgewalt befreit und ein Vakuum für Aktivitäten geschaffen, die in den anderen kriegführenden Ländern ganz unerlaubt waren. Arbeiter, Soldaten, Bauern, Landarme waren in ihren Lebensräumen und militärischen Standorten zur Selbstorganisation ihrer sozialen Interessen geschritten [...].
Der Ruf "Schluß mit dem Krieg!", die Massenforderung und verbale Ermutigung zur Befehlsverweigerung und Desertion, wurde von Ministern und Generalität mit kriegerischen Solidaritätsadressen an die Ententemächte und der Wiedereinführung standrechtlicher Todesstrafen beantwortet. Auf den Ruf "Den Boden den Bauern!" [...] reagierte die Regierung mit dem Einsatz von Kosakenschwadronen. [...]
Selten in der Historie war ein Deus ex machina so gefragt wie jetzt. Und es gab ihn! [5]

schreibt einleitend Helmut Bock und verweist damit darauf, daß die Bolschewiki nicht einfach geputscht haben, sondern die Stimmung im Lande repräsentierten. Roy Medwedjew zeigt in einem weiteren Aufsatz jedoch, daß auch die Bolschewiki auf die vor ihnen liegenden Aufgaben nicht wirklich vorbereitet waren. Zwar haben sie klug und pragmatisch den Bauern das Land und dem Land den Frieden gebracht – aber um den Preis wirtschaftlichen Chaos' und eines Friedensabkommens, der die Kornkammer der Ukraine den Deutschen überließ. Dennoch:

Die Bolschewiki handelten im Sommer 1917 logisch und konsequent, ihr Einfluß unter den Massen nahm beständig zu. [...] Im Gegensatz zu den Bolschewiki zeichnete sich die Politik der [sozialdemokratischen] Menschewiki und [bäuerlichen] Sozialrevolutionäre nicht durch Folgerichtigkeit aus. [6]

Diese beiden Parteien unterstützten die Provisorische Regierung, und das war ein Fehler. Sie unterstützten das Militär beim verzweifelten Versuch, den Krieg fortzusetzen, und die Landeigentümer bei der Bekämpfung von Bauernaufständen. Nicht zuletzt stellten sie sich gegen die Arbeitermassen in den Zentren selbst, weil sie davon ausgingen, daß eine Revolution nur dann erfolgreich sein könne, wenn die Bourgeoisie den Kapitalismus ausreichend entwickelt habe. Es ist jedoch im Nachhinein müßig herumzurechnen, wer denn nun Recht gehabt hat. Doch die Frage ist erlaubt: hätte ein kapitalistisches Rußland weniger Hungertote, weniger Repression hervorgebracht als die stalinistische Sowjetunion; und vor allem: hätte ein solches Rußland Hitler besiegt?

Der Zusammenbruch der Sowjetunion ermöglicht einen Zugang zu Dokumenten, die bis dahin unter Verschluß gehalten wurden. Allerdings stellt sich die Frage, ob hierdurch die historischen Ereignisse in ihren Grundzügen völlig neu bewertet werden müssen oder nur neue Facetten von Möglichkeiten und Zwängen sichtbar werden. Welche Chancen hatte eine Revolution in einem unterentwickelten Land? War es falsch, die Chance zu ergreifen, ohne zu wissen, was morgen kommt? Das sind Fragen, mit denen wir uns eigentlich auch heute noch beschäftigen müßten, denn diese Welt, in der wir heute leben, kann ja nicht der Weisheit letzter Schluß sein.

Wichtiger vielleicht als die Möglichkeit des Zugangs zu neuen Zeitdokumenten ist die Möglichkeit, die Vergangenheit frei von den Zwängen der Systemkonkurrenz neu zu denken. Unbelastet von ideologischen Vorgaben kann die Geschichte der Oktoberrevolution und der Sowjetunion neu betrachtet werden. Das fällt vielleicht nicht leicht, denn es erfordert den Mut, bisherige Gewißheiten in Frage zu stellen. Andererseits ist es natürlich auch mit der Gefahr verbunden, dem Gedankenkonstrukt von der Wertfreiheit der Wissenschaft auf den Leim zu gehen. Im Kapitalismus kann es jedoch keine interessenfreie Sozialwissenschaft und Forschung geben. Pawel Wolobujew und Wladimir Buldakow halten es beispielsweise für sinnvoll, die Voraussetzungen der Oktoberrevolution und des nachfolgenden Bürgerkrieges als Teil einer Systemkrise des russischen Imperiums aufzufassen.

Die primär paternalistische Grundlage des Russischen Reiches widerstand hartnäckig einer Rationalisierung, wie sie für die Modernisierung unerläßlich war. [7]

Wolobujew und Buldakow versuchen eine psychosoziale Interpretation der Ereignisse des Jahres 1917, was natürlich auch Folgen für die Bewertung des Bolschewismus hat.

Über die Bolschewiki wird entweder voller Lob oder voller Haß geschrieben. Lenin und Trotzki, die wohl funktionalsten Großen der Russischen und der Weltrevolution, werden als Objekt der Anbetung oder der Verdammnis dargestellt. Lenin und Trotzki gingen von Anfang an davon aus, daß Revolutionen nicht in Samthandschuhen zu machen seien. Aber das war keine Apologetik des Unmoralischen, sondern die Reaktion auf die Sittenlosigkeit der alten Welt, die Bereitschaft, die "Sünden" der Revolution auf sich zu nehmen. Um so wichtiger ist es heute, sich ihnen unvoreingenommen zu nähern, denn wir haben es in ihrem Falle nicht mit Henkern, sondern mit heroischen "Opfern" zu tun. [8]

Eine der damaligen Kernfragen war, wer die Macht übernehmen soll – die Konstituierende Versammlung als parlamentarische Vertretung des gesamten Volkes oder der Gesamtrussische Sowjet als Vertreter der bewußten revolutionären Volksmassen. Die Bolschwiki lösten dieses Problem zusammen mit den Linken Sozialrevolutionären auf ihre Weise: sie lösten das Parlament auf und schickten dessen Vertreter in die Wüste. Widerstand kam auch weniger von den Anhängern des Parlamentes, sondern von den Repräsentanten der alten Ordnung. Der Ausgang des Bürgerkrieges entschied über den weiteren Weg. Doch der Preis war hoch. Das Land war ausgeblutet und die Menschen nach dann insgesamt sechs Jahren Krieg einfach müde. Ließ sich die Auseinandersetzung vermeiden? Sicher nicht. Irgendwie ist es absurd anzunehmen, nach den Monaten der sogenannten Doppelherrschaft zwischen Provisorischer Regierung und Petrograder Sowjet das Rad der Geschichte wieder herumdrehen zu können. Welche Revolution kann es zulassen, daß die Repräsentanten der alten Ordnung sich neu organisieren, um die Macht zurückzuerobern? Wer dies für demokratiefeindlich hält, sollte einmal genauer darüber nachdenken, was eine Demokratie ausmacht. Die Demokratien westlichen Typs sind bei allen Freiheiten und Möglichkeiten weiterhin Ausdruck einer Klassenherrschaft.

Gerhard Schröder, Roland Koch, Roland Berger und wie sie alle heißen – beweisen dies Tag für Tag.

Die Autoren des Sammelbandes Die Russische Revolution 1917 würden die Frage " Wegweiser oder Sackgasse?" sicher weder in dem einen noch in dem anderen Sinn beantworten. Aus zunächst vielleicht unvermeidlichen Fehlern wurden strukturelle Hindernisse zum Aufbau einer wirklich sozialistischen Gesellschaft. Dies ist auch, aber nicht allein mit der Unterentwicklung des Landes zu erklären. Bürokratische Methoden der Machtausübung haben jedoch auch immer Grundlagen im Denken und Handeln der Revolutionäre selbst. Alexandra Kollontai wußte genau, wie wichtig es war, auch das Persönliche politisch zu betrachten. Sie scheiterte.

Der Sammelband Die Russische Revolution 1917 versammelt neben den theoretischen Beiträgen 123 Dokumente aus der Revolutionszeit, meist Erstveröffentlichungen in deutscher Sprache. Sie bieten die Möglichkeit, die Ereignisse noch einmal neu zu betrachten. Doch wie Helmut Bock in seinen Vorbemerkungen schreibt, es

offenbart sich uns eine Revolution, die in Nachfolge der älteren bürgerlichen Revolutionen der Weltgeschichte, somit auch der russischen Revolution von 1905, begann. Sie rief die konstitutionell–monarchistischen und die republikanischen Sachwalter der kapital- und grundbesitzenden Bourgeoisie der Reihe nach auf die Ministersessel, ließ sie jeweils binnen weniger Wochen politisch–moralisch abwirtschaften und gipfelte schließlich wegen der sozialen Konfliktlage in dem gewagten Versuch der antikapitalistischen, also sozialistischen Alternative. [9]

Und was interessiert uns das heute? Nun – ein Blick auf das heutige Rußland zeigt, daß die Bourgeoisie mit einem skurrilen Umweg über den Stalinismus doch noch gewonnen hat, das Land ausplündert und die Menschen verarmen läßt. In Tschetschenien wird mit dem Augenzwinkern des Westens gemordet – es macht also offensichtlich einen Unterschied, ob der Machthaber Breschnew oder Putin heißt; und vor allem, ob er kapitalistische oder bürokratische Interessen vertritt. [10]

All das belegt nur, daß die Bolschewiki ihre Aufgabe nicht richtig zuende gebracht haben, vielleicht nicht vollenden konnten. Denn, wie Rosa Luxemburg, Lenin und Trotzki wußten – nur die Revolution im Westen sichert den Sieg der Oktoberrevolution. Das Versagen ist also ganz woanders zu suchen.

Der Sammelband Die Rusische Revolution 1917 ist 1997 im Karl Dietz Verlag Berlin erschienen und kostet 12 Euro 40.

 

Eine Mumie schnupft Kokain

Besprechung von : Luc Bürgin – Rätsel der Archäologie, Herbig Verlag 2003, EUR 19,90

Wenn ein archäologischer Sachbuchautor sich auf Erich von Däniken positiv bezieht, dann sagt uns dies schon einiges über das von ihm verfaßte Buch. Der schweizer Journalist Luc Bürgin ist bekannt dafür, daß er das Geheimnisvolle, Spektakuläre und Rätselhafte in den Vordergrund stellt. Dabei geht es weniger um die historische Wahrheit. Wer allen Ernstes zum Besten gibt, auf Keilschrifttafeln fänden sich

Informationen über Astronomie, fremde Planetensysteme, Sternenbesucher und Angaben über die Entstehungsgeschichte des Menschen, die unser Weltbild auf den Kopf stellen würden [11],

den kann ich – ehrlich gesagt – nicht ernst nehmen. Auch wenn er hier einen anderen Journalisten zitiert, der dies wiederum von einem amerikanischen Assyriologen erfahren haben will. Es hat mich ohnehin immer wieder erstaunt, wie leichtgläubig Menschen auf derart spekulativen Unfug hineinfallen. Ganz offensichtlich wird das logische Denkvermögen gezielt ausgeschaltet, denn sonst ist es nicht zu erklären, wieso die technologisch weit fortgeschrittenen Besucher anderer Welten uns ausgerechnet hochtechnologische Steinzeitprodukte hinterlassen haben sollen. Vielleicht wollten sie uns nur foppen. Vielleicht wollten sie uns auch nur kuriose Rätsel aufgeben. Luc Bürgin fällt darauf sicher nicht herein, aber uns erzählt er ernsthaft von einem Sternentor am Titicacasee. Allein weil einzelne Besucher vor dem Tor stehen und von einem hellen blauen Licht halluzinieren und ein Inkapriester durch denselben felsigen Stein verschwunden sein soll, verschwendet er auf drei Blatt Papier mit sechs Seiten [12] einige nebulöse Sätze, die uns nirgendwohin führen. Schlimm genug, daß hierfür halbe Wälder dran glauben müssen.

Nicht weniger geheimnisvoll und sinnlos ist die schon bewußt in Fragezeichen gehaltene Überschrift Mumien im Grand Canyon? Jaja, die Ägypter – nicht nur, daß sie den Atlantischen Ozean überquert haben, nein sie haben sich auf den weiten Weg ausgerechnet zum Grand Canyon gemacht, um dort eine Kolonie zu gründen. Nun, vielleicht sind sie auch über den Pazifik gesegelt, weil sie nichts Besseres mit ihrer Zeit anzufangen wußten. Vielleicht haben sich die Ägypter auch nur überlegt, womit sie die Hobbyarchäologen des 20. Jahrhunderts am besten foppen können. Wer weiß? Jedenfalls: weitere 13 Seiten nichtssagender Unsinn [13], für den ein weiterer Wald daran glauben mußte.

Rätsel der Archäologie heißt das letztes Jahr im Herbig Verlag herausgebrachte Buch von Luc Bürgin. In einem solchen Buch werden wir ganz sicher nicht überrascht sein, eine chinesische Pyramide vorzufinden, die vor 5000 Jahren Außerirdischen als Abschußrampe gedient haben soll. Kein Wunder, wenn das Buch mit folgenden Sätzen beginnt:

Vergessen Sie, was Sie in der Schule gelernt haben. Werfen Sie über Bord, was Ihnen eingetrichtert wurde. Und verfluchen Sie Ihre Lehrbücher. Denn die Geschichte unserer Vorfahren war ganz anders! [14]

Nun – er vergaß zu sagen: "Und vertrauen Sie sich mir an, denn Sie werden von mir mit Wundern so zugetextet, daß Ihnen Ihr kritischer Verstand abhanden kommt." Denn womit verdient sich ein Autor eines derartigen Unsinns sein Geld? Ganz einfach: er lebt von Ressentiments. Wer würde auch nicht gerne den Schuldrill vergessen? Wer hat denn nicht in seiner oder ihrer Schulzeit das sinnlose Auswendiglernen verflucht? Aber daraus den Schluß zu ziehen, daß die Geschichte ganz anders war, ist nicht nur gewagt, sondern auch falsch. Die Geschichte ist, zumindest was die schriftlich faßbare Geschichte betrifft, eine Geschichte von Klassenkämpfen; und das lernt man und frau in der Schule sicher nicht. Was bedeutet: die Fakten mögen mehr oder weniger stimmen, nur die Interpretation ist ideologisch motiviert. Doch dem Autor geht es gar nicht darum, Geschichte so zu verstehen, daß wir emanzipatorische Schlüsse daraus ziehen können. Ihm geht es darum, uns zu verwirren. Skepsis und Zweifel mögen nützliche Methoden der Wahrheitsfindung sein. Aber sie mit spekulativem Unsinn zu befrachten, hilft nur denen, die ein Interesse daran haben, die Menschen ihres rationalen Verstandes zu berauben.

Kaum eine archäologisch umstrittene Sammlung, die nicht mindestens ein fragwürdiges Stück enthält, [15]

entfährt es dem Autor. Und – was sagt uns das? Daß gelogen, betrogen und gefälscht wird? Ja, sicher. Das ist im Kapitalismus so. Warum soll ausgerechnet die Archäologie, überhaupt die Wissenschaft frei davon sein? Aber deswegen ist sie ja nicht grundsätzlich unglaubwürdig, und schon gar nicht ist daraus der Schluß zu ziehen, daß Außerirdische schon immer unter uns waren. Oder doch?

Wie kann es sein,

so zitiert Bürgin einen nicht genannten Herrn aus Dortmund [16]

dass die Forscherin Svetlana Balabanova von der Universität Ulm 1992 Kokainspuren in einer altägyptischen Mumie fand? Versichern uns die Gelehrten nicht, dass die Koka-Pflanze nur in Südamerika heimisch ist? [17]

Tja, solcherart sind die Rätsel, die uns Luc Bürgin aufgibt. Und in der Tat, es wäre ein Rätsel, wenn nicht im Juni vergangenen Jahres in der Presse nachzulesen gewesen wäre [18], daß die meisten unserer Euro–Geldscheine Kokainspuren enthalten sollen. Woraus folgt: Kokain verbreitet sich auch ohne Aliens dorthin, wo es keine und niemand vermutet. Doch genug derartiger Scherze! Wer selbst einen Blick in die Abgründe dänikesker Rätsel der Archäologie werfen möchte, mag es ruhig tun. Das gleichnamige Buch von Luc Bürgin ist bei Herbig erschienen und kostet 19 Euro 90. [19]

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte

Zum Schluß eine Übersicht über die heute vorgestellten Bücher:

  • Peter Littke schrieb die Geschichte Russisch–Alaskas mit dem Titel Vom Zarenadler zum Sternenbanner. Er erweckt ein weitgehend unbekanntes Thema aus dem Dornröschenschlaf der historischen Forschung. Das Buch ist im Magnus–Verlag erschienen, hat 320 Seiten und kostet 12 Euro 95.
  • Alexandra Kollontais Aufzeichnungen aus den Jahren 1922 bis 1945 liegen in einer sorgfältig editierten Ausgabe unter dem Titel Mein Leben in der Diplomatie vor. Das Buch ist im Karl Dietz Verlag Berlin erschienen, hat 703 Seiten und kostet 39 Euro 90. [20]
  • Schon ein paar Jahre älter ist der ebenfalls im Berliner Dietz Verlag herausgebrachte Sammelband Die Russische Revolution 1917 mit dem Untertitel Wegweiser oder Sackgasse? Auf 447 Seiten werden sowohl neuere Forschungsergebnisse und Interpretationen vorgestellt, als auch weitgehend unbekannte Dokumente aus der turbulenten Phase des Jahres 1917. Das Buch kostet 12 Euro 40.
  • Rätselhaftes vermeldet uns Luc Bürgin in seinem Buch Rätsel der Archäologie. Doch bei näherem Hinsehen zeigt sich bloß, daß der Autor uns auf 272 Seiten nur ein paar Brocken hinwirft, mit denen wir herumspielen sollen. Sein positiver Bezug auf den Meister aller unsinnigen Spekulationen – Erich von Däniken – sollte uns allerdings zu denken geben, ob wir es hier mit seriösen Fragestellungen zu tun haben. Das Buch ist bei Herbig erschienen und kostet 19 Euro 90.

Diese Sendung wird am Montagabend um 23 Uhr und am Dienstag nach dem Radiowecker um 8 Uhr und noch einmal am Nachmittag ab 14 Uhr wiederholt. Anregungen, Fragen und Kritik erreichen mich am besten über geschichte@alltagundgeschichte.de. Es folgt nun eine Sendung der Kulturredaktion von Radio Darmstadt, und zwar Äktschen! Am Mikrofon war Walter Kuhl.

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Zu den Schwierigkeiten des Begriffs "Völker" siehe meine Bemerkungen in der Sendung Völkermord vom 15. März 2004.
[2]   Peter Littke : Vom Zarenadler zum Sternenbanner, Seite 203. So wird auf derselben Seite 35 von Ghengis-Khan und von Dschingis-Khan geschrieben. Rätsel gibt auch die Fußnote 43 auf Seite 38 auf. Im Text heißt es: "Es schien, als ob nur die stärkste Macht (Moskau) die erneute Einigung Russlands herbeiführen könnte." Die zugehörige Fußnote lautet: "Insbesondere nach dem Machtzuwachs durch die Personalunion mit Polen 1386." Wahrscheinlich bezieht sich die Fußnote auf den Satz zuvor: "Kurz nach 1362 drangen die Litauer bis Kiew und Moskau vor." Unklar bleibt, warum hier das Jahr 1362 erwähnt wird, zumal die litauischen Truppen erst 1368 die unbefestigten Vororte Moskaus in Brand setzten.
[3]   So soll Molotow geäußert haben: "Sie hat uns nicht geschadet." – zitiert im Vorwort zur Biographie auf Seite 18.
[4]   Alexandra Kollontai : Mein Leben in der Diplomatie, Seite 20.
[5]   Helmut Bock : Vorbemerkungen, in: Die Russische Revolution 1917, Seite 25-26.
[6]   Roy Medwedew : 80 Jahre russische Revolution. Sieg und Niederlage der Bolschewiki, in: Die Russische Revolution 1917, Seite 38.
[7]   Pawel Wassiljewitsch Wolobujew und Wladimir Prochorowitsch Buldakow : Oktoberrevolution – neue Forschungszugänge, in: Die Russische Revolution 1917, Seite 50.
[8]   Wolobujew / Buldakow, Seite 55.
[9]   Bock, Seite 18-19.
[10]  Siehe hierzu auch meine Tschetschenien–Seiten.
[11]  Luc Bürgin : Rätsel der Archäologie, Seite 245. Die hierbei benutzte Methode läßt sich in seinem Buch mehrfach finden. Er zitiert einen Gewährsmann oder eine Gewährsfrau, der/die wiederum von einer weiteren Person gehört haben will ... Ob Luc Bürgin damit nur die Haltlosigkeit der darin getroffenen Behauptung kaschieren will? Interessanterweise stützt er sich im Absatz nach den Keilschrifttafeln auf den dubiosen Autor Uwe Topper, um von weiteren Machenschaften zu berichten. Zu Uwe Topper siehe das Sendemanuskript meiner Sendung Die große Verschwörung vom 29. Dezember 2003.
[12]  Bürgin, Seite 209-214.
[13]  Bürgin Seite 221-233.
[14]  Bürgin Seite 9.
[15]  Bürgin Seite 77.
[16]  Die Methode kennen wir schon. Siehe Anmerkung 11.
[17]  Bürgin Seite 14.
[18]  Darmstädter Echo, 25. Juni 2003.
[19]  Klaus Richter fand am 10. März noch ganz andere Haare in der Rätsel–Suppe.
[20]  Zu Alexandra Kollontai finden sich im Internet verstreut einige weiterführende Seiten, etwa

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 30. Dezember 2004 aktualisiert.
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