Abgestellter Schuttwaggon
Abgestellter Schuttwaggon auf dem Pfungstädter Bahnhofsgelände, März 2011.

Geschichte

Eisenbahn und Schlittenhunde

Sendemanuskript

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 9. Januar 2012, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Montag/Dienstag, 9./10. Januar 2012, 23.10 bis 00.10 Uhr
Dienstag, 10. Januar 2012, 05.10 bis 06.10 Uhr
Dienstag, 10. Januar 2012, 11.10 bis 12.10 Uhr

Zusammenfassung:

Die Nebenbahn von Eberstadt nach Pfungstadt wurde im Dezember 2011 reaktiviert und besitzt eine 125-jährige Geschichte. Zwei Verrückte wollen ein Stück Stoffetzen auf einem virtuellen Schneefleck aufpflanzen.

Besprochene Bücher:

Playlist:

Djurdjura : Asirem. Keine eigene Webpräsenz, aber diverse Videos auf YouTube.

Zur Neoliberalisierung von Radio Darmstadt und seinem Trägerverein und zur Ausgrenzung mehrerer Mitglieder meiner Redaktion seit 2006 siehe meine ausführliche Dokumentation.


Inhaltsverzeichnis


Einleitung: Nicht egal 

Jingle Alltag und Geschichte

Es ist Montag oder – sofern ihr die Wiederholung meines Podcasts hört – womöglich auch schon Dienstag, und mir ist es egal, ob der Bundespräsident noch Christian Wulff heißt oder auch nicht. Denn so ein Bundespräsident repräsentiert die herrschende Ordnung, und diese ist nun einmal auf Bereicherung ausgelegt. Vielleicht hat er sich ein bißchen ungeschickt angestellt dabei und vielleicht hätte er sich nicht mit einer Zeitung anlegen sollen, die Judiith Holofernes zurecht als „bösartiges Wesen“ bezeichnet hat. Vielleicht hat Wulff auch nur gemeint, er könne das, was die Ackermänner dieser Republik tagtäglich machen, einmal für sich selbst nutzen, nämlich bei Redaktionen, Steuerfahndern oder Staatsanwalt­schaften intervenieren und sagen, so läuft das aber nicht [1]. Denn es ist ja nicht gerade so, daß Presse­freiheit in diesem Land ein wirklich so hohes Gut darstellen würde. Qualitativer Journalismus, der mehr ist als das Abkupfern von Promo­meldungen (wie mitunter bei Radio Darmstadt) oder das Verlautbaren der Meinung der herrschenden Klasse, sieht anders aus und hört sich anders an als das, was uns täglich als Soße serviert wird.

Es ist Montag, vielleicht auch schon Dienstag, und mir ist es nicht egal, ob Bereicherung der gesellschaftlichen Ordnung entspricht oder auch nicht. Eine Gesellschaft, die durch und durch korrupt ist, und zwar nicht nur deshalb, weil auch einmal Geld oder andere geldwerte Vorteile fließen, um Politik eine bestimmte Richtung zu geben, sondern vor allem deshalb, weil sie auf Ausbeutung anderer Menschen und natürlicher Ressourcen sowie damit einhergehend auf der profitablen Nutzbar­machung von allem Möglichen, inklusive der intimsten Gedanken und Sinne beruht, eine solche Gesellschaft gehört endlich auf den Misthaufen der Geschichte.

Und solange, bis die entsprechend klassen­kämpferische Müllabfuhr vorbeischaut, werde ich mich ein paar anderen historischen Themen widmen. Und da ich heute nicht sechzig Minuten am Stück reden möchte, habe ich eine dreißig Jahre alte Vinylplatte eingespielt mit Musik der berberisch-algerischen Frauengruppe Djurdjura. Djurdjura sind drei Schwestern, aber es ist ebenso der Name eines algerischen Bergrückens in der Kabylei. Das Album heißt Asirem. Am Mikrofon ist Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

 

Eine profitable Nebenbahn

Besprechung vo : Werner Kohlmann – 125 Jahre Nebenbahn Eberstadt - Pfungstadt, Selbstverlag, 266 Seiten, € 29,80

Vor einem Monat wurde die reaktivierte Stichbahn von Eberstadt nach Pfungstadt mit großem Tamtam eröffnet. Diese keine zwei Kilometer lange Strecke galt Ende des 19. Jahrhunderts als hochprofitabel. Sie bediente nicht nur die Brauerei, welche sich der umtriebige Bandpromoter Michael, genannt „Chappi“, Schardt als Kooperationspartner ausgeguckt hat, sondern auch eine chemische und eine Ultramarin­fabrik. Während die Brauerei auch heute noch für einen gewissen Alkoholpegel in den Köpfen lokaler Bands sorgt, sind die beiden anderen Firmen längst Geschichte.

Pünktlich zur Wiederin­betriebnahme des Personen­verkehrs von Darmstadt nach Pfungstadt hat Werner Kohlmann seine Sammlung historischer Pläne, Fotografien und Dokumente und seiner eigenen Bilder in ein sehr schön gestaltetes Buch gegossen, das ich lokalhistorisch Interessierten ans Herz legen möchte.

Buchcover PfungstadtbahnSchon 1864 erhoben sich aus der Pfungstädter Geschäftswelt Stimmen, die einen Bahnanschluß ihrer Gemeinde einforderten. Die Hauptstrecke von Darmstadt nach Heidelberg wurde schnurgerade zwischen Eberstadt und Pfungstadt durchgeführt, was dem Anliegen der Pfungstädter nicht gerade förderlich war. Wer einmal die Eisenbahn­brücke auf dem Weg nach Pfungstadt durchquert, wird einige seltsame Torbögen am Straßenrand entdecken. Tatsächlich befand sich ursprünglich der Aufgang zu den Bahnsteigen innerhalb der Brücke und wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg durch die häßliche Rampe auf Eberstädter Seite ersetzt.

Auch die Hessische Ludwigsbahn, die 1868 damit anfing, die Riedbahn von Darmstadt nach Worms zu bauen, trug sich mit dem Gedanken, die Strecke, statt über Griesheim, über Pfungstadt zu führen. Vermutlich zahlte die Gemeinde Griesheim besser für den Bahnanschluß, so daß Pfungstadt noch einige Jährchen warten durfte, bis es 1886 so weit war. Gleichzeitig wurde das aufstrebende Dorf mit Stadtrechten versehen. Doch auch die ursprünglich für die Riedbahn geplante Verbindung zum Rheinhafen von Gernsheim blieb in der Diskussion, allein, aus diesem Projekt wurde nichts, vermutlich sah man es nicht als rentabel genug an.

Das Pfungstädter Stationsgebäude war einfacher Bau, nicht zu vergleichen mit dem zu Beginn des 20. Jahrhunderts im benachbarten Griesheim errichteten zweistöckigen Neubau, um das die dortigen Honoratioren allerdings auch hart hatten kämpfen müssen. Werner Kohlmann schöpft aus seinem Fundus und zeigt einige interessante historische Aufnahmen, die nicht alle dem Muster des Gruppenfotos aus irgendeinem offiziellen Anlaß entsprungen sind und daher mehr über den normalen Tagesablauf aussagen.

Während der Güterverkehr mit Darmstadt abgewickelt wurde, mußten Schüler und Arbeiterinnen in Eberstadt nach Darmstadt und Heidelberg umsteigen, darauf war die Frequenz der Zugfahrten auch ausgerichtet. Diese eher umständliche Anbindung führte schon 1911 zu der Idee, zusammen mit der Süddeutschen Eisenbahngesellschaft die Straßenbahn­linie von Eberstadt nach Pfungstadt zu verlängern. Es geht das Gerücht, daß diese Idee einige Zeit später tatsächlich aufgegriffen wurde und in Eberstadt sogar schon die Weiche gelegt worden ist.

Wie bei vielen lokalge­schichtlichen Archivalien gibt es ein Problem mit der Kontinuität. Zeitweise häufen sich die schriftlichen und bildlichen Belege, zu anderen Zeitab­schnitten fehlen diese jedoch gänzlich. Dies macht die Leküre eines solchen Buches nicht einfach, und es ist deshalb notwendig darauf hinzuweisen, daß diese Lücken in der Darstellung nicht dem Autor anzulasten sind, sondern dem erhaltenen Material. Während die Frühzeit bemerkenswert gut dokumentiert ist, erfahren wir wenig über die Pfungstadtbahn zwischen den beiden Weltkriegen. 1955 wurde der Personenverkehr eingestellt, Busse waren einfach billiger zu unterhalten. Der zunehmende Automobilismus tat ein übriges, und er wurde systematisch gefördert, während der zuvor recht dichtmaschige öffentliche Verkehr gezielt demontiert wurde. Pfungstadts Bahn­anschluß war nur noch für den Güterverkehr interessant, bis auch hier die Förderung des Lkw-Verkehrs mit der Lagerhaltung auf Deutschlands Autobahnen ihre Früchte trug.

Werner Kohlmann zeigt jedoch, daß es auch nach der Einstellung des Personen­verkehrs den einen oder anderen Sonderzug nach Pfungstadt gegeben hat, etwa mit dem klassischen TEE-Triebzug zum Hessentag in Pfungstadt 1973. Da der Autor nun selbst fotografisch tätig wurde, ist es kaum verwunderlich, daß zumindest vom Bildmaterial her die letzten vierzig Jahre dominieren. Das letzte Viertel des Buchs beschreibt daher sorgfältig die verschlungenen Pfade der Reaktivierung der einstmals kürzesten Nebenbahn­strecke der Deutschen Bundesbahn. Deshalb sind die 29 Euro 80, welche der sorgfältig zusammen­gestellte und ansprechend aufgemachte Band mit seinen 266 Seiten kostet, auch angemessen. Das Buch „125 Jahre Nebenbahn Eberstadt – Pfungstadt“ von Werner Kohlmann ist über den in Pfungstadt lebenden Autor zu beziehen.

Bis zum 29. Januar [2012] kann im Städtischen Museum in Pfungstadt auch noch die Ausstellung zur Geschichte der Eisenbahn von Eberstadt nach Pfungstadt besichtigt werden. Das Museum ist donnerstags von 16 bis 18 Uhr und sonntags von 15 bis 17 Uhr geöffnet. Ich gehe wohl nicht fehl in der Annahme, daß das zugehörige Buch dort zu erwerben ist.

 

Die weiße Terra Incognita

Zeitungsartikel Teil 1. Zeitungsartikel Teil 2. Zeitungsartikel Teil 3.

Der Kampf um den Südpol, Darmstädter Zeitung, 11. März 1911, Beilage, [online], cc-BY-NC-SA.

Besprechung von : Kari Herbert / Huw Lewis-Jones – 77° Süd. Entscheidung am Südpol, Konrad Theiss Verlag 2011, 192 Seiten, € 29,95

Ein weiteres Buch, das ich den letzten Tagen gelesen habe, handelt davon, was Männer für so bedeutsam halten, daß sie ihre Gesundheit und ihr Leben aufs Spiel setzen, nur um einen virtuellen weißen Fleck auf der Landkarte zu erreichen. Vor einhundert Jahren lieferten sich zwei dieser Heldentruppen einen eisigen Wettkampf auf dem südlichsten Kontinent, nur um ihre Flaggen auf einem Stück gefrorenen Schnees einzurammen. Der Historiker Huw Lewis-Jones und Kari Herbert, die Tochter eines Polarforschers, haben hierüber ein Buch geschrieben, das nicht nur durch seine sorgsame Textauswahl, sondern auch durch seine Bilder besticht. Es heißt „77 Grad Süd – Entscheidung am Südpol“ und ist im Herbst im Theiss Verlag in deutscher Übersetzung herausgekommen.

Die Geschichte des Triumphs des einen und der Tragik des anderen, gemeint sind der Norweger Roald Amundsen und der Brite Robert Falcon Scott, ist schon so oft erzählt worden, daß man oder frau sich wirklich fragen kann, ob ein weiteres Buch neue Einsichten liefern oder neue Sichtweisen präsentieren kann. Und ohne die weitläufige Literatur und die mehr oder weniger dokumentarisch nacherzählenden Geschichts­unterhaltungs­filmchen alle zu kennen, so denke ich, daß ein Blick in gerade dieses Buch durchaus lohnt. Immerhin wird hierin durchaus die Frage aufgeworfen, was das alles soll und weshalb selbst heute noch unzählige Extremsport­touristinnen und -touristen einen Trip zum Südpol unternehmen, der zuweilen absurde Züge annimmt. So gibt es der postmoderne Reise­tourismus durchaus her, mal kurz bis zum 89. Breitengrad geflogen zu werden, um die letzten 111 Kilometer auf Skiern oder im Hunde- oder Motorschlitten ins Ziel zu gelangen, was mehr Eventcharakter als Abenteuer bedeutet.

Buchcover 77 Grad SüdEs beginnt damit, daß in einer Mischung aus Forschungsreise und Handels­interesse der Seefahrer James Cook im 18. Jahrhundert die Grenzen des sagenhaften Südlandes, das zwar Landkarten ziert, aber nirgends real gesichtet wurde, zu erkunden ausgeschickt wurde. Zur Ernüchterung seiner Zeitgenossen, stellt Cook fest, daß, wenn es überhaupt so tief im Süden Land gibt, es recht unwirtlich und kalt sein wird, ganz zu schweigen von den Schwierig­keiten, die rauhe See zu kreuzen und dorthin zu gelangen. Im 19. Jahrhundert gelang jedoch genau dies, und das Abschlachten ganzer Walfisch­gründe begann. Erst um die Wende zum 20. Jahrhundert begann man, mit modernerer Ausrüstung den weißen Kontinent zu erforschen. Den Männern stand einiges bevor, denn die stürmische See und die nicht minder wütenden Schneestürme an Land sollten sich als eine Herausforderung erweisen, die nicht jedem dieser Männer gut tat. So mancher erlitt schwerste Erfrierungen oder überlebte seine tollkühne Dummheit nicht.

Während Kari Herbert und Hew Lewis-Jones bei aller drastischen Darstellung der zuweilen abenteuerlichen Begebenheiten ihre Faszination nicht ablegen können, eröffnet sich mir durch die Lektüre dieses Buchs eine ganz andere Sichtweise, die der Faszination der Antarktis als letztes Reservat modernen Heldentums nicht erliegt. Und während die Autorin und der Autor sich langsam, aber sicher dem Zweikampf der beiden den Schnee durch­pflügenden Männertrupps nähern, lassen sie auch die etwas unappetitlicheren Aspekte nicht außen vor. Damit meine ich weniger die zuweilen unhygienischen Rand­bedingungen, wenn einzelne Forscher in Packeis oder in ihrer Blockhütte wochen-, wenn nicht monatelang eingeschlossen sind und vor lauter Lagerkoller Wege finden müssen, sich nicht selbst zu zerfleischen.

Denn nicht nur Amundsen und Scott, und ihre Begleiter, sondern auch der Japaner Shirase Nobu war mit seiner Besatzung auf dem Weg ins südliche Eis. Eine neuseeländische Zeitung soll diese Crew mit Urwald­geschöpfen verglichen haben, für die kein Platz am Südpolar­kreis sei. Derart rassistische Untertöne waren damals vollkommen normal, galt doch die Aufteilung der Erde in stärkere und minderwertige Rassen als pseudowissen­schaftlicher Standard. Zwar waren die damaligen japanischen Ansichten über Menschen aus anderen Regionen ähnlich gestrickt, das darf allerdings nicht als Entschuldigung für neusee­ländische Gazetten und europäischen Dünkel herhalten.

Die Expeditionen waren unterschiedlich gut auf die bevorstehenden Herausforderungen und Entbehrungen vorbereitet. Offensichtlich hatte Amundsen besser vorausgeplant und so ließ er vor dem letzten Sturm zum Südpol eine Reihe von Depots anlegen und er setzte auf bewährte Schlittenhunde anstatt auf Ponys, die im Schnee versanken. Amundsen hatte im Prinzip den Wettlauf schon gewonnen, bevor er begann. Seine sorgfältige Vorbereitung ließ das Unternehmen nie in wirklich ernsthafte Schwierigkeiten geraten, obwohl es die eine oder andere haarige Situation zu überwinden galt. Scotts Entscheidung, auf Ponys statt auf Hunde zu setzen, führte letztlich dazu, daß die untauglichen Ponys durch Menschen abgelöst wurden. Und er konnte den Punkt nicht erkennen, an dem es angeraten war umzukehren. So sind echte Männer eben. Wenn nicht mit dem Kopf durch die Wand, dann mit dem Schlitten durchs tödliche Eis. Das selbst für antarktische Verhältnisse ungewöhnlich stürmische Wetter tat ein übriges.

Die Geschichte ist bekannt, und wer sie nicht kennt, kann hier am heimeligen Feuer den Eis- und Schnee­marathon verfolgen. Da die Geschichte der Südpolarf­orschung jedoch mehr ist als das medial passend zum 100. Jahrestag aufgemotzte Event, erhalten wir zudem Einblicke in andere Expeditionen mit ihren ganz eigenen abenteuerlichen Geschichten, die ab und an auch in historischen Dokumenten ausgebreitet werden. Die heutige Antarktis ist ein neutralisierter Ort verschiedenster Interessen. Ob und wie er ausgeplündert werden kann, ist noch zu erforschen, und so dienen die diversen Forschungs­stationen nicht einfach nur der Wetterkunde oder der Betrachtung des Liebeslebens der Pinguine, sondern handfesten Interessen, die sich später einmal amortisieren sollen.

Natürlich sind die Mitglieder dieser Forschungs­stationen nicht unbedingt erbaut vom eventförmigen Eindringen abenteuer­lustiger Männer und Frauen, die am Südpol versorgt werden wollen. Aber das ist eine Geschichte, die mir relativ egal ist. Da gibt es wichtigere Probleme auf diesem Planeten. Zum Beispiel die Frage, wo die historisch notwendige Müllabfuhr herkommt und welchen Weg sie nehmen wird.

Das Buch von Kari Herbert und Huw Lewis-Jones heißt „77 Grad Süd – Entscheidung am Südpol“. Es umfaßt 192 Seiten und ist im Theiss Verlag zum Preis von 29 Euro 95 erschienen.

 

Wie man und frau den braunen Banden begegnet

Daß ein Verfassungsschutz kein brauchbares Instrument darstellt, neonazistische Gruppen und Gedanken zu bekämpfen, sollte spätestens nach den Enthüllungen über die Förderung des organisierten Neonazitums durch den Verfassungs­schutz deutlich geworden sein. Konnte man und frau im Falle der NPD noch darüber rätseln, ob der Verfassungs­schutz V-Männer in die NPD eingeschleust hat oder, eher umgekehrt, die NPD ihre Vertrauens­leute in den diversen Verfassungsschutz­ämtern sitzen hat, so liegt der Sachverhalt im Falle der Zwickauer Neonazizelle offen zutage. Ohne finanzielle, personelle und organisatorische Förderung durch den Verfassungs­schutz wäre es dieser Zelle schwer gefallen, raubend und mordend durch deutsche Lande zu ziehen.

Nun ist hieran nichts verwunderlich. In der aktuellen Januarausgabe der Zeitschrift Konkret wird der Verfassungs­schutz als Überzeugungs­täter präsentiert, dessen personelle Wurzeln tief in das Dritte Reich reichen. Auch die Wehrsportgruppe Hoffmann, die in den 70er und 80er Jahren ihr Unwesen trieb, war von Vertrauensleuten des Verfassungs­schutzes durchsetzt. Einer dieser Wehrsportler legte mit oder ohne Wissen des Verfassungs­schtuzes 1980 eine Bombe, die dreizehn Besucherinnen und Besuchern des Münchener Oktoberfestes das Leben kostete. Doch schon Ende der 60er Jahre war der Verfassungs­schutz als Bomben­lieferant aufgetreten. Die Bombe, die im Jüdischen Gemeindehaus in Berlin 1969 gefunden wurde, stammte aus dem Arsenal der Hüter der Verfassung. [2]

Daß man und frau rechtsradikalen Gruppierungen auch ganz anders entgegentreten kann, bewiesen streikende und kämpfende Arbeiterinnen und Arbeiter während des Kapp-Putsches im März 1920. Hiervon handelt die „Ruhrkampf-Revue“ von HORSTsTheaterMaschin' im Anschluß an ein Buch von Yaak Karsunke. Diese Revue wird am kommenden Samstag in der Aula der Frankfurter Fachhoch­schule aufgeführt, Beginn ist um 19 Uhr. Karten sind im Vorverkauf im Volkshaus Halkevi in der Luisenstraße 2 erhältlich.

Und mit den Klängen von Djurdjura verabschiede ich mich. Am Mikrofon war Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt[3]

 

ANMERKUNGEN
Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

»» [1]   Die surreale Fassung dieser Macht­phantasien findet sich im 1. Band von Douglas Adams' „Per Anhalter durch die Galaxis“ [1981] in einer Anmerkung auf den Seiten 40–41: „Vor allem der Präsident ist eigentlich nur ein Strohmann. Er übt keine, aber auch wirklich gar keine Macht aus. Er wird zwar von der Regierung gewählt,“ – in Deutschland auf dem Umweg über die Bundes­versammlung – „aber die Qualitäten, die er vorzuweisen hat, haben weniger was mit Führung zu tun als vielmehr mit subtil dosierter Unverschämtheit. Aus diesem Grunde ist der Präsident stets eine widersprüchliche Persönlich­keit, ein aufreizender, doch faszinierender Charakter. Seine Aufgabe besteht nicht darin, Macht auszuüben, sondern die Aufmerksamkeit von ihr abzulenken.“ Dies funktioniert besonders gut dann, wenn er Zielscheibe einer Kritik ist, die das Wesentliche gezielt unterschlägt oder mehr unverstanden vergißt: Wulff ist ein kleines Licht, die großen Deals laufen – legal oder illegal – ganz woanders.

»» [2]   Vergleiche hierzu auch meine Besprechung des Buchs „Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus“ von Wolfgang Kraushaar in meiner Sendung Antisemitische Bomben am 23. Januar 2006.

»» [3]   Zu Ende der Sendung wurde noch ein „Vogel der Woche“ eingespielt, diesmal der Seifenreiher.


Diese Seite wurde zuletzt am 9. November 2014 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2012, 2014. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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