Geschichte

Mythen, Grenzen, Revolutionen

 

SENDEMANUSKRIPT

In der Sendung vom 25. September 2006 sprach ich über die griechische Mythologie, die Grenzen des Römischen Reiches und eine revolutionäre jüdische Geschichte.

 

 

Sendung :

Geschichte

Mythen, Grenzen, Revolutionen

 

Redaktion und Moderation :

Walter Kuhl

 

gesendet auf :

Radio Darmstadt

 

Redaktion :

Alltag und Geschichte

 

gesendet am :

Montag, 25. September 2006, 17.00–18.00 Uhr

 

wiederholt am :

Montag, 25. September 2006, 23.10–00.10 Uhr
Dienstag, 26. September 2006, 08.00–09.00 Uhr
Dienstag, 26. September 2006, 14.00–15.00 Uhr

Mittwoch, 27. September 2006, 08.00–09.00 Uhr

 
 

Besprochene und benutzte Bücher :

  • Richard Buxton : Das große Buch der griechischen Mythologie, Theiss Verlag
  • Margot Klee : Grenzen des Imperiums, Theiss Verlag
  • Hersch Mendel : Erinnerungen eines jüdischen Revolutionärs, Neuer ISP Verlag

 
 

URL dieser Seite : http://waltpolitik.powerbone.de/herstory/ge_mythn.htm

 

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung

Kapitel 2 : Wozu Mythen gut sind

Kapitel 3 : Grenzen für die Anderen

Kapitel 4 : Jüdisches Leben in Polen

Kapitel 5 : Aus den Sluma heraus

Kapitel 6 : Schluß

Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

Die Beschäftigung mit historisch faßbarer Geschichte ist auch immer eine Beschäftigung mit den zugehörigen Geschichten, den Erzählungen, den Mythen, den Sagen, aber auch mit den bewußt gestreuten Fehlinformationen. Propaganda gehörte schon vor Tausenden von Jahren zum Repertoire der erzählten und der aufgeschriebenen Geschichte. Nicht zuletzt deshalb war die Kunst des Schreibens eine Geheimkunst, die nur ausgewählten Menschen offen stand. Mittels dieser Kunst konnte einer Interpretation der Geschichte ein für allemal fixiert werden. Heute bedarf es analytischer Textanalysen und des Vergleichs mit den archäologisch faßbaren Relikten der Vergangenheit, um das Wahre vom Falschen unterscheiden zu können.

Bemerkenswert. Immerhin gab es vor Jahrhunderten, ja Jahrtausenden weder CNN noch die Bild–Zeitung, weder die Richtlinien der US Army zur Berichterstattung von der Front noch das Wahrheitsministerium George Orwells. Und so wie damals den fahrenden Sängern oder den auf Denkmälern verkündeten Siegen glauben wir heute den Nachrichten und Dokumentationen in Zeitungen, Büchern, im Fernsehen oder auch hier im Radio.

Von Mythen und Geschichten handelt auch meine heutige Sendung. Das antike Griechenland kannte ein ausgedehntes System mythischer Geschichtsschreibung und Identitätskonstruktion. Das auf die Griechen folgende Römische Imperium hinterließ nicht nur Monumente einer großen Macht, sondern auch Grenzbefestigungen, die den Anspruch auf Herrschaft dokumentierten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erschütterte eine revolutionäre Bewegung den Osten Europas. Eine Geschichte dieser Erschütterungen aus jüdischer Sicht beendet meine heutige Sendung.

Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt ist Walter Kuhl.

 

Wozu Mythen gut sind

Besprechung von : Richard Buxton – Das große Buch der griechischen Mythologie, Theiss Verlag 2005, 256 Seiten, EUR 34,90, ab 1.1.2006: EUR 39,90

Mythen gehören zu den wichtigsten Erinnerungsspeichern menschlicher Kulturen. Mythen sind jedoch keine Gute–Nacht–Geschichten. Sie sind Inszenierungen einer Gruppenidentität. Das können kleinere Dorfgemeinschaften sein, aber auch Konstruktionen angeblicher ethnischer Zusammengehörigkeit. Mythen sind also Narrative, bestimmte interessegeleitete Erzählungen von sich selbst und meist in Abgrenzung zu anderen.

Die abendländische Kultur fußt auf der griechisch–römischen Antike und dem aus dem jüdischen Monotheismus hervor gegangenen Christentum. Je mehr mit beginnender Neuzeit die christlichen Werte den Erfordernissen einer kapitalistischer Rationalität wichen, desto mehr wurde ein Bezug auf die Antike konstruiert. Hierzu gehörte auch eine Renaissance der Verbundenheit mit dem griechischen Sagenkreis.

Buchcover Buxton Griechische MythologieDieses Narrativ hat der britische Althistoriker Richard Buxton mit seinem bei Theiss erschienenen Band Das große Buch der griechischen Mythologie ausgegraben. Der Autor hat einen gewiß einen anderen Zugang zur griechischen Antike als ich, aber sein Buch ist eine wissenschaftlich fundierte Abhandlung über die verschiedenen meist miteinander verwobenen Sagenkreise. Das Buch ist allgemein verständlich geschrieben und wendet sich an Leserinnen und Leser, welche die Entstehung und den inneren Sinn dieses Narrativs besser verstehen können wollen.

Richard Buxton definiert den Begriff Mythos so, daß er für die Darstellung eines komplexen Themas wie die griechische Mythologie handhabbar wird. Ein Satz wie "es ist ein Mythos, daß alle Engländer um vier Uhr nachmittags Tee trinken" zeigt, daß mit dem Begriff Mythos durchaus verschiedene Dinge gemeint sein können. Bei diesem Sprachgebrauch würde es sich um eine weit verbreitete irrige Annahme halten, doch für die griechische Antike wäre die Definition unbrauchbar. Richard Buxton präzisiert daher: "Ein Mythos ist eine gesellschaftlich einflußreiche, überlieferte Geschichte." In dieser Definition stecken drei zentrale Elemente. [1]

Ein Mythos ist zunächst einmal eine Geschichte, nicht im historischen, sondern im erzählerischen Sinn. Diese Geschichte wurde von Generation zu Generation überliefert, verändert und den gesellschaftlichen Bedingungen angepaßt. Sein Ursprung wurde dabei vergessen. Daß der Mythos überhaupt weiter tradiert wurde, hängt damit zusammen, daß er eine Bedeutung besitzt, welche für die Gesellschaft (oder deren herrschende Klasse) von großer Wichtigkeit ist.

Es wäre jedoch ein Irrtum zu glauben, daß die griechische Antike eine in sich schlüssige Mythologie hervor gebracht hätte. Schon der Begriff Griechenland ist ein Konstrukt, der Name rührt von einem kleineren Stamm an der adriatischen Küste her, den die Römer wahrscheinlich als erste Griechen des Mutterlandes kennen gelernt hatten. Sich selbst bezeichneten die Griechen als Hellenen. Bekanntlich befanden sich die Griechen in einem fast permanenten Kriegszustand miteinander. Das heißt, es gab eben doch nicht die Griechen, sondern die Abgrenzung zu den Barbaren, vor allem aber gab es mehrere überlieferte Mythenstränge nebeneinander, die sich durchaus widersprechen konnten.

Die Fassung der griechischen Mythologie, die uns vorliegt, ist eine durch die attische Demokratie und den Hellenismus gefilterte Variante, von der zudem viele Texte im Laufe der Jahrhunderte zerstört wurden oder verloren gegangen sind. So sind beispielsweise die Ilias und die Odyssee des historisch nicht faßbaren Sängers Homer hauptsächlich in der attischen Version überliefert, und es ist daher wahrscheinlich, daß selbst im klassischen Griechenland unterschiedliche Fassungen dieser beiden Epen bestanden haben.

Weiterhin gilt es zu berücksichtigen, daß die Mythen des klassischen Griechenland schon eine lange Überlieferung hinter sich gehabt haben. Es kann davon ausgegangen werden, daß die darin enthaltenen religiösen Vorstellungen und Heldengeschichten in die mykenische Zeit zurück reichen, also etwa in die Zeit zwischen 1600 und 1200 vor unserer Zeitrechnung. Zentrale Orte dieser Mythen sind Mykene, Theben und Troia; möglicherweise ist die besondere Bedeutung Athens in diesen Mythen einer späteren Bearbeitung der Texte geschuldet, die ja jahrhundertelang mündlich von Sänger zu Sänger weiter gereicht wurden.

Mykene und Theben waren sehr wahrscheinlich die entscheidenden Machtzentren der mykenischen Kultur; und auch die Träger dieser Kultur sprachen Griechisch, allerdings ein für klassisch gebildete Ohren sehr eigentümliches Griechisch. Wenn wir berücksichtigen, daß sich Sprache entwickelt, dann ist gerade anhand der altertümlichen Floskeln in Ilias und Odyssee sehr schön der Prozeß der Sprachbildung im Verlauf der Jahrhunderte zu verfolgen. Wir wissen zudem aus archäologischen Funden (Linear B–Tafeln), daß diese mykenischen Griechen tatsächlich Griechisch sprachen.

In den Mythen drücken sich religiöse und soziale Vorstellungen aus. Natürlich können wir nicht davon ausgehen, mit Ilias und Odyssee in der Hand die gesellschaftlichen Verhältnisse des mykenischen Griechenland rekonstruieren zu können. Die Geschichten wurden ja nicht nur weiter gegeben, sondern auch verändert. Mitunter geschah dies sogar gezielt als Auftragsarbeit eines lokalen Aristokraten oder einer Polis, die ihre Vergangenheit ruhmreich verewigt wissen wollte, um hieraus Ansprüche in der Gegenwart ableiten zu können. Mythen sind eben keine Geschichten, sondern Narrative, die bestimmte Zwecke erfüllen.

Dennoch können sie natürlich auch als Geschichten gelesen oder vorgetragen werden; und gerade in der klassischen attischen Form der Tragödie wurden hierdurch auch soziale Verhaltensmuster argumentativ verarbeitet. In gewisser Weise sind die Tragödien eines Aischylos, Sophokles oder Euripides das literarische Gegenstück zur sich herausbildenden Philosophie gewesen. Hier wurde das Drama des Menschseins in allen Facetten durchgearbeitet.

So ist der mythische König Athens zu Zeiten des großen kretischen Herrschers Minos keinesfalls als eine historische Figur zu betrachten. Manche der Taten, die Theseus zugeschrieben werden, können durchaus als eine Projektion historischer Ereignisse in eine frühe Vergangenheit begriffen werden.

Einige Forscher haben die zunehmende Häufigkeit zu erklären versucht, mit der Theseus vom Ende des 6. Jh. v. Chr. an in der bildenden Kunst erscheint, und führen die Versuche des demokratischen Reformers Kleisthenes an, mythische Vorläufer für seine Politik der Konzentration und Konsolidierung athenischer Macht zu mobilisieren. Griechische Mythen verraten nur angeblich etwas über die Vergangenheit; viel aufschlussreicher sind sie hinsichtlich der sich verändernden Gegenwart. [2]

Mythen sind demnach auch Legitimationssysteme in politischen Auseinandersetzungen gewesen und füllten vorhandene Muster mit neuen Inhalten auf.

Die religiösen Systeme, die wir seit den altorientalischen Reichen antreffen, haben sich im Verlauf mehrerer Jahrtausende herausgebildet. Sie kommen nicht von ungefähr, sondern sie sind Ausdruck bestimmter kultureller, politischer und sozialer Entwicklungen von der Jungsteinzeit über Kupfer– und Bronzezeit bis hin zu den sich ausdifferenzierenden Gesellschaften des antiken Griechenland und Rom. Kosmogenien, also Vorstellungen darüber, wie die Götter und die Welt entstanden, finden wir auch in den religiösen Systemen Mesopotamiens und Ägyptens; doch es wird so gewesen sein, daß derartige Vorstellungen eher eigenständige, also lokale bzw. regionale, Entwicklungen gewesen sind.

Der klassische griechische Götterkanon mit Zeus als oberstem Gott war jedoch nicht der einzige. Es gibt Hinweise darauf, daß in der mykenischen Zeit in bestimmten Regionen Poseidon den Vorzug vor Zeus hatte. Ohnehin verschmolzen im Verlauf der Jahrhunderte lokale Gottheiten, die noch eigene Namen trugen, zu wenigen zentralen Göttern. Diese Verschmelzung ist jedoch eine Entwicklung, die wir überhaupt im östlichen Mittelmeerraum beobachten können.

Richard Buxton faßt diese große mythische Welt auf 256 großformatigen Seiten in einzelne Kategorien zusammen: Da geht es um Ursprungsmythen, die Macht der Götter, Heldentaten und mythische Landschaften. Positiv anzumerken ist, daß die Leserin und der Leser nicht mit einer Fülle von Namen und Ereignissen allein gelassen wird, sondern mit Schaubildern und Querverweisen die Zusammenhänge deutlich werden. Dabei sollten wir uns nicht davon irritieren lassen, daß die griechische Mythologie selbst inkonsistent war. Mythen sind nämlich keine rationalen Abhandlungen und deshalb auch nicht immer logisch. Sie laden zu Interpretationen ein; und schon deshalb kann es zu einzelnen Sagen– und Mythenkreisen nicht die stimmige Interpretation geben. Der Autor gibt deshalb auch Hinweise auf Varianten zum Mythos, soweit sie uns bekannt sind.

Das große Buch der griechischen Mythologie von Richard Buxton ist schon Ende 2004 im Theiss Verlag erschienen. Das 256 Seiten umfassende und reich bebilderte Buch kostet 39 Euro 90.

 

Grenzen für die Anderen

Besprechung von : Margot Klee – Grenzen des Imperiums. Leben am römischen Limes, Theiss Verlag 2006, 160 Seiten, € 34,90, ab 1.1.2007: € 39,90

Unbegrenzt schien die Macht des Römischen Imperiums, unbegrenzt war auch der Anspruch seiner Herrscher. Der Dichter Vergil ließ Ende des 1. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung durch den obersten Gott Jupiter den Römern die Aufgabe zukommen, die Welt zu beherrschen. Denn nur die Römer seien in der Lage, Frieden zu schaffen, indem sie Aufsässige unterwerfen und Unterworfene schonen würden. Gewisse Ähnlichkeiten mit heutigen Machtphantasien sind nicht von der Hand zu weisen.

Roms Legionen sicherten die Grenzen, die durch Festungsbauwerke, Erdwälle oder Mauern sichtbar gemacht wurden. Doch sahen die Grenzbefestigungen nicht überall so aus wie am germanischen Limes; dazu waren die Grenzen viel zu lang und die geographischen Verhältnisse viel zu unterschiedlich. Eine Grenzbefestigung im Waldland sieht naturgemäß anders aus als eine am Flußufer oder in der Wüste. Und von diesen sehr verschiedenen Grenzen und Grenzbefestigungen des Römischen Reiches handelt das Buch Grenzen des Imperiums der Archäologin Margot Klee, das dieses Jahr im Theiss Verlag herausgekommen ist. Margot Klee ist Leiterin der römischen Abteilung des Museums Wiesbaden.

Buchcover Klee Grenzen des ImperiumsSo eine Grenze, die nach einer definitorischen Konvention aus dem 19. Jahrhundert limes genannt wird, erfüllte nicht unbedingt militärische Aufgaben. Die Römer benutzten den Begriff limes ohnehin gänzlich anders. Sie bezeichneten zunächst die Schneisen, die aus militärtaktischen Erfordernissen in die Wälder gehauen wurden, als limites, später mit diesem Begriff das Gebiet, wo der römische Einfluß endete; und das konnte auch weit hinter den Sperranlagen gelegen sein. Die Grenzbefestigungen, die wir heute als limes bezeichnen, stellten eher eine Art Demarkationslinie dar, die das römische vom barbarischen Gebiet trennte. Das hinderte römische Armeen, Bauern oder Kaiser nicht daran, das hinter dem Limes liegende Gebiet als zu Rom gehörig zu betrachten.

An der britischen oder germanischen Grenze beispielsweise wurde Wasser mit Aquädukten aus dem hinter der Befestigung gelegenen Gebieten bezogen; Baumaterial wurde aus Steinbrüchen hinter der Grenze gewonnen. Die Grenze war also halboffen. Es war eine deklamatorische Grenze für die Barbaren: "Bis hierher und nicht weiter." Für die Römer als herrschende Macht galt diese Maxime selbstverständlich nicht.

Margot Klee nimmt uns in ihrem reich bebilderten Band mit auf eine Rundreise zu den Grenzen, ihren Befestigungen und dem damit verbundenen Leben. Schon die erste Station dieser Rundreise auf den Britischen Inseln führt zu den ersten erklärungsbedürftigen Rätseln. Die Römer stationierten auf der britischen Hauptinsel zwar mehrere Legionen, aber sie versuchten nicht, neben England auch Schottland vollständig zu unterwerfen. Das lag sicherlich nicht an den mangelnden Fähigkeiten der zur Kampfmaschine gedrillten Armee und auch nicht am fehlenden Willen der Kaiser und Feldherren.

Vielleicht war der Norden Schottlands einfach uninteressant, vielleicht aber betrachteten die Römer Schottland auch als ideales Gebiet für ein ausgedehntes Kampftraining ihrer Truppen. Der Hadrianswall wäre dann eher als ein Bauwerk zu verstehen, daß die nördlichen Barbaren daran hindern sollte, die Wirtschaft des südlichen Teils empfindlich zu stören, während einzelne römische Einheiten immer wieder einmal den Kampf gegen die Barbaren trainieren durften. Wer sich hier bewährt hatte, konnte unbesorgt an anderen Grenzen des Imperiums für Angriffskriege verheizt werden.

Für diese Interpretation des Limes als eine Wirtschaftsgrenze spricht auch der Aufbau der Sperranlagen. Sie dienten der bürokratischen Überwachung des Durchgangsverkehrs und der Erhebung von Zöllen. Nun könnte man und frau sich fragen, wozu der ganze Aufwand von Wällen, Gräben, Mauern, Kastellen und Türmen betrieben wurde, der ja ganz offensichtlich viele Ressourcen gebunden hat. Die drei britischen Legionen wurden zu manchen Zeiten an anderen Stellen des Imperiums durchaus dringender benötigt. Und doch wurde dieses System über die Jahrhunderte nicht wesentlich geändert.

Wenn wir uns jedoch von der postmodern–neoliberalen betriebswirtschaftlichen Logik lösen und das Problem in einer globalen Sicht betrachten, dann ergibt dieser Aufwand durchaus einen Sinn. Zum Drill der Soldaten gehörte nicht nur das Exerzieren, sondern auch das Schanzen, das Ausheben von Lagern, die harte körperliche Arbeit. Nur Soldaten, die jede noch so sinnlos erscheinende Tätigkeit widerspruchslos hinnehmen, sind geeignet, im Krieg jedes noch so sinnlose Blutopfer darzubringen und anzurichten.

Mit dem Sieg des Augustus im römischen Bürgerkrieg des 1. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung wurde die Zahl der Legionen drastisch reduziert. Aus den rund 60 Legionen der sich oftmals bekämpfenden Feldherren blieben 28 übrig, eine Zahl die erst am Ende des 2. Jahrhunderts um zwei erhöht wurde. Das römische Heer umfaßte demnach rund 400.000 bis 500.000 Soldaten und belastete die römische Staatskasse enorm [3]. Dennoch war es in dieser Größenordnung notwendig, um die Grenzen zu sichern, Aufstände im Inneren niederzuschlagen oder Polizeiaufgaben durchzuführen.

Wenn wir bedenken, daß im kleinen Britannien drei Legionen stationiert waren, aber an der rund 4.000 Kilometer langen afrikanischen Grenze zwischen dem Atlantik beim heutigen Mauretanien und dem Nil bei Ägypten nur eine einzige, dann zeigt sich, daß die Organisation des römischen Heeres einer speziellen Effizienzrechnung gehorchte. Es ist klar, daß eine einzelne Legion, selbst mit den zugehörigen Hilfstruppen, ein derartiges Gebiet nicht jahrzehntelang ohne Probleme beherrschen konnte. Die dahinter stehende Logik besagte jedoch nicht, daß Aufstände oder Überfälle total unterbunden oder sofort niedergeschlagen werden mußten. Es konnte durchaus sein, daß die Antwort des Imperiums auf sich warten ließ. Aber sie kam, sie war brutal und sie war tödlich.

Nach der Niederlage des Varus in den Wäldern Germaniens gab Augustus den Plan auf, die Grenzen des römischen Imperiums bis zur Elbe auszudehnen. In den folgenden Jahrzehnten wurde das Gebiet von der Rhein- bis zur Donaumündung nach und nach befestigt, wobei nur ab und zu einzelne Geländegewinne erzielt werden konnten.

Interessant, aber auch einleuchtend ist die strategische Konzentration römischer Legionen im Donaugebiet zwischen dem heutigen Wien und dem heutigen Bulgarien. Ganze zehn Legionen sicherten diese Grenze, die zugegebenermaßen auch einem gewissen Druck ausgesetzt war. Entscheidender war jedoch die geographische Lage. Einzelne dieser zehn Legionen konnten über das effektive römische Straßensystem, aber auch per Schiff schnell an die Front geschickt werden.

Erst als im 3. Jahrhundert mit den Soldatenkaisern wieder häufiger römische Truppen gegeneinander antraten und damit die Grenzen entblößten, konnten die Barbaren immer öfter die Grenzen überwinden und letztlich nicht mehr überwältigt werden. Der Zusammenbruch des Römischen Imperiums geschah nicht, weil die Grenzbefestigungen nicht mehr effektiv waren, sondern weil die Soldaten anderweitig beschäftigt wurden.

Der 160 Seiten umfassende großformatige Band Grenzen des Imperiums von Margot Klee behandelt neben den Grenzen und ihren Bauten auch das Leben am römischen Limes. Die Autorin geht hierbei nicht nur den archäologischen Fragen nach Entstehung, Funktion und Nutzung der einzelnen Grenzbauwerke nach. Sie verrät uns zudem, daß das Leben am Ende der römischen Welt durchaus nicht auf die Annehmlichkeiten der römischen Kultur verzichten mußte. Bäder für die Soldaten, Arenen für die Spiele, Qualitätsgüter für die Bevölkerung gehörten durchaus zur Grundausstattung.

Der Überblick über die einzelnen Regionen – von Britannien über Germanien, den Balkan, die Ostgrenze zu den Parthern und Persern bis hin zur Wüstengrenze in Afrika ist gelungen und ungemein informativ. Daß sich die Autorin zuweilen im Detail verliert, gerät dem Buch nicht zum Nachteil. Die vielen kleinen Details ergeben nämlich auch ein Bild: ein Bild vom Aufbau eines Tausende von Kilometern umfassenden Systems römischer Machtentfaltung. Diverse Übersichtskarten helfen dabei, den Überblick zu wahren.

Grenzen des Imperiums von Margot Klee ist dieses Jahr im Theiss Verlag erschienen; der Band kostet als Einführungspreis bis Jahresende 34 Euro 90.

 

Jüdisches Leben in Polen

Besprechung von : Hersch Mendel – Erinnerungen eines jüdischen Revolutionärs, Neuer ISP Verlag 2004, 278 Seiten, € 19,80

Vor etwa einhundert Jahren sah die politische Landkarte Europas noch vollkommen anders aus. Irland war noch eine Kolonie innerhalb des United Kingdom und mußte sich erst mit Waffengewalt die Unabhängigkeit erkämpfen. Island gehörte – wie heute noch Grönland – zu Dänemark. Finnland war Teil des großen russischen Reiches, das auch Polen und die baltischen Staaten umfaßte. Die österreichisch–ungarische Monarchie und das Osmanische Reich hatten sich jahrhundertelang den Südosten Europas aufgeteilt; und erst seit wenigen Jahrzehnten waren hier unabhängige und zum Teil miteinander rivalisierende Staaten entstanden: Serbien, Bulgarien, Rumänien, Montenegro und Griechenland. Überhaupt verliefen viele Grenzen in Europa anders als heute.

Doch neben den politisch und militärisch gezogenen Staatsgrenzen gab es vor einhundert Jahren auch auf der parteipolitischen Landkarte eine wesentlich größere Vielfalt als heute. Das große russische Zarenreich war im Jahr 1905 von einer ersten Revolution erschüttert worden und konnte sich anschließend gerade noch zwölf Jahre lang als absolutistisches Gebilde halten. Die damalige russische Sozialdemokratie bestand aus mehreren miteinander zum Teil heftigst konkurrierenden Strömungen, die sich teilweise erst kurz vor dem Ersten Weltkrieg auch formal voneinander trennten.

Da gab es die Menschewiki, die auf eine bürgerliche Revolution in Rußland setzten, damit sich der Kapitalismus entwickeln und im Schoße des Kapitalismus das Proletariat heranreifen könne. Dann gab es die Bolschewiki um Lenin, die auf eine Kaderorganisation setzten, um die Macht in Rußland zu ergreifen, wie es dann auch 1917 geschah.

Zwischen beiden Fraktionen agierte eine Gruppe um Trotzki, deren theoretische Konzeptionen sehr weitreichend und oftmals analytisch sehr gut durchdacht waren. Die Positionen, die hier entwickelt wurden, wurden dann in den 20er und 30er Jahren durch Stalin zunächst ausgegrenzt und anschließend physisch vernichtet. Mit Trotzkis Position hatte sich nach der Revolution von 1917 und dem anschließenden Bürgerkrieg eine andere Richtung bemerkbar gemacht, die auf echte Demokratisierung und deshalb nicht auf von oben organisierte Massenbeteiligung setzte.

In Polen war die Situation noch ein wenig verworrener. Hier gab es eine in mehrere Flügel aufgeteilte Sozialdemokratie, die später den reformistischen Anbiederungskurs aller Sozialdemokraten ging und welche die nationale Unabhängigkeit Polens auf die Tagesordnung setzte. Die soziale Frage wurde hierbei oftmals der nationalen Frage untergeordnet; die Ausbeutung durch die polnischen Kapitalisten wurde zugunsten der nationalen Einheit hingenommen. Diese Position ermöglichte es dem ehemaligen Sozialdemokraten Pilsudski, an die Macht zu kommen und in Polen eine Diktatur zu errichten.

Hiervon grenzte sich eine kleine Gruppe um Leo Jogiches und Rosa Luxemburg ab, die sogenannte Sozialdemokratie des Königreichs Polens und Litauens. Diese Gruppe organisierte sich innerhalb der russischen Sozialdemokratie und verfolgte einen gänzlich anderen Kurs als die polnischen Sozialdemokraten. Ihnen war die soziale Frage wichtiger als die nationale Unabhängigkeit, weil nur hierdurch die Proletarier aller russischen Landesteile vereint eine schlagkräftige revolutionäre Basis schaffen konnten. Zurecht stellte Rosa Luxemburg fest, daß die Unterordnung unter nationale Parolen immer die politische Rechte begünstigen würde.

Die Entscheidung polnischer Arbeiterinnen und Arbeiter für die polnische oder die russische Sozialdemokratie war somit letztlich auch eine darüber, ob man oder frau einer großen Familie angehören wollte oder lieber den Dunst der Heimat suchte. Es war somit auch die Wahl zwischen einer kosmopolitischen, weltoffenen Lebensweise und der Unterordnung unter völkische Ideologien und national-kapitalistische Sachzwänge. Für Jüdinnen und Juden war letzteres nicht unbedingt attraktiv.

Und deshalb gab es noch eine weitere, eigentümliche, aber durchaus politisch wichtige und wirksame Organisation – den Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbund, kurz Bund genannt. Einer der Aktivisten dieser Organisation war der Sohn eines Walkers (aus dem Gerbereigewerbe) Hersch Mendel. Dieser, in Warschau 1893 geboren und 1968 in Israel gestorben, erzählt in seinen Erinnerungen eines jüdischen Revolutionärs aus einer Zeit, in der Klassenkampf kein Fremdwort war und Streiks lebensgefährlich sein konnten. Sein Buch erschien 1959 in Israel und wurde zwanzig Jahre später ins Deutsche übersetzt. Vor zwei Jahren erschien eine Neuauflage dieses bemerkenswerten Buchs im kleinen Neuen ISP Verlag.

Jakob Moneta, in den 60er Jahren Chefredakteur der Gewerkschaftszeitung Metall, schreibt in seinem Nachwort zur ersten deutschen Auflage 1979 über diese jüdische Arbeiterorganisation:

Wer weiß schon, daß bereits im Jahre 1896, auf dem Kongreß der Sozialistischen Internationale, die in London tagte, Plechanow als Vertreter der russischen Sozialdemokratie erklärte: »… wir machen unsere westeuropäischen Genossen mit besonderer Genugtuung auf die Erfolge der sozialdemokratischen Propaganda unter den Juden … aufmerksam. … Diese Parias Rußlands, welche nicht einmal im Besitze derjenigen elenden Rechte sind, welche die christlichen Angehörigen des russischen Reiches genießen, haben im Kampfe mit ihren Ausbeutern so viel Ausdauer und Verständnis der sozialpolitischen Aufgaben der modernen Arbeiterbewegung an den Tag gelegt, daß man sie in gewisser Hinsicht als die Avantgarde der Arbeiterarmee Rußlands betrachten kann.«
Der bürgerliche Zionismus fand in der jüdischen Arbeiterschaft keinen Anhang und stellte darum auch keine Konkurrenz zum »Bund« dar. Der vierte Kongreß des »Bund« im Jahre 1901 nannte die zionistische Ideologie ein feindliches, bürgerlich-nationalistisches Mittel, die jüdischen Arbeiter vom Klassenkampf abzulenken, sie von ihren nicht–jüdischen Klassengenossen zu isolieren, um einen bürgerlichen Klassenstaat in Palästina zu errichten. In einem Bericht an die Internationale im August 1904 bezeichnete der Bund den Zionismus als »schlimmsten Feind des organisierten jüdischen Proletariats, das unter der sozialdemokratischen Fahne des Bund kämpft.« [4]

Das Klischee des Juden, der sich nicht wehrt, war schon vor über einhundert Jahren durch die Realität widerlegt. Es ist eine Realität, wie wir sie heute noch in Drittweltländern mit freundlicher Unterstützung von Weltbank, Internationalem Währungsfonds und dem ehemaligen Chef des IWF, Horst Köhler, vorfinden: Wohnungen, die den Namen nicht einmal ansatzweise verdienen. Arbeitsbedingungen, die das Herz jedes neoliberalen Spießers höher schlagen lassen würden. Und der Hunger war überall zu spüren, selbst einfachste Krankheiten konnten tödlich enden.

Hinzu kam ein Repressionsregime, das dafür sorgte, daß die Arbeiterinnen und Arbeiter diese elenden Bedingungen ertrugen und sich nicht wehrten. Auch wenn die damalige Polizei noch nicht über die Datenbestände moderner Behörden verfügte, so wußte sie doch, wo die Aufrührer saßen und wen sie schlagen, foltern, wegschließen oder verschwinden lassen mußte. Dieses bewährte Vorgehen der zaristischen Behörden wurde im nur unwesentlich demokratischeren Polen der Zwischenkriegszeit perfektioniert. Hersch Mendel kann hierüber aus seinen Erinnerungen eine Menge berichten.

 

Aus den Slums heraus

Schon von Kindesbeinen an ist der Autor somit mit dieser Realität konfrontiert. So etwas wie eine heitere Kindheit hat er nicht kennengelernt. Die Wohnverhältnisse sind bedrückend, das Einkommen gering, die Mutter chronisch krank. Für alle Bewohnerinnen und Bewohner des Hauses gab es eine einzige Toilette auf dem Hof direkt neben dem Müllkasten. Der Gestank muß unerträglich gewesen sein, denn für jüdische Arbeiterviertel waren Mindeststandards an Hygiene nicht vorgesehen. Im dritten Stock lag die Wohnung.

Zu unserer Wohnung führte ein langer schmaler Flur. Als ich 1912 verhaftet wurde und man mich ins Warschauer [Gefängnis] mit seinen finsteren langen Korridoren brachte, in denen sogar tagsüber Petroleumlampen brannten, erinnerte ich mich sogleich an den Korridor von Gensza 39.
Wenn man die Tür zu unserer Stube öffnete, konnte man nur schwer entscheiden, was man vor sich hatte: ein Zimmer, eine Küche oder die Fortsetzung des langen finsteren Korridors. Das Zimmer war lang und dunkel. An seinem Ende gab es ein Fenster – einfach ein Loch in der Wand, das offenbar so berechnet war, daß auch kein einziger Lichtstrahl von draußen eindringen konnte.
Das Zimmer hatte links eine Tür, die in ein kleines Stübchen führte; dort war die Werkstatt meines Vaters, aus der man ihn nur selten herauskommen sah. In der Wohnung lebten wir zu sechs Personen: Vater und Mutter, drei Söhne und meine einzige Schwester. Anfangs waren es zehn Kinder, aber sechs sind gestorben. [5]

Buchcover Mendel ErinnerungenDoch 1904 sollte sich die Lage der Familie für eine gewisse Zeit bessern. Dafür verantwortlich war zum einen der russische Krieg gegen Japan und zum anderen der Beginn einer Streikbewegung, welche das ganze russische Reich erfaßt hatte und ein Jahr später in die revolutionären Sowjets von Petersburg und Moskau münden sollten. Zwar hatte Polen nichts mit dem Krieg zu tun, denn der spielte sich in der fernen Mandschurei ab. Doch gegenüber dem Haustor befand sich eine große Kaserne. Deren Soldaten wurden für die Front ausgebildet und benötigten Militärstiefel. Hersch Mendels Vater hatte also genug zu tun und konnte sogar zwei Arbeiter einstellen, die dann auch bis tief in die Nacht schufteten. Dies ermöglichte es der Familie, aus dem Loch in eine angenehmere Wohnung überzusiedeln.

Klingt irgendwie pervers: abgesehen von den Kapitalisten, die in großem Stil daran verdienen, hängen gute Lebensbedingungen davon ab, daß fern der Heimat ein fröhlicher Massenmord stattfindet. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Das bewegte politische Leben des Hersch Mendel beginnt in dieser Zeit. Seine ersten Eindrücke gewerkschaftlicher und politischer Organisierung vermischen sich mit der Suche nach einer eigenen Orientierung. Die Streikbewegung wird 1906 mit brutaler Repression zerschlagen, dann herrschen einige Jahre Friedhofsruhe im Zarenreich. Auch der Familie geht es materiell wieder schlechter; der Krieg gegen Japan war verloren worden. Der junge Hersch muß sich Arbeit suchen, was gar nicht so einfach ist, und er wird Revolutionär.

Nun muß man und frau sich das vielleicht so vorstellen: gerade weil jede gewerkschaftliche und politische Tätigkeit streng verfolgt wurde, geriet jeder Kampf um selbst zur kleinsten Veränderung der miserablen Lebensverhältnisse zur revolutionären Tat. Das Verteilen eines einfachen Flugblatts konnte in Sibirien enden.

Wo schon die Schulbildung alles andere als gut war, darf es nicht verwundern, wenn auch die politische Bildung sehr einfach und oftmals auch verworren war. Zwar versuchte Hersch Mendel, sich Literatur zu verschaffen und verschlang die vorhandene polnische und jüdische Belletristik. Doch war er hier fast schon eine Ausnahme, denn die revolutionären Ideen wurden eher auf Massenversammlungen und durch Mundpropaganda weitergegeben. Und dann reichte das politische Bildungsniveau gerade so weit, wie es der Redner selbst verstanden hatte.

Darüber sollten wir nicht spotten. Denn wenn wir uns die Trash–Bildung deutscher Fernsehanstalten anschauen, dann müssen wir uns ernsthaft fragen, warum beispielsweise die Hessische Landesanstalt für privaten Rundfunk auf einem Symposium im Herbst letzten Jahres gerade die Kommerzsender für ihr gutes Programm über den grünen Klee lobte. Daraus kann ja nur der Schluß gezogen werden, daß eine gute kapitalistische Allgemeinbildung allenfalls das richtige Sozialverhalten vermitteln soll, keinesfalls jedoch den kritischen Umgang mit der Wirklichkeit. [6]

Jedenfalls wurden die Unterschiede zwischen den verschiedenen politischen Richtungen nicht so eng gesehen. Ob jemand Sozialrevolutionär, Anarchist, Bundist oder Bolschwik war, war oftmals eher dem Zufall als einer politischen Verbundenheit geschuldet. Auch Hersch Mendel sympathisierte mal mit den einen, mal mit den anderen. 1911 trat er in den Bund ein.

In den finsteren 20er Jahren des beginnenden Stalinismus fand er zur trotzkistischen Opposition, nachdem er während des Ersten Weltkriegs und dem von ihm begrüßten Beginn der Oktoberrevolution den Anarchisten zugeneigt war.

Seine Schilderung der revolutionären Tage 1917 in Moskau sind schon deshalb ein außergewöhnliches Dokument, weil hierin deutlich wird, wie wenig verankert sowohl Zarismus wie die bürgerliche Gesellschaft waren. Eine kleine, schlecht bewaffnete, aber gut motivierte Truppe reichte aus, um die überkommenen sozialen Zustände auf den Müllhaufen der Geschichte zu werfen. Manchmal hat man oder frau beim Lesen dann eher den Eindruck eines Abenteuers und nicht den einer Revolution. Aber es war eine. Die Wirren des daran anschließenden Bürgerkrieges sind jedoch nur dadurch zu begreifen, daß die hinweggefegten herrschenden Klassen sich nur mit Terror, Krieg und Pogromen zu wehren wußten.

Doch als er in den Wirren des Bürgerkriegs erleben konnte, was Anarchismus in der Praxis bedeutete, nämlich hemmungslose Aneignung fremden Eigentums, weil ja Eigentum Diebstahl war, bekannte er sich zum Kommunismus. Allerdings war auch die trotzkistische Opposition nicht nach seinem Geschmack – es war eine Gruppe ohne Massenbasis und Verankerung bei Arbeiterinnen und Arbeitern.

Das soll nicht heißen, daß Hersch Mendel ein politischer Hallodri war. Im Gegenteil: In seinen Erinnerungen eines jüdischen Revolutionärs schimmert immer ein Ernst hindurch, der davon beseelt ist, tatsächlich den Arbeitenden dieser Welt ein besseres Leben zu ermöglichen. Die vielen Jahre, die er für seine revolutionäre Überzeugung im Gefängnis gesessen hat, legen hierüber ein beredtes Zeugnis ab. Seine Abscheu gegen die verlogene, brutale und tödliche Moral des Stalinismus ist keine Attitüde, sondern aufrichtig.

Diese stalinistische Unmoral zeigte sich insbesondere in Frankreich, wo sich Hersch Mendel in den 30er Jahren zweimal längere Zeit in Paris aufhielt. Nicht nur, daß die Stalinisten den Hitler–Stalin–Pakt begrüßten, es war für den Autor auch klar, daß dies direkt gegen die Jüdinnen und Juden Europas gerichtet war. Und so schreibt er in seinem Nachwort von der schweren moralischen Krise, in die er geriet. Er sagte sich von seiner revolutionären Geschichte los und emigrierte nach Israel, weil nur dort, wie er sich sagte,

sich das jüdische Volk wieder sammeln und damit beginnen [würde], ein neues und freies Leben zu schaffen, in dem die Arbeiter herrschen würden. Darum beschloß [er, sich] den Reihen des proletarischen Zionismus anzuschließen. [7]

Es scheint so, als habe der Autor den inneren Konflikt zwischen Arbeiterbewegung und Judentum, zwischen Assimilation und Eigenständigkeit niemals auflösen können.

Fast ein halbes Jahrhundert eines bewegten politischen Lebens schildert Hersch Mendel in seinem Buch Erinnerungen eines jüdischen Revolutionärs. Manches von dem, was er hierin beschreibt, ist für uns Heutige nur schwer zu verstehen und nachzuvollziehen. Viele Hintergrundinformationen über die Kämpfe der damaligen Zeit werden bei den Leserinnen und Lesern vorausgesetzt; und da helfen auch die sachdienlichen Fußnoten der deutschen Übersetzung nur begrenzt weiter.

So gesehen, erfordern diese Erinnerungen eine Einbindung in einen schon erschlossenen historischen Kontext. Andererseits wird vieles, was abstrakt in Geschichtsbüchern oder politischen Abhandlungen beschrieben wird, durch Hersch Mendels Erinnerungen sinnlich erfahrbar. Vielleicht ist es ein Buch, daß nicht für sich allein gelesen werden kann, jedoch eines, das sehr anschaulich eine Welt erschließt, die wir in Schulen und Fernsehdokumentationen niemals vermittelt erhalten.

Hersch Mendels Erinnerungen eines jüdischen Revolutionärs sind vor zwei Jahren im Neuen ISP Verlag neu aufgelegt worden; das 278 Seiten starke Buch kostet 19 Euro 80.

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte –

heute mit Beiträgen zur antiken griechischen Mythologie, zu den Grenzen des Römischen Imperiums und zu den Erinnerungen eines jüdischen Revolutionärs. Hierzu habe ich drei Bücher näher vorgestellt, und zwar:

Das große Buch der griechischen Mythologie von Richard Buxton, 2005 im Theiss Verlag zum Preis 39 Euro 90 erschienen.

Von Margot Klee der Band Grenzen des Imperiums. Leben am römischen Limes, ebenfalls aus dem Theiss Verlag, bis Ende dieses Jahres zum Einführungspreis von 34 Euro 90.

Schließlich die Erinnerungen eines jüdischen Revolutionärs von Hersch Mendel aus dem Neuen ISP Verlag. Dieses Buch kostet 19 Euro 80.

Diese Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte wird in der Nacht von Montag auf Dienstag um 23.00 Uhr, am Dienstagmorgen voraussichtlich um 8.00 Uhr und noch einmal am Dienstagnachmittag um 14.00 Uhr wiederholt. Das Manuskript zur Sendung gibt es in den nächsten Tagen auf meiner Homepage: www.waltpolitik.de.

Nächste Woche könnt ihr auf diesem Sendeplatz die Sendung Gegen das Vergessen aus der gleichnamigen Redaktion hören. Im Anschluß an die heutige Sendung folgt Äktschn!, eine Sendung der Kulturredaktion von Radio Darmstadt. Am Mikrofon war Walter Kuhl.

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Richard Buxton : Das große Buch der griechischen Mythologie, Seite 18.

[2]   Buxton Seite 129.

[3]   Die Ausgaben für das römische Heer betrugen etwa 70 bis 80 Prozent des Jahresbudgets des Imperium Romanum. Siehe hierzu auch Hans Kloft : Die Wirtschaft des Imperium Romanum, Seite 15.

[4]   Jakob Moneta : Nachwort zur deutschen Ausgabe, in: Hersch Mendel : Erinnerungen eines jüdischen Revolutionärs, Seite 266.

[5]   Mendel Seite 18.

[6]   LPR Hessen (Hg.) : Gutes Fernsehen – Schlechtes Fernsehen. Qualitätsprogramme bei den Privaten. Dokumentation des 22. Hessischen Gesprächsforum Medien der Hessischen Landesanstalt für privaten Rundfunk (LPR Hessen) in Kooperation mit dem Adolf Grimme Institut am 11. Oktober 2005 in Frankfurt am Main [2006].

[7]   Mendel Seite 263.

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 13. Mai 2009 aktualisiert.

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