Nachwuchsband
Nachwuchsband beim Schloß­graben­fest in Darmstadt 2008

Geschichte

Musikalische Aufbrüche

Sendemanuskript

 

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 11. August 2008, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Montag/Dienstag, 11./12. August 2008, 23.10 bis 00.10 Uhr
Dienstag, 12. August 2008, 08.00 bis 09.00 Uhr
Dienstag, 12. August 2008, 16.00 bis 17.00 Uhr

Zusammenfassung:

Das Lebensgefühl der 60er Jahre findet sich im Musikgeschmack und den programmatischen Aussagen der Musiktitel wieder. Der Aufbruch der 68er war eng verknüpft mit seinem musikalischen Ausdruck.

Besprochenes Buch:

Playlist:

 


 

Inhaltsverzeichnis

 


 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

In der folgenden Stunde werde ich mich mit einem kulturrevolutionären Aspekt der 68er Bewegung beschäftigen, nämlich ihrer Musik. Zu ihrer Zeit besaß sie eine gesellschaftliche Sprengkraft. Heutzutage wird dieselbe Musik kommerziell von Oldiesendern verheizt oder mit Nostalgiewert in die Musikberieselung der Formatradios eingebaut.

Wir vermögen es uns kaum vorzustellen, daß so harmlose Liedchen wie die der Beatles vor vierzig Jahren einen durch interessierte Medien vermittelten gesellschaftlichen Aufschrei erzeugen konnten. Heute mag jede und jeder hören, was er oder sie will; allenfalls der eine oder andere HipHop-Song erregt noch die Gemüter. Was damals anders war und weshalb wir gut daran tun, uns daran zu erinnern, erzählt uns Daniel Gäsche in seinem vor kurzem im Militzke Verlag herausgebrachten Buch über Die Musik der 60er Jahre, Musik, die ihr in dieser Stunde dann auch hören werdet. Durch die Sendung führt Walter Kuhl von der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

 

40 Jahre später wird abgerechnet

Die 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts sind längst im kollektiven Gedächtnis versackt. Ihre politische Bewertung unterliegt dem jeweiligen Zeitgeist. Vor zehn Jahren etwa entsprach sie der kurzzeitigen Aufbruchstimmung der rot-grünen Koalition nach sechzehn Jahren Muff der Kohl-Regentschaft. Doch schon bald folgte Ernüchterung. Joschka Fischer und Rudolf Scharping begeisterten sich für einen Krieg gegen Jugoslawien, zu dessem Legitimation ein erfundener Hufeisenplan einer angeblichen Vertreibung der Albanerinnen und Albaner aus dem Kosovo schnell ersonnen war.

Kurz nach der Zerschlagung Jugoslawiens machte sich dieselbe Koalition zum Vorreiter einer auch innenpolitischen sozialen Demontage, vor der selbst Kohls Neoliberale aus Furcht vor Massenprotesten zurückgeschreckt waren. Die Stichworte lauten hier: Niedriglöhne, Hartz IV, Agenda 2010. Doch die Nachfahren der 68er lassen sich nicht alles gefallen; und so sinkt die SPD langsam auf den Stand einer Kleinpartei herab.

Vierzig Jahre nach 1968 wird nicht, wie noch vor zehn Jahren, die Aufbruchstimmung gefeiert. Vielmehr werden einige angeblich negative Utopien hervorgehoben, womit all das denunziert werden soll, was den braven Spießbürger im linken Gewand schon immer gestört hat. Angesichts der grassierenden Unfähigkeit der bürgerlichen Intellektuellen, die gesellschaftlichen Grundlagen einer kapitalistischen Leistungsgesellschaft analytisch zu durchdringen und sich damit auch selbst in Frage zu stellen, wird versucht, auch den letzten Funken Aufbruchstimmung als terroristische Gewalt abzuhandeln.

Der Terror der Ökonomie, der Terrorismus der Langeweile und Perspektivlosigkeit, ganz zu schweigen vom mörderischen Hungerkrieg gegen die Kinder dieser Welt, all dies verschwindet bei dieser ideologischen Abrechnung. Dabei hatten die 68er nur das begonnen, was eigentlich längst hätte vollendet werden müssen.

Vor vierzig Jahren wären die jungen Rebellen niemals auf die Idee gekommen, daß man ihnen vorwerfen könne, eine negative Utopie zu vertreten. Ganz im Gegenteil – sie selbst waren es, die der herrschenden Klasse vorwarfen, die Welt an den Rand des Abgrunds zu führen; so wie Barry McGuire in Eve of Destruction.

 

Die Melodie der Verhältnisse

Von Karl Marx stammt der spannende Gedanke, man und frau müsse den Verhältnissen ihre eigene Melodie vorspielen. In gewisser Weise erfüllt die Musik der 60er Jahre dieses Vermächtnis. In den wenigen Jahren, bevor der kommerzielle Apparat die neuen schrägen Töne weichgespült hatte, sagten und sangen die meist männlichen Musiker, was sie von Kapitalismus, Krieg und der Zurichtung auf profitorientiertes Handeln hielten. Und sie sprachen damit nicht nur den damaligen Revolutionären aus den Herzen, sondern sie drückten das Lebensgefühl von Millionen Männern und Frauen in aller Welt aus.

Auch Musik kann eine Waffe im Klassenkampf oder – allgemeiner – im Kampf um Befreiung sein. Zumindest war dies damals so. Heute dürfte es schwer fallen, eine der Umgarnungsstrategie der Musikindustrie entsprechende Neufassung zu kreieren. Alles, was zu sagen war, wurde schon damals gesagt bzw. besungen. Somit liegt es an uns, das Erbe aufzugreifen.

Die Unterschiede zwischen den Beatles, dem aufrührerischen Song Eve of Destruction und dem eingängigen San Francisco von Scott McKenzie sind erheblich. Und doch drücken diese Songs die unterschiedlichen Facetten des Lebensgefühls der 60er Jahre aus. Während die pilzköpfigen Beatles doch recht schnell in vielen Wohnstuben angekommen waren, drückte Barry McGuire in Eve of Destruction die geradezu apokalyptisch zu nennende Furcht vor Krieg und Zerstörung aus, während Scott McKenzie den Traum von Harmonie und Zuflucht in ein durchaus weltweit verständliches Lied goß. Zumindest für diejenigen, die der englischen Sprache mächtig waren und sich nicht nur von netten Melodien einfangen ließen, sondern die sich auch mit den Texten beschäftigten.

Daniel Gäsche zeigt in seinem Buch Born to be wild aus dem Militzke Verlag auf, daß selbst so seicht klingende Songs wie San Francisco alles andere als Mainstream-Pop waren. Politische Aussagen lagen vielen Songs zugrunde, die wir heute nur noch als Reminiszenz an eine vergangene Zeit mit Werbesprüchen wie Die besten Hits der 60er, 70er und 80er Jahre vorgesetzt bekommen. Doch er wurde als Protesthymne verstanden, wie Scott McKenzie erstaunt feststellen mußte. So erzählten ihm ehemalige politische Gefangene aus Brasilien, sie hätten den Song heimlich bei Kerzenlicht gehört.

Oder We Gotta Get Out of This Place von den Animals. Vielleicht nicht so intendiert entwickelte dieses Lied in Südvietnam ein Eigenleben. Keine Band, die in Saigon oder auf amerikanischen Militärbasen auftrat, kam daran vorbei, genau dieses Lied zu covern. Er drückte das Lebensgefühl gerade der GIs aus, die in diesem für die vietnamesische Bevölkerung mörderischen Krieg verheizt wurden.

 

Göttinnen, Götter und ihre Drogen

So unterschiedlich das Lebensgefühl im einzelnen war, so verschieden war auch der Musikgeschmack der jugendlichen Rebellen. Eine der größten Streitfragen war, ob man oder frau die Beatles oder die Stones hörte. Wobei die Stones für politischer gehalten wurden, als sie tatsächlich waren. Ihre Songs trafen jedenfalls den Nerv der Zeit, auch wenn sie in ihrem Outfit und in ihrem Auftreten bewußt als Gegenstück zu den Beatles konzipiert worden waren.

Schon damals wurden erfolgreiche Bands gemacht. Vielleicht liegt der Unterschied zu den heutigen synthetischen Produkten darin, daß die Musikkonzerne sehr konservativ waren und kaum neuen Tendenzen in der Rockmusik Raum gaben. Hatte sich jedoch eine neue Richtung als erfolgreich erwiesen, etwa die Beatles, schwärmten die Scouts aus, um Bands zu finden, die genauso oder ähnlich klangen. Im Falle der Beatles wurde Liverpool systematisch abgegrast – hieraus entstand als Markenzeichen der Merseybeat.

Buchcover Daniel Gäusche "Born to be wild"Dennoch mußte damals eine Band, die erfolgreich sein wollte, zur rechten Zeit am rechten Ort sein. Die Beatles und später die Stones drückten einen Zeitgeist aus und prägten ihn gleichzeitig. Die Dialektik zwischen jugendlichen Rebellen und ihrem musikalischen Ausdruck ist heute schwer vorzustellen. Weit mehr noch als damals werden uns heute Retortenbands und andere Sternchen vorgesetzt, deren Musik und deren Auftritt von A bis Z vorprogrammiert wird.

Im Gegensatz zur Musik der 60er Jahre, in der nur etwas Neues eine Chance hatte, von diesem jugendlichen Publikum wahrgenommen zu werden, kommt es heute darauf an, daß sich möglichst viele Jugendliche mit dem Plastikprodukt identifizieren können. Daher klingen die Sängerinnen und Sänger mehr oder weniger alle gleich seicht und Coverversionen früherer erfolgreicher Produkte werden gerne in neuem musikalischen Outfit recycelt.

Eine Hymne wie Satisfaction ist deshalb heute undenkbar. So ein Song entsteht nur dann, wenn das gesellschaftliche Bedürfnis hierfür vorhanden ist.

Die Beach Boys galten zunächst als eine junge Westküstenband, die auf Surfmusik festgenagelt schien. Der gerade gespielte Song entstammt ihrem Album Pet Sounds, das als eines der einflußreichsten Alben der Rockgeschichte gilt. Ihre Plattenfirma weigerte sich zunächst, das Album zu veröffentlichen, weil es keine Surfmusik beinhaltete. Statt dessen besangen Brian Wilson und seine Band "Themen wie Kindheit, Verlust der Unschuld, erwachsene Gefühle, Träume, Ängste und Liebe" [1]. Verklemmt, wie Radiostationen schon damals waren, weigerten sich einige US-Sender, den Song zu spielen wegen der Textzeile "say goodnight and stay together". Pet Sounds entstand, weil sich Brian Wilson in den Kopf gesetzt hatte, das größte Rockalbum aller Zeiten zu komponieren.

Schlicht und klassisch ist der folgende Song zu nennen. Janis Joplin will nicht warten, bis sie sich tot geschuftet hat, um das zu bekommen, was den meisten Menschen damals verwehrt war. Eine gewisse materialistische Grundeinstellung ist nicht zu verkennen.

Janis Joplin zählt neben den Beatles, den Stones, Jim Morrison, Jimi Hendrix, Joan Baez und Bob Dylan zu den sieben großen Musikerinnen und Musikern der 60er Jahre. Folgerichtig werden sie von Daniel Gäsche in seinem Buch Born to be wild ausführlicher vorgestellt. Im Gegensatz zum oberflächlichen Abfeiern leicht vergänglicher Sternschnuppen, auch Stars genannt, erfahren wir hier Hintergründe zur politischen und kulturellen Bedeutung der jeweiligen Künstlerinnen und Künstler. So beispielsweise über das von Janis Joplin verkörperte Lebensgefühl Freedom is just another word for nothing left to lose. Nur wer seine Ketten abstreift und nichts mehr zu verlieren hat, ist wirklich frei. Daniel Gäsche charakterisiert Jimi Hendrix, der in Woodstock die US-amerikanische Nationalhymne ein- für allemal zerfetzt hat, mit folgenden Worten:

Ein Musiker, der für die Kritik an der Politik einen musikalischen Weg der Aufklärung fand. [2]

Wie sehr Hendrix geschätzt wurde, mag ein Ausspruch des Led Zeppelin-Musikers Robert Plant belegen:

Ich legte eine Hendrix Platte auf, und mein Sohn fragte mich: "Daddy, wer ist das?" Und ich antwortete ihm: Mein Sohn, das ist Gott! [3]

Zu den sieben genannten Größen zählt auch Jim Morrison, der Sänger der Doors. Seine Texte waren radikal politisch, was bei einem Offizier der US Navy als Vater nicht verwundern muß. Jim Morrison lebte wie Jimi Hendrix und Janis Joplin nach der Devise live fast, love hard, die young; und in dieser existenzialistischen Grundhaltung drückte sich das weit verbreitete Gefühl aus, nicht auf das Paradies warten zu wollen, sondern es sich jetzt zu nehmen.

Drogen gehörten daher unbedingt dazu. Allerdings wäre es falsch, den exzessiven Drogenkonsum auf die 60er Jahre zu datieren. Wer die Biografie von Billie Holiday kennt, weiß, daß gerade in Musikerkreisen illegale Drogen schon Jahrzehnte vorher verbreitet waren; und es ist kaum anzunehmen, daß der Drogenkonsum auf dieses Milieu beschränkt war. Von nicht wenigen Spitzenmanagern oder Politikern ist bekannt, daß sie ohne Alkohol ihr Arbeitspensum nicht erledigen konnten. Eine kapitalistische Leistungsgesellschaft ist ohne die Nutzung legaler wie illegaler Drogen kaum vorstellbar.

Somit ist es wenig verwunderlich, wenn nicht wenige Klassiker der 60er Jahre auf Drogen anspielen. Trotz aller Dementis gehört beispielsweise Lucy in the sky with diamonds von den Beatles dazu. Soziologisch interessanter ist Mother's Little Helper von den Stones, weil hierin das Leben ganz normaler Menschen aus der Arbeiterklasse vorkommt.

 

Mittelschichtskinder und Müllhaufen

Die weißen Mittelschichtskinder in den USA wurden intellektuell vor allem von Joan Baez und Bob Dylan angesprochen. Joan Baez kam aus der Folk-Bewegung und hat ihr politisches Engagement bis heute nicht abgelegt. Der vielleicht einflußreichste Musiker der damaligen Zeit war jedoch Bob Dylan, der mit seinen Texten eine ganze Generation beeinflußt hat. Ihm, der das Singen gewiß nicht erfunden hat, gelang das Kunststück, mit einem Song, der sich jeder Kommerzialisierung für ein gefälliges Mainstream-Radio widersetzte, Maßstäbe zu setzen: Like a Rolling Stone. Weshalb Daniel Gäsche den Begriff rolling stone wörtlich übersetzt, anstatt seine Bedeutung Herumtreiber zu verwenden, bleibt mir angesichts eines ansonsten wohlfundierten Buchs unverständlich.

Es macht die Vielschichtigkeit der damaligen sozialen Prozesse und Proteste aus, daß sich im Sog der großen Sieben auch andere Gruppen und Musiker etablieren konnten. Unter den unzähligen zum Teil vergessenen Namen wären hier The Who, Cat Stevens, Eric Burdon oder Jefferson Airplane zu nennen; nicht zu vergessen die Entwicklung schwarzen Selbstbewußtseins, das sich im Soul etwa einer Aretha Franklin ausdrückt.

Das Lebensgefühl der 60er Jahre rüttelte an den ordnungspolitischen Grundfesten der Metropolengesellschaften. Egal, ob in den USA, in Deutschland, in Frankreich, ja sogar in Polen, überall wurde die sich neu entwickelnde musikalische Sprache verstanden. Sie traf den Nerv der Zeit. Der Muff der Nachkriegsgesellschaft erstickte eine junge Generation, nicht nur in Deutschland; und diese Jugend vertrieb den Spuk. Neben Politik ging es auch um Befreiung von sexuellen Konventionen, wovon insbesondere die männlichen Rebellen profitierten. Eine Befreiung war es dennoch, die zudem nicht ohne bewußtseinsfördernde Drogen vonstatten ging. Wer sich hier ereifert, möge mir erklären, was an benebelnden Drogen wie Nikotin, leistungsfördernden Drogen wie Psychopharmaka oder den Wahnsinn ertränkenden Drogen wie Alkohol denn besser ist.

Daniel Gäsche eröffnet uns eine Sicht auf diese 60er Jahre, die Politik, Musik, Drogen und Sex zusammenbringt, die uns ein Jahrzehnt auf eine Weise erklärt, wie sie das notorisch die Zusammenhänge ausblendende Feuilleton niemals vermitteln kann. Nicht, daß ich mit allem einverstanden wäre. Es gibt Punkte, vor denen der Autor reflexhaft zurückzuckt, etwa wenn er beschreiben soll, weshalb die Aufbruchsstimmung alles andere als gewaltfrei blieb. Dabei zeigt er doch, weshalb Polizeiknüppel bewußtseinserhellend waren und daß die jugendlichen Rebellen bei ihrer Infragestellung der Obrigkeit auch vor der Infragestellung der Polizei nicht haltmachen konnten.

Ein nicht unwichtiges Verdienst seines Buchs ist es, einer neuen Lebenslüge zu widersprechen, wonach der offene Geist der späten 60er Jahre schon vorher in Deutschland zu spüren war. In ausgewählten Interviews wird noch einmal deutlich, wie verklemmt, wie spießig, wie konformistisch, wie autoritär und wie unduldsam das gerade seiner Nazis entledigte Deutschland bis in die 70er Jahre hinein gewesen ist. Man und frau muß dabei gewesen sein, um zu verstehen, welche Provokation der jugendliche Aufruhr für die braven schaffenden Häuslebauer gewesen ist.

Nun ist bislang jede Gesellschaft, welche die alte auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen hat, durch Gewalt entstanden. Gewalt ist demnach kein Exzeß, sondern eine historische Realität. Das Alte, Reaktionäre geht niemals freiwillig und die Emanzipation von Ausbeutung und Unterdrückung erreicht uns nicht auf dem Silbertablett. Anstatt also die fortschreitende Rebellion zu beklagen, wäre eher zu fragen, weshalb sie nicht organisiert und erfolgreich verlaufen ist. Dabei läßt der Autor durchaus durchblicken, wie sehr er mit den jugendlichen Rebellen auch heute noch sympathisiert. Nur so ist es ja überhaupt möglich, eine angemessene historische Aufarbeitung der jüngeren Zeitgeschichte zu erstellen. Denn wer keinen eigenen Standpunkt bezieht, bezieht immer den Standpunkt der herrschenden Klasse.

Insofern ist Gäsches Buch ein Lichtblick in einer Zeit, in der die 68er teilweise zu marodierenden Horden umgedeutet werden, was sie gewiß nicht waren. Sein Buch fängt den Zeitgeist der 60er Jahre ein. Allerdings waren schon damals die Herrschenden und ihre willfährigen Medien schnell mit ziemlich drastischen Vergleichen und Beschreibungen bei der Hand. Und wer weiß schon noch, daß Deutschlands Schlagerliebling Freddy Quinn artig die Ängste, Vorurteile und Bosheiten des deutschen Spießers bediente?

Wer will nicht mit den Gammlern verwechselt werden? WIR!
Wer bleibt nicht ewig die lautstarke Meute? IHR! [4]

Wir sind das Volk!

Ach so, nein, das war ja drei Jahrzehnte vorher. Beziehungsweise: das kam ja erst zwei Jahrzehnte später. Aber es ist dasselbe Gedankengut. Apropos, wir sind das Volk – Daniel Gäsche rundet seine Darstellung mit einem eigenen interessanten Kapitel über die Aufbruchsstimmung und seine musikalischen Ausdrucksformen in der DDR der 60er Jahre ab.

 

Heidschi

Der Verweis auf Freddy Quinn deutet es an. Das Deutschland der 60er Jahre war auch musikalisch ein Born des unbändigen Spießertums. Roy Black, Rex Gildo oder Manuela hießen die festen Größen der Hitparaden. Sie traten im Fernsehen auf und waren im Radio zu hören, und sie vermittelten den durch die jugendliche Rebellion verunsicherten Wirtschaftswundergläubigen die notwendige heile Welt.

Die stark verunsicherte Elterngeneration suchte nach Halt im Alltagsleben. Normen und Verhaltensmuster sollten hierbei helfen. Aus diesem Grund erlebten so genannte Anstandsbücher in den fünfziger Jahren einen regelrechten Boom. Ein Beispiel dafür ist der Erfolg, den Erica Pappritz, ehemalige stellvertretende Protokollchefin im Auswärtigen Amt in der Adenauer-Ära und später Legationsrätin, mit ihrem Buch »Etikette« hatte. Das Buch erschien 1956 zum Preis von 26 Deutschen Mark und galt als »Bibel der guten Sitten«, indem es Benimmregeln bis ins kleinste Detail vorgab. Neben Regeln für gutes Benehmen und passende Kleidung (Pappritz sprach sich hier gegen die lange Unterhose für Männer aus), reichte es sogar soweit, dass vorgeschrieben wurde, in welcher Häufigkeit die Toilettenspülung zu betätigen sei. [5]

Der Liebling dieser Generation war Heintje. Wenn wir über 1968 reden, dann müssen wir auch über den ungebrochen wirksamen Mainstream reden. Von den 24 Notierungen der Nummer Eins-Hits entfielen einer auf Peter Alexander und fünf auf den Lieblingssohn Heintje, davon vier Mal auf Heidschi Bumbeidschi bum bum, womit die Trashkultur dieses Jahrhunderts schon vorweggenommen wurde.

Daniel Gäsche weist jedoch zurecht darauf hin, daß der kulturrevolutionäre Einfluß der Musik aus den USA und England auch nach Deutschland reichte. Der englische Radiomoderator John Peel soll für diese deutsche Eigenentwicklung den Begriff Krautrock geprägt haben – zu nennen wären hier Amon Düül, Can, Embryo, Guru Guru oder Tangerine Dream. Daneben entwickelte sich analog zur politischen Folk-Bewegung in den USA eine deutsche Liedermacherszene, für die hier stellvertretend die Namen Franz-Josef Degenhardt, Dieter Süverkrüp und Hanns-Dieter Hüsch zu nennen wären. Die Erben dieser deutschen Musikszene sind die Scherben. Und dieses Lied [6] hat damals jede und jeder verstanden.

 

Die Musik unserer Eltern und Kinder

Wir leben in der paradoxen Situation, daß die 68er Lokalradios wie dieses gestürmt und für ihre Zwecke genutzt hätten, hätte es sie damals gegeben, heute jedoch diese Radios existieren, dabei aber die radikaleren politischen Nischen kaum davon Notiz nehmen, geschweige denn, sie auch als Gegenöffentlichkeit nutzen. So ist es kein Wunder, wenn sich hier der Mainstream versammelt und daher auch Mainstream verbreitet, und das nicht nur musikalisch. Gesellschaftlich ist das sicherlich nützlich, denn so zeigt sich, was die Mitte der Gesellschaft so im Kopf hat. Befreiendes, Neues finden wir hier hingegen schon lange nicht mehr.

Wenn es gesellschaftliche Aufbrüche gibt, dann gehen sie in der Regel von Jugendlichen aus, die noch nicht resigniert haben, die noch etwas vom Leben erwarten, und vor allem: die sich nicht alles, was ihnen als unverständlich, korrupt und verlogen gilt, gefallen lassen. In den 60er Jahren war dies durchaus weit verbreitetes Allgemeingut. Die Parole, kaputt zu machen, was eine oder einen kaputt macht, war verständlich und fiel auf fruchtbaren Boden. Damals war klar, wo der Feind stand.

Heute wird uns Freiheit überall angepriesen; und die damit verbundene Repression ist so subtil, daß man und frau schon genau hinschauen muß. Zudem sorgt der Druck der von 13 auf 12 Jahre verkürzten Schulzeit ausreichend dafür, daß die Kids von heute weniger Zeit für Flausen im Kopf haben und sich statt dessen zielgerichtet auf die nächste Dressur – ich meine hier: Klausur oder Prüfung – vorbereiten. Passend hierzu darf die Musik nicht zu anstrengend sein, sie muß eingängig Spaß zu verbreiten helfen, wo das Leben doch schon ernst und traurig genug ist. Nur durch diese Form fremdbestimmter Autosuggestion ist es möglich, gezielt Leistung zu erbringen, von Event zu Event zu hasten, um ja nichts zu verpassen, und dann ungezielt abzuhängen. So entstehen die Spießbürger von morgen.

Auch die USA hatten ihre Weichspüler, die auf der Welle mitschwammen, beispielsweise die Bee Gees. Es wäre vielleicht interessant sich vorzustellen, wie dieses nichtkommerzielle Lokalradio vor vierzig Jahren hätte klingen können. Es wäre sicherlich ein politisches gewesen, mit Musik weit entfernt von den heutigen Weichspülern und Sternchenhypes.

Seitdem die 68er Musik kommerziell vereinnahmt wurde, hat es durchaus kreative Neuerungen gegeben. Sie alle jedoch entfalten wenig kulturrevolutionäres Potential. Mitte der 70er Jahre entstand die rebellische Nischenkultur des Punk, die jedoch weitgehend, wie überhaupt im Musikbusiness, eine männliche, ja geradezu mackerhafte Kultur ist. Ableger hieraus verwandelten das Rebellische des Punk zum braven einschmeichelnden Elektropop des New Wave der 80er Jahre.

Die Beschäftigung mit elektronischer Musik führte zur Technokultur mit all ihren verschiedenen Ablegern, die gerne von weißen, mehr oder weniger saturierten Mittelschichts-Kids konsumiert wird. Unverständlich ist mir, weshalb gerade diese doch sehr monotonen, technisch frisierten Klangkörper eine solche Anziehungskraft entwickeln konnten. Sie sind irgendwie so langweilig wie viele Aspekte dieser Gesellschaft, die sich nur durch ein Event nach dem anderen vorgaukeln kann, lebendig zu sein. Dabei ist sie tot – so tot wie die Millionen Kinder, die Jahr für Jahr den Preis des Erfolgsmodells Kapitalismus zahlen.

Aus einem ganz anderen gesellschaftlichen Segment entstand der Rap bzw. HipHop. Es ist die Musik der Marginalisierten, vor allen der von der deutschen Reinheitskultur nicht akzeptierten Migrantinnen und Migranten. Es handelt sich auch hier um eine weitgehend männliche Musikrichtung; Frauen kommen hier in der Regel nur im Schlampendiskurs vor.

Daniel Gäsche fragt in seinem Buch Born to be wild abschließend, ob es trotz totaler Durchkommerzialisierung heute noch eine Musikrichtung gibt, die das Erbe von '68 antreten könnte.

Interessant ist die Frage, ob es heute, vier Jahrzehnte nach dem Soundtrack der 68er, eine mit der damaligen Jugendkultur vergleichbare Musik gibt, die ein ganz »spezielles Lebensgefühl« ausdrückt, durch das sich Anhänger dieser Musik abgrenzen? Man wird unweigerlich bei der Suche auf das »Phänomen« HipHop stoßen. Hier findet man zahlreiche Gemeinsamkeiten und Übereinstimmungen mit den Vertretern der ehemaligen »Hippiebewegung«. Der HipHop geht musikalisch neue Wege, ist Ausdruck einer jungen Generation, so wie es auch die Hippies waren. Es geht vielen in der HipHop Bewegung um Redefreiheit, künstlerische Freiheit und soziale Freiheit – das hat viel mit dem zu tun, wofür sich Hippies und Protestierende der »68er-Bewegung« zu ihrer Zeit eingesetzt haben.

Und weiter, immer noch in Bezug auf HipHop und in Abgrenzung zur total durchkommerzialisierten Popmusik:

Diejenigen die also heute ihre Kinder dafür rügen, welche Musik sie hören, sollten zunächst für einen Moment innehalten und darüber nachdenken, wie provozierend und gefährlich die Musik der 1960er Jahre auf die eigenen Eltern gewirkt haben muss. [7]

Auch wenn der Hinweis auf die Elterngeneration und der Vergleich zwischen Hippies und HipHoppern richtig ist, gibt es einen gravierenden Unterschied: die Hippies träumten von einer solidarischen Welt des Friedens und eines Umgangs miteinander, der sich an anderen Werten orientierte, als sie im Kapitalismus als erstrebenswert gelten, also Leistung, Konkurrenzdenken, Geld und Profit. Die Songs der HipHopper lassen hiervon wenig erkennen.

Die sogenannten Battles zwischen den meist männlichen Protagonisten zeigen eher die unreflektierte Übernahme der leistungsorientierten Werte einer Gesellschaft, aus der diese Jugendlichen meist ausgegrenzt sind. Selbst im rebellischen Diskurs ist Konkurrenz um Anerkennung und Würde vorherrschend. Wirkliche gesellschaftliche Sprengkraft könnte eine solche Musik nur dann entwickeln, wenn sie sich freimachen würde von männlicher Egozentrik. Aber daran ist ja auch schon der Aufbruch der 68er trotz vielfältiger feministischer Einflüsse gescheitert.

Wenn heutzutage attac und die Linkspartei das radikalste sind, was man und frau sich vorstellen kann, wenn die radikalste politische Aussage also darin besteht, wie können wir das Übel des Kapitalismus lindern anstatt es abzuschaffen, dann kann sich das damit verbundene Lebensgefühl musikalisch auch nur darin ausdrücken, sich Nischen zu suchen, bei denen man und frau sich der Illusion hingeben kann, anders als die anderen zu sein.

Natürlich ist es falsch, die 68er Bewegung als gesellschaftskritische Massenbewegung zu verklären. Es ist schon etwas dran an dem Spruch einer kleinen radikalen Minderheit. Aber es war eine Minderheit mit einer derart ungeheuren Ausstrahlungskraft, daß sie selbst nach vierzig Jahren kommerzieller Vermarktung immer noch totgeredet werden muß. In diesem freien Radio, das ihr gerade hört, werden die Songs dieser Zeit genauso gedankenlos dahergedudelt wie in jedem Mainstream-Programm – und damit entpolitisiert.

Daß diese Musik einmal etwas ganz anderes bedeutet hat, zeigt Daniel Gäsche in seinem Buch Born to be wild über Die 68er und die Musik. Es lohnt sich durchaus, sich hiermit auseinanderzusetzen.

Wir sind im 21. Jahrhundert

so schreibt er

wieder an einem Punkt angekommen, an dem sich vieles für die Zukunft entscheiden wird: Instabilität im Nahen Osten, Klimawandel, internationaler Terrorismus – globale Probleme, die jeden betreffen. Man kann versuchen, sich ihnen durch Ignoranz und Abschirmung zu entziehen oder aber die Dinge kritisch hinterfragen und die Sensoren ausfahren. Gerade in unsicheren Zeiten, kann Musik zu einem wichtigen Anker werden und als Kunstform mutig und entschlossen die wichtigsten Probleme gezielt ansprechen. [8]

Und dann zitiert er Joan Baez:

Der beste PR-Agent, den ich jemals hatte, heißt George W. Bush. [9]

Born to be wild von Daniel Gäsche ist vor kurzem im Militzke Verlag zum Preis von 24 Euro 90 erschienen.

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte

In der vergangenen Stunde hörtet ihr eine Sendung über die Musik der 60er Jahre. Ich danke der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt für ihre Unterstützung bei der Produktion dieser Sendung. Diese wird übrigens wiederholt, und zwar in der Nacht von Montag auf Dienstag nach den Deutschlandfunk-Nachrichten gegen 23 Uhr 10. Und dann noch einmal am Dienstag um 8 Uhr und wahrscheinlich um 14 Uhr. Das Manuskript zu dieser Sendung kann in den nächsten Tagen auf meiner Webseite nachgelesen werden: www.waltpolitik.de. Im Anschluß folgt eine Sendung der Kulturredaktion von Radio Darmstadt. Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte bei Radio Darmstadt war Walter Kuhl von der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

 

ANMERKUNGEN

 

Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

 

»» [1]   Daniel Gäsche : Born To Be Wild, Seite 206.

»» [2]   Gäsche Seite 238.

»» [3]   Gäsche Seite 240.

»» [4]   Zitiert nach Gäsche Seite 89.

»» [5]   Gäsche Seite 92.

»» [6]   Keine Macht für niemand.

»» [7]   Gäsche Seite 319–320.

»» [8]   Gäsche Seite 318.

»» [9]   Gäsche Seite 318.

 


 

Diese Seite wurde zuletzt am 28. August 2008 aktualisiert. Links auf andere Websites bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2008. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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