Geschichte

Interpretationen

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
Sendung :
Geschichte
Interpretationen
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Montag, 29. März 2004, 17.00–18.00 Uhr
 
wiederholt am :
Montag, 29. März 2004, 23.10–00.10 Uhr
Dienstag, 30. März 2004, 08.00–09.00 Uhr
Dienstag, 30. März 2004, 14.00–15.00 Uhr
 
 
Besprochene und benutzte Bücher :
  • »» Roger L. Nichols : Geschichte der Indianer in den Vereinigten Staaten und Kanda, Athenaion
  • »» Gazi Çağlar : Die Türkei zwischen Orient und Okzident, Unrast Verlag
  • »» Roberto Cassanelli, Eduard Carbonell und Tania Velmans (Hg.) : Das Zeitalter der Renaissance, Theiss Verlag
  • »» Wolfram Martini : Sachwörterbuch der Klassischen Archäologie
 
 
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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung
Kapitel 2 : Keine edlen Wilden im Einklang mit der Natur
Kapitel 3 : Die Zivilgesellschaft als Arena des Klassenkampfes
Kapitel 4 : Kulturgeschichte des Mittelmeerraumes
Kapitel 5 : Klassisches Nachschlagewerk
Kapitel 6 : Verständnislosigkeit
Kapitel 7 : Ein Blick hinter den Referenten
Kapitel 8 : Schluß
Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

Wer sich mit Geschichte und Archäologie beschäftigt, findet nicht nur harte Fakten vor. Oftmals erschließen sich bestimmte Zusammenhänge nur durch die Interpretation der Funde oder der Schriftquellen. Unsere Vorfahren haben uns nicht nur Bauten hinterlassen; oft haben sie sich etwas dabei gedacht. Dies ist umso eher der Fall, je klarer es sich um repräsentative Bauten der herrschenden Klasse handelt. Kunst hat immer etwas mit Ideologie zu tun; und im künstlerischen Ausdruck findet sich meist ein bestimmter Zeitgeist (oder auch verschiedene im Widerspruch stehende Auffassungen) wieder.

Daher möchte ich heute vier Bücher vorstellen, die sich mit Interpretationen befassen. Da wäre zum einen Die Geschichte der Indianer in den Vereinigten Staaten und Kanada von Roger L. Nichols. Seine Forschungen werfen ein neues Licht auf die Vertreibungs– und Vernichtungspolitik der europäischen Kolonisatoren und Eroberer. Der Politik–, Geschichts– und Religionswissenschaftler Gazi Çağlar befaßt sich in seinem Buch Die Türkei zwischen Orient und Okzident mit der Frage, ob das Erbe des Osmanischen Reiches für die starren Strukturen der türkischen Gesellschaft verantwortlich ist. Roberto Cassanelli, Eduard Carbonell und Tania Velmans sind als Herausgeberin und Herausgeber eines Bandes über Das Zeitalter der Renaissance der Frage nachgegangen, inwieweit diese Renaissance ein Produkt der kulturellen Entwicklung des gesamten Mittelmeerraumes gewesen ist. Und von Wolfram Martini stammt das Sachwörterbuch der Klassischen Archäologie.

Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt ist Walter Kuhl.

 

Keine edlen Wilden im Einklang mit der Natur

Besprechung von : Roger L. Nichols – Geschichte der Indianer in den Vereinigten Staaten und Kanada, Athenaion 2002

Als die europäischen Eroberer und Kolonisatoren Anfang des 16. Jahrhunderts das amerikanische Festland betraten, lebten dort mehrere Millionen Menschen, die noch weitgehend der Steinzeit verhaftet waren. Daher war es kein Wunder, wenn eine relativ geringe Anzahl waffenmäßig überlegener Europäer weitaus größere indianische Kriegertruppen besiegen konnten. Dennoch war es kein geradeliniger Prozeß. Oftmals starben auch die europäischen Kolonisatoren durch Hunger und die von ihnen mitgeschleppten Krankheiten; und ihre Unfähigkeit kompensierte oftmals ihre materielle Überlegenheit.

Der in Arizona lehrende Historiker Roger Nichols zeichnet in seinem informativen Buch über die Geschichte der Indianer in den Vereinigten Staaten und Kanada ein differenziertes Bild der Ereignisse. Ihm fehlt das Pathos vom verlorenen Kampf der Guten gegen die Bösen; obwohl er klar und eindeutig die kriminellen Machenschaften der europäischen Siedler herausstellt. Jedenfalls ist ihm der verklärende Blick auf den edlen Wilden fremd. Denn die amerikanischen Ureinwohner lebten nicht in einer friedlichen Urgesellschaft, die sich in Harmonie miteinander und ihrer natürlichen Umwelt befand. Derart absurde Vorstellungen sind allenfalls etwas für weltfremde und esoterische Metropolenkids.

Im Gegenteil – Kriege, Eroberungen, Unterwerfung, Raub und Mord prägten auch ihr Leben, schon bevor die Europäer den Kontinent erreichten. Dies ist neben der waffentechnischen Überlegenheit und den dezimierenden Krankheiten ein weiterer wichtiger Grund, warum die amerikanische Urbevölkerung den Europäern letztlich nichts entgegensetzen konnte. Als die Europäer noch schwach waren, versuchten manchen Stämme und Häuptlinge, sich die europäischen Ankömmlinge nutzbar zu machen, um ihre Feinde zu besiegen. Doch der Schuß ging im wahrsten Sinne des Wortes nach hinten los.

Die Europäer machten sich diese Uneinigkeit zunutze. Hinzu kam, daß sie, wie man und frau heute so schön sagen würde, den Indianern mental überlegen waren. Dies ist nicht im Sinne von Intelligenz oder natürlichen Erbanlagen zu verstehen, sondern als kompromißlose Struktur von Denken und Handeln, das nur auf den eigenen Profit ausgerichtet war. Dabei ist es nicht so, daß die Bewohnerinnen und Bewohner Amerikas genügsame Jägerinnen und Sammler waren. Im Gegenteil – es ist ein Mythos, daß die Europäer den Bewohnerinnen und Bewohnern des Landes den Ackerbau nahebringen mußten. Auch war eine rudimentäre Form des Warenaustauschs entwickelt worden, wenngleich dies offiziell meist als Austausch von Geschenken deklariert war. Und nicht zuletzt handelte es sich um patriarchale Gesellschaften. Wenn Frauen in diesen Gesellschaften etwas mehr zu sagen hatten, dann war dies die Ausnahme, nicht die Regel. Das Patriarchat war demnach schon voll entwickelt.

Bei den europäischen Eroberern ist festzuhalten, daß sie sich in ihrem Vorgehen stark unterschieden. Die Spanier legten keinen Wert auf friedliche Beziehungen; sie kamen, um zu erobern. Entsprechend erbittert war der Widerstand der Urbevölkerung. Die Franzosen am Sankt–Lorenz–Strom waren immer in der Minderheit, was sie zu vorsichtigen diplomatischen Manövern verleitete. Sie integrierten die indianischen Stämme durch den Handel und veränderten hierdurch deren Lebensgrundlage. Statt sich um die Jagd nach Lebensmitteln zu kümmern, rotteten diese alle pelztragenden Tiere ihrer Umgebung aus und waren somit gezwungen, ihre Jagdgründe immer weiter nach Westen zu verlegen. Die Engländer wiederum und anfänglich auch die Holländer kamen als Siedler und spielten die Indianer gegeneinander aus, um immer mehr Land an sich zu reißen. Sie kamen in friedlicher Absicht, solange sie wenige waren, und brandschatzten und mordeten, wenn sie die Indianer durch Krankheiten und Fehden dezimiert hatten.

Roger Nichols beschreibt diesen Prozeß der langsamen, aber stetigen Landnahme der europäischen Eroberer. Er veranschaulicht die Veränderungen, die dieser Prozeß auf die indianischen Gemeinschaften hatte, und zeigt, daß die Integration in den von Europäern beherrschten Handel einigen wenigen Stämmen ein wenig Reichtum, den meisten jedoch Verderben gebracht hat. Weiterhin betrachtet er die Kolonisationspolitik auch als ideologische Durchdringung der indianischen Gemeinschaften. Die Vermittlung der christilichen Religion und das Einrichten von Schulen sollte ganz bewußt den Zusammenhalt der Indianer zerstören. Diese ideologische Durchdringung prägt die Siedlungsgeschichte bis heute. Ende des 19. Jahrhunderts befürchteten einige es gut meinende US–Amerikanerinnen und –Amerikaner, daß es Ende des 20. Jahrhunderts keine Urbevölkerung mehr geben werde. Doch die indianischen Gemeinschaften erholten sich; sie paßten sich entweder an oder behielten ihre Identität im Widerspruch zu den alltäglichen Schikanen. Die lange Prosperitätsperiode nach dem 2. Weltkrieg kam auch ihnen irgendwie zugute. Vor allem in Kanada, wo der Siedlungsdruck nicht ganz so stark war, haben sich die Indianerinnen und Indianer ein gewisses Maß an Autonomie erstritten.

Festzuhalten ist jedoch, daß das, was wir als indianisch betrachten, nichts mit dem zu tun hat, wie die Urbevölkerung vor dem Eintreffen der Europäer gelebt, gedacht und gehandelt hat. Selbst die angeblich ursprünglichen religiösen Vorstellungen der heutigen Indianer sind fast durchweg als Anpassungsprozeß an den ungeheuren Druck der europäischen Siedler zu begreifen. Es gibt hier keinen eigenständigen Bezugspunkt für Traditionen oder Träumereien. Das, was die indianischen Gemeinschaften heute ausmacht, ist Folge von 500 Jahren Kolonisation, Raub, Plünderung und psychologischer Kriegsführung. Und es ist zu befürchten, daß die neoliberale Welle auch die wenigen Zugeständnisse an und Errungenschaften der indianischen Gemeinschaften aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zunichte machen wird. Das gilt für die USA genauso wie für Kanada. Angesichts dessen, daß die Indianer in Kanada rund 2,5% der Bevölkerung ausmachen, in den USA weniger als 1%, ist es unwahrscheinlich, daß es hier große Veränderungen geben wird. Die Indianer leben am Rande der jeweiligen Mehrheitsgesellschaften; und es wäre ein Wunder, wenn sich daran etwas ändert.

Roger Nichols hat mit seiner Geschichte der Indianer in den Vereinigten Staaten und Kanada eine präzise Analyse vorgelegt. Der einzige Schwachpunkt seiner Ausführungen ist, daß er gewisse katastrophale Bestandteile der Indianerpolitik der Unfähigkeit von Beamten und Politikern zuschreibt, mit der Situation angemessen umzugehen. Nun ist es sicher so, daß das Wesensmerkmal eines Bürokraten die Unfähigkeit ist; aber sie ist strukturell bedingt, weil es gar nicht darum geht, den Opfern dieser bürokratischen Politik eine eigene lebenswerte Perspektive zu eröffnen. Die Siedlungspolitik ist so gesehen seit 500 Jahren konsequent, konsistent und eindeutig, selbst in den Momenten, wo verschiedene Fraktionen der Siedler oder der aufkommenden Bourgeoisie sich widersprechende Vorstellungen entwickelt haben. Das Ziel aller Fraktionen war jedoch immer dasselbe: paternalistische Bevormundung, Raub von Land und Ressourcen und Zurückdrängen der einheimischen indigenen Bevölkerung. Dies hat Roger Nichols noch einmal sehr plastisch herausgearbeitet.

Seine 480 Seiten starke Geschichte der Indianer in den Vereinigten Staaten und Kanada ist 2002 bei Athenaion erschienen und schon aufgrund seiner differenzierten Sichtweise unbedingt lesenswert.

 

Die Zivilgesellschaft als Arena des Klassenkampfes

Besprechung von : Gazi Çağlar – Die Türkei zwischen Orient und Okzident, Unrast Verlag 2003, 16 Euro

Wer die Beitrittsverhandlungen zwischen der Türkei und der Europäischen Union verfolgt, wird schnell mit der Aussage konfrontiert, daß hier die westlichen pluralistischen Zivilgesellschaften auf eine orientale bürokratische Staatsstruktur stoßen sollen. Daß dies nicht stimmt, belegt der Politik–, Geschichts– und Religionswissenschaftler Gazi Çağlar in seiner Untersuchung Die Türkei zwischen Orient und Okzident.

Er zeigt, daß nicht nur die moderne Türkei, sondern schon das vorangehende Osmanische Reich Elemente zivilgesellschaftlicher Organisierung aufgewiesen haben. Er widerlegt zudem die Vorstellung, daß der in Istanbul residierende Sultan alle Fäden der Macht in seinen Händen gehalten habe. Das feudale osmanische Regime war eine Klassengesellschaft, das eher den europäischen Feudalismen entsprochen hat als einer absoluten Herrschaft. Dieser Feudalismus war eine Klassengesellschaft; und auch der Sultan war den Interessen seiner Grundbesitzerklasse verpflichtet.

Doch zunächst fragt er: was ist eigentlich diese vielzitierte Zivilgesellschaft? Dies ist ihm auch deshalb wichtig, weil sich in der Türkei selbst ein Diskurs um die Zivilgesellschaft entwickelt, dem jedoch eine klare Definition seines Untersuchungsgegenstandes abhanden gekommen ist. Deutlich wird in dieser innertürkischen Debatte jedoch, daß es nicht so sehr um eine Demokratisierung der Gesellschaft geht, die den meisten in der Türkei (und in Kurdistan) lebenden Menschen zugute käme. Zivilgesellschaft meint hier vor allem: eine politische Demokratie, welche den Markt gegenüber dem bürokratischen Staat stärkt. Dieses Verständnis von Zivilgesellschaft ist also durch und durch neoliberal bestimmt. Gazi Çağlar vermißt daher das entscheidende Kriterium der Analyse – nämliche eine Analyse der Klassengesellschaft und der damit verbundenen Interessen.

Çağlar bezieht sich hierbei auf den italienischen Kommunisten Antonio Gramsci, der in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts in den Knästen Mussolinis eine theoretische Aufarbeitung des Verhältnisses von Ökonomie, Staat und Gesellschaft herausgearbeitet hat. Gramscis Beitrag zum Marxismus besteht nun darin, das Verhältnis zwischen Basis und Überbau genauer bestimmt zu haben. Insbesondere ging es ihm darum herauszufinden, wie eine herrschende Klasse ihre Macht mit und gegen die Gesellschaft, durch Repression und durch Integration sichern kann. Gazi Çağlar faßt dies so zusammen:

Der komplexe Begriff der Zivilgesellschaft bei Gramsci [...] bezeichnet also den Ort der Entstehung der hegemonie einerseits und der Erzeugung des aktiven Konsenses der Beherrschten andererseits. Eine solche Bestimmung geht über eine bloße [Gegenüberstellung] von Staat [gegen] Zivilgesellschaft hinaus und interessiert sich für das widersprüchliche Verhältnis der Trennung und Verbindung zwischen den Sphären »Zivilgesellschaft« und »Staat« in ihren jeweiligen Verschränkungen mit der Ökonomie. Die Zivilgesellschaft bezeichnet hier nichts Zukünftiges, sondern ist [grundlegend] für den Bestand des Staates. Sie ist also nicht Ort von Freiheit und Demokratie im Gegensatz zum Staat als Gewalt– und Zwangsapparat. [1]

Dieses Verständnis von Zivilgesellschaft räumt auf mit den Illusionen von weniger Staat und mehr Markt als demokratiefördernder Medizin. Im Gegenteil: die Zivilgesellschaft wird so als Teil des kapitalistischen Ganzen gesehen, in der sowohl die herrschende wie die beherrschte Klasse ihre jeweiligen Konflikte austragen. Übertragen auf die Türkei heißt dies, danach zu schauen, wo die so verstandenen Elemente der Zivilgesellschaft zu finden sind. Und – siehe da! – auf einmal wird deutlich, daß nicht nur der türkische, sondern auch der osmanische Staat einen zivilgesellschaftlichen Konfliktregulierungsmechanismus ausgebildet haben. Nebenbei erhalten wir einen interpretatorischen Ansatz, den Gazi Çağlar dazu benutzt, um uns die Geschichte des Osmanischen Reiches und des türkischen Staates nahezubringen. Dieser Geschichtsunterricht verrät uns mehr über ein Land als es die Vorstellungen einer verkrusteten islamischen oder orientalischen Gesellschaft vermitteln könnten. Schon allein dies macht das Buch lesenswert.

Mich persönlich hat zwar der dauernde Bezug auf die Schriften Antonio Gramscis etwas genervt, aber andererseits bemüht sich der Autor hierdurch, ein nachvollziehbares Verständnis der Struktur und der Funktionsweise des modernen türkischen Staates zu entwickeln. Zivilgesellschaft findet also jetzt schon statt. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese Zivilgesellschaft in Kaffeehäusern, Moscheen oder privatwirtschaftlichen Vereinigungen vorzufinden ist. Entscheidender ist es festzustellen, daß auch die moderne türkische Gesellschaft schon längst eine Zivilgesellschaft ist, der jedoch eine umfassende Demokratisierung aller Lebensbereiche fehlt. Zivilgesellschaft meint nicht unbedingt Demokratie; Demokratie ist wesentlich mehr als Wahlen und parlamentarische Mechanismen. Was der Türkei fehlt, ist

also eine Demokratie, die mit der sozialen Gleichheit und dem Recht auf freie Entfaltung des Individuums ernst macht. [2]

Dabei ist dem Autor durchaus bewußt, daß diese Form der Demokratie eine umfassende intellektuelle und moralische Reform voraussetzt. Was letztlich bedeutet, daß ohne eine grundlegende ökonomische Reform die türkische Zivilgesellschaft ein Projekt der herrschenden Klasse bleibt. Dieses Projekt befindet sich in der Krise; und das macht auch den Unterschied zu den kapitalistischen Metropolen des Westens aus. Die Türkei ist ein wirtschaftlich abhängiger Staat und daher auf Gedeih und Verderb den Vorgaben der neoliberalen Globalisierung unterworfen. Eine eigenständige Entwicklung bedarf einer selbstbewußten Klasse, die mit den imperialistischen Vorgaben bricht. Hierbei erweist sich das türkische Militär als Hemmschuh des Fortschritts; und dennoch benötigt die türkische Bourgeoisie gerade dieses Militär, um an der Macht zu bleiben.

Ob hier ausgerechnet Gramsci den Weg aus der Krise zeigt, darf bezweifelt werden. Gazi Çağlar belegt jedoch, daß die Defizite nicht in der Verkrustung des Staates liegen, sondern im Klassencharakter der türkischen Gesellschaft. Sein Buch Die Türkei zwischen Orient und Okzident ist im Unrast Verlag erschienen und kostet 16 Euro.

 

Kulturgeschichte des Mittelmeerraumes

Besprechung von : Eduard Carbonell / Roberto Cassanelli / Tania Velmans (Hg.) – Das Zeitalter der Renaissance, Theiss Verlag 2003, 49 Euro 90

Die Renaissance wird gemeinhin als eine kulturelle Erneuerung betrachtet, die ihren Ausgangspunkt in Italien genommen hat. Zeitlich einzuordnen ist sie in die 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts bis in die Anfänge des 16. Jahrhunderts, also etwa von 1350 bis 1550. Die italienischen Stadtstaaten des 14. Jahrhunderts sollen durch ihre politische und kulturelle Unabhängigkeit in die Lage versetzt worden sein, unter Bezug auf die klassische Antike einen neuen Kunststil zu entwickeln, der sich in Architektur, Religion, Literatur, Malerei und Musik niederschlug. Diese Sicht wird zunehmend in Frage gestellt.

Eduard Carbonell, Roberto Cassanelli und Tania Velmans setzen mit dem von ihnen herausgegebenen Band Das Zeitalter der Renaissance ganz andere Akzente. Wie die vorangegangenen Bände Von Mohammed zu Karl dem Großen und Die Zeit der Kreuzzüge liegt hier das Schwergewicht auf dem politischen und kulturellen Austausch in der gesamten Mittelmeerregion. Es mag angesichts des heutigen islamischen Fundamentalismus ketzerisch klingen – aber: ohne den Islam und seine Einflüsse auf den europäischen Feudalismus ist die Renaissance nur unvollständig verstanden.

Das Zeitalter der Renaissance ist ein kunsthistorischer Band, der sich bemüht, die gesamte Bandbreite der gegenseitigen kulturellen Einflußnahmen hervortreten zu lassen. Tania Velmans belegt beispielsweise mit ihrem einleitenden Essay über Die byzantinische Frührenaissance, daß mit den Kreuzzügen und der Eroberung Konstantinopels durch ein Kreuzfahrerheer 1204 eine neue Sichtweise des Menschen und der Welt entstanden ist.

Der psychologische Schock wirkte umso grausamer, als man die Stadt von Christus und der heiligen Jungfrau geschützt glaubte. Das Reich in seiner territorialen Unversehrtheit war bisher wesensgleich mit der Welt gewesen, das heißt garantiert bis zu deren letztem Tag, an dem Christus wieder auf die Erde zurückkehren würde. Die Kirche erklärte sich die Katastrophe mit den "Sünden" der Byzantiner, aber eine solche Interpretation der Ereignisse konnte der politischen Elite, von der das Land abhing, weder Kraft noch Mut zurückgeben.
Doch dann erhob sich eine seltsame Spekulation: Einige Byzantiner, die überzeugt waren, dass der Kontakt mit Kunstwerken aus heidnischer Zeit dem Christentum nicht mehr schaden konnte, weil es in den Köpfen der Menschen inzwischen fest verankert sei, behaupteten mit sichtlichem Stolz auf ihre römischen Ursprünge und ihre griechische Sprache plötzlich, sie seien "Hellenen", und erklärten deshalb sämtliche antiken Kunstwerke zum alleinigen Erbe und Besitz der Byzantiner. Dieser Schrei aus tiefer Verzweiflung wäre folgenlos geblieben, wenn das byzantinische Reich keine so tiefe moralische Krise durchlaufen hätte [...]. [3]

Dieser Rückgriff auf die Antike bedeutete jedoch nicht eine sklavische Kopie der Vergangenheit, sondern einen Aufbruch aus der formalen Strenge hin zu künstlerisch neuen Welten. Und so, wie in Byzanz eine Krise das Neue hervorbrachte, so war es in Spanien eine komplette Veränderung der politischen Landkarte. Innerhalb weniger Jahrzehnte wurden die maurischen Kleinkönigtümer in den Süden zurückgedrängt; und das aragonesische Teilreich begann, sich in den Mittelmeerraum auszubreiten. Daraus erwuchsen neue Herausforderungen, aber auch neue Einflüsse. Islamische, spanische, byzantinische und italienische Elemente verwoben sich mit flämischen Ausdrucksformen. Die Renaissance ist nicht einfach aufgetaucht, sondern Produkt einer sehr widersprüchlichen Auseinandersetzung mit verschiedenen Kulturelementen.

Es ist schon eindrucksvoll zu sehen, wie christliche Kirchen und Fresken islamische Motive verarbeitet haben. In den Jahrhunderten vor der Conquista ist noch nichts von dem später so unbarmherzigen Ausrottungskrieg gegen alles Unchristliche zu spüren. Nach der spanischen Eroberung Toledos im Jahr 1085 existierten etwa 20 islamische Kleinstaaten und vier christliche Königreiche nebeneinander. Muslime wurden in den christlichen Gegenden genauso geduldet wie umgekehrt; sogar die Mechanismen des Respekts der Bräuche und der Religion waren vergleichbar. All dies förderte natürlich auch eine kulturelle Verschmelzung – statt Ausgrenzung.

Die Gotik war Vorgängerin der Renaissance und bereitete durch ihre neue religiöse Spiritualität und das daran angepaßte Bauprogramm den Boden für die nachfolgende Renaissance. Überall im westlichen Europa und im Mittelmeerraum ist zu beobachten, daß die starren Strukturen der Vergangenheit aufgelöst werden. Die Gotik war jedoch mehr als nur ein Ausdruck neuer Religiosität; sie war auch Programm: an die Stelle der Massivität romanischer Bauten traten luftige, lichte und monumentale Gesamtkunstwerke. Es ist eine Zeit des Umbruchs und des Aufbruchs. Inwieweit dies nur für die herrschende Klasse gilt, wäre noch herauszuarbeiten; hier schweigt der Band mit seinen 160 farbigen Abbildungen. Doch neben Byzanz und Spanien, sowie der spirituellen Erneuerung in Westeuropa mit der Gotik, ist auch in der islamischen Welt eine Renaissance sichtbar, die fremde Einflüsse mit verarbeitet. Gerade im ägyptischen Kairo erwachen Architektur und Kunst zu ungeahnter Blüte. Auch hier ist wenig von Rigorismus zu spüren, sondern von der Selbstvergewisserung einer neuen herrschenden Schicht.

Somit kommen wir nach Italien zurück. Giovanni Curatola verblüfft uns mit einem Essay über den Islam in der italienischen Kunst. Die Frage ist, so schreibt er, ob es sich um exotische Ausnahmen handelt oder um eine bewußte künstlerische Entscheidung. Vielleicht ist es hilfreich, einen Aspekt herauszugreifen, nämlich die dekorative Verwendung pseudoarabischer Schriftzeichen zur Versinnbildlichung eines religiösen Programms: "Im Anfang war das Wort." Die Verwendung von Pseudo–Schriftzeichen (nicht nur nach arabischen Motiven) diente demnach dazu, eine besondere Heiligkeit zu betonen, das Transzendente, dessen Ursprünglichkeit durch griechische und arabische Schriftzeichen symbolisiert wird.

Der künstlerische Austausch im Mittelmeerraum ist demnach nicht zu bezweifeln. Die Renaissance entstand nicht in einer Insel des humanistischen Aufbruchs, sondern dadurch, daß religiöse Programme einer neuen aufstrebenden Schicht (oder Klasse) als Folie dienten, um ihre eigenen weltlichen Programmatiken umzusetzen. Die spanischen Könige, die italienischen Stadtstaaten, mameluckische Eroberer – sie alle legten mit ihrem Reichtum das Fundament für ein neues Verständnis der Welt. Die gotischen Kirchen beispielsweise erforderten eine rationale Organisation der Arbeit, die mit einem Weltbild einherging, das die Welt nach rationalen Gesichtspunkten neu gestalten wollte. Ein italienischer Künstler brachte diesen Gedanken auf den Punkt, als er eine Ideale Stadt entwarf:

Es handelt sich nicht im eigentlichen Sinne um ein Modellbild für die Gründung neuer, idealer Städte oder für den Umbau alter Städte nach modernen Auffassungen. Es ist vielmehr die Bestätigung der Leitidee universaler Bedeutung, in der Schönheit, Geschichte, Adel eines stillschweigend vorausgesetzten menschlichen Zusammenlebens verschmelzen. [4]
Mit [der] idealen Stadt zeigte sich tatsächlich die erste Idealisierung des Wohnens und der erste Hinweis auf eine Planungsmentalität, die danach strebt, über die Architektur hinauszugehen, hin zur Gesellschaft. [5]

Dieser Aufbruch mündete im Ende des Mittelalters und einem neuen Aufbruch, sich die gesamte Welt Untertan zu machen. Die Renaissance ist nicht nur Produkt des Austausch verschiedener kultureller Einflüsse, sondern auch die Basis der rationalen Eroberung der Welt unter kapitalistischen Vorzeichen.

Der von Roberto Cassanelli, Eduard Carbonell und Tania Velmans herausgegebene Band Das Zeitalter der Renaissance stellt diesen Zusammenhang, wenn auch beschränkt auf den künstlerischen Ausdruck, her. Der Band hat 264 Seiten und 160 farbige Abbildungen. Er ist im Theiss Verlag erschienen und kostet 49 Euro 90.

 

Klassisches Nachschlagewerk

Besprechung von : Wolfram Martini – Sachwörterbuch der Klassischen Archäologie, Alfred Kröner Verlag 2003, 19 Euro 80

Bevor man und frau sich an die Interpretation antiker Funde macht und die zugehörige Fachliteratur liest, ist es hilfreich, sich zunächst der dort verwendeten Begriffe zu vergewissern. Was eine cella ist, wissen vielleicht die archäologisch Gebildeten auch ohne einen Blick in ein Lexikon zu sagen – es handelt sich hierbei um den Kernbau oder Kernraum eines Tempels, der das Kultbild beherbergte. Aber ein hegemon ist kein Anführer, sondern ein Traufziegel, und ostrakismos war ein Verfahren der athenischen Demokratie, um unliebsame Machtpolitiker oder politische Gegenspieler in die Verbannung schicken zu können.

Der Klassische Archäologe Wolfram Martini hat nun mit seinem Sachwörterbuch der Klassischen Archäologie eine Lücke geschlossen. In mehr als 2500 kurzen Stichwortartikeln legt er uns die Fachterminologie der Klassischen Archäologie knapp, aber allgemeinverständlich vor. Seinen Schwerpunkt legt er auf die griechische und römische Antike, der jedoch durch die minoische, die mykenische und die etruskische Kultur erweitert wird. Natürlich fehlen erklärende Abbildungen genausowenig wie ein Hinweis auf die korrekte Betonung, denn nichts ist peinlicher als die Benutzung des richtigen Begriffs ohne zu wissen, wie er ausgesprochen wird.

Wolfram Martini erklärt Begriffe der Architektur, der Literatur, des Münzwesens, der Kunst und auch die zugehörigen Edelsteine. Das falsche Gewölbe taucht daher genauso auf wie der pathetische Stil; was ein pectoral ist (ein Brustpanzer) wird genauso erklärt wie eine römische Hypokaustenheizung. Die Abbildungen der diversen antiken Kleidungsstücke machen auch sinnlich erfahrbar, wie wir uns Römerinnen und Griechen vorzustellen haben.

Das Sachwörterbuch der Klassischen Archäologie von Wolfram Martini ist im Alfred Kröner Verlag erschienen, hat 371 Seiten und kostet 19 Euro 80.

 

Verständnislosigkeit

Jingle Alltag und Geschichte –

zum Schluß der heutigen Sendung noch zwei Veranstaltungshinweise:

Am heutigen Montagabend (das gilt also nicht mehr für die Wiederholung dieser Sendung am Montagabend um 23 Uhr oder am Dienstag um 8 und um 14 Uhr) – am heutigen Montagabend um 20 Uhr präsentiert der Autor Alois Prinz im Literaturhaus in der Kasinostraße 3 seine Ulrike–Meinhof–Biographie "Lieber traurig als wütend". Laut Ankündigung soll er sich mit der darmstädter Schriftstellerin Katja Behrens mit dem schwierigen Spannungsverhältnis zwischen Utopie und Zerstörungswut beschäftigen. Alois Prinz hat neben der Biographie von Ulrike Meinhof auch über Hannah Arendt, Hermann Hesse und Georg Forster geschrieben. [6]

Worum geht es in der Biographie über Ulrike Meinhof? Ulrike Meinhof dürfte für die meisten der heute Lebenden nur noch ein Name sein, eine Erinnerung an eine Zeit, in der die noch junge Bundesrepublik begann, mit ihrer Nazivergangenheit abzurechnen. Die Erinnerung an Ulrike Meinhof geht gerade noch soweit, an die glänzende Konkret–Kolumnistin und an die RAF–Terroristin zu denken. Mehr fällt wohl kaum einer oder einem zu ihr ein. Alois Prinz hat mit seiner Biographie Lieber wütend als traurig versucht, diese Lücke zu schließen.

Es ist die dritte (mir bekannte) Biographie einer sehr ungewöhnlichen, sehr moralischen und auf ihre Weise sehr konsequenten Frau. Peter Brückner schrieb 1976, kurz nach ihrem Tod im Hochsicherheitsgefängnis Stuttgart–Stammheim, das Buch über Ulrike Meinhof und die deutschen Verhältnisse. Darin versuchte er, verstehbar zu machen, warum sich Ulrike Meinhof von der christlichen Pazifistin zur gewaltbefürwortenden Revolutionärin gewandelt hatte. 1988 schrieb Mario Krebs über Ein Leben im Widerspruch.

Wer 27 Jahre nach dem Tod dieser Frau eine erneute Biographie vorlegt, muß demnach entweder neues biographisches Material recherchiert haben oder neue Akzente in der Interpretation einer Lebensgeschichte setzen können. Die im vergangenen Jahr [2003] bei Beltz erschienene Biographie von Alois Prinz löst zumindest die erste Anforderung ein. In der Tat kann der Autor gerade aus der Schülerin– und Jugendzeit von Ulrike Meinhof neues Material beisteuern. Es belegt einen schon früh entwickelten moralischen Rigorismus, eine Haltung, Unrecht nicht hinzunehmen und den Schwächeren zu helfen. Und immer ging es auch um die Frage, ob es richtig ist, Widerspruch nur zu äußern, oder auch dafür einzustehen, daß Unrecht nicht weiter geschehen kann. Denn Papier ist geduldig und, radikale Reden zu schwingen, ist nicht weiter schwer. Das Schwierige besteht jedoch darin, zur richtigen Zeit dann auch das Richtige zu tun. Dem Weg in die RAF ging daher der Einsatz gegen die Wiederaufrüstung und das Atomprogramm von Konrad Adenauer und Franz Josef Strauß voran. Die aktuelle Debatte im Bundestag zeigt, wie wichtig es schon vor fünfzig Jahren war, konsequent gegen neue deutsche Militäreinsätze einzutreten.

Die andere von mir genannte Anforderung als Existenzberechtigung einer neuen Biographie löst Alois Prinz allerdings nicht ein. Gerade der Weg in die RAF, das Leben im Untergrund, die strategischen Überlegungen, die dahinter standen, bleiben für Alois Prinz ein Buch mit sieben Siegeln. Sicherheitshalber vertraut er sich hier staatstragenden Quellen an, etwa Stefan Aust. Aust schrieb 1985 den Klassiker Der Baader–Meinhof–Komplex. Das Buch litt jedoch unter dem schwerwiegenden Nachteil, daß er seine Quellen zum großen Teil nicht offen legen konnte. Es handelte sich um (gefiltertes) Material des Bundeskriminalamts. Der Wahrheitsgehalt bleibt daher unklar. Alois Prinz stützt sich jedoch hauptsächlich auf derart dubiose Quellen. Zudem ist nicht erkennbar, nach welchem Prinzip er Literatur und persönliche Erinnerungen zusammenstellt oder ausblendet. Quellenkritik ist in dieser Biographie sicher nicht seine Stärke. Zumindest hätte er einige Aussagen danach abklopfen müssen, was von Kronzeugenaussagen zu halten ist, deren Wahrheitsgehalt erfahrungsgemäß gegen Null tendiert.

So bleibt ihm nicht nur der Weg von Ulrike Meinhof in die RAF, sondern auch die RAF selbst vollkommen unverständlich. Da er zudem keinen Begriff von Isolationshaft und staatlicher Aufstandsbekämpfungsstrategie besitzt, begreift er weder die Hungerstreiks der Gefangenen aus der Roten Armee Fraktion noch deren Notwendigkeit und Konsequenz. Ereignisse werden aneinandergereiht, ohne sie aufeinander zu beziehen und zu begründen. Seine Darstellung vom Selbstmord Ulrike Meinhofs folgt demnach der staatlichen Version. Und die ist nun einmal falsch, wie eine Untersuchungskommission schon vor über 25 Jahren zeigen konnte. Da war Mario Krebs in seiner Biographie deutlicher. Er legte immerhin noch ausführlich dar, warum die staatliche Version mit all ihren Widersprüchen nicht stimmen konnte und schrieb als Schlußsatz seiner Biographie: "Es gibt keinen Freitod hinter Gittern."

Nun ist von Alois Prinz nicht zu verlangen, daß er nach 27 Jahren das beharrliche staatliche Schweigen zu all diesen Widersprüchen aufklären kann. Dazu müßten die Archive geöffnet und frei zugänglich gemacht werden, in denen die Wahrheit zu finden ist. Aber er hätte wenigstens benennen müssen, daß es nicht nur eine Glaubensfrage ist, ob man und frau Mord oder Selbstmord annimmt, sondern daß hier Analyse und die Suche nach Indizien hilfreich sein können. Denn es gibt Gründe dafür, warum noch 1988 eine Studentin aus Tübingen zu sechs Monaten Haft verurteilt wurde, nur weil sei es gewagt hatte, der staatlichen Version zu widersprechen.

Die Lebensgeschichte der Ulrike Marie Meinhof von Alois Prinz mit dem Buchtitel Lieber wütend als traurig ist im Beltz Verlag erschienen und kostet 19 Euro. – Der Autor wird dieses Buch am heutigen Montagabend um 20 Uhr im Literaturhaus in der Kasinostraße 3 zusammen mit Katja Behrens präsentieren.

 

Ein Blick hinter den Referenten

Damit komme ich zu meinem zweiten Veranstaltungshinweis. Die Bürgerinitiative Icebox Griesheim lädt für den morgigen (oder, wenn ihr die Wiederholung hört, heutigen) Dienstagabend um 20 Uhr zu einer öffentlichen Diskussionsveranstaltung zur neuen Spionageanlage der USA in Griesheim ein. Als Gastredner wird Erich Schmidt–Eenboom angekündigt, der sich seit Jahren mit Geheimdiensten und ihren Machenschaften beschäftigt.

Zu Erich Schmidt–Eenboom schreibt Peter Kratz vom Berliner Institut für Faschismus–Forschung und Antifaschistische Aktion im Jahr 1994: Das Oberlandesgericht Köln habe im Mai 1994 dem Autor – also Peter Kratz – erlaubt zu behaupten,

Erich Schmidt–Eenboom habe "Kontakte zu völkischen Gruppen". Bereits vorher mußte Schmidt–Eenboom sich vom Landgericht Bonn sagen lassen, angesichts seiner Äußerungen über eine angebliche "Friedensbewegung NPD" sei [die] Behauptung [von Peter Kratz], er lasse den nötigen Abstand zur NPD vermissen, wohl nicht zu beanstanden. Schmidt–Eenboom war Berufssoldat und behauptete wissentlich falsch an Eides Statt, er sei seit 1989 anerkannter Kriegsdienstverweigerer. [...]
[Als] Schüler [Alfred] Mechtersheimers betreibt [er] in Starnberg ein "Friedensforschungsinstitut", in dem nach seiner eigenen Aussage vor dem [Landgericht] Bonn und dem [Oberlandesgericht] Köln der rechtskräftig verurteilte "Auschwitz–Lügner" Gerd Sudholt verkehrt. Bei Sudholts "Verlags–Gesellschaft Berg" [...] veröffentlicht Schmidt–Eenboom 1993 ein Buchprojekt, das Sudholt ihm bereitwillig finanziert. [...] [7]

Schmidt–Eenboom klagte vor Gericht dagegen, als "Braunzonen–Vertreter" bezeichnet zu werden – und verlor. Peter Kratz hierzu in einem Text von 1993:

Schmidt–Eenbooms Verbindungen zur extremen Rechten sind nicht neu. 1985 verfaßte er gemeinsam mit Alfred Mechtersheimer und Franz Miller die "Friedensplattform ‘87", die anschließend als "Sonderdruck" von der Zeitschrift "wir selbst" veröffentlicht wurde. "wir selbst" wurde von Nationalrevolutionären gegründet, die aus der NPD kamen, und gilt als Hausblatt des rechtsextremen Ideologen Henning Eichberg, der die westliche Demokratie als unnordisch bekämpft und zurück zum germanischen Thing möchte. [...]
Vor Gericht mußte Schmidt–Eenboom [...] zugeben, sich niemals von der "wir selbst"–Veröffentlichung distanziert zu haben. Und das, obwohl in "wir selbst" Franz Schönhuber wiederholt zu Wort kam und seine Getreuen aus der REP–Spitze Artikel veröffentlichten.
1989, als Schmidt–Eenboom laut Impressum Redakteur der Mechtersheimer–Zeitschrift "Mediatus" war, durfte hier [Henning] Eichberg in einem Artikel Kampf contra Demokratie, pro Thing führen. Im Sommer 1989 schrieb Schmidt–Eenboom selbst in "Mediatus" Artikel zur "Friedensbewegung NPD", in denen er einige Flugblätter aus der NPD–Szene als "Antimilitarismus von rechts" darstellte. Der Schritt zu Sudholt war da nur folgerichtig. [8]

Soweit Peter Kratz zu Erich Schmidt–Eenboom. – Hier müssen wir allerdings zwei Dinge klarstellen. Erstens hat sich Schmidt–Eenboom als angeblicher Geheimdienst–Experte profiliert, der in den bürgerlichen Medien ein– und ausgeht. Offensichtlich sind Kontakte zur rechtsradikalen Szene in Deutschland kein Hinderungsgrund für ein positives Medienecho. Davon profitiert Schmidt–Eenboom und wird daher zweitens auch von Bürgerinitiativen eingeladen, denen der rechte Hintergrund ihres Gastredners unbekannt bleibt. Manchmal jedoch hilft es weiter, sich durch Suchmaschinen im Internet zu informieren.

Die Beliebtheit Schmidt–Eenbooms hat jedoch einen weiteren Hintergrund, nämlich den Antiamerikanismus. Nicht nur rechte Deutschtümler und linke Kriegsgegnerinnen positionieren sich gegen die USA, sondern auch eine deutsche Außenpolitik, die den Wirtschaftsinteressen des deutschen Kapitals verpflichtet ist. Auf diesem Mainstream eines unterschwelligen Antiamerikanismus von rechts, der Mitte und von links kann ein Autor wie Erich Schmidt–Eenboom herrlich mitschwimmen, ohne seine wahre Gesinnung offen legen zu müssen.

Es wäre schön, wenn sich Bürgerinitiativen ein paar Gedanken mehr darüber machen würden, wem sie auf einer durchaus berechtigten und notwendigen Veranstaltung ein Podium geben. Die Informationsveranstaltung zur Spionageanlage der USA in Griesheim findet am Dienstagabend um 20 Uhr im Bürgerhaus am St.–Stephans–Platz statt. Der Eintritt ist frei.

 

Schluß

Abschließend noch einmal die Angaben zu den vier heute vorgestellten Büchern:

Von Wolfram Martini stammt das Sachwörterbuch der Klassischen Archäologie. Es ist bei Kröner zum Preis von 19 Euro 80 erschienen. Roland L. Nichols schrieb die Geschichte der Indianer in den Vereinigten Staaten und Kanada. Dieses Buch ist im Athenaion Verlag erschienen. Gazi Çağlar untersuchte Die Türkei zwischen Orient und Okzident. Seine politische Analyse ist im Unrast Verlag erschienen; Preis: 16 Euro. Und schließlich Das Zeitalter der Renaissance, ein Band über die Kunst, Kultur und Geschichte im Mittelmeerraum, herausgegeben von Roberto Cassanelli, Eduard Carbonell und Tania Velmans. Dieser Band aus dem Theiss Verlag kostet 49 Euro 90.

Das Manuskript dieser Sendung ist in den nächsten Tagen auf meiner Homepage nachzulesen: www.waltpolitik.de. Es folgt nun eine Sendung der Kulturredaktion von Radio Darmstadt. Am Mikrofon war Walter Kuhl.

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Gazi Çağlar : Die Türkei zwischen Orient und Okzident, Seite 72.
[2]   Gazi Çağlar Seite 220.
[3]   Tania Velmans : Die byzantinische Frührenaissance (13./–15. Jahrhundert), in: Das Zeitalter der Renaissance, Seite 11–39, Zitat Seite 27.
[4]   Maria Antonietta Crippa : Architektur und Modernität am Beginn der Renaissance, in: Das Zeitalter der Renaisance, Seite 231–251, Zitat Seite 244–245.
[5]   Maria Antonietta Crippa Seite 251.
[6]   Der folgende Text ist eine leicht überarbeitete Fassung meiner Buchbesprechung für den Radiowecker von Radio Darmstadt am 24. August 2003.
[7]   Siehe hierzu auch den vollständigen Text von Peter Kratz: Rechts and Crime.
[8]   Siehe hierzu auch den vollständigen Text von Peter Kratz: Braune Friedensforscher – Dunkle Finanzaffären.

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 20. September 2009 aktualisiert.
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