DVD You Can't Be Neutral On A Moving Train
You Can't Be Neutral On A Moving Train

Geschichte

Klassenfragen

Sendemanuskript

 

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 10. Dezember 2007, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Montag/Dienstag, 10./11. Dezember 2007, 23.10 bis 00.10 Uhr
Dienstag, 11. Dezember 2007, 08.00 bis 09.00 Uhr
Dienstag, 11. Dezember 2007, 14.00 bis 15.00 Uhr

Zusammenfassung:

Besprechung der deutschen Übersetzung von Howard Zinns A People's History of the United States sowie Vorstellung einer biografischen DVD über den Autor.

Besprochenes Buch/DVD:

 


 

Inhaltsverzeichnis

 


 

Einleitung

 

Jingle Alltag und Geschichte

Die Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika ist eine Geschichte, die uns weitgehend unbekannt ist. Wir kennen zwar die Namen einzelner Präsidenten, haben schon einmal etwas über die Bostoner Teeparty gelesen und vielleicht auch Martin Luther Kings I  Have A Dream vernommen. Der "Berliner" John F. Kennedy ist uns ein Begriff wie die CIA, das FBI und so manches, was in den Boulevardmedien breit getreten wird, nicht zuletzt bei Young Power hier auf Radio Darmstadt.

Stereotypen und Vorurteile begleiten die Gedanken vieler Menschen, wenn sie sich über die Vereinigten Staaten und die darin lebenden Menschen unterhalten. Nur wenige wissen, wie die US-amerikanische Demokratie wirklich funktioniert und was sie im Innersten zusammenhält. Die Witze über Präsidenten, die nicht einmal wissen, wo sich auf dem Erdglobus das Land befindet, das sie gerade bombardieren lassen, machen es einfach, sich über die Niederungen der US-amerikanischen Innen- und Außenpolitik erhaben zu fühlen. Wir müssen uns jedoch nur einmal kurz an die geistreichen Redebeiträge des in die Europapolitik abgeschobenen Edmund Stoiber erinnern, um festzuhalten, daß Bildung und Intelligenz keine notwendige Voraussetzung für Macht und Herrschaft überall auf der Welt darstellen.

Woraus sich die politischen Eliten rekrutieren, ist in Zeiten eines proletenhaften Ex-Bundeskanzlers und einer DDR-sozialisierten Bundeskanzlerin nicht immer so leicht auszumachen. Vielleicht ist die Herkunft zu Beginn des 21. Jahrhunderts auch nicht mehr so wichtig. Entscheidend hingegen ist, daß Politikerinnen und Politiker sich in ihrer Amtsführung für die richtigen Interessen entscheiden und politisch das umsetzen, was ihre Auftraggeber von ihnen erwarten. Um Mißverständnissen vorzubeugen – diese Auftraggeber sind nicht die Wählerinnen und Wähler.

Die Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika läßt sich oberflächlich als Geschichte eines zwar fehlerhaften, aber im Grunde gelungenen demokratischen Experiments darstellen, dessen checks and balances über zweihundert Jahre lang Phasen der Diktatur verhindern konnten, wie sie in Europa seit der Französischen Revolution des öfteren vorkamen. Vielleicht ist es aber auch nur so, daß die Verfassungskonstruktion und die politische Realität auf das Mittel der Diktatur weitgehend verzichten konnten, weil die systemimmanenten Mechanismen die Ausübung einer bestimmten politisch gewollten Herrschaft weitgehend sicherstellen konnten. Wenn wir die Geschichte der USA nicht als eine Geschichte bedeutender US-Präsidenten betrachten, sondern als eine Geschichte von Klassengegensätzen, dann eröffnet sich ein ganz neuer Blick auf Vieles, das wir nun besser verstehen können.

CD-Cover Hard Travelin'Der US-amerikanische Historiker Howard Zinn legte 1980 eine bis heute in mehreren Auflagen weit über eine Million Mal verkaufte Geschichte des amerikanischen Volkes vor. Weitab vom geschichtswissenschaftlichen Mainstream interessieren ihn nicht die ideologischen Verklärungen der großen Taten noch größerer Männer – denn Frauen kommen auch in der US-amerikanischen Politik so gut selten vor wie in Deutschland. Seine radikal parteiische Sichtweise ist die von unten; er fragt danach, wie die Ausgeplünderten, Ausgebeuteten, Unterdrückten, Entrechteten und Versklavten Männer und Frauen, Weiße, Schwarze, Indianer oder Chicanos diese Geschichte erlebt haben. Aus dieser Sicht entsteht vor unseren Augen eine Geschichte von Klassenkämpfen, selbst dort, wo wir sie zunächst nicht vermuten. Gerade dies macht es so interessant, sein Buch zu lesen.

In meiner heutigen Sendung werde ich deshalb die diesen Herbst vollständig auf Deutsch erschienene Übersetzung von A People's History of the United States vorstellen. Über das Leben und Wirken Howard Zinns gibt es eine DVD, die ebenfalls vor kurzem mit deutschen Untertiteln veröffentlicht wurde: You Can't Be Neutral On A Moving Train. Auch auf diese DVD werde ich kurz eingehen. Die Musik zur Sendung stammt von Woody Guthrie, einem der bedeutendsten und einflußreichsten Folk-Sänger des vergangenen Jahrhunderts. Es handelt sich hierbei um die Begleit-CD zum im Palmyra Verlag herausgebrachten Band über Woody Guthrie mit dem Titel Hard Travelin'. Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte bei Radio Darmstadt ist Walter Kuhl.

 

Koloniale Wurzeln

 

Besprechung von : Howard Zinn – Eine Geschichte des amerikanischen Volkes, Verlag Schwarzerfreitag 2007, 690 Seiten, € 28,80

1492 entdeckte Kolumbus Amerika. Bevor eine kolonialismuskritische Bewegung diese romantisierende Darstellung als ideologische Verbrämung von Ausplünderung und Massenmord herausgearbeitet hatte, war dies der Leitsatz deutscher wie US-amerikanischer Schulbücher. Einmal abgesehen davon, daß schon rund fünfhundert Jahre zuvor Wikingerschiffe auf die Küste des heutigen Kanada gestoßen waren und es wahrscheinlich im 15. Jahrhundert portugiesische und französische Schiffe weit nach Westen verschlagen hatte, handelt es sich um eine eurozentristische Anmaßung.

Denn die Besiedlung des amerikanischen Doppelkontinents fand vor mindestens 15.000 Jahren statt. Hingegen umstritten sind archäologische Funde, welche diese Besiedlung weitere 20 bis 30.000 Jahre zurückdatieren; möglich ist dies allerdings schon. Jedenfalls trafen die Seeleute des Kolumbus auf den dem Kontinent vorgelagerten Inseln Menschen an, an denen sie ihr zivilisatorisches Werk vollziehen konnten: Sie raubten, plünderten, vergewaltigten und mordeten.

Buchcover Howard ZinnHoward Zinn nimmt in seiner Geschichte des amerikanischen Volkes von Beginn seiner Darstellung an konsequent die Sichtweise der kolonialisierten Bewohnerinnen und Bewohner ein. Dies hat ihm seitens des historischen Mainstreams den Vorwurf der parteilichen Geschichtsschreibung eingebracht. Die historische Wissenschaft, so verkündet es der Mainstream, habe die Fakten anhand der Quellenlage objektiv zusammenzutragen. Diese Objektivität ist jedoch ein Mythos. Im Grunde genommen werden hiermit Macht- und Herrschaftsverhältnisse als objektiv gegeben hingestellt, die nichts weiter als eine ganz bestimmte interessengeleitete Darstellung verkünden. Denn es kommt immer auf den Standpunkt an.

In einer Gesellschaft, die auf Reichtum und Profit gründet, muß sich auch die Geschichtsschreibung diesen Maximen verpflichtet fühlen. Letztlich gilt das als wahr, was den herrschenden Verhältnissen nützt. Karl Marx hatte im Kommunistischen Manifest die bisherige Geschichte als die von Klassenkämpfen beschrieben. Dieser Klassenkampf findet seine ideologische Fortsetzung in Lehr- und in Schulbüchern. Und genau gegen diese verlogene Art der Darbietung historischer Fakten schreibt Howard Zinn in seiner Geschichte des amerikanischen Volkes an. Die Tatsache, daß sein Werk inzwischen mehr als eine Million Mal verkauft wurde und inzwischen an US-amerikanischen Schulen und Universitäten als alternatives Lehrbuch genutzt wird, zeigt, daß es ein Bedürfnis nach einer alternativen Darstellung der eigenen Geschichte gibt.

Es ist deshalb zu begrüßen, daß dieses Standardwerk über den Verlag Schwarzerfreitag endlich auf Deutsch zugänglich gemacht wurde [1]. Wir erhalten hierdurch Einblicke in die Geschichte Nordamerikas, wie sie weder unsere Schulbücher noch die bisherigen deutschen Darstellungen darzubieten vermochten. Die ungeschminkte Wahrheit über die Opfer des zivilisatorischen Fortschritts wird ergänzt durch etwas, was der herrschenden Geschichtsschreibung ebenfalls suspekt ist, nämlich die Darstellung des Widerstandes gegen Kolonialismus, Rassismus, Ausbeutung und Unterdrückung.

Selbst wenn dieser Widerstand in seiner Wirkung begrenzt, in seinen Ausdrucksformen widersprüchlich und in seiner Nachwirkung kaum sichtbar geblieben ist, so zeigt sich hierin eine Wahrheit, welche den bisherigen historischen Dogmen entgegensteht: Widerstand ist nicht zwecklos, sondern möglich, notwendig und sinnvoll. Wir werden deshalb sehen, daß Howard Zinn sehr bewußt der Zukunft dieses Widerstandes gegen die Zumutungen einer kapitalistischen Gesellschaft ein eigenes Kapitel widmet.

Doch kommen wir zu den Arawak, den ersten von europäischen Entdeckern, Siedlern, Händlern und Priestern ausgerotteten Bewohnerinnen und Bewohnern des amerikanischen Kontinents zurück. Diese seit Jahrtausenden dort lebenden Menschen waren gewiß keine friedlichen und naiven Wilden, als die sie oftmals verklärt worden sind. Aber der gold- und geldgierigen Besessenheit der europäischen Kolonisation, der unbarmherzigen Grausamkeit und Verschlagenheit der ersten europäischen Ankömmlinge konnten sie genauso wenig etwas entgegensetzen wie ihre Brüder und Schwestern auf dem amerikanischen Kontinent in den nachfolgenden Jahrhunderten.

Die waffentechnische Überlegenheit der europäischen Eroberer und Besatzer mag sicherlich von Vorteil gewesen sein; aber letztlich fehlte den nicht europäisch zivilisierten Bewohnerinnen und Bewohnern Amerikas das, was den Geist dieser Zivilisation ausmacht: das ungehemmte Streben nach Profit um jeden Preis. Ein Streben, das bis heute anhält und mindestens noch dieses Jahrhundert bestimmen wird.

Dieser zivilisatorische Geist durchzieht die Geschichte Amerikas von 1492 bis heute und Howard Zinn arbeitet diese Geschichte in all ihren widerwärtigen Facetten heraus. Dabei geht es ihm nicht so sehr um das moralische Urteil, um die Denunziation all der Grausamkeiten, um eine vernichtende Kritik. Vielmehr ist es ihm wichtig, uns von den uns in Schulen, an Universitäten, in Ausstellungen und Fernsehdokumentationen eingetrichterten Illusionen über unsere eigene Vergangenheit zu befreien, damit wir die Gegenwart besser begreifen und die Zukunft selbstbestimmter gestalten können.

 

Die Werte der Wissenschaft

 

Nachdem die spanischen Conquistadoren innerhalb weniger Jahrzehnte den amerikanischen Kontinent von Mexiko bis Chile erobert hatten, wurde die Bevölkerungszahl der indigenen Gruppen drastisch reduziert. Wie viele Millionen Menschen den europäischen Eindringlingen zum Opfer fielen, läßt sich nur erahnen. Die übliche Ausrede, die Europäer hätten halt Krankheiten mitgebracht, die in Amerika unbekannt waren, ist allenfalls die halbe Wahrheit. Von Anfang an nämlich entwurzelten Spanier im Westen und später auch Portugiesen im Osten die einheimische Bevölkerung, zwangen sie mit unerbittlicher Härte zu Fron- und Sklavendiensten und nahmen ihnen ihre Nahrungsquellen und Ressourcen.

Dieser Völkermord ist die folgerichtige Konsequenz der Einführung der christlichen Zivilisation und das kulturelle Erbe des beginnenden Siegeszuges des Kapitalismus. Völkermord ist dieser Wirtschaftsweise nichts Äußerliches. In den Jahrhunderten danach wurden die nun fehlenden Arbeitskräfte durch Sklavinnen und Sklaven aus Afrika aufgefüllt; auch hierbei mußten Millionen Menschen ihr Leben lassen. Diese Erkenntnis kann heute als Allgemeingut betrachtet werden. Und doch wird uns weiterhin eine Geschichte voller zivilisatorischer Errungenschaften präsentiert. Howard Zinn bemerkt hierzu:

Die Tatsachen aber zuzugeben und dann in einer Masse von anderen Informationen zu vergraben, sagt dem Leser, mit einem gewissen ansteckenden Gleichmut: Ja, es gab Massenmorde, aber das ist nicht so wichtig – das sollte bei deinem abschließenden Urteil wenig zählen; es sollte sehr wenig Einfluß darauf haben, was wir in der Welt tun. [Seite 15]

Und schließlich haben die spanischen und portugiesischen Conquistadoren doch wunderbare Bauten hinterlassen, die heute zum Weltkulturerbe zählen, nicht wahr? Wer sie unter welchen Umständen hat errichten müssen, ist eine Frage, die in der Regel nicht interessiert. Howard Zinn fährt fort:

Das ist keine bwußte Täuschung; der Historiker wurde in einer Gesellschaft ausgebildet, in der Wissen, Bildung und Ausbildung als Probleme handwerklichen Könnens dargestellt werden, und nicht als Werkzeuge widerstreitender sozialer Klassen, Rassen und Nationen. [Seite 16]

Es ist, so Zinn, letztlich eine ideologische Entscheidung. Und genau deshalb ist die vorherrschende Geschichtswissenschaft alles andere als neutral oder wertfrei. Seine politische wie persönliche Einstellung führt den Historiker und politischen Menschen Howard Zinn deshalb dazu festzustellen:

Nationen sind keine Gemeinschaften und waren es noch nie. Die Geschichte jedes Landes, die uns als Geschichte einer Familie präsentiert wird, verbirgt bittere Interessenkonflikte (die manchmal ausbrechen, meistens aber unterdrückt werden) zwischen Eroberern und Eroberten, Herren und Sklaven, Kapitalisten und Arbeitern, rassisch oder sexuell Dominierten und Dominierenden. Und in einer solchen Welt der Konflikte, einer Welt von Opfern und Henkern, ist es, wie Albert Camus gesagt hat, die Aufgabe der denkenden Menschen, nicht auf der Seite der Henker zu stehen. [Seite 17]

Die Geschichte ist jedoch komplexer. Täter und Opfer sind nicht eindeutig festgelegt; und die Opfer sind ohnehin nicht per se die Guten. Ausgebeutete Lohnarbeiter können Rassisten sein und ihre Frauen schlagen; kolonisierte Sklaven können sich dazu benutzen lassen, Handlangerdienste für ihre Herren zu leisten und dabei zu Tätern werden. Und dennoch lassen sich eindeutige Macht- und Herrschaftsstrukturen festhalten. Letztlich dienen diese ausdifferenzierten Strukturen einer kleinen Elite, im Kapitalismus der Bourgeoisie, also der kapitalbesitzenden Klasse.

Und diese Klasse weiß sehr wohl ihre Privilegien zu verteidigen. Sie findet Mittel und Wege, die von ihnen Abhängigen gegeneinander auszuspielen und den unvermeidlichen Klassenhaß in eine andere Richtung zu lenken. Die Landbesitzer der britischen Kolonien an der Ostküste Nordamerikas wußten den Rassismus als Mittel der Beherrschung einzuführen und einzusetzen. Ihnen war bewußt, daß sie die von ihnen ausgehende Gewalt nach außen verlagern konnten, indem sie den von ihrem Land vertriebenen Siedlern mit den Indianern ein Aggressionsobjekt präsentierten. Selbstverständlich hatten diese Landbesitzer und Kaufleute auch einen Nutzen an dieser aggressiven Politik, denn letztlich erweiterte es ihren Landbesitz und ihr Handelsmonopol.

Howard Zinn verwahrt sich jedoch gegen eine geradezu verschwörungstheoretisch vereinfachende Geschichtsschreibung; so als hätten die Reichen und Mächtigen von Anfang an derartige Tricks ersonnen, um ihre Privilegien abzusichern. Vielmehr, so Zinn, handelt es sich jeweils um politische Entscheidungen, die aus der gegebenen Situation heraus entstehen und die selten mit Vorbedacht geplant wurden. Denn diese Herangehensweise liegt im Wesen der kapitalistischen Herrschaftsstruktur selbst. Sie bedarf jedoch von Zeit zu Zeit derjenigen handelnden Personen, die in der Lage sind, den Geist der Zeit zu erkennen und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. So schreibt Zinn an einer Stelle:

Im Allgemeinen wurde der Indianer auf Distanz gehalten. Und die Kolonialbürokratie hatte einen Weg gefunden, die Gefahr zu mindern: Indem sie das gute Land an der Ostküste monopolisierte, zwang sie landlose Weiße, westwärts an die Grenzen zu ziehen, wo sie auf die Indianer trafen und einen Puffer für die Reichen an der Küste gegen Ärger mit den Indianern bildeten; gleichzeitig wurden sie abhängiger von der Regierung, sie zu beschützen. [Seite 59]

Dennoch bestand die Möglichkeit, daß sich Indianer, importierte Sklavinnen und Sklaven und verarmte Weiße zusammentaten, um die reiche landbesitzende Klasse zu vertreiben. Diese Gefahr war durchaus real, wie einzelne Rebellionen zeigten. Ein geschürter Rassismus war demnach ein probates Mittel, Schwarze gegen Weiße und beide gegen die indianische Urbevölkerung aufzuhetzen. Und es funktionierte. Die Methode funktioniert bis heute, und nicht nur in den USA.

 

Ausbalancierte Demokratie

 

Mitte des 18. Jahrhunderts waren die großen Landbesitzer und Kaufleute so reich und mächtig geworden, daß sie die ihnen bislang nützliche britische Kolonialherrschaft als Bürde empfanden. Wo immer das britische Empire Krieg führte, mußten diese Kriege durch Extrasteuern finanziert werden. Solange diese Kriege den Neuengländern nutzten, war man bereit, seinen Teil dazu beizutragen. Als jedoch die Gefahr einer französischen Invasion im Norden und einer spanischen Machtausdehnung im Süden gebannt war, war es wenig einsichtig, für die anderen Eroberungsfeldzüge des Empire im fernen Osten oder für die Verwicklung in europäische Kriege zu zahlen. Dies ist einer der Gründe für die Unabhängigkeitserklärung. Howard Zinn faßt diesen Prozeß so zusammen:

Um 1776 machten gewisse wichtige Persönlichkeiten in den englischen Kolonien eine Entdeckung, die sich in den folgenden zweihundert Jahren als überaus nützlich herausstellen sollte. Sie erkannten, dass sie, wenn sie eine Nation, ein Symbol, eine legale Einheit namens Vereinigte Staaten schufen, den Günstlingen des Britischen Empires das Land, die Gewinne und die politische Macht wegnehmen konnten. Im Verlauf dieses Prozesses konnten sie eine Reihe von potenziellen Rebellionen eindämmen und einen Konsens gesellschaftlicher Unterstützung für die Herrschaft einer neuen, privilegierten Führungsschicht gewinnen.
Wenn wir die amerikanische Revolution aus diesem Blickwinkel betrachten, dann war sie genial, und die Gründerväter verdienen die ehrfurchtvolle Bewunderung, die ihnen über die Jahrzehnte hinweg zuteil wurde. Sie schufen ein effektives System nationaler Kontrolle in moderner Zeit und zeigten kommenden Führungsgenerationen die Vorteile davon, Bevormundung mit Führungsmacht zu kombinieren. [Seite 65]
Die amerikanische Führungsschicht hatte also weniger Bedarf an englischer Herrschaft, während die Engländer mehr Bedarf am Reichtum der Kolonisten hatten. Das waren Elemente für einen Konflikt. [Seite 66]

Ein solcher Konflikt war für die herrschende Klasse der Kolonialgebiete auch aus einem anderen Grund notwendig. Untersuchungen zeigen eine erhebliche Konzentration von Landbesitz und Reichtum; etwa fünf Prozent der Bostoner Steuerzahler beispielsweise besaßen die Hälfte des versteuerbaren Vermögens der Stadt. Die Unzufriedenheit wuchs; sie mußte kanalisiert werden.

Das Britische Empire tat der neuenglischen Bourgeoisie einen Gefallen, als sie neue Abgaben auch für die ärmeren Schichten der Bevölkerung einführte. Denn letztlich sind sich alle herrschenden Klassen darin einig, wen sie auspressen müssen, egal wie uneinig sie sich in anderen Fragen sein mögen. Howard Zinn zeigt anhand ausgewählter Dokumente auf, wie verbreitet der Unmut gegen die Briten und gegen die eigenen Landbesitzer und Kaufleute war; und wie notwendig deshalb ein Ventil, das die Aggressionen nach außen abführte.

Der Konflikt führte zur Unabhängigkeitserklärung und zu einem länger andauernden Krieg, bei dem letztlich die Kolonisten den Sieg davontrugen. Die Kriegsbegeisterung hielt sich jedoch in Grenzen; manche Bataillone mußten zwangsrekrutiert werden. Typisch für diese Art Militärdienst war, daß sich die Reichen davon freikaufen konnten. Wenn man jedoch den ärmeren Weißen eine Waffe in die Hand gab, war zu befürchten, daß sich diese Waffen auch gegen die Klasseninteressen der Weißen richten konnten; und in der Tat gab es schon während des Unabhängigkeitskrieges genügend Anlässe für diese Furcht.

Es galt daher, ein effektives Verfassungssystem zu schaffen, das dafür sorgen konnte, daß die Privilegien der Reichen und Mächtigen weitgehend unangetastet blieben, auch wenn das Wahlrecht ausgeweitet wurde. Das Ergebnis dieser Überlegung kennen wir als das System der checks and balances, die sich in der Tat gegen eine zu große Machtausdehnung richtete, nämlich gegen die Macht des Volkes.

Die Kriegsgewinnler waren ohnehin die Reichen und Mächtigen der Kolonialzeit; der erste Präsident der Vereinigten Staaten, George Washington, war alles andere als zufällig einer der reichsten Männer des neuen Staates.

 

Von der Sklaverei zum Nutzen des Wahlrechts

 

Nachdem die Unabhängigkeit vom Britischen Empire gewonnen und ein Mechanismus gefunden worden war, mit internen Rebellionen umzugehen, begann das neue US-amerikanische Empire zu expandieren. Der Weg nach Westen ging über die Leichen vieler Indianerstämme und wurde begleitet von ethnischen Säuberungen und dem, was in einer kapitalistischen Gesellschaft am besten funktioniert, nämlich dem organisierten Betrug.

Howard Zinn hat in seiner Geschichte des amerikanischen Volkes Aussagen und Fakten zusammengetragen, die belegen, wie hinterhältig die herrschende Klasse beim Landraub vorging und wie geschickt sie die Emotionen der ärmeren Weißen zu ihrem Nutzen zu steuern verstand. Und doch zeigen andere Beispiele, daß sich weder Indianer noch schwarze Sklavinnen und Sklaven und selbst weiße Siedler und arbeitslose Tagelöhner nicht alles gefallen ließen. Die neu geschaffene US-Armee mußte mehr als einmal eingreifen, um den Klassenfrieden wiederherzustellen; Tote waren nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch in den Straßen so mancher Großstadt zu beklagen. [2]

Frauen waren sowohl vom Wahlrecht wie auch weitgehend aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen. Die Ideologie der Weiblichkeit wurde systematisch vermittelt; Frauen sollten die liebevollen und verständnisvollen und vor allem hart rackernden Gefährtinnen ihrer Besitzer werden. Nicht wenige Frauen brachen aus diesem Leben aus und unterstützten eine andere gesellschaftliche Klasse in ihrem Bestreben, die Fesseln der Sklaverei abzulegen. Die offiziell verkündete Sklavenemanzipation war das Ergebnis des Bürgerkrieges von 1861 bis 1865, aber dieser Krieg wurde nicht geführt, um die Millionen Sklavinnen und Sklaven zu befreien.

Es standen ganz andere, nämlich wirtschaftliche Interessen im Vordergrund – Interessen, welche den sich industrialisierenden Norden und den Süden mit seinen Latifundien gegeneinander aufbrachten. Abraham Lincoln war ganz Staatsmann, als er dem Herausgeber einer New Yorker Zeitung schrieb:

Mein vorzügliches Ziel in diesem Kampf ist die Bewahrung der Union, und nicht die Zerstörung oder die Rettung der Sklaverei. Wenn ich die Union retten könnte, ohne einen Sklaven zu befreien, würde ich es tun; und wenn ich sie retten könnte, indem ich alle Sklaven befreie, würde ich es tun; und wenn ich es könnte, indem ich einige befreie und andere in Ruhe lasse, dann würde ich auch dies tun. [Seite 187-188]

Der Norden gewann den Krieg aufgrund seiner größeren industriellen Ressourcen. Die Kriegsbegeisterung im Norden und Süden schwand schnell, und es kam auf beiden Seiten zu massenhaften Desertionen und Rebellionen gegen die mit dem Krieg verbundenen Preissteigerungen und Warenspekulationen. Schon der Krieg gegen Mexiko von 1846 bis 1848 hatte gezeigt, daß die Truppen alles andere als zuverlässig waren, sobald der Sold ausblieb und die Soldaten mit ansehen mußten, wie sich andere bereicherten. Es war ein groß angelegter Raubzug, der das mexikanische Territorium halbierte; und die herrschenden Klassen beider Staaten ließen Soldaten für ihre Zwecke und Ziele verbluten und kümmerten sich nicht um zivile Opfer.

Die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts brachte der US-amerikanischen Bourgeoisie ein neues Schreckgespenst, nämlich die Gewerkschaften als Ausdruck organisierter Arbeiterinnen- und Arbeitermacht. Die Kämpfe waren hart und nicht selten wurde die Rückkehr zur Arbeit mit Waffengewalt erzwungen. Während die Arbeitsbedingungen sich in nichts von denen des Manchester-Kapitalismus in England unterschieden, sorgten die in den Kongreß gewählten Männer dafür, daß ihresgleichen nicht zu kurz kamen. Die großen Eisenbahnbauten in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts waren verbunden mit massiven Landschenkungen; Land, dessen Bewohnerinnen und Bewohner zuvor vertrieben und zusammengepfercht worden waren.

Inzwischen war das Wahlrecht langsam ausgeweitet worden und es stellte sich heraus, daß Wahlen ein geeignetes Mittel darstellten, die Unzufriedenheit zu kanalisieren. Howard Zinn beschreibt den Vorteil des bis heute funktionierenden Zweipartensystems mit der ihm eigenen Prägnanz:

Den Leuten die Wahl zwischen zwei verschiedenen Parteien zu geben und ihnen in einer Zeit der Rebellion zu erlauben, die leicht demokratischere von beiden zu wählen, war eine geniale Art der Kontrolle. Wie so vieles im amerikanischen System war es nicht von irgendwelchen Meistern der Verschwörung teuflisch ausgeheckt, sondern entwickelte sich natürlich, aus der Notwendigkeit der Situation heraus. [Seite 213]

Es wäre daher vollkommen weltfremd, von dieser leicht demokratischeren Partei so etwas wie mehr Demokratie, Gerechtigkeit oder soziales Gewissen zu erwarten. Zwar gelten die Demokraten heute als demokratischer als die Republikaner; das hindert demokratische Kongreßabgeordnete aber genausowenig wie demokratische Präsidenten daran, Eroberungskriege zu führen, Menschenrechte zu mißachten, Sozialsysteme zu zerstören und Bürgerinnen- und Bürgerrechte abzuschaffen, wie dies während der Ära Clinton durchaus zum guten Ton der Partei gehörte.

Es war kein republikanischer Präsident, der den Krieg in Vietnam zum Massenmord ausweitete, sondern ein Demokrat; und es war ein demokratischer Erdnußfarmer aus Georgia, der das Schah-Regime im Iran und die Somoza-Diktatur in Nicaragua bis zum bitteren Ende unterstützte. Bemerkenswert hieran ist eher die Ignoranz in den Reihen der Umwelt- und Friedensbewegung, die in Jimmy Carter und Al Gore neue Lichtgestalten zu entdecken glaubt. Unter Al Gore als Vizepräsident krepierten Hunderttausende Kinder im Irak aufgrund der von den USA mit Bombenterror massiv unterstützten Sanktionen. Dafür haben sich Al Gore wie in den 70er Jahren der Vietnamkrieger Henry Kissinger redlich den Friedensnobelpreis verdient.

Howard Zinn führt seine Geschichte des amerikanischen Volkes bis zur Regierung Bush jr. und macht sich keine Illusionen über eine eventuelle demokratische Präsidentschaft ab 2009. Seine Visionen gehen eher in eine andere Richtung. Sein Buch zeigt, daß es immer wieder Widerstand gegen Ausbeutung, Ausplünderung und Armut gegeben hat und daß soziale Errungenschaften immer erkämpft werden mußten und von der herrschenden Klasse nie freiwillig hergegeben wurden.

Im Gegenteil. Die perfiden Methoden zur Sicherung von Herrschaft und Profit lassen sich vorbildlich am historischen Beispiel der USA herausstellen. Die Abschaffung der Sklaverei führte nicht etwa zur Befreiung der ehemaligen Sklavinnen und Sklaven, sondern vor allem in den Südstaaten zu einer perfekt inszenierten Institutionalisierung einer neuen Form der Abhängigkeit. Mit Gewalt und Justizterror wurde ein Arbeitssystem installiert, das sicher stellte, daß die Arbeitskräfte im Süden billig, vielseitig verwendbar und ohne Rechte für den Profit einer weißen Minderheit schuften durften.

Im Norden entdeckten die arm gehaltenen Massen ihre Kampfkraft immer wieder neu und die daraus resultierenden Klassenkämpfe des 19. Jahrhunderts fanden ihre Fortsetzung im 20. Der New Deal der 1930er Jahre unter Präsident Franklin Delano Roosevelt war die Antwort auf die Weltwirtschaftskrise, zum einen, um die rebellischen Massen zu beschäftigen, zum anderen, um neue profitable Arbeitsfelder zu erschließen. Die kapitalistische Krise stellte durchaus eine Bedrohung dar, denn:

Es gab Millionen Tonnen Essen, aber es war nicht profitabel, es zu transportieren und zu verkaufen. Die Warenlager waren voll mit Kleidern, aber die Leute konnten sie sich nicht leisten. Es gab viele Häuser, aber sie standen leer, weil Leute die Miete nicht zahlen konnten, vertrieben worden waren und nun in den Hütten in den schnell wachsenden, auf Müllhalden errichteten "Hoovervilles" hausten. [Seite 377]

Doch erst der 2. Weltkrieg löste das Problem der Absatzmärkte und der gewaltigen Überkapazitäten; und als der Krieg zuende war, bedurfte es weiterer Kriege, um die Maschine am Leben zu halten. Aber auch die Arbeiterinnen und Arbeiter und ihre Gewerkschaften hatten ein neues Selbstbewußtsein gefunden; um dieses nachhaltig zu zerstören, durfte sich Senator McCarthy mit seinem im Grunde irrationalen Kommunistenwahn austoben. Wir können hieraus ersehen, daß auch scheinbar irrationale politische Verhaltensweisen einen sehr rationalen Grund haben können. Eine Hysterie zu entfachen, war damals so leicht wie erfolgversprechend, wie heute. Der moderne Datensammelwahn nutzt diese Hysterie für ganz eigene Zwecke.

Als dann Mitte des letzten Jahrhunderts alle Welt dachte, die soziale Ära nach Ende des 2. Weltkriegs hätte zu sozialem Frieden geführt – zumindest in den Metropolen des Weltmarktes, denn der Rest der Welt konnte ohnehin verbluten –, forderten die segregierten Schwarzen des Südens ihre Rechte ein und es entwickelte sich ein breiter Widerstand gegen den Vietnam-Krieg. Aus diesen 60er und 70er Jahren haben die neoliberalen Neokonservativen ihre Lehren gezogen – die innere Aufrüstung über den Patriot Act ist nur eine Facette dieses neuen Klassenkampfes im 21. Jahrhundert.

 

Ein Lebenswerk

 

Kurzbesprechung von : You Can't Be Neutral On A Moving Train, Verlag Schwarzerfreitag 2007, DVD mit dt. Untertiteln, € 18,95

Howard Zinns Geschichte des amerikanischen Volkes ist mehr als nur ein Geschichtsbuch von unten. Es enthält eine Vision davon, wie die Welt anders, besser und gerechter organisiert sein könnte, und ein Vertrauen in die Fähigkeiten einfacher Menschen, sich selbst zu regieren. Er läßt keinen Zweifel daran, daß das Establishment die unterschiedlichen gesellschaftlichen Fragmente gegeneinander auszuspielen versucht und auch nicht davor zurückschrecken wird, die Waffen auf das eigene Volk zu richten – so wie dies die schwarze Bevölkerung in den 60er und 70er Jahren erleben durfte, als der radikalste Teil der Rebellion, die Black Panther, systematisch verfolgt und liquidiert wurde.

DVD-Cover Howard ZinnDie Unzufriedenheit mit dem herrschenden System ist groß und das Mißtrauen in die Eliten des Landes und ihre Institutionen wächst. In den in Hollywood fabrizierten Actionfilmen und Kriminalserien werden uns immer wieder derartig mißtrauische Menschen vorgeführt, die letzten Endes jedoch fast alle als unzurechnungsfähig oder terroristisch dargestellt werden. Das in den USA vorherrschende Mediensystem hat allen Grund, neue Monster aufzubauen, um die in den Verhältnissen angelegte Wut zu kanalisieren. Der Irak-Krieg ist so ein Ventil, auch wenn dieser Krieg selbst im Heimatland der selbstgerechten Idealisierung als God's Own Country langsam unbeliebt wird.

Howard Zinn, Jahrgang 1922, wuchs als Kind einer Immigrantenfamilie unter ärmlichen Verhältnissen in New York auf. Er erlebte die Zeit der Depression, aber auch des Aufruhrs mit und machte sich nach seinem Militärdienst im 2. Weltkrieg Gedanken über den Sinn aller Kriege; und er wirkt deshalb bis heute aktiv in der US-amerikanischen Friedensbewegung mit. In den 50er und 60er Jahren unterstützte er die Bürgerrechtsbewegung, was ihm seinen Job als Dozent an einem College kostete. Als einer der führenden Kritiker des Vietnam-Krieges flog er nach Hanoi, um die Freilassung US-amerikanischer Kriegsgefangener zu erreichen, gegen den Willen der US-Regierung.

Sein in dieser Sendung vorgestelltes Buch A People's History of the United States entwickelte sich zum Klassiker und wurde mehr als eine Million Mal verkauft. Das Buch ist unter dem Titel Eine Geschichte des amerikanischen Volkes in diesem Herbst in deutscher Übersetzung im Verlag Schwarzerfreitag herausgebracht worden. Diese 690 Seiten fundamentaler Lektüre einer Geschichte, die wir so erzählt nirgends anders nachlesen können, kosten 28 Euro 80.

Sogar bei YouTube lohnt die Eingabe des Namens von Howard Zinn, um einige Videos mit Interviews, Reden oder Vorträgen betrachten zu können. Wir sehen hierin einen eloquenten, humorvollen und freundlichen älteren Herren, der bis heute der Vision anhängt, daß es eine bessere Welt als diese geben muß.

Bei YouTube findet sich beispielsweise in vier Teilen ein Vortrag über die Vergeblichkeit, einen gerechten Krieg zu begründen, den Howard Zinn am 5. Dezember 2006 in Los Angeles gehalten hat.

[teil 1]   [teil 2]   [teil 3]   [teil 4]

Howard Zinns Lebenswerk hat Eingang gefunden in einen in den USA gedrehten biografischen Film mit dem Titel You Can't Be Neutral On A Moving Train. Dieser Film ist ebenfalls im Verlag Schwarzerfreitag in einer deutschen Fassung als DVD zum Preis von 18 Euro 95 erschienen; und es ist ein Film, der uns auch atmosphärisch mehr über die Geschichte der USA herüberbringt, als hierzu eine trockene Lektüre imstande wäre. Wobei gesagt werden muß, daß Howard Zinns Geschichte des amerikanischen Volkes alles andere als eine staubtrockene Angelegenheit ist. [3]

 

Schluß

 

Jingle Alltag und Geschichte

Buchcover Howard Zinn Teilband 1Weitere Informationen zu Howard Zinn finden sich auf der deutschsprachigen Webseite www.howardzinn.de. Und wer sich nicht gleich den ganzen Wälzer mit den 690 Seiten zur US-amerikanischen Geschichte zulegen will, kann dieses Werk je nach historischem oder politischem Interessensschwerpunkt auch in neun kleineren Teilbänden erwerben; sie kosten zwischen 7 Euro 80 und 8 Euro 80.

Wem dies alles an Informationen zuviel geworden ist, kann diese Sendung voraussichtlich am Montagabend nach den Deutschlandfunk-Nachrichten um 23.00 Uhr noch einmal anhören oder am Dienstagvormittag um 8.00 Uhr und am Dienstagnachmittag um 14.00 Uhr. Eine Wette auf diese Uhrzeiten schließe ich jedoch nicht ab, weil seit einiger Zeit auf der Wiederholungsschiene von Radio Darmstadt mehr Willkür und Chaos als Verläßlichkeit vorherrscht [4]. Die Alternative besteht darin, das Manuskript zu dieser Sendung auf meiner Webseite nachzulesen: www.waltpolitik.de.

Die Musik zur Sendung stammt von der Begleit-CD zum Buch über den US-amerikanischen Folksänger Woody Guthrie: Hard Travelin', erschienen im Palmyra Verlag. So wie Woody Guthrie nicht nur Bob Dylan in seiner frühen Schaffensphase beeinflußt hat, so war und ist Howard Zinn ein wichtiger Bezugspunkt der US-amerikanischen Bewegungen gegen den Krieg und für soziale Gerechtigkeit.

Einen Gedanken möchte ich zum Schluß dieser Sendung noch anbringen. Soziale Bewegungen, die von der herrschenden Politik Zugeständnisse einfordern, stehen immer vor der Frage, wie seriös sie ihr Anliegen vorzutragen haben, oder anders ausgedrückt: ob sie nicht zu radikal sind, um ernst genommen zu werden. Diese Fragestellung ist nicht neu und fand sich beispielsweise im Kampf für die Abschaffung der Sklaverei. Im Jahr 1831 zog der ehemalige Sklave Nat Turner mit seinen Gesinnungsgefährten plündernd und brandschatzend von Plantage zu Plantage und drückte hierin sehr plastisch die Gefühle der jahrhundertelang versklavten Männer und Frauen aus. Howard Zinn schreibt hierzu:

Verursachten solche Ausschreitungen Rückschläge für die Sache der Emanzipation, wie einige gemäßigte Sklavereigegner damals befürchteten? James Hammond, ein Befürworter der Sklaverei, beantwortete diese Frage im Jahr 1845: "Doch selbst wenn eure Vorgehensweise vollkommen anders wäre – wenn ihr Nektar von euren Lippen schöpfen und die süßeste Musik verbreiten würdet. … Denkt ihr, ihr könnt uns dazu bewegen, tausend Millionen Dollar aufzugeben, die unsere Sklaven wert sind, und weitere tausend Millionen Dollar durch Wertminderung unseres Landbesitzes …?" [Seite 172]

Mit diesem Gedanken verabschiede ich mich für heute. Doch zuvor noch ein Ausschnitt aus der DVD You Can't Be Neutral On A Moving Train über Howard Zinn. Am Mikrofon war Walter Kuhl.

 

ANMERKUNGEN

 

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»» [1]   Einzelne Kapitel wurden schon 2006 in neun separaten Teilbänden veröffentlicht.

»» [2]   Zinn trägt eine Vielzahl von Dokumenten zu den Klassenkämpfen in den USA zusammen, die das Bild eines konservativen politischen Mainstreams zu erschüttern vermögen. Seine Darstellung zeigt jedoch auch, daß die herrschende Klasse vor keiner Form der Gewalt zurückschreckt, wenn es um Macht und Profit geht.

»» [3]   Manchmal stolpert die Leserin oder der Leser über die Tücken der Übersetzung. So schreibt Lenin sein berümtes Buch über den Imperialismus auf Englisch [Seite 353]. Aus der historisch bedeutsamen Kaserne von Santiago de Cuba wird eine Armeebaracke (am. barracks) [Seite 429].

»» [4]   Als Beispiel sei hier meine Dokumentationsseite zu den Ereignissen im Dezember 2007 angeführt.

 


 

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