Keltenzeremonie in Rödermark-Bulau
Nachgestellte Keltenzeremonie in Rödermark-Bulau.

Geschichte

Himmlische Mächte

Sendemanuskript

 

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 28. März 2005, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Montag/Dienstag, 28./29. März 2005, 23.10 bis 00.10 Uhr
Dienstag, 29. März 2009, 08.00 bis 09.00 Uhr
Dienstag, 29. März 2009, 16.00 bis 17.00 Uhr

Zusammenfassung:

Was ist Ostern und wozu ist es gut? Die heidnischen Wurzeln führen uns in die Jungsteinzeit und deren religiösen Vorstellungen. Jahrtausende später siedelten sogenannte Kelten in Mitteleuropa und hinterließen uns Spuren, die wir zu interpretieren haben.

Besprochenes Buch:

 


 

Inhaltsverzeichnis

 


 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

Es ostert. Doch was bedeutet Ostern? Die Tagesredaktion von Radio Corax aus Halle ist dieser Frage im folgenden Beitrag nachgegangen.

Ich hätte es wissen müssen. Der verkaufsoffene Sonntag am 20. März war nicht dazu gedacht, das wahlmüde Volk aus seinen Wohnstuben auf die Straße und damit in die Wahllokale zu locken. 57% der Darmstädterinnen und Darmstädter zogen es bekanntlich vor, weder dem frisch gewählten Ober­bürger­meister Walter Hoffmann noch seinem schnarchigen Heraus­forderer Wolfgang Gehrke ihre Stimme zu geben. Es sind fast schon US-amerikanische Verhältnisse: das Stadt­oberhaupt wurde von weniger als einem Viertel der hier lebenden Menschen gewählt. Anders gesagt: drei Viertel wollten ihn nicht haben. Er kommt trotzdem. [2]

Wahrscheinlich sind nicht wenige derjenigen, die in dieser Wahl keine Wahl gesehen haben, am selben Sonntag­nachmittag durch Darmstadt flaniert und haben sich angeschaut, was es im Bereich der bunt glitzernden Konsum­welt zu wählen gibt. Im Gegensatz zum Wahlzettel, dessen Ankreuzen nichts kostet (aber: beachtet die Folgekosten einer solchen Wahl!), war das Wählen einkaufs­würdiger Gegen­stände ganz sicherlich nicht preiswert. Die hessische Geschäfts­welt hat sich ganz gewiß etwas dabei gedacht, als sie für Sonntag vor Ostern den Geschäfts­trubel entdeckt hat. Ostern ist eben ein Fest wie jedes andere auch: es wirkt nur, wenn dabei Freundschaft und Geborgen­heit gekauft werden können.

Ich mag mir lieber nicht vorstellen, was diese Form der Korruption über unsere Lebenswelt aussagen mag. Statt dessen stelle ich etwas anderes in meiner heutigen Sendung vor. Österlich gestimmt, wie wir uns in den Darmstädter Geschäften eingedeckt haben, fragen wir uns natürlich auch, woher diese österliche Stimmung kommen mag. Ostern ist ein christliches Fest, aber ist das alles? Und was mögen die Menschen, die lange vor dem Christentum hier gelebt haben, über derartige Stimmungen gedacht haben?

Nun – die Religions­wissenschaftlerin Ina Mahlstedt hat sich mit der religiösen Welt der Jung­steinzeit auseinander­gesetzt und der Wissenschafts­autor Martin Kuckenburg weiß mehr zu den Kelten in Mitteleuropa. Die Vorstellung der von ihnen hierzu geschriebenen Bücher wird den Schwerpunkt meiner heutigen Sendung ausmachen. Und damit wir hierzu auch ein wenig Anschauungs­material erhalten, lädt uns Thomas F. Klein zu einhundert Ausflügen in die keltische Vergangen­heit ein. Für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt ist am Mikrofon Walter Kuhl.

 

Österliches

Wenn die Christenheit das Osterfest begeht, dann geschieht dies nicht notwendiger­weise überall zur selben Zeit. Die Orthodoxe Kirche ist bekanntlich noch dem julianischen Kalender verhaftet, weshalb das Osterfest, wie dieses Jahr, hier auch einmal fünf Wochen später als bei uns begangen werden kann. [Mit den exakten Jahrestagen haben es die Kirchen offensichtlich nicht. Jesus Christus' Tod und Wieder­auferstehung zu immer anderen Daten – und wie das kalendarische Durcheinander zeigt: auch noch doppelt – zu begehen, bezeugt sicherlich nicht ein glaub­würdiges Ereignis.] Mit ziemlicher Sicherheit hat das Osterfest jüdische Wurzeln; die Verwandt­schaft zum Pessachfest ist zu offensichtlich. Da bis heute nicht geklärt werden konnte, ob die mythische Figur Jesus tatsächlich gelebt hat, kann es also durchaus sein, daß diesem Mythos, also Jesus von Nazareth, ein jüdisches Fest als Auferstehungs­fest unter­geschoben worden ist.

Inwieweit das Osterfest heidnische Wurzeln hat, ist umstritten. Natürlich hatte das Christentum von Anfang an kein Problem damit, sich aus nicht­christlichen Religionen oder Glaubens­vorstellungen zu bedienen. Es wäre ja auch seltsam, wenn aus dem Nichts eine vollkommen neue Religion erfunden worden wäre. Angesichts der kalendarischen Nähe zum Frühlings­anfang ist es also durchaus möglich, daß im Osterfest auch Elemente eines heidnischen Frühlings­festes enthalten sind. Allerdings heißt dies noch lange nicht, daß ein solcher heidnischer Bezug ausgerechnet aus der gemanischen Götterwelt stammen muß. Zwar gibt es die Behauptung, daß sich das Wort Ostern von einer germanischen Göttin der Morgenröte namens Ostara herleiten läßt. Es ist jedoch nach neuerem Forschungs­stand alles andere als gesichert, daß es diese Göttin überhaupt gegeben hat. Woher das Wort Ostern kommt, läßt sich daher nur mutmaßen. [3]

Nehmen wir das Osterfest einfach als gegeben. Wir müssen es ja nicht in einem wie auch immer gearteten religiösen Gewand begehen. Wir können auch einfach nur den durch­geknallten Propheten der neoliberalen Deregu­lierung eine lange Nase zeigen und, anstatt zu malochen, einfach einmal ausspannen. Doch machen wir uns nichts vor: ein christliches Fest wie Ostern ist im Sinne markt­wirtschaftlicher Reform­vorstellungen einfach anachro­nistisch. Vielleicht wird es nur deswegen bewahrt, um am Sonntag zuvor den Massen das Geld aus der Tasche locken zu können, damit diese sich auf Euro und Cent genau berechnet ihr Seelenheil erkaufen können.

 

Annäherungen

Besprechung von : Ina Mahlstedt – Die religiöse Welt der Jungsteinzeit, Konrad Theiss Verlag 2004, € 24,90

Vor vielen tausend Jahren dachten die Menschen, die in Europa siedelten, ganz gewiß nicht an das Osterfest. Nach dem Ende der Eiszeit und der sogenannten Neolithischen Revolution in Vorderasien begannen die Menschen, seßhaft zu werden. Gewiß war dies ein langwieriger und nicht immer erfolgreicher Prozeß. Es mögen viele Jahrhunderte (oder gar Jahrtausende) des Halb­nomadentums voraus­gegangen sein, bis es den Menschen gelang, ihren Lebens­unterhalt durch eine seßhafte Lebens­führung zu sichern. Dabei ist sicher auch zu berück­sichtigen, daß es von Anfang an Tendenzen gegeben hat, welche die private Aneignung des produzierten Reichtums gefördert haben. Die Klassen­gesellschaften der Bronzezeit und der Eisenzeit sind nicht einfach aus dem Nichts entstanden; sie haben eine lange Vorgeschichte der gesell­schaftlichen Aus­differenzierung.

Diese neolithische Lebensform ging allen frühen Hochkulturen voran, wenn auch je nach Region in unter­schiedlicher Ausprägung. Die mit Beginn der Schrift­kulturen faßbaren, weil aufgeschriebenen, religiösen Vorstellungen wurzelten in der voran­gegangenen Jung­steinzeit. So liegt es durchaus nahe, diese bekannten und vielleicht auch verstandenen religiösen Vorstellungen auf die Zeit vor den Schrift­kulturen zu übertragen. Doch dies, so die Religions­wissenschaftlerin Ina Mahlstedt in ihrem Buch „Die religiöse Welt der Jung­steinzeit“, wird den Menschen des Neolithikums nicht gerecht. Sie sieht einen fundamentalen Unterschied in den Glaubens­vorstellungen der Menschen der Jung­steinzeit und denen der nach­folgenden Bronzezeit. Was wir zunächst vorfinden, sind archäologische Überreste. Am deutlichsten sichtbar sind die Hinter­lassenschaften der Jung­steinzeit in der Megalith­kultur. Die Archäologie befaßt sich ihrem Selbst­verständnis nach mit der Aufarbeitung dieser Hinter­lassenschaften. Ina Mahlstedt hält dies für zu kurz gedacht. Genau­sowenig, wie man und frau das Christentum aus mittelalterlichen Kathedralen oder vergrabenen Kruzifixen verstehen kann, ist es möglich, die geistige und religiöse Welt der Jung­steinzeit anhand ihrer Kult­stätten zu erfassen.

Hinzu kommt, daß die Menschen vor Tausenden von Jahren von gänzlich anderen existenziellen Sorgen und Lebens­mustern bewegt worden sind als wir heute. Wir müssen also einen Zugang zu den damaligen geistigen Vorstellungen finden, welcher der damaligen Lebens­realität entsprochen haben mag. Dies ist kurzgefaßt der Grundgedanke von Ina Mahlstedt. Sie fährt fort:

Nicht die sichtbaren, sondern die unsichtbaren geistigen Überreste alter Kulturen sind der Gegenstand religions­wissenschaftlicher Forschung. Die Religion, solange sie noch nicht schriftlich fixiert, sondern frei assoziierend in Mythen tradiert wird, reflektiert die existenziellen Gegeben­heiten, die der Alltag mit sich bringt, und formt Bilder, Ideen und Konzepte, die in der Lebenswelt der Menschen wurzeln, so wie die Lebenswelt umgekehrt ihre „Wahrheit‘ aus der Religion erhält, die Erklärungen für die großen existenziellen Lebensfragen liefert. Das ist eine lebendige und wechselseitige Durch­dringung und Gestaltung, bei der die religiöse Wahrheit zur Realität wird und damit dem Leben Stabilität und Ordnung verleiht. [4]

In einer agrarischen Welt geht es haupt­sächlich um Ernten und Saatgut, um Wind und Wetter. Die mit der Seßhaft­werdung verbundenen neuen sozialen Beziehungen schlagen sich in Mythen nieder. Die Welt ist so, wie die Mythen sie erklären; und daraus bezieht eine derartige Gesell­schaft ihre Zusammen­gehörigkeit. Neben Mythen gibt es weiteres Material, das uns die Glaubens­vorstellungen der Menschen der Jung­steinzeit nahebringen kann: es ist die Ikono­graphie. Das überreiche Material an Ritz­zeichnungen oder Symbolen ist nach Auffassung der Autorin jedoch überhaupt noch nicht als geistige Ausdrucks­form erkannt und ausgewertet worden. Ina Mahlstedt meint, es handelt sich hierbei nicht einfach um eine Dekoration, sondern um eine Symbolik, die uns die neolithische Gesell­schaft verständlicher machen kann.

Buchcover Ina Mahlstedt "Die religiöse Welt der Jungsteinzeit"Auch die Welt der Jungstein­zeit hatte ihre Vorgänger. Geistige, auch religiöse Vorstellungen mögen sich im Laufe von Hundert­tausenden von Jahren entwickelt haben. Es waren Sammlerinnen und Jäger, welche langsam die Erde bevölkerten und hierbei ihre Fähigkeiten entwickelten. Es ist jedoch problematisch, unser Bild von Religion, erst recht einer mono­theistischen Religion, in die Vergangen­heit zurückzu­projizieren. Diese Vergangen­heit ist jedoch nicht einfach primitiv oder in ihren spirituellen Vorstellungen einfältig. Sie ist auf eine gewisse Weise dem dort vorherr­schenden Leben angepaßt. Und nur, wenn wir dieses Leben verstehen, können wir auch erforschen, wie diese Menschen sich selbst und ihre Umwelt verstanden haben mögen.

Die seßhaft werdenden Menschen der Jung­steinzeit übernahmen die Mythen und Vorstellungen ihrer umher­wandernden Vorfahren und überlagerten sie im Laufe vieler Jahr­hunderte mit neuen Inter­pretationen und Bildern.

Ina Mahlstedt betrachtet deshalb die Vorstellungen der Kung-Jäger der Kalahari und die der Aborigines in Australien etwas näher, um eine Vorstellung von dem zu erhalten, wie Menschen vor der Seßhaft­werdung ihre Welt begriffen haben mögen. Wie bei vielen derartiger Einzelfall­betrachtungen kann auch Ina Mahlstedt kein statistisch gesichertes Material vorlegen. Sie kann weder nachweisen, daß diese nomadisierende Gedanken­welt universell gewesen ist, noch daß die von ihr angeführten Quellen verall­gemeinerbar sind. Dies ist ein Grund­problem jeder ethnologischen und religions­wissenschaftlichen Betrachtung. In gewisser Weise können wir hier glauben oder nicht glauben. Gesichertes Wissen werden wir jedenfalls kaum jemals darüber erhalten, was und wie Menschen vor 10.000 Jahren gedacht haben mögen.

Dennoch sind einige Annäherungen möglich. Umher­wandernde Menschen­gruppen haben andere Probleme als seßhafte. Wer seßhaft geworden ist, ist dem Verlauf der Jahres­zeiten ungleich stärker ausgesetzt als diejenigen, welche mit den Jahres­zeiten wandern. Mangel, Dürre und Frost bekommen ein gänzlich neues Gewicht. Seß­haftigkeit trennt die einzelnen Gruppen stärker voneinander und führt zu territorialen Einheiten. So entstanden neue soziale Probleme, die einer kommunikativen [und da auch Gewalt eine Kommunikations­form ist, eben auch der gewalt­förmigen] Lösung harrten.

Die Leben spendenden Kräfte mussten jetzt dort Verehrung finden, wo man lebte, und nicht mehr in der Natur, wo man saisonal hingezogen war. [5]

Planung und Voraussicht wurden wesentliche Faktoren des Zusammen­lebens. Um die Jahreszeiten genau vorherzusagen, mußten Techniken der Stern- und Himmels­beobachtung gefunden werden. Dies erklärt womöglich die vielen Stein­setzungen, die jedoch nicht will­kürlich immer gleich als Kultstätten oder Observatorien gedeutet werden dürfen. Die Frage ist jedoch: hat der Prozeß der Seß­haft­werdung einen einzigen Ursprung oder handelt es sich hierbei um ein universelles Phänomen?

Erstaunlich ist dabei immer wieder, wie sehr sich neolithische Kulturen in der Ikonographie ihrer Töpfereien, ihren Artefakten, ihrem Handwerkszeug und Kultgegen­ständen ähnelten. […] Eine solche Über­einstimmung über die Kontinente hinweg kam aber nicht zufällig, kann auch nicht auf kolonialistischer Verbreitung basieren, sondern kann nur auf einer geistigen Grundlage beruhen, die zu dieser ähnlichen Gestaltung führte. […] Da sich religiöse Vorstellungen aus der Lebenswelt ergeben und die Mythen sich auf existenzielle Anforderungen beziehen, denen die Menschen ausgesetzt sind, müssen ihre „Wahrheiten“ auch die gleichen sein. Sie gleichen sich überall dort, wo man mit der Bearbeitung der Erde beginnt und sich Nahrung anbaut, wenn auch ihre mythische Gewandung recht unter­schiedlich ist. Die kulturell-religiöse Grund­struktur in der Ausrichtung auf die Erde, auf den Rhythmus des Himmels und die Vegetations­perioden ist in ihrer Tendenz überall die gleiche. [6]

Ina Mahlstedt bricht also mit dem wissen­schaftlichen Dogma, aus den vorhandenen Funden eine Vergangen­heit zu rekonstruieren. Statt dessen geht sie, durchaus materialistisch, davon aus, daß Menschen ihre Geschichte selbst machen, aber eben unter den jeweils vorge­fundenen Bedingungen. Und auf dieser Grundlage erklären sich diese Menschen ihre Welt. Wenn es dann gelingt, das vorhandene Fund­material mit diesem Erklärungs­ansatz abzugleichen, dann hätten wir einen spannenden Forschungs­ansatz, um die geistige Welt der Jung­steinzeit zu begreifen.

Der Hauptteil des Buches von Ina Mahlstedt befaßt sich daher mit der Symbolik von Steinen und Schöpferkraft, mit bildlichen Darstellungen und den als Ornamente gedeuteten Ritz­zeichnungen. Mag sein, daß die Autorin hierbei mehr erklären will, als tatsächlich möglich ist. Lesenswert ist ihr Ansatz und das, was sie damit herausfindet, allemal. Dieser Ansatz ist nicht willkürlich und läßt sich daher auch nicht für esoterische Gedanken­spiele vereinnahmen. Ina Mahlstedt verneint hierbei die Existenz eines Matriarchats oder genauer: matriarchaler Strukturen. Für ein solches ist in der neolithischen Welt kein Platz [7].

Mit Beginn der Bronzezeit ist die damit verbundene Entwicklung der Waffen­technologie offen­sichtlich – und diese neue Epoche hat durchaus ihre religiösen Folgen. Die bisherigen zyklischen Vorstellungen von Leben und Sterben, vom Tod, der Leben hervorbringt, werden abgelöst durch endzeitliche Erfahrungen mit dem Tod. Der bisherige Mensch stand in einer endlosen Reihe vergehender und wieder­kehrender Lebewesen; doch nun nimmt er sein Schicksal selbst in die Hand und spielt Gott. Diese kulturelle und soziale Tat erforderte neue religiöse Konzepte. Mit dem Beginn der sogenannten Hoch­kulturen ist kein Platz mehr für die Lebens- und Glaubens­vorstellungen der Jung­steinzeit.

Kleinere Ungenauigkeiten mögen beim Lesen irritieren, aber sie halten sich in Grenzen. Die sumerischen Tempelberge wurden nicht aus Stein, sondern aus Ziegeln erbaut [Seite 32], der ägyptische Gott Amun heißt nicht Amum [Seite 59, jedoch richtig auf Seite 58], Ahua Mazda sollte doch wohl Ahura Mazda heißen [Seite 65] und die hethitische Sonnen­göttin hieß nicht Arinna, sondern wurde in dieser Stadt verehrt [Seite 121].

Das Buch „Die religiöse Welt der Jung­steinzeit“ von Ina Mahlstedt ist durch seinen methodischen Ansatz provokativ und nicht ganz unproble­matisch. Lesenswert ist es allemal. Bei Theiss erschienen, kostet es 24 Euro 90.

 

Umfangreich

Besprechung von : Martin Kuckenburg – Die Kelten in Mitteleuropa, Konrad Theiss Verlag 2004, € 39,90

Gänzlich andere Glaubens­vorstellungen bestimmten das Leben der Kelten in Mitteleuropa. Der Wissenschafts­journalist Martin Kuckenburg hat im vergangenen Jahr (ebenfalls bei Theiss) eine sorgfältig recherchierte Zusammen­fassung unseres Wissens­standes heraus­gebracht.

Wenn wir auch vermuten können, daß das Ursprungs­gebiet der Kelten irgendwo im südlichen Mitteleuropa zu suchen ist, so liegt die genaue Herkunft dieser Kelten noch im Dunkeln. Nach dem heutigen methodischen Standard der Klassi­fizierung von Menschen­gruppen in Ethnien müssen wir festhalten, daß diejenigen, welche wir als Kelten bezeichnen, sehr wahr­scheinlich keine gemeinsame ethnischen Wurzeln besaßen. Wie Jahrhunderte später bei den Germanen oder Hunnen, so ist auch hier der Name nur ein Oberbegriff für ursprünglich nicht zusammen­gehörige Gruppen, die jedoch eine kulturelle oder politische Einheit bildeten.

Buchcover Die Kelten in MitteleuropaDie Kelten treten uns erstmals faßbar gegen 600 vor unserer Zeit­rechnung entgegen und breiteten sich im Laufe der Zeit zwischen den Britischen Inseln und Anatolien, zwischen den [deutschen] Mittel­gebirgen und Spanien aus. Das muß nicht bedeuten, daß die dort lebenden Menschen sich als Kelten verstanden haben, und erst recht gab es mit einer kurzzeitigen Ausnahme nie den Versuch, ein größeres Territorial­gebiet unter einer einheitlichen Führung zu vereinen. Doch kulturell sind die Kelten für sechs­hundert Jahre faßbar, ehe sie vor allem von den römischen Legionen besiegt wurden.

Ansätze für kleinere Territorien oder Herrschafts­gebiete lassen sich dennoch finden. Sogenannte Fürsten­sitze scheinen eine über­regionale Bedeutung besessen zu haben; und die Monopol­stellung über Salz und Metallerze sowie die Beherrschung von Handelsrouten mag zu einem gewissen Reichtum (und zu Macht) geführt haben. Ein etwas anderes Bild entwickelt sich im 2. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, als sogenannte oppida, kleinere städtische Siedlungen entstanden. Das oppidum Manching in Bayern, dessen keltischen Namen wir nicht kennen, besaß eine Befestigungs­mauer von sieben Kilometern Länge und umschloß ein Areal von rund 380 Hektar, also fast vier Quadratkilometern.

Die Kelten besaßen sehr wahrscheinlich keine eigene Schrift; wenn sie etwas schriftlich notierten, dann wohl eher in griechischen Buchstaben. In Manching und anderen oppida wurden Schreib­griffel und Täfelchen gefunden; aber ob dies auf eine regel­mäßige Benutzung der Schrift zu Verwaltungs­zwecken hinweist, ist eher zweifelhaft. Keltisches Wissen wurde mündlich weitergegeben.

Jahrhundertelang waren keltische Krieger gefürchtet. Alexander der Große soll vor seinem Feldzug gegen das Perserreich eine keltische Gesandt­schaft empfangen und sie gefragt haben, was sie denn am meisten fürchten. Die durch den griechischen Schriftsteller Strabon überlieferte Antwort kennen wir aus den Asterix-Comics in einer ironisierenden Weise: Sie fürchten nichts, außer daß der Himmel über ihnen einstürze. Erst als die römischen Legionen mit ihrem Drill dem chaotischen Haufen keltischer Heere gegenüber­standen, erlitten die Kelten eine Niederlage nach der anderen. Caesars Eroberungszug durch Gallien brachte einer Million Menschen den Tod.

Schwieriger zu fassen ist die keltische Religion. Unsere einzigen Quellen sind griechische und römische Autoren mit ihrer tendenziösen Darstellung sowie archäo­logische Zeugnisse. Menschenopfer und rätselhafte Totenkulte vermitteln ein besonders düsteres Bild, dem sich auch Martin Kuckenburg nicht ganz entziehen kann:

[E]s verfestigt sich der Eindruck, dass die Religion ein absolut zentrales Element in der Kultur der Kelten war und dass der Götter- und Dämonen­glaube das gesamte Leben und Handeln dieser antiken Völker­schaften durch­drang. [8]

Allerdings zeigt sich hierbei auch, daß wir vorsichtig damit sein sollten, unser religiöses Empfinden zur Richt­schnur zu machen. Blutige Opferrituale mögen uns abschrecken, aber die Geschichte des Christentums ist ja nun auch nicht gerade ein Muster an Fried­fertigkeit. Nur wurden die auf Scheiter­haufen Verbrannten nicht Gottes Opfer genannt [und waren es vielleicht doch?]. Und wenn die keltische Religion das gesamte Leben durchdrungen haben soll, was wäre dann von bestimmten Perioden der mittel­alterlichen und neuzeitlichen Geschichte zu sagen? Wenn ich überhaupt Kritisches an der Darstellung des Autors finde, dann hier.

Was den Band auszeichnet, ist zweierlei: einerseits werden die in Büchern und Zeitschriften verstreuten Erkenntnisse gut sortiert und mindestens ebensogut lesbar zusammen­gefaßt. Hier arbeitet ein Wissenschafts­autor, der etwas davon versteht, worüber er schreibt. Das ist leider nicht selbst­verständlich. Zum anderen wird die keltische Kultur mit 170 farbigen Abbildungen eindrucks­voll visualisiert.

Der Band „Die Kelten in Mitteleuropa“ von Martin Kuckenburg ist im Theiss Verlag zum Preis von 39 Euro 90 heraus­gekommen.

 

Ausflug

Besprechung von : Thomas F. Klein – Wege zu den Kelten, Konrad Theiss Verlag 2004, € 24,90

Wenn wir den Gedanken des Osterfestes als Frühlings­fest noch einmal aufgreifen, dann liegt es nahe, die sich erwärmende Jahreszeit zu Ausflügen in die nähere und weitere Umgebung zu nutzen. Thomas F. Klein hat uns hierzu „100 Ausflüge in die Vergangen­heit“ anzubieten; und da ich soeben von den Kelten gesprochen habe, handelt es sich um den Band „Wege zu den Kelten“ aus dem Theiss Verlag.

Schon allein das Rhein-Main-Gebiet ist umfangreich vertreten. Natürlich bietet sich zunächst (oder doch erst am Ende?) ein Besuch im Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz an. Kein anderes Museum, so der Verfasser, besitzt derart viele Exponate der keltischen Zeit. Andererseits strahle es den Charme einer puristischen Lehr­sammlung aus, denn es fehlen eine Einführung und erst recht weiter gehende Erläuterungen zu den einzelnen Objekten.

Buchcover Wege zu den KeltenDas Gebiet zwischen Aschaffen­burg und Mainz ist seit Jahr­tausenden ein bevorzugter Siedlungs­platz gewesen. Im Frankfurter Stadtteil Schwanheim gibt es einen neun Kilometer langen archäologischen Lehrpfad durch Eichen- und Buchenwälder zu Gräberfeldern aus der Hallstatt­zeit. Die nach dem öster­reichischen Hallstatt benannte Kultur gilt als Beginn der keltischen Geschichte und ist zwischen 800 und 450 vor unserer Zeit­rechnung anzusetzen.

Zwischen Urberach und Offenthal am Bulauer Berg entdeckte man einen hallstatt­zeitlichen Grabhügel oder vielmehr das, was davon noch übrig geblieben war. Dieser wurde im Rahmen des Keltenjahres 2002 wieder aufge­schüttet und mit einer nach­empfundenen Bestattungszeremonie dekoriert. Ob man und frau sich das wirklich so vorstellen muß, ist eine andere Frage, aber es soll zumindest eine Ahnung von keltischen Bestattungs­ritualen vermitteln.

Im 6. oder 5. Jahrhundert vor unserer Zeit­rechnung errichteten Kelten auf dem Altkönig bei Oberursel einen sogenannten Fürsten­sitz. Wer diesen Berg besaß, beherrschte wahr­scheinlich das Rhein-Main-Gebiet. Einige Jahrhunderte später wurde am Stadtrand von Oberursel ein etwa 130 Hektar großes oppidum errichtet. Diese keltische Stadtanlage ist mit der Frankfurter U-Bahnlinie 3 zu erreichen.

Natürlich darf der Glauberg in einer solchen Ausflugs­sammlung nicht fehlen. Die dort ausge­grabenen steinernen Plastiken sogenannter Kelten­fürsten sind in der Tat eine archäo­logische Sensation ersten Ranges. Inzwischen wurde das Gelände als Archäo­logischer Park hergerichtet und eine Kopie des Kelten­fürsten im Glauberger Heimatmuseum aufgestellt.

Etwas weiter nördlich sind bei Butzbach keltische Ringwälle zu erwandern oder im Biebertal am Dünsberg ein rund 90 Hektar großes oppidum. Tausende Häuser müssen hier im 2. und 1. Jahr­hundert vor unserer Zeit­rechnung eine stadt­ähnliche Siedlung gebildet haben. Die Zufahrt zu diesem oppidum ist als eine Rekonstruktion zu betrachten. Dortige Funde legen eine militärische Auseinander­setzung mit römischen Truppen nahe, über die wir mangels historischer Über­lieferung jedoch nichts wissen. Fast spurlos ist der ober­hessische Raum anschließend in römischen und germanischen Besitz, getrennt durch den Limes, aufgegangen.

Thomas F. Klein schlägt einen großen Bogen zu möglichen keltischen Ausflugs­zielen. Vom Rhein-Main-Gebiet zieht er nordost­wärts gen Rhön und nach Thüringen, von dort südlich nach Franken und Bayern, anschließend gelangt er über Baden-Württemberg ins Elsaß, und von dort über Eifel und Hunsrück in den Moselraum. Eigene Kapitel über Ausflugsziele in Österreich, der Schweiz und Burgund runden den Band ab. Damit ist ein Großteil des keltischen Siedlungs­gebietes abgedeckt.

Fast schon unvermeidlich ist hinsichtlich der Besuchsziele die Orientierung auf das eigene Auto. Nun sind in den seltensten Fällen keltische Fundstätten mit dem öffentlichen Nahverkehr zu erreichen, aber es gibt ihn natürlich auch außerhalb der Groß­städte. Allerdings verändern Straßen und Parkplätze seltener ihren Standort, als Buslinien ihren Fahrplan und ihre Fahrroute.

Der Band „Wege zu den Kelten“ von Thomas F. Klein ist bei Theiss erschienen und kostet 24 Euro 90.

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte

heute mit einer österlich angehauchten Sendung über die himmlischen Mächte. Nach einem Kurzbeitrag von Radio Corax aus Halle zur Frage, was denn Ostern für verschiedene Menschen bedeutet, habe ich Überlegungen und Erkenntnisse zur religiösen Welt der Jungsteinzeit und innerhalb der keltischen Kultur vorgestellt. Nützlich fand ich hierbei die Bücher von Ina Mahlstedt über Die religiöse Welt der Jungsteinzeit und von Martin Kuckenburg über Die Kelten in Mitteleuropa. Thomas F. Klein schlägt in einem eigenen Band 100 Ausflüge in die Vergangenheit vor; sein Buch trägt daher den Titel Wege zu den Kelten.

Alle drei Bücher sind im Stuttgarter Theiss Verlag erschienen. Und wer Wirtschafts­förderung wie unser frisch gewählter Ober­bürger­meister Walter Hoffmann betreiben will, sollte daran denken, daß der Theiss Verlag zur Wissenschaftlichen Buchgesellschaft gehört; und die residiert bekanntlich in der Riedesel­straße.

Bevor ich in unser Sendestudio 1 zur Sendung Äktschn! der Kultur­redaktion übergebe [9], habe ich noch einen Veranstaltungs­hinweis für den heutigen Montag­abend. Wer diese Sendung in der Wiederholung um 23.00 Uhr oder am Dienstag­morgen nach dem Radiowecker nach 8.00 Uhr oder am Dienstag­nachmittag ab 14.00 Uhr hört, sollte sich von diesem Veranstaltungs­hinweis nicht angesprochen fühlen.

Also – am heutigen Montag­abend um 20 Uhr zeigt das Antifa-Cafe in der Oetinger Villa den Film „Keine Lager – nirgendwo!“ Dieser Film rückt den Widerstand gegen Flüchtlings­lager und Abschiebe­gefängnisse in Europa in den Mittelpunkt. In der Beschreibung des Films heißt es hierzu:

Lager für Flüchtlinge und Migrantinnen und Migranten, diese Orte, die auf keiner Landkarte eingezeichnet sind, lassen sich mittlerweile überall in Europa finden. Lager zielen auf Ausgrenzung und Abschreckung, sie dienen der Zurichtung auf die Arbeits­märkte. Sie produzieren eine Hierarchie von Rechten und sind damit zentraler Bestandteil eines globalen Apartheid­systems. Es ist an der Zeit, neue Karten zu zeichnen, Landkarten des Widerstandes. Es ist an der Zeit, die sichtbaren und unsichtbaren Zäune und Mauern laut herunter zu reißen oder leise zu unter­höhlen. Der Film dokumentiert unterschiedlichste Erfahrungen und Aktionen aus acht Ländern. Es ist eine Anklage der Betroffenen einerseits, aber vor allem ein Patchwork des Widerstandes, das Mut machen und anregen soll, die Kämpfe gegen das Lagerregime zu intensivieren und über alle Grenzen hinaus bekannt zu machen.

Der Film soll zudem dazu beitragen, die europäische Dimension der Lager als Teil eines globalen Migrations­regimes erkennbar zu machen. Auch hierzu gibt es übrigens ein nützliches Buch, welches die Hintergründe ausleuchtet und analysiert. Von Franck Düvell ist hierzu im Jahr 2002 im Verlag Assoziation A das Buch „Die Globalisierung des Migrations­regimes“ erschienen, das sich vor allem mit der neuen Einwanderungs­politik in Europa beschäftigt. Der Film, der am heutigen Montagabend um 20.00 Uhr im Antifa-Cafe in der Oetinger Villa gezeigt wird, heißt „Keine Lager – nirgendwo!“

Dies war eine Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt. Diese Woche gehen wir noch viermal auf Sendung:

Am Mikrofon war Walter Kuhl.

 

ANMERKUNGEN

 

Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

 

»» [1]   entfällt

»» [2]   Siehe hierzu auch meine Seite zur Darmstädter Oberbürger­meisterIn-Wahl am 6. und 20. März 2005.

»» [3]   Siehe hierzu auch die Wikipedia zum Stichwort Ostern.

»» [4]   Ina Mahlstedt : Die religiöse Welt der Jungsteinzeit, Seite 10.

»» [5]   Mahlstedt, Seite 38.

»» [6]   Mahlstedt, Seite 41.

»» [7]   Mahlstedt, Seite 86 und 89. Mir leuchtet es ohnehin nicht ein, was ein Bezug auf ein angebliches mythisches Matriarchat an der heutigen patriarchalen Welt ändern könnte. Der Bezug ist rückwärts­gewandt und verhindert, sich hier und heute aktiv einzumischen. Es scheint sich hierbei um so etwas wie um eine innere Emigration zu handeln: Die Vergangenheits-Mythen verdrängen die Gegenwarts­probleme.

»» [8]   Martin Kuckenburg : Die Kelten in Mitteleuropa, Seite 131.

»» [9]   Üblicherweise folgt auf meine Sendung am 4. Montag eines Monats die Sendung Äktschn! der Kulturredaktion. Vermutlich aufgrund österlicher Abwesenheit der Redakteurinnen der Sendung übernahmen zwei Redaktions­kollegen den Sendeplatz und unterhielten sich über die lokale Kultur- und Kunstszene.

 


 

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