Geschichte

Im Fluß der Geschichte

 

SENDEMANUSKRIPT

In der Sendung vom 22. Mai 2006 sprach ich über die historische Bedeutung der Phönizier für die Entwicklung einer Warenwirtschaft, über Nubien als Goldlieferant und Kulturbringer des pharaonischen Ägypten, über die steinernen Hinterlassenschaften der Khmer in Angkor, über deutsche Geschichtspolitik und über Johan Cruijff.

 

 

Sendung :

Im Fluß der Geschichte

 

Redaktion und Moderation :

Walter Kuhl

 

gesendet auf :

Radio Darmstadt

 

Redaktion :

Alltag und Geschichte

 

gesendet am :

Montag, 22. Mai 2006, 17.00–18.00 Uhr

 

wiederholt am :

Montag, 22. Mai 2006, 23.10–00.10 Uhr
Dienstag, 23. Mai 2006, 08.00–09.00 Uhr
Dienstag, 23. Mai 2006, 14.00–15.00 Uhr

 
 

Besprochene und benutzte Bücher :

  • Michael Sommer : Die Phönizier, Alfred Kröner Verlag
  • Piotr O. Scholz : Nubien, Konrad Theiss Verlag
  • Claude Jacques / Suzanne Held : Angkor, Hirmer Verlag
  • Alfred de Zayas : Die Nemesis von Potsdam, Herbig Verlagsbuchhandlung
  • Frits Barend / Henk van Dorp : Ajax Barcelona Cruijff, Bombus Verlag

 
 

URL dieser Seite : http://waltpolitik.powerbone.de/herstory/ge_fluss.htm

 

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung
Kapitel 2 : Purpurschnecken im Fernhandelsnetz
Kapitel 3 : Afrikanische Wurzeln in der Savanne
Kapitel 4 : Die irdische Kopie des Himmels
Kapitel 5 : Wenn die Rache die Richtigen trifft
Kapitel 6 : Den Raum für Genies öffnen
Kapitel 7 : Schluß

Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

Der Wahnsinn regiert, aber er hat Methode. Die Mehrwertsteuer wird erhöht, nicht etwa, um die Kaufkraft zu verringern, sondern weil wir bluten sollen für die Kriege, die morgen nicht nur im Kongo um strategische Rohstoffe geführt werden müssen. Auch die Arbeitslosen werden hierfür zur Kasse gebeten, weil es ja nicht sein kann, daß fünf Millionen und mehr keinen der nicht vorhandenen Arbeitsplätze finden. Denn die Arbeitsplätze sind da, man und frau muß sich nur einen in der nationalen Jobrotation erkämpfen. Selbst ist der Mann und die Frau: rege dich, tu was, egal ob es sinnvoll ist, mach Männchen und kusche.

Und wenn du nicht brav bist, hat der Bundesnachrichtendienst oder ein anderer Geheimdienst deine Daten und dein Leben in sicherer Verwahrung. Und unsere von demselben BND zuweilen bespitzelten geistreichen Medien erklären uns dies als "Glück", "Chance" und Perspektive. Aber krank werden, gilt nicht. Noch nie sind so viele Menschen krank zur Arbeit gegangen, aus berechtigter Furcht, sonst die ersten zu sein, die rausfliegen. Menschlichkeit, Humanität, das gibt es nur in Sonntagsreden oder dann, wenn es einen neuen Krieg zu legitimieren gilt. Das Leben ist ein Geschäft und, wenn du dich nicht richtig verkaufen kannst, dann hast du schon halb verloren. Und so einen Schwachsinn haben Millionen in diesem Land gewählt. Sie werden schon wissen, warum sie damit glücklich zu werden glauben.

Doch genug der einleitenden Worte. Was gibt es heute in meiner Sendung?

Ich stelle ein Buch über die Phönizier vor, weil es der Autor verstanden hat, eine interessante Wirtschaftsgeschichte gegen den neoliberalen Zeitgeist zu schreiben. Danach bespreche ich einen Band über das geheimnisvolle Gold der Ägypter. Weiter geht es mit dem kulturellen Erbe der Khmer in Kambodscha, bevor ich mich der jüngeren Geschichte widme. Vor fast dreißig Jahren ist ein Buch über die alliierte Mitverantwortung für die Vertreibung der unschuldigen Deutschen erschienen; vor kurzem wurde es neu aufgelegt. Ein guter Anlaß, den Unterschied zwischen Geschichtspolitik und Geschichtsschreibung darzulegen. Und zum Schluß meiner Sendung geht es um ein Spiel, das Millionen in seinen Bann zieht, das aber genauso undemokratisch ist wie diese Gesellschaft.

Am Mikrofon begrüßt euch für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt Walter Kuhl.

 

Purpurschnecken im Fernhandelsnetz

Besprechung von : Michael Sommer – Die Phönizier, Alfred Kröner Verlag 2005, 277 Seiten, € 19,80

Es gehört heutzutage zum guten Ton neoliberaler Theorie– (oder sollte ich sagen?: Mythen–) Bildung, dem Menschen eine anthropologische Konstante des Handelns und Profitstrebens zu unterstellen. Manche Autoren gehen in ihren evolutionsbiologischen Werken sogar soweit, ein derart rationales Verhalten nicht nur den Affen als nahen Verwandten des Menschen zu unterstellen, sondern auch Löwen und anderen Tierarten [1]. Insofern ist es erfrischend, wenn ein Buch über das Handelsvolk der Antike schlechthin, nämlich die Phönizier, einige Dinge wieder gerade rückt. Der Althistoriker Michael Sommer zeigt nämlich, wie sich das moderne Warendenken eingeübt hat. Vorreiter waren hier eben die schon genannten Phönizier, die mit den althergebrachten kulturellen Vorstellungen über das Handeln und das Geschäftemachen aufräumten.

Buchcover Michael Sommer Die PhönizierDen gängigen Klischees nach waren die Phönizier und ihre Abkömmlinge, die Karthager, die reinsten Krämerseelen. Diese Haltung läßt sich durchaus aus antiken Darstellungen ableiten. Schonh in der frühesten griechischen Mythologie finden wir einerseits eine Vorstellung über den Fernhandel als Austausch von Geschenken, aber andererseits auch eine versteckte Bewunderung wie weniger versteckt eine Abneigung gegen die Phönizier, welche den althergebrachten Austausch auf einer neuen profitablen Basis revolutionierten.

Nun war den Phöniziern diese Rolle nicht unbedingt in die Wiege gelegt. Im dritten und zweiten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung bildeten die phönizischen Küstenstädte eine Art doppelte Peripherie, nämlich einerseits gegenüber Ägypten und andererseits gegenüber den sich abwechselnden mesopotamischen Reichen. Im Gegensatz jedoch zu Ägypten und Mesopotamien bildete sich im syrisch–palästinensischen Raum eine urbane Kultur heraus, bei der die schmale agrarische Basis und der von ihr getragene bürokratische, militärische und religiöse Wasserkopf in Widerspruch geraten mußten. Um dieselbe Machtbasis wie die landwirtschaftlich besser ausgestatteten Nachbarregionen zu erreichen, mußte die Bevölkerung stärker ausgepreßt werden.

Die hiermit verbundenen sozialen Spannungen mußten langfristig zu einer neuen Form des Klassenkonsenses führen. Erst die generelle Krise des 12. Jahrhunderts, die wahrscheinlich fälschlich mit dem Seevölker–Einbruch identifiziert wird, schuf die Möglichkeit für neue Kräfte, sich eine eigenständige Klassenbasis zu schaffen. Es waren vor allem die phönizischen Städte, welche die Gunst der Stunde ergriffen und den Warenaustausch zwischen Ost und West, Süd und Nord zu ihrer Lebensquelle erschlossen.

Die Hungersnöte und Migrationsbewegungen des 12. Jahrhunderts scheinen eher Symptom einer generellen Krise gewesen zu sein und nicht deren Auslöser. "Die Ordnung, welche die Großreiche und ihre Vasallenkönigtümer repräsentierten, hatte sich schlicht überlebt." [2] Es bildeten sich gerade im Bereich Syrien / Palästina neue Formen sozialen Zusammenhalts aus, die wir mit den Begriffen Stamm oder Volk nur ungenügend umschreiben können. Die neu erfundenen kollektiven Identitäten bildeten den Kern "eines neuen Typs von Staatlichkeit auf ethnischer Basis" [3]. Wir können dies bei den Philistern genauso beobachten wir bei den Hebräern; beide hatten jedoch denselben kanaanäischen Ursprung.

Interessanterweise war dieses ethnische Kriterium für die Stadtstaatenbildung der Phönizier irrelevant. Hier existierten die urbanen Zentren der Bronzezeit einfach weiter, vielleicht auch, weil sie wenigstens eine Schlüsselressource für den Fernhandel beherrschten: die Purpurschnecken oder das Zedernholz des Libanongebirges beispielsweise. Mangels einer ausreichenden landwirtschaftlichen Versorgungsbasis blieb diesen Städten wohl nicht viel anderes übrig als mit ihrem exklusiven Rohstoff sich die benötigten Ressourcen anzueignen. Damit einher ging jedoch ein neues Geschäftsprinzip. Handel wurde nicht mehr als Austausch relativ gleichwertiger Geschenke betrachtet, sondern als Methode, die Preisdifferenz in verschiedenen auseinander liegenden Gebieten auszunutzen.

Dies hatte natürlich auch Auswirkungen auf die innere Struktur der phönizischen Stadtstaaten. Das Königtum wurde in seiner Bedeutung nach und nach zurückgedrängt und erhielt eine eher zeremonielle Funktion. Während dessen etablierte sich eine Klasse von Kaufleuten als tatsächlichen Herrschern der Stadt, die mittels Lohnarbeit und Sklaverei die benötigten Handelsgüter herstellen ließ.

Die augenfälligsten Veränderungen in der ökonomischen Struktur der levantinischen Stadtgesellschaften betrafen den Fernhandel: seine Funktion, die Durchsetzung von Marktmechanismen und die Dezentralisierung seiner Organisation. Dieser wirtschaftlichen Transformation verdankte eine neue Gruppe, gänzlich in eigener Verantwortung und auf eigene Rechnung wirtschaftende Fernhandelskaufleute, ihre Existenz. Sie besetzten die Position einer wirtschaftlichen Führungsschicht, die zuvor die ranghohen Funktionäre der Palastelite […] eingenommen hatten. Auf politischem und institutionellem Gebiet waren Magistraturen und kollektive Körperschaften als Vertretungen einer oligarchischen Machtelite die wichtigsten Neuschöpfungen. [4]

Diese neue Klasse hatte mehr mit den Patriziern des Mittelalters als mit den Aristokraten der griechisch–römischen Antike gemein. Denn letztere stützten sich auf ausgedehnten Grundbesitz, der Handel als solcher brachte ihnen kein Prestige. Dies erklärt vielleicht auch die Ressentiments der antiken Welt gegenüber Phöniziern und Karthagern, die das Geschäftsprinzip als solches betrieben.

Michael Sommer betrachtet in seinem Buch über Die Phönizier die Handelsherren zwischen Orient und Okzident. Selten bin ich einem Buch begegnet, das mit solcher Präzision die Wirtschaftsgeschichte des Vorderen Orient und der Antike darlegt. Wenn der Autor sich dann noch weniger auf Max Weber und mehr auf Karl Marx gestützt hätte, wäre sein Buch womöglich auch in Bezug auf die Herausbildung von Klassengesellschaften ein wichtiger Meilenstein geworden. Einzig sein Gedankengang, historisch spätere karthagische Institutionen schon relativ früh in den phönizischen Städten zu vermuten [5], ist vielleicht doch ein wenig zu spekulativ. Aber man und frau kann ja schließlich nicht alles haben.

Das Buch Die Phönizier von Michael Sommer ist letztes Jahr im Alfred Kröner Verlag erschienen. Es hat 277 Seiten und kostet 19 Euro 80.

 

Afrikanische Wurzeln in der Savanne

Besprechung von : Piotr O. Scholz – Nubien, Konrad Theiss Verlag 2006, 224 Seiten, € 24,90, ab 2007: 29,90

Während die Geschichte und Kultur des alten Ägypten seit zwei Jahrhunderten systematisch erforscht und dokumentiert ist, gilt dies für die ägyptische Peripherie ganz und gar nicht. Mehr im verborgenen blieb das geheimnisvolle Goldland der Ägypter im heutigen Sudan. Diesen Zustand zu ändern, ist das Anliegen des Orientalisten und Kunsthistorikers Piotr O. Scholz; und so konnte er den Theiss Verlag dafür gewinnen, ein Buch über Nubien herauszubringen.

Buchcover Piotr O. Scholz NubienDieses von den alten Ägyptern Kusch genannte Land stand nicht nur hinsichtlich der historischen Forschung im Schatten des strahlenden Landes der großen Pyramiden und der monumentalen Tempelbauten. Schon das altägyptische Reich des 3. Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung war darauf bedacht, sich den Ressourcen–Reichtum des südlichen Nachbarn zu erschließen. Die reichen Goldvorkommen wurden zugunsten der Pharaonen genauso ausgebeutet wie die Steinbrüche für die Bauwerke am Nil. Die südlichen Befestigungsanlagen lassen jedoch vermuten, daß Kusch bzw. Nubien eher unter einer Art indirekter Herrschaft stand.

In dieser Zeit fanden die Menschen noch nicht das trockene Wüstenklima von heute vor. Wir müssen uns zumindest für das 4. und 3. Jahrtausend die Gegend noch eher als eine Art Savanne vorstellen. Erst die zunehmende Trockenheit zwang die Menschen dazu, sich direkt im Niltal anzusiedeln. Piotr O. Scholz legt in seinen Ausführungen den Gedanken nahe, daß die eigentlich im fruchtbaren Halbmond Nordmesopotamiens verortete Neolithische Revolution vielleicht doch kein ganz so einmaliges Ereignis war. Diese soll im damals wesentlich feuchteren Sudan schon im 7. Jahrtausend vollzogen gewesen sein; und es gibt Hinweise auf Getreideanbau schon einige Jahrtausende früher. Wahrscheinlich bildete jedoch damals eher die Viehzucht als der Ackerbau die Grundlage zur Herausbildung einer eigenständigen kulturellen Entwicklung.

In der Tat lassen sich im alten Ägypten durchaus einige afrikanische Einflüsse finden, welche der These widersprächen, daß Nubien von Ägypten aus kolonisiert wurde. Bestimmte Göttervorstellungen scheinen vielmehr von Süden nach Norden gewandert zu sein. Erst in späteren Jahrhunderten läßt sich der umgekehrte Weg kultureller Adaption zeigen. Ägyptische Götter und später das Christentum wurden im heutigen Sudan heimisch; die kuschitischen Herrscher des 1. Jahrtausends erbauten sogar – wenn auch kleine – Pyramiden.

Das kuschitische Nubien war also nicht einfach ein Satellit des großen Ägypten. So gibt es zahlreiche Hinweise darauf, daß die Nilroute nur ein möglicher Handelsweg zum Mittelmerrraum gewesen ist. Das Ägypten der Pharaonen konnte durchaus auf dem Seeweg über das Rote Meer umgangen werden. Womöglich war Nubien gar eine Art Drehscheibe des nordafrikanischen Handels. Ob und inwieweit sich diese Vermutungen bestätigen lassen, wird die zukünftige Forschung zeigen müssen. Immerhin scheinen sowohl Chinesen wie Assyrer Kenntnis vom Land am oberen Nil gehabt zu haben.

So sehr der Autor sich somit bemüht, Licht in das Dunkel der nubischen Geschichte zu bringen, so sehr sind manche seiner Ausführungen doch arg spekulativ. Formulierungen wie man kann nicht ausschließen [6] oder ein kuschitischer Königsname, der dem eines bekannten ägyptischen Oberpriesters zu gleichen scheint [7], raten eher dazu, die Ausführungen des Autors mit einer gewissen Skepsis zu betrachten. Wenn es dann noch heißt, daß der nubische Herrscher Schabaka nicht nur Ägypten unterwarf, sondern sich auch im assyrischen Ninive ein Siegestempel von ihm findet [8], dann werden ganz neue historische Erkenntnisse produziert, die mit der Wirklichkeit nicht vereinbar sind.

Nun liegt der Schwerpunkt des Bandes nicht in der historischen Überlieferung, sondern im Versuch, aus den kärglichen Nachrichten und archäologischen Funden so etwas wie eine kuschitische Kultur zu rekonstruieren. Nach dem Ende des selbständigen ägyptischen Reiches durch die Perser und später Alexander wurde auch der nubische Süden langsam, aber sicher hellenisiert. Inwieweit dieser Einfluß jedoch auf die herrschende Schicht beschränkt blieb oder ob auch die einfache Bevölkerung in irgendeiner Weise mit der spätgriechischen Kultur in Berührung kam, muß offen bleiben. Das spätnubische Königreich von Meroë verschwand im 4. Jahrhundert unserer Zeitrechnung, als das benachbarte christianisierte Aksum immer mächtiger wurde.

Der Band über Nubien als das geheimnisvolle Goldland der Ägypter von Piotr O. Scholz ist im April im Theiss Verlag erschienen. Der Band hat 224 Seiten mit 80 teils farbigen Abbildungen. Er kostet bis Ende des Jahres als Einführungspreis 24 Euro 90, danach fünf Euro mehr. [9]

 

Die irdische Kopie des Himmels

Besprechung von : Claude Jacques / Suzanne Held – Angkor, Hirmer Verlag, 2. Auflage 2006, 256 Seiten, € 49,90

Kambodscha ist nicht nur das Land der Killing Fields, der Schreckensherrschaft Pol Pots, die auf das massenmörderische Flächenbombardement der US Army folgte [10]. Kambodschas Geschichte als eigenständiger Staat beginnt im 9. Jahrhundert, obwohl es auch in den Jahrhunderten zuvor schon einige kleinere Königreiche gegeben hatte. Bemerkenswert ist ein schon früh einsetzender starker indischer Einfluß, der im übrigen für das gesamte Südostasien festzustellen ist. Es waren jedoch keine indischen Eroberer hierfür verantwortlich. Vielmehr ist davon auszugehen, daß kleinere lokale Herrscher sich die religiösen Weihen des Buddhismus (wie auch des Hinduismus) und vor allem die Tatkraft indischer Verwaltungsbeamter zunutze gemacht haben, um sich gegen ihre Nachbarn durchzusetzen. So beginnt die historisch faßbare Geschichte Kambodschas zugleich mit einer starken buddhistischen und indischen Prägung. Der indische Einfluß drückt sich jedoch auch in der Übernahme der hinduistischen Götterwelt und den damit verbundenen Glaubensvorstellungen aus.

Buchcover Jacques Held AngkorKambodschas frühe und durchaus wechselhafte Geschichte beginnt also im 9. Jahrhundert mit einem erstarkenden Khmer–Zentralkönigtum, das über ein Gebiet herrschte, das in das heutige Thailand, Laos und südliche Vietnam hineinreichte. Auch wenn Kambodscha erst im 15. Jahrhundert unter siamesischen Einfluß geriet, zeigen die Eroberung der Hauptstadt Angkor Ende des 12. Jahrhunderts und die daran sich anschließenden Befestigungsbauten, daß kriegerische Zustände an der Tagesordnung waren.

Wenig ist über die soziale Organisation des Khmer–Reiches bekannt. Die erhaltenen Inschriften an Tempeln und Palästen legen zwar ein beredtes ideologisch motiviertes Zeugnis über die Taten der Herrscher und der Götter ab, doch bleiben die Untertanen darin wenig faßbar. In der Literatur geistert eine Vorstellung herum, die von Klassenverhältnissen abstrahiert; doch ist kaum anzunehmen, daß sich das Leben des einfachen Volkes nur über Clan–Beziehungen abspielte. So schreibt Claude Jacques in seinem jüngst bei Hirmer neu aufgelegten Bildband Angkor:

Möglicherweise existierte eine Art von Gesellschaftsklassen, aber es ist nichts festzustellen, was an die Ordnungen im alten Europa erinnert, und insbesondere nichts, was einem Adelsstand ähnelt. Hingegen werden wir noch sehen, daß sich die Khmer über ihre Abstammungslinien identifizierten. [11]

Wenn am oberen Ende der sozialen Hierarchie der König und sein Hofstaat anzusiedeln sind, so gab es am unteren Ende Sklavinnen und Sklaven. Doch ist davon auszugehen, daß der Begriff Sklave nicht so klar faßbar ist, wie wir es aus der westlichen Sklaverei gewohnt sind. Wenn den Tempeln Sklaven zugeordnet waren, so handelt es sich nicht unbedingt um eine soziale Kategorie totaler Unterwerfung, sondern um eine Zuordnung von Menschen zu einer Institution. Noch einmal Claude Jacques:

Die Listen von »Sklaven« – dieser Terminus hat sich für ihre Bezeichnung eingebürgert –, wie sie auf den Stelen oder Türpfeilern im Tempel eingraviert waren, erscheinen eher als eine Art »Ehrentafel«, die vor den Augen des Gottes angebracht war, damit dieser »die Seinen« leichter erkannte. [12]

Sklavinnen und Sklaven im absolut rechtlosen Sinne wird es jedoch auch gegeben haben, entweder aufgrund von Verschuldung (Schuldknechtschaft) oder erbeuteten Menschen durch Kriegszüge. Wenn auch Claude Jacques auf die matrilinear bestimmten Abstammungslinien abhebt, so ist doch festzuhalten, daß es Händler, Handwerker, Bauern und Krieger gegeben haben muß. Leider scheinen hier genauere Informationen über deren Status in der sozialen Hierarchie des Khmer–Reiches zu fehlen.

Nun erschließt sich das alte Khmer–Reich den heutigen Menschen eher über seine kulturellen Hinterlassenschaften, die, nur um es festzuhalten, eine Kultur der herrschenden Klasse darstellt. Die Tempelbauten und Stadtgründungen der Khmer sind das sichtbare Relikt derer, die es sich leisten konnten, sich für die Nachwelt zu verewigen. Die Kunsthistorikerin und Fotoreporterin Suzanne Held hat mit ihren Fotografien den Grundstock für den gemeinsamen Band mit Claude Jacques über die Hauptstadt des Khmer–Reiches gegeben – Angkor.

Das, was wir heute als Angkor kennen, ist jedoch nicht eine einheitliche Stadt. Auf einer riesigen Fläche von rund achtzig Quadratkilometern errichteten die aufeinander folgenden Herrscher mehrere Hauptstädte. Darin liegt nicht unbedingt die Dokumentation eigener Größe in Abgrenzung zu seinen Vorgängern begründet, sondern es drückt sich hierin ein Aspekt der hinduistischen Mythologie aus. Der König als Beschützer seiner Untertanen nahm sich die Götterwelt zum Vorbild und bildete sie in materieller Form nach. Der Meru–Berg der Götter wird zur Pyramide im Stadtzentrum mit der Form eines Tempelberges und der Funktion eines Staatstempels.

Und ebenso wie der Meru die Residenz der Götter und das Zentrum der Welt ist, beherbergt und vereinigt dieser Tempel alle Götter des Reichs. Als Abbild dieser Welt präsentiert der König seine Hauptstadt in der Mitte des Urozeans liegend, weswegen die Wassergräben mit einer kaum als gering zu bezeichnenden Kapazität angelegt wurden […]. [13]

Nun ist das Herrschaftsideologie; und es fragt sich, inwieweit der König und die Priesterschaft wirklich daran glaubten. Doch als Zeichen der Legitimität der Herrschaft war der Bau einer jeweils neuen Hauptstadt unabdingbar. So finden wir in Angkor heute das Erbe der Khmer–Kultur vor. Die Fotografien von Suzanne Held vermitteln uns einen kleinen Ausschnitt in die teilweise sehr differenziert ausgearbeiteten Bauwerke der Khmer–Könige. Natürlich wurden diese von speziellen Baukolonnen erreichtet, und dabei müssen wir uns schon fragen, wie die damit verbundenen Ausbeutungsbedingungen ausgesehen haben mögen. Denn die Baukolonnen mußten nicht nur das Material heranschleppen und aufrichten, sie mußten auch ernährt und ausgerüstet werden.

Der Niedergang der Khmer–Kultur und ihres Reiches mit Beginn des 14. Jahrhunderts wird dieser immensen Bautätigkeit, verbunden mit einer zu starken Beanspruchung der agrarischen Flächen und der Bevölkerung, zugeschrieben. Allerdings ist hierbei zu berücksichtigen, daß es nach einer längeren Phase buddhistischer Prägung ab dem Jahr 1243 eine hinduistische Bilderstürmerei gab, in der die buddhistischen Bildnisse – jedoch nur in Angkor – zerstört wurden. Dennoch setzte sich etwa ein halbes Jahrhundert später eine Spielart des Buddhismus durch, welche auf die steinernen Monumentalbauten verzichtete und statt dessen Holzbauten bevorzugte.

Diese sind meist nicht erhalten. Was jedoch erhalten ist, zeigt uns Suzanne Held mit ihren fotografischen Überblicken und detaillierten Einblicken. Hierbei findet sich durchaus, daß nicht nur die Könige ihre Bauten hinterlassen hatten, sondern daß es auch eine kleine relativ reiche Schicht gegeben haben muß, die es sich leisten konnte, private Tempelbauten zu finanzieren. All dies zusammen macht den Reiz der lange vergessenen Khmer–Kunst aus.

Zu Ende des Buches gibt eine doch äußerst knappe Zeittafel einen Überblick auf diese kambodschanische Geschichte. Hier mag der historische Vergleich mit einigen dort aufgeführten Daten der Weltgeschichte reizbar sein, doch unverkennbar hinterläßt diese Zeittafel die Spuren des französischen Originals, wenn es der Übersetzerin Lydia Kieven entgeht, daß der Name Aix–la–Chapelle als Aachen zu übertragen gewesen wäre. Diese Ungenauigkeit hätte in der zweiten Auflage dieses Bildbandes vielleicht doch korrigiert werden können.

Der Bildband Angkor mit den Texten des Khmer–Experten Claude Jacques und den Fotografien der französischen Kunsthistorikerin und Fotoreporterin Suzanne Held hat 256 Seiten mit 144 farbigen Abbildungen. Er ist im März in zweiter Auflage im Hirmer Verlag zum Preis von 49 Euro 90 erschienen.

 

Wenn die Rache die Richtigen trifft

Besprechung von : Alfred M. de Zayas – Die Nemesis von Potsdam, Herbig Verlag, Neuauflage 2005, 415 Seiten, € 24,90

Mit dem Buch Die Nemesis von Potsdam von Alfred Maurice de Zayas machen wir einen Sprung in die jüngere Geschichte. Dieses im englischen Original 1977 herausgebrachte Buch ist letztes Jahr in einer leicht aktualisierten Fassung im Herbig Verlag neu erschienen. Es behandelt die Vertreibung der Deutschen aus Osteuropa am Ende und direkt nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Titel Die Nemesis von Potsdam verweist auf die – nach Meinung des Autors – alliierte Mitschuld. Die Nemesis ist die Rachegöttin.

Es ist wenig erstaunlich, wenn die Süddeutsche Zeitung angesichts der ersten Auflage ein Werk von tiefem Ernst und bohrender Gründlichkeit vorgefunden haben will oder wenn es in der ARD hieß, dies sei das wichtigste Buch über die Vertreibung der Deutschen [14]. Inzwischen sind gut drei Jahrzehnte vergangen, und in der geschichtspolitischen Diskussion hat sich so einiges getan. Da wären gerade in der 90er Jahren das Buch von Daniel Jonah Goldhagen und die Ausstellung über den Vernichtungskrieg der Wehrmacht zu nennen. Spätestens seitdem verbietet sich ein Diskurs, der Deutsche als Opfer alliierter Willkür hinstellt.

Buchcover Die Nemesis von PotsdamUnd doch ist dies der Tenor des nunmehr in 14. Auflage veröffentlichten Monumentalwerkes. Auf den mitsamt der Anmerkungen rund 415 Seiten seiner Abhandlung gelingt es dem Autor, weitgehend die Vorgeschichte der Vertreibung auszublenden. Nicht, daß der Autor völlig geschichtsblind wäre oder gar ein Geschichtsrevisioníst. Nein – seine Darstellung geht davon aus, daß nur eine kleine Clique von Nazis für all die Verbrechen verantwortlich gemacht werden kann, während die große Masse der Deutschen mehr oder weniger als unschuldig zu betrachten ist.

Die deutsche Vertreibung, so schreibt Alfred de Zayas in seinem Vorwort zur Neuauflage in aller Deutlichkeit, sei eines der schwersten Verbrechen des 20. Jahrhunderts. Nun darf uns seine Haltung nicht verwundern, ist er doch ein gern gesehener Gast bei den deutschen Vertriebenenverbänden, deren Geschichtsphilosophie immer noch von einer engstirnigen und verleugnenden Weltsicht geprägt ist [15]. Weiterhin ist der Autor Mitglied des Kuratoriums einer Organisation, die sich Internationale Gesellschaft für Menschenrechte nennt. In diesem Kuratorium, und hierbei handelt es sich sozusagen um die Visitenkarte der Organisation, sitzen beispielsweise auch die Herren Konrad Löw oder Klaus Hornung, um nur zwei zu nennen, die durch ihre antikommunistischen, antisemitischen und rassistischen Elaborate bestens bekannt sind.

Letztlich läßt sich der Band auf zwei Kernthesen reduzieren.
1.) Ist den Deutschen Unrecht geschehen.
2.) Haben die Alliierten weggeschaut, wenn nicht gar mitgewirkt.

Nun ist es keine Frage, daß eine Vertreibung keine schöne Sache ist. Allerdings funktioniert das Geschäft mit der Tränendrüse, auf die Alfred de Zayas mit wohlausgesuchten Beispielen drückt, nur dadurch, daß der unmittelbare politische und geschichtliche Zusammenhang ausgeblendet wird. Nur so kann der Autor auf die Wahnidee verfallen, die Behörden in Polen und der Tschechoslowakei hätten zu denselben Methoden wie die Nazis gegriffen [16]. Denn auch dem Autor sollte bekannt sein, daß die Methoden der Nazis auf Vernichtung aus waren, was der gewiß nicht humanitär verlaufenden Vertreibung aus Osteuropa nun wirklich nicht nachgesagt werden kann. Außerdem besteht wohl doch ein Unterschied zwischen systematischem Massenmord, kollektivem Verhungernlassen und einer gnadenlosen Politik der verbrannten Erde auf der einen Seite und einer Vertreibung derjenigen, welche für das größte Verbrechen des 20. Jahrhunderts zumindest mitverantwortlich gemacht werden konnten. Überhaupt läßt der Autor jedes Gespür für die Situation im Nachkriegseuropa vermissen. Er fordert allen Ernstes einen gesitteten und humanitären Transfer für Millionen von Menschen in Ländern ein, in denen die Nazis selbige schon erwähnte verbrannte Erde hinterlassen hatten.

Stalin war gewiß ein verbrecherischer Diktator, aber auch er hatte gute Gründe, Prioritäten bei der Versorgung und der Verteilung von Ressourcen zu setzen. In Rußland hungerten Millionen von Menschen, weil deutsche Besatzer so ziemlich alles, dessen sie habhaft werden konnten, heim ins Reich abtransportiert hatten. Und da soll Stalin, da sollen Polen, Tschechen und Ungarn so freundlich sein und die Täter von gestern als Opfer von heute bevorzugen? So etwas kann nur einem Geist einfallen, der etwas ganz bestimmtes damit erreichen will. [A16a]

Auch wenn Alfred de Zayas kein Deutscher ist, so steht sein Buch über Die Nemesis von Potsdam doch in der Tradition deutscher Selbstthematisierung. Klaus Naumann hat dies vor einem Jahr in der Zeitschrift Mittelweg 36 präzise beschrieben, worum es geht: Der Diskurs der Heimatvertriebenen hat eine ganze Menge mit der Geschichtskonstruktion der jungen Bundesrepublik zu tun. Nur unter Verleugnung dessen, was die Nazis und ganze normale Deutsche in den tausend Jahren zuvor getan hatten, konnte der Opferdiskurs zum Leben erwachen und in der jungen Bundesrepublik zur Tagesordnung übergegangen werden. Heute werden die Früchte dieser Einstellung geerntet, wenn sich Deutschland als geläutertes Mitglied der Völkergemeinschaft politisch und militärisch weltweit bewegen darf.

Hannah Arendt hat 1950 schon die richtige Antwort darauf gegeben:

Man mag bezweifeln, ob die Politik der Alliierten, alle deutschen Minderheiten aus nichtdeutschen Ländern zu vertreiben […] klug gewesen ist; doch außer Zweifel steht, daß bei denjenigen europäischen Völkern, die während des Kriegs die mörderische Bevölkerungspolitik Deutschlands zu spüren bekommen hatten, die bloße Vorstellung, mit Deutschen auf demselben Territorium zusammenleben zu müssen, Entsetzen und nicht bloß Wut auslöste. [17]

Insofern ist die von Alfred de Zayas aufgeworfene Frage nach der Mitschuld der westlichen Alliierten müßig. Zumal der Autor vollkommen an den militärischen Gegebenheiten des Kriegsendes vorbei diskutiert. Die westlichen Alliierten waren gar nicht in der Lage, der Sowjetunion ihre Bedingungen aufzudrücken. Mag ja sein, daß der Autor sich ein energischeres auch militärisches Vorgehen gegen die rote Bestie gewünscht hätte [18]. Dem stand jedoch entgegen, daß sowohl die GIs in Europa als auch die Öffentlichkeit in den USA überhaupt nicht bereit waren, einen weiteren Krieg zu führen.

Das Buch von Alfred de Zayas entzieht sich jedoch einer rationalen Auseinandersetzung, weil die Basis seiner Argumentation ideologisch motiviert ist. Gegen ethnischen, nationalistischen und geschichtsuminterpretierenden Unsinn läßt sich schlecht argumentieren. Deshalb ist es auch müßig, von Seite zu Seite dem Autor die Haltlosigkeit seiner Ausführungen nachzuweisen. Hier geht es nämlich um Geschichtspolitik, nicht um ehrliche Geschichtsschreibung.

"Alle Menschen haben eine Heimat", schreibt der Autor [19], doch er unterschlägt dabei, daß Heimat in einer Welt der Mobilität ein Anachronismus ist. Heimat als Ideologie ist das Refugium derer, welche die Veränderungen der Welt nicht wahrhaben wollen. So etwas wie Heimat kann es nicht geben, solange der globale Kapitalismus Menschenmassen als Waren, Ressourcen oder gleich als komplett überflüssig betrachtet [20] und umher schiebt. Wer Heimat einfordert, muß erklären, was er mit denen anzustellen gedenkt, die dort leben, wo angeblich die Heimat der Heimatsuchenden ist. Dieser Aufgabe hat sich der Autor erst gar nicht gestellt.

Das Buch Die Nemesis von Potsdam von Alfred Maurice de Zayas ist bei Herbig wieder aufgelegt worden und kostet 24 Euro 90.

Der Verleger Herbert Fleissner schrieb mir nach Erhalt der Besprechung mit Datum vom 22. Juni 2006:

Sehr geehrter Herr Kuhl,
die subjektive Betrachtungsweise unserer Veröffentlichung durch Ihren Rezensenten sei dahingestellt, nicht jedoch das Argument der "Aufrechnung von Opfern der einen wie der anderen Seite" als Legitimation für die menschenrechtliche Ungeheuerlichkeit der Vertreibung während und nach dem Zweiten Weltkrieg aus den jahrhundertelangen Siedlungsgebieten von 15 Millionen Menschen.
Eine Aufrechnung von Verbrechen mit anderen Verbrechen kann es und darf es nicht geben. Dies ist tagespolitische Polemik, die sich selbst entlarvt.
Die Verniedlichung von Verbrechen sprich Relativierung mit der Bemerkung "Vertreibung keine schöne Sache" oder Alfred de Zayas, unser Autor, betreibe "Das Geschäft mit der Tränendrüse" zeigt den fortwirkenden Ungeist aus vergangener Zeit, der heute in keiner Redaktion mehr verteidigt werden sollte.
Die Unterstellung "Die Täter von gestern heißt Opfer von heute" ist eine weitere böswillige, menschenverachtende Untat.
Ich hoffe, dieses Schreiben findet in Ihrem Hause die notwendige Diskussion.
Mit besten Empfehlungen
[Unterschrift]

 

Die Leserin oder der Leser dieser Zeilen darf selbst entscheiden, inwieweit die Vorwürfe des Herrn Fleissner durch meine Besprechung gedeckt sind. Anmerken möchte ich jedoch, daß hier jemand getroffen zu sein scheint, weil ihm das Anliegen wichtig ist. Hier einige Anhaltspunkte, wo wir Herbert Fleissner politisch einordnen können.

  • Der Informationsdienst gegen Rechtsradikalismus widmet dem Verleger einen eigenen Eintrag.
  • Max Brym schreibt über Herbert Fleissner: "Ein Verleger und der braune Sumpf", zu finden auf haGalil.com.
  • Max Brym schreibt an anderer Stelle: "Ein Verleger zieht die Notbremse. Herbert Fleissner distanziert sich von dem braunen Blatt 'Zur Zeit'".

Hier kann ich nur empfehlen, diese Texte aufmerksam zu lesen, weiter im Internet zu stöbern und sich ein eigenes Urteil zu bilden.

 
 

Von Alfred de Zayas erhielt ich am 20. Juli 2006 in einem Briefumschlag des United Nations Office at Geneva Post. Mit Bezug auf meine Besprechung sandte er mir verschiedene Rezensionen seines Buches aus der Neuen Zürcher Zeitung [23.02.2006], dem American Journal of International Law [Vol. 72, Oktober 1978], dem American Historical Review [1978] und den British Book News [ohne Jahr, wahrscheinlich 1977 oder 1978]. Aber was will der Autor mir damit sagen: daß bei anderen Besprechungen einer Auseinandersetzung mit den ideologischen Grundlagen des Buches aus dem Weg gegangen wurde? Also daß diese Rezensenten sich erst gar nicht die Mühe gemacht haben, über den politischen Tellerand der von ihnen unbesehen übernommenen Inhalte zu schauen?

 

Den Raum für Genies öffnen

Besprechung von : Frits Barend / Henk van Dorp – Ajax Barcelona Cruijff, Bombus Verlag 2006, 288 Seiten, € 19,90

Widmen wir uns zum Schluß meiner heutigen Sendung einem Thema, das uns in den kommenden Wochen bis ins Unerträgliche behelligen wird – Fußball. Die Weltmeisterschaft steht vor der Tür und das ist natürlich die beste Zeit, um die passende Hintergrundliteratur zu liefern und zu verkaufen.

Während man und frau sich darüber streiten mag, ob nun Pelé oder Maradona der weltweit beste Spieler des 20. Jahrhunderts gewesen ist, dürfte die Frage für Europa leichter zu entscheiden sein. Es gibt wenige Spieler seiner Klasse, die es zu keinem Weltmeistertitel gebracht haben, aber genau dies ist bei Johan Cruijff der Fall. 1974 scheiterte er mit der holländischen Nationalmannschaft, weil man die Deutschen unterschätzte, 1978 flog er nicht mit nach Argentinien, weil er glaubte, seiner Mannschaft dort nicht helfen zu können.

Buchcover Ajax Barcelona CruijffDoch eine tragische Gestalt wie der Brasilianer Garrincha [21] war bzw. ist er nicht. Als Spieler wurde er zehnmal holländischer oder spanischer Meister und gewann dreimal den Europapokal der Landesmeister mit der besten Mannschaft zu Beginn der 70er Jahre – Ajax Amsterdam. Als Trainer führte er den FC Barcelona viermal hintereinander zur Meisterschaft und holte 1992 den Landesmeister–Pokal. Er war aber auch einer, der aneckte, der seine eigene Meinung hatte, und vor allem einer, der das Spiel, was er spielen wollte, verinnerlicht hatte. In gewisser Weise war er der perfekte Vertreter von dem, was Anfang der 70er Jahre als Revolutionierung des Fußballs galt: der holländische Traum vom totalen Fußball.

Der holländische totale Fußball ist allerdings etwas anderes als der deutsche totale Krieg, weil er nicht auf die Mobilmachung aller Kräfte setzt, um einen Gegner zu vernichten. Johan Cruijff ist nämlich ein Anhänger des schönen, des ästhetischen, aber nach Möglichkeit auch des erfolgreichen Fußballs. Und so paradox das angesichts so manchen Grottenkicks klingen mag, so manche seiner Vorstellungen, die in den 70er und 80er Jahren als utopisch galten, sind heute längst Standard im internationalen Fußball. Daß deutsche Mannschaften diese Entwicklung verschlafen haben, zeigt sich nur allzu deutlich. Vielleicht ist das auch gut so. Sonst geriert sich der deutsche Nationalismus mal wieder als größenwahnsinnig.

Im Bombus Verlag ist kurz vor der WM eine Sammlung von Interviews mit Johan Cruijff erschienen, die zwischen 1974 und 1997 von den holländischen Journalisten Frits Barend und Henk van Dorp geführt wurden. Nun mag man und frau sich fragen, warum der zentrale Gehalt dieser Interviews und der Fußballphilosophie Johan Cruijffs nicht in einem kurzen Aufsatz zusammen getragen worden sind. Dies ist tatsächlich geschehen, und zwar in dem Buch Strategen des Spiels aus dem Verlag Die Werkstatt [22]. Nein – in den Interviews wird auch der Mensch Johan Cruijff erfahrbar, der nach Antworten sucht, der seine Interviewpartner auch mal in die Irre führt, aber ihnen selbst bei unbequemen Fragen freundschaftlich verbunden bleibt.

Mag sein, daß er als arrogant gilt, weil er es allen, auch denen, die es nicht hören wollen, sagt: Ich verstehe etwas von Fußball, mehr als die anderen. In aller Bescheidenheit erklärt er beispielsweise:

Das Einzige, was ich also habe und was andere weniger haben, ist Überblick, Durchblick. Das heißt, ich erkenne es einen Bruchteil früher, und da ich es einen Bruchteil früher erkenne, kannst du den Ball auch einen Bruchteil früher dort ablegen, wo er hinkommen muss. [23]

Das Grundprinzip lautet dann: immer einen freien Mann mehr als der Gegner haben, immer eine freie Anspielstation mehr. Der totale Fußball lebt davon, daß die Spieler physisch und mental beweglich sind, die Situation begreifen, die Taktik verinnerlichen. Das demonstriert Cruijff in so manchem Interview, und es öffnet die Augen für Situationen, die geschehen, und vor allem für die Situationen, die geschehen könnten, aber nicht genutzt werden.

Johan Cruijff war ein durchaus erfolgreicher Trainer. Dennoch wurde ihm vorgeworfen, sich eine Mannschaft so zusammengestellt zu haben, daß sie zu seinem System paßte. Das macht vielleicht den Unterschied zu Otto Rehhagel aus, der ein System für das Mittelmaß seiner Spieler finden konnte. Dennoch ist es so, daß ein wirklich guter und schöner Fußball auch wirklich gute Spieler benötigt, die begreifen, worum es geht. Beide Trainer, auf je ihre Weise, demonstrieren damit auch, daß Fußballspielen nichts mit Demokratie zu tun hat. Otto Rehhagel hat das einmal die demokratische Diktatur genannt. [24]

Allerdings hat Cruijff das schon als Spieler immer auf seine Weise interpretiert. Der Witz besteht nämlich darin, daß dir im Spiel kein Trainer helfen kann, die Situation zu erfassen. Anders als im durchgeplanten American Football, wo die Spielzüge vom Trainerstab diktiert werden, kommt es letztlich doch darauf an, im richtigen Moment das richtige zu tun. Johan Cruijff war ein Meister darin.

Der Interviewband von Frits Barend und Henk van Dorp mit Johan Cruijff trägt den Titel Ajax Barcelona Cruijff. Der Titel verweist darauf, daß es Parallelen in der Karriere Cruijffs gibt, der als Spieler wie als Trainer von Ajax zu Barça ging, um dort Erfolg zu haben. Das Buch aus dem Bombus Verlag hat 286 Seiten und ist zum Preis von 19 Euro 90 erhältlich.

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte –

heute mit einem historischen Ausflug im Fluß der Geschichte. Vorgestellt habe ich hierbei die Bücher von:

Für diejenigen, welche diese Sendung nicht oder nur teilweise am Montagnachmittag hören konnten, gibt es die Wiederholung in der Nacht von Montag auf Dienstag um 23.00 Uhr, sowie am Dienstagmorgen um 8.00 Uhr und noch einmal am Dienstagnachmittag um 14.00 Uhr. Das Manuskript zur Sendung werde ich im Verlauf dieser Woche auf meiner Homepage veröffentlichen: www.waltpolitik.de.

In der nächsten Woche könnt ihr auf diesem Sendeplatz ein Hörstück zum Tod von Aamir Ageeb hören, der vor sieben Jahren an Bord einer Lufthansa–Maschine im Zuge seiner Abschiebung von ganz normalen freundlichen Beamten des Bundesgrenzschutzes getötet wurde. Es folgt nun Äktschn!, eine Sendung der Kulturredaktion von Melly Lehmann, und Christina Göhre mit ihren jugendlichen Gästen und deren Musik. Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt war Walter Kuhl.

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Etwa Matthias Glaubrecht : Seitensprünge der Evolution. Besprochen in der Sendung Gesundheit und Biologismus am 13. Februar 2006.

[2]   Michael Sommer : Die Phönizier, Seite 53

[3]   Sommer Seite 55

[4]   Sommer Seite 220

[5]   Sommer Seite 214

[6]   Piotr O. Scholz : Nubien, Seite 89

[7]   Scholz Seite 91

[8]   Scholz Seite 93; oder ist die Erwähnung Ninives einfach nur ein Versehen und es war ein anderer Ort gemeint?

[9]   Kleinere Layout–Fehler wollen wir einmal großzügig übergehen. Etwa bei der griechischen Schreibweise der Nubai (Νονβαι stattΝουβαι) auf Seite 13 und 120 oder die verschiedenen Schreibweisen beim Namen des Stamms der Blemmyer als Blemmeyr [113,120] oder als Blemmeyer [18,62,212,214].

[10]  Siehe hierzu Jonathan Neale : Der amerikanische Krieg, insbesondere Seite 198–210

[11]  Claude Jacques / Suzanne Held : Angkor, Seite 94

[12]  Jacques/Held Seite 94

[13]  Jacques/Held Seite 49–50

[14]  So der Pressetext zur Neuauflage.

[15]  Siehe hierzu Mittelweg 36, Heft 3/2005

[16]  Alfred de Zayas : Die Nemesis von Potsdam, Seite 30

[16a]  Interessanterweise fordert eine Kuratoriumskollegin von Alfred de Zayas, nämlich Gesine Schwan, hier von den Vertriebenenverbänden einen genaueren Umgang mit der Vergangenheit ein. Siehe ihren Beitrag in der Zeit, Ausgabe 37 vom 7. September 2006: "Das Tauma–Spiel.

[17]  Zit. nach Jan Pauer : Zähe Erinnerung, in: Mittelweg 36, Heft 3/2005, Seite 25

[18]  de Zayas Seite 137

[19]  de Zayas Seite 18

[20]  Siehe Zygmunt Bauman : Verworfenes Leben

[21]  Siehe Ruy Castro : Garrincha. Besprochen im Radiowecker am 30. April 2006.

[22]  Dietrich Schulz–Marmeling (Hg.) : Strategen des Spiels, Seite 214–225. Der Herausgeber hat sich kräftig aus den Interviews bedient.

[23]  Frits Barend / Henk van Dorp : Ajax Barcelona Cruijff, Seite 39

[24]  Günter Rohrbacher–List : Otto Rehhagel, in: Schulze–Marmeling (Hg.), Seite 226–238

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 30. September 2006 aktualisiert.

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