Es war ein harter Kampf um meine Erinnerung

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
Sendung :
Es war ein harter Kampf um meine Erinnerung
 
Redaktion und Moderation :
Katharina Mann und Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Sonntag, 5. Dezember 1999, 17.00–18.00 Uhr
wiederholt am :
Montag, 6. Dezember 1999, 00.00–01.00 Uhr
Montag, 6. Dezember 1999, 08.00–09.00 Uhr
Montag, 6. Dezember 1999, 14.00–15.00 Uhr
 
 
Besprochenes und benutztes Buch :
Margrit Schiller : Es war ein harter Kampf um meine Erinnerung, Konkret Literatur Verlag
 
Ein vollständige(re)s Sendemanuskript ist nicht verfügbar.
 
 
URL dieser Seite : http://www.waltpolitik.powerbone.de/herstory/ge_eswar.htm
 
NAVIGATION
 Startseite Waltpolitik 
 Neues auf meiner Homepage 
 Stichwortsuche 
 Orientierung verloren? 
 Abstract in English 
   
SENDUNGEN
 Geschichte 
 Kapital – Verbrechen 
 Radiowecker – Beiträge 
 Specials 
 Tinderbox 
 Nächste Sendung 
 Vorherige Sendung 
 Nachfolgende Sendung 
   
SERVICE
 Besprochene Bücher 
 Sendemanuskripte 
 Veröffentlichungen 
 Bisheriges Feedback 
 Email an Walter Kuhl 
 Rechtlicher Hinweis 
   
LINKS
 Radio Darmstadt (RadaR) 
 Alltag und Geschichte 
 Radiowecker – Redaktion 
 Konkret Literatur Verlag  
   

 

Inhaltsverzeichnis

>Kapitel 1 : Vorstellung
Kapitel 2 : Erinnerung

 

Vorstellung

Jingle Alltag und Geschichte

Heute mit Geschichte. Staatsfeind Nummer Eins in den 70er Jahren war die Rote Armee Fraktion. 1970 gegründet, trat sie erstmals 1972 spektakulär in Erscheinung, als sie die US–Armee in Frankfurt und Heidelberg angriff. Die bekannten Namen: Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof, Holger Meins. Weniger bekannt ist heute eine andere Frau aus der Roten Armee Fraktion: Margrit Schiller. Sie ging 1971 in den Untergrund, wurde ein Jahr später bei einer Polizeikontrolle verhaftet, 1973 aus der Haft entlassen und ein Jahr später erneut verhaftet. Sie saß dann fünf Jahre im Knast, meist unter Isolationshaftbedingungen. Margrit Schiller hat ihre Geschichte bis zu ihrer Entlassung 1979 ausgeschrieben. "Es war ein harter Kampf um meine Erinnerung", schreibt sie dazu. Aber es ist auch ein harter Kampf um eine kollektive Erinnerung, ein Kampf gegen das Vergessen und ein Kampf gegen die herrschende Geschichtsschreibung.

Die herrschende Geschichtsschreibung sagt Terrorismus und bestreitet, daß es überhaupt einen Grund geben könnte, die Waffe in die Hand zu nehmen, um die mörderischen Verhältnisse auf dieser Welt zu bekämpfen.

Als Margrit Schiller 1971 in die RAF ging, führte die US–Armee einen mörderischen, einen barbarischen Krieg in Vietnam. Keine NATO sorgte sich damals um die Menschenrechte, keine Bomben fielen auf Washington oder New York. Systematisch unternahmen die USA den Versuch, ein Land in die Steinzeit zurückzubomben, wie es ein US–General formulierte. Margrit Schiller war eine von denjenigen, die nicht zusehen wollten, wie die USA diesen Krieg auch von deutschem Boden aus und mit deutscher Hilfe führten. Wenn Tausende in Vietnam ermordet werden, wenn gezielt Schulen, Kindergärten, Deiche und Krankenhäuser bombardiert werden, kann frau dann einfach zusehen? Ist es dann ausreichend, mit Demonstrationen und Gebeten die Mörder in Regierungssesseln und Uniformen freundlich zu bitten, mit dem Töten aufzuhören? Margrit Schiller sagte nein und versuchte mit anderen zusammen, einen effektiven Widerstand gegen die US–Angriffe auf Vietnam zu organisieren. 1972 wurde beim Angriff auf das US–Hauptquartier in Heidelberg die Computerzentrale zerstört, in der die Angriffe der Bombenflugzeuge koordiniert wurden.

Osvaldo Beyer, ein argentinischer Scriftsteller und Historiker, zudem Lehrstuhlinhaber für Menschenrechte in Buenos Aires, faßt sein Dilemma in dieser Frage im Nachwort zum Buch von Margrit Schiller so zusammen:

Wie sollten die jungen Deutschen reagieren, die man aufgefordert hatte, Verantwortung zu tragen in der Bemühung um die Rechte aller, als sie erfuhren, daß von Deutschland aus die amerikanischen Bomber starteten, die ihr schändliches Unwesen in Vietnam trieben? [...] Sie hatten nur folgende Möglichkeiten: in Bonn zu protestieren und vor der Bannmeile halt zu machen, wissend, daß der Bundestag das Problem unter den Tisch gekehrt hatte; oder in der Kirche zu beten oder Flugblätter zu verteilen oder alle vier Jahre einen Politiker zu wählen, der auch wieder schweigen würde. Sollten sie Nein zur Gewalt sagen, aber schweigend akzeptieren, daß ein amerikanischer Bomber in Vietnam eine Schule mit 163 Kindern bombardierte?
Ich weiß auch keine Antwort. Margrit Schiller wußte eine, aber sie hat verloren, und alle, die wir nichts getan haben, außer vielleicht eine Petition zu unterschreiben oder drei Tage einen Hungerstreik durchzuführen, sagen zu ihr: Du hast dich geirrt. Genau wie alle Opportunisten der Rechten, der Mitte und der Linken, und die schweigende Masse, die nach Mallorca reist, oder die, die sich vorbereiten, die besten Manager zu werden. [...] Alle sagen wir zu Margrit: Du hast dich geirrt, du warst eine Terroristin. [...]
Aber auch wir haben verloren. Man braucht nur die Statistiken über Hunger, Arbeitslosigkeit, Korruption auf der ganzen Welt, vor und nach Stammheim, zu lesen. Mit unserer Zurückhaltung haben wir die Globalisierung alles dessen erreicht. [aus dem Nachwort auf den Seiten 222–223]

Margrit Schillers Buch heißt "Es war ein harter Kampf um meine Erinnerung". Es ist vor einigen Wochen im Konkret Literatur Verlag erschienen und kostet 39 Mark.

Und mit dieser Buchbesprechung könnte ich mich jetzt verabschieden und euch an den Radios ein wenig ratlos oder auch erbost zurücklassen. Statt dessen möchte ich mit Katharina Mann versuchen, euch dieses vielschichtige Buch ein wenig näherzubringen, in der Hoffnung, daß ihr euch ein wenig intensiver mit der deutschen Geschichte der letzten drei Jahrzehnte beschäftigen mögt.

Die herrschende Geschichtsschreibung ist die der Herrschenden. Aber sie ist brüchig und voller Lügen. Diese Lügen ein wenig aufzubrechen und den emanzipatorischen Gehalt des Widerstandes gegen die herrschenden und mörderischen Verhältnisse herauszuarbeiten, darin sehen wir unsere Aufgabe. Am Mikrofon sind Katharina Mann und Walter Kuhl.

 

Erinnerung

Das folgende Gespräch wurde ohne Sendemanuskript geführt.

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 30. Dezember 2004 aktualisiert.
Links auf andere Websites bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur.
©  Walter Kuhl 1999, 2001, 2004
Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.
 Startseite Waltpolitik 
 Zum Seitenanfang 
 Email an Walter Kuhl 

 

 Vorherige Sendung     Nachfolgende Sendung