Plattenrücken
Eine nach immer mehr religiöser Spintisiererei abgebrochene Sammlung.

Geschichte

The Times They Are A–Changin' – Bob Dylan

Sendemanuskript

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Sonntag/Montag, 5./6. März 2006, 23.05 bis 01.00 Uhr

Zusammenfassung:

In einer meiner seltenen Nachtsendungen sprach ich über den Bob Dylan der 60er und frühen 70er Jahre und benutzte hierzu als Referenz das Buch „Like A Rolling Stone“ von Paul Williams.

Besprochenes Buch:

Paul Williams : Like A Rolling Stone, Palmyra Verlag

Playlist:

Zur Neoliberalisierung von Radio Darmstadt und seinem Trägerverein und zur Ausgrenzung mehrerer Mitglieder meiner Redaktion seit 2006 siehe meine ausführliche Dokumentation.


Jingle Alltag und Geschichte

Er war und ist ein Protestsänger, der kein Protestsänger sein wollte, ein Clown, der sich nur für sich selbst interessiert und interessiert hat, ein Scharlatan, der seinen Fans immer wieder eine lange Nase zieht – Bob Dylan. Er kam Anfang der 60er Jahre nach New York City und wurde zum Sprachrohr einer ganzen Generation. Die Bewegung der 68er kündigte sich langsam an, denn die Zeiten änderten sich auch in den bigott-spießigen Vereinigten Staaten.

Vierzig Jahre später ist der Spuk vorbei, denn die rebellische Jugend wurde entweder eingekauft, eingeseift oder nutzbringend vermarktet. Heute regiert mit dem Elan von damals die neoliberale Peitsche. Doch zu dem, was damals war, trug ein unbekannter Folksänger aus dem Mittleren Westen maßgeblich bei. Durch die nun folgende zweistündige Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte auf „Radio Darmstadt“ über den Bob Dylan der 60er und 70er Jahre führt Walter Kuhl.

BobDylan
The Times They Are A-Changin'

Der am 24. Mai 1941 als Robert Allen Zimmerman geborene Bob Dylan wird im Jahr 2006 fünfundsechzig Jahre alt. So ein Jahrestag lädt gewöhnlich zu Ehrungen, Features und langatmigen wie langweiligen Vorträgen ein, um der Gewichtigkeit des Jubilars das passende outfit zu geben. Mag sein, daß es den Jubilar dabei frösteln wird, aber das wird die auf Werbekunden und Auflagenhöhe geiernden Medien wenig kümmern. Doch solange will ich nicht warten. Es ist eher ein profaner Grund, der mich motiviert hat, mich nach vielen Jahren noch einmal mit Bob Dylan zu beschäftigen.

Buchcover Paul WilliamsDas erste Mal war es vor rund drei Jahrzehnten, als der Englischunterricht sich nicht anhand sterbens­langweiliger belletristischer Literatur vollzog, sondern über die Interpretation der lyrics eines gewissen Bob Dylan. Man und frau sieht – da waren einige 68er frisch als Lehrerin und Lehrer in der Schule gelandet. Drei Jahrzehnte später ist es ein Buch, das schon 1994 in deutscher Übersetzung im Heidelberger Palmyra Verlag herausgebracht wurde. Paul Williams' Biografie „Like A Rolling Stone“ über „Die Musik von Bob Dylan 1960-1973“ ist vor kurzem wieder aufgelegt worden.

Neugierig wie ich bin, habe ich mir das Buch genauer angeschaut, und möchte euch in den nächsten zwei Stunden an den Erkenntnissen und Einblicken ein wenig teilhaben lassen. Aber keine Angst – ich werde nicht zwei Stunden reden. Dafür ist die musikalische Entwicklung Bob Dylans in seinen ersten fünfzehn Jahren viel zu vielschichtig; und diese Entwicklung möchte ich auch hörbar nachvollziehbar gestalten. Deshalb gleich der nächste Song, vielleicht der Song, der Bob Dylan schlagartig berühmt gemacht hat, wenn auch über die Coverversion von Peter, Paul & Mary.

Bob Dylan
Blowin' in the Wind

In Hibbing, einer Kleinstadt im Norden von Minnesota, gab es nichts, was einen wachen Jungen wirklich begeistern konnte. Es war eine typische verschlafene Bergarbeiter­siedlung. Das einzige, was den jungen Bob zu begeistern und heraus­zufordern schien, war Musik. Und so lernte er schon früh Gitarre, Klavier und Mundharmonika zu spielen. Auf der High School zeigte er sein Performance-Talent, durchaus zum Schrecken des Schuldirektors. Er hatte seine eigene Band und trat auf einem Festival mit einem Verständnis für Rockmusik auf, das seiner Zeit weit voraus war. Seine Maxime lautete: Spiele nicht einfach nur an Gitarre und Klavier, mache nicht einfach Krach, sondern: spiele so laut wie möglich. Insofern wird sein später vollzogener Übergang vom Folksänger zum Rocksänger mit elektrischer Gitarre und Begleitung verständlicher.

1959 wechselte er an die Universität von Minneapolis, aber auch dort hielt es ihn nicht. Er konsumierte alle verfügbaren Schallplatten in einem erstaunlichen Tempo, lernte die Texte auswendig, gab sie zur Gitarre wieder. Er wollte Künstler sein, und dazu benötigte er eine markante Stimme und einen eingängigen Namen.

Bob Dylan
House of the Risin' Sun

Möchtegern-Folksänger gab es Ende der 50er Jahre viele. Sie tourten durch die unendlichen Weiten der USA und ernährten sich von schlecht bezahlten gigs. Robert Allen Zimmerman änderte seinen Namen in Bob Dylan, und er gab sich eine markante rauchigere Stimme, sowie einen Akzent, der „authentischer“ klingen sollte. Der Name Bob Dylan wird oft mit dem walisischen Dichter Dylan Thomas in Verbindung gebracht, aber es gibt keinen Hinweis darauf, daß Bob Dylan von diesem Dichter mehr kannte als den Namen.

Paul Williams weist in seiner Biografie „Like A Rolling Stone“ darauf hin, daß es auch möglich ist, daß der Name eine Anspielung auf eine damals populäre Fernsehfigur ist, nämlich auf den Sheriff Matt Dillon in der Serie Rauchende Colts. Daß aus Robert Bob wird, ist nichts besonderes; und vielleicht ist der Name auch ganz einfach durch eine Verballhornung von Allen entstanden. Allen – Dylan.

Im Musikbusiness werden den Künstlerinnen und Künstlern immer wieder geniale Fragen gestellt. Etwa: wie habt ihr denn euren Bandnamen gefunden? Dann erfahren wir mehr oder minder Geistreiches, meist jedoch das, was die Band im Auftrag der Plattenfirma auswendig gelernt hat. Die Kids sind begeistert über die coolness der Band und merken nicht, wie sie verarscht werden. Bob Dylan hat so gesehen nichts anders gemacht, als das Business auf die Schippe genommen. Es war natürlich mehr hip, seinen Namen von einem in Greenwich Village angesagten Dichter herzuleiten als von einem fiktiven Sheriff, der das Gute in der US-amerikanischen Lebenslüge des Wilden Westens repräsentierte.

1960 entdeckte Bob Dylan die Folk-Legende Woody Guthrie und mit ihm das, was in den USA topical songs heißt – also Lieder mit einem bestimmten, meist politischen, Thema. Woody Guthrie war ein Relikt aus den politischen Bewegungen der 20er und 30er Jahre. Für Dylan verkörperte er Authentizität; und das erklärt auch, weshalb er seine Stimme seinem neu entdeckten sujet anpaßte. Abgesehen davon paßte sie zu seiner Neigung zu nuscheln. Der Balladenstil der Folksongs ermöglichte es, auf der Grundlage althergebrachter traditionals neue Texte und Vortragsformen zu finden, und Woody Guthrie wie auch Pete Seeger waren Meister hierin. Dylan besuchte den schwer kranken Woody Guthrie und widmete ihm einen seiner ersten selbst geschriebenen Songs.

Bob Dylan
Song to Woody

Im Winter 1961 kam Bob Dylan nach New York. Es gelang ihm schnell, sich in die dortige Szene hineinzu­schmuggeln. Er fiel zunächst mehr durch seine clownesken Auftritte als durch seine musikalischen Darbietungen auf. Doch bald sprach sich herum, daß der Möchtegern-Folksänger aus dem Mittleren Westen, der sich natürlich eine neue angemessenere Legende zugelegt hatte, auch gute Texte schreiben konnte. Paul Williams, der in den 60er Jahren als einer der ersten ein eigenes Musikmagazin herausbrachte, verrät als guter langjähriger Kenner des Künstlers so einiges, was sich nicht unbedingt von selbst erschließt.

Eine dieser Erkenntnisse ist, nicht mehr in Dylans Musik hinein zu interpretieren als nötig. Die Tendenz, in Dylan eine bestimmte Ikone sehen zu wollen, verstellt den Blick auf das Banale. Das, was Dylan in seinen Texten ausdrückt, ist selten eine Reflexion über Vergangenheit und Zukunft, sondern in der Regel ein Stimmungsbild. Er schreibt, was er in einem bestimmten Augenblick fühlt, unabhängig vom konkreten Kontext oder der jeweiligen äußeren Umstände. Deshalb ist es auch schwierig, in den Liedern etwas über den Künstler erfahren zu wollen. Die Wahrheit liegt woanders.

Am besten ist es, wenn man und frau das, was er sagt, einfach so nehmen sollte. Die Frage, was er denn mit einem bestimmten Text, mit einer bestimmten Metapher meint, hat ihn immer wieder in Rage gebracht. „Hören diese Leute mir nicht zu?“

Seine erste Platte nahm Dylan schon 1961 auf, sie wurde Anfang 1962 veröffentlicht. Die darin versammelten songs geben eigentlich schon nicht mehr den Stand seiner Entwicklung wieder. Viele traditionals, wenig Eigenes. Das sollte sich mit seiner zweiten Platte „The Freewheelin'“ ändern, die im Laufe des Jahres 1962 entstand und 1963 herauskam. In ihr sind politische Klassiker wie „Blowin' in the Wind“, „Masters of War“, „A Hard Rain's A-Gonna Fall“, aber auch Liebeslieder wie „Girl From The North Country“ enthalten.

„Masters of War“ fällt schon deshalb aus dem Rahmen, weil sich Dylan nur in diesem Lied tatsächlich haßerfüllt zu Wort meldet. Er wünscht seinen Feinden, den Feinden des Friedens, ausdrücklich den Tod. Daß es ein solcher Song damals auf eine Platte einer großen Plattenfirma schaffte, ist eigentlich ein Wunder. Heute wäre es ein guter Werbegag und die entsprechende Textzeile würde aus promotion-Gründen extra herausgestellt werden.

Dylan selbst autorisierte 1996 die Verwendung von „The Times They Are A–Changin'“ für die Bank of Montreal, und 2004 trat er sogar selbst mit dem Titel „Love Sick“ für einen Werbespot auf. „Masters of War“ hat jedoch auch heute nichts von seiner Eindring­lichkeit eingebüßt und ist viel prägnanter als „War – what is it good for?“, obwohl dieser angebliche Antikriegs­song in der Version der slowenischen Gruppe Laibach eine angemessene Antwort erhalten hat.

Bob Dylan
Masters of War

Die Platte „The Freewheelin'“ war ein – wenn auch zunächst bescheidener – Erfolg. Ein Erfolg jedoch, der Bob Dylan zu Kopf gestiegen sein muß. Jedenfalls fand seine damalige Freundin Suze Rotolo, daß er sich immer mehr zum Egozentriker entwickelte. Das mag jedoch auch damit zusammen­gehangen haben, daß Dylan mehr war als nur ein Künstler mit zwei leidlich erfolgreichen Platten. Seine Texte wurden herumgereicht und auch von Anderen gesungen. Eine Generation junger idealistischer US-Amerikanerinnen und -Amerikaner hatte ihre Stimme gefunden.

Dylan war auf einmal mehr als ein Clown auf der Bühne. Er drückte das aus, was viele dachten, denen jedoch die passenden Worte fehlten. Dylan hingegen setzte sich an seine Schreibmaschine und schüttelte Reime und Metaphern nur so aus dem Ärmel. Die Zitate verselbständigten sich; und Dylan selbst wurde in eine Rolle gedrängt, die er sich nicht ausgesucht hatte. Deshalb zeigen beispielsweise Fernseh- und Radio-Interviews einen geradezu bockigen Künstler, der sich weigert, als Sprachrohr der Jugend zu gelten oder als ein typischer topical songwriter.

Man und frau mag Dylan für genialen Literaten halten; und tatsächlich wurde er in den 90er Jahren für den Literatur-Nobelpreis vorgeschlagen. Doch auch hier ist die Antwort wohl profaner. Der Mann setzt sich hin und hämmert einfach Worte in die Maschine. Es ist die Außenwelt, die einen Sinn hinein interpretiert. Dylan hingegen, so meint sein Biograph Paul Williams, hat sich nicht bewußt an eine Komposition gemacht. Er schrieb das, was er in einem bestimmten Moment dachte. Es ist spontan. Aber vielleicht macht dies das Originelle seiner songs aus. Um zu Metaphern zu gelangen, die mehrere Generationen von Dylanologen beschäftigt haben, muß man halt schon etwas im Kopf haben.

Wenn wir den Begriff des Sprachrohrs einer Generation ernst nehmen, dann handelt es sich hier um typisches Beispiel dafür, daß eine bestimmte historische Situation Menschen hervorbringt, die in sich eine allgemeine Tendenz vereinen. Hätte es Dylan nicht gegeben, wäre es ein anderer oder eine andere gewesen. Aber es wären nicht dieselben Texte, dieselben songs und dieselbe Wirkung dabei heraus gekommen. Genau dies macht den Künstler Bob Dylan – zumindest in der ersten Hälfte der 60er Jahre – so einmalig.

Bob Sylan
With God on Our Side

Bob Dylan trennte sich von Suze Rotolo und traf Joan Baez, schon damals eine Folk-Ikone. Beide traten gemeinsam auf und es schien so, als habe die Bürgerrechts- und Antikriegs­bewegung in den USA ihre (musikalischen) Leitfiguren gefunden. Doch wo Joan Baez ihr politisches Engagement in den Vordergrund stellen wollte, weigerte sich Dylan immer mehr, den Ansprüchen seiner Fans gerecht zu werden.

Diese waren regelrecht beleidigt, wenn er anfing, gänzlich unpolitische songs vorzutragen. „The Times They Are A-Changin'“ kann als sein letztes dezidiert politisches Album aufgefaßt werden. Mit „Another Side of Bob Dylan“, beide Platten erschienen 1964, fand er einen neuen Weg, sich selbst auszudrücken. Diese Platte markiert den Übergang zu seiner vielleicht besten Schaffensphase.

Und wenn ihr etwas genauer hinhört, werdet ihr feststellen, daß zumindest von den Anfangsakkorden her nie klar ist, welches Lied er anspielt. Manche seiner Akkorde hat er mehrfach verwendet, so klingt etwa der Anfang von „All Along The Watchtower“ und von „Hurricane“ gleich. Aber das gilt genauso für die musikalische Untermalung seiner Verse. Recycling ist eben ein wichtiges Stilmittel der Rock- und Popmusik.

Bob Dylan
It Ain't Me Babe

Joan Baez erzählt aus ihrer Zeit mit Bob Dylan folgende Geschichte. Er hört im Radio ein von ihr gesungenes Liebeslied und meint dazu, der song sei so gut, daß er selbst ihn hätte geschrieben haben können. Darauf lachte Joan Baez und sagte: „Das ist von dir, du Trottel.“ Joan Baez [war] Ende März [2006] auf Tournee in Deutschland, und zwar am 23. in München, am 25. in Hamburg, am 27. in Dresden, am 30. in Stuttgart, dann noch mal am 7. April in Düsseldorf und am 8. April in Berlin zu hören.

Am 24. März [2006] tritt sie in der Jahrhundert­halle in Frankfurt-Höchst auf, die Eintrittspreise von 50 Euro aufwärts richten sich an das gehobene Bürgertum. Die underdogs, die ihr in Liedern und politischen Aktivitäten am Herzen liegen, haben somit keine Chance, die ehemalige Folk-Queen live zu erleben.

Joan Baez
Love is Just a Four–Letter Word

Vielleicht sind die besten Versionen von Dylan-songs von anderen Sängerinnen und Sängern interpretiert worden. Bob Dylan ist nun wahrlich kein Künstler, dessen Stimme dem Harmonie­gefühl westeuropäisch-nordamerikanischem Einheitssounds entspricht. Neben Joan Baez wären hier die Hollies, Van Morrison & Them, Jimi Hendrix, Manfred Mann oder die Byrds zu nennen. Hinzu kommt, daß Dylan keinesfalls seine songs in einer einzigartigen authentischen Fassung präsentierte.

Es konnte durchaus während einer Tournee geschehen, daß derselbe song an dem einen Abend schnell und dynamisch, am nächsten schwermütig und langsam intoniert wurde. Es war alles eine Stimmungssache; und der unmäßige Genuß von Drogen jeder Art mag dazu beigetragen haben.

Die beiden folgenden Alben „Subterranean Homesick Blues“ und „Highway 61 Revisited“, 1965 erschienen, können musikalisch betrachtet als Meisterwerke gelten. Vielleicht ist es kein Zufall, daß etwa zur selben Zeit die Beatles mit „Revolver“, „Rubber Soul“ und „Sgt. Pepper“ die Maßstäbe anspruchsvoller Rock- und Popmusik neu definierten; und sie waren wahrlich nicht die einzigen.

„Subterranean Homesick Blues“ enthält Klassiker wie „Maggie's Farm“ oder „Love Minus Zero / No Limits“, „It's All Over Now, Baby Blue“ oder „Mr. Tambourine Man“. Gerade letzteres Lied ist durchaus symptomatisch für Dylans damalige Gefühlslage. Er wollte Musiker sein und den Takt angeben. Er hatte die Musik, die er spielen wollte, im Ohr, und er wußte, daß die akustische Gitarre ihn hier nicht weiter bringen würde. Deshalb holte er sich elektrische Unterstützung und Begleitung.

Seine Fans aus der Folk-Szene waren alles andere als begeistert, und es wird kolportiert, daß er bei seinen ersten elektrischen Auftritten regelrecht ausgebuht wurde. Aber im Rahmen seiner künstlerischen Entwicklung war dieser Übergang von akustischer zu elektrischer Gitarre zwingend.

Im Vorgriff auf die späten 70er Jahre hört ihr jetzt eine Fassung, die Bob Dylan 1978 in Japan dargeboten hat. Als Meister der Performance war er immer in der Lage, sich bei seinem Publikum einzuschmeicheln, wenn er das wollte. Aber oftmals war er diesbezüglich kratzbürstig und – wie Suze Rotolo richtig angemerkt hat – egozentrisch.

Bob Dylan
Maggie's Farm

Jingle Alltag und Geschichte

mit der zweiten Stunde über den Bob Dylan der 60er und frühen 70er Jahre. Dabei beziehe ich mich auf die jüngst im Palmyra Verlag neu aufgelegte Biografie „Like A Rolling Stone“ von Paul Williams. Durch die Sendung führt Walter Kuhl.

Bob Dylan, der Clown und Egozentriker, hatte ein sehr eigenes, um nicht zu sagen: typisch männliches Verhältnis zu Frauen. In vielen seiner Lieder, gerade in den vorgeblichen Liebesliedern, steckt ein gerütteltes Maß an Frauenfeind­lichkeit. Es sind die Frauen, die daran Schuld sind, daß es ihm dreckig geht. Er kommt, wie viele Männer, nicht auf die Idee, daß er selbst zu wenig in eine Beziehung eingebracht hat, daß er sich auf Kosten von Frauen emotional bereichert hat. Und so kommt es, wie es kommen muß. Sie verlassen ihn. Und dann ist er der arme Junge, der sich selbst bejammert.

Bob Dylan
Like a Rolling Stone

„Like A Rolling Stone“ – so lautet auch der Titel der Biografie über den frühen Bob Dylan von Paul Williams. Ich bin immer wieder erstaunt, wie es gelingen kann, in deutschen Übersetzungen, die simpelsten Metaphern oder Begriffe nicht angemessen zu übersetzen. Wie viele Filme gibt es, in denen der Held am Telefon sagt „just a minute“, und es wird wörtlich übersetzt mit „in einer Minute“? Besonders grotesk fand ich diese Übersetzung in einem der Beverly Hills Cop Filme [1]. Nachdem Eddie Murphy sein Sprüchlein gesagt hatte, mag es im Film eine Minute gedauert haben, bis er am Ziel ankam, in der filmischen Realität jedoch lag dazwischen eine längere Autofahrt.

Der Begriff „rolling stone“ ist ebenso ein Fall. Die Übersetzerin Kathrin Razum macht sich nicht die Mühe, von der wörtlichen Übersetzung abzugehen. Dabei ist ein „rolling stone“ eben nicht ein „rollender Stein“, sondern ein Herumtreiber, ein Landstreicher. In dem Lied Papa was a Rollin' Stone wird dies ebenso deutlich wie im Bandnamen der „Rolling Stones“, denen in den 60er Jahren sehr bewußt ein Außenseiter-Image verpaßt wurde. Die bösen Jungs sind eben einfach drogensüchtige Herumtreiber, und keine Rollenden Steine, was immer das auch sein mag.

Entsprechend hätte Kathrin Razum den Songtitel „Like A Rolling Stone“ mit „Wie ein Herumtreiber“ übersetzen müssen, denn exakt dies beschreibt der song. Dylan, so Paul Williams, philosophiert hier über seine Zerrissenheit. Er verachtet seine ausgehöhlte Persönlichkeit und feiert gleichzeitig eine Art Wiedergeburt. Und in gewisser Weise ist der song seine Wiedergeburt. „Like A Rolling Stone“ gilt als einer der besten Rocksongs aller Zeiten und konnte nur von einem Künstler geschrieben werden, der sich seiner Vergangenheit entledigt hat.

Das Album ist eine Ansammlung von Kostbarkeiten. Ich entscheide mich hier für „From A Buick 6“ und für „Ballad of a Thin Man“.

Bob Dylan
From a Buick 6

Paul Williams schreibt in seiner Dylan-Biografie „Like A Rolling Stone“:

Man kann „Subterranean Homesick Blues“ als ein brilliantes frühes Beispiel für Rap-Musik betrachten. Dylan ist ein geborener Rapper […]. Doch er ist bei weitem nicht der erste, der hip talk, hip bop, die schwarzen Sprachrituale der Straße, in die Unterhaltungs­musik hereinholte, im Gegenteil: Dylan baut hier – bewußt oder unbewußt – auf Chuck Berrys Rockrap „Too Much Monkey Business“ aus dem Jahr 1957 auf.

In einem Interview sagte Dylan hierzu:

„Es gibt nichts Neues. Es ist einfach so, daß jeder seine Chance bekommt – das meiste klingt einfach recycled und ein bißchen umgebaut, verwässert. Selbst Rap – ich mag das Zeug, aber es ist nicht neu, früher konnte man sowas ständig hören …“ Der Dylan von 1965 hätte den Dylan von 1985 zweifellos für einen hoffnungslosen alten Knacker gehalten, mit seiner „alles nichts Neues, die Musik ist tot, hab ich alles schon mal gehört“-Unkerei, aber von dieser Attitüde einmal abgesehen – musikgeschichtlich hat er recht. [2]

Bob Dylan
Ballad of a Thin Man

Nach „Highway 61 Revisited“ kam 1966 das Doppelalbum „Blonde On Blonde“ heraus. Danach ging er wieder einmal auf Tournee. Planungen für eine weitere anstrengende Tournee, ein Buchprojekt und eine einstündige Sonder­sendung im Fernsehen, für die er schon bezahlt worden war, füllten seine Zukunft. Da verunglückte er im Juli 1966 mit seinem Motorrad. Wie so häufig, machte er auch hier aus seinem Privatleben ein Geheimnis. Doch egal, wie schwer der Unfall wirklich war, er war willkommener Anlaß, komplett aus der Mühle von Auftritten, Interviews, Platten­aufnahmen und Ansprüchen auszusteigen. Fortan widmete er sich seiner Familie. Schließlich war er inzwischen verheiratet und Familienvater.

Von Martin Scorsese stammt der Film No Direction Home: Bob Dylan, der 2005 von der BBC gesendet wurde und inzwischen auch auf DVD erhältlich ist. Darin wird die Entwicklung Bob Dylans vom Möchtegern-Folker zum Superstar in den Jahren 1959 bis 1966 sehr anschaulich nachvollzogen. Die im Film gezeigten Live Acts gibt es auch auf einer Doppel–CD.

Bob Dylan
Just Like a Woman

Paul Williams legt mit seinem bei Palmyra neu aufgelegten Buch nicht einfach eine Biografie von Bob Dylan vor. Der Schwerpunkt der rund 460 Seiten liegt auf einer Darstellung des Künstlers und seiner Absichten auf Grundlage einer Auseinandersetzung mit songs und Texten. Deshalb kann Williams auch ein neues Licht auf den Künstler werfen, weil er ihn in dem, was er schreibt und singt, ernst nimmt. Dylan, so schreibt Williams,

geht mit der englischen Sprache um wie ein Billardspieler, er gibt jedem Wort eine neue Richtung – jeder Ton aus seinem Mund hat ein Eigenleben und kann ganze Bedeutungs­welten heraufbe­schwören, vielschichtig und voller Nuancen. Wenn man sich anhört, wie Dylan auf

der Aufnahme einer Solo-Aufnahme von „She's Your Lover Now“

Klavier spielt und singt, dann kann man das Lied hören, das er im Kopf hat, elektrisch verstärkt und mit Band. Ich glaube nicht, daß er es in allen Einzelheiten hört – welches Instrument wann was spielt –, sondern eher als Gesamt-Sound. Er hat ein ganzes Orchester im Kopf, und genau dieses Feeling schwingt mit – zusammen mit dem Gefühl, daß das Lied in dieser Version eigentlich nicht vollständig ist: es ist ein Entwurf zu jenem Stück in seiner Vorstellung, in dem ein großer Teil dessen, was Dylan hier allein ausdrückt, von einer Gruppe von Musikern vermittelt wird, die zu seiner Stimme und um sie herum spielen. Dylans Gesang enthält also Anteile, die im „endgültigen“ Gesang nicht mehr enthalten wären – der Prozeß der Verfeinerung und Vervollkommnung besteht ja zu einem wesentlichen Teil darin, einzelne Bestandteile eines künstlerischen Werks zu entfernen, statt neue hinzuzufügen, so wie ein Maler Reste einer Bleistiftskizze ausradiert, wenn er die Farbe aufträgt.

Und in diesem Fall haben wir mehr von der Skizze, als wir von einer fertigen Aufnahme hätten – wir haben einen Schrei direkt aus dem Herzen des Künstlers, so wild und so persönlich, daß man sich leicht vorstellen kann, daß er sein Publikum nicht daran teilhaben lassen will. [3]

Was Paul Williams hier über das lange Zeit nicht veröffentlichte „She's Your Lover Now“ schreibt, mag einen Einblick über die Art des Herangehens an den Künstler Dylan geben.

Bob Dylan
All Along the Watchtower

Die Jahre nach seinem Motorradunfall sind geprägt von wenigen öffentlichen Auftritten und sporadischen neuen Alben unterschiedlicher Qualität. So als wäre es ihm weitgehend egal, was die Öffent­lichkeit von seinen songs denkt, arbeitet er auch. Da gibt es seine sessions mit der Band, die später als Basement Tapes veröffentlicht wurden. Sie enthalten Klassiker wie „Quinn The Eskimo“ oder „This Wheel's On Fire“, das Mitte der 80er Jahre von Siouxsie and the Banshees gecovert wurde, in Unkenntnis der Dylanschen Autorenschaft. Hätte Siouxsie davon gewußt, hätte sie den song nicht aufgenommen.

Bob Dylan
This Wheel's on Fire

„John Wesley Harding“ war wieder etwas folkiger und enthält das zuvorletzt gehörte All Along The Watchtower, das von Jimi Hendrix meisterhaft umgesetzt wurde. Alsdann wandte sich Dylan dem Country zu und produzierte „Nashville Skyline“, was sich überraschend gut verkaufte. Das mag damit zusammen­hängen, daß Johnny Cash mitgespielt und mitgesungen hat. 1970 folgte das unglaubliche „Self Portrait“, das eigentlich nur ausdrückte: „Leckt mich doch alle am Arsch!“ Vielleicht zur Schadens­begrenzung legte er kurz darauf das Album „New Morning“ nach. 1973 spielte er in Pat Garrett & Billy the Kid mit und komponierte die Filmmusik. Hierbei entstand „Knockin' On Heaven's Door“.

Bob Dylan
Take a Message to Mary
Knockin' on Heaven's Door

Gerade aus der Zeit von 1966 bis 1973 gäbe es noch so manches unbekannte oder auch bekannte Lied zu spielen, etwa „Lay Lady Lay“. Doch für den Schluß meiner Sendung über den Bob Dylan der Jahre 1960 bis 1975 habe ich mir einen song aufgehoben, der zeigt, daß der Künstler und Egozentriker Bob Dylan seine politischen Wurzeln nicht gänzlich vergessen hat. Der song handelt von dem rassistischen Schauprozeß gegen den schwarzen Boxer Rubin Carter. Dylan erzählt hierbei natürlich seine Version des Geschehens, aber mit einer Eindring­lichkeit, die das Wesen der US-amerikanischen rassistischen Justiz offen legt.

Vergessen wir hierbei nicht, daß Mumia Abu-Jamal [2006] seit fast zweieinhalb Jahrzehnten in der Todeszelle sitzt, weil er in einem ähnlichen Schauprozeß zum Tode verurteilt wurde. Er soll 1981 in Philadelphia einen Polizisten erschossen haben. Um zu diesem Urteil zu gelangen, mußten Geschworene ausgesiebt, Zeuginnen eingeschüchtert und Beweismaterial unterschlagen werden.

Bob Dylan
Hurricane

Jingle Alltag und Geschichte

Das war meine zweistündige Sendung über den Clown und Scharlatan, Egozentriker und Protestsänger Bob Dylan. Hierzu habe ich das Buch von Paul Williams „Like A Rolling Stone“, vor kurzem im Palmyra Verlag neu aufgelegt, zu Rate gezogen. Die Biografie kostet 17 Euro 90. Für das Frühjahr ist die Neuauflage des zweiten Teils der Biografie für den Zeitraum 1974 bis 1986 mit dem Titel „Forever Young“ angekündigt.

In wenigen Minuten startet die Wiederholung des Liveprogramms vom Sonntag mit den Sendungen der Frauenredaktion „FriDa“, dem „RadaR Sportplatz“ mit dem Thema Sportverein als Unternehmen, gefolgt von der „RadaR Deutschstunde“ mit Bernd Schmiedeke und dem „Kopfhörer“ mit Clemens Beier. Für die Redaktion Alltag und Geschichte auf „Radio Darmstadt“ war am Mikrofon Walter Kuhl.

Bob Dylan
It's All Over Now Baby Blue

 

ANMERKUNGEN
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»» [1]   Oder war es ein anderer, ähnlicher Schinken? Mein Gedächtnis läßt mich hier im Stich.

»» [2]   Paul Williams : Like A Rolling Stone, Seite 194–195.

»» [3]   Williams Seite 273.


Diese Seite wurde zuletzt am 5. April 2012 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2006, 2012. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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