Geschichte

Die große Verschwörung

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
Sendung :
Geschichte
Die große Verschwörung
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Montag, 29. Dezember 2003, 17.00–18.00 Uhr
 
 
Besprochenes und benutztes Buch :
Uwe Topper : ZeitFälschung, Herbig Verlag
 
 
URL dieser Seite : http://www.waltpolitik.powerbone.de/herstory/ge_chron.htm
 
NAVIGATION
 Startseite Waltpolitik 
 Neues auf meiner Homepage 
 Stichwortsuche 
 Orientierung verloren? 
 Abstract in English 
   
SENDUNGEN
 Geschichte 
 Kapital – Verbrechen 
 Radiowecker &150; Beiträge 
 Specials 
 Tinderbox 
 Nächste Sendung 
 Vorherige Sendung 
 Nachfolgende Sendung 
   
SERVICE
 Besprochene Bücher 
 Sendemanuskripte 
 Veröffentlichungen 
 Bisheriges Feedback 
  Email an Walter Kuhl 
 Rechtlicher Hinweis 
   
LINKS
 Radio Darmstadt (RadaR) 
 Alltag und Geschichte 
 Radiowecker – Redaktion 
 Herbig Verlag 
   

 

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung
Kapitel 2 : Politische Verschwörungstheorien
Kapitel 3 : Naturheilkunde gegen die Verschwörung der Schulmedizin
Kapitel 4 : Versprechen eines Eiferers
Kapitel 5 : In der Phantomzeit gefangene Chronologiekritik
Kapitel 6 : Die linguistische "Methode"
Kapitel 7 : Historischer Hokuspokus
Kapitel 8 : Fließende Übergänge nach Rechtsaußen
Kapitel 9 : Schluß

 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

Wer sich mit der Vergangenheit beschäftigt, weiß, wie schwierig es oftmals ist, schriftliche Urkunden mit vorhandenen Denkmälern in Einklang zu bringen. Propagandalügen sind keine Erfindung der Neuzeit. Schon Pharao Ramses II. von Ägypten wußte ganz genau, wie er die Geschichtsschreibung manipulieren konnte. Er feierte auf einer riesigen Inschrift seinen glorreichen Sieg über die Hethiter im 13. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung; und hätten wir nicht zufällig Kenntnis von den tatsächlichen Umständen, hätte seine Lüge Erfolg gehabt.

In Tübingen streiten sich seit Jahren der Ausgräber Manfred Korfmann und der Altertumswissenschaftler Frank Kolb um die korrekte Interpretation der in Troia ausgegrabenen Monumente oder nachgewiesenen Spuren der Vergangenheit. Während Korfmann Troia für eine Handelsmetropole hält, billigt Kolb ihr gerade noch den Status eines Fischernestes zu. Kompliziert wird der Streit dadurch, daß im Schutt des 12. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung ein luwisches Siegel gefunden wurde. Korfmann behauptet daher eine Abhängigkeit Troias von den auch luwisch schreibenden Hethitern, während Kolb den Einzelfund für relativ wertlos hält.

Wer hat Recht? Hier hilft nur eine genaue Quellenkritik weiter, um die vorhandenen Funde korrekt einordnen zu können. Die hethitischen Quellen legen es tatsächlich nahe, daß Troia eine von den Hethitern abhängige Königsstadt war; doch der endgültige Beweis vor Ort fehlt. Deshalb kann Frank Kolb ungeniert weiter polemisieren, denn Korfmanns Interpretation ist genau dies: eine Interpretation, wenn auch eine mit einem gewissen Wahrheitspotential. Doch auch Korfmann interpretiert mehr hinein, als sich tatsächlich nachweisen läßt, macht es also seinen Kritikern unnötig leicht. Gelehrtenstreit? Akademisches Gezänk? Schon möglich. [1]

Werfen wir einen Blick auf das frühe Mittelalter: Hier müssen ganze Fälscherwerkstätten bestanden haben. Dabei ging es weniger um das Abfeiern nicht vorhandener Siege, sondern um Land– und Besitzansprüche. Gefälscht wurden jedoch auch antiken Autoren zugeschriebene Werke, um in der damaligen intellektuellen Auseinandersetzung die richtigen Argumente und Belegstellen auf seiner Seite zu haben. Selbst heute ist es schwierig, hier den Überblick zu behalten und klären zu können, welche mittelalterlichen Handschriften echt oder gefälscht sind.

Daneben sind die Propagandalügen der US–Geheimdienste und des US–Militärs beispielsweise zur Begründung des Krieges gegen den Irak geradezu dilettantische Machwerke. Bushs Schoßhund Tony Blair hatte sich ja ausreichend blamieren dürfen, als er eine Magisterarbeit aus Kalifornien zum Geheimdienstdokument erklärte. Und wenn wir dann einmal Walter Hoffmann oder Andreas Storm fragen, wie durch knallharte neoliberale Politik mehr Arbeitsplätze entstehen können, dann werden sie uns ganz sicher sinnlos zusammengestellte Behauptungen als wissenschaftliche Beweise präsentieren. Ich empfehle hierfür den Papierkorb.

Bei all diesen Schwächen der wissenschaftlichen historischen Forschung, die aus zum Teil relativ wenigen Funden eine ganze Geschichte versucht zu rekonstruieren, ist es geradezu folgerichtig, daß Kritikerinnen und Kritiker auf den Plan treten. Es gibt eine seriöse Kritik, die immanent die Schwächen der vorgetragenen Argumente untersucht, um Interpretation von Erkenntnis zu trennen. Und es gibt eine Kritik von außen, welche die Grundlagen des vorhandenen historischen Systems selbst in Frage stellt.

Hier nun setzen die Verschwörungstheoretiker der historischen Forschung an. Sie unterstellen nicht nur, daß bewußt und gezielt Dokumente erfunden worden sind, nein, sie behaupten sogar, daß ganze historische Epochen nie existiert haben können. Protagonisten derartigen Verschwörungstheorien sind Heribert Illig, Uwe Topper, Gunnar Heinsohn oder Anatoli Fomenko. Ihr großer Vordenker, dem sie jedoch nur partiell folgen, weil er einfach zu großen Unsinn verbreitet hat, ist Immanuel Velikovsky. [2]

Nun mag man und frau mir zurecht vorhalten, daß ich diesen Verschwörungshistorikern viel zu viel Ehre erweise, wenn ich sie im Rahmen meiner heutigen Sendung vorstelle und gleichzeitig ihre fragwürdigen Methoden thematisiere. Mir scheint jedoch, es gibt ein Bedürfnis, sich mit derart unwissenschaftlichen Hypothesen zu identifizieren. Die Tatsache, daß sich die Bücher der genannten Autoren verkaufen, spricht dafür, daß es einen Markt hierfür gibt. Doch genausowenig, wie esoterischer Unsinn wahrer wird, nur weil er sich verkauft, wird Geschichtskritik glaubwürdiger, die von Ressentiments lebt und welche die Phantasie bedient.

Es würde jedoch zu weit führen, alle diese sich zum Teil widersprechenden historischen Spekulationen darzulegen. Daher nehme ich eines der neueren Werke dieser Autorenzunft als Grundlage meiner heutigen Sendung. Es handelt sich hierbei um das im Jahr 2003 im Herbig Verlag erschienene Buch ZeitFälschung von Uwe Topper. Anhand dieses Buches lassen sich durchaus Argumentationsmuster zeigen, die nahelegen, warum es sich letzten Endes um blühenden Unsinn handelt. Das neue Bild der Geschichtsschreibung, das Uwe Topper verspricht, ist nämlich – ich nehme das Ergebnis vorweg – eine Ansammlung kruder Behauptungen und nicht beweisfähiger Spekulationen. Wobei ich nicht ausschließen will, daß dieser Autor ein besonders herausragendes Exemplar der Gattung Scharlatanerie ist. Denn nicht umsonst schreibt der Autor selbst:

Die Rekonstruktion der Entstehung des frühen Christentums ist keine wissenschaftliche Arbeit. Sie will niemanden überzeugen, überreden oder beleidigen, sondern erfreuen durch neue Gedanken. Sie ist ein Kunstwerk, ein vorausschauender Entwurf, eine Erfindung. [3]

Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt ist Walter Kuhl.

 

Politische Verschwörungstheorien

Das grundsätzliche Problem von Verschwörungstheorien ist, daß sie weder bewiesen noch widerlegt werden können. Wer sich einmal dem Gedankengut verschrieben hat, hier könne eine Verschwörung am Werk sein, wird jedes noch so vernünftige Argument in diesem Raster interpretieren. Leider muß ich immer wieder feststellen, daß selbst Menschen, die im "normalen Leben" ziemlich pragmatisch und rational handeln, derartige Theorien für bare Münze nehmen. Es könnte ja etwas dran sein.

Für den latenten Antisemitismus dieser Gesellschaft bieten sich wahlweise jüdische Geheimgesellschaften, Freimaurerlogen oder die sogenannten Illuminaten an, die hinter den Kulissen die Fäden ziehen. Nicht etwa die unverstandenen Bewegungsgesetze des Kapitals sind es, welche Politikerinnen und Politiker zu einer bestimmten Politik drängen, sondern dunkle Mächte oder Lobby–Organisationen. So wird die angebliche jüdische Lobby für die Probleme im Nahen Osten verantwortlich gemacht, weil sogar in der derzeitigen US–Administration einige Menschen mit israelischem Paß sitzen sollen. [4]

Das Weltjudentum beherrscht nicht nur Wall Street, sondern auch das Weiße Haus und das Pentagon – so der Tenor derart verschwörungstheoretischer Argumentationen. Natürlich wird Politik von konkreten Menschen gemacht, natürlich gelangen nur diejenigen an Machtpositionen, die im Sinne der herrschenden Klasse hierzu befähigt sind und die sich entsprechend bewährt haben. Aber der Kapitalismus ist nun einmal keine Verschwörung des Judentums, sondern eine historische Gesellschaftsformation, die aufgrund bestimmter Entwicklungen auf den Feudalismus gefolgt ist und die hoffentlich nicht das Ende der Geschichte darstellt.

Andere Verschwörungstheorien kreisen um den Mord an John F. Kennedy oder um den 11. September. Jede angebliche oder tatsächliche Merkwürdigkeit wird in diesem Raster interpretiert und belegt immer wieder aufs Neue, daß es sich hierbei nur um eine Verschwörung handeln kann. Eine Analyse von Umständen, die der Verschwörungslogik widersprechen, findet konsequent nicht statt.

Autoren wie Mathias Bröckers und Gerhard Wisnewski bedienen hier ein zeitgeistiges Publikum mit immer wilderen Vermutungen. Hat Bush von den Anschlägen vorher gewußt oder nicht, oder welches Spiel haben CIA und FBI gespielt? Dabei schrecken die Verschwörungsautoren auch nicht vor Fälschungen oder willentlichen Falschinformationen zurück, nur um ihr Weltbild zu bestätigen.

Gegen die Logik der Verschwörungstheoretiker ist nichts auszurichten. Gibt es keine Informationen zu einem bestimmten Thema, liegt das daran, daß sie unterdrückt oder vernichtet wurden. Gibt es Informationen, ist das gerade der Beweis für die Verschwörung; und gibt es jede Menge widersprüchlicher Informationen, dann liegt das daran, daß mit zu vielen Informationen Desinformation betrieben werden soll. Nun sind dies in der Tat die Methoden der psychologischen Kriegsführung. Doch der grundsätzliche Fehler jeder Verschwörungstheorie ist, daß der Verschwörung eine Allmacht unterstellt wird, die sie nie gehabt hat. Wäre die Verschwörung wirklich so perfekt organisiert, wie immer unterstellt wird, dann hätten wir eine ganz andere Gesellschaft – militarisiert bis an die Zehenspitzen und mit perfekter Gedankenkontrolle. Widerstand wäre in der Tat zwecklos. Doch der Kapitalismus ist keine Borg Corporation, sondern auch das Feld gesellschaftlicher Konflikte. Konflikte zwischen den Klassen und Konflikte innerhalb der Klassen, selbst Konflikte innerhalb der herrschenden Klasse sind alltäglich. In den seltenen Fällen einer Diktatur werden die meisten dieser Konflikte gedeckelt, aber keine Diktatur existiert ewig, genauso wenig wie es Monopole gibt, die ewig andauern.

Um kurz noch einmal auf den 11. September zurückzukommen: Ja, es ist der herrschenden Klasse in den USA oder Teilen von ihr zuzutrauen, daß sie aus Legitimationsgründen das World Trade Center selbst in die Luft jagt, um anschließend Krieg führen zu können. Doch wer genauer hinschaut, bemerkt, daß die US–Kriegsstrategie schon vorher beschlossene Sache war und nur noch der passende Anlaß gesucht wurde. Wären es nicht die Zwillingstürme gewesen, hätte es andere vorgeschobene Gründe gegeben. So windig, wie Bush und Blair ihre Kriege begründen, hätte auch ein Furz von Saddam Hussein der Nachweis biologischer Massenvernichtungswaffen sein können. Eine Verschwörung war daher gar nicht notwendig. Die inneren Bewegungsgesetze des Kapitals haben den US–Imperialismus dazu gezwungen, Krieg zu führen, denn die Märkte und Rohstoffquellen müssen neu aufgeteilt und abgesichert werden. Keine Illuminaten, jüdischen Lobbies oder Freimaurer waren vonnöten. Es reicht die ganz normale Arroganz der Macht. Das hätte der US–amerikanische Kongreß so oder so eingesehen und die entsprechenden Mittel bewilligt.

 

Naturheilkunde gegen die Verschwörung der Schulmedizin

Von antisemitischen Verschwörungsmustern ist es nicht weit zu esoterischem Geheimwissen. Zwischen Esoterik und Naturheilkunde, zwischen Energieflüssen und geistiger Erneuerung bestehen enge Bande [4a]. Ein wesentliches Erfolgsmoment der Esoterik und der ihr verwandten Naturheilkunde besteht darin, daß die klassische Schulmedizin in vielen Fällen nicht in der Lage ist, angemessene Diagnosen zu stellen und Therapien bereitzustellen. Die Alltagserfahrung lehrt uns, daß Ärztinnen und Ärzte oftmals herumraten (daher der Begriff: herumdoktern), bis sie einen Weg oder ein Mittel zur Heilung einer Krankheit oder Verletzung gefunden haben.

Anstatt daraus die konsequent richtigen Forderungen abzuleiten, nämlich: angemessene Berufsausbildung, sinnvolle ärztliche Einrichtungen, fehlender Leistungsdruck, weltweit kostenfreie ärztliche Versorgung und eine rigorose Liste wissenschaftlich überprüfter Medikationen, wird der Schulmedizin ihr kapitalistisch organisiertes Defizit als Komplettversagen vorgeworfen.

In der Tat gehen Scharlatane daran, Knochenbrüche mit Energieflüssen heilen zu wollen oder Krebs mit nicht nachprüfbaren Hausmittelchen. Die Homöopathie lebt von absolut obskuren Vorstellungen. Je geringer dosiert der Wirkstoff, desto wirkungsvoller soll er sein. Es gibt hier einen Wirkstoffgrad, der die beste Heilwirkung darin sieht, ein Tropfen des Wirkstoffs auf den Wasserinhalt des Bodensees zu verteilen. Ich kann hier eindeutig den Gegenbeweis antreten. Der geht ganz einfach: wenn mir ein Homöopath nachweisen kann, daß er meine Käsefüße am anderen Ende des Bodensees wahrnehmen kann, dann bin ich absolut überzeugt und gläubig. [5]

Doch es ist eben so: Der Wirkstoff in stärkster Verdünnung in kleine Fläschchen abgefüllt, bedeutet etwas molekularbiologisch Unmögliches. Materie läßt sich nicht auf diese Weise zerteilen und abfüllen. [6] Doch auch hier wäre es falsch, die Homöopathie immanent zu kritisieren. So heißt es auf einer entsprechenden Seite im Internet auch:

Die Verdünnung in der Homöopathie sind häufig so stark, dass in dem fertigen Medikament – chemisch gesehen – kein Wirkstoff mehr vorhanden ist. In der Homöopathie wird aber die Heilkraft als eine Art Information angesehen, die auch unabhängig vom Wirkstoff existieren kann. [7]

Woraus zu schließen ist: es wird etwas behauptet, das nicht existiert, und der Wirkstoff ist eigentlich nicht notwendig. Warum wird dann aber ein solches Brimborium darum gemacht? Hier zeigt sich: Die Homöopathie verläßt an diesem Punkt bewußt das rationale Weltbild der aufklärerischen Moderne, um zu pseudowissenschaftlichen Erklärungsmustern zu greifen. Deshalb wirkt ein Wirkstoff auch, wenn er gar nicht wirken kann. Im günstigen Fall haben wir hier ein Musterbeispiel für den Placebo–Effekt.

Ende November dieses Jahres soll eine groß angelegte wissenschaftliche Studie den wissenschaftlichen Nachweis erbracht haben, daß Akupunktur bei chronischen Schmerzen, etwa Migräne, wirkt. In der Tat – Akupunktur kann bei gewissen Schmerzen Linderung bringen. Da ich selbst an dieser Testreihe teilgenommen habe, kann ich das bestätigen. Nur – das Spannende daran ist, daß außer dem wissenschaftlichen Nachweis der Wirksamkeit nichts darüber ausgesagt wird, warum und wie Akupunktur hier wirkt. Werden meine Kopfschmerzen nur unterdrückt oder wurden die Ursachen beseitigt? Nicht von all dem ist klarer geworden. [8]

Dabei liegt es auf der Hand: der Mensch ist evolutionsbiologisch überhaupt nicht dafür gemacht, in der kapitalistischen Leistungsgesellschaft physisch und psychisch verschlissen zu werden. Woraus folgt: ohne Leistungsdruck und Streß, ohne Schulnoten und das tägliche Sich–Verkaufen–Müssen, ohne Warenbeziehungen und permanente Lügen würden wir alle gesünder und länger leben ... und weniger Ärztinnen, Medikamente, Homöopathie, Akupunkturexperimente und Psychopharmaka benötigen.

Dies jedoch wurde vorsichtshalber nicht untersucht. Eine Gesellschaft, die krank macht, stellt sich ja nun auch nicht selbst in Frage. Wo kämen wir da auch hin? Statt dessen leben neben den Vertreterinnen und Vertretern der Schulmedizin auch die Pharmakonzerne und die esoterischen Heilsversprecher bestens von den strukturellen Defiziten einer kapitalistischen Leistungsgesellschaft. Deshalb setzt die Gesundheitsreform auch nicht am Kapitalismus an, sondern bei den davon Geplagten. Wer zukünftig nicht mehr zahlungsfähig ist, soll einfach leiden und verrecken; so, wie das weltweit ohnehin Standard ist.

Das ist keine medizinische Verschwörung, das ist nackter, brutaler, meinetwegen auch: neoliberaler, Kapitalismus.

 

Versprechen eines Eiferers

Ich habe euch hoffentlich mit meinem etwas lang geratenen Vorwort zur Vorstellung des Buches ZeitFälschung von Uwe Topper nicht allzu lange hingehalten. Mir schien es jedoch sinnvoll zu sein, den verschwörungstheoretischen Rahmen abzustecken, in dem auch dieses Buch sich befindet. Das von Uwe Topper vorgestellte neue Bild der Geschichtsschreibung bedient sich nämlich durchaus derselben Muster und Argumentationen wie jede gute Verschwörungstheorie.

Sicher kann es hilfreich sein, die eine oder andere Behauptung von Historikerinnen und Geschichtswissenschaftlern auf den Prüfstand zu stellen. Zu vieles ist noch lange nicht geklärt, manches erweist sich nach einigen Jahrzehnten als vollkommen überholtes Wissen. Neue Funde stellen alte Interpretationen in Frage; neue Forschungsmethoden erweitern unser Wissen. Das ist normal und kein Grund, die Geschichtsschreibung grundsätzlich in Zweifel zu ziehen.

Wenn es beispielsweise in der mesopotamischen Geschichte des 2. Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung vier konkurrierende Zeitrechnungen gibt, dann liegt das nicht daran, daß die Geschichtswissenschaft unfähig ist. Es liegt daran, daß es für eine durchaus bekannte Aneinanderreihung von Königen, Ereignissen und Dynastien einfach noch kein Basisdatum gibt, auf das sich all diese Ereignisse beziehen können.

Ein guter Verschwörungshistoriker würde natürlich daran gehen und einfach behaupten, es habe das eine oder andere Jahrhundert nicht gegeben, das die Historikerinnen und Archäologen derzeit notdürftig als dunkles Jahrhundert bezeichnen. Nur – solange wir keine neuen Fakten erhalten, ist es in der Tat sinnvoll, anhand von Indizien eine relativ wahrscheinliche Chronologie zu erstellen. Das Fehlen von Funden bedeutet nämlich nicht, daß es sie nicht gibt, sondern nur, daß sie noch nicht gefunden worden sind. Derartige dunkle Jahrhunderte sind auch aus der frühen griechischen Geschichte und dem frühen Mittelalter bekannt. Da es jedoch keinen vernünftigen Grund gibt, diese dunklen Jahrhunderte einfach als nicht existent zu verwerfen, müssen sie bis zum Beweis des Gegenteils als real akzeptiert werden.

Die menschliche Geschichte baut nicht evolutionär aufeinander auf. Reiche zerfallen und manchmal bleibt einfach nichts übrig, das uns sagt, was danach passiert ist. Troia wurde gegen 1200 zerstört, wobei immer noch nicht klar ist, wodurch, und danach hausten einfach neue Siedlerinnen und Siedler in den Trümmern. In anderen Gegenden Griechenlands war das nicht anders.

Uwe Topper hat uns nun eine lustige Fingerübung versprochen:

Angesprochen werden [von ihm] alle lernbereiten Menschen: Wer sich kundig machen will, kann hier die vielgestaltigen Möglichkeiten anschauen, die eine neu geschriebene Geschichte bietet.
Angesprochen sind auch die Kunstliebhaber. So trocken der Stoff zunächst scheinen mag, so bezaubernd kann er sich auswirken, wenn man sich erst einmal hineinversetzt. [9]

Oder anders ausgedrückt: wir basteln uns aus dem vorhandenen Material eine neue Geschichte der Menschheit. Was nicht paßt, wird einfach beiseite geschoben oder willkürlich neu interpretiert. Klar, das kann Spaß machen. Dann kann ich mir aber gleich eine historische Simulation auf dem PC erschaffen und lustig Figuren hin– und herschieben, Kriege führen und Weltreiche errichten, die es in der Realität nie gegeben hat. Das ergibt zwar auch keinen neuen Sinn, vertreibt jedoch die Zeit, ist vielleicht sogar lustiger als der Text von Uwe Topper, aus dem der fanatische Eiferer [10] spricht; und das nervt auf die Dauer.

 

In der Phantomzeit gefangene Chronologiekritik

Grundsätzlich scheint es in der Chronologiekritik, und hierum geht es den Verschwörungshistorikern, um zwei sich zum Teil ausschließende, zum Teil ergänzende Behauptungen zu gehen:

Zum einen wird im Anschluß an Immanuel Velikovsky behauptet, daß die menschliche Evolution und Geschichte katastrophisch verlaufen sei. Velikovsky hatte versucht, die biblische Geschichte mit den Fakten in Einklang zu bringen. Da die harten Fakten nicht paßten, die Bibel aber Recht haben mußte, konnte die herkömmliche Chronologie nicht stimmen. Ein typisches Muster für Verschwörungstheoretiker: paßt die Wirklichkeit nicht zur vorgefaßten Meinung, um so schlimmer für die Wirklichkeit! Bei Velikovsky waren es kosmische Ereignisse, welche die Erdgeschichte durcheinander gebracht haben sollen, etwa Annäherungen anderer Planeten. Bei seinen Nachfolgern wird auf noch unbekannte Phänomene gesetzt, wie etwa ein plötzliches Verschieben der Erdachse oder eine plötzliche wiederholte Umkehrung der Pole. Beweise hierfür liegen zwar nicht vor, das jedoch, so verraten uns die Verschwörungshistoriker, liegt in der Natur der Materie.

Da die Wissenschaft bewußt hiernach nicht gesucht hat, konnte sie die Katastrophen auch nicht finden. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind hierbei Teil einer groß angelegten Verschwörung. Das Wissen um einen völlig anderen Verlauf der Geschichte soll nicht ans Tageslicht gelangen. Deshalb zweifeln diese Autoren auch bewährte Methoden wie die Radiokarbondatierung oder die Dendrochronologie an, da sie nicht in ihr Weltbild passen. Sprich: was nicht paßt, wird abgelehnt und als Teil der großen Verschwörung deklariert. [10a]

Ein zweiter Strang der Verschwörungshistorie geht von einer oder mehreren sogenannten Phantomzeiten aus. Heribert Illig behauptet beispielsweise, die ganze Geschichte zwischen 614 und 911 sei schlicht gefälscht. Karl den Großen habe es nie gegeben. Wie bei den großen Verschwörungen der Illuminaten oder dem behaupteten Nachweis der Landung Außerirdischer in grauer Vorzeit wird hierbei gerne die eine oder andere Zahlenmystik zur Hand genommen. So fiel Uwe Topper die Zahl 72 auf.

Immer wieder taucht der Begriff der 72 in der monotheistischen Literatur auf, besonders als LXX oder Septuaginta, Inbegriff der »wahren« Übersetzung der hebräischen Bibel ins Griechische. 72 gelehrte Juden [...] waren – lange vor Christus – ins griechische Alexandria in Ägypten eingeladen worden durch König Ptolemaios, der sie für seine umfangreiche Bibliothek um die Übersetzung der Thora oder des ganzen Alten Testaments ins Griechische bat, was die 72 Rabbiner auch in 72 Tagen in großer Einmütigkeit bewältigten. [...] Tatsache ist, dass die beste Münze Roms, der goldene Solidus, von Konstantin d. Gr. an (der angeblich das Christentum zur Staatsreligion gemacht hat) bis zum Ende des Römischen Reiches ein festes Gewicht hatte, nämlich 1/72 eines Pfundes, und deshalb die griechischen Buchstaben OB (=72) trug. Gold und Wahrheit liegen ja oft so nah beieinander. [...] Was die Zahl 72 trug, war solides Gold. [11]

Was Uwe Topper verschweigt, ist, daß Konstantin die solide Münze seines Vorgängers Diokletian verschlechtert hat. Bei Diokletian wurden nur 60 Goldmünzen aus einem Pfund Gold geprägt. [12] Die Zahl 72 findet der Autor auch anderswo: So soll auch die mittelalterliche Stadtmauer von Diyarbakir in Kurdistan 72 Türme gehabt haben, wahrscheinlich weil die Stadtmauer so solide war. Und zum Abschluß schreibt Uwe Topper:

Da der jüdische Tempel von Jerusalem angeblich im Jahr 70 durch Titus zerstört wurde, lässt man die Zeloten noch bis 72 AD in Massada weiterkämpfen, bevor sie endgültig besiegt sind. [13]

Auch hier die Methode: was nicht paßt, wird passend gemacht, zumal für ihn die Geschichte vor dem 15. Jahrhundert ohnehin fiktiv ist. Vielleicht ist es sinnvoll, darauf hinzuweisen, daß Uwe Topper von einer unbekannten Katastrophe zwischen 1260 und 1350 ausgeht und das Christentum mitsamt ihrer Kirche sich erst durch eine europaweite Verschwörung im Anschluß an diese Katastrophe durchgesetzt hat. Und wie war das möglich?

Gehirnwäsche, Blutgerichte und Feuerstöße, auf denen die [um die wirkliche Vergangenheit] Wissenden verbrannt wurden, Inquisition und Folter, flächendeckende Machtkämpfe wie der gegen die Katharer oder der Stedinger Kreuzzug – das sind die Initialen der neuen Kirche, die mit erbarmungslosem Fanatismus in Haut und Hirn der Überlebenden gebrannt wurden. [14]

Die Geschichte vor 1350 wurde demnach neu geschrieben. Die Kirche wurde als eine Instanz erfunden, die schon seit mehr als 1000 Jahren existiert haben soll. Fiel das niemandem auf? Nun, wenn wir uns vergegenwärtigen, daß damals die wenigsten Menschen lesen und noch weniger Menschen direkten Zugriff auf Dokumente, Pergamente, Manuskripte oder Bibliotheken hatten, dann kann das schon sein. Selbst in unserer heutigen Informationsgesellschaft erfahren wir ja nicht alles, sondern werden auch bewußt desinformiert. Die wenigen, denen es damals aufgefallen sein könnte, haben sich mit der neuen Macht arrangiert, um zu überleben, so Uwe Topper. [15]

Deshalb ist es dann auch heute so schwer, die wirkliche Geschichte zu rekonstruieren, sagen die Verschwörungshistoriker.

 

Die linguistische "Methode"

Esoterische oder historische Verschwörungstheoretiker lieben es, ihre Gedankengänge mit "Beweisen" anzureichern. Oder, ich sollte es präzisieren: Pseudobeweisen. Ihre Methode bedient sich sprachlicher Ähnlichkeiten, ähnlich klingender Begriffe oder linguistischer Spekulationen. Als gäbe es keine linguistische Wissenschaft, nach der begründet werden muß und begründet werden kann, warum sich Sprachen und Begriffe in einer gesetzmäßigen Weise verändern, wird munter drauflos schwadroniert. Was ähnlich klingt, ist nicht nur ähnlich, sondern ein Beweis. Beispiele dieser Methodik finden sich bei Uwe Topper zuhauf.

So wird der heiligen Stadt Jerusalem eine griechisch–arabische Bedeutung unterlegt: Hieros–Alem, was Heiligtum der Welt bedeuten soll [16]. Im arabischen Sternkreis soll es ein Zeichen Burdsch geben, das Topper mit dem für ihn eher deutschen oder persischen Wort Burg in Verbindung bringt. Dumm nur, daß der Begriff aus dem Lateinischen kommt und burgi kleinere befestigte Straßenposten am Ende der römischen Herrschaft zur Völkerwanderungszeit waren; aber das zählt für Topper ja ohnehin nicht, weil auch das uns bekannte Latein eine erfundene Kunstsprache der humanistischen Renaissance ist. [17]

Dafür war das Rittertum der Zeit vor 1350 ohnehin eine persische Angelegenheit gewesen; und der persische Einfluß zeigt sich dann daran, daß Ritter Parzival seine Herkunft im Namen trägt [18]. Auch Harun al–Raschid, der Kalif von Bagdad, das ist der, der dem nicht existenten Karl dem Großen einen oder mehrere Elefanten hatte zukommen lassen, muß eine Erfindung sein:

Hieß dieser Harun nicht zufällig nach Moses Bruder Aaron, oder vielleicht auch nach Lots Sohn Haran? [19]

fragt Uwe Topper? Ja, genau. Weil Harun wie Aaron oder Haran klingt, muß er ein erfundenes Phantom sein. Denn schließlich waren die Fälscher phantasielos und kopierten einfach alte biblische Namen anstatt sich neue auszudenken. Hätte doch eh keine und niemand gemerkt, wenn doch die ganze biblische Geschichte erfunden und erlogen ist!

Um diesen enervierenden Klangbrei abzuschließen: hier noch zwei wirklich erhellende Beispiele der unwissenschaftlichen Erfindungsgabe des Uwe Topper. Um die Bedeutung und Herkunft des Wortes Heiland zu begründen, schreibt er:

Aber ohne Messias geht es nicht, bei keinem der drei Monotheisten–Religionen. Woher mögen sie ihn haben? Vermutlich vom Saoschiant (Erlöser) der Perser. S=H [ist] (bei Übertragungen aus dem Iranischen normal), der Rest ergibt keinen Sinn, legt aber nahe: H–l–iant, Heliand. Daraus wurde Heiland, wie es gut deutsch klingt. [20]

In der Tat – es ergibt keinen Sinn. Aber wozu auch, wenn Uwe Topper schon vorher weiß, daß auch Sinnloses gut zusammenpaßt? So wie seine Behauptung, der Name Jesus sei mit dem römischen Wort ius (das bedeutet: Recht oder Gesetz) verwandt. [21]

Das andere Beispiel der linguistischen Phantasie ist nur für die des Griechischen Mächtigen wirklich nachvollziehbar. In der anatolischen Felsenkirche Metropolis lag womöglich eines der frühen Zentren seiner herbeiphantasierten frühen Kirche des erfundenen 14. Jahrhunderts:

Der große Kultraum, fast ein Dom, ist vollkommen in den Felsen hereingearbeitet. Auch hier sieht man kaum Kreuze. Vier Buchstaben: M(ü), A(lpha), Th(eta), Y(psilon) kann man als Mathy, Mutter, lesen. Das kann jede Gottesgebärerin Anatoliens bezeichnen, Kybele wie auch Maria. [22]

In der Tat, man kann es wie mathy, angeblich: Mutter, lesen. Aber besser, man läßt es bleiben. Weil es Quatsch ist. Im Altgriechischen heißt die Mutter mater oder meter, im Neugriechischen heißt sie mitera. Und man und frau schreibt sie mit Tau und nicht mit Theta. Auch wenn beide Buchstaben im Deutschen als T ausgesprochen werden, handelt es sich um zwei vollkommen verschiedene Laute, so wie bei den beiden Varianten des englischen th. Hierzu gibt es allerdings zwei differierende Theorien, die jedoch beide als Ergebnis besagen: mathy mit TH kann nicht Mutter heißen.

Die eine Theorie geht davon aus, daß schon das Altgriechische mehr oder weniger so ausgesprochen wurde wie das Neugriechische, der sogenannte Itazismus. Demnach heißt Mutter matir oder mitir. Dann müßte Toppers Wort mathi (mit th) ausgesprochen werden. Oder das Altgriechische wurde damals in etwa so ausgesprochen, wie es an deutschen Gymnasien auch heute noch gelehrt wird, der sogenannte Etazismus. Dann lautet Toppers Wort mathü und ist genausowenig als Mutter zu begreifen. Da auch das Griechische einem (gesetzmäßen!) Lautwandel unterlag, ist es aber wohl so gewesen, daß ein Theta ursprünglich ein behauchtes t war, das später wie ein th ausgesprochen wurde. Unser Schulgriechisch ist hier einfach ungenau. – Da aber auch das Griechische, wie wir es kennen, eine Erfindung der humanistischen Renaissance ist, kann Uwe Topper seinen Quatsch ja einfach mal behaupten ...

Beispiele dieser absolut unsinnigen Beweisführung finden sich massenhaft in Uwe Toppers Buch ZeitFälschung. [22a]

Andere Argumentationen spielen mit der Unwissenheit der Leserin oder der Gläubigkeit des Lesers. So gehört es zum Handwerkszeug von Verschwörungstheoretikern, all das, was nicht paßt, als Fälschung zu bezeichnen. Beweise bedarf es hierfür nicht, denn die Fälschung ergibt aus der Aufdeckung der Verschwörung ganz von selbst. Wenn nämlich die komplette Kirchengeschichte nach 1350 neu geschrieben wurde und erst dann auch die Zeitrechnung nach Christi Geburt Verwendung findet, die ja vorher auch keinen Sinn gemacht haben kann, weil das Christentum erst im 14. Jahrhundert entstanden ist, dann müssen Probleme wegdiskutiert werden. Etwa so:

Anders liegt der Fall bei den berühmten Pergamenten des Klosters Santa Cruz von Coimbra, die schon Jahreszahlen »nach Christi Geburt« [...] tragen, die im 13. Jahrhundert liegen, und das sogar mitten im laufenden Text. Hunderte von Originalen wurden in einer Wanderausstellung in Portugal gezeigt. Hier kann man nur Fälschungen annehmen, bewusste Umarbeitung der Geschichte.

Und warum?

Einige dieser handschriftlichen Texte haben nämlich eindeutig gedruckte Bücher als Vorlagen benützt. [23]

Uwe Topper – der Handschriftenexperte. Er weiß sogar mehr: die Theologen der Fälscherzeit waren sich ihrer Lügen bewußt und haben extra für ihn kleine Hinweise hinterlassen:

[...] man gibt durchaus zu, dass man es mit Fälschungen zu tun hat, das schafft zudem akademisches Niveau. Und man gibt sich Hinweise: »Der originale Text (des besprochenen Dokuments) liegt im Vatikan.« Der originale Text wohl, aber das Original? Das gab es nie. [24]

Wortklaubereien. Aber so arbeiten Verschwörungstheoretiker eben.

 

Historischer Hokuspokus

Doch der Wahnsinn hat Methode, spätestens dann, wenn Uwe Topper über sein eigenes Zeitgerüst stolpert. Hierzu ist allerdings die Kenntnis des zugrunde liegenden Buches hilfreich.

Auf einem Symposion in Beer–Sheva, Israel (gedruckt 1998) sagte einer der führenden israelischen Archäologen, Israel Finkelstein, dass die Bibel »irrelevant als direktes historisches Zeugnis« sei, wenn man die Entstehung des frühen Israel untersuche. Als Grund gibt er an: weil die Bibel frühestens im 7. Jh. geschrieben wurde und auf theologischen, ideologischen und politischen Grundlagen ruht. Es könnten »einige historische Keime darin versteckt sein ... Aber die Herauslösung dieser möglichen Kerne aus dem biblischen Text ist eine täuschende und sisyphale Arbeit, wenn überhaupt durchführbar.«
Das ist aus der Sicht eines strengen Archäologen durchaus korrekt, aber den biblischen Historikern so wenig, dass sie sogar unflätige Worte gegen ihn ausstoßen. Um Wissenschaftlichkeit bemüht man sich da vergeblich. Wenn Finkelsteins Aussage, die Herstellung der Bibel sei frühestens im 7. Jh. erfolgt, durch die Erkenntnisse der Chronologiekritik um den Fehler von 300 Jahren [die Phantomzeit!] berichtigt wird, die Niederschrift also frühestens im 10. Jh. begann, [25]

dann muß ich am Verstand des Uwe Topper zweifeln. Entweder kann er nicht lesen oder aber er hat Israel Finkelstein nicht verstanden. Denn Israel Finkelstein hat etwas getan, was jeder seriöse Historiker und jede seriöse Archäologin tun sollte: er hat die biblischen Quellen mit dem archäologischen Befund abgeglichen. Finkelstein stellt nämlich fest, daß da, wo die Bibel blühende Städte angibt, archäologische Leere herrscht. Demnach gab es weder den Auszug nach Ägypten, noch Moses Marsch ins gelobte Land. Das Großreich Davids und Salomos hat keine Spuren hinterlassen.

Da die israelische Archäologie sehr gründlich vorgegangen ist und jede Menge Spuren der Vergangenheit gefunden hat, läßt sich durchaus behaupten: wo keine Spuren zu finden sind, gab es auch nie welche. Im Buch Keine Posaunen vor Jericho von Israel Finkelstein und Neil Asher Silberman läßt sich das sehr gut nachvollziehen. [26] Daß die Bibelforschung nicht begeistert ist, ist klar. Hier liegt in der Tat einer der Fälle vor, wo die historische Forschung gezwungen ist, ihr Weltbild den tatsächlichen Erkenntnissen anzupassen.

Und Israel Finkelstein zeigt nun, daß in der Tat im 7. Jahrhundert unter der Herrschaft des Königs Josia eine vollkommene Neuinterpretation der eigenen Geschichte und des eigenen Machtanspruchs erfolgt ist. Im 7. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, nicht im 7. Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Diese kleine Zeitspanne von rund 1300 Jahren überspringt Uwe Topper, ohne mit der Wimper zu zucken, und hält uns für so blöd, daß wir das nicht einmal bemerken.

Dagegen sind Behauptungen – wie: die norddeutsche Tiefebene sei irgendwann zwischen 1000 und 1350 einmal völlig überflutet worden [27] – geradezu harmlos. Oder daß die altmesopotamischen Gutäer des 3. Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung eigentlich Goten waren [28], nur weil der Name ähnlich klingt. Das erinnert mich daran, daß selbst ansonsten ernstzunehmende Altorientalisten die im 12. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung verschwunden Hethiter als Hessen wiederauferstanden wissen wollten. [29]

Behauptungen dieser oder ähnlicher Qualität bereichern dieses Machwerk von Uwe Topper. Es ist so albern, daß ich mich frage, wer hier mit wem einen Scherz gemacht hat: der Verlag mit dem Autor oder der Autor mit dem Verlag. Sollte es Leserinnen und Leser geben, die derartigen Unsinn zur eigenen Erbauung benötigen, dann kann ich nur sagen: herausgeschmissenes Geld!

 

Fließende Übergänge nach Rechtsaußen

Dennoch ein weitere Anmerkung zur Verschwörungshistorie. – Verschwörungstheorien zeichnen sich wie das anders, aber strukturell durchaus ähnlich gelagerte esoterische Gedankengut durch eine gewisse Nähe zu rechtskonservativen, um nicht zu sagen: rechtsradikalen, Zusammenhängen aus. Bei Naturheilern liegt das anhand des von ihnen gewählten Naturbegriffes nahe.

So ist es absolut kein Zufall, daß zu den Verschwörungstheoretikern des 11. September nicht nur Mathias Bröckers zählt, sondern auch der von Henryk Broder richtigerweise als Antisemit geoutete Gerhard Wisnewski [30] und der Neonazi Horst Mahler. Einträchtig sitzen sie im Kongreßsaal, während die gegen die Anwesenheit Mahlers protestierenden Demonstrantinnen und Demonstranten herausgeschmissen wurden.

Auch Heribert Illig wurde aufgrund seines Geschichtsrevisionismus in die rechte Ecke gestellt, wahrscheinlich zu Unrecht [31]. Die Leugnung der Phantomzeit von 614 bis 911 hat nichts mit der Leugnung der Vernichtung der Jüdinnen und Juden im Nationalsozialismus zu tun. Anders liegt der Fall bei Uwe Topper. Dieser veröffentlichte 1998 sein Buch Die große Aktion, in dem es um die Hintergründe der groß angelegten Geschichtsfälschung geht, ausgerechnet im einschlägig bekannten rechtsextremistischen Grabert–Verlag aus Tübingen. [32]

Ob nun Uwe Topper derartiges Gedankengut vertritt oder einfach nur einen Verlag gefunden hat, der seinen Unsinn druckt, ist unklar. Dennoch gibt es durchaus eine Affinität, also eine Nähe zwischen Grabert und Topper. Uwe Topper bemüht sich, die (angebliche) vorchristliche Lichtreligion zu rekonstruieren. Sein von mir schon bemerktes Eiferertum richtet sich gegen das Christentum, nicht jedoch ausdrücklich gegen die jüdische Religion. So schreibt der Autor beispielsweise über die Arianer, die im frühen Christentum der Verdammnis anheimfielen:

Die so genannten Arianer sind angeblich die Anhänger des kirchlich überlieferten Arius gewesen. Was sie wirklich glaubten, ist nicht mehr feststellbar, aber sektiererische Christen waren sie nicht, sondern gute Heiden, die vom Heiland eine ganz eigene Vorstellung hatten, vorgeprägt in Odin und Esus, den gehenkten Baumgöttern. [33]

Entsprechend bastelt sich Topper ein vorchristliches Religions–Amalgam aus nordischen Göttern, Zarathustra–Anhängern, tibetischer Weisheit und anderen ähnlich gelagerten Versatzstücken zusammen, ganz so, wie es in rechtsradikalen und esoterischen Kreisen branchenüblich ist. Insofern ist die Wahl des Grabert–Verlages zum Druck des Verschwörungsbuches Die große Aktion kein Ausrutscher, sondern folgerichtig.

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte –

heute zum Thema Historische Verschwörungstheorien. Hierbei habe ich das Buch ZeitFälschung von Uwe Topper vorgestellt. Dieses herbeiphantasierte neue Bild der Geschichtsschreibung ist bei Herbig zum Preis von 19 Euro 90 erhältlich. Ich frage mich wirklich, warum ernsthafte Menschen einen solchen Unsinn lesen sollen. Es ist nicht einmal amüsant, es ist einfach nur dumm.

Aber wahrscheinlich wirke auch ich an der großen Verschwörung mit, die ihren Ausgang mit der nicht belegbaren Katastrophe in der Mitte des 14. Jahrhunderts nahm. Die drei monotheistischen Religionen – das Judentum, das Christentum und der Islam – erwuchsen aus dieser Katastrophe und schufen ein Weltbild und eine Chronologie, die für Autoren wie Uwe Topper einfach nur falsch sein können. Solange er jedoch keine besseren Argumente als diesen aufgeblasenen Unfug aufbieten kann, ist diese Verschwörungshistorie einfach nicht ernst zu nehmen. Nun ist Uwe Topper nicht Heribert Illig oder Gunnar Heinsohn. Jeder dieser Autoren müßte einzeln betrachtet werden. Allerdings habe ich bislang nicht den Eindruck gewinnen können, daß auch die etwas seriösere Art der Verschwörungshistorie wirkliche Erkenntnisse bietet. Das enthebt uns jedoch nicht davon, tatsächliche Differenzen zwischen Schriftquellen und archäologischen Funden zu begründen (wie dies etwa Israel Finkelstein unternommen hat) und, falls möglich, auszuräumen. Allerdings nicht durch Spekulation, sondern durch Wissenschaft.

Dann erfahren wir vielleicht doch einmal, wo die ersten Klassengesellschaften entstanden und wo das Patriarchat, welche der vier mesopotamischen Chronologien stimmt und wie bedeutend Troia wirklich war. Die Lügen von heute zu durchschauen, erfordert hingegen nur ein bißchen Gesellschaftsanalyse und Kapitalismuskritik.

Mit diesen Worten lasse ich für mich das alte Jahr ausklingen. Am morgigen Dienstag wird diese Sendung nicht wie sonst üblich wiederholt – denn morgen sendet unsere Jugendredaktion Young Power rund um die Uhr. Es folgt nun eine Extraausgabe der Sendung Lesezeichen der Kulturredaktion. Für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt verabschiedet sich Walter Kuhl.

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Siehe hierzu auch die Seiten des Troia–Projektes der Universität Tübingen und meine dreiteilige Sendereihe zu Troia (1) (2) (3).
[2]   Siehe zu den Autoren die Übersichtsseite http://www.jesus1053.com/l2–wahl/l2–autoren/l3–autoren.html.
[3]   Uwe Topper : ZeitFälschung, Seite 11
[4]   Siehe zu diesem Argumentationsmuster auch meine Sendung Abgesang auf die Vergangenheit.
[4a]  Vgl. hierzu: Peter Kratz – Die Götter des New Age, Elefanten Press 1994. Dieses inzwischen vergriffene Buch ist auch im Internet nachzulesen.
[5]   Hier hat mich ein Radiokollege darauf hingewiesen, daß diese Beweisführung ihre Tücken hat. Würde er nämlich seine Käsefüße in den Bodensee stecken, könnte das daraus resultierende Fischsterben auch von einem Homöopathen bemerkt werden. Ich sehe schon den größen SAT.1–Thriller vor mir: "Das große Fischsterben im Bodensee".

[6]   In der Selbstvorstellungsbroschüre der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) heißt es zum Stichwort HOMÖOPATHIE :

Homöopathen gehen davon aus, daß mit der Verdünnung nach einer bestimmten Schüttelprozedur die Wirkung der Ursubstanz [...] gesteigert wird. Dadurch sollen sogar solche Substanzen eine Wirkung entfalten, die im Urzustand wirkungslos sind. Homöopathen bezeichnen dieses Verdünnungsverfahren deshalb als "Potenzierung". Obwohl eine Verdünnung von D26 (entspricht 10–26) dem Auflösen eines einzigen Tropfens in allen Weltmeeren entspricht und schon bei Verdünnungen von D23 (10–23) kein einziges Molekül der Urtinktur vorhanden sein dürfte, werden Verdünnungen von 10–30 (D30) und mehr verwendet. Eine glaubhafte und nachprüfbare Erklärung, warum derart hohe Verdünnungen wirksam sein sollen, konnten Homöopathen bisher nicht geben.

[GWUP – Wir stellen uns vor, 1997, Seite 20]

[7]   Das Zitat entstammt der Internetseite http://www.novafeel.de/alternative_medizin/homoeopathie.htm.
[8]   ap–Meldung vom 30. November 2003, abgedruckt als "Studie belegt Wirkung der Akupunktur" im Darmstädter Echo vom 1. Dezember 2003.
[9]   Topper Seite 11

[10]  Tariq Ali erzählt in seinem lesenswerten Buch Fundamentalismus im Kampf um die Weltordnung (Hugendubel, 2002, Seite 90) von einem umgekehrten Fall :

Ich hätte es wissen müssen. Seine [Anwar Shaikhs] Schriften verraten den Eifer eines soeben zum Rationalismus Bekehrten.
[10a] Es ist im Rahmen dieser Verschwörungstheorie nicht nur konsequent, sondern geradezu notwendig, ausgerechnet die Radiokarbonmethode und die Dendrochronologie abzulehnen. Denn diese beiden wissenschaftlich erprobten Methoden sind (metaphorisch) der Todfeind des von den Phantomchronologen erbauten Kartenhauses. Jede Überprüfbarkeit der Behauptungen muß ja strikt vermieden werden! Daher wird auch soviel Wert auf sekundäre Befunde gelegt: Interpretation des Alters von Handschriften, Spekulation über Baustile, Zahlenmystik, linguistische Wortklaubereien etc. – Harte Fakten hingegen stören.
[11]  Topper Seite 265: "Zahlenmystik: Zweiundsiebzig, das ist 6 mal 12". Vgl. auch: Christoph Levin – Das Alte Testament, Beck 2001, Seite 12–13.
[12]  Christopher Howgego : Geld in der Antiken Welt, Theiss 2000, Seite 133. Das war also zunächst einmal eine solide Abwertung!
[13]  Topper Seite 266
[14]  Topper Seite 99
[15]  vgl. Topper Seite 116. Vgl. hierzu auch: Jan Beaufort – Dreißig Fragen zur Phantomzeittheorie, insbesondere Frage 29: Soll denn nie jemand den Betrug gemerkt haben? Das ist doch völlig undenkbar! Durch die PhZ wurden doch Genealogien oder gar Biographien von Einzelpersonen auseinandergerissen – das muß doch irgendjemandem aufgefallen sein?
[16]  Topper Seite 71
[17]  Topper Seite 113
[18]  Topper Seite 138
[19]  Topper Seite 171
[20]  Topper Seite 45–46
[21]  Topper Seite 237
[22]  Topper Seite 172
[22a] Nach derselben Kling–Klang–Logik könnte ich behaupten, daß die Urbevölkerung Kanadas aus Südindien stammt. (Mal sehen, ob eine/jemand diesen Witz versteht!)
[23]  Topper Seite 31
[24]  Topper Seite 210
[25]  Topper Seite 166–167
[26]  Israel Finkelstein / Neil Asher Silberman : Keine Posaunen vor Jericho, Beck 2002
[27]  Topper Seite 242
[28]  Topper Seite 251
[29]  Johannes Lehmann : Die Hethiter (Bertelsmann, 1975), Seite 76–78. "Demnach wären die Hethiter nichts weiter als wanderlustige Sachsen, die achthundert Jahre später auf ihrem Rückmarsch die Heimat verfehlten und statt in Leipzig in Darmstadt ankamen." [Seite 78]
[30]  Siehe hierzu mein Sendemanuskript zu Antisemitismus und den Text von Ivo Bozic: Cui bono? Den Antisemiten!
[31]  Vgl. hierzu ein Interview mit Heribert Illig und einen Text zu Illig bei Grabert.
[32]  Eine Kurzfassung von Uwe Toppers Thesen stammt von ihm selbst.
[33]  Topper Seite 119

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 20. September 2009 aktualisiert.
Links auf andere Websites bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur.
©  Walter Kuhl 2001, 2003, 2009
Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.
 Startseite Waltpolitik 
 Zum Seitenanfang 
 Email an Walter Kuhl 

 

 Vorherige Sendung     Nachfolgende Sendung