Geschichte

Bilder – Erleben

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
Sendung :
Geschichte
Bilder – Erleben
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Montag, 19. Juli 2004, 17.00–18.00 Uhr
 
wiederholt am :
Montag, 19. Juli 2004, 23.10–00.10 Uhr
Dienstag, 20. Juli 2004, 08.00–09.00 Uhr
Dienstag, 20. Juli 2004, 14.00–15.00 Uhr
 
 
Besprochene und benutzte Bücher :
  • François Sacco und Georges Sauvet (Hg.) : Vom Wesen des Menschen, Psychosozial–Verlag
  • Archäologie erleben, Konrad Theiss Verlag
 
 
URL dieser Seite : http://www.waltpolitik.powerbone.de/herstory/ge_bildr.htm
 
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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung
Kapitel 2 : Vom Werkzeug zur Symbolik der Sprache
Kapitel 3 : Verwischte Spuren suchen Sinn
Kapitel 4 : Vom Mythos der Höhlen
Kapitel 5 : Stilfragen kollektiver Selbstvergewisserung
Kapitel 6 : Schmuck ist nicht einfach nur Schmuck
Kapitel 7 : Kunst, Sexualität, Tod
Kapitel 8 : Zwischen Museumspädagogik und Erlebnispark
Kapitel 9 : Wenn Ketten sägen, ist Nachsicht geboten
Kapitel 10 : Gedenkstätte mit seltsamen Elementen
Kapitel 11 : Schluß
Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

Bilder können eine Geschichte erzählen. Bilder geben uns einen Einblick in das Denken und Fühlen nicht nur der Künstlerinnen und Künstler, sondern auch in die Gedankenwelt derjenigen, welche diese Bilder betrachten und zum Teil ihres Lebens machen. Bilder können jedoch auch einen Interpretationsrahmen für Zeiten und Gesellschaften liefern, welche die Fähigkeit zur schriftlichen Überlieferung ihrer Gedanken, ihrer Mythen, ihrer Vorstellungen und ihres Wissens noch nicht entwickelt haben.

Und einmal im Monat konfrontiert uns Hacer Yontar mittwochabends ab 22 Uhr mit Wunschbildern und ihrer Realität, das nächste Mal auf Radio Darmstadt am 11. August.

Bilder laden uns jedoch zusätzlich auf eine ganz besondere Weise ein, Geschichte zu verstehen, selbst wenn wir nie erfahren werden, was die besondere Motivation im Einzelnen ausmacht. Von welchen Bildern spreche ich hier eigentlich? Wenn ich schon andeute, daß es sich nicht um Bilder aus Schriftkulturen handelt, dann müssen wir historisch schon sehr weit zurückgehen.

Bilder können uns also vielleicht auch dabei helfen, eine geschichtliche Entwicklung und ihre Dynamik zu verstehen, welche noch vor dem Auftauchen von Herrschaft, Klassengesellschaften und Ausbeutungsstrukturen anzusiedeln sind. In gewisser Weise können derartige Gesellschaften einen Fingerzeig dahingehend geben, wie eine nichtentfremdete, nichtausbeuterische Gesellschaft aussehen könnte – auch wenn wir dabei zu berücksichtigen haben werden, daß eine zukünftige nichtkapitalistische Gesellschaft eine Gesellschaft des Reichtums und nicht des Mangels sein wird.

Wo Schriftzeugnisse fehlen oder sie eine gegebene Gesellschaft nur ideologisch oder sonstwie bruchstückhaft vor unserem inneren Auge wiedererstehen lassen, da können uns gewisse sozialwissenschaftliche Disziplinen weiterhelfen. Die Archäologie ist hierbei sicherlich an erster Stelle zu nennen, denn ohne die Wiederentdeckung materieller Zusammenhänge und Gegenstände ist eine weitergehende Erforschung sicherlich schwierig, wenn nicht unmöglich. Weiterhin kann uns die Ethnologie Aufschlüsse über Strukturen und Vorstellungen nichtschriftlicher, also prähistorischer Kulturen geben, auch wenn hier schon einiges vage ist und sehr von den ideologischen Grundvoraussetzungen und Gedankenkonstrukten von Ethnologinnen und Ethnologen abhängt.

Es gibt jedoch eine weitere sozialwissenschaftliche Disziplin, die sehr wohl Aussagen über die Gedankenwelt und vermittelt hierüber auch über die materiellen Grundlagen früher Menschengruppen treffen kann. Gemeint ist die Psychoanalyse. Im Gießener Psychosozial–Verlag ist hierzu Anfang des Jahres ein Sammelband verschiedener Autorinnen und Autoren erschienen, die einen Dialog zwischen Prähistorie und Psychoanalyse versuchen. Das Buch trägt den Titel Vom Wesen des Menschen und soll im Mittelpunkt meiner heutigen Sendung stehen.

Weiterhin werde ich den Band Archäologie erleben vorstellen, der uns 38 Möglichkeiten vorstellt, Archäologie und Geschichte hautnah zu erleben. Hierbei spannt sich die Bandbreite möglicher Erkundungen von der Steinzeit bis ins Mittelalter. Zum Schluß möchte ich kurz auf die neugestaltete Gedenkstätte des Konzentrationslagers Osthofen in der Nähe von Worms eingehen. Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt ist Walter Kuhl.

 

Vom Werkzeug zur Symbolik der Sprache

Besprechung von : François Sacco / Georges Sauvet (Hg.) : Vom Wesen des Menschen, Psychosozial–Verlag 2004, € 29,90

Ende der 90er Jahre erschien in Frankreich ein Sammelband mit Aufsätzen von Psychoanalytikern und Prähistorikerinnen, deren Dialog über das Wesen des Menschen den Band durchzieht. Angereichert durch grafische, oftmals auch farbige Abbildungen einzelner Motive prähistorischer Höhlenmalerei, nähern sich die Autorinnen und Autoren der Frage, was uns die Höhlenmalereien sagen können. Daß es sich nicht einfach um geschwind dahergemalte Bilder handelt, wird sehr schnell klar, wenn man und frau genauer hinschaut. Es wird eine Absicht erkennbar.

Die Psychoanalytiker Alain Gibeault und Richard Uhl gehen weit in die Geschichte der Menschheit zurück und betrachten die Entstehungsgeschichte steinzeitlicher Werkzeuge. Diese sind ja nicht einfach da, sondern verraten ein gewisses Maß an vorausschauender Planung. In dem Moment jedoch, wo der Mensch sich eine Vorstellung von dem macht, was er (oder sie) herstellen will, wo er (oder sie) also ein Werkzeug benutzt, um ein anderes herzustellen, verläßt er (oder sie) das Tierreich. Es ist nicht das Feuer, das den Unterschied ausmacht, sondern der Sprung zu planvollem bewußten und somit auch symbolhaftem Handeln.

An dieser Begabung zur Vorstellungsbildung können wir den Homo habilis von den Primaten unterscheiden. Die Schimpansen können Steine oder Äste als Werkzeug benutzen oder zur Erreichung von etwas unmittelbar Benötigtem verändern, aber eine solche Handlung bliebt immer auf den gegenwärtigen Augenblick beschränkt. Wenn bei den Schimpansen auch eine gewisse Fähigkeit, erlerntes Verhalten weiterzugeben, beobachtet worden ist, die an eine kulturelle Überlieferung denken lässt, so sind diese Phänomene doch recht beschränkt geblieben und haben niemals wie bei Homo habilis zur Entwicklung einer systematischen Industrie geführt. [1]

Vielleicht ist es sinnvoll, hier kurz innezuhalten. Der Begriff Industrie assoziiert eine Vorgehensweise, die als Produktion über die unmittelbare Bedürftigkeit hinausgeht. Offensichtlich haben die frühen Menschen irgendwann einmal den gedanklichen Sprung vollzogen, Werkzeuge in Serie herzustellen und nicht immer wieder neu mit der Arbeit an einem Einzelstück zu beginnen. Allerdings bedeutet dies nicht, daß hierbei eine Form von Arbeitsteilung vorliegt, die an Warenproduktion oder Besitzanhäufung denken läßt. Die frühen Menschen haben lediglich erkannt, daß es sinnvoll sein kann, gleich mehrere Werkzeuge auf einmal herzustellen.

Hierbei ist zudem zu bedenken, daß disem ganzen Prozeß der bewußten Werkzeugherstellung Hunderttausende Jahre zugrunde liegen. Doch je verfeinerter die Techniken wurden, aus derselben Masse an Rohstoff Steinwerkzeuge abzuschlagen, desto mehr befreite sich der Mensch von seiner Abhängigkeit von den Rohstoffquellen. Er (oder sie) wurde mobiler. Alain Gibeault und Richard Uhl sehen darin nicht zu Unrecht ein Phänomen, bei dem die kulturelle Entwicklung des Gehirns die biologische Entwicklung überrundet [2]. Daraus ergibt sich der nächste – und vielleicht auch entscheidende – Schritt: die Entwicklung der Sprache.

In dem kulturellen Rahmen, in dem Homo sapiens sapiens seinen zunehmenden Werkzeuggebrauch immer höher entwickelt, kann man nicht von dem intellektuellen Werkzeug absehen, das die Sprache darstellt. [...] So gesehen beinhaltet die Erfindung eines Werkzeugs zur Herstellung eines anderen Werkzeugs in sich selbst die Grundlage zu der Fähigkeit, Vorstellungen zu bilden und zu verknüpfen, die ihrerseits auf die Voraussetzungen für die Erfindung einer gesprochenen Sprache hindeutet.[3]

Es geht hierbei nicht darum, Sprache allein als Kommunikationsform zu begreifen, wie sie auch bei Tieren vorkommt. Sprache enthält eine symbolische Dimension, die Wirklichkeit auszudrücken und anderen mitzuteilen. Mehr noch: sie enthält immer die Möglichkeit, nicht nur etwas zu sagen, sondern etwas über etwas zu sagen – nicht zuletzt vorausschauend und planend. Daraus lassen sich Überlegungen ableiten, ob es eine einzige frühe gemeinsame symbolhafte Ursprache gegeben hat oder ob die sprachliche Symbolisierung ein Phänomen ist, das an unterschiedlichen Orten und zu verschiedenen Zeiten unabhängig voneinander entwickelt worden ist.

Die Fähigkeit der Symbolbildung geht jedoch über die Entwicklung von Werkzeugen und Sprache hinaus. Vor etwa 35.000 Jahren begannen Menschen mit der Herstellung von Zeichnungen, Malereien und Skulpturen. Damit wird jedoch eine weitere Dimension eröffnet, nämlich eine Unterscheidung zwischen dem Subjekt und der dargestellten Welt, oder anders gesagt: es wird nicht die reale, sondern eine illusionäre Welt abgebildet. Der Gedanke liegt nahe, daß es sich hierbei um eine symbolische Verdichtung von Mythen handelt, die wir zwar nicht verstehen können, deren Umstände wir jedoch versuchen können zu ergründen.

Gerade die Höhlenmalerei führt noch zu einer weiteren Erkenntnis. Es handelt sich hierbei um einen bewußten Rückzug in eine soziale Isolation und als Folge dieser Isolation um einen Entzug sinnlicher Reize, die durchaus zu halluzinatorischen Zuständen führen kann. Die Höhlen werden garantiert nicht der soziale Mittelpunkt des alltäglichen Lebens gewesen sein, sondern haben ihre eigene Bedeutung gehabt. Diese besondere Bedeutung herauszuarbeiten, ist das Thema der nachfolgenden Betrachtungen der im Sammelband Vom Wesen des Menschen vereinigten Aufsätze.

 

Verwischte Spuren suchen Sinn

Die Psychoanalytikerin Marie–Lise Roux nimmt den von ihren Kollegen entwickelten Gedanken auf und geht der Frage nach, was denn den Menschen im Unterschied zum Tier ausmache. Sie nimmt hierbei – wie im übrigen auch die anderen psychologisch orientierten Autorinnen und Autoren des Bandes – Bezug auf von Sigmund Freud entwickelte Vorstellungen.

Ob nun Traum, Symptome, Mythen oder Legenden, wir sind darin immer mit einer Spur konfrontiert, die eine Vergangenheit mit einer Gegenwart vereint, indem sie einen Zusammenhang herstellt und sowohl die Veränderlichkeit der Dinge als auch ihre Einprägung in die Erinnerung vor Augen führt. In unser aller Vorgeschichte werden bewusste oder unbewusste Gedächtnisspuren eingeprägt, die gleichzeitig das Geschehen zwischen uns und unserer Umgebung bezeugen, aber auch, was in uns an inneren Bewegungen und besonders instinktiven Gefühlen vorangegangen ist. [...] Bei diesen verdeckten Spuren handelt es sich um Spuren unserer »Vorgeschichte« [...].[4]

Dabei nimmt die Autorin eine gewisse Parallelität zwischen der Entstehungsgeschichte der Menschheit und der Entstehungsgeschichte jedes einzelnen heutigen Individuums an. Woran sich der Gedanke anschließt, daß die Psychoanalyse nicht nur die Spuren individueller Vergangenheit herausarbeiten kann, sondern mit demselben Instrumentarium auch die Spuren der kollektiven Vergangenheit des Menschen. Die – nicht bewisene – Voraussetzung dabei ist jedoch, daß die Menschen vor 35.000 Jahren ähnliche symbolische Verarbeitungs– und Verdrängungsmechanismen entwickelt haben wie wir heute.

Wir berühren damit die Bedeutung der Verbote und ihre Natur an sich, nicht nur die rein sozialen Verbote, sondern viel mehr die Verbote, die die Gefühle, die Wünsche und sowohl die erotischen, als auch die aggressiven Triebe betreffen. Es gibt aus diesem Grund also im Rahmen des Bedürfnisses, eine Spur zu hinterlassen, das ebenso dringliche Bedürfnis, diese Spur zu transformieren.[5]

Was bedeutet: auch die prähistorischen Menschen haben in ihrem Bedürfnis, Spuren zu verwischen oder eine unbewußte Symbolik auszudrücken, Spuren hinterlassen. Die Höhlenmalerei legt jedoch auch nahe, daß die hinterlassenen Spuren nicht willkürlich, sondern geplant und mit Absicht entstanden sind. Daraus formuliert Marie–Lise Roux als Hypothese, daß die Wandmalereien ein erzählerisches Moment beinhalten, also eine Geschichte erzählen und damit Sinn vermitteln. Und diese Sinnvermittlung macht den Menschen aus. Fragt sich, worin der Sinn bestanden haben mag.

 

Vom Mythos der Höhlen

Georges Sauvet, einer der beiden Herausgeber des Dialogbandes, und Gilles Tosello betrachten nun den steinzeitlichen Höhlenmythos etwas genauer. Die beiden Prähistoriker weisen darauf hin, daß die Figurenensambles und manche Anordnungen in den unterirdischen Räumen eine zu große Regelmäßigkeit aufweisen, um nur ein Produkt des Zufalls zu sein. Mehr noch: ganz offensichtlich wurden bewußt Vorsprünge, Spalten und Steinformationen gezielt genutzt, um die beabsichtigten Gemälde aufzutragen bzw. den beabsichtigten Sinn zu transportieren. Es handelt sich also nicht um eine zwei–, sondern um eine dreidimensionale Darstellung.

Sehr schön läßt sich dies an Bisondarstellungen zeigen, die sich perfekt an den Fels anschmiegen, aber nicht alle Darstellungen sind so offensichtlich oder eindeutig. Möglicherweise übersehen selbst heutige Prähistorikerinnen und Prähistoriker manche Symbolik der Höhlen, weil mitunter kein einziger gemalter Strich notwendig war, um eine bestimmte Vorstellung auszudrücken, weil sie schon im Fels enthalten war.

Folglich ist die Wand etwas ganz anderes als ein simpler »Untergrund«, als den man sie gwöhnlich bezeichnet, aber andererseits wird sie auch nur innerhalb eines bestimmten gedanklichen Systems suggestiv. [...] Letztendlich ist es immer Sache des Individuums, ob es ihm gelingt, die natürlichen Formen in Abhängigkeit von seiner Vorstellungswelt zu interpretieren, die aufgrund der Anpassung an sein kulturelles Milieu in weiten Bereichen auch die der Anderen ist. [6]

Die beiden Autoren vermuten daher ein animistisches Weltbild, was bedeuten würde, daß rudimentäre religiöse Vorstellungen schon in die Altsteinzeit zu datieren sind. Allerdings bin ich mir nicht so sicher wie die beiden Autoren, daß die anthropologische Konstante gilt, wonach die obersten Gottheiten im Himmel wohnen und die Geister in den Tiefen der Erde herrschen. Hinzu kommt, daß sich im Buch gerade bei derartigen Behauptungen immer wieder ein Bezug auf den Religionswissenschaftler Mircea Eliade findet, dessen positiver Bezug auf faschistische Vorstellungen vorsichtshalber genauer reflektiert werden müßte. [7]

 

Stilfragen kollektiver Selbstvergewisserung

Der Psychoanalytiker François Sacco, der zweite Herausgeber des Sammelbandes Vom Wesen des Menschen, betrachtet die Höhlenmalereien unter dem Gesichtspunkt der künstlerischen Darstellung und kommt dabei zu dem Ergebnis, daß die Vorderansicht eines Tieres oder Menschen eine andere Bedeutung hat als die Ansicht im Profil. Offensichtlich war es kein Zufall oder eine Stilfrage, sondern es drückte sich hierin eine bestimmte beabsichtigte Bedeutung aus. Oder anders gesagt:

Der Stil ist Ausdruck einer kulturellen und sozialen Übereinkunft [...]. [8]

Wenn wir dann berücksichtigen, daß die prähistorischen Künstler (vielleicht auch Künstlerinnen) wußten, was sie taten, und zudem auch die künstlerischen Fähigkeiten besaßen, das auszudrücken, was sie auszudrücken wollten, dann sind weder die Unbestimmtheit der Darstellung, vereinzelte Strichmännchen oder unvollständige Bilder Zeichen ungenügenden Könnens, sondern im Gegenteil, Teil eines symbolisierten Planes.

Denkbar wäre, dass die Darstellung im Profil bereits eine Verfremdung war, eine Metapher, die den Unterschied und die Bewegung zum Ausdruck bringt, die gleichzeitig zeigt und verbirgt und einer Interpretationsfreiheit Raum gibt, wie sie eine Gegenüberstellung vis à vis reduziert oder ganz verschwinden ließe. [...] Tatsächlich kann man von einer konkreten Vorderansicht der Tiere sprechen, so selten sie auch vorkommt, und von einer unbestimmten oder verschleierten Vorderansicht beim Menschen. Der Mensch kann sich selbst in den Ensembles der Höhlenkunst nicht sehen. Sobald er seiner ansichtig wird, sieht er nur einen Doppelgänger seiner selbst, der ihn noch enthält; die Unbestimmtheit der Vorderansicht entspricht also der Unbestimmtheit des Subjekts im Hinblick auf seine Gruppenidentität. [9]

Was haben die Höhlen mit dieser Gruppenidentität zu tun? Sicher ist es so, daß der Ort der Malerei nicht willkürlich gesucht wurde. Manche dieser Malereien befanden sich an normalerweise unzugänglichen oder schwer erreichbaren Orten. Fundstücke an solch unzugänglichen Malereien legen jedoch nahe, daß hier nicht einfach nur gemalt, sondern Sinn gestiftet wurde. Insofern ist die Höhle nicht einfach ein bemalter Ort, sondern ein mythenbeladener Ort, der dazu verhelfen soll, Gruppenidentität zu schaffen. Der Rückzug in eine an sich dunkle Höhle verstärkt das Gefühl des Ausgeliefertseins und schafft gleichzeitig einen Raum zur halluzinatorischen Imagination.

 

Schmuck ist nicht einfach nur Schmuck

Schon zur Zeit des Neandertalers tauchen die ersten Schmuckstücke auf. Die Prähistorikerin Yvette Taborin weist jedoch am Anfang ihres Aufsatzes auf die Schwierigkeiten hin, Schmuckstücke von Gebrauchsgegenständen eindeutig zu unterscheiden. In einigen Gräbern scheint dies relativ einfach zu sein, aber andere Funde müssen interpretiert werden. Nur weil wir einen Gegenstand der Rubrik Schmuck zuordnen, muß dies noch lange nicht für die prähistorischen Menschen gelten.

So sind die vorliegenden Fundgegenstände aus dem Bereich des Schmuckes, was ihre Nutzung betrifft, im Gegensatz zu den Werkzeugen mit Mehrdeutigkeit behaftet. Ein derartiges Fehlen von Unterscheidungskriterien für einen Teil der mutmaßlichen Schmuckgegenstände gehört zu der Schmuckfunktion selbst. Sie schöpft ihr eigentliches Wesen aus dem Bereich der Ideen, der Bedeutungen, der Glaubensvorstellungen. Aus den Materialeigenschaften der Fundgegenstände ergibt sich ihre Bedeutung am allerwenigsten. [10]

Die Autorin führt trotz aller Schwierigkeiten vor, daß bestimmte als Schmuck erkannte Gegenstände ganz offensichtlich mehr als nur schmückendes Beiwerk waren. Vielmehr tragen selbige eine, oftmals sexuelle, Symbolik mit sich. Die betrifft Tierzähne wie Muschelarten. Dies gilt erst recht, wenn diese Materialien auf eine gezielte Weise bearbeitet worden sind.

Interessant ist ihr Hinweis darauf, daß wir nach dem derzeitigen Stand der Forschung nicht erkennen können, ob eine aufwendigere Bearbeitung einem Schmuckgegenstand eine höherwertige Bedeutung (oder einen höheren Wert) verliehen hat. Vielleicht ist eine solche Suche aber auch sinnlos, weil Wert eine Kategorie des Besitzes ist, und Besitz die Verfügungsgewalt über Tiere, Dinge und auch Menschen beinhaltet. Ob dies in der Eiszeit schon gegeben ist, kann durchaus bezweifelt werden. Doch eine Aussage wagt die Autorin dennoch:

Die Macht der sexuellen Symbolik, die beinahe sämtliche Kunstwerke und Schmuckgegenstände beseelt, manchmal in erkennbarer, manchmal in kaum suggestiver Weise, und manchmal auf eine Art anspielend, die wir nicht verstehen können, ist [in der Altsteinzeit] überall verbreitet. Daher kann man annehmen, dass die Sexualität in der Steinzeit sozial geregelt, wenn nicht sogar sublimiert war. [11]

Sollte dies stimmen, stellt sich die Frage, wer die Regeln definiert hat und wer sie auf welche Weise durchgesetzt hat. Aus den Darstellungen der Höhlenmalereien läßt sich durchaus der Gedanke herleiten, daß schon diese Gesellschaft patriarchale Normen kannte. Ob das jedoch so war, muß nach dem derzeitigen Kenntnisstand offen bleiben.

 

Kunst, Sexualität, Tod

Der Prähistoriker Denis Vialou geht daher auf den Zusammenhang zwischen prähistorischer Kunst und Sexualität ein. Er warnt davor, die künstlerischen Darstellungen mehrerer Jahrzehntausende auf dieselbe Weise zu betrachten und zu interpretieren. Er nimmt entsprechend der sozialen Evolution auch eine künstlerische bzw. symbolisierende an. Dementsprechend können wir zwar Hypothesen über die durchaus erkennbaren sexuellen Vorstellungen aufstellen, aber wirkliches Wissen bedeutet dies nicht.

Wir sollten uns auch hüten, unsere kapitalistisch und patriarchal deformierte Sexualität zum Bezugspunkt des Denkens prähistorischer Menschen zu machen. Dennoch ist es gut möglich, daß wir es nicht mit einer primitiven, sondern einer sozial geregelten Gesellschaftlichkeit zu tun haben. Die Menschen der Eiszeit hatten also eine Vorstellung von sich selbst. Mit dem Übergang zur nachfolgenden Warmzeit vor etwa 12.000 Jahren machten sie sich daraus die Erde untertan. Dies ist dann das Zeitalter der sogenannten "Neolithischen Revolution".

Bleibt zum Schluß dieses Sammelbandes noch der Aufsatz des Prähistorikers Jean–Pierre Mohen. Sein Gegenstand ist der Tod, oder genauer: der Zusammenhang von Begräbnisritus und Ursprungsmythos. Wenn nämlich die prähistorischen Menschen eine Vorstellung von sich selbst hatten, dann fragten sie nicht nur nach dem Beginn, sondern auch nach dem Ende des Lebens, oder vielleicht auch: ob es ein Leben nach dem Tod gibt. Beerdigungsriten haben hierbei die Bedeutung der Selbstvergewisserung, des Trostes und der Frage nach dem Fortbestehen der dezimierten Gemeinschaft.

Allerdings müssen wir berücksichtigen, daß die prähistorische Archäologie uns nur wenige Fundstätten erschlossen hat, so daß unsere Quellenlage so gesehen ziemlich dürftig ist. Ob es daher erlaubt ist, aus wenigen Fundkomplexen eine ganze Gesellschaft mitsamt ihrer Vorstellungen zu rekonstruieren, darf durchaus bezweifelt werden. Insofern sind die Ausführungen des Autors zwar anregend, aber spekulativ. Was jedoch sicher ist, ist die Tatsache, daß es seit etwa 100.000 Jahren Bestattungspraktiken gegeben hat. Angesichts dessen, daß sich die uns bekannten Praktiken in den letzten 10.000 Jahren mehrfach geändert haben, sollten wir uns jedoch davor hüten, eine allgemein gültige Vorstellungswelt zu unterstellen.

Vieles ist also noch vollkommen ungeklärt, und nur manches läßt sich durch einen interdisziplinären Dialog zwischen Prähistorie und Psychoanalyse herausschälen. Aber schon dieses Manche lohnt mehr als nur einen Blick in das von François Sacco und Georges Sauvet herausgegebene Buch Vom Wesen des Menschen. Es ist im Psychosozial–Verlag erschienen und kostet 29 Euro 90.

 

Zwischen Museumspädagogik und Erlebnispark

Besprechung von : Archäologie erleben, Theiss Verlag 2004, € 24,90

Während die prähistorischen Höhlen nicht so leicht zugänglich sind und wir daher auf Bilder oder Beschreibungen angewiesen sind, sind andere Fundstätten umso leichter zu besichtigen. Der soeben im Theiss Verlag erschienene Band Archäologie erleben schlägt uns insgesamt 38 Ausflüge zu Eiszeitjägern, Römerlagern und Slawenburgen vor. Anlaß für die Herausgebe dieses 175 Seiten starken Bandes war das 20–jährige Jubiläum der Zeitschrift Archäologie in Deutschland, deren Hefte und Beiträge ich regelmäßig im Radiowecker vorstelle.

Was die Vorgeschichtsforschung mit Akribie und großer Methodenvielfalt anhand manchmal ganz unscheinbarer Indizien dem Vergessen und dem Dunkel der Geschichte entrissen hat, wird an diesen Stätten augenscheinlich. [12]

... schreiben Anita Pomper, Rainer Redies und André Wais, Herausgeberin und Herausgeber dieser archäologischen Einladung. Nun würde es zu weit führen, hier alle 38 vorgestellten Ausflusgziele und Erlebnisorte aufzuzählen. Es geht auch um mehr, als nur Ruinen zu besichtigen. Die Museumspädadgogik hat hierbei ihren eigenen Stellenwert. Denn neben der Betrachtung verschollener Monumente wird auch gezeigt, wie die Menschen gelebt, gearbeitet und sich ernährt haben. Daß so manche Gauklertruppen früheres Leben nachahmen, mag hilfreich sein, mitunter ist es einfach nur geschäftstüchtiger Klamauk.

Interessant sind Konzepte wie das Archäologisch–Ökologische Zentrum im schleswig–holsteinischen Albersdorf, einem 40 Hektar großen Freigelände. Ein bißchen experimentell ist der angeblich sorgfältig geplante Eingriff in die Natur schon, der den Zustand einer jungsteinzeitlichen halboffenen Weidelandschaft wiederherstellen soll. Aber das gehört vielleicht zum Charakter experimenteller Museumspädagogik, die beispielsweise steinzeitliche Handwerkstechniken vermittelt.

Wem dies zu pädagogisch aufdringlich ist, kann jedoch auch ins schweizerische Augst am Rhein oder ins ebenso am Rhein gelegene Xanten fahren, um dort römerzeitlichen Städtebau zu besichtigen. Passend zur Sommerzeit ist vielleicht ein Besuch der römischen Thermenanlage im badischen Badenweiler, die jedoch im Gegensatz zur Rekonstruktion in Xanten nicht am eigenen Leib erfahrbar ist. Eindrucksvoll ist sie schon.

Da die Kelten ihre ganz eigene Faszination ausüben, bietet sich ein Abstecher ins Keltenmuseum von Eberdingen–Hochdorf nördlich von Stuttgart an, oder ins süddeutsche Herbertingen zur Heuneburg. In der Nähe Darmstadts hingegen liegt der Archäologische Park Glauberg. Hier soll 2007 ein neues Keltenmuseum eröffnet werden, doch die Originale der am Glauberg gefundenen Statuen sogenannter Keltenfürsten sollen – praktischerweise – ins Hessische Landesmuseum nach Darmstadt kommen.

Neben Römern und Kelten siedelten auch Germanen und Slawen auf dem Boden der heutigen Bundesrepublik Deutschland. So gibt es den altslawischen Tempelort Groß–Raden in Mecklenburg–Vorpommern, der zudem zum Wandern und Entspannen einlädt. Experimentelle Archäologie führt in die slawische Art des Brotbackens ein, aber Brot Backen scheint ohnehin ganz allgemein zum museumspädagogischen Programm zu gehören, so etwa im thüringischen Haarhausen und dem dortigen Freigelände für experimentelle Archäologie. Das Brot dort schmeckt germanisch.

Für Kinder ist sicherlich das Einbaumfahren auf dem Hitzacker–See in der Nähe von Gorleben zu empfehlen, wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob hier eher die Jungen als die Mädchen angesprochen werden. Mittelpunkt des dortigen Konzeptes eines Museums zum Anfassen und Mitmachen sind rekonstruierte Langhäuser aus der Steinzeit und der Bronzezeit. Doch nicht nur Fundorte mitten im Grünen werden im Ausflugsband Archäologie erleben vorgestellt, sondern auch eine Stadtwanderung durch das römische und mittelalterliche Köln, Trier und Mainz. Hingewiesen wird auch auf das Neanderthal–Museum in Mettmann mit angeschlossenem Kunstweg:

Elf international renommierte Künstlerinnen und Künstler haben über die Endlichkeit menschlicher Schöpfungen reflektiert und über die Frage, welche Spuren zurückbleiben. Die daraus entstandenen Skulpturen kann der Besucher entlang des Weges bewundern. Allerdings muss er sich dazu selbst auf die Natur einlassen und oftmals regelrecht im Unterholz nach den Kunstwerken suchen. [13]

Leider verrät uns der ansonsten ausführliche Ausflugsguide nicht, was die Besucherinnen derweil tun sollen.

 

Wenn Ketten sägen, ist Nachsicht geboten

So gar nicht recht paßt das von Wulf Hein vorgestellte Keltendorf Gabreta im bayerischen Wald. Nicht nur, daß es vollkommen abseits liegt, nein, es handelt sich zudem um einen experimentellen Neubaukomplex. Der Autor schildert seinen Zugang zu dieser touristischen Besonderheit, zunächst ein wenig Enttäuschung, aber dann mit einem Schluß, der vielleicht ausdrückt, was Archäologinnen und Historiker oftmals nervt. Wulf Hein schribt:

Zimmermanntechnisch ist das alles einwandfrei, doch bei näherem Hinschauen wünsche ich mir, dass alle Balkenköpfe noch mal überbeilt würden, um die deutlich sichtbaren Spuren der Kettensäge zu tilgen. Ein wenig enttäuscht folge ich dem Rundgang: Ansonsten sind die Häuser ja ordentlich ausgeführt, auch unterbricht hier und da eine Schindeldeckung die in Freilichtmuseen ebenso lieb gewonnenen wie langweiligen oder im temporär/geografischen Kontext schlicht falschen Reetdächer. Und ein Experimentierhaus gibt es: Hier lädt ein unfertiges Balkengerüst zum Weiterbau ein und die Wände müssen verlehmt werden, auch für Kinder ist hier einiges geboten ... nun gut.
Als ich auf die nächste Hütte zugehe, höre ich einen urbayerischen Bass zwischen vereinzelten Besucherstimmen. Eine Führung? Der Bass gehört Paul Freund, einem Landwirt aus der Nachbarschaft. [...] Auf liebenswert polterige Art schildert Freund den Alltag in der Eisenzeit, untermalt mit Schwänken aus der Bauphase von Gabreta. Wie anstrengend keltische Feldarbeit war, spüren die Besucher am eigenen Leib, als Paul Freund sie kurzerhand vor den Pflug spannt. Im Kräutergarten fällt ihm zu jeder Heilpflanze ein Sinnspruch ein, und der anfänglich fade Museumsbesuch gerät so zu einem äußerst kurzweiligen Nachmittagsvergnügen. In Gabreta macht jemand mit Herzblut Geschichten aus Geschichte. [...]
Das ist Historienpräsentation, die an der Schnittstelle von Altertumswissenschaft und Freizeitkultur gekonnte Vermittlungsarbeit leistet, und da sind die Kettensägespuren schon fast vergeben. [...] Hoffen wir, dass die Betreiber von Gabreta diesen Weg der eher leisen Töne abseits von Historien-Hysterie und Klamauk-Folklore weitergehen und nicht der Konkurrenz einer oftmals schrillen (kultur)touristischen Mega-Bespaßung hinterherhecheln. [14]

Der Verweis auf die Homepage von Gabreta – www.gabreta.de – fehlt dann natürlich nicht. Überhaupt ist der Band reich bebildert, er nennt Öffnungszeiten und besondere Angebote, beispielsweise für Schulklassen oder Gruppen. Die Anreisemöglichkeiten beschränken sich leider weitgehend auf den eigenen Pkw, ein Hinweis auf öffentliche Verkehrsmittel ist die Ausnahme, wie etwa nach Diesbar–Seußlitz in der Nähe von Dresden. Dort findet sich eine bronzezeitliche Befestigungsanlage inmitten eines Weinbaugebietes.

38 Ausflüge zu Eiszeitjägern, Römerlagern und Slawenburgen, aber auch zu den Wikingern von Haithabu oder zum Pfahlbaumuseum Unteruhldingen, vermittelt der im Mai im Theiss Verlag erschienene Band Archäologie erleben. Er kostet 24 Euro 90.

 

Gedenkstätte mit seltsamen Elementen

Vor anderthalb Wochen hatte ich das Privileg, unter der Führung von Philipp Benz die neu gestaltete Ausstellung in der Gedenkstätte auf dem Boden des ehemaligen Konzentrationslagers Osthofen zu besichtigen. Auch wenn dieses Konzentrationslager in gewisser Weise nicht typisch war für die Vernichtungspolitik des Nationalsozialismus, so lassen sich hier doch grundlegende Elemente der späteren Politik wiederfinden. Zudem belegt die Ausstellung äußerst klar, daß die Nationalsozialisten selbst nichts unversucht ließen, die Existenz dieses Konzentrationslagers zu propagieren. Nicht nur in Zeitungen, sondern auch mit einem fetten Schriftzug direkt an der Bahnlinie von Mannheim nach Mainz. Die Ausstellung zeigt auch anhand anderer Dokumente, etwa zu Hadamar, daß die Lebenslüge vieler Deutscher, nichts gewußt zu haben, eine besonders perfide Form von Verleugnung gewesen ist.

Osthofen, einige Kilometer nördlich von Worms gelegen, gehörte damals zum Volksstaat Hessen. Schon kurz nach der Machtübergabe am 30. Januar 1933 wurde auf dem Gelände einer ehemaligen Papierfabrik das Konzentrationslager errichtet. Dorthin wurden politische Gegner, vor allem Kommunisten und Sozialdemokraten, unter ihnen Philipp Benz, verschleppt. Die Lebensbedingungen waren hart, das Essen unzureichend, Prügel an der Tagesordnung. Jüdische Häftlinge wurden schon damals besonders schikaniert und gequält. Im Juli 1934 wurde im Zuge einer Umorganisierung des Lagerwesens das Konzentrationslager aufgelöst.

Bald darauf zog dort eine Möbelfabrik ein und es ist schon bemerkenswert, wie selbstverständlich mehrere Jahrzehnte lang der Ort des Terrors als Ort kapitalistischer Ausbeutung genutzt wurde. Eine ganz eigene Geschichte ist der lange Weg zur Errichtung einer Gedenkstätte an diesem Ort. Seit kurzem wurde die umgestaltete Ausstellung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht; ein guter Anlaß, lokale Geschichte vor Ort zu besichtigen.

Leider hat die Ausstellung so einige Mängel, und manchmal muß man und frau sich wirklich fragen, was die Landeszentrale für politische Bildung in Rheinland–Pfalz sich dabei gedacht hat. Klar, die Museumspädagogik ist auf dem aktuellen technischen Stand. In Bild und Ton, in Wort und Schrift erhalten wir eine Fülle an Informationen. Was fehlt, ist eine deutlich politische Interpretation zu den Wurzeln faschistischer Herrschaft in Deutschland. Dies wird weitgehend ausgeblendet, was bleibt, sind Biographien und einzelne Darstellungen der terroristischen Quälereien des NS–Regimes.

Ärgerlich wird es, wenn die gezeigten Filmsequenzen Assoziationen wecken, die eher den heutigen deutschen Befindlichkeiten entsprechen als der historischen Wahrheit. Um nur ein Beispiel zu nennen. Gezeigt wird in einem kurzen Filmchen die Entwicklung zwischen 1933 und 1939. Kurz vor Kriegsbeginn sehen wir glücklichen Männern und Frauen beim Eislaufen zu. Sie ahnen noch nichts von Krieg, Furcht und Leid, heißt es zum Abschluß. Wessen Leid? Das der armen zerbombten deutschen Bevölkerung? Mitleid mit den Tätern? Denn daß ganz normale Deutsche massenhaft zu diesen Tätern gehörten, dies zeigt auch die Ausstellung nicht.

Deshalb ist es dringend anzuraten, mit klarem Bewußtsein die Ausstellung in Osthofen zu besuchen. Die dort gezeigten Dokumente verraten jedenfalls nicht, warum ausgerechnet in Deutschland das wohl mörderischste Regime aller Zeiten errichtet werden konnte.

Die Gedenkstätte in Osthofen ist Montag bis Freitag von 9 bis 12 Uhr, sowie täglich außer Mittwoch von 13 bis 17 Uhr geöffnet. Für den Besuch von Gruppen oder Schulklassen wird um vorherige Terminvereinbarung gebeten.

NS–Dokumentationszentrum Rheinland–Pfalz
Gedenkstätte KZ Osthofen
www.ns–dokuzentrum–rlp.de

Förderverein Projekt Osthofen e. V.
www.projektosthofen–gedenkstaette.de

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte –

heute mit einem Ausflug in die Eiszeit, um dem Wesen des Menschen auf die Schliche zu kommen, Vorschlägen zu 38 weiteren Ausflügen in die vergangenen Jahrhunderte und Jahrtausende, sowie einem Hinweis auf die jüngere Vergangenheit.

François Sacco und Georges Sauvet haben das im Psychosozial–Verlag erschienene Buch Vom Wesen des Menschen. Ein Dialog zwischen Prähistorie und Psychoanalyse herausgegeben. Darin betrachten Prähistoriker und Psychoanalytikerinnen Zeugnisse aus der Frühgeschichte des Menschen, um daraus Erkenntnisse über die damalige Vorstellungswelt zu erhalten. Auch wenn manche Interpretationen der Überprüfung bedürfen, so ist das 232 Seiten starke Buch als solches spannend zu lesen. Es kostet 29 Euro 90.

Archäologie läßt sich erleben – und den Beweis hierfür tritt der im Theiss Verlag erschienen Band Archäologie erleben – Ausflüge zu Eiszeitjägern, Römerlagern und Slawenburgen an. 38 detailliert beschriebene Ausflugsziele laden zum Erholen, Staunen und Mitmachen ein. Dieser 175 Seiten umfassende Band ist reich bebildert soeben erschienen und kostet 24 Euro 90.

Die Gedenkstätte auf dem Boden des ehemaligen Konzentrationslagers Osthofen ist von Montag bis Freitag von 9 bis 12 Uhr geöffnet, sowie täglich außer Mittwoch von 13 bis 17 Uhr. Mehr hierzu findet sich im Internet unter www.projektosthofen–gedenkstaette.de.

Diese Sendung wird Montagabend nach den Deutschlandfunk–Nachrichten um 23 Uhr wiederholt, sowie am Dienstag nach dem Radiowecker um 8 Uhr und noch einmal am Nachmittag ab 14 Uhr. Und wer dies alles in Ruhe noch einmal nachlesen will: das Sendemanuskript zu meiner heutigen Sendung werde ich in den nächsten Tagen auf meiner Homepage zur Verfügung stellen: www.waltpolitik.de. In wenigen Minuten folgt Heinerkult, eine Sendung der Kulturredaktion von Radio Darmstadt. Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte war Walter Kuhl.

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Alain Gibeault / Richard Uhl : Vom Werkzeug zum Kunstwerk. Die Erfindung der Sprache, in: François Sacco / Georges Sauvet (Hg.) : Vom Wesen des Menschen, Seite 17.
[2]   Gibeault / Uhl, Seite 19.
[3]   Gibeault / Uhl, Seite 22–23.
[4]   Marie–Lise Roux : Dem Menschlichen auf der Spur, in: Vom Wesen des Menschen, Seite 41.
[5]   Roux Seite 45.
[6]   Georges Sauvet / Gilles Tosello : Der steinzeitliche Höhlenmythos, in: Vom Wesen des Menschen, Seite 63.
[7]   Es scheint so, als teile sich die Religionswissenschaft in eine Pro–Eliade– und eine Kontra–Eliade–Fraktion. Der in diesem Sammelband hervorstechende Interpretationsrahmen der Höhlenmalerei als Fixierung eines oder mehrerer Mythen hat natürlich nicht zuletzt mit dem nicht weiter reflektierten positiven Bezug auf Mircea Eliade zu tun. Einmal unabhängig davon, ob und inwieweit der eklektische Ansatz Eliades wirklich zu Erkenntnisgewinn führt, ist Eliades Eintreten für die rumänische faschistische "Eiserne Garde" schon für sich genommen Grund genug, das damit verbundene Menschenbild mit dem seiner religionswissenschaftlichen Arbeiten in Bezug zu setzen. Siehe hierzu auch beispielsweise:
[8]   François Sacco : Vorderansicht oder Profil – eine Frage des Stils? in: Vom Wesen des Menschen, Seite 124.
[9]   Sauvet, Seite 132–133.
[10]  Seite Yvette Taborin : Die ersten Schmuckstücke, in: Vom Wesen des Menschen, 146–147.
[11]  Taborin Seite 172.
[12]  Anita Pomper, Rainer Redies und André Wais : Vorwort, in: Archäologie erleben, Seite 5.
[13]  Sabine Metzler : Im Tal des Urmenschen, in: Archäologie erleben, Seite 120–121.
[14]  Wulf Hein : Eingespannt im Keltenpflug, in: Archäologie erleben, Seite 142–143.

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 30. Dezember 2004 aktualisiert.
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