Blick auf die Ausstellung
Blick auf einen Teil der Ausstellung in der HEMS.

Kapital – Verbrechen

Die jüdische Berufsfachschule „Masada“ in Darmstadt

Sendemanuskript

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 31. Januar 2011, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Montag/Dienstag, 31. Januar / 1. Februar 2011, 23.10 bis 00.10 Uhr
Dienstag, 1. Februar 2011, 05.10 bis 06.10 Uhr
Dienstag, 1. Februar 2011, 14.00 bis 15.00 Uhr

Zusammenfassung:

Mitschnitt der Eröffnung einer Ausstellung zur jüdischen Berufsfach­schule „Masada“ in Darmstadt 1947/48 mit einigen Vorbemerkungen zur die Schule betreibenden zionistischen Jugendorga­nisation Betar.

Zur Neoliberalisierung von Radio Darmstadt und seinem Trägerverein und zur Ausgrenzung mehrerer Mitglieder meiner Redaktion seit 2006 siehe meine ausführliche Dokumentation.


Jingle Alltag und Geschichte

Zwei Jahre nach dem alliierten Sieg über Nazideutschland gründete Samuel Milek Batalion in einem kriegszerstörten Bau am westlichen Stadtrand von Darmstadt eine jüdische Berufsfach­schule. Diese Schule war insofern ungewöhnlich, weil in ihr jüdische Überlebende der deutschen Vernichtungs­maschinerie andere jüdische Überlebende zehn Monate lang dazu ausbildeten, um in Palästina ein neues Leben beginnen zu können.

Lea DrorAm vergangenen Donnerstag wurde in der Heinrich-Emanuel-Merck-Schule im Berufsschul­zentrum am Nordbad hierzu eine Ausstellung eröffnet. Lea Dror-Batalion, die Tochter des Schulrektors, war zugegen, um diese bislang nur spärlich bekannte Episode aus der Darmstädter Nachkriegszeit in einem öffentlichen Rahmen vorzustellen. Auf ihrer Webseite hatte Lea Dror zuvor schon Dokumente gesammelt und versucht, das Leben und Wirken ihres Vaters vorzustellen. Renate Dreesen und der Leistungskurs Deutsch der Jahrgangs­stufe 13 haben mit ihr zusammen diese beeindruckende Ausstellung auf 33 Tafeln zusammengestellt. Ich werde im Anschluß an mein Vorwort meinen Mitschnitt der Eröffnungsver­anstaltung einspielen. Am Mikrofon ist Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

Doch laßt mich zuvor einige Hintergrundin­formationen anbringen, die in dieser Ausstellung manchmal nur vorsichtig angedeutet sind. Dies ist nicht unbedingt ein Mangel der Ausstellung, denn sie kann nicht alles leisten. Die jüdische Berufsfach­schule „Masada“ unterrichtete die etwa 45 bis 60 männlichen Überlebenden des Naziterrors nicht nur in Handwerks­berufen. Auf dem Stundenplan stand auch der Unterricht in Hebräisch und jüdischer Geschichte. Träger der Schule war die zionistische Jugendorgani­sation Betar, und das war damals nicht außergewöhnlich.

Vielmehr bemühten sich verschieden zionistische Gruppen darum, die Überlebenden des Holocaust nach Palästina zu lenken. Unter diesen zionistischen Organisationen gehörte Betar politisch zum rechten Lager; der heutige Likud-Block in Israel steht in dieser Tradition. Der Übergang von Betar zur terroristischen Untergrundorgani­sation Irgun war fließend, und selbst der junge israelische Staat hatte so einige Mühe, die Irgun zu integrieren und aufzulösen. Betar wurde 1923 in Riga in Lettland vom Zionisten Wladimir Zeev Jabotinsky gegründet. Jabotinsky repräsentierte den revisionistischen Zionismus, der ein großes Israel anstrebte und jegliche Kompromisse mit den dort lebenden Arabern ablehnte. Jabotinsky, Chef der Irgun, starb 1940 in den USA.

Betar heißen heute in Israel mehrere Sportvereine, etwa der mehrfache israelische Fußballmeister Betar Jerusalem. Dessen Anhänger sind als besonders rassistisch bekannt.

Insofern wäre es von Interesse herauszufinden, worin der ideologische Unterricht mit den Schul­materialien von Betar bestanden hat. Berück­sichtigen müssen wir natürlich den damals aktuellen politischen Kontext. Die Vorbereitung auf das Leben in Palästina als einem sichereren Ort, als es Deutschland war, erforderte gewiß auch eine Einstellung, die den Anspruch auf de Besiedlung Palästinas untermauerte. Ob und wie die Tatasche reflektiert und vermittelt wurde, daß es sich nicht um einen unbewohnten Flecken Land gehandelt hat, sondern um ein Gebiet mit zumeist bäuerlicher Bevölkerung, ist nicht unerheblich für das, was während des Unabhängigkeits­krieges 1947/48 und danach geschehen ist.

Andererseits war es für die traumatisierten Jugendlichen im Alter von 15 bis 25 Jahren unbedingt notwendig, einen festen Halt zu gewinnen und Struktur in das eigene Leben zu bringen. An eine psychothera­peutische Behandlung hat damals kaum eine oder jemand gedacht; angesichts der katastrophalen Verhältnisse im zerstörten Deutschland wäre es aber auch vermessen, dies einzufordern. Ohnehin hatte die Berufsfach­schule genug damit zu tun, die Versorgung und Unterkunft der Schule und der Schüler sicherzustellen.

Lea Dror erklärt die Ausstellung.Bemerkenswert finde ich, daß die beiden derzeit in Darmstadt zu sehenden Ausstellungen, einerseits zur jüdischen Berufsfach­schule „Masada“ in der Heinrich-Emanuel-Merck-Schule und andererseits zur Nakba, der Vertreibung der arabischen Bevölkerung im Zuge des israelischen Unabhängigkeits­krieges im Offenen Haus der Evangelischen Kirche, nicht Bezug aufeinander nehmen [1]. Immerhin haben beide Geschehnisse miteinander zu tun und waren zeitlich fast deckungs­gleich. Dies möchte ich nicht als Kritik an beiden Ausstellungen verstanden wissen. Das jeweils Andere lag nicht im Fokus des eigenen Ausstellungs­konzepts. Dennoch scheint es mir sinnvoll zu sein, auf den Zusammen­hang hinzuweisen.

Die jüdische Berufsfach­schule „Masada“ war im ehemaligen Main-Neckar-Bahnhof untergebracht. Bis 1912 befanden sich am heutigen Steubenplatz zwei wichtige Bahnhöfe, zum einen der Bahnhof der Main-Neckar-Bahn von Heidelberg nach Frankfurt, zum anderen der Kopfbahnhof der Hessischen Ludwigsbahn, die von hier aus im 19. Jahrhundert die Strecken nach Mainz, Aschaffenburg, Worms und in den Odenwald betrieb. Mit der Eröffnung des neuen Hauptbahnhofs wurden beide Bahnhöfe funktionslos und dienten verschiedenen Behörden und kommunalen Einrichtungen als Domizil. 1937 wurde der Main-Neckar-Bahnhof nach dem in Darmstadt residierenden Reichsstatt­halter und Gauleiter Jakob Sprenger benannt. Es ist insofern eine Ironie der Geschichte, daß ausgerechnet dort die Überlebenden der Naziherrschaft ausgebildet wurden. Ob sie darüber nachgedacht haben? Ob es sie gestört hat?

Der nachfolgende Mitschnitt beginnt mit der Hatikwa, der Hymne der zionistischen Bewegung, die seit einigen Jahren auch offiziell die Hymne des Staates Israel ist. Die dabei verwendete Melodie reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück und ist möglicher­weise italienischen Ursprungs. Als Volksweise unterlag sie mehreren Modifikationen; und doch ist – bei genauem Zuhören – eine gewisse Verwandtschaft zwischen der sinfonischen Bearbeitung von Bedřich Smetana in seiner Moldau, dem Kinderlied Alle meine Entchen und eben der Hatikwa zu erkennen. Der Text wurde unabhängig von der Melodie in den 1870er Jahren geschrieben und drückt die Sehnsucht nach dem gelobten Land aus.

Die Eröffnung der Ausstellung am 66. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee mag die Ergriffenheit begründen, die zumindest die jüdischen Anwesenden mit ihrer Hymne zum Ausdruck brachten. Ich gebe zu, ich kann damit wenig anfangen, aber ich respektiere es.

In der folgenden Dreiviertelstunde sprechen Oberbürger­meister Walter Hoffmann, der Leiter der Heinrich-Emanuel-Merck-Schule Kurt Kiesel, eine Schülerin trägt das Grußwort von Brigitte Zypries vor, und zum Schluß hören wir Lea Dror-Batalion und Renate Dreesen.

Der Podcast

Mit nebenstehendem Player kann der Podcast zur Sendung angehört werden. Der Download der Sendung ist über das Audioportal des Bundesverbandes Freier Radios möglich.

Ihr hörtet meinen Mitschnitt der Eröffnung der Ausstellung zur jüdischen Berufsfach­schule „Masada“ am vergangenen Donnerstag in der Heinrich-Emanuel-Merck-Schule. Die Ausstellung ist noch bis Ende Februar dort zu sehen und befindet sich am Südeingang des Schulgebäudes. Es gibt einen Katalog zur Ausstellung, sowohl als gedruckte Fassung als auch im Internet auf der Webseite betar.4k4.net. Das PDF der Druckfassung hat 250 Megabyte, so daß der Download einige Zeit beansprucht. Am Mikrofon war Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

 

ANMERKUNGEN
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»» [1]   Siehe auch das PDF zur Nakba-Ausstellung.


Diese Seite wurde zuletzt am 19. Februar 2011 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2011. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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