Denkzeichen Güterbahnhof
Gedenk­veranstaltung am Denkzeichen Güter­bahnhof in Darmstadt, 2012

Geschichte

Bärte stutzen als Vorspiel zum Massenmord

(Denkzeichen 2012)

Sendemanuskript

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 8. Oktober 2012, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Montag/Dienstag, 8./9. Oktober 2012, 23.10 bis 00.10 Uhr
Dienstag, 9. Oktober 2012, 04.00 bis 05.00 Uhr
Dienstag, 9. Oktober 2012, 10.00 bis 11.00 Uhr
Dienstag, 9. Oktober 2012, 16.00 bis 17.00 Uhr

Zusammenfassung:

Etwa 100 Menschen aus Deutschland und Israel gedachten am 30. September 2012 am Darmstädter Güterbahnhof der 1942 und 1943 von hier deportierten Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma. Das Programm ist auf der Webseite der Initiative nachzulesen, mein (für die Sendung bearbeiteter) Mitschnitt der Veranstaltung kann auf dem Audioportal des Bundes­verbandes Freier Radios angehört und/oder heruntergeladen werden.

Zur Neoliberalisierung von Radio Darmstadt und seinem Trägerverein und zur Ausgrenzung mehrerer Mitglieder meiner Redaktion seit 2006 siehe meine ausführliche Dokumentation.


Ein Prolog unter vielen, 1886

Jingle Alltag und Geschichte

Jedes Jahr am letzten Sonntag des Monats September treffen sich rund einhundert Menschen an einem lärmigen Ort in der Nähe des Darmstädter Güter­bahnhofs. Sie gedenken dort der von hier aus 1943 in den Tod verfrachteten Jüdinnen, Sinti, Roma und Juden. So auch am 30. September. Meine Aufzeichnung dieser Veranstaltung hört ihr im Verlauf der folgenden Stunde.

Am 30. August 1886, 57 Jahre vor dieser Deportation, zogen moderne Zeiten in das verschlafene Bürokraten­städtchen am Rande des Odenwaldes ein. An diesem Tag wurde die Dampf­straßenbahn nach Eberstadt und Griesheim offiziell eröffnet. Tags darauf verkündete das hiesige Regierungsblatt, die „Darmstädter Zeitung“, frohgemut:

„Am gestrigen Eröffnungstag der Trambahn […] machten bereits zahlreiche Passagiere von dem Beförderungs­mittel Gebrauch, namentlich waren von den späten Nachmittags­stunden an bis in die Nacht hinein die Züge sehr gut besetzt. Auch auf den hiesigen Straßen, namentlich an dem Ausgangs- und Endpunkt am Großh[erzoglichen] Schlosse, hatte das neue Schauspiel vieles Publikum angezogen.“

Wiederum einen Tag später konnte das geneigte Publikum lesen, daß sich Darmstadts – natürlich reinrassig männliche – Honoratioren selbst feierten:

„Nachdem eine größere Anzahl Herren aus Darmstadt per Dampf­straßenbahn in Eberstadt eingetroffen waren, wurden sie von dem Komité, welchem sich noch viele Bürger angeschlossen hatten, begrüßt und unter den Klängen der Musik in die freundliche Gastwirtschaft des Herrn Jacob geleitet. In der nun folgenden Vereinigung der zahlreichen Festteil­nehmer entwickelte sich bald eine gemütliche Stimmung.“

Während dessen können wir in den „kleinen Nachrichten“ zwei Absätze weiter den standesgemäßen Umgang mit den exklusiv Ausgeschlossenen derselben feinen, um nicht zu sagen: „gemütlichen“, Gesellschaft nachlesen:

„Ein Trupp von nicht weniger als 120 Zigeunern mit 7 Wagen passierte gestern unsere Stadt. Nachdem mit den 6 Häuptern der Gesellschaft eine intensive Reinigungskur vorgenommen und ihnen das Haar ziemlich kurz geschnitten und der Bart gründlich gestutzt – was namentlich auch bei dem weiblichen Teile der Gesellschaft viel Klagen und Jammern hervorrief –, wurde der ganze Trupp weiter transportiert.

Das spießige Bürgertum bedarf eben der verlogenen Moral von Sauberkeit und Ordnung, um sich wohl zu fühlen; doch auch gesäubert ist für derlei „Trupp“ kein Platz im vom Dampflok­qualm verrußten Darmstadt. Daß es sich bei der gründlichen „Säuberung“ um eine Strafmaßnahme gehandelt haben muß, wird anhand der willkürlichen Behandlung der sechs „Häupter“ dieser Sintezze und Sinti deutlich. Offenkundig fehlte dieser polizeilichen Maßnahme noch die duschende deutsche Gründ­lichkeit, wie sie die Nachfahren dieser Bürger im National­sozialismus wohl allen 120 Betroffenen hätten angedeihen lassen. Die Anlage hierzu war jedoch schon ein halbes Jahrhundert zuvor deutlich zu erkennen. [1]

Und damit leite ich über zur Veranstaltung am 30. September. Am Mikrofon ist Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

Gedenken, 2012

Gruppenbild Begrüßung Daniel Neumann Die Klarinettistinnen Ryan Lilienthal mit Übersetzerin Rachel Weinberg Piter aus Haifa Die Klarinettistinnen

 

ANMERKUNGEN
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»» [1]   Vergleiche hierzu auch meine Darstellung Die Dampfstraßenbahn in Darmstadt. Eröffnung 1886.


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