Ausschnitt Cover AiD
Wenn Köpfe rollen

Geschichte

Artefakte

Sendemanuskript

 

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 12. November 2007, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Montag auf Dienstag, 12./13. November 2007, 23.10 bis 00.10 Uhr
Dienstag, 13. November 2007, 08.00 bis 09.00 Uhr
Dienstag, 13. November 2007, 14.00 bis 15.00 Uhr

Zusammenfassung:

Nach der Neolithischen Revolution begann der Mensch, seine Umwelt nachhaltig zu verändern. Die Urbarmachung früherer Wälder führte zur Veränderung des Mikroklimas und der Landschaften. Tiere wurden in die gesellschaftliche Arbeitsteilung eingebunden; Pferde zunächst als zusätzliche Nahrungsquelle, später als Nutztier. Rechtsvorstellungen machten sich breit, die durchaus rabiat umgesetzt wurden. Dieses Recht orientierte sich von Anfang an an den sich entwickelnden hierarchischen Strukturen und dürfte schon zu Beginn der historisch faßbaren Geschichte klassenspezifisch ausgeformt gewesen sein. In China fand dieser Prozeß mit einer gewissen Zeitverzögerung statt, er bemächtigte sich jedoch größerer Menschenmengen, deren vernutzbares Potential, etwa beim Mauerbau, recht schnell erkannt wurde. Julia Lovell erzählt uns die Geschichte dieses riesigen Reiches anhand seines Wahns, immer neue Mauern gegen die Barbaren draußen und die eigene Bevölkerung zu errichten.

Besprochene Bücher/Zeitschriften:

 


 

Inhaltsverzeichnis

 


 

Einleitung – Neue Erkenntnisse

 

Jingle Alltag und Geschichte

In der heutigen Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte werde ich eine Archäologie-Zeitschrift und ein Buch über die chinesische Geschichte besprechen. Ursprünglich hätten diese Besprechungen schon vor einigen Monaten gesendet werden sollen. Angesichts des gegen mich im Januar vom Programmrat verhängten Sendeverbots kann ich erst jetzt all das aufarbeiten, was in den vergangenen Monaten liegen geblieben ist.

Anlaß für dieses Sendeverbot war meine Weihnachtssendung vom Dezember vergangenen Jahres. Neben einer Besprechung eines Buchs des Psychoanalytikers und Friedensaktivisten Horst Eberhard Richter hatte ich in der Sendung versucht, soziologisch den schleichenden Verfall der inhaltlichen Qualität von Radio Darmstadt zu begründen. So harmlos im Grunde die Kritik war, so willkommen schien sie zu sein, um meine Stimme vom Sender zu nehmen. In der Frankfurter Rundschau vom 6. November fand sich nun eine vollkommen andere Begründung für dieses Sendeverbot, die – sollte die Darstellung der Wahrheit entsprechen – ein bemerkenswertes Schlaglicht auf die Hintergründe dieses Senderverbots wirft. Denn demnach war nicht die Weihnachtssendung der wahre Grund. Rundschau-Redakteur Frank Schuster schreibt hierzu.

Vorstand Markus Lang räumte auf Anfrage ein, dass der Programmrat Kuhl und einigen ausgeschlossenen Mitgliedern Sendeverbote erteilt habe; diese seien jedoch wieder aufgehoben. "Die LPR [also die Landesmedienanstalt] legte uns nahe, dass Zugangsoffenheit höher zu bewerten sei als ein gedeihliches Miteinander." Kuhl habe Sendeverbot gehabt, weil er nach seiner Abwahl aus dem Vorstand gegen den Verein gearbeitet habe. Inzwischen dürfe er wieder senden.

Nun – das Sendeverbot wurde statt dessen in ein Hausverbot umgewandelt, um die von der hessischen Landesmedienanstalt eingeforderte Zugangsoffenheit so beschwerlich wie möglich zu gestalten. Was Markus Lang laut Frankfurter Rundschau ausführt, ist insofern interessant, weil er den Nachweis dafür, wann und wie ich vor diesem Sendeverbot vom 8. Januar gegen den Verein gearbeitet haben soll, schuldig bleibt.

Richtig ist vielmehr, daß ich mich damals – zusammen mit meinem Vorstandskollegen Niko Martin – intensiv darum bemüht habe, daß alle sieben hessischen Lokalradios auch in Zukunft weiter senden durften. Zum damaligen Zeitpunkt schien die Existenz aller dieser Lokalradios angesichts der bevorstehenden Novellierung des Hessischen Privatrundfunkgesetzes gefährdet. Eine damalige Aktivität des derzeitigen Vorstandsmitglieds Markus Lang für die Zukunft der Bürgermedien in Hessen ist mir hingegen nicht bekannt.

Wie auch immer – das alles läßt sich auch sehr schön auf meiner Webseite nachlesen – in meiner heutigen Sendung geht es um ganz andere Inhalte. Wie zu Beginn der Sendung angedeutet, geht es um Geschichte und Archäologie. Den Anfang mache ich mit der Besprechung der Zeitschrift Archäologie in Deutschland und in knapp einer halben Stunde werde ich in einem zweiten Beitrag das von der chinesischen Geschichte handelnde Buch Die Große Mauer der britischen Historikerin Julia Lovell vorstellen. Am Mikrofon ist Walter Kuhl.

 

Als der Mensch seine Umwelt zu formen begann

 

Besprechung von: Archäologie in Deutschland, Heft 4/2007, Juli-August, 81 Seiten, € 9,95

Archäologie, das sind nicht nur die Artefakte, die wir finden, die schriftlichen Nachrichten, die wir lesen, oder die Malereien, die wir interpretieren. Als eine relativ neue Teildisziplin vermag die Geoarchäologie neue Erkenntnisse über Zeiten und Fundstätten zu liefern, die dabei helfen, Fundstücke neu zu bewerten. Die Geoarchäologie bewegt sich von der Fundstelle in die Landschaft hinein. Sie erschließt in gewisser Weise den Dreck als neue Informationsquelle.

Cover AiD Heft 4 aus 2007Der Schwerpunktteil des Juli/August-Heftes von Archäologie in Deutschland führt uns zu einigen ausgewählten Fundstellen, die mittels der Geoarchäologie betrachtet werden. Wir alle wissen, daß sich Küstenlinien verändern und – in größeren geologischen Zeiträumen – Gebirge entstehen und wieder verwittern, Kontinente zusammenwachsen und auseinanderdriften. Doch auch in kleinräumigeren Landschaften finden Veränderungen statt, verstärkt, seitdem der Mensch seit dem Neolithikum durch Ackerbau und Viehzucht die ursprüngliche Natur seiner eigenen Nutzung unterworfen hat.

Die Bodenerosion ist eine der sichtbarsten Zeugnisse der Anwesenheit des Menschen, aber auch das Gegenstück hierzu, nämlich das Auffüllen niederiger liegender Täler oder Seen, ist anzutreffen. Bäche und Flüsse verändern ihren Lauf, manchmal entstehen Bäche jedoch erst durch die Anwesenheit des Menschen und verschwinden irgendwann auch wieder. Durch das Roden der Wälder wird weniger Wasser zurückgehalten, was den Grundwasserspeicher füllt. Dieses Wasser sucht sich seinen Weg in tiefere Gebiete, eine Quelle ensteht, ein neuer Bach fließt. Dieser kann dann später durch neu angeschüttetes Erosionsmaterial wieder verschwinden.

Diese Rodungen in der Jungsteinzeit könnten, so zumindest eine relativ neue These, die sich unter anderem an geoarchäologisch ausgewerteten Bohrkernen festmacht, weltweit einen ersten menschlich verursachten Treibhauseffekt ausgelöst haben. Die mit der Erosion und der Nutzung nährstoffärmerer Böden zusammenhängende Versauerung brachte erste gravierende Umweltschäden mit sich. "Fortan", so Renate Gerlach im Heft,

ist jede weitere Expansionsphase, wie in der Eisenzeit, der Römerzeit, dem Hoch- [und] Spätmittelalter und in der Neuzeit, durch eine Intensivierung der Erosionsprozesse im Sedimentarchiv sichtbar. [Seite 22]

Die Geoarchäologie liefert nicht nur die Erkenntnis, daß das Düngen der Böden eine schon sehr alte Kulturetechnik ist, wobei sie auch Aussagen darüber machen kann, womit gedüngt wurde. Auch wird deutlich, daß die Schwarzerden im Rheinland beispielsweise nicht natürlichen Ursprungs sind, sondern erst durch menschliche neolithische Brandwirtschaft entstanden sind. Aus dem Kreta des späten 3. und frühen 2. Jahrtausends ist durch die Geochemie herausgefunden worden, daß die dortige Landwirtschaft zum Düngen die Fäkalien von Menschen oder Schweinen genutzt hat, während an anderen Orten und zu anderen Zeiten eher Schaf-, Ziegen oder Kuhdung verwendet wurde.

Die Menschen der Jungsteinzeit suchten sich vor dem Gebrauch von Kupfer, Bronze und Eisen andere Materialien, um hieraus dauerhafte Werkzeuge herzustellen. Hier war Feuerstein die erste Wahl. Dieser Feuerstein kommt jedoch nicht überall vor. Er mußte abgebaut und importiert werden. Das größte Bergwerk im heutigen Deutschland liegt in Arnhofen in Niederbayern. Die Nutzung dieses etwa zehn Hektar großen Bergwerks läßt sich aufgrund der Verfüllung der Schächte unter anderem mit Holzkohle auf einen Zeitraum von etwa 5650 bis 4250 vor unserer Zeitrechnung datieren. In diesen 1.400 Jahren wurden – so schätzt man und frau – rund 20.000 bis zu acht Meter tiefe Schächte in den Boden gegraben. Ob hier von einem organisierten Abbau gesprochen werden kann oder ob einzelne Gruppen aus der näheren oder weiteren Umgebung die Fundstelle bei Bedarf ausgebeutet haben, läßt sich nur vermuten. Es scheint jedenfalls so zu sein, daß derartige Gruppen wieder in ihr Ursprungsgebiet zurückgegangen sind, um dort den Feuerstein weiter zu vertreiben, also wahrscheinlich gegen andere Gebrauchsgüter einzutauschen. Eine Untersuchung in Ueberau, einem Ortsteil von Reinheim im Odenwald, legt nahe, daß tatsächlich ganze Knollen aus Arnhofen mitgebracht worden sind, die vor Ort zu Klingen verarbeitet wurden. Ähnliche Ergebnisse liegen aus Niederbayern und Böhmen vor.

Dies würde bedeuten, daß für die ersten tausend Jahre der Jungsteinzeit eine handwerkliche Sperzialisierung bei der Steinwerkzeugherstellung noch ausgeschlossen werden kann. Bäuerinnen und Bauern erwarben den benötigten Feuerstein und stellten hiermit bei Bedarf selbst Werkzeuge her. Das technische Wissen um die richtige Bearbeitung der Feuersteinknollen, also das richtige Abschlagen, um Klingen zu erhalten, scheint somit Allgemeingut gewesen zu sein. Daraus ließe sich vielleicht auch der Schluß ziehen, daß zumindest im 6. und 5. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung weder Spezialisierung noch Hierarchien vorzufinden sind.

 

Als die Menschen ihre Pferde verspeisten

 

Besprechung von: Archäologie in Deutschland, Heft 3/2007, Mai-Juni, 81 Seiten, € 9,95

Cover AiD Heft 3 aus 2007Pferde waren ursprünglich kein geschätztes Nutztier des Menschen, sondern schlicht Jagdbeute. Zum Ende der Eiszeit waren Pferde vom Atlantik im Westen bis weit in die Steppen des östlichen Asiens anzutreffen, in Nordamerika starben sie hingegen aus. Ob und inwieweit der Mensch für dieses Aussterben verantwortlich war, ist unklar. Das gleichzeitige Verschwinden von Mammuts und anderen eiszeitlichen Tierarten spricht jedoch für eine andere Ursache, zumal die Anzahl der Menschen zu dieser Zeit nicht sehr groß gewesen ist.

Erst Jahrtausende später lassen sich Spuren einer Domestizierung der wild herumstreunenden Pferde finden. Es scheint so, als habe diese Domestizierung nicht an einem Ort stattgefunden. Noch in der 2. Hälfte des vierten Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung wurden an einem untersuchten Fundplatz im Norden Kasachstans mehr als 300.000 Säugetierknochen hinterlassen, die zu 99% von Pferden stammen. Hier scheint es regelrechte Treibjagden gegeben zu haben, um die Tiere zu schlachten. Dieses Verhältnis zwischen Menschen und Pferden bildet den Schwerpunkt des Mai/Juni-Heftes von Archäologie in Deutschland.

Mit Beginn der Bronzezeit scheint das Pferd als Nutztier entdeckt worden zu sein, denn wir finden im archäologischen Befund größere Unterschiede im Wuchs vor, zudem kommen mehr kleinwüchsige Tiere vor. Dies sind typische Begleiterscheinungen eines Domestikationsprozesses. Zudem finden sich nun auch vermehrt Knochen von Schafen und Rindern. Wagengräber in Westsibirien belegen, daß die Pferde vor Wagen gespannt wurden; zudem lassen sich Knochenerkrankungen nachweisen, wie sie nur bei der Nutzung als Zug- oder vielleicht schon als Reittier vorkommen.

Die Pferdegeschirre des 3. Jahrtausends lassen noch nicht erkennen, ob die Pferde vor Karren oder später auch Streitwagen gespannt oder ob sie als Reittiere gehalten wurden. Sichere Indizien für das Reiten, wie Sättel, Steigbügel oder Sporen, sind in Mitteleuropa erst seit dem 8. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung belegt. Im 2. Jahrtausend dominieren die Streitwagen und noch Caesar weiß von den Briten zu berichten, daß sie mit ihren Streitwagen aufs Schlachtfeld fuhren, um dort zu Fuß zu kämpfen. Diese Kampftaktik war damals jedoch schon so antiquiert, daß die Briten gegen Caesars Legionen wenig auszurichten vermochten. Dennoch läßt sich anhand der Zäumung bis ins frühe Mittelalter nicht eindeutig zwischen Fahr- und Reitzäumung unterscheiden.

Die Umstellung von Streitwagen auf berittene Einheiten scheint sich in den eurasischen Steppen ereignet zu haben. Skythen und Kimmerier tauchen im 1. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung in den Urkunden Vorderasiens als schreckliche Krieger auf; und es bedurfte einer Zeit der Umstellung, um diese Gefahr zu bannen. Jahrhunderte später waren es die Hunnen, die aus den Weiten Asiens nach Westen zogen und die Völkerwanderung gegen Ende des römischen Imperiums mit auslösten. Das, was vereinheitlicht als Hunnen bezeichnet wurde, war jedoch eine Ansammlung von Gruppen verschiedenster Herkunft, die durch militärische Disziplin von einer hunnisch-germanischen Stammesaristokratie zusammengehalten wurde. Einen Hinweis auf das heutige Hunnenbild, das auf moderner Forschung beruht, gibt die noch bis Anfang Januar 2008 in Speyer zu sehende Ausstellung Attila und die Hunnen.

 

Wenn das Recht regiert, rollen zuweilen die Köpfe

 

Besprechung von: Archäologie in Deutschland, Heft 2/2007, März-April, 81 Seiten, € 9,95

Die Ausgabe März/April der Zeitschrift Archäologie in Deutschland legt ihren Schwerpunkt auf die mittelalterlichen Spuren des Rechts. Nun ist das mit dem Recht so eine Sache. Rechtliche Bestimmungen dienen nur vordergründig dem gedeihlichen Zusammenleben in einer Gesellschaft. Tatsächlich entspringen die gegebenen rechtlichen Normen den vorhandenen Herrschaftsverhältnissen; davon ist zumindest seit der Neolithischen Revolution vor etwa 12.000 Jahren auszugehen.

Werfen wir kurz einen Blick auf das Recht einer kapitalistischen Gesellschaft, dann erkennen wir die systematische Verrechtlichung von Warenbeziehungen, denn die Warenbesitzerinnen und -produzenten müssen durch allgemein verbindliche Normen davon ausgehen können, daß gleiches Recht für alle gilt und sie nicht von einem Mächtigeren ausgeplündert oder übers Ohr gehauen werden. Tatsächlich jedoch drückt sich in dieser Rechtsvorstellung schon aus, daß es unterschiedliche Warenbesitzer gibt. Die einen verfügen über die Produktionsmittel und die anderen bieten ihre Arbeitskraft als Ware dar. Wer hier in der stärkeren Position ist, bedarf wohl keiner weiteren Erörterung.

Cover AiD Heft 2 aus 2007Wir können beispielsweise Diebstahl und Raub als typische Delikte einer auf Eigentum und Besitz gründenden Gesellschaft ansehen; in einer Gesellschaft hingegen, in der alle Gebrauchsgegenstände nicht nur im Überfluß hergestellt, sondern auch kostenlos verteilt werden würden, bedürfte es weder des Diebstahls noch des Raubes zur Aneignung von Besitz. Im Zuge der Neolithischen Revolution entstand jedoch genau diese Struktur, in der einige mehr und viele weniger besaßen. Im Gegensatz zu den idealistischen Vorstellungen der liberalen Wirtschaftstheorie handelt es sich meist nicht um erworbenes Eigentum aufgrund persönlicher Verdienste. Hier zahlt es sich aus, über die Produktionsmittel zu verfügen und andere für sich schuften zu lassen.

Derartige gesellschaftliche Verhältnisse gilt es zu beschützen, und hierfür wurden im Laufe der Jahrtausende verschiedenartige Rechtsvorstellungen entwickelt. Mit Begrifflichkeiten wie Schuld und Sühne werden hehre Ziele proklamiert, aber meist geht es eben doch nur um Rache. Ob es wirklich einen zivilisatorischen Fortschritt darstellt, Menschen wegzusperren anstatt sie zu töten, mag dahingestellt bleiben. Daß die Todesstrafe beispielsweise in den USA eine eindeutig rassistische Komponente hat, kann als gesicherte Tatsache gelten. Das mitteleuropäische Mittelalter hat hierzu ganz eigene Vorstellungen.

Die archäologische Forschung kann sich hier nicht nur auf Rechtsurkunden stützen, sondern auch Gerichte, Gefängnisse oder Hinrichtungsplätze ergraben. Flurnamen weisen auf eine frühere Nutzung hin. Manchmal ist sogar noch der Pranger erhalten wie etwa in Siegburg. Schätzungen zufolge hat es in Deutschland rund eintausend Richtplätze gegeben. Um diese Richtstätten herum wurden häufig menschliche Knochenreste gefunden, denn die Getöteten wurden einfach verbuddelt und durften nicht in geweihter Erde, also auf einem Friedhof, beerdigt werden.

Mit der Christianisierung der germanischen Königreiche im 5. und 6. Jahrhundert wurden Vorstellungen des römischen Rechts übernommen. Fehden als bewaffnete Auseinandersetzungen zur Wahrung von Rechtsansprüchen wurden zurückgedrängt, statt dessen sollte eine einheitliche und allgemeine Friedensordnung den Machtanspruch des jeweiligen Herrschers zum Ausdruck bringen. Damit waren die Strafen zwar nicht weniger tödlich, aber nicht ganz so willkürlich wie unter dem Faustrecht von Sippen oder den Gefolgschaften eines angesehenen Anführers.

Die Härte der Strafen speiste sich aus dem Gedanken, daß nur extremes Vorgehen das herrschaftliche Recht durchsetzt. Diesen Gedanken finden wir auch heute noch bei Vorstellungen etwa aus Unionskreisen oder dem Bundesjustizministerium vor. Er geht davon aus, daß eine härtere Strafandrohung die Täter vor ihren Taten zurückschrecken läßt. Das ist natürlich Unsinn. Wer rechnet sich schon vor einer Tat aus, ich begehe sie bei sechs Jahren Knast und schrecke davor zurück bei zehn Jahren? Und damit sind wir doch wieder bei der Rache und der Zurschaustellung von Herrschaft zur Wahrung der gesellschaftlichen Ordnung der herrschenden Klasse.

Schon im Mittelalter war die Androhung einer Todesstrafe für verschiedenste Delikte kein Hinderungsgrund, zu rauben, zu morden oder zu plündern. Manche Ermittlungsmethoden muten für heutige Verhältnisse absurd an, etwa die Wasserprobe oder ein Gottesurteil mittels eines glühenden Eisens. Wer unterging oder wessen Hand wieder ordentlich heilte, galt als unschuldig. Gefoltert wurde natürlich auch, denn nichts beruhigt das Gewissen so sehr wie die Gewißheit, ein Geständnis vorliegen zu haben.

In Hamburg etwa wurden vom 15. bis zum 18. Jahrhundert etwa eintausend Menschen exekutiert. Ein koloriertes Flugblatt aus dem Jahr 1573 zeigt jedoch angesichts einer Massenexekution von Seeräubern eine Vielzahl von ausgestellten Schädeln Verurteilter. Heißt das, daß die Zahl zu niedrig gegriffen wurde oder war mit dem Grafiker nur die Phantasie durchgegangen? Wenn die angegebene Zahl stimmt, würde dies etwa drei Hinrichtungen pro Jahr bedeuten. Das hört sich nach wenig an, aber wir sollten berücksichtigen, daß in Hamburg um 1400 etwa zehntausend und um 1700 etwa achtzigtausend Menschen lebten. Grob geschätzt wäre demnach etwa insgesamt jede und jeder 300. bis 500. Erwachsene gehenkt, gerädert, verbrannt oder durch Kopfabtrennen getötet worden.

Festzuhalten ist jedoch, daß die Hingerichteten noch längere Zeit öffentlich zur Schau gestellt wurden, selbst dann, wenn der Leichnam schon am Verwesen war und von Vögeln angepickt wurde. Je grausiger, desto besser. Die Lebensverhältnisse der einfachen Leute waren jedoch armselig genug und wurden mit dem Siegeszug des Kapitals ab dem 16. Jahrhundert immer elender. Die sich auch deshalb brutalisierenden Kriege des 16. und 17. Jahrhunderts waren ohnehin nicht dazu angetan, sich von einer Drohung mit dem Galgen abschrecken zu lassen.

 

Die soeben besprochene Zeitschrift heißt zwar Archäologie in Deutschland, beinhaltet jedoch in jeder Ausgabe auch Ausflüge in die archäologische Forschung in aller Welt. Das März/April-Heft führt uns beispielsweise in das ausgrabungstechnisch weitgehend noch unerforschte Eritrea sowie nach Mallorca, das Heft für Mai und Juni ins neolithische Nigeria und die Ausgabe Juli/August in die Anfänge der Bronzezeit am Golf von Akaba. Die Zeitschrift erscheint alle zwei Monate, hat jeweils rund 80 Seiten und kostet pro Ausgabe 9 Euro 95. Zu beziehen ist sie entweder über den Theiss Verlag in Stuttgart oder über den Buchhandel.

 

Chinesische Baumaßnahmen

 

Besprechung von: Julia Lovell – Die Große Mauer, Konrad Theiss Verlag 2007, 344 Seiten, € 22,90

[Es handelt sich bei dieser Besprechung um die Radiofassung meiner Online-Rezension vom 24. März 2007. Diese Besprechung gibt es auch als PDF.]

Als sich mit Ende der Jungsteinzeit aus den vorhandenen dörflichen Gemeinschaften Siedlungszentren und darauf folgend die ersten Königreiche bildeten, standen diese immer wieder vor demselben Problem: Woher sind die Ressourcen zu nehmen, um die sich heraus bildende Elite zu ernähren und darauf aufbauend staatliche Funktionen zu finanzieren? Die landwirtschaftlichen Kapazitäten und materiellen Ressourcen waren begrenzt und bedurften der externen Zufuhr von Gütern, vor allem von den Gütern, die nicht selbst hergestellt werden konnten. Mit dieser Fragestellung verbunden war jedoch von Anfang an eine zweite: wie kann das Erreichte gesichert werden, wie können die von diesem Reichtum Ausgeschlossenen daran gehindert werden, plündernd und erobernd in das protostaatlich oder schon staatlich organisierte Gebiet einzufallen?

Die eurozentrierte Historie findet diese Fragestellung schon bei den ersten Stadtstaaten Mesopotamiens vor (denen beispielsweise das Material für Steinbauten fehlte), aber auch im Ägypten des Alten Reiches (wo es an Edelmetallen mangelte). Wenn wir unseren Blick nach Osten schweifen lassen, finden wir eine ähnliche Entwicklung in Indien und vor allem in China vor. Das historische Wissen um den Übergang von der Steinzeit zur Metallzeit ist hier jedoch vage; die chinesische Geschichtsschreibung wartet hier mit Legenden und Mythen auf, deren wahrer Kern nur begrenzt zu erschließen ist.

Buchcover Die Große MauerOb es in China eine von der Neolithischen Revolution unabhängig parallele Entwicklung gegeben hat, ist derzeit nicht zu entscheiden. Tatsache scheint jedoch zu sein, daß vor rund 10.000 Jahren der Übergang zur Ackerbaugesellschaft stattgefunden hat und daß sich etwa 6.000 Jahre später eine sich zunehmend ausdifferenzierende Zivilisation entwickelte. Aus dem 13. Jahrhundert v.u.Z. stammen die ersten schriftlichen Zeugnisse, wobei zu berücksichtigen ist, daß einige Jahrhunderte später viele schriftliche Überlieferungen dem Feuer und dem Vergessen übergeben wurden. Und doch läßt sich daraus folgern, daß die vorderasiatische Zivilisation einen Entwicklungsvorsprung von rund 1.500 Jahren besessen haben mag.

Ob es tatsächlich eine tief verwurzelte chinesische Schwäche für Umfassungsmauern gegeben hat, wie die englische Historikerin Julia Lovell in ihrem Buch über Die Große Mauer suggeriert, mag dahingestellt bleiben. Immerhin weisen die frühesten Versionen der Ideogramme für »Siedlung« und »Verteidigung« aus der Zeit um 1200 v.u.Z. auf von Mauern umgebene Grundstücke hin. Allerdings sind Mauern nichts Ungewöhnliches und zeitgleich im vorderasiatischen Raum weit verbreitet. Jedoch gibt es eine Besonderheit: in China wurden geradezu exzessiv Mauern errichtet.

Julia Lovell geht dieser fast schon manischen Angewohnheit in ihrem Buch über die chinesische Geschichte der letzten drei Jahrtausende nach. Der Ansatz einer Historikerin, die Geschichte eines sich erst seit rund einhundert Jahren als »China« begreifenden Landes anhand seiner Verteidigungsbauten zu schreiben, ist ungewöhnlich. Und doch wird hierbei eine Antwort auf die anfangs gestellten Fragen gegeben, eine Antwort, welche die Manie durchaus verständlich werden läßt. Denn vorkapitalistische Staaten und Reiche können sich nur dann entwickeln, wenn sie expandieren, wenn sie dem Bestehenden neue Ressourcen hinzufügen. Armeen, Machthaber und Gefolgsleute wollen versorgt und belohnt werden. Das Auspressen der eigenen Bevölkerung, und das heißt vor allem: der Bäuerinnen und Bauern, hat Grenzen. Werden diese Grenzen überschritten, sind Hunger und Rebellionen die Folge. Julia Lovell weist daher auf eine Besonderheit des chinesischen Mauerbaus hin: die Mauern stehen nicht direkt an den Grenzen des Staates, sondern werden weit vor den Grenzen mitten in der trostlosen Einöde der Steppen, Wüsten und Gebirge errichtet.

Daher dürfen wir uns diese Grenzen nicht als statische Gebilde vorstellen. Die Mauern sind genauso wie der Limes als eine Demarkationslinie zu betrachten, die bei Bedarf überschritten und mißachtet werden kann. Das Römische Imperium endete nicht einfach an den Mauern, Wällen und Palisaden des Grenzlandes. Und genauso wenig endete der Einfluß der chinesischen Herrscher an der Mauer. Die diversen Mauern wiesen die Barbaren des Nordens darauf hin, wer hier das Sagen hatte und wer die Macht besaß, sich den Reichtum im Inneren wie Äußeren anzueignen. Nicht nur, daß sich hierin ein sinozentrisches Weltbild widerspiegelte, sondern der Anspruch, das Reich der Mitte zu sein, wies den umgebenden »Völkern« eine untergeordnete Stellung zu. Die Barbaren des Nordens galten als Abschaum, deren natürliche Bestimmung es war, sich dem chinesischen Herrschaftsanspruch zu unterwerfen. Daß diese Barbaren und die Chinesen des nördlichen Grenzlandes mehr miteinander verwandt waren, als der chinesischen herrschenden Klasse lieb war, ist eine der Ironien dieser Geschichte.

Der historische Entwicklungsprozeß, der zum heutigen China geführt hat, war weder geradlinig noch vorherbestimmt. Die Ursprünge Chinas liegen in den Flußtälern des Gelben Flusses und seiner Nebenflüsse im Nordosten. Nördlich hiervon lebten Steppennomaden, die mal als Hunnen, mal als Türken, mal als Mongolen ins Rampenlicht der Weltgeschichte traten. Manchmal beherrschten sie den Norden Chinas und der Unterschied zwischen Nomaden und Ackerbauern wurde verwischt und gleichzeitig künstlich durch Standesregeln aufrecht erhalten. Die hierbei hervortretenden gegenseitigen »ethnischen« Vorurteile belegen nicht eine vorhandene ethnische Differenz, sondern allenfalls die Konstruktion derselben. Im Südwesten lebten andere Barbaren und die Tibeter, der Süden Chinas bestand mehr aus Dschungel denn aus bewohnten Gebieten. Dies war zumindest die Ausgangslage im 1. Jahrtausend v.u.Z.

Die erste historisch faßbare Dynastie der Shang residierte am Gelben Fluß in der 2. Hälfte des 2. Jahrtausends v.u.Z. Auch wenn das Gebiet dieses Reiches nur einen Bruchteil des beherrschten Gebietes während der Tang-Dynastie oder Qing-Dynastie umfaßt hat, so wurden hier die Grundlagen des späteren China gelegt. Hier liegen die Anfänge der chinesischen Schriftkultur. Die gesellschaftliche Klasseneinteilung war schon gegeben, das Zusammenleben war hoch ritualisiert. Rituale sind mehr als nur Vergewisserungen des Selbst in einer unsicheren Welt, sie sind auch Instrument von Herrschaft. Die Bauern hatten Abgaben abzuliefern, an staatlichen Bauprogrammen teilzunehmen und in den Krieg zu ziehen. Außer der vielleicht hoch ritualisierten gesellschaftlichen Ideologie finden wir hier alles vor, was eine frühe staatliche organisierte Klassengesellschaft ausmacht. Es ist jedoch diese spezielle Ideologie, die später einen Konfuzius hervorbrachte, auf dessen tatsächlichem oder dem ihm angedichteten Denken in den nachfolgenden Jahrhunderten die Legitimation königlicher bzw. kaiserlicher Herrschaft fußte.

War der Prozeß der Herausbildung staatlicher Organisierung einmal hervorgebracht, so wurden immer mehr Gebiete diesem Herrschaftsanspruch einverleibt. Königreiche expandierten und zerfielen, bis in den Jahrhunderten vor der Reichseinigung gegen Ende des 3. Jahrhunderts v.u.Z. die ersten Mauern erbaut wurden. Inzwischen hatten die Steppennomaden des Nordens begehrliche Blicke nach Süden geworden, während umgekehrt die frühen chinesischen Herrscher danach trachteten, ihr Herrschaftsgebiet um die zum Teil durchaus fruchtbaren Gebiete im Nordwesten auszudehnen. Der Konflikt war unvermeidbar, aber militärisch für die chinesische Seite schwer zu gewinnen. Die Nomaden waren mobiler, zumal sie etwas besaßen, was in China fehlte: das Pferd. Um den Herrschaftsanspruch zu demonstrieren und gleichzeitig die Angriffe der Barbaren abzuwehren, verfiel man auf ein simples Mittel: man baute Mauern.

Wir dürfen uns diese frühen Mauern nicht so vorstellen wie die touristischen Vorzeigeobjekte in der Nähe Pekings. Diese ersten Mauern – und auf dieses Muster wurde jahrhundertelang zurückgegriffen – bestanden hauptsächlich aus festgestampften Lehm. Holzplanken oder Ziegelsteinschichten bildeten das äußere Gerippe. Derartige Mauern ließen sich in kürzester Zeit über Hunderte von Kilometern errichten, aber ihr Wirkungsgrad blieb begrenzt. In unzähligen Eingaben und Schriften wurde der marode Zustand der doch gerade erst erbauten Wälle beklagt. Doch das Material war preiswert, weil vor Ort vorhanden, und es gab genügend Menschen, die zum Mauerbau abkommandiert werden konnten. Hunderttausende sollen bei derartigen Froneinsätzen jämmerlich krepiert sein.

Nebenbei sei hier bemerkt, daß jede Mauer eine weitere Funktion aufweist: sie soll nicht nur Angriffe von Außen abwehren, sondern auch die eigenen Untertanen davon abhalten, vor den arbeitsreichen und erbärmlichen Zumutungen zu fliehen. Das Leben in der Steppe war für unzählige Chinesinnen und Chinesen während vieler Jahrhunderte attraktiver, als von den eigenen Herren ausgebeutet und ausgeblutet zu werden.

 

Unbewältigte Gewalt

 

Und doch lösten die Mauern das grundlegende Problem letztlich nicht. Jede Mauer hatte ihr Ende; und die mobilen Barbaren mußten nur das Ende der Mauer finden und diese umgehen. So gesehen ist die chinesische Geschichte eine lange Abfolge von Mauerbauten und deren Erosion. Solange die staatliche Organisation intakt war, solange also Luxusgüter, Metalle und vor allem Silber nach China flossen, konnte eine gut ausgerüstete Armee die Mauern sichern und die Barbaren in ihre Schranken verweisen. Die Zentrifugaltendenzen eines solch expandierenden Reiches führten jedoch auch zu lokalen Machtbasen, in denen starke Führungspersönlichkeiten auch eigene Interessen verfolgen konnten. So manche Dynastie begann und endete auf diese Weise.

Julia Lovell beschreibt diesen Kampf gegen den Rest der Welt von den Zeiten der Shang bis zur Großen Firewall des modernen China. Die Folie ihrer Geschichtsschreibung ist die Große Mauer, wobei sie von Anfang an klarstellt, daß diese Große Mauer eine historische Fiktion ist. Das, was wir heute vorfinden, sind Überreste verschiedenster Epochen, und das, was wir uns unter der chinesischen Mauer vorstellen, ist ein kurzer Abschnitt zur Tourismusförderung in der Nähe von Peking. Weite Teile dieser Mauer sind kaum noch zu erkennen und sie wurden bis ins China Maos als Baustofflager mißbraucht. Die Aussage, diese Mauer sei das einzige Bauwerk, das ein Beobachter vom Mond aus sehen könne, ist deshalb eine Fiktion. Der US–amerikanische Astronaut Neil Armstrong bestätigte zwar diese zuvor jahrzehntelang kolportierte Aussage, aber es ließ sich nachträglich nachweisen, daß er wohl einer Wolkenformation aufgesessen war. Als der Chinese Yang Liwei im Jahr 2003 mitteilte, er habe im All keine Mauer entdecken können, war das chinesische Bildungsministerium peinlich darum bemüht, diesen Irrtum aus den Grundschulbüchern zu verbannen.

Ob Chinas Große Firewall der den technologischen Gegebenheiten angepaßte Versuch ist, die chinesische Mauer aufrechtzuerhalten, wie es die Autorin nahelegt, scheint mir nun doch etwas aufgesetzt zu sein. Denn jedes diktatorische Regime ist danach bestrebt, dissidente Äußerungen und Informationen zu unterdrücken. Berücksichtigen wir dann noch, welche Bestrebungen es auch in den westlichen Demokratien gibt, bestimmte Inhalte im Internet zu zensieren, dann sind die Grenzen zwischen der einen und der anderen Art der Informationskontrolle eher fließend. Dennoch ist der von der Autorin vorgebrachte Gedanke als solcher legitim und nicht ganz von der Hand zu weisen.

Überhaupt bemüht sich Julia Lovell um eine differenzierte Darstellung, ohne dabei in Beliebigkeit zu verfallen oder sich um klare Positionen zu drücken. Dieser sympathische Zug findet sich sowohl in ihrer nüchternen Beschreibung chinesischer Ausbeutungs– und Unterdrückungspraktiken von den Anfängen bis heute wieder als auch in der bissigen Kritik eurozentrierter Zuschreibungen. Die Autorin beherrscht ihren Gegenstand, weiß um den Wert kritischer Distanz bei gleichzeitiger Parteinahme für die Unterlegenen. Insbesondere verfällt sie nicht der Glorifizierung der Blüte Chinas während der Tang-Dynastie, wie sie vor allem von den unkritischen Nachbeterinnen und Nachbetern der in China als kriminell verfolgten Sekte Falun Gong [1] praktiziert wird. Das Zeitalter der Tang-Dynastie zeichnete sich durch die üblichen Ausbeutungs–, Plünderungs– und Eroberungsmechanismen aus. Nach der chinesischen Niederlage gegen die Araber im Jahr 751 am Talas im heutigen Usbekistan kam eine zunehmende Ausländerfeindlichkeit hinzu, die sich mehrfach in Massenmord entlud.

Gewalt in unfaßbaren Dimensionen scheint eine Grundkonstante der chinesischen Politik und Geschichte seit ihren historisch faßbaren Anfängen gewesen zu sein. Der Bevölkerungsreichtum des Landes führte hier zu Exzessen, wie sie selbst im gewiß nicht weniger gewalttätigen Europa in diesem Umfang nicht zu finden sind. Wenn in den fast schon zyklisch wiederkehrenden Gewaltorgien Hunderttausende, wenn nicht Millionen Menschen getötet wurden, zeugt dies weniger von einer besonderen Barbarei der chinesischen Gesellschaft als davon, daß soziale Gewalt jeder Klassengesellschaft innewohnt. Dies ist keine chinesische Besonderheit. Der römische Schriftsteller Plutarch etwa gibt an, daß Caesar bei seinen Eroberungszügen in Gallien etwa eine Million Menschen umgebracht und eine weitere Million versklavt habe. Diese Zahl erscheint aufgrund Caesars eigener Angaben durchaus glaubhaft.

Im Falle Chinas, vor allem dann, wenn weite Teile des Landes unter einer Herrschaft vereint waren, ließ sich die der Gesellschaft innewohnende Aggression nur begrenzt nach außen tragen – und wirkte daher mit besonderer Brutalität nach innen zurück. Dies findet sich sowohl in der Art und Weise, wie Herrschaftsprojekte umgesetzt wurden, wieder, als auch in den Formen des Widerstandes von unten. Das »kommunistische« China unter Mao unterscheidet sich hier sehr wenig vom China des ersten Kaisers Qin Shihuangdìs vom Ende des 3. Jahrhunderts v.u.Z.

Die Barbaren des Nordens waren so gesehen jahrhundertelang das Ventil, welches die gesellschaftliche Gewalt zügeln sollte. Julia Lovell geht wohl zurecht davon aus, daß die jahrhundertelangen Kämpfe an der Nordgrenze zwischen Chinesen und Steppenkriegern eher von chinesischer Seite zu verantworten sind als von den »barbarischen« Nomaden. Es ist kein Zufall, daß das China der Tang-Dynastie (ideologisch verklärt) zum einen ein Zeitalter der Harmonie gewesen sein soll, sich zum anderem durch einen besonderen Expansionsdrang ausgezeichnet hat. Bezeichnenderweise ließen die Tang keine Mauern errichten. Als dann die Araber im Westen den Chinesen ihre Grenzen aufzeigten, schlug die Gewalt mit fast schon unabänderlicher Notwendigkeit nach innen zurück.

Julia Lovells Parforceritt durch drei Jahrtausende vernachlässigt fast schon zwangsläufig wichtige Details, akzentuiert die Darstellung mitunter auf scheinbar Nebensächliches, konzentriert sich vielleicht zu sehr auf die Geschichte einzelner Herrscher und ihrer Taten und Untaten. Dies mag dem Blickwinkel der Autorin geschuldet sein, der sich auf die Große Mauer stützt, und ist insofern auch hinreichend begründet. Eine umfassende Geschichtsschreibung ist ein solches Buch hingegen nicht, aber dies ist von der Autorin auch nicht beabsichtigt und deshalb nicht zu kritisieren. Der dynastieorientierte Kapitelaufbau des Buches läßt der Darstellung aller historischen Epochen ihren Raum; eine einseitige Bevorzugung der älteren oder neueren Geschichte Chinas ist demnach nicht vorhanden. Die Leserin und der Leser erhalten somit einen angemessenen Einblick in eine dreitausendjährige Vergangenheit bis in die Gegenwart hinein.

Problematisch finde ich hingegen die eher unreflektierte Wiedergabe der offiziellen chinesischen Geschichtsschreibung durch die Autorin, in welcher der Untergang und Verfall einzelner Dynastien den persönlichen Eigenarten einzelner Herrscher angelastet wird. Ein ausschweifender Lebensstil mit allen Perversionen ist jedoch Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse; Verfallstendenzen entstammen also sozialen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Problemen. Ein despotisch, lüstern oder untätig agierender Kaiser drückt demnach eher diesen Verfall aus anstatt für ihn verantwortlich zu sein. Weiterhin ist die unkritische Übernahme von Zahlenangaben für die Größe chinesischer oder barbarischer Armeen zu nennen. Auch wenn China schon zu historischen Zeiten über eine riesige Bevölkerungszahl verfügt hat, so ist es wenig glaubwürdig, daß Hunderttausende Soldaten gegeneinander antraten.

Das Buch Die Große Mauer bietet der fachkundigen Leserin und dem historisch versierten Leser nicht viel Neues. Als Einführung in die Grundlagen der chinesischen Geschichte eignet sich das Buch vor allem wegen seines originellen Ansatzes, die Geschichte Chinas anhand ihres Mauerbaus darzulegen. Leider finden sich in dem von einer fachlich versierten Autorin geschriebenen Buch einige merkwürdige Aussagen, die wieder einmal belegen, daß man oder frau besser nur über Dinge schreiben sollte, in denen sie zu Hause sind.

Ich hätte mir aussagekräftigere Landkarten zur Unterstützung des umfangreichen historischen Materials gewünscht, zumal denn, wenn in den einzelnen Kapiteln zugeordneten Karten die im Kapitel genannten Orte nicht zu finden sind. Dies ist vielleicht der einzige ernsthafte Kritikpunkt an diesem ansonsten anregend und gut lesbar geschriebenen Band.

[Bibliografische Angaben]

 

Schluß

 

Jingle Alltag und Geschichte

In der vergangenen Stunde habe ich einige Hefte der Zeitschrift Archäologie in Deutschland sowie das Buch Die Große Mauer der britischen Historikerin Julia Lovell vorgestellt.

Kurzbesprechung von: Monique Nagel-Angermann – Das alte China, Konrad Theiss Verlag 2007, 192 Seiten, € 19,90

Buchcover Das alte ChinaErgänzend möchte ich auf das von Monique Nagel-Angermann zusammengestellte Buch Das alte China hinweisen, das ebenfalls bei Theiss herausgebracht worden ist. Während Julia Lovell sich mehr auf die Geschichte von Chinas langen Befestigungsbollwerken konzentriert hat, führt uns Monique Nagel-Angermann durch die lange Geschichte dessen, was einmal China werden sollte, vom Ende der Eiszeit bis zur bürgerlichen Revolution 1911. Neben einer historischen Übersicht betrachtet sie auch kulturelle und religiöse Aspekte, soziale und wirtschaftliche Zusammenhänge.

Der Band ist gut als Ausgangspunkt für eine eigene Schwerpunktsetzung geeignet und kann als brauchbares Hilfsmittel dienen, um anderweitig nur kurz angerissene historische Begebenheiten nachzuschlagen. Natürlich ist auf den 192 Seiten keine umfassende Darstellung möglich. Aber das, was im Rahmen einer solch gedrängten Darstellung möglich ist, findet sich in diesem Band wieder. Das Buch Das alte China von Monique Nagel-Angermann ist in der Reihe Theiss WissenKompakt zum Preis von 19 Euro 90 erschienen.

 

Solltet ihr etwas später eingeschaltet haben: meine heutige Sendung wird in der Nacht von Montag auf Dienstag voraussichtlich um 23.00 Uhr nach den Deutschlandfunk-Nachrichten wiederholt werden, sowie am Dienstagmorgen um 8.00 und am Dienstagnachmittag ab 14.00 Uhr. Das Manuskript zur Sendung werde ich im Verlaufe der Woche auf meine Webseite hochladen: www.waltpolitik.de. Im Anschluß folgt eine Sendung der Kulturredaktion von Radio Darmstadt. Am Mikrofon war Walter Kuhl.

 

ANMERKUNGEN

 

Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

 

»» [1]   Zur Sekte Falun Gong und ihrer Verquickung mit der mehr als problematischen Menschenrechtsorganisation IGFM siehe das Manuskript meiner Sendung Menschenrechte vom 17. August 2005. Die Verfolgung dieser Sekte in China als kriminelle Organisation rechtfertigt natürlich weder Folter noch Arbeitslager, allerdings ist zu berücksichtigen, daß diese Polizeistaatsmethoden in China auch sonst erschreckend "normal" sind. Umgekehrt bedeutet dies aber auch, daß eine verfolgte Sekte deshalb nicht an sich positiv zu bewerten ist. Die chinesische Regierung verfolgt nicht den von Falun Gong verbreiteten Aberglauben, sondern die durch Falun Gong verursachte Flucht vor der Realität durch Millionen Chinesinnen und Chinesen. Und wer sich vor der Arbeit drückt, hat bekanntlich im Kapitalismus nichts zu lachen.

 


 

Diese Seite wurde zuletzt am 9. Januar 2008 aktualisiert. Links auf andere Websites bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2007, 2008. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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