Atlantis

Nachtrag zur Sendung

 

 

NACHTRAG

 
zur Sendung :
Atlantis
Mythos oder Wirklichkeit?
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Mittwoch, 29. Juli 1998, 19.00–21.00 Uhr
 
wiederholt am :
Donnerstag, 30. Juli 1998, 10.00–12.00 Uhr
 
 
Zur Sendung geht es hier!
 

Im Forum Grenzwissen wird die Existenz des in meiner Senung erwähnten Paul Schliemann diskutiert. Hierzu erreichte mich eine Anfrage des Moderators Bernhard Beier vom 4. September 2002.

Meine Antwort vom 21. September 2002 findest du hier.

 
 
URL dieser Seite : http://www.waltpolitik.powerbone.de/ge_atla2.htm
 
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Anfrage Bernhard Beier, Forum Grenzwissen, 04.09.2002

Lieber Walter Kuhl,

nachdem ich im Web das Hintergrundmaterial zu Deiner Atlantis–Sendung bei Radio Darmstadt gesehen habe, möchte [ich] Dich auf die aktuellen atlantologischen Aktivitäten im forum grenzwissen.de aufmerksam machen.

Vielleicht kennst du dieses Forum ja schon; falls nicht: das ist ein nicht-kommerzielles Diskussionsforum (Mitgliedschaft selbstverständlich kostenlos, Registrierung unkompliziert), in dem Laien und Laienforscher sich über alle möglichen, grenzwissenschaftlichen Fragen unterhalten, untereinander Informationen austauschen oder auch einfach nur klönen können.

Gerade haben wir dort ein aktuelles Research–Projekt gestartet:

"WANTED Egerton Sykes"

Mit diesem Projekt wollen wir das Lebenswerk einer der großen, vergessenen Atlantisforscher des 20. Jahrhunderts wiederentdecken und dazu beitragen, es erstmals für den deutschsprachigen Raum zu erschließen.

Im Rahmen dieses Projekts beschäftigen wir uns auch mit "Paul Schliemann", über den Du in Deiner Atlantis–Sendung gesprochen hast.

Auch erwähnt er, daß Paul Schliemann, der Enkel des Troja-Ausgräbers Heinrich Schliemann, von seinem Großvater eindeutige Beweise für die Existenz von Atlantis geerbt habe. Der Rezensent unterschlägt, daß die Phantasie mit Paul Schliemann durchgegangen war und er aufgrund eigener maßloser Selbstüberschätzung als Scharlatan aufflog. Er behauptete nämlich, einen bestimmten Text in einer Bibliothek überprüft zu haben. Leider irrte er in seinem Wahngebilde in der Bibliothek und der Stadt, in der sie steht. Naja, kann schon mal vorkommen. Funktioniert ja auch, solange es keiner überprüfen kann.

WIR WOLLEN DAS ÜBERPRÜFEN!!! Dazu benötigen wir aber u. a. auch DRINGEND die Quellen zu Deinen oben gemachten Angaben zur Entlarvung Paul Schliemann[s] ("Bibliothek", usw.). [W]as wir bisher zusammengetragen haben, findest Du im forum grenzwissen.de.

Mit herzlichen Grüßen

Bernhard Beier
(Moderator)

Als Atlantisforscher, der auf wissenschaftskritischer, aber eindeutig rationaler, Basis arbeitet, möchte ich mich noch persönlich für Deine klaren und eindeutigen Aussagen zum Charakter des esoterischen Atlantismus bedanken!

 

Mein Antwortschreiben vom 21.09.2002

Hallo Bernhard,

zu deiner Mail vom 4.9.2002 folgende Antwort, die du – falls du es für sinnvoll erachtest – auch im Forum Grenzwissen veröffentlichen kannst.

Zunächst: Radio Darmstadt ist ein nichtkommerzielles selbstorganisiertes Lokalradio mit einem Jahresetat von etwa 100.000 Euro. Allein schon daraus ergibt sich, daß alle Redakteure und Moderatorinnen, die Techniker und Sendenden ehrenamtlich arbeiten. Kein Musikarchiv, kein inhaltliches Archiv. Worauf ich mich allein stützen kann, ist meine eigene Bibliothek und mein eigenes Archiv. Die Ressourcen kommerzieller oder öffentlich–rechtlicher Hörfunksender stehen uns nicht einmal annäherungsweise zur Verfügung. Dies muß sich jedoch nicht auf die Qualität des Programms auswirken, macht jedoch die besondere Problemlage deutlich.

Jetzt zu deiner Fragestellung: Ob es einen Paul Schliemann gegeben hat oder nicht, war für mich nie eine Fragestellung. Ich kann zunächst einmal auch nur die Literatur auswerten, die mir vorliegt, und die geht selbstverständlich von seiner Existenz aus. Sollte seine Existenz problematisiert werden müssen, war dies zum Zeitpunkt der Sendung (1998) für mich nicht ersichtlich. Zur Frage der Quelle, auf die ich mich beziehe. Es handelt sich um einen Absatz aus dem Buch von Bernhard Mackowiak, Atlantis – Nachrichten aus einer versunkenen Welt, Kosmos Verlag, Stuttgart 1997. Er schreibt dort auf den Seite 52–54:

Der große Bluff des Dr. Heinrich Schliemann

Am 20. Oktober 1912 erschien in der Tageszeitung New York American folgende Schlagzeile: "Wie ich Atlantis wiederfand - die Wiege aller Kulturen". Als Autor zeichnete Dr. Paul Schliemann, der Enkel des Troja–Entdeckers Heinrich Schliemann. Er konnte größter Aufmerksamkeit und Publizität sicher sein. Schliemann verkündete, in seinem Besitz befänden sich Münzen und eine beschriftete Metallplatte, die der Kultur von Atlantis entstammten. Sein berühmter Großvater habe ihm diese bei Ausgrabungen entdeckten Gegenstände überlassen. Doch sei er gestorben, bevor er die Suche nach dem geheimnisvollen Kontinent habe beenden können. Allerdings habe er seiner Familie einen versiegelten Umschlag hinterlassen. Darin hätten sich eine Reihe von Geheimpapieren über Atlantis sowie eine eulenköpfige Vase befunden. Eine Notiz habe bestimmt, daß diese Post nur von einem Familienmitglied geöffnet werden dürfe, das bereit sei, sein Leben der Untersuchung der Dinge zu widmen, von denen die Papiere handelten. Er, Paul Schliemann, habe diesen Schwur getan und den Umschlag geöffnet.
In dem Umschlag wären – so der Enkel – unter anderem Notizen seines Großvaters gewesen, die von Funden aus der Gegend von Troja berichteten, zu denen auch eine riesige Bronzevase gehörte, die Münzen und Gegenstände enthalten habe. Die Vase und einige Gegenstände hätten folgende Inschrift getragen: "Von König Kronos von Atlantis". "Sie können sich meine Erregung vorstellen", schrieb der junge Schliemann. "Hier war das erste Beweismaterial für jenen großen Kontinent, dessen Legende die Zeitalter überdauert hatte." Durch diese Hinweise sowie seine eigenen Forschungen habe er – so Schliemann weiter – schließlich das Rätsel von Atlantis lösen können. Wie andere vor ihm behauptete der Autor, die Kulturen der Neuen und Alten Welt hätten einen gemeinsamen Ursprung in Atlantis. Er sei in der Lage, den Troano Codex zu entziffern, jenen alten Maya–Text, der bisher jeglichem Übersetzungsversuch widerstanden hatte. Des weiteren berichtete er von einer Insel namens Mu, und er habe Bestätigungen dieses Textes in einem 4000 Jahre alten chaldäischen Manuskript gefunden.
An dieser Stelle begannen die Experten mißtrauisch zu werden, denn Paul Schliemann behauptete, den Troano Codex im British Museum gelesen zu haben – obwohl er im Nationalmuseum zu Madrid aufbewahrt wird. Außerdem war seine "Übersetzung" der eines exzentrischen französischen Gelehrten auffallend ähnlich und wohl eher einer lebhaften Phantasie als einem linguistischen Talent zu verdanken. Doch Amerika war längst im Atlantis–Rausch. Schliemann versprach, weitere sensationelle Informationen zu veröffentlichen und in einem im Entstehen begriffenen Buch die Wahrheit über Atlantis zu enthüllen. Die Auflösung kam auf unerwartete Weise: Der "Held" verschwand spurlos, und man hat nie wieder etwas von ihm gehört.

Quellenangaben oder Literaturverweise fehlen.
"Paul Schliemann" wird nicht hinterfragt.

Bleiben dennoch Fragen und Anmerkungen:

1) Was für eine Sorte Zeitung war der New York American?

2) Seit wann ist Kronos (ein Gott der griechischen Mythologie) die Namensform eines nichtgriechischen Herrschers? Kronos ist der Vater des Zeus. Da Zeus seinen Vater stürzt und absetzt, könnte, muß aber nicht, hier die griechische Landnahme im 2. Jahrtausend v.u.Z. gegenüber einer vorgriechischen Bevölkerung symbolisiert sein, die nicht die Atlanter waren. Zeus war übrigens nicht der Hauptgott der mykenischen Griechen; das war wahrscheinlich Poseidon (Vater ebenfalls Kronos). Hierzu im übrigen Robert von Ranke–Graves, Griechische Mythologie, Rowohlt 1984, Seite 31: "Die späten Griechen lasen ‘Kronos' als Chronos, den ‘Vater Zeit' mit seiner unbarmherzigen Sichel. Er wird wie Apollon, Asklepios, Saturn und der frühe britische Gott Bran mit einer Krähe abgebildet; Kronos bedeutet wahrscheinlich ‘Krähe', wie das lateinische cornix und das griechische corone. Die Krähe war ein Vogel des Orakels, von dem man glaubte, daß er die Seele des geopferten Heiligen Königs in sich aufnahm." Ranke–Graves ist jedoch in seiner Deutung der griechischen Mythologie mit Vorsicht zu genießen.

3) In der Tat werden in Troja ausgegrabene Gegenstände in Zeichungen als eulenköpfig widergegeben. Was diese Eulenköpfigkeit mit Atlantis zu tun haben soll, ist völlig unklar. Hier wird offensichtlich ein trojanisches Detail mystifiziert, das in der damaligen (halb)wissenschaftlichen Debatte um die Authentizität der trojanischen Funde eine gewisse Rolle gespielt hat (siehe hierzu auch: C.W. Ceram, Götter, Gräber und Gelehrte). Eulenköpfige Siegelsteine sind jedoch schon aus der frühen minoischen Kultur bekannt.

4) Maya–Texte in der Übersetzung zu Anfang des 20. Jahrhunderts sind im allgemeinen sicher eines – blühender Blödsinn. Sich darauf stützen zu wollen, ist demnach geradezu abenteuerlich. Bei dem Codex Troanus handelt es sich um die ansonsten Codex Tro-Cortesianus genannte Handschrift, diese ist tatsächlich in Madrid aufbewahrt gewesen. Es handelt sich hierbei um einen für Priester bestimmten Leitfaden zur Abgabe von Horoskopen. (Herbert Wilhelmy, Welt und Umwelt der Maya, Piper Verlag, 2. Auflage 1989, Seite 28)

Aus all dem kann ich nur den Schluß ziehen, daß auch unabhängig vom Nachweis der realen Existenz eines Paul Schliemann nichts darauf hinweist, daß hier irgendetwas wissenschaftlich Verwertbares aufzudecken ist.

Ich weiß zwar nicht, ob dies euch bei eurer Suche nach Paul Schliemann weiterhilft, aber ich fürchte, es ist ohnehin sinnlos, hier Erkenntnisse über die Existenz oder Nichtexistenz von Atlantis erwarten zu wollen. Die einzige wesentliche Korrektur an meiner Sendung von 1998, die ich heute vornehmen würde, betrifft den Zusammenhang von Thera/Santorin und Atlantis. Wenn ich die neueren Forschungsergebnisse richtig einordne, gilt es inzwischen als sehr fraglich, ob der Ausbruch des Thera-Vulkans in irgendeinem Zusammenhang mit dem Untergang der minoischen Kultur steht. Weiterhin gehen immer mehr Forscherinnen und Forscher davon aus, daß die Caldera–Bildung einem wesentlich früheren Vulkanausbruch geschuldet ist. Auf eines möchte ich dennoch hinweisen. Platon stellt Atlantis in einen historischen Kontext zu Athen. Nun mag dies damit zusammenhängen, daß Athen seine Heimatstadt war, deren mythische Vorzeit er in ein besonders positives Licht stellen wollte. Dennoch gibt es parallel dazu auch den Mythos von Theseus und Minos. Selbst wenn Athen nicht Athen meinen sollte, sondern das mykenische Griechenland (mit Zentren in Mykene und Theben), läßt sich durchaus ein Zusammenhang zwischen Atlantis (was auch immer damit gemeint gewesen sein mag) und dem mykenischen Griechenland herstellen – zumindest chronologisch. Dies gilt es bei jeder Untersuchung der Frage der Existenz und der Lokalisation von Atlantis (so es existiert hat) zu berücksichtigen.

Grüße aus Darmstadt

Walter Kuhl

 
 

Diese Seite wurde zuletzt am 2. Januar 2005 aktualisiert.
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